„Ich dreh’ mich um, da blüht der Flieder…“
Mai 12, 2008 at 5:40 | In 2008, Alles platti, Bloghexe, Fest-Platte, Hexenkräuter, Kultur, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 2 CommentsTags: Frühling, Gedichte, Kinder, Leben
Wenn irgendein duftend erblohenes Gewächs dieser Erde zu mir gehört, dann ist es der Flieder. In allen Farben, mit allen Sinnen.
Der Herr Honigbrötler hat jüngstens auf so anrührende Weise verflogene Gerüche der Vergessenheit entrissen und sie sorgsam vor derselben gerettet. Zu m e i n e n gehört unbedingt der betäubende Duft der wunderschönen Fliederdolden, oft vermischt mit dem von heißem Kerzenwachs.
Denn seit ich denken kann, waren ein paar Zweige der schweren und doch so zarten Blütentrauben meine Geburtstagsblumen (äh… nee, der ist noch nicht heute
). Von den Eltern als ausladender Strauß zwischen die Geschenke drapiert
oder von pubertierenden Jungs und verliebten Studenten angeschleppt, gehörten sie mehr als alles andere dazu. Mit den Jahren kam es mir vor, als trügen die Büsche immer früher ihre blassviolette, weiße oder tief burgunderfarbene Pracht. Und so oft welkten sie bis Mitte Mai längst schon wieder dahin und nix wars mit Flieder für die Hex’…
Heute steht er in voller Blüte. Und bei mir zu Hause. Mein Sohn hat mir einen Armvoll gebracht, aus Nachbars Garten geklaut. Und ich hab mich halbtot gefreut. Nicht dass ich einen Muttertag bräuchte – meine Kinder sind sowieso jeden Tag die besten der Welt. Aber für ‘nen Fliederstrauß nehm ich den a u c h in Kauf.
Es fühlt sich so an, als könnte man solchen Schöpfungen der Natur, die einen verzückt erschauern lassen, nur mit purer Poesie begegnen. So ist es denn auch mit mit der fliedernen: sie will Leidenschaft, nicht Anbetung - sonst wäre sie ein Baum geworden. Dichter haben den Flieder und seine wonnige Zeit zuhauf besungen, vor allem wohl in Zuständen, von denen man hoffen will, dass sie nicht nur der Umnebelung durch den Fliederduft entsprangen. Wie der hier zum Beispiel – möge er dank dem schnuppernden Fest der Sinne dem Vergessen entrinnen: ![]()
Liebesmorgen (Paul Boldt)
Aus dem roten, roten Pfühl
kriecht die Sonne auf die Dielen,
Und wir blinzeln nur und schielen
Nach uns, voller Lichtgefühl.Wie die Rosa-Pelikane,
Einen hellen Fisch umkrallend,
Rissen unsere Lippen lallend
Kuß um Kuß vom weißen Zahne.Und nun, eingerauscht ins weiche
Nachgefühl der starken Küsse,
Liegen wir wie junge Flüsse
Eng umsonnt in einem Teiche.Und wir lächeln gleich Verzückten;
Lachen gibt der Garten wieder,
Wo die jungen Mädchen Flieder,
Volle Fäuste Flieder pflückten.
Bilder: Flieder: Meiner. Frühling: Helmut Maletzke, Greifswald 1979; creative commons.
Hasen im Rausch, Kühe im Propeller, Blüten im Dekolleté
April 15, 2008 at 11:09 | In Berlin, Kultur, Real-Poetisches | 6 CommentsTags: Jazz, Kultur, Literatur, Lyrik, Poesie, Prosa, Satire
…und ein altes Mädchen – forever young und immer noch schön
Der Igel hatte einst zu seinem Wiegenfeste
den Hasen auch im Kreise seiner Gäste,
und er bewirtete sie alle auf das Beste.
Vielleicht ist’s auch sein Namenstag gewesen,
denn die Bewirtung war besonders auserlesen,
und gradezu in Strömen floß der Wein,
die Nachbarn gossen ihn sich gegenseitig ein.So kam es denn, daß Meister Lampe
bald zu schielen anfing, er verlor den Halt.
Er konnte nur mit Mühe sich erheben
und sprach die Absicht aus,
sich heimwärts zu begeben.Der Igel war ein sehr besorgter Wirt
und fürchtete, daß sich sein Gast verirrt.
Wo willst du hin mit einem solchen Affen?
Du wirst den Weg nach Hause nicht mehr schaffen
und ganz allein im Wald dem Tod entgegengehn,
denn einen Löwen, wild, hat jüngst man dort gesehn.Dem Hasen schwoll der Kamm, er brüllt in seinem Tran:
Was kann der Löwe mir, bin ich sein Untertan?
Es könnte schließlich sein, daß ich ihn selbst verschlinge,
den Löwen her! Ich fordere ihn vor die Klinge!
Ihr werdet sehen, wie ich den Schelm vertreibe,
die sieben Häute, Stück für Stück,
zieh ich ihm ab von seinem Leibe
und schicke ihn dann nackt nach Afrika zurück.Und so verließ der Hase also bald
das fröhlich laute Fest und er begann im Wald
von einem Stamm zum anderen zu wanken
und brüllt dabei die kühnlichsten Gedanken
laut in die dunkle Nacht hinaus:
Den Löwen werde ich zerzausen,
wir sahn in dem Wald noch ganz andre Tiere hausen
und machten ihnen doch den blutigen Garaus.Infolge des geräuschvollen Gezeters
und des Gebrülls des trunknen Schwerenöters,
der sich mit Mühe durch das Dickicht schlug,
fuhr unser Löwe auf mit einem derben Fluch
und packt den Hasen grob am Kragen:Du Strohkopf willst es also wagen,
mich zu belästigen mit dem Gebrüll
… doch warte mal, halt still!
Du scheinst mir ja nach Alkohol zu stinken.
Mit welchem Zeug gelang es dir,
dich derart sinnlos zu betrinken?Sofort verflog der Rausch dem kleinen Tier,
es suchte rasch, sich irgendwie zu retten.
Sie… wir - nein ich … - oh, wenn Sie Einsicht hätten,
ich war auf einem Fest und trank viel Alkohol,
doch immer nur auf euer Gnaden Wohl
und eurer guten Frau und eurer lieben Kleinen.
Das wäre doch, so wollte es mir scheinen,
ein trift’ger Grund, sich maßlos zu besaufen.
Der Löwe ging in’s Garn und ließ den Hasen laufen.Der Löwe war dem Schnaps abhold
und haßte jeden Trunkenbold,
jedoch betörte ihn, wie dem auch sei,
des Hasen Speichelleckerei.(”Der Hase im Rausch” von Sergej Michalkow)
Na, kennt das noch jemand?
Was für eine Frage! Wenigstens gefühlte 200% der von der Pike auf gelernten Neufünflandbewohner sollten jetzt in wissendes Kopfnicken, beifälliges Murmeln oder - was nur natürlich wäre - spontanen Jubel ausbrechen. Denn wem könnte sie entfallen, die grandiose Interpretation der Nummer vom hackenstrammen Langohr durch den unvergessenen Eberhard Esche. (Der Vater des Ersteren, Herr Michalkow, ist btw vor allem als Autor beliebter Kinderbücher bekannt. Doch wer ahnt bei dem vorliegenden literarischen Beispiel schon, dass er auch der Verfasser des Textes zur sowjetischen und russischen Nationalhymne ist?) Obendrein hat der lallende, doch im Suff durchaus schlagfertige Meister Lampe als todsicherer Lacher seinerzeit auch unzählige Betriebs- und Familienfeiern gerettet.
Begonnen hat das alles ja anno dunnemals, Mitte der Sechziger, mit - Werbung. Doch, ja. Nee, also nicht mit Esche als Ostmainzelmännchen in den Tausend Tele-Tipps jetzt.
Nein, Werner “Josh” Sellhorn, seines Zeichens Werbeleiter des DDR-Buchverlages Volk und Welt, ersann nämlich damals im Auftrag desselben ein Event unter dem Namen “Jazz und Lyrik”, gedacht, Literatur aus dem Verlagsangebot bekannt zu machen. Was da noch keiner ahnte: eine Kultreihe war geboren. Ein Format, das keine Werbung
b r a u c h t e und landauf landab vor ausverkauften Sälen und hingerissenem Publikum stattfand. Am Anfang waren es, der wogenden Lyrik-Welle Rechnung tragend, vorwiegend humorige und satirische Gedichte aus dem Buchrepertoire des Unternehmens. Später kamen zunehmend auch kurze Prosatexte hinzu, was beim neuen Programm von 1965 zur Umbenennung in “Lyrik - Jazz - Prosa” führte. Der musikalische Teil des Veranstaltungsnamens wurde von der Amateurband “Jazz-Optimisten Berlin” bestritten, die den Leuts ebenso im Ohr geblieben sind, wie der jazzig-bluesige Gesang des viel späteren Liebling Kreuzberg Manfred Krug, der zur tingelnden Stammtruppe gehörte. (Zu dessen Songs melancholten wir gar eine Zeitlang in unserem viel späteren Studentenleben vor uns hin.)
Es lasen ostdeutsche Mimen der ersten Kategorie, unter ihnen eben Esche und Krug, Angelica Domröse, die späterhin u.a. die Paula im Plenzdorf-Kultfilm-Opus von Paul und Paula werden sollte, Annekatrin Bürger, Gerry Wolf und viele andere mit Rang und Namen. Auch ein Herr Wolf Biermann fand sich unter den (singenden) Solisten. Das Publikum konnte die deklamierten Texte bald auswendig. Und feierte die Akteure mit jubelndem Vergnügen.
Die Programmmitschnitte der Berliner Veranstaltungen wurden von “Amiga” herausgegeben, die “Lyrik - Jazz - Prosa” allerdings erst 1968, nach einem langen Gekabbel mit den obersten Kulturfunktionären - ’s war halt ein eigen Ding mit der Satire. Die Vinylchen waren Goldstaub, da permanent vergriffen.
Anmerkung (für ungelernte Neufünfländler): Amiga, ein Plattenlabel des VEB Deutsche Schallplatte und seines Vorgängers, des von Ernst Busch gegründeten Lied der Zeit Musikverlag in der DDR, existierte von 1947 bis 1994. Inzwischen werden die in diesem Zeitraum herausgegebenen über 30.000 Titel von der heutigen Sony BMG Music Entertainment vermarktet.
In der zweiten Hälfte der Sechziger starb Die Lyrik-Jazz-Prosa-Reihe ungeachtet ihrer Wahnsinnspopularität still dahin und hauchte um die Jahreswende 1966/67 ihr kurzes munteres Leben aus…
Haaalt, stopp! Gar nicht wahr! Totgesagte leben nämlich länger - weiß doch jeder.
Nicht nur, dass 1995 das Label Amiga der Hansa-Musikproduktion (Sony BMG) eine CD unter dem Titel “Jazz-Lyrik-Prosa” neu herausbrachte, die die Mehrheit der damals veröffentlichten Musiktitel und alle rezitierten Titel beider Platten enthält, nicht nur, dass diese ihr von alten (und neuen?) Fans so heftig aus den Händen gerissen wurden, dass innerhalb eines Monats eine zweite und dritte Auflage erscheinen mussten und eine “Jazz - Lyrik- Prosa II” (amazon bestellt grad wieder nach
) und III nebst Ver-CDung diverser Sonderprogramme sich mittlerweile auf dem Markt tummeln, sieht man mit Freuden.
Nöhööö, denn das alte Mädchen ist live wieder da! Seit 1997 erobert es aufs neue die Herzen. Und ein ganzes Stück gewachsen ist es auch. Beschränken sich doch die literarischen Schätzchen nicht mehr nur auf einen Verlag, ja, nicht mal mehr auf ein Programm. Von Boccaccios Decamerone über Georg Kreislers “Worte ohne Lieder”, jiddische Musik und Lyrik, russische Satiren oder einen bunten Strauß edelster Blüten von “Love and Blues” bis hin zum zauberhaften Mascha-Kaléko-Abend brilliert es heuer mit Geschrobenem und Getöntem vom Feinsten in atemberaubender Viefalt. Der nach oben offene Veranstaltungskalender (nächster Auftritt am 19. April im Bräustübl in Berlin-Friedrichshagen - gleich bei mir um die Ecke) reicht schon bis weit ins Jahr 2009 und bringt die Augen der Freunde jeglicher großer Poesie zum Leuchten.
Haben wir es wirklich 30 (dreißig!) Jahre o h n e ausgehalten?
Der Jazz-Lyrik-Prosa-Lyrik-Jazz-Prosa-Neuling, -Fremdling oder -Nostalgling oder wer auch immer kann ja mal ein bisschen in ein paar alten youtube-konservierten Hits kramen: dem pöbelnden Hasen im Rausch, der Nummer über die Perspektiven des sowjetischen Flugwesens auf dem Lande (“Die Kuh im Propeller”, Michail Soschtschenko), dem Erlebnisbericht vom Bau mit dem Flaschenzug oder der eher folkig-singebewegten denn jazzigen Ballade vom Briefträger William I. Moore zet Be.
Und ich? Ich wart’ schon mal aufs nächste Wochenende - und Frühlingswetter… zusammen mit Manne Krug
:
“Sonntag. Es fällt nie wieder Schnee.Blüten fallen ins Dekolleté…
Alle Leute sind froh und das ist nicht immer so.
Alles liebt und alles lebt.
Schau, wie der Wind die dünnen Kleider
an schöne Beine klebt -
du spürst, wie das hebt…”
Karbid und Sauerampfer
März 14, 2008 at 6:17 | In 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 CommentsTags: Film, Helden, Kultur, Literatur, Nachruf
… ist nicht, wie Uneingeweihte vielleicht glauben mögen,eine neue Belagskomposition für Vegetarierpizza, sondern der Titel eines DEFA-Films von 1963. In dem fand die späte Entdeckung eines der fürderhin charismatischsten und erfolgreichsten Mimen des (ost)deutschen Films als Charakterkomiker statt – Erwin Geschonneck.
Die Umklammerung des kleinen ost- ist in diesem Falle völlig korrekt, denn wir sprechen hier von einer über sechzigjährigen Schauspielerkarriere des Mannes. Die 1932 mit einer Statistenrolle in “Kuhle Wampe” begann, einem Film aus dem Proletariermilieu, an dessen Drehbuch Bertold Brecht höchstpersönlich mitgestrickt und in dem der große Brecht- und Arbeitersänger Ernst Busch eine Hauptrolle gespielt hat. Die 1995 zu Ende ging mit einem Regiewerk des Geschonneck-Sohnes Matti, der seinen Vater zu seiner letzten Rolle überredete und ihm den alten Querkopf auf den Leib schrieb (“Matulla und Busch”).
Dazwischen liegen mehrere Jahre Theaterarbeit unter Brecht am Berliner Ensemble, eine Unzahl von DEFA-Produktionen, das Leben eines antifaschistischen und stets offen kritischen Geistes, eine enorme Popularität als Künstler und als Mensch in der DDR.
Das Repertoire seiner Rollen ist gigantisch:
Er begeisterte sein Publikum auf der Bühne und auf der Leinwand. Gab den Chauffeur des besoffenen Herrn Puntila oder den von seinen Verfehlungen gebeutelten Dorfrichter Adam genauso überzeugend wie den Kommandeur der Internationalen Brigaden im Spanienkrieg, den Opa Meschka oder den Wehrmachtsoffizier. Die Zahl der Minderjährigen, die sich auch heute noch – wie Anfang der Fünfziger schon ihre Großeltern – vor dem Holländer-Michel-Geschonneck der Hauff-Märchen-Verfilmung “Das kalte Herz” gruseln, ist Legion. Sein Lagerältester und KZ-Häftling Walter Krämer in “Nackt unter Wölfen” nach dem berühmten Apitz-Roman hat irgendwo mit Geschonnecks eigenem Leben und Überleben zu tun: er selbst war mehrere Jahre als politischer Häftling in Neuengamme und gehörte zu den wenigen Überlebenden der “Cap Arkona”. Und der Frank-Beyer-Film “Jakob der Lügner” nach der Jurek-Becker-Vorlage, in dem er den jüdischen Friseur Kowalski spielt, brachte es sogar zu einer Oscar-Nominierung.
Einige Jahre lang hatte ich die Vermutung, dass seine Strittmatter-Lesungen auf sein Äußeres abfärbten, damals lief ich dauernd Gefahr, die zwei auf Bildern zu verwechseln. Und seit letzten Mittwoch hege ich die stille Hoffnung, dass irgendwer sich sich mal erbarmt, die hoffnungslos vergriffene Edition seiner mit Berliner Schnauze im Bänkelsänger-Sound gesungenen Lieder endlich wieder herauszubringen.
Die ‘Schnauze’ war aus der Ackerstraße – dort ist er aufgewachsen, der Arbeiterjunge Erwin. So sprachen ihn die Leute an: Erwin. “Was allerdings nicht verhindern wird, dass bei der großen Feier zu seinem 90. Geburtstag - am 27. Dezember 1996 im Fernsehturm am Alexanderplatz - ein überforderter Moderator mit ganz falscher Assoziation dem eintreffenden Jubilar ein ‘Willkommen, Erich!’ entgegenschmettert.” (Zitat Berliner Zeitung)
Er wurde für seine Kunst mit Preisen zuhauf – und zu Recht – bekränzt, der letzte große war der Deutsche Filmpreis 1993.
In dem von mir geklauten Titel-Song-Film ist Held Kalle Geschonneck mit neun Fässern Sauerampfer , Quatsch, Karbid per Anhalter durch die… nachkriegsdeutschen Lande unterwegs. Das Zeugs - lebenswichtig für Wiederaufbauarbeiten der zerbombten Dresdner Zigarettenfabrik, so man das Wort lebenswichtig beim Erfolg derartiger Arbeiten auch nur annähernd passend finden kann. Ob und wieviel Geschonneck selber im richtigen Leben geraucht hat, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Auf manchen Bildern sieht man ihn mit Tabakspfeife, auf einem Foto seines 100. Geburtstages mit einer Riesenzigarre in der Hand. Falls er hat, dann hat i h m jedenfalls solches nicht übermäßig geschadet. Er ist 101 Jahre alt geworden.(Und man unterstelle mir damit nur ja keine Respektlosigkeit.) Ein stolzes Alter – und ein erfülltes Leben. In seinem Berufsstand schlägt ihn damit wohl nur der Jopi Heesters.
Am Mittwoch ist Erwin Geschonneck friedlich in Berlin gestorben.
Er war einer von den ganz Großen…
P.S. Dem geneigten Leser lege ich mit Wärme den gut geschriebenen Nachruf in der Berliner Zeitung ans Herze, ebenso die Geschonneck DEFA-Edition, die zumindest schon mal zum Kennenlernen für die Wessis bisher Unbedarften geeignet ist.
< 
Bilder: Karbid und Sauerampfer-Cover: via amazon.de; Holländer-Michel: Progress Film-Verleih; 100. Geburtstag: Foto ddp via Berliner Morgenpost; 42 - der ganze Rest: Creative commons.
Helden sind – männlich? Out? Tot?
März 11, 2008 at 4:07 | In Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, Wetter-Hexe | 4 CommentsTags: Helden, Leben, Lexikon, Werte
Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit,
das wahre Glück und das echte Heldentum.
(Wilhelm Raabe in “Alte Nester”)
Die stürmisch ungestüme Dame Emma hat uns ja jüngstens einen neuen Helden beschert, der ein von ihr zum Spielball erkorenes Flugzeug aus Hamburgs Himmel heil zu Boden knutschte landete. Naaa, also mindestens einen. Denn eigentlich waren es beinahe sogar zwei. Wenn man denn den jugendlichen Amateur, der mit seinem Video im Internet den brötchenverdienenden Journalismus in Sachen Aktualität um Längen geschlagen hat, auch einen nennen darf - des Tages. Was einschlägige Diskussionen im Web zum Ereignis halbwegs implizieren.
Grund genug, mal über heutiges Heldentum zu krautern? Na, aber klar doch.
Helden sind männlich. Meist männlich. Sagt Wikipedia:
Ein Held (althochdeutsch helido) ist eine (meist männliche) Person mit besonders herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen, sog. Heldentaten, treibt. Dabei kann es sich um reale oder fiktive Personen handeln…
usw. usf.
Oha. Das bringt Eine(n) doch – nicht nur, wenn mans ausgerechnet am Internationalen Frauentag gelesen und mal so sacken lassen hat und sogar, wenn man alles andere als eine militante Emanze ist – irgendwie ins Grübeln. Erst recht, wenn ein paar Zeilen tiefer der Verweis folgt:
Zur Heldin vergleiche auch Virago,
und sich unter selbigem die Erklärung findet:
Virago (lat. virago = eine männlich wirkende Jungfrau, auch eine Heldenjungfrau, Heldin; plur. Viragines) bezeichnet im Deutschen (in der gehobenen Umgangssprache) und Englischen – meist abwertend – ein junges “Mannweib”…
Na suuuper! DAS ist also, wenn überhaupt, der weibliche Held?
Mal abgesehen davon, dass zu meiner eigenen Überraschung meine Umgangssprache offenbar nicht gehoben genug ist, diesen Begriff zu meinem alltäglichen Wortschatz zu zählen, gibt es laut Meyers Online-Lexikon nur den “ursprünglichen” Helden, ebenfalls männlich, im neueren Sprachgebrauch selbigen gar nur noch als handelnde Figur in Literatur, Theater und Film. Die 46-Wörter-Erleuchtung im Brockhaus online enthält wohl schwerlich umwerfend Neues und fällt einstweilen aus, da kostenpflichtig. Bertelsmanns offlinenes Universallexikon in 20 +… Bänden aus den Neunzigern schließlich kennt neben der ausschließlich literarisch-filmischen Deutung noch den unlängst verblichenen Helden der Arbeit – beide hier latent geschlechtslos.
Da fragt man sich doch, ob das Heldensein und seine diversen Definitionen nicht akut reformierungsbedürftig sind. Oder sind die kulturell-historischen Wandlungen des Begriffs zu vernachlässigen? Gehen wir gar vollends heldenlosen Zeiten entgegen, trostlos und ohne real existierende Lichtgestalten? Weil wir keine mehr brauchen? Wird es demnach nicht mal mehr männliche Helden geben?
Sind es etwa gar die traumatischen Nachwirkungen und Auferstehungen unrühmlicher deutscher Geschichte, die uns unsere Helden schleichend zum Unwort stempeln und sie für alle Zeiten sterben lassen, noch bevor sie geboren sind? Hat es HeldINNEN, die k e i n e Mannweiber und brustamputierten Amazonen sind, nie gegeben? Und werden die Helden der Gegenwart und Zukunft etwa um Himmels willen nur noch in bunten und peinlichen Medienförm(at)chen gebacken werden, kurzatmig, mit einer Halbwertszeit und einem Wertelevel, dass sich einem die Nackenhaare gar nicht mehr niederlegen? Fragen über Fragen.
Vielleicht tun wir uns ja so schwer damit, weil die Helden von heute nicht mehr so einfach wie zu Odysseus’, Jung-Siegfrieds oder Ilja Muromezs Zeiten an Schild und Schwert oder womit auch immer bis an die Zähne bewaffnet, hauend, stechend und schießend, auszumachen sind. Und selbst solches wäre kein sicheres Zeichen. Oder sollte denn wer in dem etwas verquer geratenen Spross eines bekannten Königshauses, dem jüngst der Krieg wie eine Badekur bekam, einen Helden sehen wollen?

Der alte Medienfuzzi Fritz Pleitgen, zwar nicht unbedingt einer meiner Lieblingszeitgenossen, hat 2005 für DeutschlandRadio einen nachdenkenswerten Beitrag geliefert über die Helden von heute. Man mag nicht alles davon unterschreiben müssen – gelesen haben wollen sollte man ihn vielleicht schon: “Wer sind die Helden von heute?… Es sind die von immer.”
Also falls m i c h einer fragte, könnt ich ihm erzählen, dass ich ständig Scharen von Helden - und -innen! - begegne. Allerdings kaum welchen des per Definition spektakulären Typus, weniger dem Abenteurer und dem Helden des Tages. Nö, eher denen des schnöden Alltags, für die das Leben selber Abenteuer genug ist, oft genug unfreiwillig. Solchen, die nicht bei jeder Gelegenheit groß das Maul aufreißen, aber auch nicht die Klappe halten, wenns not tut. Die jeden Morgen, wenn sie aufstehen, ihr eigenes und auch gleich noch das Leben einer Handvoll anderer beherzt beim Schopfe packen müssen, die schwächer sind als sie. Die auch mal - Augen zu und durch! - gegen den Strom schwimmen. Und bei alldem nicht das geringste Aufhebens drum machen. Schon man selbst zu bleiben kostet heutzutage nicht grad wenig Mut, oder? Und würdest du ihnen ihr Heldentum unter die Nase reiben, lachten sie dich aus - oder fingen an zu heulen…
Meinungen? Vorschläge, wen wir unseren Kindern - außer uns selber, hoff ich mal - ab jetzt als reale Vorbilder und Ausbünde hehren Tuns vorzusetzen haben? Wie wir ihnen “Held” erklären?
Igitt, bin ich jetzt etwa die moralisierende Klugscheiß-Tante mit dem erhobenen Zeigefinger? Die der gelangweilt gähnende Leser augenrollend von einem Fettnapf in den andern und durch den Schnee von gestern tappen sieht? Ha, letzterer ist das Stichwort! Oder ist es doch der Schnee von heute? Warum nicht alles etwas unangestrengter sehen, statt sich weiter sinnlos abzustrampeln? Schließlich haben schon ganz andere Leute ihr eigenes Fahrrad erfunden.
In diesem Sinne: lasst Blumen Ringelnätze sprechen!
Wir haben zu großen Respekt vor dem,
Was menschlich über uns himmelt.
Wir sind zu feig oder sind zu bequem,
Zu schauen, was unter uns wimmelt.Wir trauen zu wenig dem Nebenuns.
Wir träumen zu wenig im Wachen.
Und könnten so leicht das Leben uns
Einander leichter machen.Wir dürften viel egoistischer sein
Aus tierisch frommem Gemüte. -
In dem pompösesten Leichenstein
Liegt soviel dauernde Güte.Ich habe nicht die geringste Lust,
Dies Thema weiter zu breiten.
Wir tragen alle in unsrer Brust
Lösung und Schwierigkeiten.(Joachim Ringelnatz: Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?)
*
P.S. Tja, eigentlich sollte der Eintrag hier einer zum – inzwischen etwas in Ungnade gefallenen und vor allem (bis nächstes Jahr) längst Schnee von gestern gewordenen - Internationalen Frauentag werden. (Jajaah, regt euch ab, ich find ihn immer noch passender als Muttertag, auch wenn ich höchstpersönlich weder auf den einen noch auf den andern angewiesen bin. Und komme mir jetzt bloß keiner mit dem angeblich nur für die Weibsbilder inszenierten Valentinstach!
) Gewidmet gedacht war er - womit nochmal ein kleiner Haken zum natürlichen Element des Eingangshelden geschlagen sei - einer echten Frau u n d Abenteurerin u n d HeldIN, von Beruf Himmelsstürmerin. Leider hab ich mich in der allgemeinen Krise des Heldentums hoffnungslos verfranst. Wegen einem doofen Wiki-Eintrag! Memo an mich selbst: Himmel_stürmen bei nächster Gelegenheit.
Bilder: Julia(-Emma): Susanne Bormann; Heldentasse: Ossiladen; Die drei Bogatyry von Wiktor Wasnezow via Wiki; Wir sind Helden: via WDR Rockpalast; Held Müller: Neuköllner Oper.
…bis zur Schulter den Birkenstockkleidsaum
Februar 12, 2008 at 6:40 | In BildungsLückenbauten, Bloghexe, Hexenküche, Kultur, Spielwiese | 13 Comments Tags: Bücher, Fun, Lesen, Stöckchen
Lasst Stöckchenwerfer um mich sein
Hui, nachdem ich mich jüngstens bei Frau Coyote schon mal als pöbelnde Stöckchen-Piratin eingeschlichen hatte, erreicht mich das explosionsartig sich vermehrende Knüppelholz doch noch im Direktanflug. Und zwar in einem exzellenten Weitwurf vom fernen Pluto des Buchhändlers. Ach, und wenn sichs um Bücher dreht, werd’ ich ja immer schwach…
Nun denn!
Die Anleitung zum Holzhacken – so es tatsächlich noch einen Uneingeweihten geben sollte- geht so:
- Nimm das erste Buch in deiner Nähe (das mindestens 123 Seiten hat).
- Öffne das Buch auf Seite 123.
- Finde den fünften Satz.
- Poste die nächsten drei Sätze.
- Wirf dein Stöckchen an 5 weitere Blogger!
Das Spielchen hat ja neben der eigentlichen Aufgabe so ein bisschen was Voyeurhaftes, findet ihr nicht? Man spannt dem Blognachbarn über die Schulter in sein intimes Schreibtischreich und beobachtet heimlich seine nackten Bücher mit gierigen glänzenden Augen. Und hat, wie sichs dann auch gehört, diebisch und lustvoll sein Vergnügen dran. Ähm, hüstel… ich glaube, ich schweife ab.
Aaalso, da ich mal davon ausgehe, dass ein Zitieren von Wasauchimmer aus meinem Berg von Offline-Nachschlagewerken zur Linken keine Sau… öh, keinen Bücherwurm nich interessiert, schnapp ich halt das erste von halbrechts:
Dieser Abend voll Liebe beglückt mich,
und das Tal ist dem Herzen ein Raum,
hob der Wind, als er zärtlich vorbeischlich
bis zur Schulter den Birkenkleidsaum.Durch die Seele fließt nun blaue Kühle,
hinterm schweigenden Gartentor zieht,
wo ich Dämmer wie Schafwolle fühle,
fern vorüber ein glockenhaft Lied.Konnt noch nie mit Andacht belauschen
diesen Klang, der das Dorf nicht verlässt,
möchte tauchen ins plätschernde Rauschen
wie die Weide mit grünem Geäst,oder lächelnd auf schimmernder Tenne
mit dem Mondmaul den Heuduft zerkaun,
wo bist, Freude, du, die ich doch kenne:
nichts zu wollen, als liebend zu schaun.
Ja, ich weiß, kennt kein Mensch (zudem ist die erste Strophe noch dem Sätzezählen zum Opfer gefallen). Obwohl der wilde Serjosha Jessenin ja als letzter Großer unter den russischen Dorfpoeten – der er mitnichten so monothematisch war – und begnadetes Enfant Terrible der russischen Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts gehandelt wird. Nun, vielleicht blogge ich euch ja demnächst mal einen Bildungs-Lückenbau über den…
Und da ja viele ville mehr auf Prosa stehn und außerdem grad ein spezielles Wunschkonzert mit Moby-Dick-Zitaten für einen einzelnen Herrn spielt, hab ich (tja, weil der Wolf sich wieder vordrängeln musst’
) in unserer mobyblog-gebräuchlichen Melville-Übersetzung des Herrn Jendis 123 Seiten von hinten abgezählt. Und auch nur ein ganz klein wenig geschummelt, weil es schad um die Vollständigkeit des feinen Zitats gewesen wäre – man möge mir den Verstoß gegen die Regeln verzeihen:
Für die Todessehnsucht in den Augen jener Männer, welche tief im Innern immer noch den Selbstmord scheuen, breitet der Ozean, in den alles mündet und der alles aufnimmt, verlockend seine weite Fläche voll unvorstellbarer, erregender Schrecken und wundersamer, neu belebender Abenteuer aus, und aus den Herzen grenzenloser Stiller Ozeane, da singen jedem tausend Meerjungfrauen entgegen: „Komm her, du gebrochenes Herz! Hier wartet neues Leben statt der Schuld eines vorzeitigen Todes! Hier schaust du überirdische Wunder und musst dafür nicht sterben. Komm her! Begrabe dich in einem Leben, das dich für deine alte Welt an Land – der du so sehr ein Greuel bist, wie’s dir vor ihr jetzt greuelt – noch rascher ins Vergessen stürzet als dein Tod. Komm her, stell nun auch d e i n e n Grabstein auf den Kirchhof und komm mit uns, bis daß wir dich freien!”
Moby-Dick, daselbst: wie der vom Leben und vom Tode gebeutelte Schmied aus Kapitel 112 zum Walfang kam.
Recht so?
Ach ja, ins Packeis des „Terrors“ bin ich noch nicht mal bis zur Seite 123 vorgedrungen – diese Parallelleserei bringt mich nochmal um! Aber weils so eine schön deftige Stelle ist (und der Jessebird bestimmt lauert *g*), zitiere ich auch Mr. Simmons noch, zur Abwechslung mal wieder nach Vorschrift:
Der junge Seemann grunzt. „Ich bin grade so einen Scheißeiskamm raufgeklettert, da ist mir der Scheißflintenlauf in den Ärmel reingerutscht und hat meinen nackten Arm berührt, Sir, ‘tschuldigung, dass ich mich so ausdrücke. Ich hab die Flinte rausgezogen, und da sin gleich sechs Zoll Haut mitgekommen, verdammte Scheiße.“
So, nu is aber gut!
Sollten noch fünf Blogger auf dieser Welt sein, denen sich dieser Stöckchenflug als ein unbekanntes Naturereignis erhellt: hier is Selbstbedienung. Und Operngläser zum Spannen – auf Wunsch auch Zielfernrohre zum scharf Fixieren – gips anner Kasse!
Bilder: Pirate Girl 1 - Copyright: D. Woodruff/Black Wyrm Designs 2004. Pirate Girl 2 - Copyright: 2005 Jay French. Und überhaupt Creative commons-Lizenz.
Still alive - und wie!
Februar 3, 2008 at 3:10 | In Hexengeschichten, Hexentanz, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Märchenhexe, Real-Poetisches, So Momente halt..., Spinnweben | 4 CommentsTags: Familie, Kindheit, Leben
Oder: (K)ein Märchen vom Großwerden
Am Abend mancher Tage schleicht sich so eine kleine Wehmut in die Gedanken. Und gemeinerweise hilft nicht mal, dass es Freudentage sind. Wie der Geburtstag des Hexensohnes vor drei Tagen. Da beugt sich der Lulatsch beim Beglückwünscht-Werden zu Mama herunter, nimmt sie liebevoll und ein bisschen gönnerhaft, wie’s die Gören halt heutzutage tun, in die Arme, und plötzlich weißt du: das geliebte und behütete Kind, zu Hexens Stolz mit all seinen Macken und Fehlern doch recht wohlgeraten, ist ein Mann geworden. Der sich in den Kopf gesetzt hat, zunehmend und mit Sicherheit auf sich selbst aufpassen zu können. Und auch wenn dus noch nicht so recht glauben magst, musst du wohl langsam zugeben, dass er Recht hat.
Dabei hast du ihm doch grad erst noch die Rotznase geputzt, die Tränen seines kindlichen Weltschmerzes getrocknet und das aufgeschlagene Knie zugepflastert. Oder?
Am Abend solcher Tage ertappst du dich beim Kramen in Erinnerungen an die Glücksmomente und Katastrophen des Kinder-Großziehns und staunst, wo die Zeit geblieben ist. Fragst dich: werd ich jetzt alt? Quittierst in deinem erwachenden Altersstarrsinn die aufgefischte Suchanfrage eines forschen(den) Surfers nach “Hexen, die noch leben“, neben spontanem Grinsen mit einem energischen Kopfnicken: Na klar, na hier! Und wie! Und rettest zu guter Letzt auch noch eine irgendwann geschriebene Geschichte vom Selber-Kindsein aus den verwobenen Maschen des Internet in deinen aktuellen Blog, bevor die ganz und gar im www versinkt.
[Bei denen, die sie schon kennen, hoffe ich mal auf Vergebung für eventuelle Langeweile von wegen der Zweitverwendung. Denn erzählen werde ich sie nun trotzdem - tja, der verflixte Altersstarrsinn meine spätkindliche Trotzphase meine Märchentantenmentalität - ach, ihr wisst schon...
]
Es war einmal…
…und die Hexe war eine Fee
Meine Kindheit verbrachte ich im Hause meiner Großeltern. Die Eltern hatten einen harten Arbeitstag und Großmutter erzog uns, mich und meine Schwester, in bester Absicht mit Strenge. Ja, auch Schläge gab es, Maßregelungen und viel Arbeit in Haus und Garten. Schließlich sollte wenigstens aus den Kindern der jüngsten Tochter etwas Ordentliches werden, wenn schon die älteste Enkelin kein Aushängeschild für die Familie geworden war.
Doch unser Kleinmädchensein trug einen Namen, warm und zärtlich wie eine Umarmung…
SIE war schon immer da, solange ich denken kann. Und schon immer alt. In der Mansarde unter dem Dach lebte sie - allein. Groß und hager, stark wie ein Kerl und sanft zu uns Kindern. Ihre Familie, den Mann, Sohn und Tochter hatte sie an den letzten Krieg verloren. Ein Bruder lebte weit weg, hinter einer Grenze, die eine Mauer war und die Entfernung nebensächlich werden ließ. Doch hatte ihr Schicksal sie nicht bitter gemacht. Sie war mit ihm und sich selbst im reinen, trug eine stille und natürlichen Würde in sich. Alle nannten sie nur die Marie.
Wir waren gern bei ihr oben, in ihrer heimeligen und geheimnisvollen Kammer, wo ein großer Regulator die Viertelstunden schlug, winters Bratäpfel hinter der eisernen Klappe im Kachelofen sangen und sommers Kräuterbündel unter dem Dachbalken trockneten.
Großmutter mochte es nicht, wenn wir sie besuchten. Als sie sah, dass Verbote nicht halfen, nannte sie sie manchmal eine Hexe, die mit ihren Kräutern und mit Sprüchen aus einem Buch Flüche und anderes Unheil über die Nachbarn bringe. Heute glaube ich, dass ihr vor allem die ungebändigte Freiheit, die wir bei Marie genossen, ein Dorn im Auge war. Es gab keine Tabus, kein “Das darfst du nicht!” für uns - und dafür liebten und verehrten wir sie.
Wir räumten ihr das Geschirr aus dem Schrank, deckten damit festliche Tafeln und kochten für unsichtbare Gäste imaginäre Gerichte. Marie musste sie dann ‘essen’ und sagen, wie gut es ihr schmeckte. Wir stritten uns darum, wer zuerst den kleinen Schubkasten aus dem großen, samtbezogenen Tisch ziehen durfte, in dem die Bilder ihres Lebens lagen. Alte, vergilbte Fotos ihrer Jugend, ihrer Lieben und ihrer wenigen kurzen Reisen, zu denen wir unzählige und immer wieder dieselben Fragen fragten, die sie mit unendlicher Geduld jedes Mal aufs neue beantwortete.
Sie erzählte uns selbst erdachte Geschichten, denen wir andächtig und gebannt lauschten, in die wir uns als unerschrockene Helden hineinträumten. Und bevor wir Grimms Märchen selbst lasen, kannten wir dort oben unter dem Dach das Schicksal von Brüderchen und Schwesterchen, wussten um Rotkäppchens verhängnisvolle Begegnung mit dem Wolf und atmeten erleichtert auf, als Schneewittchen wieder erwachte. Wir lösten Marie das schüttere, graue Haar, das mit Nadeln zu einem Knoten gesteckt war, kämmten sie stundenlang, und aus den dünnen Flechten wurde der wunderschöne Rapunzelzopf oder Dornröschens blonde Lockenpracht, bevor wir sie mit Topfdeckelschild und Schürhakenschwert aus dem Turm retteten.
Marie lehrte uns den Wald lieben und nahm uns die Furcht vor dem finsteren Märchentatort. Wir sammelten mit ihr die harzig-roten Kiefernknorren, die die Forstarbeiter liegen gelassen hatten, und sie spaltete sie auf dem Hackklotz zu Hause in winzige Kienspäne zum Feueranfachen. Sie zeigte uns Pilze und Wiesenpflanzen, von deren heilender Wirkung sie wusste - und wozu sie sonst noch gut waren. Sie legte vorsichtig ihre Hand in einen Ameisenhaufen und erklärte uns in die ängstlichen Gesichter, dass die Bisse der Tierchen gegen Gicht helfen.
Wenn beim Heidelbeerensammeln der Eimer nicht voll werden wollte und wir die Lust verloren, sang sie mit uns. Viele dieser Lieder kenne ich noch heute. Im Winter stapften wir mit ihr über verschneite Lichtungen, im Sommer durch den tiefen Heidesand. Oder wir schlitterten und glitschten barfüßig tastend über die Kiesel am Bach. „Fühlt die Erde atmen“, beschwor sie uns so manches Mal flüsternd.
Als wir älter wurden, kamen wir kaum noch zu Marie. Wir teilten unsere neuen Geheimnisse mit Freundinnen und trafen uns mit Jungs, gingen tanzen und ins Kino. Sie nahm es ruhig hin – die Küken wurden flügge. Aber sie war immer noch da, half uns, heimlich den Saum der Röcke kürzer zu machen, tröstete bei Liebeskummer und handelte bei unseren Eltern die Zeit des Heimkommens von der Disco nach oben.
Als ich zum Studium in eine ferne Stadt ging und nur noch selten nach Haus kam, vergaß ich Marie immer mehr. Doch jedesmal, wenn ich wieder daheim war, klopfte ich an ihrer Tür, um nach ihr zu sehen und ihr das Neueste zu erzählen.
Sie starb im zweiten Jahr nach meinem Auszug von zu Hause. Still und sanft, wie sie gelebt hatte – und allein. Dass ich es erst bei meinem nächsten Besuch nach Wochen erfuhr, habe ich meiner Familie lange nicht verziehen.
An Tagen wie heute denk ich manchmal an Marie.
Sie gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Und sie war einer der wunderbarsten und prägenden Menschen in meinem Leben.
Bilder: Gustave Doré: Little Red Riding-Hood; Bormann Verlag: Cover zu Ben Furman: Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben (Ausschnitt); der Rest hofft auf freundliche creative commons-Lizenz - eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
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