Wer andern eine Klopperei anzettelt, fällt selbst vom Pferd und Berlin liegt bei Spandau

September 8, 2013 um 1:56 am | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Träller-Hexe, Wander-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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ärzteopenairAnwohner in etlichen Kilometern Entfernung vom Tempelhofer Feld sollen sich beschwert haben nach den jüngst verebbten Open Air Konzerten der Toten Hosen und der Ärzte – über die Lautstärke. Erfuhr die erstaunt grinsende Berufsverkehrerin am nächsten Morgen aus dem Autoradio. Und „Bässe bis Britz“ titelte die Berliner Zeitung. Hmm… sinnierte die Lenkradpilotin aufm Dienstweg, müssen wohl die Spätfolgen des Fluglärmentzugs sein, seitdem da kein Flieger mehr landet. Der Ort war perfekt (fanden die Fans) und PunkRock ist keine Mondscheinserenade (weiß jedes Kind seit mindestens zwei Generationen).

Aus der Erinnerung an einen einschlägigen Auftritt vor ein paar Jahren in der Zitadelle Spandau, der mich mittendrin sah, ist Ähnliches nicht bekannt. Da wurde gerockt, bis der Arzt… öh, Die Ärzte kamen und dann sowieso. Darüber, ob die Lärmtoleranz der Spandauer sich aus der Nachsicht gegenüber dem einen Oberarzt Bela B. erklärt, der ja bekanntermaßen mitten unter ihnen geboren und in die Pubertät geraten ist, oder aus der selbstbewussten Robustheit des Menschenschlags dort, maße ich mir mal kein Urteil an. Aber wo wir gerade über deren Mentalität reden: an der ist was dran, die hat Tradition und ist sogar legendär.

Denn die Spandauer wehren sich aktuell nicht nur energisch gegen gentrifiziernde Bestrebungen, sie mit einer Arbeitslosenquote von über dreizehn Prozent in 08/15-Manier als asozial abzustempeln: weil sie weder Letzteres noch Ersteres sind, also nullachtfuffzehn jetzt. – Obwohl es in diesem Kontext schon kurios ist, dass genau diese Wendung genau hier ihren Ursprung hat: nämlich in dem dereinst in ansässigen Produktionsstätten gefertigten Maschinengewehr MG08/15, das augenscheinlich sinngebende Eigenschaften besaß. Sie sind außerdem regionaltypisch auch nicht auf den Mund gefallen, die Spandauer, und wissen, wiewohl samt diversen anderen stolzen Städten und Gemeinden 1920 von der Metropole vor ihrer Haustür geschluckt, immer noch lauthals, dass Berlin bei Spandau liegt. Was durchaus hätte so kommen können, wenn den spätmittelalterlichen Städtern wegen der strategischen Funktion bereits erwähnter Zitadelle nicht per landesfürstlichem Edikt verboten worden wäre, über ihre Stadtmauern hinauszuwachsen. Außerdem haben sie – im August kurz nach dem Mittelalter – ein hitziges Scharmützel um ihre Ehre gewonnen, was sie nach ebenfalls landesväterlichem Drehbuch eigentlich gar nicht gedurft hätten.

Spandau-1633-Merian

Dieses anno 1567 vom damals aktuellen Brandenburger Kurfürsten Joachim II. geschriebene Drehbuch sah zu Volkes und seiner eigenen Belustigung eine drei Tage währende Schlacht-Show zwischen Spandauern und Berlinern sowie denen zugerechneten (seinerzeit noch) Cöllnern vor, aus der laut Plan die Berliner siegreich hervorgehen sollten. Und bei der Seeschlacht, ohne die es in dieser wasserreichen Gegend natürlich nicht abgehen durfte, ging ja auch noch alles gut. Die Kräfte waren ausgeglichen und der Kurfürst lächelte huldvoll von den Zinnen der Zitadelle auf die Havel und seine ‚Krieger‘ darin herab. Alle waren so fair, wie man in der Hitze eines – wenn auch gefakten – Gefechts nur sein kann. Und jeder im Kampfgetümmel von seinem Schiff ins Wasser gestürzte Freund und Feind wurde von den vorsorglich als Seenotrettung verpflichteten Havelfischern wieder herausgezogen, bevor er in Helm und Harnisch ersaufen konnte. Bei der Fortsetzung zu Lande am nächsten Tag allerdings entwickelte die Schlacht eine gefährliche Eigendynamik und die wehrhaften Spandauer sahen nicht ein, warum sie ihren möglichen Sieg auf Anweisung von oben so einfach herschenken sollten. Mit dem Vorteil der Ortskenntnis schmiedeten sie listenreiche Strategien, Joachim-II-Kurfürst-von-Brandenburglockten den Gegner in einen Hinterhalt und vermöbelten ihn deftig. Der alarmierte kurfürstliche Regisseur suchte daraufhin eiligst das vom Lust- zum Frustgefecht mutierte Spektakel zu beenden, bevor es zu tatsächlichem Blutvergießen kam, und begab sich höchstselbst hoch zu Ross zwischen die Streihähne. Wie so mancher vor und nach ihm musste er dabei zwischenzeitlich die Erfahrung machen, dass er die Geister, die er rief, so schnell nicht wieder los ward. Er geriet zwischen die Fronten und wurde – versehentlich oder nicht – von den erhitzten Gemütern unsanft vom Pferd geholt, ehe es ihm endlich mit Mühe gelang, den selbst befohlenen Angriff zum Stillstand zu bringen. (Und man will ja kein Schelm sein, der sonstwas dabei denkt, wenn man sich einfach mal so fragt, ob nicht so mancher nach ihm daraus noch was lernen könnt‘.)

Büßen musste diesen tiefen Fall des obersten Kriegsherrn der wackere Bürgermeister von Spandau, den der ‚gestürzte‘ Joachim für mehrere Monate in Festungshaft setzte. – Obwohl bezweifelt werden darf, dass er selber den Landesfürsten vom Gaul geschubst oder die eifrige Prügelbande zum Verteilen von blauen Augen und anderen Blessuren angehalten hat. In der Öffentlichkeit hingegen wahrte der kurfürstliche Zweite Joachim offenbar den Schein. Denn im einschlägigen Kapitel von Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, Band 3 („Havelland“), heißt es im Fazit:

„Die Berliner zogen sich […] durch den Wald, die Jungfernheide, nach Berlin zurück, und die Spandower hatten die Freude, daß ihnen der Kurfürst sagte: ‚Kinder, ihr habt euch brav geschlagen!'“

Dass der olle Fontane an diesem Ereignis ohne (erfreulicherweise) wirklich kriegsverheerende Folgen nicht achtlos vorüberging, muss nicht Wunder nehmen. Denn auf seinen Wegen durch die Mark und ihre Geschichte nicht auch in die malerische Ecke um Spandau zu gelangen, wäre ab-wegig gewesen. Ganz und gar nicht abwegig ist es, nebenbei gesagt, selber mal auf Fontanes Pfaden zu wandeln, öhm, zu wandern, mein ich. Fontane_Denkmal WanderrastIch habs getan in meinem gerade verebbenden Urlaub (statt Malediven, Costa Brava etc.), oder sagen wir mal damit angefangen, denn wie viele Urlaube braucht man wohl dafür, ungekürzt durch acht Bände zu wandern. Es war schön und erbaulich und die Sache wert, die Landschaft und alles und überhaupt und sowieso. Viele Plätze ohne stressige Völkerscharen, unaufdringliche Kultur und Natur pur, Erholung dito. Nuja, ich will ja keinem sein Glück aufschwatzen…😉

Um auf den prominenteren Brandeburg-Wanderer zurückzukommen: der Fontane hat sich bei seiner obigen ‚Kriegsberichterstattung‘ auf die Topgraphia marchica, das lange verschollene Scriptorum de rebus Marchiae Brandenburgensis des schlachtzeitgenössischen Chronisten Nikolaus Leuthinger gestützt, was Sinn macht, denn wozu sind akkurate Geschichtsschreiber sonst da. Bei seiner Kapitelüberschrift „Die Seeschlacht in der Malche“ in den „Wanderungen“ sollte man hingegen eventuelle Leser und noch eventuellere Urlaubs-Wanderer vielleicht fairerweise auf neuzeitliche Gegebenheiten hinweisen. FontaneWanderungen B3-2Nach denen höchstwahrscheinlich
n i c h t der geläufige Große Malchsee Schauplatz des Berlin-Brandenburger Lustscharmützels war, sondern tatsächlich der Havelarm vor der Zitadelle, der seinerzeit offenbar Großer Malchesee genannt wurde und heute Krienicke heißt. Is auch logisch – vom ersteren, der wo der letzte Nordzipfel des Tegeler Sees is, hätte auch der höchste hochherrschaftliche Kurfürst aus seiner Zitadellenloge keinen Zipfel nich sehn können. Und vom Waffenkreuzen gleich gar nix.

Talking of Waffenkreuzen: gewärtig der Jahreszahl des gefakten Kriegsgetümmels dürfte gleichwohl logisch (und zudem überaus segensreich) sein, dass in selbigem noch nicht das erwähnte Spandauer Nullachtfuffzehn-Gewehr zum Einsatz kam. Die beteiligten Städter gingen mit handlichen Prügeln und Stöcken aufeinander los, weswegen das Beinahe-Gemetzel als Spandauer Knüppelkrieg in die Annalen der Stadtgeschichte eingegangen ist.

Heute sind die gängigen Waffen in der Zitadelle – außer bei Ritterfesten – eher Klavier und Cembalo (indoor) und… BÄSSEEE (open air). Das rockt viel mehr – und macht bei verträglichem Publikum auch keine blutigen Nasen. Halt, ’ne urige Schänke haben sie dort auch noch. Aber soweit man hört, wird dort mehr geheiratet, Kindergeburtstag gefeiert und alles sowas als mit Bierseideln geschmissen.

Hmm… so halbwegs kompatibel als Soundtrack zum unverhofft wieder leicht ausgeuferten Thema und als Brückenschlag zur Gegenwart find ich bei den „Ärzten“ grad nur das:

Tsssjoh… mitten in die Fresse. Und Bässe. Die Ärzte halt.

Und falls das doch wer nicht so ganz passend findet – mir doch egal. Habt euch nicht so und seid mal nicht so. Der Bela ist ja mittlerweile schon über Fuffzich und der Farin auch bald. Außerdem wollten die doch sowieso dauernd ganz woanders hin, früher schon…😉

Geborgt und gebastelt: Stich der Stadt und Festung Spandow – Matthäus Merian d. Ä., via Wikimedia Commons. Fontane-Denkmal Neuruppin (leibhaftig nach Max Wiese – Foto Lienhard Schulz, via ebenda. „Wanderungen“ aufm Tisch, achtbändige Ausgabe von Aufbau – Hexenwerk. Video von Die Ärzte – CaptainCarlossi, via youtube. Rest: weiß ich nicht mehr – Urheber zwecks ehrenvoller Erwähnung bitte melden.

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