Doch im Bernstein träumen Fliegen…

Juni 19, 2012 um 11:01 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Bernsteinhexe, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Hexenliebe, Kultur, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Tag mit der Diva und Kuttel Daddeldu

iddensee. Endlich. Kaum dass der Rumpf des Kielbootes gegen den Holzsteg schurrt, springe ich an Land, die an den Riemchen baumelnden Sandalen in der Hand. Ich habe nur den einen Tag.

Die freundlichen Jungs von der Segelcrew hatten mich am Morgen aufgefischt, nachdem ich, die Augen ungeduldig auf die Küste gegenüber gerichtet, eine gefühlte Ewigkeit durch das weite Flachwasser an Rügens Weststrand gewatet war. Sie wollten auch nach Vitte. Tja… Fähre kann jeder! Vom Deich überm Hafen drehe ich mich noch einmal um, schicke ihnen einen Jauchzer als Dankeschön hinüber und schwenke übermütig die Arme. Sie winken lachend zurück.

Jetzt bin ich reif und bereit für die Insel. Ich stapfe den Weg entlang, der vom Bodden landeinwärts führt und zugleich meerwärts – das Eiland ist hier minutenschmal. Meine Ungeduld ist verflogen und macht einem federleichten Glücksgefühl Platz – angemessen für einen Ort, der, trotz des zu dieser Zeit schon auffrischenden Urlauberansturms, irgendwie und irgendwo immer noch wunderbar ursprünglich ist. Worauf die Urinsulaner zu Recht stolz sind. Und immer noch gilt, ähnlich wie anderswo für kläffende Vierbeiner, hier für lärmende Vierräder der Erlass: Autos müssen draußen bleiben!

„Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, …liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee. …Kein störendes Geräusch drang bis hierher… Nur der Arzt durfte ein Motorrad benutzen, das den einzigen Laut von sich gab, der neben dem Töffen der Fischerboote an die mechanisierte Welt erinnerte. Sonst hörte man nur den Möwenschrei und das Brausen der ruhelosen See.“
(Asta Nielsen in ihren Lebenserinnerungen „Die schweigende Muse“, S. 366 ff.)

Der Übermut bleibt. Ich deklamiere lauthals

Kühe weiden bis zum Rande
Großer Tümpel, wo im Röhricht
Kiebitz ostert. – Nackt im Sande
Purzeln Menschen selig töricht…‘

vor mich in die Seeluft hinein, trällere den alten Ost-Hit der schrägen Nina „Du hast den Farbfilm vergessen…“ hinterher und gebe mich bedingungslos dem frech flirtenden Nordost hin, der mir das Haar zerwühlt. Ich werfe die Schuhe in die Wiese, tanze ausgelassen hinterher und hole sie in federndem Lauf wieder ein. Soll mich doch jeder für albern und ein bisschen verrückt halten – wenn denn einer in der Nähe wäre.

„Nirgends war man so jung, so froh und so frei wie auf dieser schönen Insel.“
(Schon wieder Frau Nielsen [ebenda, S. 377] und auch das stimmt – immer noch.)

Mein erstes Ziel ist die Handvoll Häuser am Nordrand von Vitte, etwas abseits der andern. Hinter einem Streifen Schilf, in dem reglose Reiher dösen, ducken sie sich unter Sanddornhecken und große alte Bäume.

„Auf Hiddensee… schaffte ich mir ein kleines Landhaus an, in dem ich – oft vier Monate lang – herrliche Ferien genoß. … Eines Tages kam eine hohe, kräftige Gestalt in kurzen Kniehosen und blauer bayrischer Leinenjacke gemächlich über das sonnenflimmernde Feld auf mein Haus zu. Es war der Dichter Gerhart Hauptmann, der mir als erster seinen Besuch machte. Sein Gang war jung und elastisch trotz seines hohen Alters, und das Haupt trug er hoch erhoben. Sein weißes Haar stand wie ein Wolkenhauch vor dem blauen Himmel. Er hatte schon seit vielen Sommern auf der Insel gelebt….“
[Ebenda, S 367.]

Heut komme ich zu Besuch. Auch wenn ich selbstredend – schon von der Gestalt und der Anzugsordnung her und erst recht auch nur sonstwie – keinem Vergleich mit Hauptmann standhielte. Die Augen gleiten suchend über die Fassaden… Hier. Hier muss es sein… dort das halbrunde Dach, das der Max Taut über den eckigen Grundriss projektiert und wegen dem sie es ‚Karusel‘ genannt hat… der Name steht über der Tür. Daneben macht sich eine dicke blaue Regentonne, offenbar jüngeren Datums, unter der Dachrinne breit – ein Graus für jeden Jäger romantischer Bildmotive. Ein bisschen heruntergekommen sieht alles aus, was mich mehr erstaunt als enttäuscht: die Farbe blättert und Schäden im Putz scheinen etwas lieblos ausgebessert. Und es ist still… seltsam still. Keiner zu Hause, wie es scheint. Nun, ist ja auch Strandwetter.

Immerhin hat die Hausherrin freundlicherweise eine Nachricht hinterlassen. Die ist schon ein paarTage alt, bestätigt aber meine Vermutung und liefert eine willkommene Erklärung für das gerade aufkommende Gefühl der Gottverlassenheit:

„Heute Morgen verließ Ringelnatz das Haus in Badehosen, knallrote Badeschuhe, ein gelbes Tuch um den Kopf und eine bunte Tasche auf dem Bauch für Bernsteine, die er zu suchen beabsichtigte … Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass er nicht einen einzigen gefunden hat.“
(A. N., Tagebuch, 12. Juni 1929)

Mich weht eine vergessene Geschichte an, die ich irgendwann als Kind gelesen habe – von einer bunten Libelle mit schillernden, durchsichtigen Flügeln. Die sich an einem hitzeflirrenden Sommertag in den Wald verirrte, diesen uralten Wald. Erschöpft ruhte sie an der rauen Rinde einer hohen Kiefer aus… bis ein Schweißtropfen des Baumes, eine Träne aus goldenem Harz, auf sie tropfte. Ein paar Millionen Jahre später findet ein Mädchen am Strand einen schimmernden Stein – darin das Insekt, die zarten Flügel noch immer ausgebreitet. Ein Stück ins Heute gespülte Vergangenheit – wie der Wunsch, den wir uns manchmal träumen (vor allem auf Hiddensee): einen sonnigen Augenblick auf ewig festzuhalten.

Vom Bernsteinsucher Ringelnatz erzählt man sich auf der Insel, dass der seine Fehlschläge auf der Suche nach den im Meer versunkenen Tränen des alten Waldes mit der Entdeckung zahlreicher Fischerkneipen kompensierte. In denen er sie mit Sanddornschnaps heruntergespieltspült und mit Kuddel und Hein und Hinz und Kunz Brüderschaft getrunken haben soll. Sonnig-wonnige Momente des ewigen Matrosen, der nie das Meer in sich verloren hat – in Insellegenden für immer festgehalten…

Da oben hinter dem halbrunden Dachfenster, da muss das Gästezimmer mit den blauen Betten gewesen sein, in dem er die bei seinen Strandstreunereien aufgesammelten Schätze hortete. Asta Nielsens ‚Karusel‘ ist für Eingeweihte a u c h so etwas wie ein Bernstein, der Augenblicke einer glücklichen Freundschaft des großen Stummfilmstars mit dem Dichter und Kabarettisten Joachim Ringelnatz umschließt. Unbeschwerte Tage auf der Insel, in denen sie albern und ausgelassen wie die Kinder tollten, sich mit der Künstlerbande um Heinrich George und Paul Wegener vergnügt und einander die Welt erklärt haben. Bei den Treffen im Häuschen mit dem runden Dach ging es munter zu:

„Räucheraal und Flundern waren Hauptbestandteil der Mahlzeit. In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach. Nach dem Essen versammelten wir uns am Kamin um die große Kupferbowle, in der Waldbeeren in frischem Sekt und Mosel Greifen spielten, und die Unterhaltung hub an.
…Besonders die Münchener Künstler lösten sämtliche Probleme der Welt: Der Dichter Ringelnatz veranschaulichte im Handumdrehen mit Hilfe von Streichhölzern, wie die Pyramiden in der Wüste erbaut wurden, und der Bildhauer Martin Möller bedauerte, nicht zur Zeit Bevenuto Cellinis zu leben, in der man umfangreich von Dolchen und Gift Gebrauch machte, um sich Nebenbuhler vom Halse zu schaffen. Ringelnatz… hielt „La Paloma“ für das beste Musikstück der Welt und Chaplin für größer als Shakespeare, was Heinrich George veranlaßte, sich aus Protest so hart auf einen meiner bedauernswerten Stühle fallen zu lassen, daß er durch den Sitz brach.
…Ringelnatz hatte in seinem Leben fast alles gemacht, aber am meisten war er wohl zur See gefahren. Seine berühmteste Gedichtsammlung war „Kuttel Daddeldu“. Sie handelt von dem Matrosen, der in den Häfen an Land geht und seine Mädchen besucht. Im Vaterland hat er eine feste Braut, der er die unmöglichsten Raritäten aus fernen Zonen mitbringt. Im übrigen säuft er sich sternhagelvoll. Kuttel Daddeldus Vater trug seine oft makabren Gedichte gleichfalls keineswegs immer in nüchternem Zustand vor…“

(A N.: „Die schweigende Muse“, S. 371/372)

Im Beisein eines versammlungsfähigen Kamins und mit dem/den richtigen Versammelten hielte ich es in solch freundlichem Hüttlein auch gern aus, glaub ich. Womöglich sogar gut im Winter – Ostseestrand in Eis und Schnee gehört für mich zu den Momenten zum für immer Festhalten. Praktischerweise hat man dann noch ein gutes, vielleicht einschlägiges, Buch und seine Zeichenutensilien dabei. Und klar wird eins: sie war außerhalb ihrer Filmrollen, als lebendiger Mensch der Wirklichkeit weder schweigsam noch stumm, die schweigende Muse, wie sie sich selber auf dem einschlägigen Buchcover nannte. Vom Tonfilm ausgebootet, spielte sie noch lange große Autoren auf großen Bühnen, offenbarte ein sympathisches Talent als Gastgeberin im Strandhaus, später sogar ein beachtliches als Schreiberin und als ‚Malerin‘ zauberhafter Collagen. Nur dass von dem kaum einer weiß.

In ihren Memoiren wie auch in ihren zu Unrecht wenig bekannten Novellen hat sie mit Wärme und einem herzhaften, mitunter bissigen, Humor vielen aus ihrem Dunstkreis, auch dem Freund Ringelnatz, liebevoll ein Denkmal gebaut. Wofür ich ihr nichts als Dank weiß, denn „Die schweigende Muse“ les ich grad mit glühenden Wangen und Ohren und die Hinterlassenschaften des Freundes sind für mich sowieso seit Ewigkeiten mein ganz eigenes Elixier.

Der wiederum hat wohl hier, hinterm Seglerhafen von Vitte, ihre große Barfußmädchenseele entdeckt und sie nach seiner Fasson in denk- und dankbar freche Verse gegossen. Und nichts scheint mir so naheliegend wie der Gedanke, dass die Insel der Ort gewesen sein muss, wo er „noch ein Seepferdchen war,/Im vorigen Leben… wonnig, wunderbar…“. Nicht, dass solche in den Wellen um Hiddensee von Natur aus siedelten, aber sieht nicht das ganze Eiland in seinen Umrissen aus wie ein trauriges Ringelnass, das seinen Bauch im Bodden badet, der offenen See zwar nicht die Stirn, doch den Rücken bietet und mit der Nase an einem Zipfel von Rügen schnuppert?

Der Tag geht schon auf die Mitte zu. Zeit, sich aus der Vergangenheit zurückzubeamen. Zumal es so ausschaut, als erhielte man heute hier eh keine Audienz mehr.

Ich lasse das verwaiste Anwesen rechts liegen und mache mich auf in die Richtung, aus der Gerhart Hauptmann damals gekommen sein muss. Vorbei an der Polizeistation von Hiddensee, der er damals wohl noch nicht begegnet ist, rauf nach Kloster und weiter zum Dornbusch. Auf die Heide hab ich heute keine Lust, allein schon, wenn ich an meine Riemchenlatschen denke. Am Ende hätte noch eine der dort hausenden Kreuzottern Appetit auf meinen großen Zeh. Und auch den auf der dornbuschigen Höhe neben den Windflüchtern ragenden Leuchtturm ignoriere ich schnöde – keinen Bock auf aussichtshungrige Völkerscharen.

Außerdem: wenn schon Insel, dann bittschön auch Strand. Vielleicht treff ich da ja einen Typen mit knallroten Badeschuhen, einem gelben Tuch um den Kopf und einer bunten Tasche auf dem Bauch…

Ich streune ein bisschen unterhalb der Steilküste herum und himmele die einsamen Sandbuchten an, in die sich nur ein paar Insider verirren. Dort wirst du zum gefühlten Robinson und begegnest nur ab und an einszweidrei Freitags, wie die Natur sie geschaffen hat. Einen Schatzsucher mit gelbem Kopftuch finde ich nicht, aber etwas anderes. Aus einem Seegrasbüschel, der wellengezausten grünen Haarsträhne einer Meerjungfrau, blinkt mich ein winziges gelbes Steinchen an, so klein, dass es vielleicht dereinst schon Kuttel Daddeldus Vater übersehen hat. So klein, dass es nur an dieses haardünne Silberkettchen passt, das ich nun für einen sonnigen Augenblick manchmal um den Hals trage. Ha, ich bin die Bernsteinhexe.

Und als mich diese besungene Inselfreiheit am Ende ganz und gar übermannt, werfe ich mich barfuß bis zum Hals in die Wellen. Die wundern sich nicht, denn sowas sind sie gewohnt, schon ewig. Das Wasser ist saukalt, aber die sonnenbeheizte Sandkuhle danach wärmt mich wieder auf und tut mir sauwohl. Jedenfalls so lange, bis der Sonnenstand in mir alle Alarmglocken anschlägt: Verdammt, die letzte Fähre! Das wird knapp. Ich raffe hastig mein Zivilisations-Outfit zusammen und suche mich, schon unterwegs, an den kürzesten Rückweg zu erinnern.

Es muss mein Glückstag sein. Der Insulaner und Hausherr des Reetdachhäuschens, bei dem ich sicherheitshalber frage, leiht mir ein Fahrrad: „Stell’s nachher an der Fischhalle ab, Deern.“ Stimmt ja, was hatte ich doch schon heute Morgen gelernt?: „In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach.“

Mit Drahteselgeschwindigkeit hab ichs gerade noch geschafft. Das Fährschiff legt ab, sobald ich an Bord bin.

Die Nielsen hat Hiddensee und ihr ‚Karusel‘ gut achtzig Jahre vor mir verlassen – für immer. Das war 1933, als die braune Flut über die Insel schwappte, als Flugzeuge und Lokomotiven anfingen, über sie zu donnern.
„Die dunkelhaarigen, intellektuellen Künstlertypen wurden von kräftigen blonden Männern und breithüftigen Frauen mit Gretchenfrisur abgelöst. Die stampften großspurig und laut über Felder und Wege…. Dampfer legten an und spien ihren Inhalt an „Kraft-durch-Freude“-Fahrgästen über die Wiesen…. I c h hatte dort nichts mehr zu suchen.“
(„Die schweigende Muse“, S. 377/378.)

Das war ein Jahr bevor sie ihrem Freund Joachim Ringelnatz zu den Klängen von „La Paloma“ weiße Lilien aufs Grab legte, ihre Lieblingsblumen, die er ihr immer in die Künstlergarderobe gebracht hatte.

Vor heuer nunmehr vierzig Jahren ging sie dann selbst, ihm nach.

Beim Blick zurück vom Bodden auf den Hafen taste ich nach Astas Buch im Rucksack und dem Bernsteinkrümel in meiner Tasche und denke, dass ich hierbleiben möchte, jedenfalls für länger als nur einen Tag. Und dass es wieder viel zu lange dauern wird, bis ich wiederkomme.

Ach, es ist schon längst mal wieder Zeit für die Insel…

Bilder: A. Nielsen und J. Ringelnatz – aus: Asta Nielsen, „Die schweigende Muse“. Karusel-Tür – Robert Ott, via fotocommunity. Der ganze Rest – mein Inselsammelsurium. Vereinzelte Fremdurheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Berluc: Bernsteinlegende. 1980. V. Album ‚Hunderttausend Urgewalten‘; via youtube.

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42 oder: Überlebenstraining mit Handtüchern

Mai 25, 2010 um 11:24 pm | Veröffentlicht in Alles platti, BildungsLückenbauten, Filosofaseln, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare
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Ufff… geschafft.
Frisch gewaschen, frisch getrocknet und gefaltet wandert ein Stapel frischflauscheliger Handtücher auf die Ablage im Bad.

Seit der Osterbesuch aus der Schweiz sich aufgrund dramatisch lebensgefährlicher Umstände mit gerade doch noch gutem Ausgang für Mutter und Kind zu einer WG auf Zeit ausgewachsen hat, findet hier wieder große Wäsche statt. Denn in meinem mittlerweile effizient bestückten Haushalt hat sich durch die Langzeiteinquartierung unverhofft ein kleiner Engpass an trockenen Tüchern aufgetan. Und da eine asoziale um Bergvolkes Wohl besorgte Schweizer Versicherung offenbar der Meinung ist, dass ein zwölf Wochen zu früh geborener Säugling dieses frühgeburtliche Vorkommnis in der Berliner Charité statt in der Basler Heimatklinik aussitzen, respektive -liegen soll, bis er sich selber Zöpfe flechten, an Mamis Hand zum Bahnsteig hetzen und einen Platz im Mutter-Kind-Abteil für die knapp 1000 Kilometer einklagen kann, wird das wohl auch noch ein paar lange Tage so bleiben.

Doch we don’t panic und hoffen standhaft, dass der große Bruder des zarten Würmchens, der immerhin schon mannhafte 2 Lebensjahre auf dem Buckel hat, die Mama noch wiedererkennt. Wenn für die nach Aberwochen der Heimwärtstrip mit Brüderchens Schwesterchen durch eine gefühlte Galaxis in trockenen Tüchern ist…

Wie überlebenswichtig in dieser Situation und überhaupt ein solider Vorrat an solchen selben sein kann, weiß jedes Kind und jeder Anhalter seit und dank Douglas Adams:

“Ein Handtuch ist so ungefähr das Nützlichste, was der interstellare Anhalter besitzen kann. Einmal ist es von großem praktischem Wert – man kann sich zum Wärmen darin einwickeln, wenn man über die kalten Monde von Jaglan Beta hüpft; man kann an den leuchtenden Marmorsandstränden von Santraginus V darauf liegen, wenn man die berauschenden Dämpfe des Meeres einatmet; man kann unter den so rot glühenden Sternen in den Wüsten von Kakrafoon darunter schlafen; man kann es als Segel an einem Minifloß verwenden, wenn man den trägen, bedächtig strömenden Moth-Fluss hinuntersegelt, und nass ist es eine ausgezeichnete Nahkampfwaffe; man kann es sich vors Gesicht binden, um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen die Antwort(ein zum Verrücktwerden dämliches Vieh, es nimmt an, wenn du es nicht siehst, kann es dich auch nicht sehen – bescheuert wie eine Bürste, aber sehr, sehr gefräßig); bei Gefahr kann man sein Handtuch als Notsignal schwenken und sich natürlich damit abtrocknen, wenn es dann noch sauber genug ist.

Was jedoch noch wichtiger ist: ein Handtuch hat einen immensen psychologischen Wert. Wenn zum Beispiel ein Strag (Strag = Nicht-Anhalter) dahinter kommt, dass ein Anhalter sein Handtuch bei sich hat, wird er automatisch annehmen. er besäße auch Zahnbürste, Waschlappen, Seife, Keksdose, Trinkflasche, Kompass, Landkarte, Bindfadenrolle, Insektenspray, Regenausrüstung, Raumanzug usw, usw. Und der Strag wird dann dem Anhalter diese oder ein Dutzend andere Dinge bereitwilligst leihen, die der Anhalter zufällig gerade „verloren“ hat. Der Strag denkt natürlich, dass ein Mann, der kreuz und quer durch die Galaxis trampt, ein hartes Leben führt, in die dreckigsten Winkel kommt, gegen schreckliche Übermächte kämpft, sich schließlich an sein Ziel durchschlägt und trotzdem noch weiß, wo sein Handtuch ist, eben ein Mann sein muss, auf den man sich verlassen kann.”

D.A.: Per Anhalter durch die Galaxis

Deswegen und weil man dem Mann einfach ein – und bittschön, möglichst interaktives – Denkmal setzen m u s s t e, war heute Handtuchtag, TOWEL DAY. Wie jedes Jahr am 25. Mai seit 2001, dem Jahr, in dem er sich in die Galaxis davongemacht hat.

Wobei das Datum selbst sich weder um den ersten (11. März) noch den letzten Tag seines Lebens (11. Mai) schert und auch sonst nichts Explizites mit seiner Vita zu schaffen hat. Den Schöpfer absonderlicher Welten und sarkastischer Philosofaseleien des alltäglich Absurden tät’s freuen, glaub ich. Der Tag, an dem einer sein Überlebenshandtuch vergisst, ist schließlich am Ende immer der falsche und seine Antwort auf die lebendigen Fügungen des menschlichen Universums wäre wahrscheinlich: 42.

So kümmerte sich denn auch in deutschen Landen überaus passend unpassend kein Anhalter auch nur einen feuchten Kehricht um einen fünfundzwanzigsten Mai, als allhier das bislang größte frottierte Gedenken begangen wurde: am 9. Juni 2005. Da erflimmerte in Deutschlands Lichtspielhäusern DER Film nach dem posthumen galaktischen Tramper-Drehbuch vom Adams und Scharen von Cineasten strömten im Bademantel und mit ihrem Handtuch über der Schulter an die Kinokassen. Hat mir jedenfalls einer erzählt, der es mindestens von Hamburg wusste, weil er damals mittendrin statt nur dabei war. – Ich hab derweilen… sehr wahrscheinlich bestenfalls ein Papiertaschentuch benutzt, in irgend einem Restaurant am Ende meines Universums 42 Mal versucht, den Kellner zum Kellnern anzustiften… oder wiedermal keinen Anhalter mitgenommen.

Adams selbst behauptete steif und fest, die Idee zu dem Galaxis-Kram sei ihm gekommen, “while I was lying drunk in a field in Innsbruck, Austria, in 1971.” Und als ihm der Anhalter-Hype auf den Zeiger zu gehen begann oder so, steckte er sich seinen Babelfisch ins Ohr und verhalf mal fix Monty Python's flying Circus zu seinem vorletzten ( als Pepperpot with nuclear missile) und letzten (als Mitautor der Party Political Broadcast on Behalf of the Liberal Party) glorreichen Ende.

Interessant wäre ja auch zu erfahren, ob es ihm in seinem nächsten Leben – wie im ersten angedacht – vergönnt ward, Zoologe zu werden. Anzunehmen ist es eher nicht, denn er war überzeugter Atheist – die haben nur ein hiesiges Dasein. Doch seine Enttäuschung über die weitgehende Ignoranz der Welt seinen Letzten ihrer Art gegenüber, auf die er sehr stolz war, saß tief.

So long, Douglas – and Thanks for All the Fish.

Heute war Handtuchtag.
Und ihr da draußen, Anhalter in Bloggers Galaxis: Auf, auf! Für das Aussterben menschlicher Unarten – und wider das Aussterben jeglicher Arten (Blogger, Anhalter und Systemadministratoren eingeschlossen).
Don't panic! And always know where your towel is.

Der Soundtrack für heute sollte passen: Monty Python ist quasi bucklige Verwandtschaft, die Handtücher um die Lenden sind auch kompatibel. Und wer wenn nicht Brian wüsste, wer wenn nicht Eric Idle erhellte in jedem Vers, dass 42!

Bilder: Die Antwort in der Wüste (Happy Towel Day): via code-monk bei flickr. Douglas Adams: via GCO bei wordpress. Rest: weiß ich nicht mehr; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Monty Python – Always Look on the Bright Side of Life. Aus: Das Leben des Brian, via bei youtube.

„…with a bullet in her back“

Februar 5, 2009 um 11:47 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Träller-Hexe | 4 Kommentare
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„Shed not for her the bitter tear
Nor give the heart to vain regret
Tis but the casket that lies here
The gem that filled it sparkles yet.“

[Epitaph auf dem Grabstein von Belle Starr,
geschrieben von ihrer Tochter Rosie Lee (‚Pearl‘)]

Manche Geschichten schreibt man nur für einen Satz.

Oder für einen Song. Für eine Melodie und die Stimme darin…

belle-starr-young-portratHeute vor 161 Jahren wurde Belle Starr geboren. Gestorben ist sie, die Bandit Queen des Wilden Westens, fast auf den Tag genau einundvierzig Jahre später, am 3. Februar 1889, mit zwei Ladungen Schrot von ihrem Pferd geschossen. Ihr Mörder wurde nie gefasst.

Ob es die Rebellion der Jugend gegen häusliches Spießertum, der falsche Umgang oder eine Verkettung der Umstände waren, die der Tochter aus etwas heruntergekommenem guten Hause eine Karriere als Räuberbraut bescherten – wer vermag das heute schon noch zu sagen? Die Chronologie ihres Lebens, vor allem die ihrer durchgängig kriminellen Liebhaber und Ehemänner, ist stellenweise ohnehin etwas widersprüchlich und mysteriös.

Verbürgt ist jedenfalls, dass sie in Carthage im Jasper County, Missouri, unter dem Namen Myra Maybelle Shirley als Kind eines Kneipjes und Hotelbesitzers das Licht der Welt erblickte, der nebenan auch noch einen Stall und eine Hufschmiede sein Eigen nannte. Was sie an Lebensnotwendigem für den Alten Westen nicht an der ansässigen Höhere-Töchter-Schule beigebogen bekam, das Reiten und Schießen nämlich, übernahm ihr großer Bruder John Allison, genannt Bud.

Bandit QueenDer an- und ausbrechende Bürgerkrieg sah die Familie auf seiten der Südstaatler, wo der umsichtige große Bruder als Mitglied einer Guerilla-Bande im hoffnugsvollen Alter von nur 22 Jahren als erster eines unnatürlichen Todes starb. Der Rest der Sippe wurde in den Kriegswirren nach Texas verschlagen und Farmbesitzer. Selbige Farm war auch der Ort, an dem das Schicksal seinen Lauf zu nehmen begann. Denn genau dort suchte der Bandit Jim Reed Unterschlupf, in den die achtzehnjährige Belle sich umgehend verknallte und der ihr erster Ehemann und Vater ihrer Tochter Rosie Lee werden sollte. Die sie selbst zärtlich Pearl nannte. Die ‚Perle‘ sollte späterhin Karriere als Prostituierte machen und, vom Namen ihrer Mutter zehrend, eine angesehene Bordellbesitzerin werden.

Derweilen zog sich Belles sauberer Gatte einen Indianerfreund an Land: Tom Starr, seines Zeichens Waffen- und Whiskey-Schmuggler, öh ja… und Wiederholungskiller. Es kam, wie’s kommen musste: der neue Kumpel eiferte diesem in allem nach, auch im Morden, bekam seinen eigenen Steckbrief und setzte sich samt Weib und Kind 1869 nach Kalifornien ab. Im Sammeln von einschlägigen Kumpanen und Dreck am Stecken war er groß, der Jimmy. So blieb es bei hastigen Umzügen. Einer seiner neuen Freunde wurde beiläufig „Cole“ Younger, dessen Tante die stolze Mutter der Dalton-Brüder war. Als sich zu den Freunden ihres Angetrauten auch noch eine FreundIN gesellte, zog Belle zu ihren Eltern zurück.

Belle & SamNach einem Postkutschenüberfall wurde auf Jimmy ein Kopfgeld ausgesetzt, woraufhin ihm ein guter Bekannter seinen wertvoll gewordenen Kopf wegpustete. Belle tröstete sich ein Weilchen mit einem aus der vielköpfigen Younger-Sippe und heiratete schließlich den Indianerfreund Sam Starr. Von nun an trug sie den Namen BELLE STARR, unter dem sie in die Geschichte des Wilden Westens einging. Allerdings sollte die neue Errungenschaft nicht ihr letzter Kerl und Ehemann bleiben, zumal er 1886 bei einem unentschieden ausgehenden Duell in einem Saloon das Zeitliche segnete. Wenigstens verdankte sie ihm noch ihren ersten Knastaufenthalt wegen Pferdediebstahls.

Nach wechselnden Liebschaften mit schweren Jungs gab es kurz nach Sams Tod nochmal ein indianisches Ehegesponst. Die Verbindung blieb in der Familie, denn das 26jährige Jüngelchen mit ebenfalls bereits beachtlicher krimineller Karriere, das bis zum unfreiwilligen Ableben der Vierzigjährigen mit ihr Tisch und Bett teilen durfte, war der Adoptivsohn ihres unlängst Verblichenen.

Belle Starr wurde nahe ihrer eigenen Behausung, dem Outlaw-Schlupfwinkel „Younger’s Bend“ in Oklahoma, in dem sie gar den berüchtigten Jesse James sieben Monate lang beherbergt hatte, begraben.

lucky-luke-belle-starrNicht erst seit heute macht man aus solchen Leben einen spannenden Western oder einen Lucky-Luke-Comic. Beides ist geschehen. Die Western-Schnipsel des 1941er Streifens von Irwing Cummings , sen., bevölkern youtube. Und die Originalnummer 64 (deutsch: 69) der Lucky Luke-Serie haben die Herren Morris und Fauche der Räuberbraut-Legende Belle Starr gewidmet.

Dazu passen tät‘ jetzt natürlich The Ballad of herself, getextet oder geträllert. Doch das Vorhaben war ein anderes. Eins, das bis auf den Namen „Jimmy“ nicht mal die Landschaft mit Belle Starrs Gefilden gemein hat. Dafür ist es ein wunderschönes und sehr eigenes Stückerl Musik. Und Video auch. „Moriarty“– eine Handvoll Prärie für mich. Seufzzz… Und für euch.

„Where the grass is green and the buffaloes roam…. “ – Enjoy!

Manche Geschichten schreibe ich nur für einen Satz. Oder einen Song… eine Melodie…

Bilder: Belle Starr. Porträt – via. Belle Starr hoch zu Ross – via. Belle & Sam – via. Lucky Luke. Belle Star – via amazon.
Song: Moriarty: Jimmy. Aus: Gee Whiz But This Is a Lonesome Town.. Via Dailymotion

Meine Rabenseele

Oktober 27, 2008 um 4:14 am | Veröffentlicht in 2008, Bücherhexe, BildungsLückenbauten, Kultur, MarktLückenbauten, Märchenhexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Wurzel-Werk | 10 Kommentare
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Oder: Vom Krabat haben Nachkommen gelebt

Einer geht über das Land, ein Alter
oder ein Junger, man kann es nicht sehen, er ist zu nah.
Vielleicht ist es Krabat.
Krabat, von dem die Sage berichtet: Einmal fiel ein Stein
vom Himmel und zerbarst. Aus den Trümmern stieg Krabat
und schritt ins Land. Einmal wird ein Stein gen Himmel fahren,
darin wird Krabat sein. Dazwischen wird Krabat ein Mensch sein
und tun, was er tun muss.
Weiß man, was ein Mensch tun muss?
Vielleicht, dass er sein Woher und sein Wohin
mit einem Namen nennt und dass er das Eine
mit sich trägt und das Andere vor sich sieht.

(Jurij Brězan aus: Die schwarze Mühle)

Nun, was die beim hochverehrten Herrn von Kleist abgekupferte These angeht, so gibt’s da ja nix Verbürgtes. Aber so denn krabatsche Nachkommen die Erde bevölkern, und seien es nur solche im gefühlten Volksgeiste, dann bin ich gewiss eine von denen. Nicht nur, weil meine Wurzeln in dem Boden sprießen, über den er – gleich links um die Ecke – gewandelt ist und über den immer noch die Raben fliegen und – wieder – die Wölfe jagen. Nicht nur, weil in mir schließlich noch ein paar Tropfen sorbischen Blutes fließen, die ich meinen Altvorderen verdanke.

Ich bin mit den Sagen und Legenden um den ‚Doktor Faustus‘ der Sorben aufgewachsen, habe Mädchensommer in dem Nest Groß Särchen verbracht, das ihm einst gehörte, und kenne auch das andere, in dem die schwarze Mühle gerade wieder aufersteht (tja, nicht mal die guten alten Mären sind heutzutag vom schnöden Kommerz verschont). Von schwarzer Magie habe ich nicht die leiseste Ahnung, in eine Räbin mit leisem Flügelschlag verwandele ich mich nur selten heimlich in der Dämmerung und zaubern kann ich ein ganz klein wenig – manchmal. Doch seit Kindertagen schleppe ich ein zerlesenes Sagenbüchlein durch mein Leben mit, in dem auch die Geschichte vom Krabat wohnt. Zum Wurzeln-Gießen.

Es wird ja gemunkelt, dass gar unser aller oller Herr Geheimrat einige Passagen mit dem Zauberlehrling für seinen „Urfaust“ aus der Krabat-Legende geklaut hat. Und überpünktlich zum 85. Geburtstag des seit Schülergenerationen als Krabat-Märchenvater gefeierten Herrn Preußler flimmerte jüngstens ein nach seiner allseits beliebten Romanvorlage millionenschwer und aufwändig inszeniertes Filmepos über die Kinoleinwände, schwarzdüster und in Fantasy-Manier. Naja, über die Nähe zur Vorlage und auch über den Rest ist man sich in Cineastenkreisen ziemlich uneins, und das offenbar nicht nur, weil die schwarze Mühle von den Herren Gutmann und Kreuzpaintner aus den modderigen Sümpfen und sanften Hügeln der Oberlausitz eigenmächtig in die Hochgebirgslandschaft der rumänischen Karpaten versetzt wurde. Ich habe den Film bislang nicht gesehen, überlege noch, ob es sich gehört, sich ihn anzutun, so als Nachkommin jetzt. Und verweise einstweilen auf Fremdmeinungen, hier oder hier oder da.

krabat-wappenUm ehrlich zu sein, wusste ich von dem Preußler seinem Krabat bis vor wenigen Jahren überhaupt nichts. Was den aufmerksamen Leser nicht sonderlich verwundern sollte, weil er bestimmt drauf kömmt, dass der dort in der Krabat-Ecke damals n i c h t zur Schullektüre gehörte. Worum mich andererseits aber auch keiner allzu sehr bedauern muss. Denn zum einen hab ich die Bildungslücke inzwischen aufgeholt und außerdem hatte auch ich meinen Preußl… äh nö, meinen Jurij Brězan und frag lieber gar nicht erst, wem der heutzulande überhaupt noch was sagt. Dabei wurde auch er vielfach preisbekränzt, schrieb meisterhaft und gar zweisprachig (deutsch und sorbisch) und kannte als echter Sohn des Sorbenlandes seinen Krabat so gut wie kaum ein anderer.

Seine erste Bearbeitung (von drei) der Krabat-Sage “Die schwarze Mühle” erschien sogar ein paar Jährchen früher als das verklärte Preußler-Märchen (das ich um Himmelswillen keinem mies machen mag) und ist ein faszinierendes Buch. Allein schon die Sprache, klar und schnörkellos und zugleich so voller Poesie und erzählerischer Kraft, zieht einen von der ersten Seite an in ihren Bann.

Schwarze Mühle BuchcoverWas wie ein Märchen beginnt, wie ein alter lyrischer Mythos aus dem Volke, entfaltet auf ganzen hundert und ein paar Seiten verschiedene hochspannende Handlungs- und Reflexionsebenen – philosophisch, politisch, historisch, psychologisch und allgemein menschlich -, die nicht nur räumlich weit über den Rahmen der schwarzen Mühle hinaus reichen und den Leser fordern: ein abgerissener Bauernjunge, hungrig nach Nahrung und durstig nach Wissen, ist unterwegs auf der Suche nach Erkenntnis und sich selbst und gerät in die Fänge des schwarzen Müllers, der ihm als Lohn für sieben Lehrjahre in seiner Mühle die sieben Bücher des Wissens aus seiner siebenfach verschlossenen Truhe verspricht. Der aufgeweckte Krabat erkennt sehr schnell, in welch unheilvolles Geflecht von schwarzer Magie, gnadenloser Unterdrückung und Machtmissbrauch, Lüge, Angst und Tod er geraten ist, und sucht die Gefährten, die mit ihm Nacht für Nacht zu Raben werden müssen, als Verbündete zu gewinnen, dem Schwarzen das Handwerk zu legen.

Die Schauplätze wechseln, von einer Burg, in der es nach Verrat riecht und eine Schar von Helden blutig hingemetzelt wird, über den sächsischen Königshof und ein Feldlager der türkischen Heerscharen zurück in die wohlbekannte Landschaft voller geduckter Menschen unter der Knute des scheinbar allmächtigen Müllers und in den Sumpf mit der schwarzen Mühle, wo der Kreis sich schließt. Brudermord und öffentliche Verleumdung, die Auswüchse und Mechanismen pervertierter Machtausübung spielen ebenso eine Rolle wie die Sehnsucht nach Freiheit, der Drang nach Erkenntnis und vereintes solidarisches Handeln, alles dicht verwoben mit allegorischen Bildern und Anklängen an reale Ereignisse. Krabat ist längst nicht mehr der unschuldige fürwitzige Knabe auf der Suche nach der Weisheit; er wird zum durch Blut und Leid und Wissen geformten Hoffnungsträger. Die Formel “Wer weiß, der kann” zieht sich durch die gesamte Handlung und die Verbrennung der magischen Bücher ist letztlich die Konsequenz eines gereiften Mannes, der den faulen schwarzen Zauber gegen wahre menschliche Stärke, Erkenntnis und das Bewusstsein seiner selbst eintauscht. Was wie ein Märchen begann, endet in einem opferreichen Befreiungskampf durch die Zeiten hindurch – und unversehens mitten in der tatsächlichen Menschheitsgeschichte, nicht im Mythos. Es hinterlässt den Leser atemlos und hört, obwohl es Prosa ist, in alldem niemals auf, wie große, wunderbare Lyrik zu klingen.

Preußlers reines und anrührendes Märchen und Brězans geradezu unerhört dichte und suggestiv atmosphärische Art, mit dem Krabat-Stoff umzugehen, lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Jeder von ihnen spielt eine ganz eigene, ganz andere Melodie. Irgendwo habe ich gelesen: Preußler verzaubert, Brězan tut das Gegenteil: er entzaubert, lotet tief aus. Ich glaube, das trifft es sehr gut. Brězans Buch ist der Krabat für Erwachsene.

Dennoch erstaunt mich bei der von beiden so verschieden erzählten gleichen Geschichte nicht, wie weltzugewandt und wie ähnlich sich zwei Autoren mit so unterschiedlicher Sichtweise, jeder auf seine Art vom Leben geprägt, in ihren Äußerungen darüber sind – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag:

„Die Gestalt ließ mich nicht mehr los. Ich ahnte eine große Geschichte und brauchte Jahre, um ihren Kern herauszufinden: Wissen ist Macht und Macht macht frei.“
(J. Brězan)

„Mein Krabat ist […] meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“ (O. Preußler)

***

meister krabatDas lässt mich, sozusagen im Abgesang, nochmal an die Stätten Krabats – und meiner Kindheit – zurückkehren. Die Krabat-Sage ist im Vergleich zu vielen anderen Legenden noch nicht soo alt, erst etwas mehr als 300 Jahre. Und so mancher weiß es ja vielleicht: soviel Zauberei und schwarze Magie sich um ihn auch ranken mag, Krabat liegt ein reales Vorbild zugrunde. Dessen wirklicher Name war Johann Schadowitz, seines Zeichens ein kroatischer Soldat, den Kurfürst Friedrich August I. (später als August der Starke bekannt) aus dem Türkenfeldzug mitgebracht und für seine Verdienste um des Kurfürsten Leib und Leben mit dem bereits erwähnten Gut Groß Särchen beschenkt hatte.

Zu Krabat wurde er in Volkes Mund, da er eben aus K r o a t i e n stammte. Und das Andichten der Zauberkräfte hatte wohl mit dieser fremden Herkunft, seinem Aussehen und Gebaren, die geheimnisumwittert schienen, zu tun. Übrigens stammt auch die Bezeichnung für die bei einer gewissen Anzugsordnung obligatorische Krawatte daher: die damaligen kroatischen Soldaten banden sich ein rotes Tuch um den Hals und kreierten so den Stil à la Croat (resp. kravat). Siehstewoll, so geht Lautverschiebung auf Slawisch. Sogar für die Annahme, er sei ein Hirtenjunge aus dem Nachbardorf gewesen, hat der sagenkundige Mensch dort eine Erklärung: wenn man Krabat fragte, woher er käme, wies er vage in Richtung Süden. Doch für die unwissenden Bauern damals war die Welt klein und hinter dem nächsten Dorf zu Ende, also konnte er doch nur dieses meinen.

Krabat-SäuleDer historische Krabat selber lebte von 1691 bis zu seinem Tode in hohem Alter 1704 auf seinem Gut. Er tat der Überlieferung nach seinen Bauern allerlei Gutes, “hat bei Ostwind den Hagel aufgehalten”, karge Böden fruchtbar gemacht und Sümpfe trockengelegt. Auf ihn geht der Anbau von Dinkel und Hirse in der Lausitz zurück. Und vor allem hob er für die Bauern seines Gutes die Leibeigenschaft auf, ein ganzes Jahrhundert vor der französischen Revolution.

In Wittichenau, wo er begraben liegt, wurde ihm ein Denkmal errichtet, die Krabat-Säule. Und seine Wohltaten dauern fort. Denn inzwischen belebt der Krabat-Kult munter das Tourismus-Gewerbe in der Gegend: es gibt einen KrabatRadweg, das Krabat-Fest und einen lebendigen Krabat(darsteller), zugezogen aus dem Sauerland. Krabat-Bier und Kräuterschnaps werden gebraut, die Krabats Zauberkräfte in dir wecken, und in Schwarzkollm wächst die schwarze Mühle, zünftig mit einer Bude für Gesellen auf der Walz. Tja: WER WEISS, DER KANN. 😉

Und die Legende lebt. Ungeahnt real. RealPoetisch…

Bilder: CD-Cover: Zauberbruder; Krabat-Liederzyklus – von ASP, Standard Edition, Erstauflage; via The Tales of ASP. Wappen von Schwarzkollm – via Wikipedia. Buchcover: Die schwarze Mühle. Klett – via amazon. Grafik: Krabat – via Schwarzkollm-Website. Krabatsäule in Wittichenau: Julian Nitzsche.
Song: Krabat. Aus dem Liederzyklus „Zauberbruder“ von ASP zu Ausschnitten aus dem Karel-Zeman-Animationsfilm Čarodějův učeň von 1977; via youtube.

Aus dem Keller geholt

Mai 27, 2008 um 12:31 am | Veröffentlicht in 2008, Berlin, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Werbehexe | 3 Kommentare
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“I think that I shall never see
An ad so lovely as a tree.
But if a tree you have to sell,
It takes an ad to do that well.”
Ogden Nash

Tsass… kaum kehrt man mal seinem Blog den Rücken und entschwindet in ein verlängertes
Wochenende mit liebem Besuch, schon wird da munter gespamt. 😉 Ei ei ei, wollten wir denn hier je Werbung machen?

Dem Reschissör seinerAndererseits: junge, aufstrebende Künstler soll man ja unterstützen, wo und so man nur
kann. Und schon die alten Franzosen wussten: “Selbst Gott braucht die Werbung. Er hat Glocken.”

Langen Gefasels kurzer Sinn: Andre Schneider lädt Berliner und solche, die es nie werden wollen, zur Premiere seines Regiedebüts “Der Mann im Keller” ein. Schon mal reingucken? Dann bitte hier lang. Es soll auch was zu lachen und von ihm höchstselbst und live signierte DVDs geben.

Also zeigt Interesse, nehmt mal die Patschfinger von der Tastatur, macht euch auf die Strümpfe, ihm die Freude und am 2. Juni um 20 Uhr die Filmbühne am Steinplatz in Charlottenburg schön voll. Spot-Ende. 🙂

Karbid und Sauerampfer

März 14, 2008 um 6:17 am | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 Kommentare
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karbid und sauerampfer cover… ist nicht, wie Uneingeweihte vielleicht glauben mögen,eine neue Belagskomposition für Vegetarierpizza, sondern der Titel eines DEFA-Films von 1963. In dem fand die späte Entdeckung eines der fürderhin charismatischsten und erfolgreichsten Mimen des (ost)deutschen Films als Charakterkomiker statt – Erwin Geschonneck.

Die Umklammerung des kleinen ost- ist in diesem Falle völlig korrekt, denn wir sprechen hier von einer über sechzigjährigen Schauspielerkarriere des Mannes. Die 1932 mit einer Statistenrolle in „Kuhle Wampe“ begann, einem Film aus dem Proletariermilieu, an dessen Drehbuch Bertolt Brecht höchstpersönlich mitgestrickt und in dem der große Brecht- und Arbeitersänger Ernst Busch eine Hauptrolle gespielt hat. Die 1995 zu Ende ging mit einem Regiewerk des Geschonneck-Sohnes Matti, der seinen Vater zu seiner letzten Rolle überredete und ihm den alten Querkopf auf den Leib schrieb („Matulla und Busch“).

Dazwischen liegen mehrere Jahre Theaterarbeit unter Brecht am Berliner Ensemble, eine Unzahl von DEFA-Produktionen, das Leben eines antifaschistischen und stets offen kritischen Geistes, eine enorme Popularität als Künstler und als Mensch in der DDR.

Huuu… Holländer-MichelDas Repertoire seiner Rollen ist gigantisch:
Er begeisterte sein Publikum auf der Bühne und auf der Leinwand. Gab den Chauffeur des besoffenen Herrn Puntila oder den von seinen Verfehlungen gebeutelten Dorfrichter Adam genauso überzeugend wie den Kommandeur der Internationalen Brigaden im Spanienkrieg, den Opa Meschka oder den Wehrmachtsoffizier. Die Zahl der Minderjährigen, die sich auch heute noch – wie Anfang der Fünfziger schon ihre Großeltern – vor dem Holländer-Michel-Geschonneck der Hauff-Märchen-Verfilmung „Das kalte Herz“ gruseln, ist Legion. Sein Lagerältester und KZ-Häftling Walter Krämer in „Nackt unter Wölfen“ nach dem berühmten Apitz-Roman hat irgendwo mit Geschonnecks eigenem Leben und Überleben zu tun: er selbst war mehrere Jahre als politischer Häftling in Neuengamme und gehörte zu den wenigen Überlebenden der „Cap Arkona“. Und der Frank-Beyer-Film „Jakob der Lügner“ nach der Jurek-Becker-Vorlage, in dem er den jüdischen Friseur Kowalski spielt, brachte es sogar zu einer Oscar-Nominierung.

Einige Jahre lang hatte ich die Vermutung, dass seine Strittmatter-Lesungen auf sein Äußeres abfärbten, damals lief ich dauernd Gefahr, die zwei auf Bildern zu verwechseln. Und seit letzten Mittwoch hege ich die stille Hoffnung, dass irgendwer sich sich mal erbarmt, die hoffnungslos vergriffene Edition seiner mit Berliner Schnauze im Bänkelsänger-Sound gesungenen Lieder endlich wieder herauszubringen.

Die ‚Schnauze‘ war aus der Ackerstraße – dort ist er aufgewachsen, der Arbeiterjunge Erwin. So sprachen ihn die Leute an: Erwin. „Was allerdings nicht verhindern wird, dass bei der großen Feier zu seinem 90. Geburtstag – am 27. Dezember 1996 im Fernsehturm am Alexanderplatz – ein überforderter Moderator mit ganz falscher Assoziation dem eintreffenden Jubilar ein ‚Willkommen, Erich!‘ entgegenschmettert.“ (Zitat Berliner Zeitung)

Er wurde für seine Kunst mit Preisen zuhauf – und zu Recht – bekränzt, der letzte große war der Deutsche Filmpreis 1993.

erwins 100_geburtstagIn dem von mir geklauten Titel-Song-Film ist Held Kalle Geschonneck mit neun Fässern Sauerampfer , Quatsch, Karbid per Anhalter durch die… nachkriegsdeutschen Lande unterwegs. Das Zeugs – lebenswichtig für Wiederaufbauarbeiten der zerbombten Dresdner Zigarettenfabrik, so man das Wort lebenswichtig beim Erfolg derartiger Arbeiten auch nur annähernd passend finden kann. Ob und wieviel Geschonneck selber im richtigen Leben geraucht hat, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Auf manchen Bildern sieht man ihn mit Tabakspfeife, auf einem Foto seines 100. Geburtstages mit einer Riesenzigarre in der Hand. Falls er hat, dann hat i h m jedenfalls solches nicht übermäßig geschadet. Er ist 101 Jahre alt geworden.(Und man unterstelle mir damit nur ja keine Respektlosigkeit.) Ein stolzes Alter – und ein erfülltes Leben. In seinem Berufsstand schlägt ihn damit wohl nur der Jopi Heesters.

Am Mittwoch ist Erwin Geschonneck friedlich in Berlin gestorben.

Er war einer von den ganz Großen…

P.S. Dem geneigten Leser lege ich mit Wärme den gut geschriebenen Nachruf in der Berliner Zeitung ans Herze, ebenso die Geschonneck DEFA-Edition, die zumindest schon mal zum Kennenlernen für die Wessis bisher Unbedarften geeignet ist.
< e_geschonneck in asta mein engelchen

Bilder: Karbid und Sauerampfer-Cover: via amazon.de; Holländer-Michel: Progress Film-Verleih; 100. Geburtstag: Foto ddp via Berliner Morgenpost; 42 – der ganze Rest: Creative commons.

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