Doch im Bernstein träumen Fliegen…

Juni 19, 2012 um 11:01 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Bernsteinhexe, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Hexenliebe, Kultur, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Tag mit der Diva und Kuttel Daddeldu

iddensee. Endlich. Kaum dass der Rumpf des Kielbootes gegen den Holzsteg schurrt, springe ich an Land, die an den Riemchen baumelnden Sandalen in der Hand. Ich habe nur den einen Tag.

Die freundlichen Jungs von der Segelcrew hatten mich am Morgen aufgefischt, nachdem ich, die Augen ungeduldig auf die Küste gegenüber gerichtet, eine gefühlte Ewigkeit durch das weite Flachwasser an Rügens Weststrand gewatet war. Sie wollten auch nach Vitte. Tja… Fähre kann jeder! Vom Deich überm Hafen drehe ich mich noch einmal um, schicke ihnen einen Jauchzer als Dankeschön hinüber und schwenke übermütig die Arme. Sie winken lachend zurück.

Jetzt bin ich reif und bereit für die Insel. Ich stapfe den Weg entlang, der vom Bodden landeinwärts führt und zugleich meerwärts – das Eiland ist hier minutenschmal. Meine Ungeduld ist verflogen und macht einem federleichten Glücksgefühl Platz – angemessen für einen Ort, der, trotz des zu dieser Zeit schon auffrischenden Urlauberansturms, irgendwie und irgendwo immer noch wunderbar ursprünglich ist. Worauf die Urinsulaner zu Recht stolz sind. Und immer noch gilt, ähnlich wie anderswo für kläffende Vierbeiner, hier für lärmende Vierräder der Erlass: Autos müssen draußen bleiben!

„Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, …liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee. …Kein störendes Geräusch drang bis hierher… Nur der Arzt durfte ein Motorrad benutzen, das den einzigen Laut von sich gab, der neben dem Töffen der Fischerboote an die mechanisierte Welt erinnerte. Sonst hörte man nur den Möwenschrei und das Brausen der ruhelosen See.“
(Asta Nielsen in ihren Lebenserinnerungen „Die schweigende Muse“, S. 366 ff.)

Der Übermut bleibt. Ich deklamiere lauthals

Kühe weiden bis zum Rande
Großer Tümpel, wo im Röhricht
Kiebitz ostert. – Nackt im Sande
Purzeln Menschen selig töricht…‘

vor mich in die Seeluft hinein, trällere den alten Ost-Hit der schrägen Nina „Du hast den Farbfilm vergessen…“ hinterher und gebe mich bedingungslos dem frech flirtenden Nordost hin, der mir das Haar zerwühlt. Ich werfe die Schuhe in die Wiese, tanze ausgelassen hinterher und hole sie in federndem Lauf wieder ein. Soll mich doch jeder für albern und ein bisschen verrückt halten – wenn denn einer in der Nähe wäre.

„Nirgends war man so jung, so froh und so frei wie auf dieser schönen Insel.“
(Schon wieder Frau Nielsen [ebenda, S. 377] und auch das stimmt – immer noch.)

Mein erstes Ziel ist die Handvoll Häuser am Nordrand von Vitte, etwas abseits der andern. Hinter einem Streifen Schilf, in dem reglose Reiher dösen, ducken sie sich unter Sanddornhecken und große alte Bäume.

„Auf Hiddensee… schaffte ich mir ein kleines Landhaus an, in dem ich – oft vier Monate lang – herrliche Ferien genoß. … Eines Tages kam eine hohe, kräftige Gestalt in kurzen Kniehosen und blauer bayrischer Leinenjacke gemächlich über das sonnenflimmernde Feld auf mein Haus zu. Es war der Dichter Gerhart Hauptmann, der mir als erster seinen Besuch machte. Sein Gang war jung und elastisch trotz seines hohen Alters, und das Haupt trug er hoch erhoben. Sein weißes Haar stand wie ein Wolkenhauch vor dem blauen Himmel. Er hatte schon seit vielen Sommern auf der Insel gelebt….“
[Ebenda, S 367.]

Heut komme ich zu Besuch. Auch wenn ich selbstredend – schon von der Gestalt und der Anzugsordnung her und erst recht auch nur sonstwie – keinem Vergleich mit Hauptmann standhielte. Die Augen gleiten suchend über die Fassaden… Hier. Hier muss es sein… dort das halbrunde Dach, das der Max Taut über den eckigen Grundriss projektiert und wegen dem sie es ‚Karusel‘ genannt hat… der Name steht über der Tür. Daneben macht sich eine dicke blaue Regentonne, offenbar jüngeren Datums, unter der Dachrinne breit – ein Graus für jeden Jäger romantischer Bildmotive. Ein bisschen heruntergekommen sieht alles aus, was mich mehr erstaunt als enttäuscht: die Farbe blättert und Schäden im Putz scheinen etwas lieblos ausgebessert. Und es ist still… seltsam still. Keiner zu Hause, wie es scheint. Nun, ist ja auch Strandwetter.

Immerhin hat die Hausherrin freundlicherweise eine Nachricht hinterlassen. Die ist schon ein paarTage alt, bestätigt aber meine Vermutung und liefert eine willkommene Erklärung für das gerade aufkommende Gefühl der Gottverlassenheit:

„Heute Morgen verließ Ringelnatz das Haus in Badehosen, knallrote Badeschuhe, ein gelbes Tuch um den Kopf und eine bunte Tasche auf dem Bauch für Bernsteine, die er zu suchen beabsichtigte … Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass er nicht einen einzigen gefunden hat.“
(A. N., Tagebuch, 12. Juni 1929)

Mich weht eine vergessene Geschichte an, die ich irgendwann als Kind gelesen habe – von einer bunten Libelle mit schillernden, durchsichtigen Flügeln. Die sich an einem hitzeflirrenden Sommertag in den Wald verirrte, diesen uralten Wald. Erschöpft ruhte sie an der rauen Rinde einer hohen Kiefer aus… bis ein Schweißtropfen des Baumes, eine Träne aus goldenem Harz, auf sie tropfte. Ein paar Millionen Jahre später findet ein Mädchen am Strand einen schimmernden Stein – darin das Insekt, die zarten Flügel noch immer ausgebreitet. Ein Stück ins Heute gespülte Vergangenheit – wie der Wunsch, den wir uns manchmal träumen (vor allem auf Hiddensee): einen sonnigen Augenblick auf ewig festzuhalten.

Vom Bernsteinsucher Ringelnatz erzählt man sich auf der Insel, dass der seine Fehlschläge auf der Suche nach den im Meer versunkenen Tränen des alten Waldes mit der Entdeckung zahlreicher Fischerkneipen kompensierte. In denen er sie mit Sanddornschnaps heruntergespieltspült und mit Kuddel und Hein und Hinz und Kunz Brüderschaft getrunken haben soll. Sonnig-wonnige Momente des ewigen Matrosen, der nie das Meer in sich verloren hat – in Insellegenden für immer festgehalten…

Da oben hinter dem halbrunden Dachfenster, da muss das Gästezimmer mit den blauen Betten gewesen sein, in dem er die bei seinen Strandstreunereien aufgesammelten Schätze hortete. Asta Nielsens ‚Karusel‘ ist für Eingeweihte a u c h so etwas wie ein Bernstein, der Augenblicke einer glücklichen Freundschaft des großen Stummfilmstars mit dem Dichter und Kabarettisten Joachim Ringelnatz umschließt. Unbeschwerte Tage auf der Insel, in denen sie albern und ausgelassen wie die Kinder tollten, sich mit der Künstlerbande um Heinrich George und Paul Wegener vergnügt und einander die Welt erklärt haben. Bei den Treffen im Häuschen mit dem runden Dach ging es munter zu:

„Räucheraal und Flundern waren Hauptbestandteil der Mahlzeit. In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach. Nach dem Essen versammelten wir uns am Kamin um die große Kupferbowle, in der Waldbeeren in frischem Sekt und Mosel Greifen spielten, und die Unterhaltung hub an.
…Besonders die Münchener Künstler lösten sämtliche Probleme der Welt: Der Dichter Ringelnatz veranschaulichte im Handumdrehen mit Hilfe von Streichhölzern, wie die Pyramiden in der Wüste erbaut wurden, und der Bildhauer Martin Möller bedauerte, nicht zur Zeit Bevenuto Cellinis zu leben, in der man umfangreich von Dolchen und Gift Gebrauch machte, um sich Nebenbuhler vom Halse zu schaffen. Ringelnatz… hielt „La Paloma“ für das beste Musikstück der Welt und Chaplin für größer als Shakespeare, was Heinrich George veranlaßte, sich aus Protest so hart auf einen meiner bedauernswerten Stühle fallen zu lassen, daß er durch den Sitz brach.
…Ringelnatz hatte in seinem Leben fast alles gemacht, aber am meisten war er wohl zur See gefahren. Seine berühmteste Gedichtsammlung war „Kuttel Daddeldu“. Sie handelt von dem Matrosen, der in den Häfen an Land geht und seine Mädchen besucht. Im Vaterland hat er eine feste Braut, der er die unmöglichsten Raritäten aus fernen Zonen mitbringt. Im übrigen säuft er sich sternhagelvoll. Kuttel Daddeldus Vater trug seine oft makabren Gedichte gleichfalls keineswegs immer in nüchternem Zustand vor…“

(A N.: „Die schweigende Muse“, S. 371/372)

Im Beisein eines versammlungsfähigen Kamins und mit dem/den richtigen Versammelten hielte ich es in solch freundlichem Hüttlein auch gern aus, glaub ich. Womöglich sogar gut im Winter – Ostseestrand in Eis und Schnee gehört für mich zu den Momenten zum für immer Festhalten. Praktischerweise hat man dann noch ein gutes, vielleicht einschlägiges, Buch und seine Zeichenutensilien dabei. Und klar wird eins: sie war außerhalb ihrer Filmrollen, als lebendiger Mensch der Wirklichkeit weder schweigsam noch stumm, die schweigende Muse, wie sie sich selber auf dem einschlägigen Buchcover nannte. Vom Tonfilm ausgebootet, spielte sie noch lange große Autoren auf großen Bühnen, offenbarte ein sympathisches Talent als Gastgeberin im Strandhaus, später sogar ein beachtliches als Schreiberin und als ‚Malerin‘ zauberhafter Collagen. Nur dass von dem kaum einer weiß.

In ihren Memoiren wie auch in ihren zu Unrecht wenig bekannten Novellen hat sie mit Wärme und einem herzhaften, mitunter bissigen, Humor vielen aus ihrem Dunstkreis, auch dem Freund Ringelnatz, liebevoll ein Denkmal gebaut. Wofür ich ihr nichts als Dank weiß, denn „Die schweigende Muse“ les ich grad mit glühenden Wangen und Ohren und die Hinterlassenschaften des Freundes sind für mich sowieso seit Ewigkeiten mein ganz eigenes Elixier.

Der wiederum hat wohl hier, hinterm Seglerhafen von Vitte, ihre große Barfußmädchenseele entdeckt und sie nach seiner Fasson in denk- und dankbar freche Verse gegossen. Und nichts scheint mir so naheliegend wie der Gedanke, dass die Insel der Ort gewesen sein muss, wo er „noch ein Seepferdchen war,/Im vorigen Leben… wonnig, wunderbar…“. Nicht, dass solche in den Wellen um Hiddensee von Natur aus siedelten, aber sieht nicht das ganze Eiland in seinen Umrissen aus wie ein trauriges Ringelnass, das seinen Bauch im Bodden badet, der offenen See zwar nicht die Stirn, doch den Rücken bietet und mit der Nase an einem Zipfel von Rügen schnuppert?

Der Tag geht schon auf die Mitte zu. Zeit, sich aus der Vergangenheit zurückzubeamen. Zumal es so ausschaut, als erhielte man heute hier eh keine Audienz mehr.

Ich lasse das verwaiste Anwesen rechts liegen und mache mich auf in die Richtung, aus der Gerhart Hauptmann damals gekommen sein muss. Vorbei an der Polizeistation von Hiddensee, der er damals wohl noch nicht begegnet ist, rauf nach Kloster und weiter zum Dornbusch. Auf die Heide hab ich heute keine Lust, allein schon, wenn ich an meine Riemchenlatschen denke. Am Ende hätte noch eine der dort hausenden Kreuzottern Appetit auf meinen großen Zeh. Und auch den auf der dornbuschigen Höhe neben den Windflüchtern ragenden Leuchtturm ignoriere ich schnöde – keinen Bock auf aussichtshungrige Völkerscharen.

Außerdem: wenn schon Insel, dann bittschön auch Strand. Vielleicht treff ich da ja einen Typen mit knallroten Badeschuhen, einem gelben Tuch um den Kopf und einer bunten Tasche auf dem Bauch…

Ich streune ein bisschen unterhalb der Steilküste herum und himmele die einsamen Sandbuchten an, in die sich nur ein paar Insider verirren. Dort wirst du zum gefühlten Robinson und begegnest nur ab und an einszweidrei Freitags, wie die Natur sie geschaffen hat. Einen Schatzsucher mit gelbem Kopftuch finde ich nicht, aber etwas anderes. Aus einem Seegrasbüschel, der wellengezausten grünen Haarsträhne einer Meerjungfrau, blinkt mich ein winziges gelbes Steinchen an, so klein, dass es vielleicht dereinst schon Kuttel Daddeldus Vater übersehen hat. So klein, dass es nur an dieses haardünne Silberkettchen passt, das ich nun für einen sonnigen Augenblick manchmal um den Hals trage. Ha, ich bin die Bernsteinhexe.

Und als mich diese besungene Inselfreiheit am Ende ganz und gar übermannt, werfe ich mich barfuß bis zum Hals in die Wellen. Die wundern sich nicht, denn sowas sind sie gewohnt, schon ewig. Das Wasser ist saukalt, aber die sonnenbeheizte Sandkuhle danach wärmt mich wieder auf und tut mir sauwohl. Jedenfalls so lange, bis der Sonnenstand in mir alle Alarmglocken anschlägt: Verdammt, die letzte Fähre! Das wird knapp. Ich raffe hastig mein Zivilisations-Outfit zusammen und suche mich, schon unterwegs, an den kürzesten Rückweg zu erinnern.

Es muss mein Glückstag sein. Der Insulaner und Hausherr des Reetdachhäuschens, bei dem ich sicherheitshalber frage, leiht mir ein Fahrrad: „Stell’s nachher an der Fischhalle ab, Deern.“ Stimmt ja, was hatte ich doch schon heute Morgen gelernt?: „In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach.“

Mit Drahteselgeschwindigkeit hab ichs gerade noch geschafft. Das Fährschiff legt ab, sobald ich an Bord bin.

Die Nielsen hat Hiddensee und ihr ‚Karusel‘ gut achtzig Jahre vor mir verlassen – für immer. Das war 1933, als die braune Flut über die Insel schwappte, als Flugzeuge und Lokomotiven anfingen, über sie zu donnern.
„Die dunkelhaarigen, intellektuellen Künstlertypen wurden von kräftigen blonden Männern und breithüftigen Frauen mit Gretchenfrisur abgelöst. Die stampften großspurig und laut über Felder und Wege…. Dampfer legten an und spien ihren Inhalt an „Kraft-durch-Freude“-Fahrgästen über die Wiesen…. I c h hatte dort nichts mehr zu suchen.“
(„Die schweigende Muse“, S. 377/378.)

Das war ein Jahr bevor sie ihrem Freund Joachim Ringelnatz zu den Klängen von „La Paloma“ weiße Lilien aufs Grab legte, ihre Lieblingsblumen, die er ihr immer in die Künstlergarderobe gebracht hatte.

Vor heuer nunmehr vierzig Jahren ging sie dann selbst, ihm nach.

Beim Blick zurück vom Bodden auf den Hafen taste ich nach Astas Buch im Rucksack und dem Bernsteinkrümel in meiner Tasche und denke, dass ich hierbleiben möchte, jedenfalls für länger als nur einen Tag. Und dass es wieder viel zu lange dauern wird, bis ich wiederkomme.

Ach, es ist schon längst mal wieder Zeit für die Insel…

Bilder: A. Nielsen und J. Ringelnatz – aus: Asta Nielsen, „Die schweigende Muse“. Karusel-Tür – Robert Ott, via fotocommunity. Der ganze Rest – mein Inselsammelsurium. Vereinzelte Fremdurheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Berluc: Bernsteinlegende. 1980. V. Album ‚Hunderttausend Urgewalten‘; via youtube.

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PAPER POP! Snackbox-Kopp vs. Suppendose – Andy Warhol lebt!

Februar 23, 2012 um 11:35 pm | Veröffentlicht in 2012, Bastel-Hexe, Bilderhexe, Denk_Mal-Hexe, Drumherum und anderswo, Hex of Pop, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 2 Kommentare
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„An artist is somebody who produces things that people don’t need to have.“

„Everybody’s plastic, but I love plastic. I want to be plastic.“

“Most people in America think Art is a man’s name.”

“I believe in low lights and trick mirrors.”

“Art is what you can get away with.”
(Andy Warhol)

Pop Art für Bastel-Freaks:


Selbige richten Ihren Dank für Paper Pop Bastelfutter bitte an Matt Hawkins, Cartoonkünstler aus Kansas City. Und an Rob Ives, Weiterverwender und Urheber des Wackel-Warhol:

Ein ‚Denkmal‘, das er gemocht hätte, der Andy Warhol, glaub ich. Vielleicht mehr als das Andy-Monument von Rob Pruitt auf dem Union Square vor dem ehemaligen Standort von Warhols Factory? Und mehr als die Andy-Tröpfelbrunnen-Skulptur unweit von dem slowakischen Nest, dem die Erzeuger des kleinen Andrej Warhola den Rücken kehrten, bevor er das Licht dieser verrückten Welt erblickte. Oder als den Kaffeetrinker-Bronze-Andy in Bratislava…

Fragen kann ihn danach leider keiner mehr.
Gestern vor 25 Jahren starb der Godfather of Pop Art.

„I always thought I’d like my own tombstone
to be blank. No epitaph, and no name. Well,
actually, I’d like it to say ‚figment‘.“

Bilder: Andy Warhol – Warhol Fright Wig, Polaroid-Selbstportrait, 1986. Via abc News, Ankündigung einer Ausstellung: “Andy Warhol: Photographer“ at New York’s Danziger Gallery. Paper-Pop-Andy: Matt Hawkins“ – via Custom Paper Toys. Andys monumentales: 1. Rob Pruitt. 2. und 3. PM und Peter Zeliznák – via Wikimedia commons.

…und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin

Januar 31, 2012 um 11:44 pm | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Hexenlieder, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Weißt_du_ noch, Wetter-Hexe | 2 Kommentare
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Sehnsucht nach Meer oder Die Seeräuber-Jenny hieß Lotte

as Dreckswetter bringt mich um. Ich melanchole vor mich hin, lausche dem Regen, der gegen die Scheiben prasselt,und wette mit mir selbst, welcher der abwärts rollenden Tropfen zuerst am Ende meines Spiegelbilds im Fensterglas ankommt. Draußen fährt der Sturm in die Baumkronen. Er zerrt und zaust in ihren wirrren Frisuren und reißt ihnen Zweige aus. Die Wipfel schaukeln gefährlich aus ihrer Achse…

Beim ferientagelangen Ausharren im schaukelnden Ausguck auf Großmutters Apfelbaum wurde ich seetüchtig gegen Stürme und alle Arten von Seekrankheit. Die aus den Nachbarskindern rekrutierte Mannschaft unseres Piratenseglers klaute die Entertaue von Mutters Wäscheboden und schwang an ihnen von den Uferbäumen auf das Kaperschiff im Feuerlöschteich hinüber. Es war weniger ein Schiff, eher ein Floß, das seine langweilige Jugendzeit als Hoftorflügel verbracht hatte, bevor wir es mit Mast und Segel und Totenkopfwimpel auftakelten. Die gegnerische Crew von der anderen Straßenseite wurde mit unseren Holzschwertern in die Knie gefuchtelt und ich war die Seeräuberjenny, die brüderlich-schwesterlich das eroberte Gold der Augustäpfel aus fremden Gärten zwischen den Mitpiraten aufteilte, beschützt gegen Meuterer vom starken Seeräuberhauptmann, dem schwarzlockigen Jungen von nebenan. Ich war eine Piratenbraut wie sie im Buche steht, die ihre widerspenstige Haarmähne mit dem Tuch um die Stirn bändigte und nicht tollkühner aus der Lehre eines Efraim Langstrumpf, Käpt’n der Hoppetosse, oder des karibischen Profis Sparrow-Depp hätte entlassen werden können.

Übrig geblieben von diesem ersten Berufswunsch und der einschlägigen Kleinmädchenkarriere ist später der Traum von einem Ferienhausboot. Nicht so einem alten ausgedienten Kahn, der dick und träge am Schilfrand vertäut vor sich hin dümpelt, sondern einem echten Wasservagabunden unter Segel, heute hier, morgen dort, der die Nase in den Wind hält. Aus dem Traum ist
a u c h nichts geworden, jedenfalls nicht mehr als gelegentliche Kanutouren flussabwärts, in fremdgeborgten Booten, zu Haus und anderswo. —

Heute fahre ich jeden Tag über die Fischerinsel. Ich stehe am Schöneberger Ufer im Stau und quatsche hin und wieder heimlich im Dunkeln mit den barfüßigen Nymphen vom Neptunbrunnen. Manchmal, viel zu selten, haue ich ab. Ich stehle mich davon, düse mit um die 65 Knoten die schlappen paar Seemeilen zum Strand rauf, fädele Fußspuren in den nassen Sand und tunke die Zehen in die Wellen. Und ich kann immer noch das
f ü h l e n, was Einer, der damals seinen und der Seeräuber-Jenny Hafen im Theater am Schiffbauerdamm fand, irgendwann vor Aberjahrzehnten in sein Tagebuch
g e s c h r i e b e n hat: „Komme, was mag, aber am Ende: das Meer!“ …

***

Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden.
Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
Und Sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel…


Die eine bevölkert die Unterwelt von Soho in der Dreigroschenoper. Die andere zuerst ein unbesonntes Arbeiterviertel im sonnigen Wien, fernab vom melancholischen Wiener Charme. Die erste, Jenny, verdankt ihre Existenz zwei Vätern, den Herren Brecht und Weill, die ihr ein Leben in einer trotzig gesungenen Ballade erfinden. Eine Mutter erfinden sie ihr nicht. Die zweite, Lotte, wird auf natürliche Weise von einer Waschfrau geboren. Komplett durchbuchstabiert heißt sie Karoline Wilhelmine Charlotte und ihr Vater ist kein tollkühner Kapitän eines Piratenklippers, sondern der trunksüchtige Wiener Kutscher Blamauer, der sie im Suff regelmäßig vermöbelt. Lottes Kindheit ist freudlos wie das Dasein der Seeräuber-Jenny in ihrer Spelunke.

Und man sagt: Was lächelt die dabei?

Jenny spinnt und singt sich in der Kneipe am Meer ihr Schiff mit acht Segeln in den Hafen, das sie aus dem Schlamassel rausholt. Lotte ’segelt‘ erst nach Zürich, nicht am Meer, lernt aus eigenem Antrieb Balletttanzen und Schauspielerei. Auffrischende Winde wehen sie nach Berlin, fast am Meer, wo sie sich den Kerl angelt, der zwar keinen Totenkopfsegler befehligt, dafür unverwechselbare Musik komponiert und auch die unsterblichen Melodien zur Dreigroschenoper und Lottes Liedern schreiben wird. Der über sie sagen wird:“Sie ist eine miserable Hausfrau, sprich leise wenn du Liebe sagstaber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso. …Meine Frau heißt Lotte Lenya.“ Sie selbst wird nach zwei Jahren wilder Ehe sagen, dass sie nur wegen der Nachbarn geheiratet haben. Die zwei lernen sich beiläufig in einem kleinen Boot kennen. Ob dies für Lottes spätere Piratenkarriere eine Rolle spielt, wird von den Biografen nicht näher ausgeführt.

Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin.
Aber eines Abends wird ein Getös sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Getös?

Theater am SchiffbauerdammJenny und Lotte begegnen sich am denkwürdigen Abend des 31. August 1928, auf der Bühne am Schiffbauerdamm. Die Aufführung der Dreigroschenoper gerät zu einem bejubelten Grandiosum und soll späterhin zum erfolgreichsten deutschen Stück des 20. Jahrhunderts werden. Mackie Messers Moritat, die Ballade vom angenehmen Leben und das Lied der Seeräuber-Jenny erobern Berlin und fliegen im Nu um die Welt. Das Volk erkennt sich wieder und pfeift die Melodien auf den Straßen. „Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral, besser hätte es keiner von ihnen sagen können. das nahmen sie wörtlich.“* Launiges Realpoetikum: die Spelunken-Jenny, die es gar nicht gibt, wird von heut auf morgen berühmt und die lebendige Lotte, die ihr in einziger Manier ihre Stimme leiht – die gibt es gar nicht, jedenfalls nicht im Programmheft der Uraufführung. Sie dort anzuführen wird schlichtweg vergessen. – Achwas, und wie es sie gibt! Sie singt sich an diesem Abend zum Bühnen-Inbild der rachespinnenden Möchtegernpiratenbraut, wird die Protagonistin Weillscher Musik. Und kein geringerer als Brecht höchstpersönlich, auf dessen Urteil die Welt noch heute was gibt, macht ihr für ihre Kunst das schönste Kompliment, das sie sich wünschen kann: „Du hast es so gesungen, wie ich es geschrieben habe.“

Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden.
Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
Und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern

Womöglich ist Lotte ihr Gatte zu wenig piratesk, denn sie brennt später mit einem österreichischen Tenor durch, mit dem sie als Seeräuber-Jenny und im Brecht-Weillschen Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny oder Die sieben Todsünden auf europäischen Bühnen steht und mit dem sie beider Geld an den Spieltischen der französischen Riviera durchbringt. Sie wird geschieden, doch es ist nicht das Ende vom Lied… wenn zwei zusammengehören, die nicht immer miteinander, aber erst recht nicht ohne einander können.

Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird entschwinden mit mir.

Ihr erstes Schiff, auf dem Lotte vielleicht an Deck steht – nicht als Seeräuberbraut, sondern als Passagierin -, ist bestimmt ein moderner Überseedampfer und kein Piratensegler. Vielleicht ist es aber auch ein Langstreckenflieger, der sie zusammen mit Kurt Weill 1935 nach New York bringt. Das Entschwinden ist eine Flucht ins Exil: Weill ist Jude und dazu von den Nazis als Vertreter ‚entarteter‘ Kunst verfemt. Sie heiratet ihn ein zweites Mal. Seine Heimat wird der Broadway und die Amis aoptieren ihn und seine Musik mit fliegenden Fahnen; nach Deutschland hat er keine Sehnsucht und wird nie mehr dahin zurückkehren. Sie tingelt und tourt über die Bühnen quer durch die USA, spielt weiter in seinen Stücken und denen ihres Nachbarn Maxwell Anderson, eines der erfolgreichsten Theaterautoren der 1930er Jahre. Mit dem auch ihr Mann zusammenarbeitet, so an einem Musical zu Mark Twains Huckleberry Finn, das jedoch unvollendet bleibt. Lotte zieht sich später vom Theater zurück, weil sie ihren deutschen Akzent als Handikap erlebt.

Als Weill 1950 gerade fünfzigjährig stirbt, hält lange nur seine Musik und die Erinnerung an ihn Lotte aufrecht. Sie kümmert sich um seinen Nachlass und hält sein Erbe wach.

Und sie kehrt auf die Bühne zurück – als Seeräuber-Jenny. Die teilt, wie sich das für den Broadway gehört, ihr Los dem geneigten Publikum nunmehr in englischer Sprache mit, nach einer Neuübersetzung der Dreigroschenoper, die der berühmte Leonhard Bernstein höchstpersönlich zuvor durchgedrückt hat. Der Riesenerfolg gibt ihm Recht und steht dem vom Schiffbauerdamm in nichts nach.

Und man wird mich sehen treten aus der Tür am Morgen
Und man sagt: Die hat darin gewohnt?

Die Piratenjenny ist in die Jahre gekommen und aus Lottes einstiger Sopranstimme ein eindrucksvoller Alt geworden, rau und bittersüß. Für den und für sie schreibt Wilhelm Brückner-Rüggeberg, Dirigent der Schallplatteneinspielungen von Brecht-Weill-Stücken, die in Deutschland Ende der 50er mit Lotte aufgenommen werden, ihre Songs auf die tiefere Tonlage um. Die Aufnahmen erreichen Klassikerstatus.

Auf ihre alten Tage entert Lotte sogar noch Hollywood. Sie spielt an der Seite von Größen wie Vivien Leigh, bringt es immerhin auf eine Oscar-Nominierung und steigt noch aus dem Piratenmetier in andere Gefilde von knallhartem Abenteuer um: ihre Rosa Klebb, Ex-KGBlerin im James-Bond-Klassiker Liebesgrüße aus Moskau, legt ein Mosaiksteinchen zur Unsterblichkeit. Ebenso wie die Rolle des Fräulein Schneider aus dem Broadway-Renner Cabaret, in der sie Ende der 60er auf der Bühne steht.

Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beflaggen den Mast.

Dass sie nach ihrem Tod 1981 auf einem stillen Friedhof irgendwo im Staat New York begraben wird, ist vollkommen in Ordnung. Sie ist überm großen Teich immer noch bekannter als in Deutschland, New York City hat ihr Berlin ohne Heimweh ersetzt und ein Seemannsgrab war in ihrem Schicksal nicht vorgesehen. Berlin gedenkt ihrer mit dem Lotte-Lenya-Bogen, einer Straße am Theater des Westens.

Nach der Lenya haben andere die Seeräuber-Jenny gesungen, manche davon sich uns in die Seele oder sonstwohin: die Knef oder die Faithfull, die Lemper und last not least das Dresden-Dolls- und überhaupt Enfant terrible Amanda Palmer.

Aber sie war die erste, die anhaltendste, das Original.
Die Seeräuber-Jenny hieß Lotte.

***

Aus dem Regen ist ein kleiner Schneeflockentanz geworden. Mein Spiegelbild im Fensterglas hat zarten Glitter aus Eiskristallen aufgelegt. Draußen fährt ein bissiger Ostwind in die Baumkronen – Liebesgrüße aus Moskau. Er zerrt und zaust in ihren wirrren Frisuren und reißt ihnen Zweige aus. Die erstarrten Wipfelmasten schaukeln gefährlich aus ihrer Achse…

Den mittlerweile ausgewachsenen Seeräuberhauptmann hab ich über zwanzig Jahre später mal wiedergetroffen und mit ihm eine kleine wilde Schatzsuche angefangen. – Wo er sich heute aufhält, ist unbekannt.

***

P.S. Den 110. Geburtstag der Seeräuber-Lotte haben wir hier blogweise um ein gutes Stück mehr als drei Jahre verpasst, die dreißigjährige Wiederkehr ihres Dahinscheidens zum Glück nur um ein paar Wochen – sowas passiert, wenn man seinen Lebensunterhalt mit anderem als mit Schreiben und Bloggen verdienen muss. Andere haben ihrer – und Weills – zeitnah gedacht. Die Fernsehfuzzis von 3sat beispielsweise, mit einer Doku, der sie einen Satz aus Lenyas und Weills Briefwechsel zum Titel gaben: „Sprich leise, wenn du Liebe sagst“. (Sag ich doch, wer seinen Lebensunterhalt n i c h t mit was anderem….)

Und wusste eigentlich jemand, dass die Ballade von der Pirate Jenny Lars von Trier bei seinem Drehbuch für das in Brechtscher Tradition des ‚epischen Theaters‘ gedrehte Metzel- und Vergeltungsdrama „Dogville“ inspiriert hat?
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* Zitat: Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebengeschichte 1921-1931. Büchergilde Gutenberg, 1986, S. 318.
Bilder: Piratenbraut. Sariel, 11.08.2008. Via Fotowelt. Fotos Lenya und Weill – via Kurt-Weill-Zentrum. Theater am Schiffbauerdamm. Postkarte, Trinks & Co., Leipzig – via Pirate Lotte – via. Poster Three Penny Opera/Broadway: Original MGM record jacket – via Threepenny Opera.org. Piratenbraut: Christian Laske (Knippsomat), 02.05.2010 – via fotocommunity.de.
Videos: Seeräuber-Jenny, gesungen von Lotte Lenya im Film „Die Dreigroschenoper“. 1931. Via youtube. Pirate Jenny. Lotte Lenya (BBC tv 1962) – via youtube.

Von Kindern, Zwergen und anderen Größen oder wozu ein paar Kartons alter Briefumschläge gut sind

Oktober 15, 2011 um 11:59 pm | Veröffentlicht in 2011, Bücherhexe, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 1 Kommentar
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Nachträglich zum 70. Geburtstag eines Bildermachers

Auaaaa… Volltreffer. Ich verfluche diesen unsäglichen Reflex, immer schützend den Fuß drunterzuhalten, wenn was von oben runterfällt.

Stöhnend lasse mich auf den Boden plumpsen und rubbele mit der linken Fußsohle tröstend über den rechten großen Zeh, dessen schmerzverzerrtes Gesicht rot anläuft und morgen bestimmt in noch ganz anderen Farben leuchten wird. Dann angele ich mir den staubigen Übeltäter, der sich beim Bücherkramen im Regal hinter der Kammertüre auf mein Hinterpfötchen gestürzt hat: „Alfons Zitterbacke“, fledderig zerlesenes Kinderbuch über einen Pechvogel und Erziehungsversehrten mit Kultstatus aus alten Tagen. Tsssss… na, der passt ja, auch wenns dem (coverseitig) den zweiten ‚Vorderzeh‘ erwischt hat.

Sein illustrierender Zeichnervater übrigens hatte es auch heftig in den Vorderpfoten, begnadetes Talent nämlich, zum Bildermachen. Und er hat Generationen von Dreikäsehochs, wie meiner, nicht nur ihre Lektüre und ihre Kindheit ausgemalt und sie daneben mit eigenen Bildergeschichten gefüttert. Er spielte mit ihnen auch an ihren ganztägigen Aufbewahrungsorten, versüßte ihnen die Auszeiten von erziehungsberechtigten Fehlern, kitzelte aus ihnen die verborgenen Zeichentalente heraus und wurde, nach dem Signum unter seinen Kritzeleyen, von seiner Hauptzielgruppe wahrscheinlich liebevoll der Bofi genannt. Manfred Bofinger.

Als er in einem Interview mal gefragt wurde, welche Bücher, außer seinen eigenen, er den Gören sonst noch empfehlen würde, antwortete er:

„Bei Büchern, die ich nicht illustriert habe, fallen mir auf Anhieb drei ein. Zwei davon sind von Joachim Ringelnatz und die beiden frechsten Bücher, die ich überhaupt kenne: „Das Kinder-Verwirr-Buch“ und das „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ […]. Ringelnatz ist für mich eine ganz große Offenbarung gewesen, sehr früh schon. Den hätte ich gerne kennen gelernt. Das dritte Buch ist „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Und zwar mit den Illustrationen von Frans Haacken.“

Ein Schelm, wer hier nicht merkt, an welchen Würzlein der Bofinger sich genährt hat. Und ein armseliger solcher dazu, in den nicht spätestens nach solchen Statements und Hausheiligenbekundungen wärmste Zustimmung und Zuneigung einziehen.

Dabei hat der ja nie auf Malen und Zeichnen studiert, der Bofi, sondern sich das alles nach einer soliden Handwerkerlehre als Schriftsetzer mit Abi autodidaktisch draufgezimmert. Freilich kam ihm dabei ein Umstand zugute: eine Anstellung 1961 als Typograf beim „Eulenspiegel“, d e r Satirezeitschrift der DDR. Dort hatte er täglichen Umgang mit lauter so Kritzelfritzen. Nachdem von deren renommiertesten einem, Karl Schrader, eines Tages die Ansage erging: „Du zeichnest klasse, und du machst jetzt mal was“, machte er mal was. Und konnte sich bald vor Aufträgen nicht mehr retten. Es kam, wie’s kommen musste – Bofinger machte sich 1968 als Freiberufler selbstständig und ward fortan einer der gefragtesten und beliebtesten Illustratoren weit und breit für Verlage und Autoren mit Humor. Er war Stammillustrator der DDR-Kinderzeitschrift „Frösi“ (praktikabel gewordenenes Kürzel aus deren einstigem Namen „Föhlichsein und Singen“). Und selber schreiben konnte er auch noch. Exemplarisches Beispiel: Der krumme Löffel, biografisch angehauchte Miniaturen einer Kindheit im Nachkriegsberlin.

Belohnt und bekränzt wurde er für sei Tun mit zahlreichen Preisen. Einer der liebsten war ihm der „Schnabelsteherpreis für das frechste Buch des Jahres“, erhalten von den tapferen norddeutschen Buchhändlern für sein „Gänsehautbuch. Ein ABC des Grauens für tapfere Kinder und Eltern“.

Dem „Eulenspiegel“ blieb er, nicht nur für den Karriereanschub, weiterhin treu. Als Dank dafür ‚erbte‘ er bei der Beinahe-Abwicklung und Aufräumungsarbeiten desselben 1990 diverse Kartons voll hässlicher grau-brauner Briefumschläge. Die zum Urknall einer neuen Schaffensperiode und zu Begleitern einer so wunderbaren wie gedeihlichen Freundschaft werden sollten – mit F. W. Bernstein, mindestens westlich des Pecos als Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und i h r e s „Eulenspiegels“, der „Titanic“, bekannt. Lyriker und Karikaturist vor dem Herrn.

Zu dem gefalzt verklebten Altpapier wäre keinem alten Hund was Sinnstiftendes eingefallen – außer zwei Kritzelfritzen, deren Sympathie füreinander von der ersten Begegnung an feststand. Sie begannen unter Verwendung eben jener Umschläge einen abgefahrenen und haltbaren Briefwechsel in Bildern, der von 1991 bis zum Jahr vor dem tragischen Tod Bofingers 2006 andauerte, zwischen ihren Berliner Wohnsitzen hin und her wogte und nicht nur die Deutsche Post in Atem hielt. Mit liebevollem Humor oder bissfester Satire und einer Portion Verspieltheit zogen sie in ihrem eigenen Strich nach Strich und Faden über die Symptome der Welt, des Alltags und des Nebenuns und sogar über sich selber her. Sie ließen nichts aus – ein Fall Realer Poesie, wie er im Buche steht.

„Bei F.W.Bernstein in Steglitz wird die Idee zwischen der ersten Tasse Tee am frühen Morgen und dem vormittäglichen Frühstück geboren und zu Papier gebracht. Anders in Treptow: Bei Manfred Bofinger kommt der Einfall im Laufe des Tages, wird entwickelt, ausgefeilt und dann verarbeitet. Auf diese Weise entstehen wöchentlich oft mehrere gezeichnete, aquarellierte, gemalte und gekritzelte Zeit-Kommentare…“
(Martina Schellhorn. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung)

Was als witzige Gedankenblitze zu Sinn,Un- und Hintersinn des wirklichen Lebens begann, wird bald von beiden in die Form von „Produktionsanlässen“ gegossen: die „korrigierte Weltgeschichte“, „Wenn ich König wär“ oder „Das erste Mal“ u.s.f. Und da die Herren B&B so freundlich waren, ihre Korrespondenz irgendwann öffentlich zu machen, wohnt ein Extrakt davon in einem Exemplar „Ich glaube, du bist dran“ (Hrsg. Bei Rütten & Loening 1995, mit einer Nachbemerkung von Herbert Rosendorfer) in himmlischem Bilderbuch-Querformat bei mir zu Hause. Ein weiteres hab ich mal an einen lieben Freund, der damit was anfangen kann, hergeschenkt und zur Adoption freigegeben.

Mich haben Bofingers Illustrationen, Karikaturen, Bilderbücher und Typospielereien weit über das Zopfmädchenalter hinaus begleitet, eigentlich bis heute. In der Bofi-Abteilung meiner Bibliothek trifft Einstein mit der Geige auf Herrn Dickbauch und Frau Dünnbein oder Darlingsratte mit Anhang, und der Punk-Welpe seufzt den Zeiten nach, als Papa noch Pirat war. Kinder, Zwerge und andere Größen ziehen in geschlossener Front an zwei Männern beim Betrachten des Mondes vorbei und Graf Tüpo stattet ein paar sommersprossigen Lausejungs mit frecher Nase und Dreiangel in der Hose, die im Dicken Bofinger-Buch herumlümmeln, einen Besuch ab.



Bofis Darlingratte

Die gefährliche Körperverletzung an meinem großen Zeh durch Alfons Zitterbacke habe ich inzwischen fast vergessen. Beinahe zärtlich wische ich mit dem Ärmel den Staub vom Einband und stelle das Buch zurück zu den anderen. Nicht weit weg von meiner letzten einschlägigen Erungenschaft, dem Berliner Bilderbuch brominenter Bersönlichkeiten,
n o c h einer Gemeinschaftsproduktion der Herren B&B. Hinter dessen schnuckligem Oktav-Format des Zweitausendeins Verlages auf fast 600 Seiten sich… nein, keine Einführung in die Besonderheiten des sächsischen Dialekts und harten „B“ verbirgt, sondern die Entdeckung des Urberliners Bofinger und Wahlberliners Bernstein alias Fritz Weigle, dass das Gros aller Berühmtheiten – wie sie selbst – mit Doppel-B anfängt: von Bertolt Brecht über Buffalo Bill oder BarBie bis Bablo Bicasso.

Benno BessonBio BauerBiermösl Blosn

Dass sie diesem brägnanten Bunkt mit bointierten Bortraits in Hülle und Fülle und in ihrer ureigenen Manier begegnen mussten, versteht sich ja wohl von selbst.

*

Letzte Woche wäre er 70 geworden, der Bofi. Von einem Leben nach dem Tode zeugen in seinem Fall nicht nur seine putzmuntere Präsenz in den treuen Händen der Leser und Gucker, sondern aktuelle Neuerscheinungen, in denen er mit seinen Bildern immer noch vorkommt. Und es wird gemunkelt, dass Eltern mit ihren Zopfmädchen zu seinem Grab mit Spreeblick auf dem verträumten alten Stralauer Friedhof pilgern und ihnen dort ihre sorgsam gehüteten Bofi-Kinderbücher vorlesen.

Ich glaube, das hätte ihn gefreut.

Bilder: Briefumschlag – entliehen bei der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. B&B-Foto: Harald Hirsch, auch von da. Bofis Grab mit Spreeblick – via Friedrichshainer Chronik: Friedhof am Wasser. Die andern: von den Genannten ‚vorproduziert‘, teilweise von mir eigenhändig _ab_geknipst und abgekupfert. 😉

Jotwede mit J. W. G. oder Wanderins Nachtlied

September 8, 2011 um 10:22 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fremd-Worte, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Spielwiese, Unnützes Wissen, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Update zu Die Lieb, die Lieb – mit Preisrätsel


Ilmenau ist ein Städtchen im Thüringischen. Außer den Einwohnern selber vielleicht noch Inland-Touris und Wanderfreaks, ein paar tausend Studenten der ansässigen Uni und drei, vier Handvoll Goethefans bekannt.

Mich verbinden mit dem Städtchen vor allem zwei Erinnerungen.
Die erste ist eine traurige: die Nachricht vom Selbstmord eines früheren Schulkameraden, hoffnungsvolles Mathematikgenie und Wahl-Ilmenauer, der uns Jugendfreunde damals tief erschüttert und mit tausend Fragen zurückgelassen hat. Die zweite hat noch ein Viertelleben mehr auf dem Buckel und ist nichts weniger als traurig, höchstens mit einem Wölkchen Wehmut betaut: an einen heißen Frühsommertag und eine übermütige, unbeschwert gackernde Horde Teenager, die, den Kopf voller Unsinn und Flausen und schon diverse Kilometer unter den Hacken, die Höhe des Ilmenauer Hausberges Kickelhahn erklomm. Klassenfahrten reichten dazumal noch nicht bis Rom oder London oder Lloret de Mar.

Der Weg aufwärts war einigermaßen steil und zog sich hin, wodurch der Übermut der jungen wilden Flachländer zunehmend abnahm, und die kurz vor dem etwas fußlahmen Sturm des Gipfels passierte Bretterbude versetzte außer mir kaum noch einen in Ehrfurcht. Verschwitzt und von der Hitze geschafft, schleppten sie sich daran vorbei und den meisten war es längst latte, dass sie hier auf Goethens heiligen Pfaden wandelten.

Der nämlich war in seiner Funktion als Bergbauminister von Sachsen-Weimar-Eisenach recht häufig an den Steinkohlengruben um Ilmenau, in seiner Funktion als herzoglicher Freund, Wanderer, Zeichner und Dichter auch des öfteren hier oben auf dem Kickelhahn. Und in eben jener grad etwas respektlos titulierten Bretterbude, die seinerzeit eine Jagdhütte war und heute respektvoll das Goethehäuschen heißt, schrieb er die Verse seines unsterblichen

Wandrers Nachtlied – Ein Gleiches:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Und zwar ein Gleiches zu Wandrers Nachtlied an Charlotte von Stein:

Der du von dem Himmel bist,
Alle Freud und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Er schrieb sie mit Bleistift auf das Holz der Wand neben dem Fenster, in der Nacht vom 6. auf den 7. September – also just gestern auf den Tag genau vor… ja, wieviel Jahren eigentlich?

Na, vor 231 doch – oder? Moooment, also bevor hier einer anfängt zu grinsen über Unwissenheit und Dummfragen, wo schließlich der 6./7. September 1780 als offizielles Entstehungsdatum einschlägig gehandelt wird, frag ich mich doch einfach mal so: wie selbiges Wandrers Nachtlied dann auf die Wand einer Hütte erfunden sein soll, die, so man den Chronisten und der im Goethezeitportal dokumentierten Inschrift-Unterschrift von Goethes höchsteigener Hand glauben darf, auf Betreiben des herzoglichen Carl August erst im Sommer 1783 auf den Berg gestellt wurde. D a n a c h wären es jetzt genau 228 Jahre. Die mir dereinst herzwarm übereignete achtbändige Tempel-Klassiker-Ausgabe ist für solcherart Spitzfindigkeiten leider zu unkommentiert. Und nicht world wide Wandrers-Nachtlied-Experten noch Goethezeitportal scheinen, so meine emsige www-Kramerei, über die munter und unbekümmert nebeneinander publizierten zwei Jahreszahlen zu stolpern. Jedenfalls hab ich bislang kein Sterbenswort dazu gefunden.

Oder sollte ich irgendwas übersehen haben und bin nur zu dämlich, das kleine Rätsel aufzudecken? Wenngleich es ja dem über die stillen Wipfel und schweigenden Vögelein hin singenden Wandrer eigentlich herzlich schnuppe sein kann, wann und ob er auf diesem Gipfel das Licht der Welt und das Dunkel der Nacht erblickt hat; es tut seiner minimalistisch-sinnschweren Schönheit nicht weh. Aber ein bissel neugierig ist man schon, wo doch sonst jeder Japser vom J. W. G. tausendfach zurechtgedeutet wurde. Auf, auf, Goethe-Kenner und -Forscher, erleuchtet mich!

***

Ein wenig eitel war er aber schon, der alte Geheimrat, oder? Denn 1813 hat er die Verse in der Hütte nochmal für die Nachwelt nachgemalt. Was in diesem besonderen Fall allerdings nur begrenzt genützt hat. Denn abgesehen davon, dass Grabräuber… öh, Souvenirjäger nachweislich versucht haben, sie aus der Wand zu sägen, brannte das originale Goethehäuschen auf dem Kickelhahn am 12. August 1870 nieder, als ein Trio Nachtliedwanderer darin ein romantisches Lagerfeuer abfackelte:

„Durch starke Regengüsse wurden die Leute durchnässt; sie beschlossen, als der Abend herbeikam und sie das genügende Quantum von Beeren noch nicht zusammengebracht hatten, ihre Heimath auch zu entfernt war, in dem stets offen gehaltenen Goethehäuschen zu übernachten und ihr Geschäft dann am andern Morgen fortzusetzen. Sie gingen nach dem Goethehäuschen und nahmen Besitz von dem obern Raume, in welchem sich eben das Goethe’sche Manuscript befand. Dort entzündete ein Mann auf einem kleinen Estrichguss, worauf früher ein Ofen gestanden, ein Feuer, um die nassen Kleider zu trocknen und die frierenden Glieder zu wärmen. Als die Leute am andern Morgen früh gegen fünf Uhr das Häuschen verließen, glimmten noch Kohlen auf der Feuerstätte und es stieg noch schwacher Rauch auf. Um diesem Abgang zu verschaffen, öffnete derselbe Mann, der das Feuer angezündet hatte, beim Weggange ein Fenster und ließ die Thür offen stehen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Fahrlässigkeit jenes Mannes die Ursache des Brandes geworden, indem durch den hergestellten Luftzug das noch glimmende Feuer angefacht worden ist, welches dann das dürre Holzwerk entzündet haben mag. […] Vom großherzoglichen Kreisgericht Arnstadt wurde der Schuldige wegen fahrlässiger Brandstiftung zu zwei Monaten Gefängnis verurtheilt.“

Julius Keßler, Ein deutsches Heiligthum und sein Untergang. In: Die Gartenlaube, 1872, No. 40, S. 656-658.Abbildung S. 657, Zitat S. 657f. (Von mir entliehen aus dem vielzitierten Ihrwisstschonportal.)

Das Hüttlein wurde recht umgehend durch einen Verein für die Verschönerung Ilmenaus originalgetreu wieder aufgebaut und beherbergt heute neben einem Faksimile der goetheschen Inschrift unter Glas auch Wandrers Nachtlied in 15 Sprachen.

Unser alter Dichterfürst selber konnte sich offenbar nur schwer von seiner realpoetischen Graffiti und Eingebung trennen. Kurz vor seinem Tod, auf seiner letzten Reise nach Ilmenau, war er 1831 nochmal oben in der Hütte auf dem Kickelhahn, um nachzuschaun, ob sein Verslein noch an der Wand stünde. Seinem Freund und Begleiter jenes letzten Aufstiegs, dem Geologen Johann Christian Mahr, verdanken wir die Unvergänglichkeit dieses rührseligen Moments des greisen Goethe – und, in mittelbarer Täterschaft, unzählige KitschPostkarten mit dem weißhaarigen Alten auf dem Berge:

„Goethe überlas diese wenigen Verse und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: „Ja warte nur balde ruhest du auch!“, schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald, und wendete sich darauf zu mir, mit den Worten: „Nun wollen wir wieder gehen.“
(Zit. n. Wulf Segebrecht: Johann Wolfgang Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und seine Folgen. Zum Gebrauchswert klassischer Lyrik [Reihe Hanser. Literatur- Kommentare; 11] München: Carl Hanser 1978, S. 37f. Über den „Kult des Ortes“ S. 34-45.)

Nachzulesen auch unter ‚Orte und Zeiten in Goethes Leben‘ im womöglich von mir schon erwähnten Goethezeitportal auf der Kickelhahn-Seite von Jutta Asser und Georg Jäger. Auf der die Zwei auch liebevoll eine Sammlung besagter Postkarten zusammentragen, an denen ich mich ‚zu bildenden… [und] kulturellen Zwecken‘ mal frech bedient hab.

Aber nun hocke ich hier mit meinem kleinen großen Rätsel vom Kickelhahn.
„Über allen Gipfeln
ist Ruh…“?

P.S. Für goethegestützte, kluge, witzige und/oder kreativ-originelle Lösungen bin ich bereit, einen kleinen Preis zu stiften. Nix aus meiner nicht grad überüppigen Goetheiana – die brauch ich selber. Aber auch halbwegs un-passend: eine Sammlung Boring Postcards USA, besorgt durch Martin Parr, würd‘ ich mir vom Herzen reißen. Etwas angegilbt und angegrabbelt, dafür als sauber gebundenes Büchelchen. – Wer also sowas mag…

P.P.S. Bei plötzlicher und unerwarteter Kommentarflut in Form von Antwortvorschlägen entscheidet über die Preisvergabe das Stiftungskomitee, bestehend aus – mir. Trostpreise: von der Hex‘ handsignierte Kitschpostkarten zu willkürlichen Themen.

Der Soundtrack kommt heute mal wieder alternativ daher: als Wanderlust…, ach nee, Wonderlust King, zwar nicht von Goethe-, aber von G o g o l Bordello:

Na gut, wer’s doch lieber klassisch mag, der lausche halt hier rein. (Obwohl: kann eigentlich einer der so unbändig wie entwaffnend lärmenden Lebenslust der Bordello-Bande widerstehen?) 😉

Bilder: Goethe Kari-kopf: Christof Stückelberger, ©2011. Aus: Goethe sucht nach des Pudels Kern; via. Kickelhahn-Schild: via ilmenau himmelblau. Goethehäuschen: Daniel Beyer, 14. Mai 2004, via Wikipedia. Faksimile der Wandinschrift – via Goethezeitportal. KitschPostkarten: ebenda. Kickelhahn-Panorama: Michael Sander, 23. August 2006. Via Wikipedia. Goethegestützt: Reiner Schwalme – via.
Video: Gogol Bordello: Wonderlust King vom Album „Super Taranta“, 2007. Via youtube.

Lass irre Hunde Hymnen heulen. Liederreise

April 17, 2011 um 5:33 am | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Blogbesuche, Geschichtsbuch, Kultur, Lieder-Hexe, Puzzle-Hexe, Real-Poetisches, Real-Politisches | 2 Kommentare
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Vergessene Erinnerung an/in Volks- und Liedgut und Update zu eines Wolfes Heulen

Hach, auf was für komische Sachen man doch kommt, wenn man auf dem Blogkahn, auf dem man ja auch selber angeheuert hat, mal wieder unter Deck kriecht und beim Schiffsschreiber in der Kajüte vorbeischaut. Der lässt heuer statt Salty Dogs irre Hunde heulen und bringt mich damit ins Grübeln.

Wie der DDR-Film von dem unzüchtigen Musiklehrer hieß, fällt mir allerdings auch nicht mehr ein. 😉
Wohl aber, dass das mit dem Melodeien- und Liederverwirbeln und -verquicken auch an anderen Orten kein Zufall sein kann, sondern mitunter sogar pure Absicht bis hin zu unterbewusster Kryptomnesie dahinter steckt. Nehmen wir ein Beispiel aus einem etwas speziellen Genre von ‚Volksmusik‘. Selbiges liegt auf den zweiten Blick weniger abseits von den beim Wolf benannten Schwurbelfällen im deutschen Volksliedgut, als es auf den ersten scheinen mag. Hat doch der Urheber des Beispiels, Hanns Eisler, das offiziell dereinst gewichtigste seiner hier betrachteten Lieder selber – wie ironüsch oder nicht – sein „neues deutsches Volkslied“ genannt.

Komprimiert gehört hab ichs, glaub ich, mal vor ein paar Jahren in einer Radiosendung, den Sender weiß ich leider nicht mehr. Der Eisler ist ja, wie manch einem vielleicht noch geläufig, neben anderem ziemlich zeitgleicher Kompositor der als parallele Bewerber zur DDR-Nationalhymne aufgestellten „Auferstanden aus Ruinen“ (vom dazumaligen DDR-Kulturminister J. R. Becher) und „Anmut sparet nicht noch Mühe“ (der besseren [sic!] und als Kinderhymne bekannt gewordenen von Bertolt Brecht). Und kann in der Vertonung von beiden im Metrum der alten Kaiserhymne und des Deutschlandliedes gehaltenen Exemplaren als hintersinniger wie sinnstiftender Zitierer von Musik geoutet werden.

Nicht nur, dass er in der Klavierbegleitung zur zweiten Strophe der „Kinderhymne“ (hier von ihm selbst gesungen) die Anfangstakte der offiziellen DDR-Nationalhymne anklingen und jeden Schelm sonstwas dabei denken lässt. Es sind vor allem eben diese ersten sieben (Er)Kennungstakte (nach dem ‚Vorspiel‘) der Staatsmusik nicht erst von ihm erfunden. Er hat sie vorsätzlich oder aus dem Unterbewusstsein und zur historischen Stimmung der Entstehungszeit durchaus passend aus Beethovens Tonfolge von Clärchens Lied „Freudvoll und leidvoll“ aus Goethens Egmont verwurstet. So denn dieses schnodderige Verb angesichts des pathetischen Gegenstandes überhaupt zulässig ist.

Falls einer nun glaubt, dass wir damit den eigentlichen Urheber für den takt-vollen Auftakt des Nichtmehrlandhymnus ausgemacht haben, so irrt sich der. Denn er wird wie wir aufhorchen, wenn er mal in den Anfang des Adagio ma non troppo aus dem von Meister Mozart höchstselbst komponierten Streichquintett g-moll, KV 516 hineinlauscht. —An weitere in dem Rundfunkbeitrag aufgeführte prominente Mehrfachverwender des augenscheinlich und verblüffend populären Sieben-bis-acht-Takte-Melodiemotivs (ich glaub, sogar Mendelssohn Bartholdy war dabei) kann ich mich nicht mehr recht entsinnen und spare mir dazu hier lieber halbgewalkte Weisheiten. Aber es verwurzelt sich der Verdacht, der Wolf könnte in seinem oben getrackten Volksliedbeitrag viel mehr, als man ahnt, ins Schwarze getroffen haben, dass es Melodien gibt, die auf Bäumen gewachsen scheinen, bis sie einer pflückt und erklingen lässt. Und wer es war, weiß dann keiner mehr so wirklich, denn es ist ja keiner dabei gewesen. (Sowas heißt dann Kryptomnesie, vergessene Erinnerung, in der sich der Pflücker für den Schöpfer selber hält. 😉 )

Was das Verschwurbeln von Text und Musike angeht, so kann die benannte nationale Hymnusiana also locker mit dem wahren Volksliedgut mithalten. Und es wäre müßig, sich darüber zu wundern, dass vom Deutschlandlied bis zur Brechtschen Kinderhymne alle drei Texte sich in ihren zum Zelebrieren gebauten vierhebigen Trochäen mühelos auf jede der drei daraufgegeigten Melodien singen lassen. Ein einschlägiges Beispiel ist – nicht von ungefähr – dieses hier, die Ermunterung, nicht Anmut noch Mühe zu sparen auf Haydns wohlbekannte Tonfolgen:

(Denn einige unter uns, deren Gedächtnis weniger zum Vergessen neigt, können sich vielleicht sogar nicht nur daran erinnern, dass nach dem Wegplanieren einer Mauer selbige bröckchenweise nach Übersee verhökert wurde. Sondern auch noch an die bisweilen recht lebhaften Dispute und Verbesserungsvorschläge um einen dem Ereignis adäquaten Hymnus, von dem man zur Abwechslung auch mal a l l e Strophen singen könnte, ohne der Volksseele in irgendeinen Fettnapf oder dem Rest der Welt in die Seele selbst zu treten.)

Zu guter Letzt noch zwei Kuriosa in Sachen Kryptomnesie und Urheberrecht, das eine im heutigen Kontext mehr, das andere eher weniger lustig:

Kennt eigentlich einer aus der Generation Blogger noch Peter Kreuder? Nicht? Nun, auch das ist heutzutage keine Bildungslücke mehr. Deutsch-Ösi wie der Eisler auch, seinerzeit ein berühmter Unterhaltungs- und Schnulzenkomponist. Hat Filmmusiken geschrieben, u.a. die Zwischenmucke für den „Blauen Engel“, Musicals für Zarah Leander und Jopi Heesters. Liegt heute auf dem Ostfriedhof in München. Auch das Lied „Goodbye, Johnny“, ein schräger, überdies politisch nicht ganz lupenreiner Schlager, den zuerst Hans Albers in dem Dreißigerjahreschinken „Wasser für Canitoga“ und seinen Solonummern und späterhin auch die Knef berühmt machten, stammt aus seiner Feder. Als Kreuder Jahrzehnte später auf einmal die Übereinstimmung der ersten Takte der DDR-Hymne mit seinem alten Hit feststellte, plante er eine Klage gegen Eislers Erben, um sich die Rechte und Tantiemen an der Nationalhymne zu sichern. Doch wie oben schon festgestellt, liegen die Urquellen der Melodei offenbar im Dunkeln der musikalischen Menschheitsgeschichte. Über den Ausgang der Sache schweigt des Chronisten Höflichkeit: kryptomnesisches Schöpfertum ist bekannt, von einem Urheberrechtsprozess gegen Eislers Erben hingegen nichts.

Das kleptomanisch-kleptomnesische Gegenstück: die amerikanische Medieninformatikerin und Berliner Hochschulprofessorin Ms. Debora Weber-Wulff stellte dem geschassten Dissertationsplagiaten von und zu Karl-Theodor die vorsichtig-umsichtige Pressediagnose aus, er könnte womöglich beim Doktor-Werden unter Kryptomnesie gelitten haben. Sagt da eine, deren zweite Profession die Aufdeckung fremden Federnschmucks in der Wissenschaft sein soll? Etwa gar noch mit einem versteckten Und-sie-wissen-nicht-was-sie-tun-Verweis auf das Wirken hoher Poltiker?
Booah, da bissu feddich mitte Welt, wa.

Danke, Wolf. Für ’ne vergessene Erinnerung.

Videos: Lilli Lehmann: Clärchens Lied „Freudvoll und leidvoll“ aus der Bühnenmusik zu Goethes „Egmont“ von Ludwig van Beethoven. Aufnahme vom 29. Juni 1906, Berlin. Via youtube. „Anmut sparet nicht noch Mühe“ von Bertolt Brecht auf J. Haydns Melodie des Deutschlandliedes, aufgeführt vom Gymnasium Neufeld im November 2009. Via youtube.
Bilder: Schwurbelbaum – Foto von layer, März 2009; via stern.view.de. Hans Albers -selbercollagiert aus Fotos via Hamburg-Radio.

Buried alive in the Blues

Oktober 17, 2010 um 5:26 am | Veröffentlicht in Drumherum und anderswo, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Sound des Monats, Träller-Hexe | 8 Kommentare
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“Janis starb an einer Überdosis Janis.”
(Eric Burdon v. “The Animals” über den Tod von Janis Joplin)

JanisSeit dieser Tage nun schon wieder vierzig Jahren lernen wir, was aus einsamen Mädchen nach ausgiebiger Lektüre des Time Magazine werden kann. Vorausgesetzt, sie haben hemmungslosen Bluesrock in der Kehle, Dynamit im Herzen, und eine wilde Sehnsucht im Bauch.

Mit Siebzehn lief sie von zu Hause fort. Mit Achtzehn sang sie in verrauchten Folk-Kneipen und tingelte durch Los Angeles. Mit Neunzehn kellnerte sie durch Louisiana. Als sie Dreiundzwanzig war, wurde sie als Frontlady von Big Brother And The Holding Company in San Francisco eingekauft. Ein Jahr darauf war sie berühmt.

Cry Baby

Zwei Alben später pilgerte sie nach Nepal, wie es sich für ein Hippie-Mädchen gehörte. Und wovon sie der Welt sang „… Honey, the road’ll even end in Kathmandu.“ Natürlich mischte und kiffte sie in Woodstock mit – wohin ein Hippie-Mädchen gehörte. Wenn auch ausgerechnet dort mit mäßigem Auftritt.

Sich anpassen und Kompromisse machen war niemals ihr Ding. Das Mikro in der einen, die Southern Comfort-Flasche oft genug in der anderen Hand, pöbelte und fluchte, sang, schrie und flüsterte sie sich mit der Naturgewalt ihrer Stimme und ihres Temperaments über die Bühnen. Das Publikum jubelte und kreischte und lag ihr zu Füßen und sah nicht die Zerrissenheit der Seele dahinter. Nicht die Einsamkeit, aus der sie in die Freiheit ausgebrochen war. Und die sie trotz allem immer wieder einholte. Wirklich nicht? – Schließlich war aus all dem ihre Musik. Und ihre Zeit.

Sie ließ auf das anonyme Grab ihres heiß verehrten Idols und Vorbilds Bessie Smith einen Grabstein setzen, kurz bevor sie selber einen brauchte. Bevor sie 15 Monate nach Brian Jones, nur ein paar Tage nach Jimmy Hendrix und nicht mal ein Jahr vor Jim Morrison so prominentes wie honores Mitglied im Forever 27 Club wurde.

Die Vokalspur von “Buried Alive In The Blues” auf dem Album Pearl ist leer. —Sie warteten im Studio auf sie an diesem Oktobertag 1970. Doch sie kam nicht. Fand nicht mehr heim von der Suche nach Freiheit in einem bunten Traum aus Heroin und psychedelischen Farben wie die ihres Cabrios – nie mehr.

Live fast, love hard, die young – Janis tat es. Als hätte s i e den Spruch erfunden, um ihn wörtlich zu nehmen. Mit dem Traum, in dem sie verloren ging, versank eine Ära, deren Idol sie wurde.

Seit 1995 lassen sie sie in der Rock and Roll Hall of Fame wohnen. Doch in Wirklichkeit brandet sie jeden Tag mit den Wellen an die Küsten des Pazifik, in den ihre Asche gestreut wurde. Wie ihre Stimme und ihre Songs nicht aufhören, in unsereins hereinzubranden.

Na, kleines Konzert gefällig? 🙂

Und als Bonustrack noch einer von meinen liebsten, der Me and Bobby McGee (sogar vom alten Countrydrescher Kristofferson eigenhändig geschnitzt), youtüblicherseits leider wiedermal vermieden. Als ob das noch irgendwen wunderte.

Bilder: Janis Joplin 1 + 4: Via Last.fm. Janis Joplin 2: Via dimas-cobain auf photobucket. Janis Joplin 3: Jim Marshall, 1968. Via morrisonhotelgallery.com.
Videos: von RFalangi, Sincro, korkhammaregon und reggaegirl1982 auf youtube. CC-Lizenz.

Dann kam die Flut

August 20, 2010 um 11:55 pm | Veröffentlicht in 2010, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Kultur, So Momente halt..., Weißt_du_ noch, Wetter-Hexe, Wurzel-Werk | 3 Kommentare
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Alter Park mit nassen Füßen und ein paar angeschwemmte Erinnerungen

„Es ist eine sehr missliche Aufgabe, Felsen zu machen.“
(Hermann Fürst von Pückler-Muskau. In: „Andeutungen
über Landschaftsgärtnerei verbunden mit der Beschreibung
ihrer praktischen Anwendung in Muskau“. 1834)

Du ahnst nicht den Augenblick, in dem Vergangenes dich einholt…

Die Erinnerung des kleinen Mädchens von damals weiß nichts von der Angst vor herantosenden Flutwellen, in denen Haus und Hof untergehen. Der Fluss war sieben Kilometer weit weg und Hochwasser gab es nicht – damals. Und wenn es welches gab, dann als Überschwemmung auf untergegangenen Wiesen, einmal im Jahr. Ertrunkene Wiesen waren was Wunderbares. Sie lagen am Weg von der Schule nach Hause und machten, dass die Strecke von sonst so zwanzig Minuten sich zu Stunden auswuchs. Und sie tranken die Zeit, die nassen Wiesen, während das Mädchen zusammen mit dem Jungen von nebenan am Ufer der neuen Seen auf dem Bauch lag, nach treibenden Holzstückchen fischte und Papierboote aufs Wasser blies. Oder Schuhe und Strümpfe an den Wegrand warf und zur Expedition Tiefenmessung über das glitschige Gras in die halbmetertiefen Fluten watete. Dort roch es herrlich nach Sumpf und Matsch und Algen und der Schulfreund fing ihm winzige Frösche, die es sich selbst nicht anzufassen traute und die sie in die gelbe Brotbüchse sperrten. Doch irgendwann musste es nach Hause, erspähte mit Bangen schon von weitem die wütende Großmutter am Hoftor, die über das kalt gewordene Essen, die Schuhe in der Hand und den triefenden Rocksaum wetterte und Hausarrest verhängte. Vor dem es noch heimlich-hastig den Inhalt der Brotbüchse in die Gartenregenwanne freizulassen galt. Bedauernswerte Oma. Denn am nächsten Tag war wieder Schule. Und Heimweg. An den Wiesen vorbei…

Im Park
Die Erinnerung des großen Mädchens von damals kennt noch den Park mit der Ruine vom rot-weißen Fürstenschloss. Der Park war sieben Kilometer weit weg und es ist immer trockenen Fußes dort hinein – damals. Den Fürsten selber kennt sie nicht mehr. Der war da schon lange tot und dem Mädchen auch sonst nicht sehr gegenwärtig. Dass der olle Von und Zu, seinerzeit noch überaus ansehnlich und lebendig, nicht minder lebendige “Briefe eines Verstorbenen” für die Nachwelt schrieb, die sogar den Dichterfürsten Goethe vom Hocker rissen, erfuhr es erst Jahre später. Aber es dankte ihm für seine Landschaftsgärtnerei mit ihrem eigenen Zauber und den vielen romantischen Verstecken, die wie geschaffen waren für erstes unbeholfenes Knutschen im Dunkeln mit dem Jungen von nebenan und heimliches Erwachsenwerden mit mehr und Ungestümerem als nur Händchenhalten. Wird schon seinen Grund gehabt haben, dass dem alten Windhund und Schwerenöter solche Parkwinkel eingefallen sind. Ist der doch schließlich ungehindert seiner angetrauten und lebenslang geliebten ‚Schnucke‘ Lucie, Fürstin von Pückler-Muskau, geschiedene von Pappenheim, geborene von Hardenberg, die ihm Fels in der Flutwelle Brandung war, längst nicht nur Bettine von Arnim und der gefeierten Operndiva Henriette Sontag nachgestiegen.

Mit der großangelegten Landstricharchitektur hat er sich allerdings pekuniär übernommen, der fürstliche Gärtner. Was ihn zum Verkauf derselben zwang, zur Scheinscheidung von der ‚Schnucke‘ und emsiger Reisetätigkeit zwecks Suche nach einer reichen Braut bewog und ihn schlussendlich nach Branitz weiterziehen ließ. Wo er sich sogleich über die nächste Parkdesignerey hermachte. Das mit der reichen Braut aus England hat ja nicht so geklappt, wie man weiß. Was wiederum auch so tragisch nicht und keine verlorene Zeit war, da er dadurch nicht nur Charles Dickens höchstpersönlich kennenlernte, sondern zugleich seinen Durchbruch und rauschenden Erfolg als briefeschreibender Reiseschriftsteller zementierte.

Ganz nebenbei stiftete er mit der Beschreibung des Landschaftsparks von Warwick auch noch des Mädchens hausheiligen Edgar Allan Poe zu seinem – leider nur semibekannten – “Park von Arnheim” an. Eine persönliche Begegnung der beiden Genien verhinderte dereinst womöglich nur ein Duell des Fürsten, das ihn das Schiff für die Überfahrt nach Amerika verpassen ließ.
— Und das große Mädchen von heute fräße einen Besen, wenn Mr. E. A. Poe bei seinem Schöpfer des Parks von Arnheim, einem unermesslich reichen Mann, der sein ganzes Vermögen auf den Kopf haut, seine Umgebung für sich in eine schöne Idealwelt zu verwandeln, nicht ein bisschen auch an den Muskauer gedacht hat. Den hat irgendwer einmal einen Meister der Verschwendung und das ostdeutsche Gegenstück zum ‚Märchenkönig‘ der Bayern, Ludwig II., genannt. Doch endete er ohne Frage weit glücklicher als dieser.

Sein Englischer Park in Bad Muskau und auf dem polnischen Neißeufer gehört heute zum Weltkulturerbe, zu Recht, doch davon ahnte das Mädchen von damals nichts. Aber es hat nichts dagegen, selbst wenn das der Stille dort einigen Abbruch tut.

Auch inzwischen richtig große Mädchen ahnen nicht den Augenblick, in dem Vergangenes sie einholt. Bis unversehens ein alter, schöner Fürst Park mächtig nasse Füße kriegt.

Denn dann kam die Flut. Vorletzte Woche…


… und wie! Der Fluß läuft über.
Die Neiße brodelt
Die Brücke hält – zwischen zwei Ländern unter.
Wasser-Straße, Bad Muskau Ortsausgang
Wasserstraße. Trockene Füße: nach sieben Kilometern.
Land unter - GrenzpfostenWasser Marsch - "Flutweiser"
Grenzen verschwimmen, zum Glück gibts Wasserwegweiser.
Der Flut trotzen
Von Baum zu Baum: „Scheiß auf nasse Füße! Durchhalten, Jungs, wir trotzen der Welle.“
Wasser - sie stehen vor den Toren! No pasaran!
Der Feind steht vor den Toren! Bis hierher und nicht weiter.

Radlos ans Wasser. Ratlos am Wasser?

Blick auf die Freischwimmertreppe.

Unterwasserbrücke.
"Strand"bank
Land unter. Bank auch.

Auch wenn es so aussieht: Nein, der Fürst hat jetzt keinen Swimmingpool. Dafür Wasser im Keller…

…und Strand vor der Türe.

***

Der einschlägige Soundtrack ist heute von Witt und Heppner und außerdem vom Globalwahlsender Google videos. Weil – wie’s mir einer jüngstens so dolle treffend (und falls ichs nicht längst selber wüsste) auf den Punkt brachte – sich immer wieder erweist, „ein wie mächtiges Instrument zur Unterbindung von Musik dieses youtube ist“.

Bilder: Pückler-Frauen: Via Frank Kirchhoffs Fürst-Pückler-Seite. Park Bad Muskau – Schlossteich. Panorama: Via Manuel Dahmanns Kubische Panoramen. ‚Flutwelle‘ und ‚Grenzpfosten‘: dpa. Alle Flutbilder vom Park und Bad Muskau: via badmuskau.de. Rest: Sag ich nicht. 😉
Video: Die Flut. Witt und Heppner: Google video.

“Manche leute werden auf flußpferden geboren…”

Dezember 6, 2009 um 10:31 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Hexenritte, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Spinnweben | Hinterlasse einen Kommentar
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Er selbst hingegen kam
“auf einem baum (oder in einem baum) der gemarkung Kürthal nahe
dem weiler St. Achatz am Walde zur welt…[…] Ich bin das kind aus
der verbindung einer wildente und eines kuckucks und verbrachte
meine jugend in den dichten laubwildnissen der buche und der linde;
meine eigentliche menschwerdung vollzog sich erst später nach den
ersten kinobesuchen, nachdem ich mich ziel- und absichtslos fliegend
in eines der lichtspieltheater der hauptstadt verirrt hatte….
Ich […] preßte mir eine eigene schrift aus den büschen und bäumen
meiner schillernden umgebung..” (1)

Später verwandelte er sich kraft Formeln und Sprüchen
“zuerst in einen gefleckten schwan, dann in einen schnellen luchs,
dann in eine seidene fledermaus, dann aber in eine mischung aus
wolf und baumwipfel, von dem aus ein sperber nach westen äugt,
und endlich wurde ich, und das nicht aus eigener kraft, ein herbstlich
geröteter farn auf einem bergrücken hinter dem untergang der sonne…” (2)

Artmann auf großem grünem wlusspwerd

Er inventarisierte sein Eigentum an bizarrer Menagerie:

“Mir gehören ein seewolf und ein albatros des falschen friedens und ein hai voller perlen…”(3)

Natürlich zeichnete er Act – den poetischen, in acht Punkten (und das war k e i n Malen nach Zahlen):

H. C. Artmann„1. Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift. 2. Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik. 3. Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit. 4. Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden. 5. Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut. 6. Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote. 7. Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel. 8. Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.” (4)

Sein Gefühlsorgan ent- und verschlüsselte er in neun Zeilen atemloser Poesie:

“mein herz ist das laechelnde kleid eines nie erratenen gedankens
mein herz ist die stumme frage eines bogens aus elfenbein
mein herz ist der frische schnee auf der spur junger voegel
mein herz ist die abendstille geste einer atmenden hand
mein herz liegt in glaenzend weissen kaestchen aus mosselin
mein herz trinkt leuchtend gelbes wasser von der smaragdschale
mein herz traegt einen seltsamen tierkreis aus zartestem gold
mein herz schlaegt froehlich im losen regnen der
mitterwintersterne” (5)

Und vor drei Tagen in einem Jahr soll es schon wieder zehn Winter her sein, dass solch ein Herz zu schlagen aufgehört hat – wer will so etwas glauben?
Ich bin ihm erst begegnet, als Einer mich an der Hand mitnahm zu ihm, dem H. C. Artmann; da war er schon aus dieser Welt. Und das mir von jener Hand des Einen ans eigene Herz gelegte zitronenfarbene Reclambändchen nimmt immer mehr ein freundliches Sonnengelb an, je länger es in meinem verrauchten Elfenbeintürmchen aus dem Bücherregal leuchtet – und je öfter ich darin lese oder auf einem großen grünen Walfisch nach den Sandwichinseln reite…

***

Und wer zum Nikolaustag und zweiten Advent heute was Anderes hier erwartet hat, der kriegt eben noch ein paar qualmende Socken. Nee, Quatsch, Berlin im Kerzenschein 😉 :

Gefunden auf dem Schnipselfriedhof, aber in Wirklichkeit vom Adventskalender23 in Gestalt emsig wichtelnder Youtübner.

Hübsch, oder?
Habt’s besinnlich, ihr Lieben –
und froehlich im losen regnen der mitterwintersterne.

Quellen der Artmann-Zitate:
(1) und (2): Curriculum Vitæ Meæ oder Wie das halt so gewesen ist. In: Grammatik der Rosen. 3 Bde. Salzburg/Wien: Residenz Verlga, 1979. (3): An ufern der inseln – Ebenda.
(4): Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes. In: The Best of H. C. Artmann. Frankfurt: Suhrkamp, 1970. (5): mein herz. In: h.c. artmann: achtundachtzig ausgewaehlte gedichte. salzburg. Wien. 1966.

Bildquellen: Artmann-Triptychon 1974: Wolfgang H. Wögerer, Wien, Austria. Via Wiki. Act: Artmann. Inselritt auf großem grünem Flusspferd: Collage, gebastelt per Klau bei Jean Effel: Seul maitre á bord…

Das Floyd in Pink Floyd

September 2, 2009 um 11:32 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fest-Platte, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 9 Kommentare
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…wäre heute 98 Jahre alt geworden.

Hinter dem ersten der zwei Vornamen, aus denen Syd Barrett dereinst den Namen seiner Band zusammenschraubte, verbirgt sich nämlich der Sänger und Klampfer Floyd Council. Er galt seit den späten 30er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Musikerkollegen als einer der exzellentesten Gitarristen des amerikanischen Ostküsten-Blues. [Das Pink in Pink Floyd gehört übrigens dem hier, Pink Anderson, im gleichen Job unterwegs, der sich auf den gepressten Scheiben mit der langen Rille meist in trauter Nähe zum Ersteren fand, obwohl die beiden sich wahrscheinlich nie begegnet sind.]

Dieser countryfarbene Blues-Stil, auch Piedmont Blues genannt, fällt durch eine besondere Fingertechnik auf der Gitarre auf, bei der eine mit dem Daumen gespielte Basslinie die auf den höheren Saiten gespielte Melodie unterstützt. Er wurde meist im Duo gespielt, oft begleitet von Klavier, Geige, Banjo oder Mundharmonika als zweites Instrument.

Floyd Council begann als Straßenmusikant in seiner Heimatstadt Chapel Hill, North Carolina, spielte für Freunde und in Country-Clubs. Und etwas über ihn zu finden ist gar nicht so leicht. Es gibt offenbar keine Platten nur mit seinen eigenen Songs. Nur ein Album, Carolina Blues (1994), enthält sechs von ihm aufgenommene Titel. Das mag daran liegen, dass er die meiste Zeit seiner musikalischen Karriere als Wasserträger und zweite Geige… äh, Gitarre zugebracht hat. Zum Beispiel im Schatten hinter dem Star des Piedmont Blues Blind Boy Fuller, der inzwischen in der Blues Hall of Fame wohnt. Sogar mit seinen genialen New Yorker Solotracks wurde er als „Blind Boy Fuller’s buddy“ promotet. Andere Aufnahmen erschienen unter den Namen „Dipper Boy Council“ und „The Devil’s Daddy-in-Law“. ...Blues in den FingerspitzenEr selbst bekannte sich in einem Interview 1969 zu 27 eigenen aufgenommenen Songs, darunter sieben in Fullers Dunstkreis.

Gestorben ist er mit 64 an einem Herzinfarkt und wurde hier bestattet. Sein Grab trägt keinen Namen.

Danken wir also Syd Barrett, der ihn unsterblich gemacht hat, mehr als er es sich vielleicht erträumte. Oder auch The Floyd Council – das ist ’ne ösische Coverband, die unter seinem Namen sogar ganz zurechnungsfähig durch die Lande pinkfloydtet, wie ich finde. (Auch wenn’s die richtigen Pink Floyds eben nur einmal gibt.)

Denn Floyd Councils Musik hat es nicht verdient, vergessen zu werden. Ich würd‘ heute gern mit ihm unter dem Vordach eines alten Country-Clubs irgendwo in North Carolina sitzen, den Straßenstaub auf der Zunge schmecken, den Mummys beim Hüftenwiegen und ihren Kindern beim Spielen zuschaun, seiner Stimme lauschen und die Augen kaum von diesen Fingern lassen, die seinen Blues über die Saiten zaubern…

Happy Birthday, Floyd.

Bilder: Oben: Blues Who’s Who, p. 133 photographer: Kip Lornell. Mitte: Bruce Bastin: Crying For The Carolinas, p. 21; photographer: Pete Lowry. Beide via wirz.de.
Videos: Via randomandrare and galaxyrock on youtube.

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