Neulich in Luzern

August 31, 2012 um 11:34 pm | Veröffentlicht in 2012, Bilderhexe, Denk_Mal-Hexe, Drumherum und anderswo, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Betrachtungen eines Reisenden zu hölzernen Dingen oder Von der Schädlichkeit des Rauchens

Seitdem im Zuge der Globalisierung die Schweiz sozusagen in einen Teil meiner Familie migriert ist – hm, oder umgekehrt? -, treib ich mich ja gelegentlich entschleunigt bei dem kleinen Bergvolk in der Nachbarschaft rum.

In dessen heftig hochgefalteter Mitte liegt der Vierwaldstättersee.

Vielleicht liegt er sogar in seinem Herzen. Denn er ist nicht nur ein wundervolles Kleinod; um seine Ufer weht und wogt auch der Gründungsmythos der Eidgenossen. An seiner nördlichsten Spitze hat Wilhelm Tell in der Hohlen Gasse von Küssnacht (am Rigi) damals dem Vogt Gessler mit seiner Armbrust aufgelauert und auf einer Wiese am Strand seines südlichen Unterarms soll vor gut 700 Jahren (‚am Mittwoch vor Martini 1307‘) der Rütlischwur gegen die Habsburger ‚bösen Vögte‘ durch die Berge gehallt sein, den wir im exakten Wortlaut vom Schiller gelernt haben:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

(Wilhelm Tell, 2. Aufzug, am Schluss der 2. Szene)

Letztens bin ich zum ersten Mal dorthin vorgedrungen, naja, nicht überallhin, nur nach Luzern. Was nun keine so entdeckergefärbte Pioniertat ist, die man hier besonders herausstreichen müsste – denn mindestens einer war schon vor mir da. Mr. Mark Twain nämlich, der kam hier nachschauen, was die Reuss explizit vom Mississippi unterscheidet oder so, und besser über Luzern erzählen als ich konnte er auch.

The commerce of Lucerne consists mainly in gimcrackery of the souvenir sort; the shops are packed with Alpine crystals, photographs of scenery, and wooden and ivory carvings. I will not conceal the fact that miniature figures of the Lion of Lucerne are to be had in them. Millions of them. But they are libels upon him, every one of them. There is a subtle something about the majestic pathos of the original which the copyist cannot get. Even the sun fails to get it; both the photographer and the carver give you a dying lion, and that is all. The shape is right, the attitude is right, the proportions are right, but that indescribable something which makes the Lion of Lucerne the most mournful and moving piece of stone in the world, is wanting….

We did not buy any wooden images of the Lion, nor any ivory or ebony or marble or chalk or sugar or chocolate ones, or even any photographic slanders of him. The truth is, these copies were so common, so universal, in the shops and everywhere, that they presently became as intolerable to the wearied eye as the latest popular melody usually becomes to the harassed ear. In Lucerne, too, the wood carvings of other sorts, which had been so pleasant to look upon when one saw them occasionally at home, soon began to fatigue us. We grew very tired of seeing wooden quails and chickens picking and strutting around clock-faces, and still more tired of seeing wooden images of the alleged chamois skipping about wooden rocks, or lying upon them in family groups, or peering alertly up from behind them. …
(Mark Twain. Aus: A Tramp Abroad. Chapter XXVI. The Nest of the Chuckoo-Clock)

Außerdem hab ich, auch wenn die Schweizer mir das womöglich übel nehmen, den Löwen von Luzern nicht mal besichtigt und – wieder einig mit Mr. Twain – ebenfalls den Kauf holzgeschnitzter Souvenirs boykottiert.

Aber einem Ding aus Holz bin ich dann doch erlegen. Und das ist durchaus der Erwähnung wert. Nicht nur, dass man es mit seiner Länge von an die 205 Meter gar nicht übersehen kann, wenn man durch die City stolpert, oder dass ich von meiner Begleitung sowieso zuerst dorthin gezerrt wurde.

Nein, es ist erstens zum Verlieben schön. Zweitens gerät man nicht in Gefahr, es mitzunehmen – außer in Bildern zurechtgeknipst (damit ihr auch was davon habt). Und last but not least ist es vor allem ein Wahnsinnsglück, dass man es überhaupt noch – oder wieder – bewundern kann. Denn just im August vor 19 Jahren brannte das gute Stück, wie schon gesagt aus uraltem Holz, in einer Nacht fast vollständig nieder: die Kapellbrücke.

Bis dahin hatte das stolze Wahrzeichen von Luzern, zwar mit mehrmaligen Renovierungen und gar einer späteren Kürzung um 75 Meter, gute sechseinhalb hundert Jährchen und ebensoviele Auguste überstanden. Es war überdies seinem von Stadtväterseite im 19. Jahrhundert geplanten Abriss durch den öffentlichen Protest von Stadtkinderseite entgangen. Machtlos waren die Brücke und ihre Lobby schlussendlich, laut Brandermittlung, im Sommer 1993 vermutlich gegen die Wirkung einer glimmenden Zigarettenkippe, achtlos entsorgt von einem Brückengänger. Doch wer so ein Kulturgut vor allen Widrigkeiten und Autoritäten zu retten imstande ist, kriegt es auch wieder hingestellt, in nicht mal einem Jahr Bauzeit, originalgetreu zu aller und meiner Freude. (Den wiederhergestellten Teil kann man übrigens an der helleren Dachfärbung ganz gut erkennen.)


Da steht sie nun in altem Glanz, die Kapellbrücke. Und? Ist sie nicht schön! In ihrer Jugendzeit war sie als Wehrgang Teil der Stadtmauer. Im Giebel der Dachkonstruktion hängen alle paar Meter dreieckige Gemälde mit hinzugefügten Versen auf Holztafeln – eine Werbeaktion des Stadtrats vom Ende des 16. Jahrhunderts für den ‚guten Schweizer‘, die man heute durchaus als Comic lesen kann. Apropos Comic: wusstet ihr schon, dass in Luzern alljährlich quer durch die ganze Altstadt das “Fumetto” (Ital.: “Sprechblase”, wörtlich “Räuchlein”) veranstaltet wird, ein Comic-Festival mit Berühmtheiten der Szene und besonderer Aufmerksamkeit für die Entdeckung junger Nachwuchskünstler?

Überragt wird die Brücke vom Wasserturm. Der nach nichtschweizerischem Verständnis des Begriffes keiner ist, sondern viel eher ein Im-Wasser-Turm, der durch die Zeiten Turmwächter, Stadtarchiv und Kerker, zudem Schatz- wie Folterkammer beherbergte. Das Storchennest auf Turmes Spitze soll seit über einhundert Jahren unvermietet sein. Im Gegensatz zum Turminnern, dem heutigen Domizil des Luzerner Artillerievereins, dessen hehre Ziele mir unbekannt sind. Und für Nichtartilleristen hats in dem Gemäuer auch noch – na was schon! – klaro, einen gut frequentierten Souvenir-Shop.

Wasserturm mit KapellbrückeZwergenbrücke1

Ob Mr. Mark Twain nun grad in dem nix gekauft hat, weiß man wiederum nicht so genau. Doch über die Kapellbrücke ist er geschritten, das ist sicher – obwohl sie aus Holz geschnitzt ist:

We visited the two long, covered wooden bridges which span the green and brilliant Reuss just below where it goes plunging and hurrahing out of the lake. These rambling, sway-backed tunnels are very attractive things, with their alcoved outlooks upon the lovely and inspiriting water. They contain two or three hundred queer old pictures, by old Swiss masters—old boss sign-painters, who flourished before the decadence of art….
(Mark Twain. Aus: A Tramp Abroad. Ebenda.)

Und als Belohnung fürs Lesen und Angucken gibts noch einen Hexenblick und -Cam-Klick auf den See aus, übern Daumen gepeilt, 2000 Meter Höhe.

Hmmm… vielleicht könnt‘ ich ja mit kitschigen Postkarten für Schweizer Souvenirbuden reich werden? 😉

Bilder: Sind alle Hexenwerk, mit Ausnahme der Rütliwiese, die ist swissinfo-Werk.

Noch nix mit Barfußgehn. Frühfrühling zwischen draußen und drinnen und ein Spaziergang weit vor Ostern

März 31, 2011 um 11:57 pm | Veröffentlicht in Berlin, Bilderhexe, Drumherum und anderswo, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spielwiese, Uncategorized, Wetter-Hexe | 1 Kommentar
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Schon wieder so ein Spiel mit Bilderauftrag vom Käpt’n. Die nehmen ja langsam überhand. 😉 Aber woll’ma ma nicht so sein, wa? – wie der Berliner sacht. Und erst recht keen Spielverderber.
Zumal nun endlich Lenzens blaues Band wieder flattert durch die Lüfte, erste Sommersprossen auf blassen Nasen und die Sonnenhungrigen allerorten aus dem Boden sprießen. Die Stiefmütterchen auf den Rabatten hingegen nicht – die wurden dort gnadenlos von Stadtbegrünerhand ausgesetzt.

Allerdings ist es mit dem Frühlingswetter so eine Sache, das muss er noch ein bissel üben, der Frühling. Wo er, übern Daumen gepeilt, beinah ein Jahr keine Gelegenheit mehr zum lauen Lüfteln hatte. Denn wer, bittschön, hockt sich bei Temperaturen knapp über Null entspannt auf ’ne Parkbank, frag ich euch.

Na gut, ein paar gab es schon, die mir auf meinem ersten doch recht eiligen Spaziergang zum dienstlich indizierten Außentermin über den Weg ruhten. Die hier, vielleicht TU-Studentin von gleich nebenan, hatte sich still auf die Mittelinsel vom Ernst-Reuter-Platz geschlichen und dafür schön warm angezogen. Und wie man sieht, ist sie nicht alleine auf die Idee gekommen. (Nicht im Bild: der Papierkorbdurchwühler zehn Schritte weiter.)

Noch ein ganz mutiger Mit(tags)ruhender: vor dem Café ohne Namen am U-Bahn-Ausgang Bismarckstraße. Nennen wir ihn Robert, der auf einen Cappuccino und ein Viertelstündchen der Hektik in seiner Werbeagentur entkommen ist. Denn nie, niemals hätte ich gewagt, ihn aus seiner Lektüre zu reißen, um nach seinem richtigen Namen und Erwerb zu fragen. An den Namen des Cafés erinnere ich mich, ehrlich gesagt, einfach nicht. Was es schon wegen der netten Bedienug überhaupt nicht verdient hat. Für Insider unter den Lesern: es ist das winzige Eckstübchen mit den verstreuten Ledersitzklopsen. Hinter dessen Glaswand die zwei Mademoisellen auf dem nächsten Bild verschwommen und verwackelt ruhen.

Beim nächsten Bildertrip bin ich dann ziemlich vom Dienstweg abgekommen – direktemang hinein ins Wochenende, einen Wetterwechsel und das Angrillen – irgendwo in Friedrichshain. Die Lüfte wurden linder, dafür aber ziemlich feucht.

Und da haben wir ihn wieder, unseren Bratwurstmann mit dem Schirm. Okay, es ist ein anderer. Der Schirm – und auch der Mann: Axel, der tapfere Grillwurstretter, von allen kleinen Mädchen bewundert. Die Party fand wegen des Dauerregens und passend zum Friedrichshain in einer überdachten Toreinfahrt statt. Es gab multikulti Geklampftes par excellence von J. Und regen Zulauf aus der Nachbarschaft, die immer gern ruht, szenegerecht chillt oder hüpft und sich niederlässt, wo man singt. Genau richtig war hier auch die hübsche Zuzan mit den Dreadlocks, und nein, das ist kein Joint; in der Kippe liegt die Ruhe. 😉

Die vorletzten Schnappschüsse sind von einer Indoor-Party, wegen der Nachtfröste. Die zwei sind Touris, kommen aus den Bergen und wollten mal ‚Berlin gucken‘. Ich hab ihnen versprochen, sie Kai und Lisa zu nennen. Denn Kai ist grad im Bewerbungsmodus, und man kann ja nie wissen, ob der Personalchef nicht mal schnell im Internet guhuugelt, wie versoffen oder verbohrt sein künftiger Mitarbeiter ist oder wie verspielt seine Perle. (Hmjoh… das T-Shirt kam beiläufig direkt aus dem mitgeführten Wanderrucksack auf den Mann, nachdem der Inhalt des vorletzten Glases – hier nicht im Bild – durchs Hemd geflossen war. Von außen.)


Der letzte Mitruhende, auch wieder etwas diffus geraten, ist eher ein Nebenprodukt und irgendwie aus Versehen ausm elften Stock passiert. Also nicht er selber, sondern das Abbild von ihm. Der sah aus, als hieße er Fred und hätte grad die Freundin beim versuchten Überraschungsbesuch im Plattenbau verpasst; ans Handy ging sie auch nicht. Folge 1, 2 und 3 aus der Reihe: Be an Unruh…ender.

Dies mein Beitrag zum Be-a-Mitruhender-Glücksspiel.

Aus tiefster Barfußmädchenseele im leider noch festbeschuhten Frühfrühling hier.
(Und Herrgottnochmal, die ist immer viel zu weit für _nur_ein_Bild. Und lässt sich einfach nicht in ein Regel(schuh)werk zwängen.)
Hab ich jetzt verloren? 😉

Bilder: Selberknipsing und: Klick macht groß.
Video: Reinhard Mey. Frühlingslied. Vom Album: Hergestellt in Berlin (1985). Via youtube und gebjgbtl571b.

Strangers, Mermaids, Musikanten

Februar 6, 2011 um 11:26 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Bilderhexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spielwiese | 3 Kommentare
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Oder: Vom Abenteuer und der Mühsal, to be a Mitreisender

Nebenan hat Captain Wolf wieder eines von seinen raffinierten Preisausschreiben ausgesungen, die sich unter der so nerdigen exklusiven wie geneigten Leser- und Schreiberschar anhaltender Beliebheit erfreuen.

Der aktuelle (Foto)Auftrag „Be a Mitreisender!“ oder: Finde Ismael, geh mit ihm an Bord – und mach ein Bild von ihm! ist ja eher was für Leute, die grad Urlaub machen – oder so einen freihändigen Hobby-Job mit selbsternannter Gleitzeit und Ausgeschlafenheit. Jedenfalls mehr als für welche, die ihr Vollzeiterwerb morgens im Dustern aus dem Haus und mitten in die volle U-Bahn mit Sardinenbüchsen-Feeling treibt. Abends heimwärts: dito. Vor allem hat er mehr von Abenteuertrip, als man je vermuten könnte.

Denn der großstädtische Berufsverkehrer ist morgens zumeist übellaunig, unausgeschlafen, spät dran oder einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden, mit selbigem zudem grad auf dem ungestreuten Gehweg ausgerutscht oder in einen Haufen Hundekacke getreten, somit kamerascheu, unfotogen und latent aggressiv gegen Mit-Mitreisende. Erst recht gegen solche in Gestalt von Amateurfotografen.

Am ehesten bereit, to be a Mitreisende, mit dir gemeinsam über die Schonwiedererhöhung der BVG-Mitreisepreise zu wettern und trotzdem freundlich in die Kamera zu lächeln, ist vielleicht noch die nette Fahrkartenverkäuferin im Bahnhofskiosk. Doch noch bevor du die Knipse zücken kannst, fährt die letzte Bahn ein, die du unbedingt kriegen musst, um nicht wegen Zuspätkommens angezählt zu werden.

Wer die Kuscheligkeit eines U-Bahnwagens in der Rush Hour kennt, weiß: das ist nix für klaustrophobische Gemüter. Eingezwängt und in unfreiwillig intensivem Körperkontakt mit wildfremden Leuten kriegst du nicht mal die Hand an deine Cam. Und falls doch, dafür womöglich eine auf die Zwölf. Motive allerdings gäbe es zuhauf.

Zum Beispiel die Mitvierzigerin, die ihre neue Daunenjacke stolz zum ersten Mal ausführt. Was kein Mitreisender übersehen kann, denn unter der Achsel baumelt noch das Schnäppchen-Preisschild: Größe 42, 39,90 €. Oder die zwei Schulmädchen, Gymnasium, zehnte Klasse, tipp ich mal, die darob tuschelnd die Köpfe zusammenstecken und sich halbtot kichern.

Einen preisverdächtigen Schnappschuss gäbe auch der zerzauste Wuschelkopf der Rotschöpfin auf dem Eckplatz an der Tür ab. Die hat verschlafen, jede Wette, ist falsch zugeknöpft und holt grad ihre Morgentoilette nach: heimliches Mundspülen mit einem Schluck aus der Wasserflasche, dann ungeniert un-heimliches Schminkritual. Dessen schräges Ergebnis ist ein knallroter Schmollmund, der sich mit der Haarfarbe beißt, und der misslungene Versuch, wie Tori Amos auszusehen. Oder wie die Monroe? Nur halt nicht in Blond.

Gern würd ich ja auch die Geschichte zu einem Bild von dem Typen in der knarrenden Lederjacke von gegenüber erzählen. Der hört und sieht nix um sich herum, beugt seine gepflegte Kahlköpfigkeit über ein altes Heft mit gilbenden Seiten auf seinen Knien und schreibt und schreibt. Manchmal hält er inne und die Hände, die ausschauen, als könnten sie besser auf dem Bau zupacken oder ein Schiffsruder drehen als einen Stift halten, blättern zurück. Um dann emsig weiter zu kritzeln. Die Schrift ist klein und ebenmäßig. Zu klein, um sie von meinem Platz aus lesen zu können. Verflixt. Was schreibt der da so endlos? Einen Roman? Sein Leben? Geschichten über die Mitreisenden? Sein letztes Abenteuer in der Südsee? Ist der vielleicht Ismael? Todspannend das. Als er zusammenpackt und aussteigt, bleibt nichts als Neugier…

Ach ja, und dann ist da noch der langhaarige komische Vogel in schwarzem Echtpelzjäckchen mit dem silberfarbenen Köfferchen und dem Mädchentouch. Der ist auch nicht von dieser Welt. Die Lautstärke seines Ei-Potts lässt die Mitreisenden mühelos mithören. Was völlig überflüssig ist – denn er singt entrückt-verzückt und mit geschlossenen Augen lauthals mit. Hardrock, eigentlich ein Widerspruch zu seiner Erscheinung. Den hab ich skizziert (auf sowas Ähnlichem, wie ’nem alten Kassenzettel, Käpt’n), bin mir allerdings meiner Fertigkeiten im Hinwerfen schneller Zeichnungen so wenig sicher wie ihrer Eignung für die Öffentlichkeit.

So sich nun also der unterirdische Berufsverkehr zwar als überaus geeignet, to be a Mitreisender, aber als ziemlich ungeeignet, to document a Mitreisenden erwiesen hat, ist guter Rat teuer. Mit dem Auto unterwegs zu sein, machte alles mitnichten besser, es sei denn, man änderte die Ausschreibung in: Be an Aneinander-Vorbeifahrer! Da hätt‘ ich dann ein verwackeltes Exemplar Vorbei-Fahrradfahrer. Wo der hin wollte? Was weiß denn ich! Vielleicht zum Flohmarkt, Ersatzteile kaufen? Und meine täglichen 25 Kilometer (in eine Richtung, also die ganze Strecke mal Zwei) zu Fuß wären eine glatte Überforderung.

Aber gesagt ist gesagt, du kennst mich, Wolf. Die Hex‘ gibt nicht so leicht auf. Und krabbelte eines Abends, geschlaucht und gestresst, doch guten Willens unter der Erde hervor ans Tageslicht. Das schon weg war. Den Alexanderplatz konnte man im Finstern grad noch so erkennen.

Zuerst traf ich, bei dem Laden mit dem Kaufmanns-Und zwischen den zwei Buchstaben, auf eine mit Accessoires desselbigen gestylte Minifamilie im Reise-Outfit. Sie stand ungefähr drei Meter über mir im Schaufenster, verurteilt to be drei Rumsteher und deshalb wohl ziemlich genervt. Jedenfalls fiel das Lächeln ihnen schon schwer und sie haben kein Wort mit mir geredet. Tja, nix mit Geschichte.

Weil Berlin ja bekanntermaßen auch am Meer liegt (sogar noch näher als München 😉 ) und wir allem Maritimen in Sehnsucht anhängen, dachte ich: gehst du halt nochmal beim alten Neptun vorbei. Am Ende begegnet dir daselbst gar ein mitreisender Seemann auf Landgang oder im Ruhestand. Zu meinem Leidwesen waren die Damen, die als einzige um diese Zeit noch dort rumsaßen, auch nicht gerade sehr gesprächig. Vielleicht nehmen sie es dem guten Begas ja noch übel, dass sie eigentlich vaterländische Flüsse symbolisieren sollen und nicht einfach Mermaids und Gespielinnen des alten Meergottes sein dürfen. Oder den Touri-Horden, dass die ihnen dauernd ungestraft an den Busen, ans Knie und die Barfüße grabschen dürfen. Die eine zeigte mir gleich die kalte Schulter und starrte verbissen Richtung Fernsehturm. Die andern lümmelten melancholisch vor sich hin und seufzten leise. Und eine von denen gestand mir, dass sie sich schon geschlagene 122 Jahre auf dem blöden Brunnenrand langweilt und nichts mehr wünscht, als to be a Mitreisende. Für ihr Alter sieht sie aber noch recht ansehnlich aus, hab ich ihr gesagt. Und ihr versprochen, demnächst wenigstens mal wieder auf ’n Pläuschchen vorbei zu schaun.


Auf dem Rückweg zum Bahnhof gesellte sich zu meiner mageren Bilderausbeute endlich doch noch ein lebendig bewegtes Motiv – naja, also im Rahmen seines Bewegungsspielraums jedenfalls. Branko, der Bratwurstmann. Der hat sich seit seinem Umzug von der Adriaküste zum Alex die mobile Fastfoodtheke mit dem Schirm hinten dran vor den Bauch schnallen lassen, um selber gelegentlich auch mal was anderes als Bratwurst essen zu können. Er posierte gern für das Projekt und reist nicht nur mit, sondern ist sozusagen der Speisewagen für alle Mitreisenden.

War eigentlich fotographische Zeitnähe gefordert im Spiel? Falls ja, dann außer Konkurrenz hier noch ein paar Schummelbilder aus wärmeren (und helleren) Zeiten, die dem Anliegen vielleicht eher gedient hätten:

Die exotische Schönheit mit dem müden Ableger, nennen wir sie datenschutzhalber Yasmin, kenne ich. Mit der reise ich täglich – sie bringt Zugereisten Deutsch bei und die lieben sie, alle. Der Typ daneben ist Karl, der Wettergott, der zu seinem Vorgesetzten über dem Nollendorf-Viertel betet, damit der ihm nicht das Straßenfest vehagelt und die Mit-Mitreisenden verstimmt.

Und wem keine Straßenmusikanten vor die Linse laufen, der ist nicht unterwegs. An denen kommst du einfach nicht vorbei, selbst wenn du wolltest. Der mit der Quetsche, der kann was und würde sich mit seinen Melodeyen auch gut vor einem Pariser Straßencafe machen. Oder in einem Film darüber. Der Ausgefranste mit der Mundharmonika g l a u b t, er kann spielen. Dafür ist er aber sowas Ähnliches wie ein Nolle-Original und wohnt unter dem U-Bahn-Bogen. – Der Klarinettist ist eher Zufall.

Als Bonusbild und Fazit schlussendlich noch zwei Echte, Sophie und Tom. So weit, wie die wollen, kommt sowieso keiner mit – Australien, Start von Gate 8 in Tegel. Aus der Reihe: Be two Mitreisende!

Fast vergessen hätt ich ja Paule Knopp. Dem die Traurigkeit ins Gesicht geschrieben steht, weil kein Reisender ihn beachtet oder ihn auch mal einfach nur drückt. Denn er ist nur ein armer alter Klingelknopf neben einer längst zugebauten Türe…

Hmm, das nächste Mal reisen wir dann vielleicht doch eher von Kneipe zu Kneipe oder ins Eck-Cafe. Das machts womöglich einfacher. Schade, dass dergleichen Lokalitäten mir im Moment grad so selten unterkommen. Höchstens mal fix auf der Durchreise.

***

Who are you, Mitreisender… I don’t know.

I don’t know what you smoke
Or countries you been too
If you speak any other languages
other than your own, I’d like to meet you

I don’t know if you drive
If you love the ground beneath you
I don’t know if you write letters
or you panic on the phone
I’d like to call you all the same,
If you want to
I am game

I don’t know if you can swim
If the sea is any draw for you
If your better in the morning
or when the sun goes down
I’d like to call you

Bilder: selber geschossen und verwackelt. Wer schon nicht mehr so gut sieht sie größer haben will: einfach mittendrauf klicken.
Video: Lisa Hannigan: I Don’t Know. Via youtube.

Ein Teller Buchstabensuppe

Dezember 21, 2010 um 7:32 pm | Veröffentlicht in 2010, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kultur, MarktLückenbauten, Neulich nebenan, Real-Poetisches | 8 Kommentare
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… stand als Menü auf der (Eintritts)Karte So einen kriegst du aus keiner Tütensuppentüte, nicht von Maggi oder sonstwem. Oder hat wer schon mal lateinische, gemixt mit griechischen, arabischen und chinesischen Nudeln Schriftzeichen in seinem großen Löffel schwimmen sehen?

Die bunte babylonische Suppe zu dieser Nachlese ist längst ausgelöffelt. Aber man kommt ja zu nix mehr heutzutage, nicht mal dazu, seine paar verwackelten Bilder im Blog aufzutischen.

Und wie sie alle, alle kamen: Weltenbummler und Urlaubsplaner, Goldsucher, Landflüchter und Abenteurer. Die Herden der hergeprügelten Schulklassen, von praxisnahen Schulmeistern zu polyglotter Zukunftsplanung mittels Spracherwerb angehalten. Die bildungshungrigen Familien, zwei- bis nochmehrsprachigen Nachwuchs aufziehend oder den fernwehen Pubertanten im Schlepptau. Die Lehrer und Lerner. Die dienstreisenden Delegationen der Geschäfts-, Kontakt- und Ideenfischer. Dazu ganze Heerscharen ebenso frischgebackener wie vitae- und visitenkartengespickter Magister, Designer, BWLer, Multi- und Kulti-Manager auf Erwerbssuche. Und ein paar schräge Vögel – mit skurrilen bis suspekten Produkten im mobilen Esoterik- oder Wunderheilerrucksack. Die fliegen, scheints, überall ein und finden ihren Weg schlafwandelnd mit orakelgestützter Sicherheit.

Die ‚Suppenköche‘, laut Zählung der Veranstalter und exklusive der munteren Küchenjungen und patenten Bedienungen (bei denen meine Wenigkeit inklusive) vorgeblich ungefähr zweihundert, ließen sich denn auch nicht lumpen. Beim Chinesen… öhm, also beim diesjährig exponierten Gastsprachenland in Gestalt volkreicher Konfuzius-Institute durfte man Schlange stehen, um sich seinen Namen in annähernder Bedeutung kalligrafieren zu lassen. Kulant und völlig ohne Anstehen gabs dazu die ganztägige Ommm-Palastbeschallung des Schattenboxer-Soundtracks. Allerdings auch ohne Vorwarnung, dass dass man sich von der als noch so tapfere Bedienung nach spätestens einem halben Tag ein Trauma einfangen konnte.

Die Basken, unsere fröhlich-freundlichen Standnachbarn, starteten ein spontanes Kamerashooting, mittels dessen wir ihre zahlreichen Opfer zur zungenbrechenden Frage „Badakizu euskaraz hitz egiten?“ (Sprichst du Baskisch?) digitalisiert wurden. Die zungenbrechende Antwort darauf hab ich, trotz Auswendiglernen, leider wieder vergessen. 😉 Dafür aber jetzt einen Baskisch-Crashkurs auf Gratis-CD. Nebenher verteilten sie Snacks, die von weitem wie Mini-Hotdogs aussahen und so bekömmlich wie das Zellophan um sie herum.

Bei den Argentiniern lernte der hereinschneiende eher Steak- als Nudelesser in lupenreinem Spanisch, wie ein einheimisches Hochlandrind fachgerecht in mundlich tellergroße Hüftsteaks zerlegt wird. Später dann auch noch, warum und wie man nach deren genüsslichem Verzehr einen feurigen Latinotango aufs Parkett legt.

Am Stand gegenüber wurde der sprach- und arbeitswillige Besucher ermuntert, nach Irland auszuwandern. Da wollte ich sowieso schon immer hin, habs mir jedenfalls mal vorgemerkt – fürs nächste Leben oder so.

Und eine Etage höher fanden parallel in mehreren Sälen die obligatorischen Vorträge und Symposien für Sprachoholiker statt. Was für das Publikum besonders dann lustig wurde, wenn die Stimmgewalt eines bierernsten Redners zum gewichtigen Thema Interkulturalität rettungslos im Johlen einer Kinderhorde unterging, die nebenan mit dem Affen Oskar oderwiederhieß den Urschrei lernte.

Mein stiller Favorit: Russischkurse bei Lew Tolstoi. Also nicht bei ihm persönlich, glaub ich, aber in seinem originalen Jasnaja Poljana. Vertickt an einem kleinen versteckten Stand von zwei schweigsamen russischen Schönheiten. Na, wenn das kein Angebot ist, erst recht im Jahr seines 100. Todestages und wer wollte nicht schon immer mal Tolstoianisch können und nebenher in die realpoetische Kultur des alten russischen Dorfes reinschnüffeln.

Das schönste Lächeln: in den Frätzchen der Kinder, die sich mit diebischer Freude überall mit Werbekugelschreibern, Schlüsselbändern, Luftballons etc. eindeckten und mit multikulti Süßigkeiten vollstopften. Der bissigste strengste Blick: in den Pokerface-Visagen der Türsteher, deren wachsamem Holzauge kein Terrorschläfer entging. Wahrscheinlich sogar ohne das HighTec-Sicherheitsgate in Flughafenmanier, dem sie vor- und hinterstanden.







Alles zusammen: ein synästhetisches Süppchen.

Ach, lustig wars. Und wer braucht schon arbeitsfreie Wochenenden!
Die nächste Expolingua Berlin kommt bestimmt.

Ah ja… und Vooorsicht beim Gebrauch von Buchstabensuppenbuchstaben! 😉

Video: Via youtube. Chinesen-Illus: weiß ich nicht mehr; grummelnde Urheber bitte melden. Alle anderen Bilder: selber verwackelt.

E.(yn) Willig Hans Kohlhase

März 29, 2010 um 5:39 am | Veröffentlicht in 2010, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Neulich nebenan, Real-Politisches, Uncategorized | 2 Kommentare

oder: Robin Hood starb am Strausberger Platz
Gedanken im Kreisverkehr

Wer (wie ich) an einem wuseligen Montagmorgen in der Rush Hour seine obligatorische Dreiviertelrunde um den Kreisverkehr am Strausberger Platz bis zur Ausfahrt Lichtenberger Straße dreht, denkt an nichts Böses. Jedenfalls, solange er nicht im Stau auf seine vier Räder geflochten ist. Und nicht mal, wenn der frische Frühling schon in seinem jugendlichen Alter eine katastrophale Zahlungsmoral an den Tag legt und der Stadt den strahlenden Sonnenschein, um den er sie am Wochenende schnöde betrogen hat, erst jetzt nachreicht. Wurscht ist auch, dass schon jeder Fahrschulanfänger lernt: der Strausberger ist gar kein richtiger Kreisverkehr, keiner, wenns nach der StVO geht – ach, weiß der Geier, wie die seine erlauchte Vier- bis Sechsspurigkeit nennt.

Apropos Geier: die kommen ja – wenigstens in ihrer natürlichen Form und zumal in unseren nördlichen Breiten – in der Großstadt nicht vor. Und so waren es denn auch ihre aasfressenden Berufskollegen, die Raben, die an jenem Morgen über dem Platz kreisten, in Erwartung frischer Beute.

Denn just letzten Montag war Hinrichtungstag – vor 470 Jahren.

Vermutlich wird kaum ein Teilnehmer am Berliner Berufsverkehr sich noch erinnern, dass er jeden Tag in Eile und Richtung Broterwerb über eine Richtstatt pest. Die hieß einschlägig und einleuchtend Der Rabenstein und lag genau hier, mitten in der Einkaufsmeile. Naja, also seinerzeit noch nicht. Und am 22. März 1540, einem Montag, wurde hier nach kurfürstlichem Urteil und trotz Volkes Sympathie für den Delinquenten der Wegelagerer und Rebell Hans Kohlhase auf das Rad geflochten und qualvoll vom Leben zum Tode befördert. Nachdem er in seinem öffentlichen Prozess mit einer dreistündigen Rede unter offenem Beifall der Berliner kleinen Leute sein Recht und sein Tun verteidigt hatte. Nachdem er mit dem trutzigen Spruch ‚Gleiche Brüder, gleiche Kappen‘ und hocherhobenen Hauptes die Gnade des Schwertes abgelehnt hatte.

Und bevor noch einer ins Grübeln kommt und ins Fragen: Hans Kohlhase? – war das nicht der…? Jaha, war er. Der Michael Kohlhaas vom Kleist nämlich, dem derselbige in künstlerischer Freiheit oder weil nicht zum Memoirenschreiber ermächtigt seinen Namen wie auch sein Leben in Teilen abgewandelt und damit Schülergenerationen den Deutschunterricht verleidet hat. Wofür man allerdings weder den Kohlhaas noch den Kleist verantwortlich machen mag.

Hans Kohlhase, der im Unterschied zum Kleistschen Kohlaas weniger mit wohlgenährten Rossen als mit gesalzenen Heringen, Honig und Speck fürs Armeleuteessen handelte, kannte seiner Käufer Nöte. Er war rechtmäßiger Bürger des damals noch randberliner Cölln und wohnte mit Weib und Kindern in Rechtschaffenheit auf der heutigen Berliner Fischerinsel. Das änderte sich schlagartig, als der dreiste Pferdeklau des sächsischen Junkers von Zaschwitz auf des Kohlhasen Weg zur Leipziger Messe sowie ein langer, erfolgloser Rechtsweg seine Existenz ruinierten. Da wehrte er sich seiner Haut und erklärte in einem offenen Fehdebrief dem feudalen Unrechtsstaat trotzig den Krieg. Der erst durch eine verräterische Falle des brandenburgischen Kurfürsten und auf dem Rabenstein sein Ende fand.

Sein Schicksal wurde durch die Zeiten von allen möglichen Mächten und Trächten zurechtinterpretiert, wie es selbigen ins Bild passte. Und wie es der Friedrichshainer Geschichtsverein, der sich den Namen Hans Kohlhase gab, knackig prägnant auf seiner Seite zusammenresümiert:

“Für die deutschen Faschisten verkörperte Kohlhaas „das der germanischen Rasse eigene, zähe und zugleich leidenschaftliche Ringen um Gerechtigkeit“ (Paul von Klenau, 1933). Sein Gerechtigkeitssinn wurde in eine der Wurzeln des neuen nationalsozialistischen Weltbildes metaphysisch umfunktioniert.[…] Dies […] beförderte den chauvinistischen deutschen Heldenkult.
Die Kommunisten sahen keinen Anlass, Kohlhase ein Denkmal zu setzen, verfocht er doch nur „seine eigene Sache … in seinem übersteigerten individualistischen Vorgehen“ (Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Ost-Berlin 1966, S. 302). Sein Gerechtigkeitssinn war willkommen, das Handeln auf eigene Faust dagegen suspekt.
In der Friedrichshainer Einwohnerschaft hat sich dagegen im 20. Jahrhundert trotz der von allen Seiten vorgegebenen ideologischen Denkmuster eine eigenständige Überlieferung von Kohlhase als einem einfachen Manne aus dem Volke, der die Solidarität und den Zusammenhalt der kleinen Leute verkörperte, ohne Überhöhungen erhalten. Dem kam auch eine publizistische Würdigung von Kurt Neheimer (Der Mann der Michael Kohlhaas wurde) 1979 recht nahe.
Neuere rechtshistorische Studien der den Kapitalismus bejahenden Elitenwissenschaft versuchten um 2000 erneut, Hans Kohlhase als einen verbitterten Einzelgänger, Prozesshansel mit übersteigerter Rechthaberei ohne sozialen Anspruch, Einfluss und Motiv hinzustellen. Kohlhase wird aus den solidarisch-menschlichen Zusammenhängen seiner letzten acht Lebensjahre im Widerstand, die ihn erst so bekannt machten und prägten, herausgelöst. In zynischer Herabwürdigung kommentierte der „Förderverein Karl-Marx-Allee e.V.“ 2005 die grausame Ermordung Hans Kohlhases durch den Staat mit den Worten ‚Wir nehmen es gelassen und schlendern weiter.'“

Vermutliches Wohnhaus von Hans Kohlhase auf der Fischerinsel

Er war ein später Bauernkrieger, der Kohlhase. Zu seinen Anhänger und Helfern zählten Handwerker, Gastwirte, Gesellen, Tagelöhner, Bauern, Knechte, Müller, Händler, Pfarrer, Amtleute, Richter und selbst niedere Adlige. Er war sowas wie der Robin Hood von Brandenburg, der den gestohlenen Reichtum der Wohlhabenden den Armen zurückgab. Und gegen staatliche Willkür aufzustehen wagte.

*

Kreisende Raben sind über dem Strausberger Platz schon lange nicht mehr gesichtet worden. Und wer in den kreisenden Zwei- und Viertaktern unten denkt heute schon noch an den Kohlhasen. Allerdings hat schon der Kleist versichert, dass von dem frohe und rüstige Nachkommen gelebt haben. Und vielleicht ist es ja einer von denen, der grüßend die Hand hebt, wenn du ihn morgens an der Straßenbaustelle wider die Winterschlaglöcher vor dir In deine Spur einfädeln lässt…

***

Ach ja, und die Kohlhasen von heute können gern noch bis heute Abend wider Willkür und Datenschlaglöcher aufstehen – hier gehts gegen ELENA, und zwar pronto und mit Recht. Na ist doch öde, sich immer nur im Kreis herum fahren zu lassen, oder?

Gespenster am Gendarmenmarkt

Februar 7, 2010 um 10:08 pm | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Kultur, MarktLückenbauten, Märchenhexe, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spinnweben, Traumzaubern, Uncategorized, Wetter-Hexe | 2 Kommentare
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Hoffmanns Katers Erzählungen
oder: Ansichten eines Schnurrbarts über Alkoholwerbung mit zwei Backenbärten

„Jeder, der mit einiger Phantasie begabt, soll, wie es
in irgendeinem lebensklugheitsschweren Buch
geschrieben steht, an einer Verrücktheit leiden,
die immer steigt und schwindet, wie Flut und Ebbe.“
(E. T. A. Hoffmann)

Irgendwann letzte Woche. Feierabend. U2 Richtung Pankow.

Ich habe gerade eben am Hausvogteiplatz meinen exklusiven Sitzplatz im unterirdischen Heimwärtsberufsverkehr aufgegeben, fluchtartig. Eigentlich wollte ich erst vier Bahnhöfe später umsteigen. Während die volle Bahn samt dem Mitfahr-Überfall einer Band(e) Möchtegernfolker und ihrem kreisenden Coffee-to-go-Sammelbecher in den Tunnel rauscht, rette ich mich nach oben. Nichts gegen Straßenmusik und der Banjospieler war ja auch noch ganz okay. Doch den Tinnitus von den oberschiefen Tönen des grölenden Saxophons auch nur eine Station länger zu ertragen, sträubte sich mein sonst recht empfängliches Gehör entschieden. Vier Stümper sind halt noch lange nicht 17 Hippies.

Die Treppe in die Oberwelt endet gefühlt irgendwo direkt am Nordpol und das Aufatmen füllt die Lunge mit ungefähr einer Million Eiskristalle. Der Wind beißt sich schmerzhaft im Gesicht fest – es ist sibirisch kalt. Andere Nordpolbewohner, die mir begegnen, hasten einer Wärme zu, die hoffentlich irgendwo auf sie wartet. Und meine Stiefelspitzen krabbeln unschlüssig in den Schnee. – Was jetzt? Und wohin? Wo ich doch hier eigentlich gar nicht sein wollte.

Die Stiefelspitzen wollen nach links. Und überhaupt endlich los, bevor die Zehen in ihnen festfrieren. Na gut, drehen wir halt eine Runde um den Gendarmenmarkt. Der ist auch im Winter schön und gerade gut genug, die frisch ramponierte Ästhetik zu therapieren.

Die Tage im Januar sind noch kurz und es wird schon dunkel. Die deutschfranzösischen Dom-Brüder haben sich weiße Wollmützen auf die Kuppeln gestülpt. Hübsch und romantisch sieht es aus…

…und die vorbei knarrenden Pferdefuhrwerke auch und die Droschken mit den warmen Pelzdecken und den livrierten Kutschern, die im Schein der flackernden Gaslaternen mit dicken Fäustlingen um die Zügel auf ihrem Bock schlottern. Das findet wohl auch der Kerl mit dem Backenbart, der an seinem blankgescheuerten Holztisch im Lutter & Wegner durch die Scheiben starrt und der einsam vorbeischlendernden Spaziergängerin kurz zuzwinkert. Bevor er sich dem kratzfüßelnden Servicepersonal zuwendet, wild entschlossen, in erlesener Runde den von seiner jüngstverflossenen Geburtstagszecherey überkommenen Kater zu ersäufen:

Herr Wirt, fünf Gläser auf den Tisch!
Was gafft Er da so dumm?
Die Kerls, zu deren Wohl ich trink’,
Schlepp ich in mir herum.

Den ersten Kelch leer’ ich auf Ernst,
Das ist der Literat,
Der Kater Murr und Meister Floh
Aufs Blatt geschustert hat.

Das zweite Glas auf Theodor,
Den alten Widerling,
Beamter, der in Preußens Muff
Fast vor die Hunde ging.

He, Amadeus, hältst du mit?
Der dritte Schluck ist dein!
Dem Musikus ein Lebehoch,
Er will gebauchplinst sein.

Der vierte Krug dem Maler gilt,
Den auch ich in mir trag,
Wenngleich er keinen Namen führt.
Doch! – Alle, die ich sag.

Das fünfte Glas auf Hoffmann, ex!
Das ist der bleiche Geist,
In dessen Brust die Bande tobt.
(Und ihn in Stücke reißt.)
[1]

Sagte ich Kater? Wo kommt nur auf einmal dieser gestiefelte Miez her, der im Schnee um mich herum schleicht? Den kenne ich doch! Der wohnt seit Jahr und Tag im dritten Band meiner schmucken endsechziger Aufbau-Ausgabe. Gerade als ich weitergehen will, zieht er höflich und überaus possierlich seinen Hut. Nur, um mich dann aufdringlich anzuquatschen und ungefragt mit schnurrigem Boulevardklatsch zuzutexten. Dass der Meister nämlich sogleich noch seinen Intimus, den Herrn Hofschauspieler Devrient erwarte – zum gemeinsamen Modellbechern für das Logo einer dereinst berühmt werdenden Getränkemarke. Schließlich habe der erlauchte Hofmime selber für die Nachwelt den Namen des hauseigenen Kultgesöffs erfunden. Zwar im theatralischen Überschwang des Auftritts nach dem Auftritt in der Lieblingskneipe und mehr so aus Versehen als bühnenreifes Falstaff-Bonmot auf eine andere Hochprozentigkeit. (“Bring er mir Sack, Schurke!”) Aber wer früge späterhin schon noch nach dergleichen. “Der Saeck oder Sect ward ein Berliner Szenewort. Und der Schaumweinschlürfer des 21. Jahrhunderts wird nach Anekdoten lechzen und Originalschauplätzen, wenn er auf seiner lehrreich angeheizten Stadtbeschau in den allerspätestens seit ‚Hoffmanns Erzählungen‘ einschlägigen Lutter & Wegnerschen Weinkeller einfällt. Murrrrrr, glaube sie mir das, Mademoiselle.”

Moooment mal! Wofür hält der mich? Etwa für ’ne Touri-Schnepfe aus Posemuckel im Hinterwald? So tiefgefroren und winterschläfrig können meine kleinen grauen Zellen gar nicht sein, um nicht hellwach aufzuflattern und Alarm zu schlagen, dass an der Geschichte was nicht stimmt.

Wahr ist wohl, dass die zwei, den Berlinern ihr ‚Gespenster-Hoffmann‘ und der ebenbürtig abgründige Genius Devrient, sich in selbiger Weinschänke gesucht und gefunden haben. “Beide waren Meister darin, das Unerträgliche in die erträgliche Leichtigkeit des imaginativen Spiels zu verwandeln. Keine Tragik ohne Ironie. Die… schütteten sich ihr Herz aus, aber immer blieb ein Rest Spiel und Schauspielerei dabei…. Da sitzen die beiden Absturzgefährdeten und Genies des Leichtnehmens und des Leichtsinns bei ‚Lutter & Wegner‘ und spielen in der Verwandlungswelt der Imagination, werfen sich die Bälle ihrer Einfälle zu, mischen Ernst und Spiel, imitieren die Leute und sich selbst, machen sich Geständnisse, geben Trost, führen ihre Nachtgespenster vor. In den Nächten mit Devrient hatten Hoffmanns Erzählungen Premiere…” [2]
Und es gibt kaum einen Grund zu zweifeln, dass der große Bühnengaukler den Tod des Freundes nie verwunden hat. Dass er mit der Flasche in der Hand oft genug Selbstgespräche an dessen Grab geführt und seine zehn Überlebensjahre lang die Trauer in Vin Mousseux ertränkt hat. Allerdings starb Hoffmann bekanntermaßen bereits 1822, hat also des Anderen Wortkreation für den Lieblings-Absacker nie vernommen. Denn die überlieferte Episode mit dem Devrientschen Shakespeare-Zitat datiert erst aus dem Jahre 1825 und der erste deutsche Schaumwein gar erst aus dem Jahr danach. So illustriert die vereinte Becherei auf dem Etikett des L-und-W-Schampus mitnichten, warum der Flascheninhalt so heißt, wie er heißt. Wer allerdings wöllte dem Laden das legitime Zurechtdesignen seiner berühmtesten Stammgäste zu Urhebern und Werbezwecken verdenken.

Nun, und was die Flunkerei um den Originalschauplatz angeht…
Den Weinkeller hätte man Euch ja noch verziehen, Katerchen. Den gabs zwar auch erst seit 1835, aber immerhin bereits zu Lebzeiten des alten Offenbach, Veroperer von ‚Hoffmanns Erzählungen‘. Außerdem hockte und komponierte der in Paris rum. Doch dass der Hoffmann ursprünglich zwei Ecken weiter in seine Stammlokalität einkehrte, selbige nach einem Bombenvolltreffer des letzten heimgekehrten Krieges nicht mehr zu retten war und danach mitsamt ihrem einstigen Glanz auf Jahrzehnte verschwand, solltet Ihr den anreisenden Gespenstersuchern dann doch nicht umzudichten suchen. Wozu auch? Sein Geist ist sowieso herinnen, denn an ihrem heutigen Platz hat er gewohnt.

Eiei, Eure Schnurrhaarigkeit, da müsst ihr schon früher aufstehn und euch putzen, bevor ihr einer halbwegs hoffmannbibelfesten Schonlangberlinerin E.T.A.s neues Leben verkaufen könnt.

“Mit Verlaub, mein Bester”, hebe ich, an diesem Punkt meiner frierenden Grübeleien angekommen, streitsüchtig an… doch er ist verschwunden und mit ihm auch der backenbärtige Zecher hinter der Scheibe. Und die Droschken und die Kutscher. Ein Passant schaut mich ob meines Gebrabbels grinsend von oben bis unten an. Verdammt, das muss die Kälte sein. Hastig und mit hochrotem Gesicht suche ich in Richtung U-Bahnhof das Weite.

Und bin froh, dass ich ihn nicht noch gefragt habe, wer so früh am Abend im Schauspielhaus die Barcarolle spielt. Die ich deutlich bis hierher höre. Oder…?

***

Ätsch! Das hier ist sie nicht. Nö, ich brauche jetzt was zum Gespenster verjagen 😉 :

Quellen: Text: [1] Reinhard Griebner: E. T. A. Hoffmann hält Einkehr bei Lutter & Wegner. [2] Rüdiger Safranski: Über E.T.A. Hoffmann und Jacques Offenbach. In: E.T.A. Hoffmann. Jahrbuch, Bd. 8, S. 70. Erich Schmidt Verlag (ESV), 2000. Bilder: Der Gendarmenmarkt (Berlin). 1857. Von Eduard Gärtner, 1801-1877. Der Dichter E.T.A. Hoffmann (links) und der Schauspieler Ludwig Devrient 1815 im Weinkeller von Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt in Berlin. Gemälde von K. Themann, gemeinfrei. Berlin, Weinstuben Lutter & Wegner 1947 – Bundesarchiv Bild 183-N0415-354, via Wikipedia. Lutter & Wegner bei Nacht, heute – Fotos-Berlin24.de. Video: 17 Hippies: Frau von ungefähr. Berlin 2008, live – via youtube.

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