Ein Vierteljahrtausend alt – und kein bisschen tot

März 22, 2013 um 11:05 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Hexenseele, Kalenderblätter, Kultur, Spielwiese | Hinterlasse einen Kommentar
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“Solang ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein”
(Jean Paul)

Stephan_Klenner-Otto_Buntstift_Jean_PaulEin Geschenk ist angefragt, vom Blognachbarn und Meister der Höllenfahrt und Weheklag, dem Wolf. Er regts nicht an und erbittet es nicht für sich selber, oh nein, sondern für einen guten alten Freund, der heuer sein 250. Wiegenfest feiern dürfte – so er es denn noch erlebt hätte,

“und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rothkehlchen, der Kranich, der Rohrammer, und mehre Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; — und zwar an dem Monattage, wo, falls man Blüten auf seine Wiege streuen wollte, gerade dazu das Scharbock= oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, deßgleichen der Ackerährenpreis oder Hühnerbißdarm, nämlich am 21. März; — und zwar in der frühesten frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um 1½ Uhr….”*

Der alte Freund ist Jean Paul, geboren ehedem noch als Johann Paul Friedrich Richter, aber den kennt wieder kaum einer.

Sehen wir mal davon ab, dass der März heutzutage offenbar auch nicht mehr das ist, was er mal war (wo gerade außer Schnee über Schnee überhaupt nix hier anlangt): was schenkt man einem, der schon alles hatte und sowieso gar nichts mehr braucht – seit nunmehr auch schon wieder über 187 Jahren?

Hmmm… versuchen wir es mal anders. Gesetzt den Fall, er könnte sich noch was wünschen: was täte ihn wohl freuen? –

Nun, er wollte gelesen sein. Und zwar nicht nur aus wirtschaftlichem Erhaltungstrieb, sondern weil er der Nachwelt etwas geben konnte. Dies lässt sich zumindest und unter anderem der Sechste[n] poetische[n] Epistel seiner Konjektural-Biographie entnehmen, in der er sich als “literarischen Jubilar” feiert:

Leipz. Im Nachsommer, 98
“…Ich stehe in dieser Epistel nun schon im Oktober des Lebens vor dir, mein Laub färbet sich, hängt aber noch, und der stumme Nachsommer zeigt Gespinste und Nebel auf der Erde und blauen Äther oben. Mach aber mit mir die Obstkammer dieses Herbstes auf und betrachte die kleine allgemeine deutsche Bibliothek samt den Supplementen, die ich in diesem kurzen Leben zusammengeschrieben habe….

‚…- – was war es? – Ein Traum? Aber in der kältesten Stunde des Daseins, in der letzten, ihr Menschen, die ihr mich so oft mißverstandet, kann ich meine Hand aufheben und schwören, daß ich vor meinem Schreibtisch nie etwas anderes suchte als das Gute und Schöne, soweit als meine Lagen und Kräfte mir etwas davon erreichen ließen, und daß ich vielleicht oft geirret, aber selten gesündigt habe. Habt ihr wie ich dem zehnjährigen Schmerz eines verarmten, verhüllten Daseins, eines ganz versagten Beifalls widerstanden, und seid ihr, bekriegt von der Vergessenheit, so wie ich der Schönheit, die ihr dafür erkanntet, treu geblieben?‘

Was geht mich die Jubelrede mehr an? Ich sage das: nur einmal wandert der Mensch über diese fliehende Kugel, und eilig wird er zugehüllt und sieht sie nie wieder; wie, und er sollte der armen, so oft verheerten und vollgebluteten Erde nichts zurücklassen als seinen Staub oder gar versäetes Giftpulver und Verwundete? – O wenn einer von uns eine Tagreise durch irgendeine stille Welt am Himmel, durch den milden Abendstern oder den blassen Mond tun dürfte: würd‘ er da, noch dazu wenn er ferne Seufzer hörte oder vergoßne Tränen fände, sein eiliges Durchfliehen mit herumgelegten Selbstgeschossen und ausgestreuten Dornen bezeichnen und nicht vielmehr, falls er könnte, mit irgendeiner geöffneten Quelle, mit einer zurückgelassenen Blume, oder mit was er zu erfreuen wüßte? – O es sei immer vergessen von der ganzen Zukunft, was ein sanftes Herz wollte und tat; wenn es nur unter dem Handeln sagen kann: nach langen, langen Jahren, wenn alles verändert ist und ich auf immer verflogen oder versenkt, da wirft vielleicht die Hand der Zeit den Samen des kleinen Opfers, das ich jetzt bringe, weit von mir und meinem Hügel zu irgendeiner Frucht oder Blume aus, und ein mattes Herz wird daran erquickt und schlägt voll Dank und kennt mich nicht. –

Mein Jubiläum ist aus; – aber jene Hoffnung ist eigentlich das rechte. – …”**

Ein bisschen J.P.3 klUnd gelesen wird er ja doch. Von mir jedenfalls (und nicht nur von mir) – und ich würde nichts von all dem Gelesenen missen wollen. Mein erster Jean Paul war ein schmales Bändchen von Kiepenheuer “Bemerkungen über uns närrische Menschen” – aus der Zeit, als ich noch ein exzessiver Aphorismen-Freak war. Das hat mittlerweile ein halbes Menschenleben auf dem Buckel und ich hab und mag es immer noch – doch sind mit den Jahren ein paar umfänglichere Jean Paulsche Auslassungen und Romane hinzu gekommen.

Um nochmal ein klein wenig auf der vom Wolf zitierten Weheklag eines Verlegers herumzureiten: Nein, das zehnbändige Gesamtausgaben-Möbel von Hanser beherberge ich nicht in meinen vier Wänden, werde es womöglich auch nie (oder doch?) und befinde mich damit offenbar in zahlreicher Gesellschaft von Leuten, denen der Mann durchaus nicht fremd ist. Wo liegt die Bemessungsgrenze für Jean Paul? Und w i e wird die Liebe zu seinen Werken gemessen? Etwa in Metern? Ich jedenfalls mag ihn sehr – wie bescheiden mein J. P.-Sammelsurium nun sein mag oder nicht.

“Mein Jubiläum ist aus”, schließt er – wohl etwas wehmütig – den Jubilierpart der Sechsten poetischen Epistel. Zum Glück ist es nicht so und womöglich würd‘ er vor Freude auf seinem Grabhügel tanzen, wenn er auskosten könnte, dass die deutsche Literatenwelt ihm ein ganzes Jean-Paul-Jahr schenkt. Das ist nicht wenig – so mancher bekanntere Kopf dümpelt ganz alltäglich durch sein halbvergessenes rundes Jubiläums-Anno, haben wir alles schon erlebt.

Auch hier in Berlin feiert und veranstaltet man ihn. Was nur recht und billig ist, denn bekanntermaßen veranlasste ihn die begeisterte Affinität der preußischen Lieblingsmajestätin Luise zu seinen Werken seit dem “Kleinen Musenhof” ihrer Schwester, nach hier umzuziehen – und zwar lange, bevor der Luisen-Fankult einsetzte. Und vielleicht ist dem Umtriebigen und Unsteten ja dieser Ortswechsel von Weimar nach Berlin gar nicht so schwer gefallen – sein Verhältnis zu Goethen und Schillern soll ja eher ein wenig unterkühlt gewesen sein, zumindest von deren Seite.

Das erste Event der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gestern Abend musste ich allerdings leider wegen Unkompatibilität des Timings mit dienstlicher Abkömmlichkeit schon mal verpassen: die Lesung der “Flegeljahre” in Untermalung durch Robert Schumanns “Papillons”, von selbigen inspiriert. Wünsche allen Anwesenden, viel Vergnügen dabei gehabt zu haben. Bleibt mir immer noch das “Dintenuniversum”, das beginnt erst im Herbst und zieht sich bis zum Jahresende hin, da wird ja wohl für einen Ausstellungsbesuch auch mal dienstfrei sein.

Jean Paul bescheidene Sammlung4 klUnd was schenk ich ihm nun, dem Jean Paul?

Zwei Dinge: Aufmerksamkeit bis ans Lebensende – also meines, und vorerst schmale dreißig Zentimeter in meinem Bücherregal – mit Platz für herzwarmen Zuwachs. Ach ja… und natürlich obigen bescheidenen Blogeintrag. Jubilierum jubilarum.

Ist es genehm, Wolf? 😉

Fehlt noch der Soundtrack für heute (na, wenn der sich nicht geradezu aufdrängt): die Papillons Op.2 von Robert Schumann, gespielt hier von Swjatoslaw Richter:

Quellen: * und ** aus: Jean Paul. Selberlebensbeschreibung. Konjektural-Biographie. Reclam 1971. Jean-Paul-Porträt: Buntstiftzeichnung von Stephan Klenner-Otto. 2010 – via Seite der Staatsbibliothek Bamberg. Bescheidene Jean-Paul-Büchersammlung 1 und 2: Ich, zu Hause.

Erste-Klasse-Ticket für Rettungsboot Nr. 7

April 15, 2012 um 12:00 pm | Veröffentlicht in 2012, Berlin, BildungsLückenbauten, Dings des Tages, Geschichtsbuch, Globe-Trottel, Kalenderblätter, Katastrophen-Hexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen | 2 Kommentare
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oder Eine Berlinerin geht nicht unter

or ein paar Tagen erging vom Nachbar-Account die Frage: Bloggt wer die Titanic?

Eigentlich hatte ich ja keine Lust dazu – der wort- und geschäftstüchtige Rummel um diesen nunmehr einhundertjährigen Mythos auf dem Meeresgrund schien mir groß genug. Dass und wie sehr Berlin am Meer liegt, hab ich hier eh schon gelegentlich erwähnt. Und was zur Hölle hab ich mit diesem untergegangenen Luxusdampfer zu schaffen?

Oder? Doch mehr als ich dachte?

Ich musste an das Schild denken. Ein kleines, ziemlich unscheinbares Schild am Spittelmarkt, irgendwo am Straßenrand. Es will offenbar den nach einer Bleibe umherirrenden Berlin-Besucher zum „Titanic“ lotsen, dem innerstädtischen Glied einer türkischstämmigen Hotelkette gleichen Namens. Mir wäre es wahrscheinlich nie aufgefallen, das Schild, wenn… ja, wenn ich nicht zusammen mit tausenden anderen Berufsverkehrern genau dort täglich in den Untergang gespült würde: alle Maschinen stopp wegen Dauerbaustelle. Kein Eisberg also, aber trotzdem mit katastrophalen Folgen – vorprogrammiertem Zuspätkommen zum Broterwerb nämlich, aggressiven Auto- und lebensmüden Radfahrern. Einzige Rettung: miiindestens zwanzig Minuten früher aufstehen.

Hmmm… nomen est omen?

Ich frag mich sowieso andauernd, warum es Empfehlung oder Werbegag sein soll, auf oder in etwas zu wohnen, das Titanic heißt. Oder beim Unternehmen Titanic Reisen einen Flug oder eine Kreuzfahrt zu buchen. Kaufte wirklich jemand gern sein Surfbrett oder Paddelboot bei Titanic Sporty? Sein Antivirus-Programm bei Titanic-Software? Und wie optimistisch tickte einer, der sein Vorsorge-Paket beim womöglichen Vertreter einer womöglichen „Titanic-Lebensversicherung“ abschlösse? Das einzige Programm, das mich beim Aufstöbern einschlägig getaufter Firmen und Konzepte halbwegs überzeugt hat, war eine kleine Kneipe am Arsch der Welt irgendwo hinter Hamburg, die sich ‚Untergang mit Stil‘ auf die Fahnen geschrieben hat. Naja, und das Satireschiff, sowieso.

Aber jetzt mal ernsthaft, wo ich mich nun doch schon dahinein begebe: auch Berlin hat ’sein‘ Titanic-Schicksal, in Gestalt einer umtriebigen, reiselustigen und anhaltend heiratsfreudigen Millionärswitwe nämlich. Bis zu ihrem Einschiffen auf dem legendären Luxusklipper wohnhaft in der Windscheidstraße 41, 2. Stock.

Antoinette Flegenheim, vermögende Wahl-Charlottenburgerin, die ihren vermögensbildenden Alfred 1890 in Manhattan überm Teich geehelicht und siebzehn Jahre später zwischen Amerika und Europa beerbt hatte, war die einzige Berliner Passagierin an Bord der „Titanic“. Und sie ging nicht unter.

Die Umstände dafür, davor und danach sowie für unsinkbares Berlinerinnentum an sich verdankt die Nachwelt einer mittlerweile zehnjährigen Recherche des Kreuzberger Kreuzfahrers, Ahnenforschers, Titanic-Vereinsbruders und Sozialarbeiters im Ruhestand Gerhard Schmidt-Grillmeier:

Die Weltdame Flegenheim aus Kabine 8, Deck D, mit dem Erste-Klasse-Ticket Nr. 17598, für das sie locker die damals stolzen 31 Pfund, 13 Shilling und 8 Pence hingeblättert hatte, saß im Rettungsboot Nr. 7, dem ersten, das von der Titanic ablegte. Was, jedenfalls wenn man an die Chaos-Dramaturgie einschlägiger Monumentalfilme denkt, zumindest bemerkenswert scheint. Immerhin lag Madame zum Zeitpunkt des eisigen Zusammenstoßes von letzter Nacht vor 100 Jahren schon zwei Stunden lang in tiefem Schlummer. Vom verursachten Geräusch in selbigem gestört, rettete ihr wohl praktizierte Lebenstüchtigkeit ohne Federlesen, womöglich auch eine antrainierte Allergie gegen nicht umgehend verfügbares Personal, das Leben:

„Lauschen. Pantoffel. Nach dem Klingeln kommt kein Steward. Sie sucht ihre Bekannte Blanche Greenfield in deren Kabine auf, hört von einer Kollision, soll sich anziehen und an Deck kommen. Schwimmweste. Offizier Murdoch fängt ihren Hut auf. Fast leeres Deck. Rettungsboot Nummer sieben ist das erste, das die Titanic verlässt.“
(Berliner „Tagesspiegel“ vom 8. April 2012)

Das traumatische Erleben kompensiert sie nur zwei Monate später, mit einer neuen Ehe. Der Glückliche, dem sie am 20. Juni 1912 in Buffalo, New York, das Jawort gibt, ist der 35jährige Engländer Paul Elliot White-Hurst. Auf der Heiratsurkunde ist ihr Alter mit 42 Jahren angegeben, um sieben Jahre jünger, als sie tatsächlich ist. Diese kleine weibliche Eitelkeit bringt den Berliner Amateur-Titanic-Forscher ganz schön ins Schwitzen, bevor er das wirkliche Geburtsdatum der am 11. Mai 1863 im randberliner Himmelpfort geborenen Försterstochter Berta Antonia Maria Wendt alias Antoinette Flegenheim alias Mrs. White-Hurst herausfindet.

Die in ihrem zupackenden Wesen versäumt nicht, der White Star Line an Heiligabend des Katastrophenjahres eine saftige Rechnung für nichtgebuchten Schockzustand und Verlust ihrer persönlichen Wertseligkeiten zu stellen. In der sich auf drei Seiten neben der smaragdbesetzten Eidechsenbrosche, ihrer Diamanten-Lorgnette und einem fünfstelligen Bargeldbetrag auch sorgsam ihre abgesoffenen Kleidungsstücke aufgelistet finden, darunter ein Fuchsschwanz, drei seidene Petticoats, zwei Korsetts. Vier aufwendige Nachthemden und drei einfache, ein Dutzend Paar Handschuhe…

Die Spur unserer Berliner Titanic-Reisenden verliert sich in München. Zuletzt war sie da im bereits ehrbaren Alter von 76 Jahren 1939 in der Kaulbachstraße gemeldet. Ein Grab als letzten Wohnsitz gibt es dort nicht. Aber Titanic-Freak Schmidt-Grillmeier bleibt dran…

Wäre Madame Flegenheim damals
n i c h t auf dem Crash-Dampfer an Bord gegangen und friedlich zu Hause geblieben, hätte sie den Untergang der Titanic, zudem außer Lebensgefahr, noch im selben Jahr auch auf dem Grüpelsee bei Königs Wusterhausen erleben können. Denn der erste Titanic-Film ever wurde in Berlin gedreht.

So viel Untergang zu Hause um die Ecke – wer hätte das gedacht. Ach ja… und w e r wollte eigentlich die Titanic bloggen? Fortsetzung folgt. Frühestens 2112.

__________________

Bilder: Titanic-Rettungsboot (Nachbau) – AFP,via Fotostrecke im „Tagesspiegel“ vom 8. April 2012. Millionärswitwe Antoinette Flegenheimer (einziges erhaltenes Foto) – veröffentlicht im „Berliner Lokalanzeiger“ vom 19. April 1912. Befindet sich in der Sammlung von Gerhard Schmidt-Grillmeier. Titanic-Boot mit Schiffbrüchigen – Foto: Reuters, via Fotostrecke s.o. Verlustlisten der Witwe Flegenheimer – Sammlung von G. Schmidt-Grillmeier, via Fotostrecke s. o. Szenenfotos aus dem ersten Titanic-Film „In Nacht und Eis“ von 1912 – via Fotostrecke s. o.

PAPER POP! Snackbox-Kopp vs. Suppendose – Andy Warhol lebt!

Februar 23, 2012 um 11:35 pm | Veröffentlicht in 2012, Bastel-Hexe, Bilderhexe, Denk_Mal-Hexe, Drumherum und anderswo, Hex of Pop, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 2 Kommentare
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„An artist is somebody who produces things that people don’t need to have.“

„Everybody’s plastic, but I love plastic. I want to be plastic.“

“Most people in America think Art is a man’s name.”

“I believe in low lights and trick mirrors.”

“Art is what you can get away with.”
(Andy Warhol)

Pop Art für Bastel-Freaks:


Selbige richten Ihren Dank für Paper Pop Bastelfutter bitte an Matt Hawkins, Cartoonkünstler aus Kansas City. Und an Rob Ives, Weiterverwender und Urheber des Wackel-Warhol:

Ein ‚Denkmal‘, das er gemocht hätte, der Andy Warhol, glaub ich. Vielleicht mehr als das Andy-Monument von Rob Pruitt auf dem Union Square vor dem ehemaligen Standort von Warhols Factory? Und mehr als die Andy-Tröpfelbrunnen-Skulptur unweit von dem slowakischen Nest, dem die Erzeuger des kleinen Andrej Warhola den Rücken kehrten, bevor er das Licht dieser verrückten Welt erblickte. Oder als den Kaffeetrinker-Bronze-Andy in Bratislava…

Fragen kann ihn danach leider keiner mehr.
Gestern vor 25 Jahren starb der Godfather of Pop Art.

„I always thought I’d like my own tombstone
to be blank. No epitaph, and no name. Well,
actually, I’d like it to say ‚figment‘.“

Bilder: Andy Warhol – Warhol Fright Wig, Polaroid-Selbstportrait, 1986. Via abc News, Ankündigung einer Ausstellung: “Andy Warhol: Photographer“ at New York’s Danziger Gallery. Paper-Pop-Andy: Matt Hawkins“ – via Custom Paper Toys. Andys monumentales: 1. Rob Pruitt. 2. und 3. PM und Peter Zeliznák – via Wikimedia commons.

Jotwede mit J. W. G. oder Wanderins Nachtlied

September 8, 2011 um 10:22 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fremd-Worte, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Spielwiese, Unnützes Wissen, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Update zu Die Lieb, die Lieb – mit Preisrätsel


Ilmenau ist ein Städtchen im Thüringischen. Außer den Einwohnern selber vielleicht noch Inland-Touris und Wanderfreaks, ein paar tausend Studenten der ansässigen Uni und drei, vier Handvoll Goethefans bekannt.

Mich verbinden mit dem Städtchen vor allem zwei Erinnerungen.
Die erste ist eine traurige: die Nachricht vom Selbstmord eines früheren Schulkameraden, hoffnungsvolles Mathematikgenie und Wahl-Ilmenauer, der uns Jugendfreunde damals tief erschüttert und mit tausend Fragen zurückgelassen hat. Die zweite hat noch ein Viertelleben mehr auf dem Buckel und ist nichts weniger als traurig, höchstens mit einem Wölkchen Wehmut betaut: an einen heißen Frühsommertag und eine übermütige, unbeschwert gackernde Horde Teenager, die, den Kopf voller Unsinn und Flausen und schon diverse Kilometer unter den Hacken, die Höhe des Ilmenauer Hausberges Kickelhahn erklomm. Klassenfahrten reichten dazumal noch nicht bis Rom oder London oder Lloret de Mar.

Der Weg aufwärts war einigermaßen steil und zog sich hin, wodurch der Übermut der jungen wilden Flachländer zunehmend abnahm, und die kurz vor dem etwas fußlahmen Sturm des Gipfels passierte Bretterbude versetzte außer mir kaum noch einen in Ehrfurcht. Verschwitzt und von der Hitze geschafft, schleppten sie sich daran vorbei und den meisten war es längst latte, dass sie hier auf Goethens heiligen Pfaden wandelten.

Der nämlich war in seiner Funktion als Bergbauminister von Sachsen-Weimar-Eisenach recht häufig an den Steinkohlengruben um Ilmenau, in seiner Funktion als herzoglicher Freund, Wanderer, Zeichner und Dichter auch des öfteren hier oben auf dem Kickelhahn. Und in eben jener grad etwas respektlos titulierten Bretterbude, die seinerzeit eine Jagdhütte war und heute respektvoll das Goethehäuschen heißt, schrieb er die Verse seines unsterblichen

Wandrers Nachtlied – Ein Gleiches:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Und zwar ein Gleiches zu Wandrers Nachtlied an Charlotte von Stein:

Der du von dem Himmel bist,
Alle Freud und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Er schrieb sie mit Bleistift auf das Holz der Wand neben dem Fenster, in der Nacht vom 6. auf den 7. September – also just gestern auf den Tag genau vor… ja, wieviel Jahren eigentlich?

Na, vor 231 doch – oder? Moooment, also bevor hier einer anfängt zu grinsen über Unwissenheit und Dummfragen, wo schließlich der 6./7. September 1780 als offizielles Entstehungsdatum einschlägig gehandelt wird, frag ich mich doch einfach mal so: wie selbiges Wandrers Nachtlied dann auf die Wand einer Hütte erfunden sein soll, die, so man den Chronisten und der im Goethezeitportal dokumentierten Inschrift-Unterschrift von Goethes höchsteigener Hand glauben darf, auf Betreiben des herzoglichen Carl August erst im Sommer 1783 auf den Berg gestellt wurde. D a n a c h wären es jetzt genau 228 Jahre. Die mir dereinst herzwarm übereignete achtbändige Tempel-Klassiker-Ausgabe ist für solcherart Spitzfindigkeiten leider zu unkommentiert. Und nicht world wide Wandrers-Nachtlied-Experten noch Goethezeitportal scheinen, so meine emsige www-Kramerei, über die munter und unbekümmert nebeneinander publizierten zwei Jahreszahlen zu stolpern. Jedenfalls hab ich bislang kein Sterbenswort dazu gefunden.

Oder sollte ich irgendwas übersehen haben und bin nur zu dämlich, das kleine Rätsel aufzudecken? Wenngleich es ja dem über die stillen Wipfel und schweigenden Vögelein hin singenden Wandrer eigentlich herzlich schnuppe sein kann, wann und ob er auf diesem Gipfel das Licht der Welt und das Dunkel der Nacht erblickt hat; es tut seiner minimalistisch-sinnschweren Schönheit nicht weh. Aber ein bissel neugierig ist man schon, wo doch sonst jeder Japser vom J. W. G. tausendfach zurechtgedeutet wurde. Auf, auf, Goethe-Kenner und -Forscher, erleuchtet mich!

***

Ein wenig eitel war er aber schon, der alte Geheimrat, oder? Denn 1813 hat er die Verse in der Hütte nochmal für die Nachwelt nachgemalt. Was in diesem besonderen Fall allerdings nur begrenzt genützt hat. Denn abgesehen davon, dass Grabräuber… öh, Souvenirjäger nachweislich versucht haben, sie aus der Wand zu sägen, brannte das originale Goethehäuschen auf dem Kickelhahn am 12. August 1870 nieder, als ein Trio Nachtliedwanderer darin ein romantisches Lagerfeuer abfackelte:

„Durch starke Regengüsse wurden die Leute durchnässt; sie beschlossen, als der Abend herbeikam und sie das genügende Quantum von Beeren noch nicht zusammengebracht hatten, ihre Heimath auch zu entfernt war, in dem stets offen gehaltenen Goethehäuschen zu übernachten und ihr Geschäft dann am andern Morgen fortzusetzen. Sie gingen nach dem Goethehäuschen und nahmen Besitz von dem obern Raume, in welchem sich eben das Goethe’sche Manuscript befand. Dort entzündete ein Mann auf einem kleinen Estrichguss, worauf früher ein Ofen gestanden, ein Feuer, um die nassen Kleider zu trocknen und die frierenden Glieder zu wärmen. Als die Leute am andern Morgen früh gegen fünf Uhr das Häuschen verließen, glimmten noch Kohlen auf der Feuerstätte und es stieg noch schwacher Rauch auf. Um diesem Abgang zu verschaffen, öffnete derselbe Mann, der das Feuer angezündet hatte, beim Weggange ein Fenster und ließ die Thür offen stehen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Fahrlässigkeit jenes Mannes die Ursache des Brandes geworden, indem durch den hergestellten Luftzug das noch glimmende Feuer angefacht worden ist, welches dann das dürre Holzwerk entzündet haben mag. […] Vom großherzoglichen Kreisgericht Arnstadt wurde der Schuldige wegen fahrlässiger Brandstiftung zu zwei Monaten Gefängnis verurtheilt.“

Julius Keßler, Ein deutsches Heiligthum und sein Untergang. In: Die Gartenlaube, 1872, No. 40, S. 656-658.Abbildung S. 657, Zitat S. 657f. (Von mir entliehen aus dem vielzitierten Ihrwisstschonportal.)

Das Hüttlein wurde recht umgehend durch einen Verein für die Verschönerung Ilmenaus originalgetreu wieder aufgebaut und beherbergt heute neben einem Faksimile der goetheschen Inschrift unter Glas auch Wandrers Nachtlied in 15 Sprachen.

Unser alter Dichterfürst selber konnte sich offenbar nur schwer von seiner realpoetischen Graffiti und Eingebung trennen. Kurz vor seinem Tod, auf seiner letzten Reise nach Ilmenau, war er 1831 nochmal oben in der Hütte auf dem Kickelhahn, um nachzuschaun, ob sein Verslein noch an der Wand stünde. Seinem Freund und Begleiter jenes letzten Aufstiegs, dem Geologen Johann Christian Mahr, verdanken wir die Unvergänglichkeit dieses rührseligen Moments des greisen Goethe – und, in mittelbarer Täterschaft, unzählige KitschPostkarten mit dem weißhaarigen Alten auf dem Berge:

„Goethe überlas diese wenigen Verse und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: „Ja warte nur balde ruhest du auch!“, schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald, und wendete sich darauf zu mir, mit den Worten: „Nun wollen wir wieder gehen.“
(Zit. n. Wulf Segebrecht: Johann Wolfgang Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und seine Folgen. Zum Gebrauchswert klassischer Lyrik [Reihe Hanser. Literatur- Kommentare; 11] München: Carl Hanser 1978, S. 37f. Über den „Kult des Ortes“ S. 34-45.)

Nachzulesen auch unter ‚Orte und Zeiten in Goethes Leben‘ im womöglich von mir schon erwähnten Goethezeitportal auf der Kickelhahn-Seite von Jutta Asser und Georg Jäger. Auf der die Zwei auch liebevoll eine Sammlung besagter Postkarten zusammentragen, an denen ich mich ‚zu bildenden… [und] kulturellen Zwecken‘ mal frech bedient hab.

Aber nun hocke ich hier mit meinem kleinen großen Rätsel vom Kickelhahn.
„Über allen Gipfeln
ist Ruh…“?

P.S. Für goethegestützte, kluge, witzige und/oder kreativ-originelle Lösungen bin ich bereit, einen kleinen Preis zu stiften. Nix aus meiner nicht grad überüppigen Goetheiana – die brauch ich selber. Aber auch halbwegs un-passend: eine Sammlung Boring Postcards USA, besorgt durch Martin Parr, würd‘ ich mir vom Herzen reißen. Etwas angegilbt und angegrabbelt, dafür als sauber gebundenes Büchelchen. – Wer also sowas mag…

P.P.S. Bei plötzlicher und unerwarteter Kommentarflut in Form von Antwortvorschlägen entscheidet über die Preisvergabe das Stiftungskomitee, bestehend aus – mir. Trostpreise: von der Hex‘ handsignierte Kitschpostkarten zu willkürlichen Themen.

Der Soundtrack kommt heute mal wieder alternativ daher: als Wanderlust…, ach nee, Wonderlust King, zwar nicht von Goethe-, aber von G o g o l Bordello:

Na gut, wer’s doch lieber klassisch mag, der lausche halt hier rein. (Obwohl: kann eigentlich einer der so unbändig wie entwaffnend lärmenden Lebenslust der Bordello-Bande widerstehen?) 😉

Bilder: Goethe Kari-kopf: Christof Stückelberger, ©2011. Aus: Goethe sucht nach des Pudels Kern; via. Kickelhahn-Schild: via ilmenau himmelblau. Goethehäuschen: Daniel Beyer, 14. Mai 2004, via Wikipedia. Faksimile der Wandinschrift – via Goethezeitportal. KitschPostkarten: ebenda. Kickelhahn-Panorama: Michael Sander, 23. August 2006. Via Wikipedia. Goethegestützt: Reiner Schwalme – via.
Video: Gogol Bordello: Wonderlust King vom Album „Super Taranta“, 2007. Via youtube.

I Told You I Was Trouble

Juli 25, 2011 um 2:13 am | Veröffentlicht in 2011, Kalenderblätter, Kultur, Lieder-Hexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Spinnweben | 4 Kommentare
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Vorahnung eines Updates

„You’re wondering now, what to do,
now you know, this is the End“

(Song der Ska-Band The Specials, gesungen von
Winehouse auf ihren Konzerten als ‚Rausschmeißer’lied.)

Vorausgehechelt von Boulevardschmierfinken, von den andern besorgt befürchtet und düster vorhergeahnt – Amy Winehouse ist tot. Traurig. Tragisch. Ein Jammer um diese starke, grandiose Soulstimme. Und um diese junge Frau mit dem Wahnsinnstalent.

Sie starb früh, zu früh, denn auch sie wurde nur diese verdammten 27 Jahre alt. Wie Janis. Wie Jimmy. Wie Kurt… und wie sie alle heißen. Willkommen im Club, Amy. Dort hausen die Legenden.

Das brutale Showgeschäft frisst wie eh und je seine Kinder.
Bleiben werden uns ihre Songs.

Ruhe in Frieden, Mädchen.

Bilder: Amy Winehouse, erste Reihe: via VERTIGOFM. Amy Winehouse, zweite Reihe: Bild 1 – Foto: AP; Bild 2 – Foto: REUTERS, via Berliner Morgenpost; Bild 3 – via VERTIGOFM.
Videos: Amy Winehouse: You Know I’m No Good v. Album: Back To Black. 2006. Via youtube. Amy Winehouse: Trailer zu Back To Black. Via youtube.

Manuskripte brennen nicht oder: Wo Gretchen Margarita heißt und Faust im Irrenhaus sitzt, ist Moskau

Juni 19, 2011 um 7:13 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Hexenliebe, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, PhilosoVieh | 7 Kommentare
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„Einen langen Weg hat der Teufel zurückgelegt, vom ‚Buch Hiob‘ in der Bibel bis zum Prolog im Himmel im „Faust“. Von Iwan Karamasow bis zu Adrian Leverkühn war es nur ein Sprung – noch längst kein Jahrhundertsprung. Kann der Teufel sich noch einmal in einer Dichtung unserer Epoche verselbständigen? Nicht entmachtet, entteufelt…, sondern im Vollbesitz seiner Macht… Kann er noch einmal, nach Dostojewski und nach Thomas Mann, glaubhaft dargestellt werden, als Widerspiegelung eines grauenhaft verlockenden Zweifels, der heute Menschen verwirrt?“

Zitat: Anna Seghers. Aus dem Klappentext der ersten (und volltextlichen) deutschen Ausgabe von: Michail Bulgakow „Der Meister und Margarita“. 1975 bei Volk und Welt. Diese beiläufig in sehr guter Übersetzung von Thomas Reschke.

Und ob er konnte! Und wie!
Und Gott und der Teufel und halbwegs Eingeweihte in die russische Literatur des 20. Jahrhunderts wissen, welch verdammt langen Weg Bulgakows Lebenswerk (geschrieben von 1928 bis zu seinem letzten Atemzug 1940) mitsamt dem Teufel darin hat hinter sich bringen müssen, bis es an die drei Jahrzehnte nach dem Tod des Autors endlich erscheinen durfte. Und selbst da noch ’schaumgebremst‘. Denn seine Erstveröffentlichung in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift Moskwa Ende der sechziger Jahre geschah immer noch mit über 180 Kürzungen und Verstümmelungen durch die sowjetische Zensur.

Doch „Manuskripte brennen nicht“, wie Bulgakow in diesem seinem Werk höchstselbst verkündet. Der Meister und Margarita wurde zu einem klassischen Fall für den Samisdat. Was auf Deutsch Selbstverlag bedeutet, und zwar auf eine in östlichen Gefilden ‚von oben‘ verhinderter Kunst sehr besondere und lange bewährte Art: durch die große Volksseele, die Leser selbst nämlich. Die rissen ihren Buch- und Zeitungshändlern das im Nu vergriffene Meisterwerk wie warme Semmeln aus den Händen, kopierten es oder schrieben es mitsamt den ausgelassenen Passagen sogar mit der Hand ab, gaben es weiter und verbreiteten es in dem Stoff angemessenem Höllentempo.

Das Buch war Kult, der auch in die Literaturstudi-Szene an DDR-Unis überschwappte. Ein Hauch davon überdauerte gar bis in meine Zeit dort und wehte mir ein paar legendäre Exemplare gilbender Handkopien in Originalsprache in den Weg, in denen ich mit Fieberaugen versunken bin. Ich hab meinen Meister und Margarita immer gern, immer verzaubert und verhext und seitdem auch immer sehr ehrfürchtig hergenommen.

***

Schauplatz der Teufelei: Bulgakows Moskau der 30er Jahre. Die Realität in der Hoch-Zeit der TeufelsStalin-Ära ist zu einer einzigen gewaltigen Groteske mutiert, unwirklich wie das Treiben der einfallenden Höllenbagage im Gefolge des Teufels, unwirklicher als das Buch im Buche, die ‚andere‘ Passionsgeschichte des Meisters um Jesus und Pontius Pilatus. Künstler landen im Irrenhaus und haben vergessen, wer sie sind.

Die Zeitmaschine ist in der Literatur längst erfunden und rattert munter und auf Hochtouren durch Bulgakows Roman. Wiewohl auf der Reise durch die Zeiten und aus Auerbachs Keller in die Sadowaja 302b der ganze goethische Doktor Faustus in russischer Version mitsamt seinem mephistophelischen Dialektikus als Widerpart auch so einiges an Verfremdung (aus guten Gründen) und satirisch-skurriler Mutation durchmacht, bis hin zur Parodie. Belzebub persönlich sucht zwecks Veranstaltung einer Dreißigerjahrewalpurgisparty und als Werkzeug der Gerechtigkeit die Stadt heim und heißt immerhin Voland wie Goethens Mephisto. An dessen walpurgischen Ausruf „Platz! Junker Voland kommt, Platz! süßer Pöbel, Platz!“ sich wärmstens erinnert, wer seinen Faustus kennt.

Zum weiteren Verlauf der auf drei verrückt verschlungenen Ebenen rasant galoppiernden Handlung werden ein Eintrag bei Frau Wiki und – erstaunlich genug für ein irgendwie immer noch Insiderbuch – Rezensionen wie Sand am Meer hergebetet, zum Beispiel bei sandammeer – jaja, die Ösis wieder.
Jede für sich bemerkenswert und aufschlussreich, scheint mir doch kaum eine davon erschöpfend genug und trifft auf den Punkt, was mich selber beim Lesen an Be- wie Empfindungen und Verwobenheit überkommen hat. Dagegen hilft praktischerweise am besten, sich dem Original im Selbstversuch hinzugeben. Der, versprochen, mit Sicherheit belohnt wird.

Zur Feier des im letzten Monat und hierzulande weitgehend unbemerkt verstrichenen 120. Geburtstags von Meister Michail Bulgakow heut und hier Der Meister und Margarita einmal anders – in Bildern. Verbrämt mit Zitat- und (von mir übersetzten und in eckige Klammern gesetzten) Kommentarschnipseln des Bildermachers. Das Ganze: ein kleines, aber feines und engagiertes Fotoprojekt, gefunden im russischen Internetz bei retroatelier sowie – von da übernommen – in dieser onlinenen Bulgakow-Enyklopädie. Fortsetzung folgt – sagen die da jedenfalls.

Поехали!… öh, auf gehts!
„Mir nach, Leser! Wer hat dir gesagt, es gäbe auf Erden keine wahre, treue ewige Liebe? Man schneide dem Lügner seine gemeine Zunge ab!
Mir nach, mein Leser, und nur mir, ich zeige dir eine solche Liebe!“

„…widerliche Blumen von beängstigendem Gelb…“
„ Sie hatte widerliche Blumen von beängstigendem Gelb in der Hand. Weiß der Teufel, wie sie heißen, aber die sind die ersten, die man in Moskau bekommt. Diese Blumen hoben sich deutlich von ihrem schwarzen Frühjahrsmantel ab. Gelbe Blumen trug sie! Eine ungute Farbe. Sie bog in eine Gasse ein und drehte sich um. …ich schwöre Ihnen, sie sah nur mich, und ihr Blick war irgendwie krankhaft. Mich beeindruckte nicht so sehr ihre Schönheit wie die ungewöhnliche Einsamkeit in ihren Augen, eine nie gesehene Einsamkeit! ….Es war qualvoll für mich, denn mir schien, ich müsse mit ihr reden, aber ich fürchtete, ich würde kein Wort herausbringen und sie würde weggehen und ich würde sie nie wieder sehen. Und stellen Sie sich vor, plötzlich sagte sie: „Gefallen Ihnen meine Blumen?“
Ich erinnere mich genau, wie ihre Stimme klang, ziemlich tief, aber brüchig… Ich ging rasch zu ihr hinüber und antwortete: „Nein!“ Sie sah mich verwundert an, und plötzlich, völlig unerwartet, wurde mir bewusst, dass ich gerade diese Frau schon mein Leben lang geliebt habe. Die Liebe sprang uns an, wie ein Mörder in einer dunklen Gasse sein Opfer anspringt, und traf uns beide. So schlägt ein Blitz ein, so stößt ein Finnenmesser zu! Sie pflegte übrigens später zu sagen, so sei es nicht gewesen, wir hätten einanderer schon seit langem geliebt, ohne uns zu kennen, ohne uns je gesehen zu haben. Sie lebte damals mit einem anderen Mann … Und ich auch, damals…“
(Vollständiges Zitat von mir hinzu’gehext‘. 😉 )

[Margarita – Bogdana… Die Verwirklichung eines Traums zu 100%…
Bei um die 40 Grad Hitze übrigens.]

„Annuschka hatte schon Sonnenblumenöl gekauft; nicht nur gekauft, sie hatte es auch schon verschüttet…“

[Wagenführerin Asja. Eine wunderbare Schauspielerin und ein sehr positiver Mensch. Kurz gesagt, eine Komsomolzin, eine Aktivistin…]

„Weißer Umhang mit rotem Futter…“

[Pontius Pilatus – der hervorragende Schauspieler Michail…
Der einzige spitzohrige (nicht kupierte) Doggenrüde in ganz Kiew brach sich am Tag der Aufnahmen ein Bein, verweigerte rüde das Shooting und musste eiligst durch ein Doggenmädchen ersetzt werden…]

„Dunkelheit senkte sich über Yershalaim…“

[In den Rollen: Garik, Oleg und Sergej. Heldenhafte Centurien –
die Rüstungen waren zwar nicht aus Bronze, aber mächtig schwer. Und die Hitze unerträglich.]

„Hier im purpurnen Schein des Kaminfeuers glänzte am Buffet der Degen…“

[Unser allerliebster Sergej Wassiljewitsch. Solch einen Asasello musst du suchen. Wir haben lange gesucht. Alles entschied sich buchstäblich (wie so viele Dinge bei diesem Shooting) im letzten Augenblick, durch Zufall und Fügung…]

„Sind Sie etwa ohne Ihren Degen erschienen?“

[Für Gella haben wir ein Casting gemacht, aber eigentlich hätten wir keines machen müssen. Katenka, diese göttliche Schöpfung, stand für die Rolle von Anfang an fest. Bedauerlicherweise haben wir nur wenige Aufnahmen gemacht. Dabei könnte man diese Gella aufnehmen und aufnehmen. Was für eine Haltung… und diese Figur…]

„Ich bin nicht böse, ich rühre niemanden an. Ich repariere den Primuskocher…“

[Der Kater war echt. Groß (nur ein winziges Stück kleiner als der wirkliche Begemot) und kräftig. Doch nach dem ersten Blitzlicht benahm er sich wie ein Schwein. Er fauchte und kratzte, die Wolle flog in Fetzen. Das Katerfrauchen Galja heulte. Schaut man sich die Aufnahmen als Slide-Show an, erlebt man einen außergewöhnlichen Diafilm über einen Dompteur (der war ich.) Eine Wiederholung des Shootings brachte überhaupt nichts. Er erkannte mich auf der Stelle und flüchtete ins Bad. Lenka ’stückelte‘ ihn aus dem, was wir hatten. In Einzelteilen. Nur der Gefühlsausdruck, der stimmt.]

„Sie stritten über etwas sehr Kompliziertes, Wichtiges, und keinem gelang es, den andreren zu bezwingen…“

[Jeschua – der Schauspieler Wolodja. Glücklicherweise auch im letzten Moment aufgetaucht. Von aufsehenerregender äußerer Erscheinung in Kombination mit einer erstaunlichen Menschlichkeit. Voller Willenskraft und dabei mit einem so wehrlosen Ausdruck in den Augen.]

„Und diese Frau war es auch, die Korowjow und Begemot aufhielt…“

[Werotschka, Kino- und Theaterschauspielerin.
Innerhalb von drei Sekunden drückte sie dir die verschiedensten Emotionen aus… Es fiel schwer, etwas auszuwählen. Servierte echte Lebensmittel an den Tischen. Die haben wir später unter freiem Himmel sogar aufgegessen.]

„Guerlain, Chanel Nr. 5, Mizuko, Narcis noir, Abendkleider, Coctailkleider…“

[Die Aufnahmen wurden im Theater „Susirje“ am Jar Walu gemacht. Katenka, Tanetschka, Anetschka und Saschenka. Einen Kater hatten sie nicht dabei.]

„Manuskripte brennen nicht…“

[Wir haben Papier verbrannt. Der Gestank im Studio hielt sich ewig.
– Diese Augen, die Augen!!!]

„So flogen sie dahin und schwiegen lange…“

[In der Rolle des Meisters: Viktor. Die Gewänder wurden von der genialen Aljona genäht, die mit bemerkenswerter Akribie Mittelalterkostüme nachempfindet. Bogdana sah toll aus in dem Kleid.]

„Bitten Sie niemals und um nichts! Man wird es Ihnen von selbst anbieten und von selbst alles geben.“

[Der Meister lässt sich allgemein sehr schwer visualisieren. Denn jeder hat sein eigenes Bild vom Meister. Für mich war es immer Michail Afanasjewitsch (Bulgakow. Die Vf.n) höchstselbst.]

Gut gemacht, Rebjata!

Natürlich ist zu einem derartigen Aufwand auch der passende Soundtrack vorrätig: Sympathy for the Devil von den Rolling Stones. Nach einem 1968er Songtext von Mick Jagger, dem er nach Lektüre und unter dem Eindruck von Der Meister und Margarita entspross. Das Buch war ihm von seiner damaligen Geliebten Marianne Faithfull verehrt worden. Jaha, der Dame, die neben Drogensucht, höllisch guter Musik und anderen Leistungen auch noch die vollbracht hat, die erste gewesen zu sein, die das Wort „Fuck“ in einem Film aussprach („I’ll Never Forget What’s ’is Name“. 1967):

Mit deviltattooträchtigem Halbstriptease von Mr. Jagger höchstpersönlich im letzten Drittel der Aufnahme.
Die gibts auch als Videoclip
ratet mal, wo wiedermal nicht verfügbar. 😉

Ach ja, und eine weitere Galerie mit Visagen und Personagen zum Meister und Margarita hammer auch noch – hier. Und eine durchaus sehenswerte Fotoausstellung zum Thema.

Bilder: Voland: CD-Cover einer Hörspielbearbeitung von Der Meister und Margarita. mdr. Der Hörverlag. 2009. Schatten-Voland: Via Bulgakow-Online-Enzyklopädie. Foto-Projekt Der Meister und Margarita (Bilderstrecke): Original bei retroatelier, Januar 2011. Übernommen von Bulgakow-Enzyklopädie. Begemot: Jewgenij Semenjuk, 1991. Via Bulgakow-Enzyklopädie.
Musik: Rolling Stones: Sympathy for the Devil . Studio-Album Beggars Banquet. 1968. Via Dailymotion. Videoclip auf myvideo.
Zitate: größtenteils aus der Reschke-Übersetzung der 1975er Ausgabe von Der Meister und Margarita bei Volk und Welt. Einige Eigenübersetzungen.

Yumiko oder Through the Looking-Glass, and What I Found There

März 20, 2011 um 6:56 pm | Veröffentlicht in Berlin, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, So Momente halt... | 6 Kommentare
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„Nagaki yo ya
omou koto iu
mizu no oto.“

So lang die Nacht, ach,
Und, was ich denke, sagt nur
Des Wassers Rauschen.

(Japanisches Haiku, v. Gochiku)

ochbetrieb. Die Hütte ist voll.
So ist es immer am Montagmorgen vor Neun. Alle Hände werden gebraucht. Sie fliegen über die Tastaturen und die sechs Computer glühen. Stimmengewirr. Scherzen, Schimpfen, Ungeduld. Und tausend Fragen der Studenten in der letzten Viertelstunde vor Kursbeginn. Alle Welt trifft sich im Schulbüro am Montagmorgen. Die ganze Welt.

Eine schmale Mädchenhand. Sie schiebt mir ein Foto über den Tisch: sanfte Mandelaugen unter einem dunklen Fransenpony, langes Haar von der Farbe des Sommernachtshimmels.

Das Foto wird auf ihrem Zeugnis kleben, Deutsch-Zertifikat, Stufe B2.

Sie lächelt, als ich ihr Glück für die Prüfung wünsche.

Die Mandelaugen lächeln nicht.
Sie sind wie der glatte Spiegel eines schwarzen Sees. Doch in der Tiefe lodert Schmerz, tost eine Welle, die Häuser und Menschen und Dinge mit sich reißt. Schmelzen Atome, deren Strahlung Leben auslöscht und aus Städten Wüsten macht.

Unsere Hände berühren sich und unsere Blicke treffen sich für den Moment einer Ewigkeit. In der es still wird um uns. – Wo sind deine Lieben, Mädchen?

Sie heißt Yumiko.

*
***
*****

Abends auf dem Heimweg überschlägt sich der sonst Lieblingssender im Autoradio mit neuen Katstrophenmeldungen. Schneller, größer, schlimmer. Und die Moderatoren verströmen ihre Auffassung von Feierabendunterhaltung mit hirnlosen Bonmots über ein Volk von Hightech-Japanern, das gestern noch Roboter als Hausangestellte hatte und heute an Steinzeitfeuerstellen kocht. Labern merkbefreit mit EXPERTEN darüber, was für ein Riesenschwein wir doch haben, dass „DAS DORT“ „UNS HIER“ wohl nicht erwischen wird. Nicht sehr. Nur die Andern. Am andern Ende der Welt. Und GottundderZoll schütze uns vor verstrahlten japanischen Lebensmitteln! Amen.

Was ist das? Zynismus oder nur Dummheit? Oder vielleicht das Pfeifen im dunklen Wald?

Ich bin wütend und mir ist kotzübel. Ich schalte das Radio aus und möchte schreien. He Leute, kriegt ihr noch was mit??!! Wie nah ist euch der Nebenuns? Und wo ist das Ende der Welt? Die ist ein verdammtes Narrenschiff, aber es ist die einzige, die wir haben!

Ich denke an Yumiko…

…und an der roten Ampel am Frankfurter Tor falten die vergessenen Finger in Gedanken aus dem Blatt Zigarettenpapier einen Kranich.

Video: Reinhard Mey: Die Mauern meiner Zeit. Aus dem Album: Mit Lust und Liebe (1991). Via Noeki auf youtube.

Buried alive in the Blues

Oktober 17, 2010 um 5:26 am | Veröffentlicht in Drumherum und anderswo, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Sound des Monats, Träller-Hexe | 8 Kommentare
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“Janis starb an einer Überdosis Janis.”
(Eric Burdon v. “The Animals” über den Tod von Janis Joplin)

JanisSeit dieser Tage nun schon wieder vierzig Jahren lernen wir, was aus einsamen Mädchen nach ausgiebiger Lektüre des Time Magazine werden kann. Vorausgesetzt, sie haben hemmungslosen Bluesrock in der Kehle, Dynamit im Herzen, und eine wilde Sehnsucht im Bauch.

Mit Siebzehn lief sie von zu Hause fort. Mit Achtzehn sang sie in verrauchten Folk-Kneipen und tingelte durch Los Angeles. Mit Neunzehn kellnerte sie durch Louisiana. Als sie Dreiundzwanzig war, wurde sie als Frontlady von Big Brother And The Holding Company in San Francisco eingekauft. Ein Jahr darauf war sie berühmt.

Cry Baby

Zwei Alben später pilgerte sie nach Nepal, wie es sich für ein Hippie-Mädchen gehörte. Und wovon sie der Welt sang „… Honey, the road’ll even end in Kathmandu.“ Natürlich mischte und kiffte sie in Woodstock mit – wohin ein Hippie-Mädchen gehörte. Wenn auch ausgerechnet dort mit mäßigem Auftritt.

Sich anpassen und Kompromisse machen war niemals ihr Ding. Das Mikro in der einen, die Southern Comfort-Flasche oft genug in der anderen Hand, pöbelte und fluchte, sang, schrie und flüsterte sie sich mit der Naturgewalt ihrer Stimme und ihres Temperaments über die Bühnen. Das Publikum jubelte und kreischte und lag ihr zu Füßen und sah nicht die Zerrissenheit der Seele dahinter. Nicht die Einsamkeit, aus der sie in die Freiheit ausgebrochen war. Und die sie trotz allem immer wieder einholte. Wirklich nicht? – Schließlich war aus all dem ihre Musik. Und ihre Zeit.

Sie ließ auf das anonyme Grab ihres heiß verehrten Idols und Vorbilds Bessie Smith einen Grabstein setzen, kurz bevor sie selber einen brauchte. Bevor sie 15 Monate nach Brian Jones, nur ein paar Tage nach Jimmy Hendrix und nicht mal ein Jahr vor Jim Morrison so prominentes wie honores Mitglied im Forever 27 Club wurde.

Die Vokalspur von “Buried Alive In The Blues” auf dem Album Pearl ist leer. —Sie warteten im Studio auf sie an diesem Oktobertag 1970. Doch sie kam nicht. Fand nicht mehr heim von der Suche nach Freiheit in einem bunten Traum aus Heroin und psychedelischen Farben wie die ihres Cabrios – nie mehr.

Live fast, love hard, die young – Janis tat es. Als hätte s i e den Spruch erfunden, um ihn wörtlich zu nehmen. Mit dem Traum, in dem sie verloren ging, versank eine Ära, deren Idol sie wurde.

Seit 1995 lassen sie sie in der Rock and Roll Hall of Fame wohnen. Doch in Wirklichkeit brandet sie jeden Tag mit den Wellen an die Küsten des Pazifik, in den ihre Asche gestreut wurde. Wie ihre Stimme und ihre Songs nicht aufhören, in unsereins hereinzubranden.

Na, kleines Konzert gefällig? 🙂

Und als Bonustrack noch einer von meinen liebsten, der Me and Bobby McGee (sogar vom alten Countrydrescher Kristofferson eigenhändig geschnitzt), youtüblicherseits leider wiedermal vermieden. Als ob das noch irgendwen wunderte.

Bilder: Janis Joplin 1 + 4: Via Last.fm. Janis Joplin 2: Via dimas-cobain auf photobucket. Janis Joplin 3: Jim Marshall, 1968. Via morrisonhotelgallery.com.
Videos: von RFalangi, Sincro, korkhammaregon und reggaegirl1982 auf youtube. CC-Lizenz.

42 oder: Überlebenstraining mit Handtüchern

Mai 25, 2010 um 11:24 pm | Veröffentlicht in Alles platti, BildungsLückenbauten, Filosofaseln, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare
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Ufff… geschafft.
Frisch gewaschen, frisch getrocknet und gefaltet wandert ein Stapel frischflauscheliger Handtücher auf die Ablage im Bad.

Seit der Osterbesuch aus der Schweiz sich aufgrund dramatisch lebensgefährlicher Umstände mit gerade doch noch gutem Ausgang für Mutter und Kind zu einer WG auf Zeit ausgewachsen hat, findet hier wieder große Wäsche statt. Denn in meinem mittlerweile effizient bestückten Haushalt hat sich durch die Langzeiteinquartierung unverhofft ein kleiner Engpass an trockenen Tüchern aufgetan. Und da eine asoziale um Bergvolkes Wohl besorgte Schweizer Versicherung offenbar der Meinung ist, dass ein zwölf Wochen zu früh geborener Säugling dieses frühgeburtliche Vorkommnis in der Berliner Charité statt in der Basler Heimatklinik aussitzen, respektive -liegen soll, bis er sich selber Zöpfe flechten, an Mamis Hand zum Bahnsteig hetzen und einen Platz im Mutter-Kind-Abteil für die knapp 1000 Kilometer einklagen kann, wird das wohl auch noch ein paar lange Tage so bleiben.

Doch we don’t panic und hoffen standhaft, dass der große Bruder des zarten Würmchens, der immerhin schon mannhafte 2 Lebensjahre auf dem Buckel hat, die Mama noch wiedererkennt. Wenn für die nach Aberwochen der Heimwärtstrip mit Brüderchens Schwesterchen durch eine gefühlte Galaxis in trockenen Tüchern ist…

Wie überlebenswichtig in dieser Situation und überhaupt ein solider Vorrat an solchen selben sein kann, weiß jedes Kind und jeder Anhalter seit und dank Douglas Adams:

“Ein Handtuch ist so ungefähr das Nützlichste, was der interstellare Anhalter besitzen kann. Einmal ist es von großem praktischem Wert – man kann sich zum Wärmen darin einwickeln, wenn man über die kalten Monde von Jaglan Beta hüpft; man kann an den leuchtenden Marmorsandstränden von Santraginus V darauf liegen, wenn man die berauschenden Dämpfe des Meeres einatmet; man kann unter den so rot glühenden Sternen in den Wüsten von Kakrafoon darunter schlafen; man kann es als Segel an einem Minifloß verwenden, wenn man den trägen, bedächtig strömenden Moth-Fluss hinuntersegelt, und nass ist es eine ausgezeichnete Nahkampfwaffe; man kann es sich vors Gesicht binden, um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen die Antwort(ein zum Verrücktwerden dämliches Vieh, es nimmt an, wenn du es nicht siehst, kann es dich auch nicht sehen – bescheuert wie eine Bürste, aber sehr, sehr gefräßig); bei Gefahr kann man sein Handtuch als Notsignal schwenken und sich natürlich damit abtrocknen, wenn es dann noch sauber genug ist.

Was jedoch noch wichtiger ist: ein Handtuch hat einen immensen psychologischen Wert. Wenn zum Beispiel ein Strag (Strag = Nicht-Anhalter) dahinter kommt, dass ein Anhalter sein Handtuch bei sich hat, wird er automatisch annehmen. er besäße auch Zahnbürste, Waschlappen, Seife, Keksdose, Trinkflasche, Kompass, Landkarte, Bindfadenrolle, Insektenspray, Regenausrüstung, Raumanzug usw, usw. Und der Strag wird dann dem Anhalter diese oder ein Dutzend andere Dinge bereitwilligst leihen, die der Anhalter zufällig gerade „verloren“ hat. Der Strag denkt natürlich, dass ein Mann, der kreuz und quer durch die Galaxis trampt, ein hartes Leben führt, in die dreckigsten Winkel kommt, gegen schreckliche Übermächte kämpft, sich schließlich an sein Ziel durchschlägt und trotzdem noch weiß, wo sein Handtuch ist, eben ein Mann sein muss, auf den man sich verlassen kann.”

D.A.: Per Anhalter durch die Galaxis

Deswegen und weil man dem Mann einfach ein – und bittschön, möglichst interaktives – Denkmal setzen m u s s t e, war heute Handtuchtag, TOWEL DAY. Wie jedes Jahr am 25. Mai seit 2001, dem Jahr, in dem er sich in die Galaxis davongemacht hat.

Wobei das Datum selbst sich weder um den ersten (11. März) noch den letzten Tag seines Lebens (11. Mai) schert und auch sonst nichts Explizites mit seiner Vita zu schaffen hat. Den Schöpfer absonderlicher Welten und sarkastischer Philosofaseleien des alltäglich Absurden tät’s freuen, glaub ich. Der Tag, an dem einer sein Überlebenshandtuch vergisst, ist schließlich am Ende immer der falsche und seine Antwort auf die lebendigen Fügungen des menschlichen Universums wäre wahrscheinlich: 42.

So kümmerte sich denn auch in deutschen Landen überaus passend unpassend kein Anhalter auch nur einen feuchten Kehricht um einen fünfundzwanzigsten Mai, als allhier das bislang größte frottierte Gedenken begangen wurde: am 9. Juni 2005. Da erflimmerte in Deutschlands Lichtspielhäusern DER Film nach dem posthumen galaktischen Tramper-Drehbuch vom Adams und Scharen von Cineasten strömten im Bademantel und mit ihrem Handtuch über der Schulter an die Kinokassen. Hat mir jedenfalls einer erzählt, der es mindestens von Hamburg wusste, weil er damals mittendrin statt nur dabei war. – Ich hab derweilen… sehr wahrscheinlich bestenfalls ein Papiertaschentuch benutzt, in irgend einem Restaurant am Ende meines Universums 42 Mal versucht, den Kellner zum Kellnern anzustiften… oder wiedermal keinen Anhalter mitgenommen.

Adams selbst behauptete steif und fest, die Idee zu dem Galaxis-Kram sei ihm gekommen, “while I was lying drunk in a field in Innsbruck, Austria, in 1971.” Und als ihm der Anhalter-Hype auf den Zeiger zu gehen begann oder so, steckte er sich seinen Babelfisch ins Ohr und verhalf mal fix Monty Python's flying Circus zu seinem vorletzten ( als Pepperpot with nuclear missile) und letzten (als Mitautor der Party Political Broadcast on Behalf of the Liberal Party) glorreichen Ende.

Interessant wäre ja auch zu erfahren, ob es ihm in seinem nächsten Leben – wie im ersten angedacht – vergönnt ward, Zoologe zu werden. Anzunehmen ist es eher nicht, denn er war überzeugter Atheist – die haben nur ein hiesiges Dasein. Doch seine Enttäuschung über die weitgehende Ignoranz der Welt seinen Letzten ihrer Art gegenüber, auf die er sehr stolz war, saß tief.

So long, Douglas – and Thanks for All the Fish.

Heute war Handtuchtag.
Und ihr da draußen, Anhalter in Bloggers Galaxis: Auf, auf! Für das Aussterben menschlicher Unarten – und wider das Aussterben jeglicher Arten (Blogger, Anhalter und Systemadministratoren eingeschlossen).
Don't panic! And always know where your towel is.

Der Soundtrack für heute sollte passen: Monty Python ist quasi bucklige Verwandtschaft, die Handtücher um die Lenden sind auch kompatibel. Und wer wenn nicht Brian wüsste, wer wenn nicht Eric Idle erhellte in jedem Vers, dass 42!

Bilder: Die Antwort in der Wüste (Happy Towel Day): via code-monk bei flickr. Douglas Adams: via GCO bei wordpress. Rest: weiß ich nicht mehr; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Monty Python – Always Look on the Bright Side of Life. Aus: Das Leben des Brian, via bei youtube.

E.(yn) Willig Hans Kohlhase

März 29, 2010 um 5:39 am | Veröffentlicht in 2010, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Neulich nebenan, Real-Politisches, Uncategorized | 2 Kommentare

oder: Robin Hood starb am Strausberger Platz
Gedanken im Kreisverkehr

Wer (wie ich) an einem wuseligen Montagmorgen in der Rush Hour seine obligatorische Dreiviertelrunde um den Kreisverkehr am Strausberger Platz bis zur Ausfahrt Lichtenberger Straße dreht, denkt an nichts Böses. Jedenfalls, solange er nicht im Stau auf seine vier Räder geflochten ist. Und nicht mal, wenn der frische Frühling schon in seinem jugendlichen Alter eine katastrophale Zahlungsmoral an den Tag legt und der Stadt den strahlenden Sonnenschein, um den er sie am Wochenende schnöde betrogen hat, erst jetzt nachreicht. Wurscht ist auch, dass schon jeder Fahrschulanfänger lernt: der Strausberger ist gar kein richtiger Kreisverkehr, keiner, wenns nach der StVO geht – ach, weiß der Geier, wie die seine erlauchte Vier- bis Sechsspurigkeit nennt.

Apropos Geier: die kommen ja – wenigstens in ihrer natürlichen Form und zumal in unseren nördlichen Breiten – in der Großstadt nicht vor. Und so waren es denn auch ihre aasfressenden Berufskollegen, die Raben, die an jenem Morgen über dem Platz kreisten, in Erwartung frischer Beute.

Denn just letzten Montag war Hinrichtungstag – vor 470 Jahren.

Vermutlich wird kaum ein Teilnehmer am Berliner Berufsverkehr sich noch erinnern, dass er jeden Tag in Eile und Richtung Broterwerb über eine Richtstatt pest. Die hieß einschlägig und einleuchtend Der Rabenstein und lag genau hier, mitten in der Einkaufsmeile. Naja, also seinerzeit noch nicht. Und am 22. März 1540, einem Montag, wurde hier nach kurfürstlichem Urteil und trotz Volkes Sympathie für den Delinquenten der Wegelagerer und Rebell Hans Kohlhase auf das Rad geflochten und qualvoll vom Leben zum Tode befördert. Nachdem er in seinem öffentlichen Prozess mit einer dreistündigen Rede unter offenem Beifall der Berliner kleinen Leute sein Recht und sein Tun verteidigt hatte. Nachdem er mit dem trutzigen Spruch ‚Gleiche Brüder, gleiche Kappen‘ und hocherhobenen Hauptes die Gnade des Schwertes abgelehnt hatte.

Und bevor noch einer ins Grübeln kommt und ins Fragen: Hans Kohlhase? – war das nicht der…? Jaha, war er. Der Michael Kohlhaas vom Kleist nämlich, dem derselbige in künstlerischer Freiheit oder weil nicht zum Memoirenschreiber ermächtigt seinen Namen wie auch sein Leben in Teilen abgewandelt und damit Schülergenerationen den Deutschunterricht verleidet hat. Wofür man allerdings weder den Kohlhaas noch den Kleist verantwortlich machen mag.

Hans Kohlhase, der im Unterschied zum Kleistschen Kohlaas weniger mit wohlgenährten Rossen als mit gesalzenen Heringen, Honig und Speck fürs Armeleuteessen handelte, kannte seiner Käufer Nöte. Er war rechtmäßiger Bürger des damals noch randberliner Cölln und wohnte mit Weib und Kindern in Rechtschaffenheit auf der heutigen Berliner Fischerinsel. Das änderte sich schlagartig, als der dreiste Pferdeklau des sächsischen Junkers von Zaschwitz auf des Kohlhasen Weg zur Leipziger Messe sowie ein langer, erfolgloser Rechtsweg seine Existenz ruinierten. Da wehrte er sich seiner Haut und erklärte in einem offenen Fehdebrief dem feudalen Unrechtsstaat trotzig den Krieg. Der erst durch eine verräterische Falle des brandenburgischen Kurfürsten und auf dem Rabenstein sein Ende fand.

Sein Schicksal wurde durch die Zeiten von allen möglichen Mächten und Trächten zurechtinterpretiert, wie es selbigen ins Bild passte. Und wie es der Friedrichshainer Geschichtsverein, der sich den Namen Hans Kohlhase gab, knackig prägnant auf seiner Seite zusammenresümiert:

“Für die deutschen Faschisten verkörperte Kohlhaas „das der germanischen Rasse eigene, zähe und zugleich leidenschaftliche Ringen um Gerechtigkeit“ (Paul von Klenau, 1933). Sein Gerechtigkeitssinn wurde in eine der Wurzeln des neuen nationalsozialistischen Weltbildes metaphysisch umfunktioniert.[…] Dies […] beförderte den chauvinistischen deutschen Heldenkult.
Die Kommunisten sahen keinen Anlass, Kohlhase ein Denkmal zu setzen, verfocht er doch nur „seine eigene Sache … in seinem übersteigerten individualistischen Vorgehen“ (Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Ost-Berlin 1966, S. 302). Sein Gerechtigkeitssinn war willkommen, das Handeln auf eigene Faust dagegen suspekt.
In der Friedrichshainer Einwohnerschaft hat sich dagegen im 20. Jahrhundert trotz der von allen Seiten vorgegebenen ideologischen Denkmuster eine eigenständige Überlieferung von Kohlhase als einem einfachen Manne aus dem Volke, der die Solidarität und den Zusammenhalt der kleinen Leute verkörperte, ohne Überhöhungen erhalten. Dem kam auch eine publizistische Würdigung von Kurt Neheimer (Der Mann der Michael Kohlhaas wurde) 1979 recht nahe.
Neuere rechtshistorische Studien der den Kapitalismus bejahenden Elitenwissenschaft versuchten um 2000 erneut, Hans Kohlhase als einen verbitterten Einzelgänger, Prozesshansel mit übersteigerter Rechthaberei ohne sozialen Anspruch, Einfluss und Motiv hinzustellen. Kohlhase wird aus den solidarisch-menschlichen Zusammenhängen seiner letzten acht Lebensjahre im Widerstand, die ihn erst so bekannt machten und prägten, herausgelöst. In zynischer Herabwürdigung kommentierte der „Förderverein Karl-Marx-Allee e.V.“ 2005 die grausame Ermordung Hans Kohlhases durch den Staat mit den Worten ‚Wir nehmen es gelassen und schlendern weiter.'“

Vermutliches Wohnhaus von Hans Kohlhase auf der Fischerinsel

Er war ein später Bauernkrieger, der Kohlhase. Zu seinen Anhänger und Helfern zählten Handwerker, Gastwirte, Gesellen, Tagelöhner, Bauern, Knechte, Müller, Händler, Pfarrer, Amtleute, Richter und selbst niedere Adlige. Er war sowas wie der Robin Hood von Brandenburg, der den gestohlenen Reichtum der Wohlhabenden den Armen zurückgab. Und gegen staatliche Willkür aufzustehen wagte.

*

Kreisende Raben sind über dem Strausberger Platz schon lange nicht mehr gesichtet worden. Und wer in den kreisenden Zwei- und Viertaktern unten denkt heute schon noch an den Kohlhasen. Allerdings hat schon der Kleist versichert, dass von dem frohe und rüstige Nachkommen gelebt haben. Und vielleicht ist es ja einer von denen, der grüßend die Hand hebt, wenn du ihn morgens an der Straßenbaustelle wider die Winterschlaglöcher vor dir In deine Spur einfädeln lässt…

***

Ach ja, und die Kohlhasen von heute können gern noch bis heute Abend wider Willkür und Datenschlaglöcher aufstehen – hier gehts gegen ELENA, und zwar pronto und mit Recht. Na ist doch öde, sich immer nur im Kreis herum fahren zu lassen, oder?

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