Die Abenteuer der Silvester-Nacht – mit E. T. A. Hoffmann durch Berlin in Callot’s Manier

Januar 3, 2015 um 11:16 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, Hexengeschichten, Neujahr, Real-Poetisches | 4 Kommentare
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Update zu Gespenster am Gendarmenmarkt

Hoffmann,_ETA1Jetzt, also genau jetzt seit Neujahr und die nächsten paar Tage vor genau zweihundert Jahren, saß E. T. A. Hoffmann, der vermutlich alle Berliner Gespensterecken kannte, in seiner vermutlichen Berliner Lieblingskneipe. Während er mit dem Schoppen Burgunder vor ihm auf dem Tisch, vermutlich nicht dem ersten, gegen den auch uns allen noch frisch erinnerlichen Neujahrskater Murr antrank, tauchte er immer wieder die Feder in das nebenstehende Tintenfass, schaute sinnend aus dem Fenster über den Gendarmenmarkt, wälzte faustische Gedanken und warf ein neues Callotsches Fantasiestück des reisenden Enthusiasten auf sein Konzeptpapier: „Die Abenteuer der Silvester-Nacht“, vermutlich dem grad verflossenen Jahresend-Event entsprungen – und Chamissos Peter Schlemihl.

„Ich hatte den Tod, den eiskalten Tod im Herzen, ja aus dem Innersten, aus dem Herzen heraus stach es wie mit spitzigen Eiszapfen in die glutdurchströmten Nerven. Wild rannte ich, Hut und Mantel vergessend, hinaus in die finstre stürmische Nacht! – Die Turmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunkeln Abgrund. – Du weißt es ja, daß diese Zeit, Weihnachten und Neujahr, die euch allen in solch heller herrlicher Freudigkeit aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein wogendes, tosendes Meer. Weihnachten! das sind Festtage, die mir in freundlichem Schimmer lange entgegenleuchten. Ich kann es nicht erwarten – ich bin besser, kindlicher als das ganze Jahr über, keinen finstern, gehässigen Gedanken nährt die der wahren Himmelsfreude geöffnete Brust; ich bin wieder ein vor Lust jauchzender Knabe. Aus dem bunten vergoldeten Schnitzwerk in den lichten Christbuden lachen mich holde Engelgesichte an, und durch das lärmende Gewühl auf den Straßen gehen, wie aus weiter Ferne kommend, heilige Orgelklänge: »denn es ist uns ein Kind geboren!« – Aber nach dem Feste ist alles verhallt, erloschen der Schimmer im trüben Dunkel. Immer mehr und mehr Blüten fallen jedes Jahr verwelkt herab, ihr Keim erlosch auf ewig, keine Frühlingssonne entzündet neues Leben in den verdorrten Ästen. Das weiß ich recht gut, aber die feindliche Macht rückt mir das, wenn das Jahr sich zu Ende neigt, mit hämischer Schadenfreude unaufhörlich vor. »Siehe,« lispelt’s mir in die Ohren, »siehe, wieviel Freuden schieden in diesem Jahr von dir, die nie wiederkehren, aber dafür bist du auch klüger geworden und hältst überhaupt nicht mehr viel auf schnöde Lustigkeit, sondern wirst immer mehr ein ernster Mann – gänzlich ohne Freude.« Für den Silvester-Abend spart mir der Teufel jedesmal ein ganz besonderes Feststück auf. Er weiß im richtigen Moment, recht furchtbar höhnend, mit der scharfen Kralle in die Brust hineinzufahren und weidet sich an dem Herzblut, das ihr entquillt. Hilfe findet er überall, sowie gestern der Justizrat ihm wacker zur Hand ging. Bei dem (dem Justizrat, meine ich) gibt es am Silvester-Abend immer große Gesellschaft, und dann will er zum lieben Neujahr jedem eine besondere Freude bereiten, wobei er sich so geschickt und täppisch anstellt, daß alles Lustige was er mühsam ersonnen, untergeht in komischem Jammer. […]“

Also. wenn solches Neujahrs-Timing, gepaart mit einem solchen Jubiläum und der poetischen Ermunterung zur Fantasie vom Lieblingsromantiker kein Anlass ist, endlich selber mal wieder mit der virtuellen Feder über das ebenso geartete (Blog)Papier zu kratzen, dann weiß ich auch keinen. Allerdings: Sowas tut man nicht gerade an Silvester (hat der Hoffmann ja auch nicht), was hier zwar thematisch passend gewesen wäre, nur nicht so recht kompatibel zu den Aktivitäten, die beim Jahresabgesang von einer erwartet werden. Damit keine Missverständnisse aufkommen – ich meine nicht die Mittäterschaft an den üblichen Böllereien, deren ich mich seit der Pubertät strikt und bekennend enthalte. Da schlendere ich lieber selber mal wieder übern Gendarmenmarkt, der immerhin von dem Massenvolksgedränge und dem exzessiven Feuerwerksfinale auf der Party-Meile weit genug entfernt ist, dass mans irgendwie genießen kann, und schau nach, was dort so abgeht.
gendarmenmarkt

laterne gendarmenmarktIch mag die Laternen da. Und die leise Musik aus dem Schauspielhaus (das heuer schlicht Konzerthaus heißen will), die man nur hören kann, wenn man es will. Heute wäre mir am liebsten Orgel, was Bachsches vielleicht. Dem Lutter & Wegner am jetzigen Platze durch die Fensterscheiben zu spannen hab ich kein Verlangen – der E. T. A. hat in dem eh nie gezecht, wenn auch irgendwo obendrüber bis zu seinem zu frühen Ende gewohnt. Das neuzeitliche Pärchen auf der Bordsteinkante davor, das fröhlich in die Nacht kichert, macht da schon mehr Spaß und beschert mir ein Déjà-vu. Als ob ich in einen Spiegel schau. Die zwei schlucken derweilen munter aus einer halbvollen Sektpulle und teilen freigiebig den Rest mit mir. Und zu Spiegeln komm ich (oder mein Gespenster-Hoffmann) noch. Der spann nämlich weiter an seiner Geschichte:

„Unter den Linden auf und ab zu wandeln, mag sonst ganz angenehm sein, nur nicht in der Silvester-Nacht bei tüchtigem Frost und Schneegestöber. Das fühlte ich Barköpfiger und Unbemäntelter doch zuletzt, als durch die Fieberglut Eisschauer fuhren. Fort ging es über die Opernbrücke, bei dem Schlosse vorbei – ich bog ein, lief über die Schleusenbrücke bei der Münze vorüber. – Ich war in der Jägerstraße dicht am Thiermannschen Laden. Da brannten freundliche Lichter in den Zimmern; schon wollte ich hinein, weil zu sehr mich fror und ich nach einem tüchtigen Schluck starken Getränkes durstete; eben strömte eine Gesellschaft in heller Fröhlichkeit heraus. Sie sprachen von prächtigen Austern und dem guten Eilfer-Wein. »Recht hatte jener doch,« rief einer von ihnen, wie ich beim Laternenschein bemerkte, ein stattlicher Ulanenoffizier, »recht hatte jener doch, der voriges Jahr in Mainz auf die verfluchten Kerle schimpfte, welche Anno 1794 durchaus nicht mit dem Eilfer herausrücken wollten.« – Alle lachten aus voller Kehle. Unwillkürlich war ich einige Schritte weiter gekommen, ich blieb vor einem Keller stehen, aus dem ein einsames Licht herausstrahlte. Fühlte sich der Shakespearsche Heinrich nicht einmal so ermattet und demütig, daß ihm die arme Kreatur Dünnbier in den Sinn kam? In der Tat, mir geschah gleiches, meine Zunge lechzte nach einer Flasche guten englischen Biers. Schnell fuhr ich in den Keller hinein. »Was beliebt?« kam mir der Wirt, freundlich die Mütze rückend, entgegen. Ich forderte eine Flasche guten englischen Biers nebst einer tüchtigen Pfeife guten Tabaks und befand mich bald in solch einem sublimen Philistrismus, vor dem selbst der Teufel Respekt hatte und von mir abließ. – O Justizrat! hättest du mich gesehen, wie ich aus deinem hellen Teezimmer herabgestiegen war in den dunkeln Bierkeller, du hättest dich mit recht stolzer verächtlicher Miene von mir abgewendet und gemurmelt: »Ist es denn ein Wunder, daß ein solcher Mensch die zierlichsten Jabots ruiniert?«

Unter die Linden ziehts mich heut auch nicht so recht, da bin ich ganz beim Hoffmann. Wenn auch das nette Schneegestöber von Anfang der Woche schon wieder der Erderwärmung gewichen ist, stromere ich immerhin wenigstens im warmen Jäckchen durch die Gegend, schließlich bin ich nicht auf der Flucht, wie der enthusiastisch liebeskranke Erzähler. Nuja, und zu den absonderlichen Enthusiasten, die partout den hässlichen Kasten von Stadtschloss (ohne jemals eine Chance auf Weltkulturerbe) wieder hingestellt haben wollen, gehöre ich auch nicht unbedingt, weswegen ich mir auch den Abstecher zu der noch hässlicheren Millionenbaustelle in Citylage klemme. Jägerstraße alt1Deine alte Jägerstraße, mein guter E. T. A., die in der Mitte mal kurz vom Gendarmenmarkt verschluckt wird, bevor sie auf der andern Seite weitergeht, die gibt’s schon noch – doch du würdest sie nicht wiedererkennen. Was zum einen daran liegt, dass sie nach deiner Zeit dort noch wild gebaut haben, zum anderen und hauptsächlich daran, dass die im letzten heimgekehrten Krieg freigebombten Baulücken inzwischen mt diversen Protzbauten des Größenwahns aus Glas, Beton und Stahl gestopft wurden. Gruselig find ich die schon, bloß nicht in Callotscher Manier.

Das Geburtshaus vom Alexander von Humboldt in der Nummer 22 solltest du noch kennen, ach ne, das steht da auch nicht mehr. Was aber nicht heißt, da steht nix, nur was anderes. Und weit und breit kein Thiermannscher Laden. Immerhin: Ein paar Lokalitäten könnte man da schon auch heute noch auftun. Das „Refugium“ zum Beispiel, mehr so Nobelgewölbe, aber zumindest Gewölbe, hübsch. Oder das „Augustiner“ – in dem kriegtest du bestimmt dein Bier, nur für meinen Geschmack verströmt es ein bissel viel blauweiß lärmendes Oktoberfestfeeling. Kein Vergleich also zu deinem gemütlichen Kellerkneipenloch. Außerdem: Kein Gedanke, an Silvester da reinzukommen, wir haben ja nicht reserviert. Und eine tüchtige Pfeife guten Tabaks dürftest du seit dem kneipenruinös flächendeckenden Rauchverbot in keiner von diesen Großrestaurationen rauchen, nicht mal zum Bier – das find ich manchmal auch ganz schön gruselig.

Bild 094Doch weiter in Hoffmanns Text. Jetzt wird’s nämlich gesellig und die versprochene Spiegel-Gepensterei kommt ins Spiel:

„Ich mochte ohne Hut und Mantel den Leuten etwas verwunderlich vorkommen. Dem Manne schwebte eine Frage auf den Lippen, da pochte es ans Fenster und eine Stimme rief herab: »Macht auf, macht auf, ich bin da!« Der Wirt lief hinaus und trat bald wieder herein, zwei brennende Lichter hoch in den Händen tragend, ihm folgte ein sehr langer, schlanker Mann. In der niedrigen Tür vergaß er sich zu bücken und stieß sich den Kopf recht derb; eine barettartige schwarze Mütze, die er trug, verhinderte jedoch Beschädigung. Er drückte sich auf ganz eigene Weise der Wand entlang und setzte sich mir gegenüber, indem die Lichter auf den Tisch gestellt wurden. Man hätte beinahe von ihm sagen können, daß er vornehm und unzufrieden aussähe. Er forderte verdrießlich Bier und Pfeife und erregte mit wenigen Zügen einen solchen Dampf, daß wir bald in einer Wolke schwammen. […]kellerportal
Da pochte es aufs neue ans Fenster, der Wirt öffnete die Tür, und eine Stimme rief: »Seid so gut, Euern Spiegel zu verhängen.« – »Aha!« sagte der Wirt, »da kommt noch recht spät der General Suwarow.« Der Wirt verhängte den Spiegel, und nun sprang mit einer täppischen Geschwindigkeit, schwerfällig hurtig, möcht ich sagen, ein kleiner dürrer Mann herein, in einem Mantel von ganz seltsam bräunlicher Farbe, der, indem der Mann in der Stube herumhüpfte, in vielen Falten und Fältchen auf ganz eigene Weise um den Körper wehte, so daß es im Schein der Lichter beinahe anzusehen war, als führen viele Gestalten aus- und ineinander, wie bei den Enslerschen Phantasmagorien. Dabei rieb er die in den weiten Ärmeln versteckten Hände und rief: »Kalt! – kalt – o wie kalt! In Italia ist es anders, anders!« Endlich setzte er sich zwischen mir und dem Großen, sprechend: »Das ist ein entsetzlicher Dampf – Tabak gegen Tabak – hätt‘ ich nur eine Prise!« – Ich trug die spiegelblank geschliffne Stahldose in der Tasche, die du mir einst schenktest, die zog ich gleich heraus und wollte dem Kleinen Tabak anbieten. Kaum erblickte er die, als er mit beiden Händen darauf zufuhr und, sie wegstoßend, rief: »Weg – weg mit dem abscheulichen Spiegel!« Seine Stimme hatte etwas Entsetzliches, und als ich ihn verwundert ansah, war er ein andrer worden. Mit einem gemütlichen jugendlichen Gesicht sprang der Kleine herein, aber nun starrte mich das totenblasse, welke, eingefurchte Antlitz eines Greises mit hohlen Augen an. Voll Entsetzen rückte ich hin zum Großen. […]
Das Gespräch lebte mühsam wieder auf, man erwähnte eines jungen wackern Malers, namens Philipp, und des Bildes einer Prinzessin, das er mit dem Geist der Liebe und dem frommen Sehnen nach dem Höchsten, wie der Herrin tiefer heiliger Sinn es ihm entzündet, vollendet hatte. »Zum Sprechen ähnlich und doch kein Porträt, sondern ein Bild«, meinte der Große. »Es ist so ganz wahr,« sprach ich, »man möchte sagen, wie aus dem Spiegel gestohlen.« Da sprang der Kleine wild auf, mit dem alten Gesicht und funkelnden Augen mich anstarrend, schrie er: »Das ist albern, das ist toll, wer vermag aus dem Spiegel Bilder zu stehlen? – wer vermag das? meinst du, vielleicht der Teufel? – Hoho Bruder, der zerbricht das Glas mit der tölpischen Kralle, und die feinen weißen Hände des Frauenbildes werden auch wund und bluten. Albern ist das. Heisa! – zeig‘ mir das Spiegelbild, das gestohlene Spiegelbild, und ich mache dir den Meistersprung von tausend Klafter hinab, du betrübter Bursche!« – […]
Und damit sprang er fort, noch draußen hörten wir ihn recht hämisch meckern und lachen […]. »O mein Herr,« erwiderte der Große, »jener böse Mensch, der uns so feindselig erschien, der mich bis hieher, bis in meine Normalkneipe verfolgte, wo ich sonst einsam blieb, da höchstens nur etwa ein Erdgeist unter dem Tisch aufduckte und Brotkrümchen naschte – jener böse Mensch hat mich zurückgeführt in mein tiefstes Elend. Ach – verloren, unwiderbringlich verloren habe ich meinen – Leben Sie wohl!« – Er stand auf und schritt mitten durch die Stube zur Tür hinaus. Alles blieb hell um ihn – er warf keinen Schlagschatten. Voll Entzücken rannte ich nach – »Peter Schlemihl – Peter Schlemihl!« rief ich freudig, aber der hatte die Pantoffeln weggeworfen. Ich sah, wie er über den Gendarmesturm hinwegschritt und in der Nacht verschwand.
Als ich in den Keller zurück wollte, warf mir der Wirt die Tür vor der Nase zu, sprechend: »Vor solchen Gästen bewahre mich der liebe Herrgott!« –

Hoppla… da sind wir also rausgeflogen. Und wir kommen auch so schnell nicht wieder rein. Jedenfalls nicht dort, wo der Ich-Erzähler im dritten Kapitel hin will, der seinen Hausschlüssel (in meinen ausgelassenen Auslassungen) im ersten Kapitel bei der Party vom alten Justizrat vergessen hat. Denn ein Hotel „Goldener Adler“ findet in ganz Berlin keine Suchmaschine nicht. Das „Adlon“ um die Ecke wäre, glaub ich, schon vom Ambiente und der Größenordnung her keine rechte Alternativlösung, um auch mit noch soviel beschworener Fantasie ein Hoffmannsches Silvesternachtabenteuer von außen zu beobachten. Und ich selber kenne dort eigentlich nur das „Sofitel“: auch so ein nichtantikes Glas&Beton-Dings, eher im Manager- statt mystisch angehauchten Grusel-Style – in dem hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch.

Die seltsamen Erlebnisse und Träume des erzählenden Enthusiasten in seiner verschollenen Herberge, die, durchzogen von ziemlich faustischen Sequenzen, in einer Briefbeichte des kleinen dürren seiner vorherigen Zechgenossen gipfelt, lasse ich drum hier mal unzitiert. Ebenso das komplette vierte Kapitel, das bis nach Italien und zurück und in Mord und Totschlag, also viel zu weit führen würde – wer das bis hierher mitgemacht hat, ist bestimmt des Selberlesens kundig. Auch mich in Hin-und her- oder Kreuz-und-quer-Interpretationen um hoffmannsilvestrische Parallelwelten und verlorene Spiegelbilder reinzuhängen hab ich keine Lust und hatte ich nie vor. Zu denen tummeln sich sogar im Net ja überall Schüler- wie Diplomarbeiten zuhauf – icke wollt‘ nur ein bisschen durch E. T. A.s Straßen spazieren.

Postskript des reisenden Enthusiasten
„[…] Du siehst, mein lieber Theodor Amadäus Hoffmann, daß nur zu oft eine fremde dunkle Macht sichtbarlich in mein Leben tritt und, den Schlaf um die besten Träume betrügend, mir gar seltsame Gestalten in den Weg schiebt. […]

Der, also der liebeTheodor Amadeus jetzt, sollte, wenn man den Quellen glauben kann, nächsten Dienstag vor zweihundert Jahren auch endlich fertig geworden sein mit seinem neuen Fantasiestückerl. Ich in m e i n e r Silvesternacht lauf nochmal übern Gendarmenmarkt und köpf ’ne Flasche Schampus ausm U-Bahn-Shop mit dem Pärchen aufm Bordstein vorm Lutter & Wegner.

Und gute Vorsätze zum frischerblühten neuen Jahr verkünde ich auch diesmal keine. elke-hexe-form-we2.gif Es reicht schon, wenn wir uns ein bisschen Fantasie erlauben in all der anstrengenden Wirklichkeit, beides immer noch fein auseinanderhalten, wenn’s drauf ankommt – und uns am nächsten Jahresende (und -anfang) immer noch im Spiegel anschaun können. Oder? 😉
Wir sehn uns, ja?

Postskript 2 (meins):
Achja, der Soundtrack, den hätt‘ ich doch beinah vergessen. Heute natürlich „Hoffmanns Erzählungen“ (und – quasi als ‚Entschädigung‘ fürs verschmähte „Augustiner“ – in Komplettaufführung aus dem Nationaltheater München von 2011) aus Gründen: Sind doch im vierten, dem Giulietta-Akt, die Abenteuer der Silvester-Nacht, auch vom vierten Akt daselbst, verwurstet.

Zitate: E. T. A. Hoffmann: Die Abenteuer der Silvester-Nacht. – Nach E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden, Band 1, Berlin 1963. – Via zeno.org.
Bilder: Hoffmann-Karikatur, Selbstporträt: Wikimedia Commons. Gendarmenmarkt 1: besuch-berlin.de; Gendarmenmarkt 2: k. A. Berlin, Jägerstraße mit Blick auf den Gendarmenmarkt: Friedrich August Schmidt, um 1800. Berlin Museum – via zeno.org. E. T. A. Hoffmann (in Hut und Mantel): Staatsbibliothek Bamberg – via kulturreise-ideen.de. Sonstige: irgendwann, irgendwo. 😉
Video: Les contes d’Hoffmann, opéra en 5 actes. Aufführung im Staatstheater München 2011 – via arte – via youtube.

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Von Kindern, Zwergen und anderen Größen oder wozu ein paar Kartons alter Briefumschläge gut sind

Oktober 15, 2011 um 11:59 pm | Veröffentlicht in 2011, Bücherhexe, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 1 Kommentar
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Nachträglich zum 70. Geburtstag eines Bildermachers

Auaaaa… Volltreffer. Ich verfluche diesen unsäglichen Reflex, immer schützend den Fuß drunterzuhalten, wenn was von oben runterfällt.

Stöhnend lasse mich auf den Boden plumpsen und rubbele mit der linken Fußsohle tröstend über den rechten großen Zeh, dessen schmerzverzerrtes Gesicht rot anläuft und morgen bestimmt in noch ganz anderen Farben leuchten wird. Dann angele ich mir den staubigen Übeltäter, der sich beim Bücherkramen im Regal hinter der Kammertüre auf mein Hinterpfötchen gestürzt hat: „Alfons Zitterbacke“, fledderig zerlesenes Kinderbuch über einen Pechvogel und Erziehungsversehrten mit Kultstatus aus alten Tagen. Tsssss… na, der passt ja, auch wenns dem (coverseitig) den zweiten ‚Vorderzeh‘ erwischt hat.

Sein illustrierender Zeichnervater übrigens hatte es auch heftig in den Vorderpfoten, begnadetes Talent nämlich, zum Bildermachen. Und er hat Generationen von Dreikäsehochs, wie meiner, nicht nur ihre Lektüre und ihre Kindheit ausgemalt und sie daneben mit eigenen Bildergeschichten gefüttert. Er spielte mit ihnen auch an ihren ganztägigen Aufbewahrungsorten, versüßte ihnen die Auszeiten von erziehungsberechtigten Fehlern, kitzelte aus ihnen die verborgenen Zeichentalente heraus und wurde, nach dem Signum unter seinen Kritzeleyen, von seiner Hauptzielgruppe wahrscheinlich liebevoll der Bofi genannt. Manfred Bofinger.

Als er in einem Interview mal gefragt wurde, welche Bücher, außer seinen eigenen, er den Gören sonst noch empfehlen würde, antwortete er:

„Bei Büchern, die ich nicht illustriert habe, fallen mir auf Anhieb drei ein. Zwei davon sind von Joachim Ringelnatz und die beiden frechsten Bücher, die ich überhaupt kenne: „Das Kinder-Verwirr-Buch“ und das „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ […]. Ringelnatz ist für mich eine ganz große Offenbarung gewesen, sehr früh schon. Den hätte ich gerne kennen gelernt. Das dritte Buch ist „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Und zwar mit den Illustrationen von Frans Haacken.“

Ein Schelm, wer hier nicht merkt, an welchen Würzlein der Bofinger sich genährt hat. Und ein armseliger solcher dazu, in den nicht spätestens nach solchen Statements und Hausheiligenbekundungen wärmste Zustimmung und Zuneigung einziehen.

Dabei hat der ja nie auf Malen und Zeichnen studiert, der Bofi, sondern sich das alles nach einer soliden Handwerkerlehre als Schriftsetzer mit Abi autodidaktisch draufgezimmert. Freilich kam ihm dabei ein Umstand zugute: eine Anstellung 1961 als Typograf beim „Eulenspiegel“, d e r Satirezeitschrift der DDR. Dort hatte er täglichen Umgang mit lauter so Kritzelfritzen. Nachdem von deren renommiertesten einem, Karl Schrader, eines Tages die Ansage erging: „Du zeichnest klasse, und du machst jetzt mal was“, machte er mal was. Und konnte sich bald vor Aufträgen nicht mehr retten. Es kam, wie’s kommen musste – Bofinger machte sich 1968 als Freiberufler selbstständig und ward fortan einer der gefragtesten und beliebtesten Illustratoren weit und breit für Verlage und Autoren mit Humor. Er war Stammillustrator der DDR-Kinderzeitschrift „Frösi“ (praktikabel gewordenenes Kürzel aus deren einstigem Namen „Föhlichsein und Singen“). Und selber schreiben konnte er auch noch. Exemplarisches Beispiel: Der krumme Löffel, biografisch angehauchte Miniaturen einer Kindheit im Nachkriegsberlin.

Belohnt und bekränzt wurde er für sei Tun mit zahlreichen Preisen. Einer der liebsten war ihm der „Schnabelsteherpreis für das frechste Buch des Jahres“, erhalten von den tapferen norddeutschen Buchhändlern für sein „Gänsehautbuch. Ein ABC des Grauens für tapfere Kinder und Eltern“.

Dem „Eulenspiegel“ blieb er, nicht nur für den Karriereanschub, weiterhin treu. Als Dank dafür ‚erbte‘ er bei der Beinahe-Abwicklung und Aufräumungsarbeiten desselben 1990 diverse Kartons voll hässlicher grau-brauner Briefumschläge. Die zum Urknall einer neuen Schaffensperiode und zu Begleitern einer so wunderbaren wie gedeihlichen Freundschaft werden sollten – mit F. W. Bernstein, mindestens westlich des Pecos als Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und i h r e s „Eulenspiegels“, der „Titanic“, bekannt. Lyriker und Karikaturist vor dem Herrn.

Zu dem gefalzt verklebten Altpapier wäre keinem alten Hund was Sinnstiftendes eingefallen – außer zwei Kritzelfritzen, deren Sympathie füreinander von der ersten Begegnung an feststand. Sie begannen unter Verwendung eben jener Umschläge einen abgefahrenen und haltbaren Briefwechsel in Bildern, der von 1991 bis zum Jahr vor dem tragischen Tod Bofingers 2006 andauerte, zwischen ihren Berliner Wohnsitzen hin und her wogte und nicht nur die Deutsche Post in Atem hielt. Mit liebevollem Humor oder bissfester Satire und einer Portion Verspieltheit zogen sie in ihrem eigenen Strich nach Strich und Faden über die Symptome der Welt, des Alltags und des Nebenuns und sogar über sich selber her. Sie ließen nichts aus – ein Fall Realer Poesie, wie er im Buche steht.

„Bei F.W.Bernstein in Steglitz wird die Idee zwischen der ersten Tasse Tee am frühen Morgen und dem vormittäglichen Frühstück geboren und zu Papier gebracht. Anders in Treptow: Bei Manfred Bofinger kommt der Einfall im Laufe des Tages, wird entwickelt, ausgefeilt und dann verarbeitet. Auf diese Weise entstehen wöchentlich oft mehrere gezeichnete, aquarellierte, gemalte und gekritzelte Zeit-Kommentare…“
(Martina Schellhorn. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung)

Was als witzige Gedankenblitze zu Sinn,Un- und Hintersinn des wirklichen Lebens begann, wird bald von beiden in die Form von „Produktionsanlässen“ gegossen: die „korrigierte Weltgeschichte“, „Wenn ich König wär“ oder „Das erste Mal“ u.s.f. Und da die Herren B&B so freundlich waren, ihre Korrespondenz irgendwann öffentlich zu machen, wohnt ein Extrakt davon in einem Exemplar „Ich glaube, du bist dran“ (Hrsg. Bei Rütten & Loening 1995, mit einer Nachbemerkung von Herbert Rosendorfer) in himmlischem Bilderbuch-Querformat bei mir zu Hause. Ein weiteres hab ich mal an einen lieben Freund, der damit was anfangen kann, hergeschenkt und zur Adoption freigegeben.

Mich haben Bofingers Illustrationen, Karikaturen, Bilderbücher und Typospielereien weit über das Zopfmädchenalter hinaus begleitet, eigentlich bis heute. In der Bofi-Abteilung meiner Bibliothek trifft Einstein mit der Geige auf Herrn Dickbauch und Frau Dünnbein oder Darlingsratte mit Anhang, und der Punk-Welpe seufzt den Zeiten nach, als Papa noch Pirat war. Kinder, Zwerge und andere Größen ziehen in geschlossener Front an zwei Männern beim Betrachten des Mondes vorbei und Graf Tüpo stattet ein paar sommersprossigen Lausejungs mit frecher Nase und Dreiangel in der Hose, die im Dicken Bofinger-Buch herumlümmeln, einen Besuch ab.



Bofis Darlingratte

Die gefährliche Körperverletzung an meinem großen Zeh durch Alfons Zitterbacke habe ich inzwischen fast vergessen. Beinahe zärtlich wische ich mit dem Ärmel den Staub vom Einband und stelle das Buch zurück zu den anderen. Nicht weit weg von meiner letzten einschlägigen Erungenschaft, dem Berliner Bilderbuch brominenter Bersönlichkeiten,
n o c h einer Gemeinschaftsproduktion der Herren B&B. Hinter dessen schnuckligem Oktav-Format des Zweitausendeins Verlages auf fast 600 Seiten sich… nein, keine Einführung in die Besonderheiten des sächsischen Dialekts und harten „B“ verbirgt, sondern die Entdeckung des Urberliners Bofinger und Wahlberliners Bernstein alias Fritz Weigle, dass das Gros aller Berühmtheiten – wie sie selbst – mit Doppel-B anfängt: von Bertolt Brecht über Buffalo Bill oder BarBie bis Bablo Bicasso.

Benno BessonBio BauerBiermösl Blosn

Dass sie diesem brägnanten Bunkt mit bointierten Bortraits in Hülle und Fülle und in ihrer ureigenen Manier begegnen mussten, versteht sich ja wohl von selbst.

*

Letzte Woche wäre er 70 geworden, der Bofi. Von einem Leben nach dem Tode zeugen in seinem Fall nicht nur seine putzmuntere Präsenz in den treuen Händen der Leser und Gucker, sondern aktuelle Neuerscheinungen, in denen er mit seinen Bildern immer noch vorkommt. Und es wird gemunkelt, dass Eltern mit ihren Zopfmädchen zu seinem Grab mit Spreeblick auf dem verträumten alten Stralauer Friedhof pilgern und ihnen dort ihre sorgsam gehüteten Bofi-Kinderbücher vorlesen.

Ich glaube, das hätte ihn gefreut.

Bilder: Briefumschlag – entliehen bei der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. B&B-Foto: Harald Hirsch, auch von da. Bofis Grab mit Spreeblick – via Friedrichshainer Chronik: Friedhof am Wasser. Die andern: von den Genannten ‚vorproduziert‘, teilweise von mir eigenhändig _ab_geknipst und abgekupfert. 😉

Manuskripte brennen nicht oder: Wo Gretchen Margarita heißt und Faust im Irrenhaus sitzt, ist Moskau

Juni 19, 2011 um 7:13 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Hexenliebe, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, PhilosoVieh | 7 Kommentare
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„Einen langen Weg hat der Teufel zurückgelegt, vom ‚Buch Hiob‘ in der Bibel bis zum Prolog im Himmel im „Faust“. Von Iwan Karamasow bis zu Adrian Leverkühn war es nur ein Sprung – noch längst kein Jahrhundertsprung. Kann der Teufel sich noch einmal in einer Dichtung unserer Epoche verselbständigen? Nicht entmachtet, entteufelt…, sondern im Vollbesitz seiner Macht… Kann er noch einmal, nach Dostojewski und nach Thomas Mann, glaubhaft dargestellt werden, als Widerspiegelung eines grauenhaft verlockenden Zweifels, der heute Menschen verwirrt?“

Zitat: Anna Seghers. Aus dem Klappentext der ersten (und volltextlichen) deutschen Ausgabe von: Michail Bulgakow „Der Meister und Margarita“. 1975 bei Volk und Welt. Diese beiläufig in sehr guter Übersetzung von Thomas Reschke.

Und ob er konnte! Und wie!
Und Gott und der Teufel und halbwegs Eingeweihte in die russische Literatur des 20. Jahrhunderts wissen, welch verdammt langen Weg Bulgakows Lebenswerk (geschrieben von 1928 bis zu seinem letzten Atemzug 1940) mitsamt dem Teufel darin hat hinter sich bringen müssen, bis es an die drei Jahrzehnte nach dem Tod des Autors endlich erscheinen durfte. Und selbst da noch ’schaumgebremst‘. Denn seine Erstveröffentlichung in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift Moskwa Ende der sechziger Jahre geschah immer noch mit über 180 Kürzungen und Verstümmelungen durch die sowjetische Zensur.

Doch „Manuskripte brennen nicht“, wie Bulgakow in diesem seinem Werk höchstselbst verkündet. Der Meister und Margarita wurde zu einem klassischen Fall für den Samisdat. Was auf Deutsch Selbstverlag bedeutet, und zwar auf eine in östlichen Gefilden ‚von oben‘ verhinderter Kunst sehr besondere und lange bewährte Art: durch die große Volksseele, die Leser selbst nämlich. Die rissen ihren Buch- und Zeitungshändlern das im Nu vergriffene Meisterwerk wie warme Semmeln aus den Händen, kopierten es oder schrieben es mitsamt den ausgelassenen Passagen sogar mit der Hand ab, gaben es weiter und verbreiteten es in dem Stoff angemessenem Höllentempo.

Das Buch war Kult, der auch in die Literaturstudi-Szene an DDR-Unis überschwappte. Ein Hauch davon überdauerte gar bis in meine Zeit dort und wehte mir ein paar legendäre Exemplare gilbender Handkopien in Originalsprache in den Weg, in denen ich mit Fieberaugen versunken bin. Ich hab meinen Meister und Margarita immer gern, immer verzaubert und verhext und seitdem auch immer sehr ehrfürchtig hergenommen.

***

Schauplatz der Teufelei: Bulgakows Moskau der 30er Jahre. Die Realität in der Hoch-Zeit der TeufelsStalin-Ära ist zu einer einzigen gewaltigen Groteske mutiert, unwirklich wie das Treiben der einfallenden Höllenbagage im Gefolge des Teufels, unwirklicher als das Buch im Buche, die ‚andere‘ Passionsgeschichte des Meisters um Jesus und Pontius Pilatus. Künstler landen im Irrenhaus und haben vergessen, wer sie sind.

Die Zeitmaschine ist in der Literatur längst erfunden und rattert munter und auf Hochtouren durch Bulgakows Roman. Wiewohl auf der Reise durch die Zeiten und aus Auerbachs Keller in die Sadowaja 302b der ganze goethische Doktor Faustus in russischer Version mitsamt seinem mephistophelischen Dialektikus als Widerpart auch so einiges an Verfremdung (aus guten Gründen) und satirisch-skurriler Mutation durchmacht, bis hin zur Parodie. Belzebub persönlich sucht zwecks Veranstaltung einer Dreißigerjahrewalpurgisparty und als Werkzeug der Gerechtigkeit die Stadt heim und heißt immerhin Voland wie Goethens Mephisto. An dessen walpurgischen Ausruf „Platz! Junker Voland kommt, Platz! süßer Pöbel, Platz!“ sich wärmstens erinnert, wer seinen Faustus kennt.

Zum weiteren Verlauf der auf drei verrückt verschlungenen Ebenen rasant galoppiernden Handlung werden ein Eintrag bei Frau Wiki und – erstaunlich genug für ein irgendwie immer noch Insiderbuch – Rezensionen wie Sand am Meer hergebetet, zum Beispiel bei sandammeer – jaja, die Ösis wieder.
Jede für sich bemerkenswert und aufschlussreich, scheint mir doch kaum eine davon erschöpfend genug und trifft auf den Punkt, was mich selber beim Lesen an Be- wie Empfindungen und Verwobenheit überkommen hat. Dagegen hilft praktischerweise am besten, sich dem Original im Selbstversuch hinzugeben. Der, versprochen, mit Sicherheit belohnt wird.

Zur Feier des im letzten Monat und hierzulande weitgehend unbemerkt verstrichenen 120. Geburtstags von Meister Michail Bulgakow heut und hier Der Meister und Margarita einmal anders – in Bildern. Verbrämt mit Zitat- und (von mir übersetzten und in eckige Klammern gesetzten) Kommentarschnipseln des Bildermachers. Das Ganze: ein kleines, aber feines und engagiertes Fotoprojekt, gefunden im russischen Internetz bei retroatelier sowie – von da übernommen – in dieser onlinenen Bulgakow-Enyklopädie. Fortsetzung folgt – sagen die da jedenfalls.

Поехали!… öh, auf gehts!
„Mir nach, Leser! Wer hat dir gesagt, es gäbe auf Erden keine wahre, treue ewige Liebe? Man schneide dem Lügner seine gemeine Zunge ab!
Mir nach, mein Leser, und nur mir, ich zeige dir eine solche Liebe!“

„…widerliche Blumen von beängstigendem Gelb…“
„ Sie hatte widerliche Blumen von beängstigendem Gelb in der Hand. Weiß der Teufel, wie sie heißen, aber die sind die ersten, die man in Moskau bekommt. Diese Blumen hoben sich deutlich von ihrem schwarzen Frühjahrsmantel ab. Gelbe Blumen trug sie! Eine ungute Farbe. Sie bog in eine Gasse ein und drehte sich um. …ich schwöre Ihnen, sie sah nur mich, und ihr Blick war irgendwie krankhaft. Mich beeindruckte nicht so sehr ihre Schönheit wie die ungewöhnliche Einsamkeit in ihren Augen, eine nie gesehene Einsamkeit! ….Es war qualvoll für mich, denn mir schien, ich müsse mit ihr reden, aber ich fürchtete, ich würde kein Wort herausbringen und sie würde weggehen und ich würde sie nie wieder sehen. Und stellen Sie sich vor, plötzlich sagte sie: „Gefallen Ihnen meine Blumen?“
Ich erinnere mich genau, wie ihre Stimme klang, ziemlich tief, aber brüchig… Ich ging rasch zu ihr hinüber und antwortete: „Nein!“ Sie sah mich verwundert an, und plötzlich, völlig unerwartet, wurde mir bewusst, dass ich gerade diese Frau schon mein Leben lang geliebt habe. Die Liebe sprang uns an, wie ein Mörder in einer dunklen Gasse sein Opfer anspringt, und traf uns beide. So schlägt ein Blitz ein, so stößt ein Finnenmesser zu! Sie pflegte übrigens später zu sagen, so sei es nicht gewesen, wir hätten einanderer schon seit langem geliebt, ohne uns zu kennen, ohne uns je gesehen zu haben. Sie lebte damals mit einem anderen Mann … Und ich auch, damals…“
(Vollständiges Zitat von mir hinzu’gehext‘. 😉 )

[Margarita – Bogdana… Die Verwirklichung eines Traums zu 100%…
Bei um die 40 Grad Hitze übrigens.]

„Annuschka hatte schon Sonnenblumenöl gekauft; nicht nur gekauft, sie hatte es auch schon verschüttet…“

[Wagenführerin Asja. Eine wunderbare Schauspielerin und ein sehr positiver Mensch. Kurz gesagt, eine Komsomolzin, eine Aktivistin…]

„Weißer Umhang mit rotem Futter…“

[Pontius Pilatus – der hervorragende Schauspieler Michail…
Der einzige spitzohrige (nicht kupierte) Doggenrüde in ganz Kiew brach sich am Tag der Aufnahmen ein Bein, verweigerte rüde das Shooting und musste eiligst durch ein Doggenmädchen ersetzt werden…]

„Dunkelheit senkte sich über Yershalaim…“

[In den Rollen: Garik, Oleg und Sergej. Heldenhafte Centurien –
die Rüstungen waren zwar nicht aus Bronze, aber mächtig schwer. Und die Hitze unerträglich.]

„Hier im purpurnen Schein des Kaminfeuers glänzte am Buffet der Degen…“

[Unser allerliebster Sergej Wassiljewitsch. Solch einen Asasello musst du suchen. Wir haben lange gesucht. Alles entschied sich buchstäblich (wie so viele Dinge bei diesem Shooting) im letzten Augenblick, durch Zufall und Fügung…]

„Sind Sie etwa ohne Ihren Degen erschienen?“

[Für Gella haben wir ein Casting gemacht, aber eigentlich hätten wir keines machen müssen. Katenka, diese göttliche Schöpfung, stand für die Rolle von Anfang an fest. Bedauerlicherweise haben wir nur wenige Aufnahmen gemacht. Dabei könnte man diese Gella aufnehmen und aufnehmen. Was für eine Haltung… und diese Figur…]

„Ich bin nicht böse, ich rühre niemanden an. Ich repariere den Primuskocher…“

[Der Kater war echt. Groß (nur ein winziges Stück kleiner als der wirkliche Begemot) und kräftig. Doch nach dem ersten Blitzlicht benahm er sich wie ein Schwein. Er fauchte und kratzte, die Wolle flog in Fetzen. Das Katerfrauchen Galja heulte. Schaut man sich die Aufnahmen als Slide-Show an, erlebt man einen außergewöhnlichen Diafilm über einen Dompteur (der war ich.) Eine Wiederholung des Shootings brachte überhaupt nichts. Er erkannte mich auf der Stelle und flüchtete ins Bad. Lenka ’stückelte‘ ihn aus dem, was wir hatten. In Einzelteilen. Nur der Gefühlsausdruck, der stimmt.]

„Sie stritten über etwas sehr Kompliziertes, Wichtiges, und keinem gelang es, den andreren zu bezwingen…“

[Jeschua – der Schauspieler Wolodja. Glücklicherweise auch im letzten Moment aufgetaucht. Von aufsehenerregender äußerer Erscheinung in Kombination mit einer erstaunlichen Menschlichkeit. Voller Willenskraft und dabei mit einem so wehrlosen Ausdruck in den Augen.]

„Und diese Frau war es auch, die Korowjow und Begemot aufhielt…“

[Werotschka, Kino- und Theaterschauspielerin.
Innerhalb von drei Sekunden drückte sie dir die verschiedensten Emotionen aus… Es fiel schwer, etwas auszuwählen. Servierte echte Lebensmittel an den Tischen. Die haben wir später unter freiem Himmel sogar aufgegessen.]

„Guerlain, Chanel Nr. 5, Mizuko, Narcis noir, Abendkleider, Coctailkleider…“

[Die Aufnahmen wurden im Theater „Susirje“ am Jar Walu gemacht. Katenka, Tanetschka, Anetschka und Saschenka. Einen Kater hatten sie nicht dabei.]

„Manuskripte brennen nicht…“

[Wir haben Papier verbrannt. Der Gestank im Studio hielt sich ewig.
– Diese Augen, die Augen!!!]

„So flogen sie dahin und schwiegen lange…“

[In der Rolle des Meisters: Viktor. Die Gewänder wurden von der genialen Aljona genäht, die mit bemerkenswerter Akribie Mittelalterkostüme nachempfindet. Bogdana sah toll aus in dem Kleid.]

„Bitten Sie niemals und um nichts! Man wird es Ihnen von selbst anbieten und von selbst alles geben.“

[Der Meister lässt sich allgemein sehr schwer visualisieren. Denn jeder hat sein eigenes Bild vom Meister. Für mich war es immer Michail Afanasjewitsch (Bulgakow. Die Vf.n) höchstselbst.]

Gut gemacht, Rebjata!

Natürlich ist zu einem derartigen Aufwand auch der passende Soundtrack vorrätig: Sympathy for the Devil von den Rolling Stones. Nach einem 1968er Songtext von Mick Jagger, dem er nach Lektüre und unter dem Eindruck von Der Meister und Margarita entspross. Das Buch war ihm von seiner damaligen Geliebten Marianne Faithfull verehrt worden. Jaha, der Dame, die neben Drogensucht, höllisch guter Musik und anderen Leistungen auch noch die vollbracht hat, die erste gewesen zu sein, die das Wort „Fuck“ in einem Film aussprach („I’ll Never Forget What’s ’is Name“. 1967):

Mit deviltattooträchtigem Halbstriptease von Mr. Jagger höchstpersönlich im letzten Drittel der Aufnahme.
Die gibts auch als Videoclip
ratet mal, wo wiedermal nicht verfügbar. 😉

Ach ja, und eine weitere Galerie mit Visagen und Personagen zum Meister und Margarita hammer auch noch – hier. Und eine durchaus sehenswerte Fotoausstellung zum Thema.

Bilder: Voland: CD-Cover einer Hörspielbearbeitung von Der Meister und Margarita. mdr. Der Hörverlag. 2009. Schatten-Voland: Via Bulgakow-Online-Enzyklopädie. Foto-Projekt Der Meister und Margarita (Bilderstrecke): Original bei retroatelier, Januar 2011. Übernommen von Bulgakow-Enzyklopädie. Begemot: Jewgenij Semenjuk, 1991. Via Bulgakow-Enzyklopädie.
Musik: Rolling Stones: Sympathy for the Devil . Studio-Album Beggars Banquet. 1968. Via Dailymotion. Videoclip auf myvideo.
Zitate: größtenteils aus der Reschke-Übersetzung der 1975er Ausgabe von Der Meister und Margarita bei Volk und Welt. Einige Eigenübersetzungen.

Dann kam die Flut

August 20, 2010 um 11:55 pm | Veröffentlicht in 2010, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Kultur, So Momente halt..., Weißt_du_ noch, Wetter-Hexe, Wurzel-Werk | 3 Kommentare
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Alter Park mit nassen Füßen und ein paar angeschwemmte Erinnerungen

„Es ist eine sehr missliche Aufgabe, Felsen zu machen.“
(Hermann Fürst von Pückler-Muskau. In: „Andeutungen
über Landschaftsgärtnerei verbunden mit der Beschreibung
ihrer praktischen Anwendung in Muskau“. 1834)

Du ahnst nicht den Augenblick, in dem Vergangenes dich einholt…

Die Erinnerung des kleinen Mädchens von damals weiß nichts von der Angst vor herantosenden Flutwellen, in denen Haus und Hof untergehen. Der Fluss war sieben Kilometer weit weg und Hochwasser gab es nicht – damals. Und wenn es welches gab, dann als Überschwemmung auf untergegangenen Wiesen, einmal im Jahr. Ertrunkene Wiesen waren was Wunderbares. Sie lagen am Weg von der Schule nach Hause und machten, dass die Strecke von sonst so zwanzig Minuten sich zu Stunden auswuchs. Und sie tranken die Zeit, die nassen Wiesen, während das Mädchen zusammen mit dem Jungen von nebenan am Ufer der neuen Seen auf dem Bauch lag, nach treibenden Holzstückchen fischte und Papierboote aufs Wasser blies. Oder Schuhe und Strümpfe an den Wegrand warf und zur Expedition Tiefenmessung über das glitschige Gras in die halbmetertiefen Fluten watete. Dort roch es herrlich nach Sumpf und Matsch und Algen und der Schulfreund fing ihm winzige Frösche, die es sich selbst nicht anzufassen traute und die sie in die gelbe Brotbüchse sperrten. Doch irgendwann musste es nach Hause, erspähte mit Bangen schon von weitem die wütende Großmutter am Hoftor, die über das kalt gewordene Essen, die Schuhe in der Hand und den triefenden Rocksaum wetterte und Hausarrest verhängte. Vor dem es noch heimlich-hastig den Inhalt der Brotbüchse in die Gartenregenwanne freizulassen galt. Bedauernswerte Oma. Denn am nächsten Tag war wieder Schule. Und Heimweg. An den Wiesen vorbei…

Im Park
Die Erinnerung des großen Mädchens von damals kennt noch den Park mit der Ruine vom rot-weißen Fürstenschloss. Der Park war sieben Kilometer weit weg und es ist immer trockenen Fußes dort hinein – damals. Den Fürsten selber kennt sie nicht mehr. Der war da schon lange tot und dem Mädchen auch sonst nicht sehr gegenwärtig. Dass der olle Von und Zu, seinerzeit noch überaus ansehnlich und lebendig, nicht minder lebendige “Briefe eines Verstorbenen” für die Nachwelt schrieb, die sogar den Dichterfürsten Goethe vom Hocker rissen, erfuhr es erst Jahre später. Aber es dankte ihm für seine Landschaftsgärtnerei mit ihrem eigenen Zauber und den vielen romantischen Verstecken, die wie geschaffen waren für erstes unbeholfenes Knutschen im Dunkeln mit dem Jungen von nebenan und heimliches Erwachsenwerden mit mehr und Ungestümerem als nur Händchenhalten. Wird schon seinen Grund gehabt haben, dass dem alten Windhund und Schwerenöter solche Parkwinkel eingefallen sind. Ist der doch schließlich ungehindert seiner angetrauten und lebenslang geliebten ‚Schnucke‘ Lucie, Fürstin von Pückler-Muskau, geschiedene von Pappenheim, geborene von Hardenberg, die ihm Fels in der Flutwelle Brandung war, längst nicht nur Bettine von Arnim und der gefeierten Operndiva Henriette Sontag nachgestiegen.

Mit der großangelegten Landstricharchitektur hat er sich allerdings pekuniär übernommen, der fürstliche Gärtner. Was ihn zum Verkauf derselben zwang, zur Scheinscheidung von der ‚Schnucke‘ und emsiger Reisetätigkeit zwecks Suche nach einer reichen Braut bewog und ihn schlussendlich nach Branitz weiterziehen ließ. Wo er sich sogleich über die nächste Parkdesignerey hermachte. Das mit der reichen Braut aus England hat ja nicht so geklappt, wie man weiß. Was wiederum auch so tragisch nicht und keine verlorene Zeit war, da er dadurch nicht nur Charles Dickens höchstpersönlich kennenlernte, sondern zugleich seinen Durchbruch und rauschenden Erfolg als briefeschreibender Reiseschriftsteller zementierte.

Ganz nebenbei stiftete er mit der Beschreibung des Landschaftsparks von Warwick auch noch des Mädchens hausheiligen Edgar Allan Poe zu seinem – leider nur semibekannten – “Park von Arnheim” an. Eine persönliche Begegnung der beiden Genien verhinderte dereinst womöglich nur ein Duell des Fürsten, das ihn das Schiff für die Überfahrt nach Amerika verpassen ließ.
— Und das große Mädchen von heute fräße einen Besen, wenn Mr. E. A. Poe bei seinem Schöpfer des Parks von Arnheim, einem unermesslich reichen Mann, der sein ganzes Vermögen auf den Kopf haut, seine Umgebung für sich in eine schöne Idealwelt zu verwandeln, nicht ein bisschen auch an den Muskauer gedacht hat. Den hat irgendwer einmal einen Meister der Verschwendung und das ostdeutsche Gegenstück zum ‚Märchenkönig‘ der Bayern, Ludwig II., genannt. Doch endete er ohne Frage weit glücklicher als dieser.

Sein Englischer Park in Bad Muskau und auf dem polnischen Neißeufer gehört heute zum Weltkulturerbe, zu Recht, doch davon ahnte das Mädchen von damals nichts. Aber es hat nichts dagegen, selbst wenn das der Stille dort einigen Abbruch tut.

Auch inzwischen richtig große Mädchen ahnen nicht den Augenblick, in dem Vergangenes sie einholt. Bis unversehens ein alter, schöner Fürst Park mächtig nasse Füße kriegt.

Denn dann kam die Flut. Vorletzte Woche…


… und wie! Der Fluß läuft über.
Die Neiße brodelt
Die Brücke hält – zwischen zwei Ländern unter.
Wasser-Straße, Bad Muskau Ortsausgang
Wasserstraße. Trockene Füße: nach sieben Kilometern.
Land unter - GrenzpfostenWasser Marsch - "Flutweiser"
Grenzen verschwimmen, zum Glück gibts Wasserwegweiser.
Der Flut trotzen
Von Baum zu Baum: „Scheiß auf nasse Füße! Durchhalten, Jungs, wir trotzen der Welle.“
Wasser - sie stehen vor den Toren! No pasaran!
Der Feind steht vor den Toren! Bis hierher und nicht weiter.

Radlos ans Wasser. Ratlos am Wasser?

Blick auf die Freischwimmertreppe.

Unterwasserbrücke.
"Strand"bank
Land unter. Bank auch.

Auch wenn es so aussieht: Nein, der Fürst hat jetzt keinen Swimmingpool. Dafür Wasser im Keller…

…und Strand vor der Türe.

***

Der einschlägige Soundtrack ist heute von Witt und Heppner und außerdem vom Globalwahlsender Google videos. Weil – wie’s mir einer jüngstens so dolle treffend (und falls ichs nicht längst selber wüsste) auf den Punkt brachte – sich immer wieder erweist, „ein wie mächtiges Instrument zur Unterbindung von Musik dieses youtube ist“.

Bilder: Pückler-Frauen: Via Frank Kirchhoffs Fürst-Pückler-Seite. Park Bad Muskau – Schlossteich. Panorama: Via Manuel Dahmanns Kubische Panoramen. ‚Flutwelle‘ und ‚Grenzpfosten‘: dpa. Alle Flutbilder vom Park und Bad Muskau: via badmuskau.de. Rest: Sag ich nicht. 😉
Video: Die Flut. Witt und Heppner: Google video.

42 oder: Überlebenstraining mit Handtüchern

Mai 25, 2010 um 11:24 pm | Veröffentlicht in Alles platti, BildungsLückenbauten, Filosofaseln, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare
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Ufff… geschafft.
Frisch gewaschen, frisch getrocknet und gefaltet wandert ein Stapel frischflauscheliger Handtücher auf die Ablage im Bad.

Seit der Osterbesuch aus der Schweiz sich aufgrund dramatisch lebensgefährlicher Umstände mit gerade doch noch gutem Ausgang für Mutter und Kind zu einer WG auf Zeit ausgewachsen hat, findet hier wieder große Wäsche statt. Denn in meinem mittlerweile effizient bestückten Haushalt hat sich durch die Langzeiteinquartierung unverhofft ein kleiner Engpass an trockenen Tüchern aufgetan. Und da eine asoziale um Bergvolkes Wohl besorgte Schweizer Versicherung offenbar der Meinung ist, dass ein zwölf Wochen zu früh geborener Säugling dieses frühgeburtliche Vorkommnis in der Berliner Charité statt in der Basler Heimatklinik aussitzen, respektive -liegen soll, bis er sich selber Zöpfe flechten, an Mamis Hand zum Bahnsteig hetzen und einen Platz im Mutter-Kind-Abteil für die knapp 1000 Kilometer einklagen kann, wird das wohl auch noch ein paar lange Tage so bleiben.

Doch we don’t panic und hoffen standhaft, dass der große Bruder des zarten Würmchens, der immerhin schon mannhafte 2 Lebensjahre auf dem Buckel hat, die Mama noch wiedererkennt. Wenn für die nach Aberwochen der Heimwärtstrip mit Brüderchens Schwesterchen durch eine gefühlte Galaxis in trockenen Tüchern ist…

Wie überlebenswichtig in dieser Situation und überhaupt ein solider Vorrat an solchen selben sein kann, weiß jedes Kind und jeder Anhalter seit und dank Douglas Adams:

“Ein Handtuch ist so ungefähr das Nützlichste, was der interstellare Anhalter besitzen kann. Einmal ist es von großem praktischem Wert – man kann sich zum Wärmen darin einwickeln, wenn man über die kalten Monde von Jaglan Beta hüpft; man kann an den leuchtenden Marmorsandstränden von Santraginus V darauf liegen, wenn man die berauschenden Dämpfe des Meeres einatmet; man kann unter den so rot glühenden Sternen in den Wüsten von Kakrafoon darunter schlafen; man kann es als Segel an einem Minifloß verwenden, wenn man den trägen, bedächtig strömenden Moth-Fluss hinuntersegelt, und nass ist es eine ausgezeichnete Nahkampfwaffe; man kann es sich vors Gesicht binden, um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen die Antwort(ein zum Verrücktwerden dämliches Vieh, es nimmt an, wenn du es nicht siehst, kann es dich auch nicht sehen – bescheuert wie eine Bürste, aber sehr, sehr gefräßig); bei Gefahr kann man sein Handtuch als Notsignal schwenken und sich natürlich damit abtrocknen, wenn es dann noch sauber genug ist.

Was jedoch noch wichtiger ist: ein Handtuch hat einen immensen psychologischen Wert. Wenn zum Beispiel ein Strag (Strag = Nicht-Anhalter) dahinter kommt, dass ein Anhalter sein Handtuch bei sich hat, wird er automatisch annehmen. er besäße auch Zahnbürste, Waschlappen, Seife, Keksdose, Trinkflasche, Kompass, Landkarte, Bindfadenrolle, Insektenspray, Regenausrüstung, Raumanzug usw, usw. Und der Strag wird dann dem Anhalter diese oder ein Dutzend andere Dinge bereitwilligst leihen, die der Anhalter zufällig gerade „verloren“ hat. Der Strag denkt natürlich, dass ein Mann, der kreuz und quer durch die Galaxis trampt, ein hartes Leben führt, in die dreckigsten Winkel kommt, gegen schreckliche Übermächte kämpft, sich schließlich an sein Ziel durchschlägt und trotzdem noch weiß, wo sein Handtuch ist, eben ein Mann sein muss, auf den man sich verlassen kann.”

D.A.: Per Anhalter durch die Galaxis

Deswegen und weil man dem Mann einfach ein – und bittschön, möglichst interaktives – Denkmal setzen m u s s t e, war heute Handtuchtag, TOWEL DAY. Wie jedes Jahr am 25. Mai seit 2001, dem Jahr, in dem er sich in die Galaxis davongemacht hat.

Wobei das Datum selbst sich weder um den ersten (11. März) noch den letzten Tag seines Lebens (11. Mai) schert und auch sonst nichts Explizites mit seiner Vita zu schaffen hat. Den Schöpfer absonderlicher Welten und sarkastischer Philosofaseleien des alltäglich Absurden tät’s freuen, glaub ich. Der Tag, an dem einer sein Überlebenshandtuch vergisst, ist schließlich am Ende immer der falsche und seine Antwort auf die lebendigen Fügungen des menschlichen Universums wäre wahrscheinlich: 42.

So kümmerte sich denn auch in deutschen Landen überaus passend unpassend kein Anhalter auch nur einen feuchten Kehricht um einen fünfundzwanzigsten Mai, als allhier das bislang größte frottierte Gedenken begangen wurde: am 9. Juni 2005. Da erflimmerte in Deutschlands Lichtspielhäusern DER Film nach dem posthumen galaktischen Tramper-Drehbuch vom Adams und Scharen von Cineasten strömten im Bademantel und mit ihrem Handtuch über der Schulter an die Kinokassen. Hat mir jedenfalls einer erzählt, der es mindestens von Hamburg wusste, weil er damals mittendrin statt nur dabei war. – Ich hab derweilen… sehr wahrscheinlich bestenfalls ein Papiertaschentuch benutzt, in irgend einem Restaurant am Ende meines Universums 42 Mal versucht, den Kellner zum Kellnern anzustiften… oder wiedermal keinen Anhalter mitgenommen.

Adams selbst behauptete steif und fest, die Idee zu dem Galaxis-Kram sei ihm gekommen, “while I was lying drunk in a field in Innsbruck, Austria, in 1971.” Und als ihm der Anhalter-Hype auf den Zeiger zu gehen begann oder so, steckte er sich seinen Babelfisch ins Ohr und verhalf mal fix Monty Python's flying Circus zu seinem vorletzten ( als Pepperpot with nuclear missile) und letzten (als Mitautor der Party Political Broadcast on Behalf of the Liberal Party) glorreichen Ende.

Interessant wäre ja auch zu erfahren, ob es ihm in seinem nächsten Leben – wie im ersten angedacht – vergönnt ward, Zoologe zu werden. Anzunehmen ist es eher nicht, denn er war überzeugter Atheist – die haben nur ein hiesiges Dasein. Doch seine Enttäuschung über die weitgehende Ignoranz der Welt seinen Letzten ihrer Art gegenüber, auf die er sehr stolz war, saß tief.

So long, Douglas – and Thanks for All the Fish.

Heute war Handtuchtag.
Und ihr da draußen, Anhalter in Bloggers Galaxis: Auf, auf! Für das Aussterben menschlicher Unarten – und wider das Aussterben jeglicher Arten (Blogger, Anhalter und Systemadministratoren eingeschlossen).
Don't panic! And always know where your towel is.

Der Soundtrack für heute sollte passen: Monty Python ist quasi bucklige Verwandtschaft, die Handtücher um die Lenden sind auch kompatibel. Und wer wenn nicht Brian wüsste, wer wenn nicht Eric Idle erhellte in jedem Vers, dass 42!

Bilder: Die Antwort in der Wüste (Happy Towel Day): via code-monk bei flickr. Douglas Adams: via GCO bei wordpress. Rest: weiß ich nicht mehr; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Monty Python – Always Look on the Bright Side of Life. Aus: Das Leben des Brian, via bei youtube.

Gespenster am Gendarmenmarkt

Februar 7, 2010 um 10:08 pm | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Kultur, MarktLückenbauten, Märchenhexe, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spinnweben, Traumzaubern, Uncategorized, Wetter-Hexe | 2 Kommentare
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Hoffmanns Katers Erzählungen
oder: Ansichten eines Schnurrbarts über Alkoholwerbung mit zwei Backenbärten

„Jeder, der mit einiger Phantasie begabt, soll, wie es
in irgendeinem lebensklugheitsschweren Buch
geschrieben steht, an einer Verrücktheit leiden,
die immer steigt und schwindet, wie Flut und Ebbe.“
(E. T. A. Hoffmann)

Irgendwann letzte Woche. Feierabend. U2 Richtung Pankow.

Ich habe gerade eben am Hausvogteiplatz meinen exklusiven Sitzplatz im unterirdischen Heimwärtsberufsverkehr aufgegeben, fluchtartig. Eigentlich wollte ich erst vier Bahnhöfe später umsteigen. Während die volle Bahn samt dem Mitfahr-Überfall einer Band(e) Möchtegernfolker und ihrem kreisenden Coffee-to-go-Sammelbecher in den Tunnel rauscht, rette ich mich nach oben. Nichts gegen Straßenmusik und der Banjospieler war ja auch noch ganz okay. Doch den Tinnitus von den oberschiefen Tönen des grölenden Saxophons auch nur eine Station länger zu ertragen, sträubte sich mein sonst recht empfängliches Gehör entschieden. Vier Stümper sind halt noch lange nicht 17 Hippies.

Die Treppe in die Oberwelt endet gefühlt irgendwo direkt am Nordpol und das Aufatmen füllt die Lunge mit ungefähr einer Million Eiskristalle. Der Wind beißt sich schmerzhaft im Gesicht fest – es ist sibirisch kalt. Andere Nordpolbewohner, die mir begegnen, hasten einer Wärme zu, die hoffentlich irgendwo auf sie wartet. Und meine Stiefelspitzen krabbeln unschlüssig in den Schnee. – Was jetzt? Und wohin? Wo ich doch hier eigentlich gar nicht sein wollte.

Die Stiefelspitzen wollen nach links. Und überhaupt endlich los, bevor die Zehen in ihnen festfrieren. Na gut, drehen wir halt eine Runde um den Gendarmenmarkt. Der ist auch im Winter schön und gerade gut genug, die frisch ramponierte Ästhetik zu therapieren.

Die Tage im Januar sind noch kurz und es wird schon dunkel. Die deutschfranzösischen Dom-Brüder haben sich weiße Wollmützen auf die Kuppeln gestülpt. Hübsch und romantisch sieht es aus…

…und die vorbei knarrenden Pferdefuhrwerke auch und die Droschken mit den warmen Pelzdecken und den livrierten Kutschern, die im Schein der flackernden Gaslaternen mit dicken Fäustlingen um die Zügel auf ihrem Bock schlottern. Das findet wohl auch der Kerl mit dem Backenbart, der an seinem blankgescheuerten Holztisch im Lutter & Wegner durch die Scheiben starrt und der einsam vorbeischlendernden Spaziergängerin kurz zuzwinkert. Bevor er sich dem kratzfüßelnden Servicepersonal zuwendet, wild entschlossen, in erlesener Runde den von seiner jüngstverflossenen Geburtstagszecherey überkommenen Kater zu ersäufen:

Herr Wirt, fünf Gläser auf den Tisch!
Was gafft Er da so dumm?
Die Kerls, zu deren Wohl ich trink’,
Schlepp ich in mir herum.

Den ersten Kelch leer’ ich auf Ernst,
Das ist der Literat,
Der Kater Murr und Meister Floh
Aufs Blatt geschustert hat.

Das zweite Glas auf Theodor,
Den alten Widerling,
Beamter, der in Preußens Muff
Fast vor die Hunde ging.

He, Amadeus, hältst du mit?
Der dritte Schluck ist dein!
Dem Musikus ein Lebehoch,
Er will gebauchplinst sein.

Der vierte Krug dem Maler gilt,
Den auch ich in mir trag,
Wenngleich er keinen Namen führt.
Doch! – Alle, die ich sag.

Das fünfte Glas auf Hoffmann, ex!
Das ist der bleiche Geist,
In dessen Brust die Bande tobt.
(Und ihn in Stücke reißt.)
[1]

Sagte ich Kater? Wo kommt nur auf einmal dieser gestiefelte Miez her, der im Schnee um mich herum schleicht? Den kenne ich doch! Der wohnt seit Jahr und Tag im dritten Band meiner schmucken endsechziger Aufbau-Ausgabe. Gerade als ich weitergehen will, zieht er höflich und überaus possierlich seinen Hut. Nur, um mich dann aufdringlich anzuquatschen und ungefragt mit schnurrigem Boulevardklatsch zuzutexten. Dass der Meister nämlich sogleich noch seinen Intimus, den Herrn Hofschauspieler Devrient erwarte – zum gemeinsamen Modellbechern für das Logo einer dereinst berühmt werdenden Getränkemarke. Schließlich habe der erlauchte Hofmime selber für die Nachwelt den Namen des hauseigenen Kultgesöffs erfunden. Zwar im theatralischen Überschwang des Auftritts nach dem Auftritt in der Lieblingskneipe und mehr so aus Versehen als bühnenreifes Falstaff-Bonmot auf eine andere Hochprozentigkeit. (“Bring er mir Sack, Schurke!”) Aber wer früge späterhin schon noch nach dergleichen. “Der Saeck oder Sect ward ein Berliner Szenewort. Und der Schaumweinschlürfer des 21. Jahrhunderts wird nach Anekdoten lechzen und Originalschauplätzen, wenn er auf seiner lehrreich angeheizten Stadtbeschau in den allerspätestens seit ‚Hoffmanns Erzählungen‘ einschlägigen Lutter & Wegnerschen Weinkeller einfällt. Murrrrrr, glaube sie mir das, Mademoiselle.”

Moooment mal! Wofür hält der mich? Etwa für ’ne Touri-Schnepfe aus Posemuckel im Hinterwald? So tiefgefroren und winterschläfrig können meine kleinen grauen Zellen gar nicht sein, um nicht hellwach aufzuflattern und Alarm zu schlagen, dass an der Geschichte was nicht stimmt.

Wahr ist wohl, dass die zwei, den Berlinern ihr ‚Gespenster-Hoffmann‘ und der ebenbürtig abgründige Genius Devrient, sich in selbiger Weinschänke gesucht und gefunden haben. “Beide waren Meister darin, das Unerträgliche in die erträgliche Leichtigkeit des imaginativen Spiels zu verwandeln. Keine Tragik ohne Ironie. Die… schütteten sich ihr Herz aus, aber immer blieb ein Rest Spiel und Schauspielerei dabei…. Da sitzen die beiden Absturzgefährdeten und Genies des Leichtnehmens und des Leichtsinns bei ‚Lutter & Wegner‘ und spielen in der Verwandlungswelt der Imagination, werfen sich die Bälle ihrer Einfälle zu, mischen Ernst und Spiel, imitieren die Leute und sich selbst, machen sich Geständnisse, geben Trost, führen ihre Nachtgespenster vor. In den Nächten mit Devrient hatten Hoffmanns Erzählungen Premiere…” [2]
Und es gibt kaum einen Grund zu zweifeln, dass der große Bühnengaukler den Tod des Freundes nie verwunden hat. Dass er mit der Flasche in der Hand oft genug Selbstgespräche an dessen Grab geführt und seine zehn Überlebensjahre lang die Trauer in Vin Mousseux ertränkt hat. Allerdings starb Hoffmann bekanntermaßen bereits 1822, hat also des Anderen Wortkreation für den Lieblings-Absacker nie vernommen. Denn die überlieferte Episode mit dem Devrientschen Shakespeare-Zitat datiert erst aus dem Jahre 1825 und der erste deutsche Schaumwein gar erst aus dem Jahr danach. So illustriert die vereinte Becherei auf dem Etikett des L-und-W-Schampus mitnichten, warum der Flascheninhalt so heißt, wie er heißt. Wer allerdings wöllte dem Laden das legitime Zurechtdesignen seiner berühmtesten Stammgäste zu Urhebern und Werbezwecken verdenken.

Nun, und was die Flunkerei um den Originalschauplatz angeht…
Den Weinkeller hätte man Euch ja noch verziehen, Katerchen. Den gabs zwar auch erst seit 1835, aber immerhin bereits zu Lebzeiten des alten Offenbach, Veroperer von ‚Hoffmanns Erzählungen‘. Außerdem hockte und komponierte der in Paris rum. Doch dass der Hoffmann ursprünglich zwei Ecken weiter in seine Stammlokalität einkehrte, selbige nach einem Bombenvolltreffer des letzten heimgekehrten Krieges nicht mehr zu retten war und danach mitsamt ihrem einstigen Glanz auf Jahrzehnte verschwand, solltet Ihr den anreisenden Gespenstersuchern dann doch nicht umzudichten suchen. Wozu auch? Sein Geist ist sowieso herinnen, denn an ihrem heutigen Platz hat er gewohnt.

Eiei, Eure Schnurrhaarigkeit, da müsst ihr schon früher aufstehn und euch putzen, bevor ihr einer halbwegs hoffmannbibelfesten Schonlangberlinerin E.T.A.s neues Leben verkaufen könnt.

“Mit Verlaub, mein Bester”, hebe ich, an diesem Punkt meiner frierenden Grübeleien angekommen, streitsüchtig an… doch er ist verschwunden und mit ihm auch der backenbärtige Zecher hinter der Scheibe. Und die Droschken und die Kutscher. Ein Passant schaut mich ob meines Gebrabbels grinsend von oben bis unten an. Verdammt, das muss die Kälte sein. Hastig und mit hochrotem Gesicht suche ich in Richtung U-Bahnhof das Weite.

Und bin froh, dass ich ihn nicht noch gefragt habe, wer so früh am Abend im Schauspielhaus die Barcarolle spielt. Die ich deutlich bis hierher höre. Oder…?

***

Ätsch! Das hier ist sie nicht. Nö, ich brauche jetzt was zum Gespenster verjagen 😉 :

Quellen: Text: [1] Reinhard Griebner: E. T. A. Hoffmann hält Einkehr bei Lutter & Wegner. [2] Rüdiger Safranski: Über E.T.A. Hoffmann und Jacques Offenbach. In: E.T.A. Hoffmann. Jahrbuch, Bd. 8, S. 70. Erich Schmidt Verlag (ESV), 2000. Bilder: Der Gendarmenmarkt (Berlin). 1857. Von Eduard Gärtner, 1801-1877. Der Dichter E.T.A. Hoffmann (links) und der Schauspieler Ludwig Devrient 1815 im Weinkeller von Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt in Berlin. Gemälde von K. Themann, gemeinfrei. Berlin, Weinstuben Lutter & Wegner 1947 – Bundesarchiv Bild 183-N0415-354, via Wikipedia. Lutter & Wegner bei Nacht, heute – Fotos-Berlin24.de. Video: 17 Hippies: Frau von ungefähr. Berlin 2008, live – via youtube.

“Manche leute werden auf flußpferden geboren…”

Dezember 6, 2009 um 10:31 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Hexenritte, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Spinnweben | Hinterlasse einen Kommentar
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Er selbst hingegen kam
“auf einem baum (oder in einem baum) der gemarkung Kürthal nahe
dem weiler St. Achatz am Walde zur welt…[…] Ich bin das kind aus
der verbindung einer wildente und eines kuckucks und verbrachte
meine jugend in den dichten laubwildnissen der buche und der linde;
meine eigentliche menschwerdung vollzog sich erst später nach den
ersten kinobesuchen, nachdem ich mich ziel- und absichtslos fliegend
in eines der lichtspieltheater der hauptstadt verirrt hatte….
Ich […] preßte mir eine eigene schrift aus den büschen und bäumen
meiner schillernden umgebung..” (1)

Später verwandelte er sich kraft Formeln und Sprüchen
“zuerst in einen gefleckten schwan, dann in einen schnellen luchs,
dann in eine seidene fledermaus, dann aber in eine mischung aus
wolf und baumwipfel, von dem aus ein sperber nach westen äugt,
und endlich wurde ich, und das nicht aus eigener kraft, ein herbstlich
geröteter farn auf einem bergrücken hinter dem untergang der sonne…” (2)

Artmann auf großem grünem wlusspwerd

Er inventarisierte sein Eigentum an bizarrer Menagerie:

“Mir gehören ein seewolf und ein albatros des falschen friedens und ein hai voller perlen…”(3)

Natürlich zeichnete er Act – den poetischen, in acht Punkten (und das war k e i n Malen nach Zahlen):

H. C. Artmann„1. Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift. 2. Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik. 3. Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit. 4. Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden. 5. Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut. 6. Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote. 7. Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel. 8. Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.” (4)

Sein Gefühlsorgan ent- und verschlüsselte er in neun Zeilen atemloser Poesie:

“mein herz ist das laechelnde kleid eines nie erratenen gedankens
mein herz ist die stumme frage eines bogens aus elfenbein
mein herz ist der frische schnee auf der spur junger voegel
mein herz ist die abendstille geste einer atmenden hand
mein herz liegt in glaenzend weissen kaestchen aus mosselin
mein herz trinkt leuchtend gelbes wasser von der smaragdschale
mein herz traegt einen seltsamen tierkreis aus zartestem gold
mein herz schlaegt froehlich im losen regnen der
mitterwintersterne” (5)

Und vor drei Tagen in einem Jahr soll es schon wieder zehn Winter her sein, dass solch ein Herz zu schlagen aufgehört hat – wer will so etwas glauben?
Ich bin ihm erst begegnet, als Einer mich an der Hand mitnahm zu ihm, dem H. C. Artmann; da war er schon aus dieser Welt. Und das mir von jener Hand des Einen ans eigene Herz gelegte zitronenfarbene Reclambändchen nimmt immer mehr ein freundliches Sonnengelb an, je länger es in meinem verrauchten Elfenbeintürmchen aus dem Bücherregal leuchtet – und je öfter ich darin lese oder auf einem großen grünen Walfisch nach den Sandwichinseln reite…

***

Und wer zum Nikolaustag und zweiten Advent heute was Anderes hier erwartet hat, der kriegt eben noch ein paar qualmende Socken. Nee, Quatsch, Berlin im Kerzenschein 😉 :

Gefunden auf dem Schnipselfriedhof, aber in Wirklichkeit vom Adventskalender23 in Gestalt emsig wichtelnder Youtübner.

Hübsch, oder?
Habt’s besinnlich, ihr Lieben –
und froehlich im losen regnen der mitterwintersterne.

Quellen der Artmann-Zitate:
(1) und (2): Curriculum Vitæ Meæ oder Wie das halt so gewesen ist. In: Grammatik der Rosen. 3 Bde. Salzburg/Wien: Residenz Verlga, 1979. (3): An ufern der inseln – Ebenda.
(4): Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes. In: The Best of H. C. Artmann. Frankfurt: Suhrkamp, 1970. (5): mein herz. In: h.c. artmann: achtundachtzig ausgewaehlte gedichte. salzburg. Wien. 1966.

Bildquellen: Artmann-Triptychon 1974: Wolfgang H. Wögerer, Wien, Austria. Via Wiki. Act: Artmann. Inselritt auf großem grünem Flusspferd: Collage, gebastelt per Klau bei Jean Effel: Seul maitre á bord…

Moby Dick kam nicht bis Massachusetts

November 27, 2009 um 5:43 am | Veröffentlicht in 2009, Alles platti, Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Globe-Trottel, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt..., Werbehexe | 8 Kommentare
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Ein Update zu: Vor dem Mast und unter Segeln und: Mit Tschechow nach Marzahn

Vor dem Mast, ganz ohne schützende Kajüte, rackerte ich diesmal selber.

Vorletzten Dienstag, Berliner Tschechow-Theater in Marzahn.
Ich bin eingeladen. Ha, und Special Guest. Thema des Abends: siehe oben.

Vom Plattenbauhimmel regnet es Strippen. Wettermäßig also schonmal ein Minus für Feierabendkultur mitten in der Woche und für die Feuertaufe einer bestenfalls Backstage semibekannten Freizeit-Entertainerin. Ein Plus: die Reihe „Kultur der Welt“ ist etabliert und läuft regelmäßig, einmal im Monat. Noch ein Plus, das mindestens drei wert ist: weit und breit keine Konkurrenz. 😉

Geplant ist… nun, sagen wir, eine literarische Reise durch Neuengland. Genau genommen geht’s eher an dessen Küste entlang: durch die einstigen Walfängerhäfen von Nantucket und New Bedford, ein bisschen Boston und Harvard, ein bisschen Geschichte der Indianer und der alten Pilgerväter; dann, wie es sich für eine Hexe gehört, rauf nach Salem zum ollen Nathaniel Hawthorne und zurück über Cape Cod mit einer Prise Seefahrerromantik. Im Gepäck Moby -Titelbild für Massachusetts beim "Tschechow"Herman Melvilles dicken alten Wal und ein paar Bücher drumrum, zweidrei Rezepte zum Thanksgiving-Vogel und für das ungeschlagene chowderhafte Nationalgericht – das Ganze gut durchgerührt mit zwei Handvoll Walfängershantys.

Eine Stunde vorher da sein muss reichen für einen Schnelldurchlauf mit dem Techniker, der das Programm noch nicht kennt. Doch die Generalprobe fällt aus – meinen hergeborgten Laptop aus der Zeit der Erfindung des Morseapparates zum Pseudopowerpointpräsentieren zu überreden, kostet alles. Und der aufopferungsvolle Dompteur der Technik g i b t alles. Er umgarnt mich und und sich und die Bühne mit einem Gestrüpp aus Kabeln für Rechner, Beamer, Stereoanlage, zwei Leselampen und was weiß ich noch alles. Die Katastrophe scheint sich anzubahnen, als abenteuerliche Bildschirmzickereien mir meine im Akkord so wunderhübsch gebastelte Bilder- und Videoreihenfolge im Skript zerschießen und mein Helfer sich darin hoffnungslos verheddert. Na, das kann ja heiter werden!

Der Countdown läuft. Noch eine Viertelstunde… für angemessenes Hyperventilieren und Lampenfieber bleibt keine Zeit. Im Blick des braven Technikus die blanke Panik – als sei Moby Dick hinter ihm her. Das ist der Augenblick, in dem mich die Ruhe vor dem Sturm überkommt. Ich schenke dem Ärmsten mein schönstes Lächeln und mir den fälligen Herzkasper… setze mich hin und numeriere unsere zwei Achtseiten-Skripte per Hand neu durch.

Unser Theaterchen hat sich inzwischen gemächlich gefüllt. Nun ja, man will ja nicht grad behaupten, dass die Leut‘ sich um die Tickets balgten an diesem verregneten Abend, doch das Publikum ist klein, fein und erlesen und die Stimmung an den Cafehaustischchen erwartungsvoll. Eine Dame wedelt aufgeregt mit dem Programm: sie wollte sich heute eigentlich irgendwohin „Flussabwärts“ treiben lassen, bleibt aber trotzdem. Im Parkett links (also von mir aus rechts) hat sich, wie mir von Frau Intendantin gerade gesteckt, als besondere Herausforderung eine Vertretung der Marzahner schreibenden Arbeiter oder wie die heißen niedergelassen. Ja, schlürft nur euren Schoppen, das macht gute Laune, und die kann ich heut wie nix anderes brauchen. Ich selber hab bloß ’ne Kaffeeüberdosis und mein Hals ist ganz trocken.

Und dann geht’s los und es beginnt… nanu, nicht der Super-GAU? Wer hätte das gedacht. Dabei weiß doch jedes Kind, womit verhunzte Generalproben enden. Alles läuft super. Und das sogar trotz des alles entscheidenden Geständnisses gleich als Einstieg: Moby Dick kam nicht bis Massachusetts – schlimmer, die Reiseveranstalterin auch noch nie. Wenn man mal vom Schwimmen durch einen dicken Melville-Roman und das Internet absieht. Die geneigte Anwesenheit quittiert meinen Vorschlag, für einen derart riskanten Trip lieber das Eintrittsgeld zurückzufordern, mit einem Lacher statt allgemeinem Aufbruch. Na also, geht doch! Die Stimme räuspert sich frei und bei ihrem forschen Befehl zum Segelsetzen klettert das seefeste Publikum munter in die Wanten der Pequod und mitten hinein in den alten John-Huston-Schinken von 1956, den ich ja immer noch für den Moby-Film aller Filme halte…

Ungefähr anderthalb Stunden später gehen wir von Bord. Aufgekratzt schwatzend, vom Seewind gegerbt, mit schwankendem Matrosengang. Schütteln uns eine Zeitreise auf der alten “Mayflower” aus den zerzausten Haaren und jede Menge Seesand aus den Schuhen. Haben kichernd von Herrn Melville höchstpersönlich erfahren, dass die Nantucketer die Ostfriesen Neuenglands sind und wie wohlig Ismael und Queequeg beim Chowderlöffeln in Mrs. Husseys Kaschemme schmatzen. Wir mussten mitansehen, wie übel die ach so gottesfürchtigen Pilgerväter den gastfreundlichen Ureinwohnern mitgespielt haben. Durften den eigenen staunenden Augen trauen, dass ein unzufriedenes Filmvolk imstande ist, Father Orson Welles‘ Mapples von der Regie erfundene Schiffsbugkanzel in eine reale Seemannskirche zu klagen. Wir wissen jetzt, warum dereinst hungrige Iren gen Amerika segelten, und dank einem schiffbrüchigen Seemann und einem seetüchtigen Literaten auch, wie ein echter Pottwal echte Schiffe versenkt. Wir haben uns in einem brodelnden Hafenbecken unter die Akteure der Boston Tea Party gemischt. Sind am Haus mit den sieben Giebeln des neuenglischen Schreibergottes vorbeigeschlendert, das immer noch steht in Salem. Und haben mit den daselbst ansässigen barfüßigen Hexen getanzt, die sowieso keiner vergisst, der das einschlägige Stückchen Kult-Zelluloid von anno dunnemals noch irgendwo im Hinterkopf hat.

Ach ja, fast hätte ichs vergessen, spontan wird auch ein Publikumsliebling gekürt: Ranzo, der Chanteyman von Massachusetts, samt seinem natürlichen und für Walfängerlieder gemachten Klangkörper. Der steht laut seinem Youtube-Profil auf harmony, dissonance, music, noise, rum, truth, tea & cookies, singt mit sich selber im Duett oder gar im Trio und avanciert einhellig zum Kuschelseebären des Abends. (Der Verwendung seiner Tonbeispiele hat er beiläufig offiziell zugestimmt.) Meine aus Zeitgründen vorgesehene Kürzung seines zurechtselektierten Repertoires wird von der virtuellen Reisegruppe mit grummelndem Protest bedacht und muss als Zugabe nachgereicht werden. Ist das nicht das, wovon man immer mal geträumt hat?: mit Leuten in einem Boot sitzen, die eine Wahl hatten… für das Boot.

Die Frage des Abends (aus dem Parkett links): „Aber Sie sind doch gegen den Walfang?“

Und was das Beste ist: mein finaler Werbespot für eine Fortsetzung der Veranstaltung – die für nächstes Jahr einzufädelnde Moby-Dick-Bloglesung nämlich – wird ebenso gefeiert wie die Aussicht, als Soundtrack dazu die süddeutschen Folker What about Carson in der Hauptstadt mal live zu erleben. Deren wieder mal passende und frechfröhlich über den Küstenhaken von Cape Cod lärmende Sally Brown überaus gut ankommt.

Fazit: Moby Dick kam zwar nicht bis Massachusetts. Den Leuten vom “Tschechow” ins Blut aber schon.

Bilder: Moby Dick: Via, bearbeitet. Mayflower: Stuff from Room 311.
Video: Selber gebaut – zu: Der Hund Marie: Moby Dick. Aus: Hooligans & Tiny Hands. 2006.

Heißen Seemannsdank nochmal an den Wolf, für die Hilfe beim Soundtrack.

Die Lieb, die Lieb

August 29, 2009 um 11:50 pm | Veröffentlicht in 2009, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fest-Platte, Hexenlieder, Kalenderblätter, Real-Poetisches | Hinterlasse einen Kommentar
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Kleiner Nachtrab… äh, Nachtrag zum Goethe-Jahr 2009, mit dessen Ausrufung inzwischen kaum ein Goethe-Freund&Erbe noch ernsthaft rechnet

buchstabe_w
ir waren ja mal eine Zeitlang Nachbarn, der Herr Geheime Rat und ich.
Nun ja, wenigstens wären wir es beinahe gewesen. Haben uns, grob geschätzt, nur um ein schlappes knappes Vierteljahrtausend verpasst – um das meine paar Semester philologischer Studien an der Alma Mater Jenensis später anfingen nämlich.

Gleich nebenan hatte er kurz zuvor, um genau zu sein 1784, während seiner Betreibungen der Naturwissenschaften im Anatomieturm zu Jene den Zwischenkieferknochen des Menschen entdeckt. Außerdem in seiner Eigenschaft als Minister des Herzogs Carl August den Straßenbau durch das Mühltal befehligt sowie die höfischen Sammlungen und Bibliotheken vor Ort. Aber pssst, sagt’s keinem weiter – eigentlich kam er ja immer nur wegen der geselligen Abende im Frommannschen und im Griesbachschen Hause oder wegen der anregenden Dispute mit Schiller in dessen lauschigem Garten. In dem ich beiläufig einmal, nachdem der ihn in dieser Welt aufgeben musste, einen Studenten-Subbotnik lang das seither wuchernde Unkraut gerupft und gezupft hab.

Wenn ich es nicht schon vorher war, dann gehöre ich spätestens seit dem Stückchen Lebenszeit in dieser Ecke, wo man auf Schritt und Tritt Goethens Atem spürt, zu seinen ungezählten Verehrerinnen. Ich hab die Dornburger Schlösser hoch über der Saale für mich erobert, in denen er sich vom Ableben seines Landesvaters erholte und deren eines heute seinen Namen trägt. Hab dort oben mit einer Studentenliebe und ohne Publikum in einem heißen Sommer mein eigenes Rosenfest gefeiert, das es wohl zu Goethes Zeiten noch nicht gab, dafür aber bestimmt die eine oder andere Muse, die das Zeug zur Rosenkönigin gehabt hätte.

Ich bin glühender Weimar-Fan: hab meine kargen Stipendien-Taler in den “Elephant” getragen, in dem der Meister einst erkleckliche Zeit zubrachte; ja den, in welchem Thomas Mann in “Lotte in Weimar” Goethens und Werthers Lotte einquartierte – ich tat’s mit ehrfürchtiger Gänsehaut im Nacken, auch wenn der Dichterfürst schon längst nicht mehr dort tafelte. Ich war im Ilmpark, weilte in des Herrn Geheimrats Gartenhaus, in dem und um das es zwar nicht mehr ganz so aussieht, wie der gute Eckermann es 1824 in seinem Bericht beschrieben, das mich aber in seiner romantischen und fast spartanischen Schlichtheit immer wieder bezaubert hat. Ich bin in der da noch nicht vom Feuer verheerten Bibliothek gesessen, bin auf müden Füßen und am Ende ohne Schuhe zum Schloss und Park Belvedere hinaus gewandert und durch die Stadt gestrolcht. Ach, und wohin dort nicht noch überall…
Ich war ewig schon nicht mehr da… muss mal wieder hin.

Aber ich kann viel erzählen, wenn der Tag lang ist, wer glaubt einem heut schon noch was aus zweiter Hand. Dann schon eher Goethen selber:

Woher sind wir geboren?

Woher sind wir geboren?
Aus Lieb.
Wie wären wir verloren?
Ohn Lieb.
Was hilft uns überwinden?
Die Lieb.
Kann man auch Liebe finden?
Durch Lieb.
Was läßt nicht lange weinen?
Die Lieb.
Was soll uns stets vereinen?
Die Lieb.
(Aus den Briefen an Frau von Stein)

Und weil ihr es seid und zur Feier des gestrigen Tages: Tadaaa, mein Fundstück der Woche! Extra für euch – und den alten Schwerenöter, nebst dem Allerherzlichsten ihm nachträglich zum 260sten. Dieses kleine Gedicht voller Seele und Weisheit (wer wenn nicht der wusste, wie das geht) wird umso glaubwürdiger auf eine Melodie – tanzen oder sterben wir bei dem Thema nicht alle eher mehr als weniger in Dur oder Moll? Die glockenhelle Stimme von Bobo alias Christiane Hebold trifft ins Herz – wen wundert’s. Eine Absolventin von ‚Franz Liszt‘ – in Weimar! – wird doch wohl noch ihren Goethe kennen. Und zusammen mit dem Video von Jarek Raczek erst! Führt es uns doch so recht romantelig barfüßig an einen Originalschauplatz – ihr ahnt WOhin? Wohlan, ihr Jünglinge und Mädchen: Gaffet und lauschet! Auf nach… na, ihr wisst schon. — Achtung, Ohrwurmverdacht!:

Song: Die Lieb. Sängerin: Bobo. Komponist: Sebastian Herzfeld. Texter: Johann Wolfgang Goethe. Aus: Lieder von Liebe und Tod, 2007. Auch bei amazon. Via youtube.
Als Ergänzung: Neben dem obigen Dichterfürstlichen und einem weiteren (Wanderers Nachtlied) finden sich auf dem Album auch Versträllereyen von Eichendorff und Zuccalmaglio und überraschendes, wunderbar neuvertontes altvertrautes Volksliedgut.

Ach ja, als Belohnung fürs Reinschaun noch ein Lesetipp: Der Wolf hat sogar pünktlich gratuliert. Und hey, der ist einer, der’s kann.

Bildquellen: Anatomieturm in Jena – via thueringenweb.de. Schillers Garten in Jena – via jenakolleg.de. Postkarte mit Motiv Goethes Gartenhaus, 1929. Via Goethezeitportal.
Gedicht: Johann Wolfgang Goethe: Woher sind wir geboren? – Via Zeno.org. Dort angegebene Quelle: Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 2, Berlin 1960 ff, S. 82, gemeinfrei.

Leben mit Puschkin

Juni 21, 2009 um 4:53 pm | Veröffentlicht in 2009, Bücherhexe, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches | 3 Kommentare
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Französisch war ihm ganz zu eigen,
Er sprach und schrieb es tadellos,
War als Masurkatänzer groß
Und konnte sich scharmant verbeugen:
Braucht’s mehr, damit die liebe Welt
Uns für gescheit und reizend hält?

Gelernt hat jeder von uns allen
Sein Pröbchen, minder oder mehr:
Drum ist, durch Bildung aufzufallen,
Bei uns, gottlob, nicht eben schwer.

(Alexander Puschkin. Aus: Eugen Onegin. 1823-1830,. Erstes Buch, 4./5.)

selbstporträt anfIch war noch ein blondzöpfiges Schulmädchen, kurz nach Dreikäsehoch, da fing es an. Da schlich er sich zum ersten Mal in mein Leben, mehr so aus Versehen und fast unbemerkt. Nur einer merkte es doch – mein alter Deutschlehrer. In einem Klassenaufsatz, fünftes Schuljahr – als vage memoriertes Thema galt es irgendwie, dem aufbegehrenden Jüngling in Ilja Repins „Wolgatreidlern“ ein Leben zu erfinden – hatte ich mich mit glühenden Wangen im Geschichtenschreiben verloren. Meinen spannenden Beinahe-Roman nannte der weißhaarige Pädagoge ein Beinahe-Plagiat, der Puschkinschen Dubrowskij-Novelle nämlich. Wo ich den damals noch nicht mal kannte. Was sich daraufhin freilich umgehend änderte. Von da an war er eigentlich immer latent anwesend, also der Puschkin jetzt.

Jahre danach: den Erstsemestern der Alma Mater Jenensis war ein Kulturpraktikum verordnet (sorry, so hieß das meinerzeit und es war sogar ganz lustig). Aus dem erinnere ich vor allem ein paar wilde Tage in einer Jugendherberge mit ’ner munteren Studi-Truppe ‚von Drüben‘ aus den heute alten Bundesländern, zu unserer Überraschung kollektiv heiße Puhdys-Fans. Ach ja, und dann noch die verklärten Augen und das leise bebende Pathos in der Stimme der muttersprachigen Russischdozentinnen, die uns das richtige Timbre beim Deklamieren der „Zygany“ oder von Versen aus dem „Onegin“ beizubiegen suchten. Das wir Frischlinge zuerst noch mit ungläubigem Grinsen, am Ende der Veranstaltung ergeben als Erwerb kultureller Kompetenz quittierten.

Später bin ich einen kalten Winter lang durch sein Zarskoje Selo und sein Sankt Petersburg gestromert, zu einer Zeit, als jenes gerade Puschkin, dieses gerade Leningrad hieß. Hab einen heißen Sommer lang zu erleben gelernt, warum er nicht anders konnte als georgische Berge und Mädchen und das Schwarze Meer besingen. Ich habe in russischen Bücherstübchen und -palästen gekramt und mir meinen Alexander Puschkin in Originalsprache erkrautert. Mir die Rauf- und Runterverfilmungen seiner Erzählungen reingezogen, auch den 1940er Postmeister Heinrich George. Und kann euch heute die Bjessy (Teufel), die Märchenpoeme oder die Liebesverse an diverse Angebetete halbwegs aus dem Gedächtnis hersagen.
Leben und sterben mit Puschkin, immer mal wieder.

Über den Genius des Dichterfürsten der Russen scheint man sich ja auch hierzulande einig zu zu sein. Doch versuche mal, eine deutschsprachige Ausgabe seiner sämtlichen Werke zu erstehen. Funktioniert nur unvollständig und nur antiquarisch und beim Stöbern in amazon kommen dir die Tränen. Die vollständigste, die ich je in Händen hatte, eine in der Sowjetunion auf Deutsch verlegte vierbändige Jubiläumsausgabe von 1949, hab ich mal mit Herzblut hergeschenkt an einen, von dem ich denk, dass sie es bei ihm schön warm hat. Ist heute nirgendwo mehr zu kriegen, das Schätzlein. Höchstens noch die Schwester, übersetzt von Johannes von Guenther, im selben Jahr bei Aufbau erschienen.
grafi duell aus film_koms_prawda
Puschkins so abrupt und zu früh an einem Pistolenschuss geendetes Dichterleben war voller Leidenschaft und nicht ohne Geheimnis. “Ich war mehr oder weniger in alle schönen Frauen verliebt, die ich kannte”, schrieb er einmal in seinen Tagebüchern. Er war ein heißer Patriot, ein scharfzüngiger Kritiker und ein Spötter vor dem Herrn, was ihm neben einer Verbannung in den Süden und anderen Unannnehmlichkeiten die zweifelhafte Ehre einbrachte, dass seine Werke vom Zaren höchstpersönlich zensiert wurden. Seine eigene Grabinschrift schrieb er mit zarten 16 Jahren. Der ungeklärten Herkunft seines Urgroßvaters mütterlicherseits, dem Mohren des Zaren, spürte er selber mit mäßigem Erfolg und spüren die Leut‘ noch heute hinterher. Manche seiner Gedichte klingen für mich wie Vorahnungen seines gewaltsamen Todes. Und ein Schreiberling der so wundersam zum Boulevardblatt mutierten Komsomolskaja Prawda orakelt gar mystisch, minutiös belegt an einem Vergleich von Gänsehaut-Parallelitäten des (literarischen) Lebens Onegins und des (realen) Lebens Puschkins, dass letzterer sich mit dem Onegin-Roman in Versen seine eigene Vorbestimmung herbeigeschrieben und der arme (literarische) Graf Lenski sich aus dem Grab für seinen Dramentod am Dichter gerächt habe. Dabei ist es schon mystisch genug, dass es die Komsomolskaja Prawda noch gibt – meinte man nicht immer, dass die Zahl der Komsomolzy seit Jahren rückläufig wäre? Jedenfalls vorübergehend.

zeichnungen seiner frau auf verschiedenen manuskriptenmanuskript eugen onegin
onegin - p am fensterteufelskopfSchiff am Gedichtmanuskript Wospominanije _Erinnerung
duell spanischer grandenSkizzen zu Werken der französischen RomantikPeter der eherne Reiter ohne Peter ;o) 1829
Weiß eigentlich hierzulande jemand von den Gelegenheitspuschkinisten, dass der Meister auch ein ganz passabler Zeichner war? Mit Hang zum Karikaturisten. Seine Originalmanuskripte sind eine Augenweide, vollgekritzelt mit Porträts und angedeuteten Szenen aus dem Inhalt. Es gibt Titelblattentwürfe von ihm und sogar eine Art grafisches Tagebuch. Eine Unzahl von Abhandlungen und Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit diesen Zeichnungen und Illustrationen. 1977, noch zu Sowjetzeiten wurden sie unter der Regie von Andrei Khrzhanovsky zu einem poetischen Sojusmultfilm (einer Art bewegtem Comic) animiert – einem Kleinödchen, das sich als Dreiteiler auf Youtube findet. Auch für die Texte, Auszüge aus Puschkins Werken (allerdings auf Russisch), ließ man sich nicht lumpen und sie von keinen Geringeren als den russischen Kultmimen Smoktunowskij und Jurskij einsprechen.

Teile 1 und 3 – hier und hier.
Na , das wäre auch ein Geburtstagsgeschenk für ihn so recht nach seinem Sinne gewesen. Vor ein paar Tagen erst – am 6. Juni – ist er jugendliche 210 geworden, fast Anlass genug für ein kleines Puschkin-Jahr, oder?

Zum Schluss noch ein bissel Puschkin selber?
Na gut, dann die Lieblings-Russalka, die auch schon als Exotin in die Mermaid-Szene aufm Moby-Dick-Blog eingegangen ist und den Meister als Thema über Jahre beschäftigt hat. Und weil ihr es seid, sogar auf Deutsch:

[Außerdem kann der Wolf dann gleich mal den Link im Moby-Blog auswechseln, nachdem die Ganoven einfach die Site gekickt haben. 😉 ]

Die Russalka

Im Waldesgrund, am Seegestade,
Erflehte ein Anachoret
Für seine Sünden Gottes Gnade
In Arbeit, Fasten und Gebet.
Schon grub sich eine Grabesstätte
Der greise Mönch mit müder Hand,
Voll Sehnsucht, daß die Seele rette
Sich bald in Edens Friedensland.

Einst sprach vor der vermorschten Hütte
Der Mönch bei Sonnenniedergang
Zum Himmel seine fromme Bitte.
Stumm stand der Wald, der Nebel sank
Und wallte ob den düstern Wogen.
Nun strahlte lichte Mondesglut
Von dem umwölkten Sternenbogen,
Und silbern schauerte die Flut.

Da faßt ein unerklärlich Grausen
Des Mönches Brust, er atmet schwer …
Urplötzlich wogt der See im Brausen,
Und grabstill wieder wird’s ringsher.
Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten,
Weiß wie der Schnee auf Bergesgrat,
Entsteigt ein nacktes Weib den Fluten
Und setzt sich schweigend ans Gestad.

Sie strählt die thaubeperlten Locken
Und blickt ihn heimlich seltsam an.
Den Schlag des Herzens fühlt er stocken
Bei ihrer Reize Zauberbann.
Er sieht sie mit der Hand ihm winken;
Sie senkt das Haupt, harrt regungslos –
Und schimmernd, wie ein Stern im Sinken,
Verschwindet sie im Wellenschoß.

Die Nacht wich schlummerlos von hinnen,
Gebetlos strich der Tag vorbei –
Vor des verstörten Greises Sinnen
Stand traumhaft schön die Wasserfei.
Und wieder ruht der Wald im Dunkel,
Und wieder aus dem Flutenreich
Taucht in des Mondenlichts Gefunkel
Die Maid berauschend schön und bleich.

Sie nickt ihm zu, sie lacht so helle,
Sie schickt ihm Küsse, lockt und minnt,
Sie spritzt nach ihm die Silberwelle,
Sie schmollt und weint, ein loses Kind,
Sie seufzt und blickt zum Sternenbogen,
Sie flüstert: „Mönch, zu mir, zu mir!“
Und jach verschlingen sie die Wogen
Und Schweigen herrscht im Waldrevier.

Am dritten Tag saß liebentglommen
Der Eremit am öden Strand
Und harrt auf der Russalka Kommen;
In Dunkel hüllte sich das Land …
Und als der Sonne Purpurgluten
Die Nacht verscheucht, da ward die Schar
Der Fischerkinder in den Fluten
Nur einen greisen Bart gewahr …
(Übersetzung: Friedrich Fiedler 1895)

Ha, noch ein Grund für die Slawenmermaid: für eher visuelle Typen das Ganze nochmal als schhnuckeliger, so recht und echt russischer Animationsfilm, der zwar nicht lautlos, doch fast vollends ohne Sprache auskommt. Weil ihr es seid! –
Сегодня день мультфильмов. 😉

Bilder: „Initiale“: Puschkin: Selbstporträt. Gemeinfrei. Duell – Szene aus dem Film: Puschkin – das letzte Duell. Russland 2006. Via. Puschkin-Zeichnungen – verschiedene, gemeinfrei. (Nach den Quellen könnt ihr mich fragen, wenn ihr wollt, die Verlinkerei war mir zu aufwändig. 😉 )

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