Wer ist der Kerl mit dem Hut?

Dezember 23, 2008 um 12:58 pm | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, DieStadtreporterin, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 1 Kommentar
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Begegnung mit einem Berliner Original

„Es lebt aber, wie ich an allem merke,
dort ein so verwegner Menschenschlag beisammen,
daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht,
sondern daß man Haare auf den Zähnen haben
und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“
Johann Wolfgang von Goethe: In einen Brief an Eckermann, 4. Dezember 1823.

Berliner DroschkeBei einem meiner wöchentlichen Stop-and-Go-Kämpfe auf vier Rädern durch die Potsdamer ist sie mir zum ersten Mal aufgefallen, diese seltsame Skulptur auf dem Mittelstreifen, schräg gegenüber der Staatsbibliothek. Ein Kerl mit Vollbart, Zylinder und Radmantel, ohne Beine, die in dem grob behauenen Findling unter ihm zu stecken scheinen, auf dem er Tag für Tag hockt und gelassen auf die Neue Nationalgalerie blickt, während der Berliner Großstadtverkehr links und rechts an ihm vorbeirauscht.

Der berühmteste Droschkenkutscher BerlinsWer ist dieser Typ mit dem Hut und dem Droschkenkutscher-Outfit der Goldenen Zwanziger, hab ich mich gefragt. Und weil einfach dort anhalten und nachschauen mitten in der Rush Hour wohl sämtliche Benzindroschken-Kutscher gegen mich aufgebracht hätte, blieb nur die Alternative, der Bildungslücke nach bester Bloggermanier hinterherzugooglen:

Gustav Hartmann heißt der betagte Knabe. Und er war Droschkenkutscher, hingegen alles andere als gelassen. Zwar geborener Magdeburger, doch ein echtes Berliner Original, dem Volksmund und mir entweder gar nicht oder längst als der Eiserne Gustav bekannt. Was er neben dem – 1938 erstmals bei Rowohlt erschienenen – gleichnamigen Buch von Hans Fallada und der danach ins Bild gesetzten 50er-Jahre-Filmkomödie von Georg Hurdalek mit Heinz Rühmann in der einschlägigen Hauptrolle vor allem einer spektakulären Selbstinszenierung und Protestaktion verdankt.

Der echte Eiserne Gustav, Fuhrunternehmer und Pferdetaxenbesitzer, musste Ende der zwanziger Jahre erleben, wie die sich unaufhaltsam ausbreitenden Bezinkutschen sein Gewerbe bedrohten und die motorisierten Taxifahrer ihm die Kundschaft streitig machten. Mit Herz und Energie und seinem (Wahl)Berliner ‚eisernen‘ Dickschädel beschloss er also als rüstiger Endsechziger vor achtzig Jahren, nicht sang- und klanglos Pleite zu machen, sondern mit einem Spektakulum: einer Droschkenfahrt nach Paris in fünf Monaten mit ihm selber auf dem Kutschbock seines Einspänners und seinem Gaul Grasmus davor. Er befand sich mit dieser Idee in jenem Jahr 1928 der Rekordjagden in bester Gesellschaft mit Charles Lindbergh, dem Ozeanüberflieger, dem schnellsten Wüste-Gobi-Durchquerer Sven Hedin, dem einbeinigen Höchste-Gipfel-Erklimmer und wer weiß wem sonst noch.

gustav-mit-weib-und-gaulDem entsprechend wurde er nach über 2000 Kilometern bei seiner Ankunft in Paris – genau an seinem 69. Geburtstag – auch gefeiert. Und zwar nicht nur für diese Leistung von Mann und Pferd, sondern auch für seinen erhebenden Beitrag zur Völkerverständigung, die er in der Hauptstadt des feindlichen Frankreich als Friedensbote zelebrierte. Und er ließ es sich natürlich samt seinem Gaul nicht nehmen, die Tour gleich retour nach Berlin zu machen, und wurde auch zu Hause pompös empfangen.

Übrigens hieß besagter Klepper “Grasmus” eigentlich Erasmus, doch Gustav hatte das schnörkelige Sütterlin-E auf der Kaufurkunde irrtümlich für ein G gehalten. Somit trug der einmalige Vierbeiner einen einmaligen Namen, für den sein vorgesetzter und nicht auf den Kopf gefallener Zügelhalter eine von echtem Berliner Mutterwitz triefende Erklärung vorzubringen hatte: “Der heißt Grasmus, weil er aus Gras Mus macht!” Zu den durch Falladas Buch genährten Legenden gehört allerdings die Behauptung, dass er die motorisierten neuen ‚Droschken‘ in Bausch und Bogen verteufelte – schon vor seiner Paris-Tour war er selbst im Besitz eines Taxis.

Eiserner Gustav SkulpturNach seiner Rückkehr gründete Gustav Hartmann eine Stiftung für die Hinterbliebenen von Taxifahrern, die bei der Ausübung ihres Berufes ums Leben kamen.

Über sechs Jahrzehnte nach seinem Eingehen in den Droschken- und Taxikutscherhimmel musste sich sein Eisenschädel noch einmal bewähren. Seine nachgeborenen Berufsgenossen sponsorten ihm 2000 in dankbarer Erinnerung ein Denkmal, geschaffen von Gerhard Rommel. Doch seinen Standort mussten sie erkämpfen – denn nach kommunalpolitischer Lesart kamen die ursprünglich gewünschten Stellplätze (Wannsee, Tiergarten, am Brandenburger Tor, im Nikolaiviertel, Unter den Linden) nicht in Frage. Weil: die hatten alle schon ein Denkmal. 😉

Jetzt schaut er die Potsdamer Straße entlang und passt da ganz gut hin, wie ich finde: denn die hat sogar eine extra (Bus- und) Taxi-Spur.

Heut ist der siebzigste Todestag von Gustav Hartmann. Und die Berliner Taxifahrer ziehen, auch wenn sie keine Zylinder mehr tragen, immer noch ihren Hut vor dem Eisernen Gustav.

Bilder: Gustav Hartmann mit Frau und Gaul in Paris. Via mdr.de. Gustav-Hartmann-Denkmal: Wikimedia Commons. Rest – Creative commons Lizenz; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Trailer Der Eiserne Gustav – via youtube.

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Licht aus! – Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn

Mai 18, 2007 um 8:15 pm | Veröffentlicht in 2007, Alles platti, Berlin, DieStadtreporterin, Fest-Platte, Hexengeschichten, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, Uncategorized, Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare

oder: Eine ganz kleine Himmelfahrt-Nachlese am Brückentag

Vatertag ist ja nun vorbei und hat in meinem näheren sozialen Umfeld – soweit das schon zu übersehen ist – bis auf zugelaufene männliche Katzen keine größeren Schäden hinterlassen.

Vadders Himmel? - Aber siischer!Ich hab von vergangenen Brandenburg-Ausflügen an diesem feuchtfröhlichen Jubelfeste vor allem in Erinnerung, dass die arglose Kraftfahrerin von Bollerwagenfahrern mittels einem über die Landstraße gespannten Strick so dreieinhalbmal auf 500 Metern zum Mittrinken genötigt werden sollte. Die Pfötchen ums Lenkrad gekrallt konnte man sich letztlich mit einem Prosit und dem Argument retten, keine Hand frei zu haben. Hilfreich zum Abkürzen der Prozedur ist dabei in jedem Fall ein männlicher Beifahrer, der sich opfert – damit es nicht nach schnöder Verschmähung der Gastfreundschaft aussieht. Oder man verzichtet auf selbichte Ausflüge.

Nicht ganz perfekte Brückentage Die kann man ja dann am Brückentag nachholen, den wochendendnahe Feiertage einem freundlicherweise bescheren. Mein letzter – also der vorm 1. Mai – war allerdings etwas pannenumweht, mit kleinen Fehlern sozusagen. Ungefähr wie beim Herrn Flier’sweltler. Woher der sowas nur gewusst hat!?

Um genau zu sein, wir sprechen hier über zwei Pannen – eine der eigenen Dämlichkeit, die andere ‚höherer Gewalt‘ geschuldet. Ihre Gemeinsamkeit: 2x akuter Energiemangel. Der erste in meiner Autobatterie – weil der Hex‘ zwar ein Licht auf- aber nicht wieder ausging. Jaja, spart euch eure hämischen Spitzen – ein Anflug von Altersdemenz, ich weiß. 😉 Der andere ereilte nicht mich alleine, sondern gleich ein paar tausend Hellersdorfer Plattensiedler – aus dem Nichts und ohne Vorwarnung: ein Stromausfall über mehrere Stunden.

Ausgeknipst Da merkt man erstmal, wie hilflos man ohne und abhängig von den/m Saft aus der Steckdose ist. Nicht mal Kaffeekochen ist drin. Und man fühlt sich wie… wie in einem schwarzen Loch, ist abgeschnitten von der Welt: kein Radio, kein Fernsehen, kein PC, nix CD-Hören, nix Uhrzeit, ja sogar die Türklingel funktioniert nicht. Im ganzen Haus wird es geradezu gespenstisch still. Alle Netze auf einen Schlag zerrissen.

Halt, nicht ganz. Es klopft an der Tür und Frau P. von gegenüber fragt: „Ist bei Ihnen auch der Strom weg?“ Im Hausflur sammeln sich Grüppchen und erinnern sich auf einmal wieder an eine ungewohnte Art der Kommunikation. Von Balkon zu Balkon fliegen Flüche und Mutmaßungen über die Dauer der Stromlosigkeit. In nie gesehenen Wohnzimmern rückt man zusammen und versucht das Beste aus dem Ganzen zu machen, lernt endlich auch mal ein paar Neuzuzüge kennen. Geteiltes Leid ist doppelte Freud’… oder so.

Energie-NOTSTAND!!!Es ist wie in alten Zeiten: plötzlich merkt man wieder, dass man Nachbarn hat. Und es fühlt sich gar nicht mal so schlecht an. Was mich auf den Gedanken bringt, ob dieser Effekt nicht zu nutzen wäre – soziale Kontakte (respektive Beziehungen) aufzumöbeln, dem nachbarschaftlichen Nachwuchs beizubringen, im Fahrstuhl zu grüßen oder die Vattenfallschen Preiserhöhungen gelegentlich zu boykottieren. Die Einsparungen an der Abzocke kann man ja dann in ’ne spontane Grillparty investieren. Motto: Licht aus! Wir treffen uns bei Kerzenschein im Hof…

Yeah, es leben die Brückentage!

Reptilienalarm im Friedrichshain!

Februar 9, 2007 um 4:11 am | Veröffentlicht in Berlin, DieStadtreporterin, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Kultur | 3 Kommentare

strassenschilder-bersarinplatz-neg.jpgOder: Alles nur Gerüchte

Keiner hat was gemerkt, nicht mal die aufgeweckte Stadtreporterin. Dabei führt doch ihr üblicher Dienstweg alltäglich direktemang übern Bersarinplatz. Und dem Alles TarnungBerliner Wieder-Ehrenbürger, der bronzen und wachsam von der breiten Brust des anliegenden Amtsgebäudes blinzelt, ist auch nix Verdächtiges aufgefallen. Zu unser beider Entschuldigung sei angemerkt: alles war sehr gut getarnt – hinter stinknormalen Baugerüsten und Sicherungsnetzen nämlich. Da vermutet der arg- und ahnungslose Passant doch erstmal ’ne gängige Sanierung. Passiert immer und überall in Berlin. Nix Spannendes also.

Doch dann sind die Hüllen gefallen. Und… AAAAAH, sie sind unter uns! Na, eigentlich eher über uns –

DA!
Echsenalarm
und DA…
Wir sind überall…
und DA!!!
Echsen-Fensterln

Ausbruch aus dem Knast Terrarium? Feindliche Übernahme oder friedliche Zuwanderung? Die Experten von Zoo oder Tierpark anrufen? Die MIB ordern oder sich als zivilisierte und freundliche Aufnahmegesellschaft zeigen? Fragen über Fragen…

WERTE ANWOHNER!
HALTEN SIE BITTE DIE FENSTER EINSTWEILEN GESCHLOSSEN!

Wir haben uns vor Ort informiert und versucht, die Stimmung in der Bevölkerung einzufangen.

Die Lieblingsfarbe dieser so plötzlich aufgetauchten Migranten ist grün. Was einstweilen aber noch nichts über ihre politische Orientierung aussagt.

Mehr Autobahnen für Großechsen

Und es gibt deutliche Anzeichen einer zügig gelungenen Integration. Denn obwohl sie offenbar keine öffentlichen Straßen benutzen, halten sie sich augenscheinlich an die Regeln der STVO.
Bei Grün darfst du gehen

Der Aufschwung ist grün
Vereine schießen wie Pilze aus dem Boden. Und auch erste Firmengründungen sind bereits zu beobachten.

Aber was halten die Alteingesessenen von dem Ganzen? Eine Umfrage der Stadtreporterin unter den Laden- und Kneipenbesitzern, in Serviceeinrichtungen und bei der BVG ergab, dass kaum Berührungsängste, ja, sogar allerseits vorsichtiger Geschäftsoptimismus zu beobachten sind und die Auffassung vorherrscht, dass die neuen Bewohner eine echte Bereicherung des Kiezlebens darstellen.
Koryphäen unter sich
Umso mehr, als sie sich aktiv am gesellschaftlichen Leben beteiligen und als kompetente Gesprächspartner geschätzt sind. Sprachbarrieren spielen, wie es aussieht, kaum eine Rolle.

Auch die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Ureinwohnern und Zugewanderten entwickeln sich sehr hoffnungsvoll.
Zusammen in die Sauna
Man kommt sich näher, geht zusammen in die Sauna
oder bummeln
Shoppen gehn!
und lässt seine Kinder aufeinander los.
Multikulti

Wieder einmal konnten wir Behauptungen und Gerüchte über angeblich vorhandene Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Minderheiten als völlig haltlos am lebenden Beispiel widerlegen.

Liebe Anwohner! Sie können Ihre Fenster ruhig wieder aufmachen.

Anmerkung der Redaktion: Ähnlichkeiten mit toten oder lebenden Personen Wesen und realen Orten sind frei erfunden rein zufällig, sollen gelegentlich vorkommen und wären in diesem Falle nicht durchaus beabsichtigt und wünschenswert.

Die Stadtreporterin

Was ham die mir heut bloß wieder in den Kaffee….?

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