Bollmanns Himmelfahrt abwärts

Mai 12, 2013 um 3:22 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, BildungsLückenbauten, Lieder-Hexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 3 Kommentare
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Aus der Reihe: Gassenhauer und Folklore

Winde mit AusblickIch finds ja klasse und begrüße es immer wieder, dass christliche Feiertage wie der jüngstverflossene auch für Ungläubige wie mich freie Tage sind. So einer lässt sich, von religiöser Inhaltsschwangerschaft ebenso frei wie von quotengeregelten neuzeitlich umgewidmeten Vatertagsbesäufnissen, gut für längst mal wieder fälliges Relaxen und Rummurkeln verwenden.

So enthielt ich mich aus genannten Gründen jeglichen Predigens und Absingens von Chorälen, murkelte und reläxte einfach auf meinem sechs mal einsfuffzich großen Balkon in luftiger Hochhaushöhe vor mich hin, um dort – durchaus gottgefällig – der wildstrotzenden Natur zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen. Weswegen mir auch keinen Moment in den Sinn kam, den Nieselregen und das gelegentliche Gewittergrummeln unter Strafe von oben zu verbuchen. Dann eher schon die Stellvertretergesänge in Form von bierseligem Gejohle und Gegröl aus anderen Balkonwaben und dem Biergarten von der Eckkneipe im Wohnumfeld, unterstützt durch in Schlangenlinien nach Hause findende Radfahrer in verrutschter Kostümierung samt ihren realpoetisch gelallten Gassenhauern von „In Rixdorf is Musike“ bis „Fritze Bollmann wollte angeln“. Na, Mutti wird sich gefreut haben über den heimgekehrten Göttergatten.

Apropos „Fritze Bollmann“. Wenn wir mal die aktuelle Interpretation durch außer Kontrolle geratene Zungen und (v)ersoffene Kehlen vernachlässigen, haben wir mit dem ja ein leuchtendes Exempel berlin-brandeburgischer Folklore vor uns, dem wahrhaftigen Lebn entwachsen. Aber wem erzähl ich das, für den regionalen Mitleser trag ich damit wahrscheinlich nur alte Eulen nach Brandenburch, oder? Was soll’s, Eingeweihte können ja inzwischen Blumen pflanzen oder angeln gehn.
Fritze Bollmann

Er könnte unserm Kritzel-Vadder Zille Modell gesessen haben, der gute Fritze Bollmann. Das soziale Milljöh passt und der verewigte Habitus auch. Zudem gehört er zu den lebendigen Originalen, die sich würdig in die Reihe eines Eckensteher Nante, der Harfenjule und wie sie alle heißen einreihen. Korrekterweise muss allerdings angemerkt werden, dass der gelernte Frisör mit dem dereinst vollständigen und unverpreußelten bürgerlichen Namen Johann Friedrich Andreas Bollmann in der Gegend um Magdeburg am 5. Januar 1852 das Licht der Welt erblickt hat. Von wo er später in unsere Ecke migriert ist und nach einem handwerkelnden Intermezzo in der Preußenmetropole und Umgebung seinen Hauptwohnsitz in das an die 80 Kilometer entfernte Brandenburg verlegt hat, wo er eine kinderreiche Familie gründete und sein eigenes Barbiergeschäft aufmachte. Was aber die weitherzigen Berliner nicht davon abhielt, den Migranten ohne Federlesen zu vereinnahmen und in ihren Originale-Bestand und ihr mundartliches Liedgut zu integrieren.

Fritze Bollmann qu1Das Einseifen der Brandenburger verlief wohl nicht so einträglich wie gedacht (womöglich war neben dem Vollbart auch der Dreitagebart damals schon IN), was den Abstieg des durchaus fleißigen Handwerkers Fritze in Armut und Alkoholismus beförderte.
Sein Aufstieg zur Spottfigur wie zum kultigen Inhalt eines Gassenhauers der Straßenkinder hingegen geschah bollmannseitig überaus unfreiwillig. Die hatten den bisweilen besoffen durch die Altstadt torkelnden Barbier sowieso schon aufm Kieker. Und als er seiner Kundschaft unvorsichtigerweise von dem Missgeschick erzählte, wie er beim Angeln aus dem Kahn gefallen sei, dichteten die kessen Gören nicht faul das unvergängliche Spottliedchen auf ihn, gesungen nach der Melodie eines patriotisch-traurigen Soldatenepos (das heute keiner mehr kennt) und durch die ebenfalls tratschlustigen Eltern der sauberen Racker um etliche Strophen erweitert:

Zu Brandenburg uff’m Beetzsee,
Ja da liegt een Äppelkahn,
und darin sitzt Fritze Bollmann
mit seinem Angelkram.

Fritze Bollmann wollte angeln,
doch die Angel fiel ihm rin,
Fritze wollt se‘ wieder langen,
doch da fiel er selber rin.

Fritze Bollmann rief um Hilfe,
liebe Leute rettet mir,
denn ick bin ja Fritze Bollmann,
aus der Altstadt der Barbier.

Und die Angel ward jerettet,
Fritze Bollmann, der ersoff,
und seitdem jeht Fritze Bollmann
uff’n Beetzsee nich mehr ruff.

Fritze Bollmann kam in’n Himmel:
„Lieber Petrus laß mir durch,
denn ick bin ja Fritze Bollmann,
der Balbier aus Brandenburg.”

Und der Petrus ließ sich rühren
und der Petrus ließ ihn rin
hier jibts och wat zu balbieren,
Komm mal her, und seif mir in.”

Fritze Bollmann, der balbierte,
Petrus schrie: „Oh‘ Schreck und Graus,
tust mir schändlich massakrieren,
Det hält ja keen Deubel aus.”

„Uff‘ de jroße Himmelsleiter
kannste widder runter jehn,
kratze Du man unten weiter,
Ick laß mir’n Vollbart stehn.”

Fritze Bollmann war leider mit wenig Humor gesegnet und nicht so der geborene Spaßvogel, denn statt den Gören seine dereinstige Unsterblichkeit zu danken, verfolgte er die Sänger in Rage auf der Straße und bespritzte sie mit Rasierschaum. Ein armes Mensch und vielleicht einer der ersten bekannt gewordenen Fälle von Mobbing, wenn mans von seiner Seite sieht. Gestorben ist er übrigens nicht durch Ertrinken, sondern verarmt in einem Brandenburger Spital. Am 7. Mai, also vor ein paar Tagen – und einhundertzölf Jahren.

Ehrungen und Volksfest-Popularität folgten später, als er selber schon nichts mehr davon hatte. In Anbetracht seines zwar ungewollten, doch bemerkenswerten Beitrags zum preußischen Folkloregut benannte man Straßen, Anglervereine und Fußball-Fanclubs nach ihm. In Brandenburg tröpfelt seit 1924 der Angler-Brunnen vor sich hin, den der Volksmund umgehend und kategorisch in Fritze-Bollmann-Brunnen umbenannte. Eine Gemeinde am Beetzsee beherbergt gar einen Ortsteil Bollmannsruh mit einer – ein Schelm, wer Böses dabei denkt – Kinder-und-Jugend-Bildungsstätte. Er taucht in Liederbüchern auf. Gar nicht zu schweigen von mehr oder weniger künstlerisch freier Verbücherung und Verfilmung seines tragikomischen Schicksals.

Bollmannbrunnen

Wem jetzt vielleicht aufgefallen ist, dass der Fritze vor allem in Volkes Seele wohnt, der liegt offenbar gar nicht so falsch. Ein Teil dieser Seele, helle Brandenburgerin namens Siggi, goss ihre Entdeckung des von Stadtväterseite ziemlich vernachlässigten schlichten Grabes des Barbiers in neue Verse zum Fritze-Bollmann-Lied:

Fritze Bollmann ward bejraben
in der Altstadt, ordentlich.
Leider pflejt den armen Knaben
Stadt- und Landgemeinde nich.

Auf dem Brunnen, in der Mitte,
döst er traurich vor sich hin:
„Bisschen harken, na ick bitte,
is im Stadtpott nich meehr drin!“

Aber nu is er zufrieden,
denn sein Eckchen is jeflecht.
Jrün und Blumen, janz solide,
hat ‚Privat‘ dort hinjelecht.
[1]

Für musikalische Nicht-Insider sei aber nun endlich nochmal det Janze mit Ton und in Farbe zu Jehör gebracht, hier in der berühmt gewordenen Fassung von Claire Waldoff, die sich um Kultmusike mit Berliner Schnauze verdient gemacht hat:

In modernerer Stimmungs-Schunkelei vom durch Reibeisenstimme und schwarzen Humor, durch „Oh, Susi (der zensierte Song)“, „Ich trink auf dein Wohl, Marie“ und „Hier kommt Kurt“ allbekannten Frank Zander klänge es dann so:

Der darf das, der Zander. Denn er kann nicht nur auf einen Urgroßvater verweisen, der mit Vadder Zille noch höchstpersönlich befreundet war, woher an den Urenkel ein paar Zillesche Originalzeichnungen vererbt sind. Der hat als Ur-Berliner auch das passende Organ mit dem richtigen Dialekt. Und Diskriminierung sozial schwacher Fritze Bollmanns ist ihm auch nicht zu unterstellen – kümmert er sich doch seit mittlerweile fast zwanzig Jahren, wenn nicht schon länger, um Berliner Obdachlose und Hartz IV-Empfänger, nicht nur mit dem fetten Gänsebraten, der den Betroffenen alljährlich zu Weihnachten durch Stars und Sternchen der Unterhaltungsszene persönlich kredenzt wird. Dafür darf sich einer schon gerne mal Berliner des Jahres nennen lassen.

So Leute, und nu raus zu Mutter Natur. Regenhütchen nicht vergessen – es braut sich was zusammen. Habt einen schönen Restsonntag, fallt nicht in den See und – singt mal wieder. (Pssst… es geht sogar ohne Alllohol. 😉 )

Bilder: Natur aufm Balkon: selbereigene. „Fritze Bollmann“ in Wort und Bild + das traurige Brunnenmännecken – via. Fritze-Bollmann-Brunnen: weiß ich nicht mehr; Urheber bei Bedarf bitte melden.
Videos: Gesänge von Claire Waldoff und Frank Zander – via youtube.
Text [1]: Siggi -Sigrid Selbig via.

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Noch nix mit Barfußgehn. Frühfrühling zwischen draußen und drinnen und ein Spaziergang weit vor Ostern

März 31, 2011 um 11:57 pm | Veröffentlicht in Berlin, Bilderhexe, Drumherum und anderswo, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spielwiese, Uncategorized, Wetter-Hexe | 1 Kommentar
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Schon wieder so ein Spiel mit Bilderauftrag vom Käpt’n. Die nehmen ja langsam überhand. 😉 Aber woll’ma ma nicht so sein, wa? – wie der Berliner sacht. Und erst recht keen Spielverderber.
Zumal nun endlich Lenzens blaues Band wieder flattert durch die Lüfte, erste Sommersprossen auf blassen Nasen und die Sonnenhungrigen allerorten aus dem Boden sprießen. Die Stiefmütterchen auf den Rabatten hingegen nicht – die wurden dort gnadenlos von Stadtbegrünerhand ausgesetzt.

Allerdings ist es mit dem Frühlingswetter so eine Sache, das muss er noch ein bissel üben, der Frühling. Wo er, übern Daumen gepeilt, beinah ein Jahr keine Gelegenheit mehr zum lauen Lüfteln hatte. Denn wer, bittschön, hockt sich bei Temperaturen knapp über Null entspannt auf ’ne Parkbank, frag ich euch.

Na gut, ein paar gab es schon, die mir auf meinem ersten doch recht eiligen Spaziergang zum dienstlich indizierten Außentermin über den Weg ruhten. Die hier, vielleicht TU-Studentin von gleich nebenan, hatte sich still auf die Mittelinsel vom Ernst-Reuter-Platz geschlichen und dafür schön warm angezogen. Und wie man sieht, ist sie nicht alleine auf die Idee gekommen. (Nicht im Bild: der Papierkorbdurchwühler zehn Schritte weiter.)

Noch ein ganz mutiger Mit(tags)ruhender: vor dem Café ohne Namen am U-Bahn-Ausgang Bismarckstraße. Nennen wir ihn Robert, der auf einen Cappuccino und ein Viertelstündchen der Hektik in seiner Werbeagentur entkommen ist. Denn nie, niemals hätte ich gewagt, ihn aus seiner Lektüre zu reißen, um nach seinem richtigen Namen und Erwerb zu fragen. An den Namen des Cafés erinnere ich mich, ehrlich gesagt, einfach nicht. Was es schon wegen der netten Bedienug überhaupt nicht verdient hat. Für Insider unter den Lesern: es ist das winzige Eckstübchen mit den verstreuten Ledersitzklopsen. Hinter dessen Glaswand die zwei Mademoisellen auf dem nächsten Bild verschwommen und verwackelt ruhen.

Beim nächsten Bildertrip bin ich dann ziemlich vom Dienstweg abgekommen – direktemang hinein ins Wochenende, einen Wetterwechsel und das Angrillen – irgendwo in Friedrichshain. Die Lüfte wurden linder, dafür aber ziemlich feucht.

Und da haben wir ihn wieder, unseren Bratwurstmann mit dem Schirm. Okay, es ist ein anderer. Der Schirm – und auch der Mann: Axel, der tapfere Grillwurstretter, von allen kleinen Mädchen bewundert. Die Party fand wegen des Dauerregens und passend zum Friedrichshain in einer überdachten Toreinfahrt statt. Es gab multikulti Geklampftes par excellence von J. Und regen Zulauf aus der Nachbarschaft, die immer gern ruht, szenegerecht chillt oder hüpft und sich niederlässt, wo man singt. Genau richtig war hier auch die hübsche Zuzan mit den Dreadlocks, und nein, das ist kein Joint; in der Kippe liegt die Ruhe. 😉

Die vorletzten Schnappschüsse sind von einer Indoor-Party, wegen der Nachtfröste. Die zwei sind Touris, kommen aus den Bergen und wollten mal ‚Berlin gucken‘. Ich hab ihnen versprochen, sie Kai und Lisa zu nennen. Denn Kai ist grad im Bewerbungsmodus, und man kann ja nie wissen, ob der Personalchef nicht mal schnell im Internet guhuugelt, wie versoffen oder verbohrt sein künftiger Mitarbeiter ist oder wie verspielt seine Perle. (Hmjoh… das T-Shirt kam beiläufig direkt aus dem mitgeführten Wanderrucksack auf den Mann, nachdem der Inhalt des vorletzten Glases – hier nicht im Bild – durchs Hemd geflossen war. Von außen.)


Der letzte Mitruhende, auch wieder etwas diffus geraten, ist eher ein Nebenprodukt und irgendwie aus Versehen ausm elften Stock passiert. Also nicht er selber, sondern das Abbild von ihm. Der sah aus, als hieße er Fred und hätte grad die Freundin beim versuchten Überraschungsbesuch im Plattenbau verpasst; ans Handy ging sie auch nicht. Folge 1, 2 und 3 aus der Reihe: Be an Unruh…ender.

Dies mein Beitrag zum Be-a-Mitruhender-Glücksspiel.

Aus tiefster Barfußmädchenseele im leider noch festbeschuhten Frühfrühling hier.
(Und Herrgottnochmal, die ist immer viel zu weit für _nur_ein_Bild. Und lässt sich einfach nicht in ein Regel(schuh)werk zwängen.)
Hab ich jetzt verloren? 😉

Bilder: Selberknipsing und: Klick macht groß.
Video: Reinhard Mey. Frühlingslied. Vom Album: Hergestellt in Berlin (1985). Via youtube und gebjgbtl571b.

Buried alive in the Blues

Oktober 17, 2010 um 5:26 am | Veröffentlicht in Drumherum und anderswo, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Sound des Monats, Träller-Hexe | 8 Kommentare
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“Janis starb an einer Überdosis Janis.”
(Eric Burdon v. “The Animals” über den Tod von Janis Joplin)

JanisSeit dieser Tage nun schon wieder vierzig Jahren lernen wir, was aus einsamen Mädchen nach ausgiebiger Lektüre des Time Magazine werden kann. Vorausgesetzt, sie haben hemmungslosen Bluesrock in der Kehle, Dynamit im Herzen, und eine wilde Sehnsucht im Bauch.

Mit Siebzehn lief sie von zu Hause fort. Mit Achtzehn sang sie in verrauchten Folk-Kneipen und tingelte durch Los Angeles. Mit Neunzehn kellnerte sie durch Louisiana. Als sie Dreiundzwanzig war, wurde sie als Frontlady von Big Brother And The Holding Company in San Francisco eingekauft. Ein Jahr darauf war sie berühmt.

Cry Baby

Zwei Alben später pilgerte sie nach Nepal, wie es sich für ein Hippie-Mädchen gehörte. Und wovon sie der Welt sang „… Honey, the road’ll even end in Kathmandu.“ Natürlich mischte und kiffte sie in Woodstock mit – wohin ein Hippie-Mädchen gehörte. Wenn auch ausgerechnet dort mit mäßigem Auftritt.

Sich anpassen und Kompromisse machen war niemals ihr Ding. Das Mikro in der einen, die Southern Comfort-Flasche oft genug in der anderen Hand, pöbelte und fluchte, sang, schrie und flüsterte sie sich mit der Naturgewalt ihrer Stimme und ihres Temperaments über die Bühnen. Das Publikum jubelte und kreischte und lag ihr zu Füßen und sah nicht die Zerrissenheit der Seele dahinter. Nicht die Einsamkeit, aus der sie in die Freiheit ausgebrochen war. Und die sie trotz allem immer wieder einholte. Wirklich nicht? – Schließlich war aus all dem ihre Musik. Und ihre Zeit.

Sie ließ auf das anonyme Grab ihres heiß verehrten Idols und Vorbilds Bessie Smith einen Grabstein setzen, kurz bevor sie selber einen brauchte. Bevor sie 15 Monate nach Brian Jones, nur ein paar Tage nach Jimmy Hendrix und nicht mal ein Jahr vor Jim Morrison so prominentes wie honores Mitglied im Forever 27 Club wurde.

Die Vokalspur von “Buried Alive In The Blues” auf dem Album Pearl ist leer. —Sie warteten im Studio auf sie an diesem Oktobertag 1970. Doch sie kam nicht. Fand nicht mehr heim von der Suche nach Freiheit in einem bunten Traum aus Heroin und psychedelischen Farben wie die ihres Cabrios – nie mehr.

Live fast, love hard, die young – Janis tat es. Als hätte s i e den Spruch erfunden, um ihn wörtlich zu nehmen. Mit dem Traum, in dem sie verloren ging, versank eine Ära, deren Idol sie wurde.

Seit 1995 lassen sie sie in der Rock and Roll Hall of Fame wohnen. Doch in Wirklichkeit brandet sie jeden Tag mit den Wellen an die Küsten des Pazifik, in den ihre Asche gestreut wurde. Wie ihre Stimme und ihre Songs nicht aufhören, in unsereins hereinzubranden.

Na, kleines Konzert gefällig? 🙂

Und als Bonustrack noch einer von meinen liebsten, der Me and Bobby McGee (sogar vom alten Countrydrescher Kristofferson eigenhändig geschnitzt), youtüblicherseits leider wiedermal vermieden. Als ob das noch irgendwen wunderte.

Bilder: Janis Joplin 1 + 4: Via Last.fm. Janis Joplin 2: Via dimas-cobain auf photobucket. Janis Joplin 3: Jim Marshall, 1968. Via morrisonhotelgallery.com.
Videos: von RFalangi, Sincro, korkhammaregon und reggaegirl1982 auf youtube. CC-Lizenz.

Streberlied

Juli 14, 2010 um 4:43 am | Veröffentlicht in Bloghexe, BlogMist, Filosofaseln, Hexenblabla, Hexenlieder, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Spielwiese | 3 Kommentare
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Ein Beitrag zum Programm Strebenslanges Lernen
oder: Wir dichten das Sommerloch


Wasserspielas tut die Hex‘, wenn der Tag kurz ist und die Stunden knapp? Na was schon – spielen! Spielen und dichten. Okay, okay… mehr so reimen.

Drauf kommen tut man auf sowas nicht mal von selber. Die schnuckeligsten Anlässe zum gepflegten Zeitverschwenden (mitsamt der unausgesprochenen Frage: Wie verschwendet man etwas, das man gar nicht hat?) erfindet ja immer der Wolf in seinen motivierenden Preisausschreiben aufm Nachbarblog, der wo Hexens Wa(h)lheimat ist, wie mittlerweile bekannt. Teilnahme Herzenssache.

Das verflossene und unlängst ausgerufen gewesene forderte Einsatz (oder einen Satz? oder einen halben?) zur Vervollständigung des angesägten Spruchs „Es strebt der Mensch ein Leben lang….“

Phhh… ich und _ein_Satz?! Mich stoppt ja nich mal der Dreisatz in meiner ureignen angeborenen Zwölfodernochmehrtonigkeit. Schon gleich gar nicht, wenn die Mußeminuteln wiedermal nicht reichen, sich mit Würze in Kürze zu fassen (was schon Meister Goethe wusste, als er noch nicht mal Geheimrat war. 😉 ) So sprudelte und murmelte denn aus der ollen Streberhexe die uferlose

(Un)Ode an das ewige Streben… und so

Es strebt der Mensch ein Leben lang
im Tun und auch im Meiden
nach Hab und Gut, Wein, Weib, Gesang,
nach Freuden – oder Leiden,

nach Sinn und Unsinn, Lohn und Brot,
nach Gipfelsturm, nach Ruhe.
Und kriegt er keine Flügel nicht,
will er bequeme Schuhe.

Der strebt nach Macht, nach Volk und Raum,
will siegen oder erben,
der nach Willkomm, nach Abschied kaum –
drin haust ein kleines Sterben -,

strebt auf, strebt ab, nach Höh’rem gar,
verbissen und versponnen,
und sieht sich oft doch wieder da,
wo alles hat begonnen,

strebt von der Wiege bis zum Tod –
geklagt sei’s und gepfiffen -,
in seinem Lebenssegelboot
die Klippen zu umschiffen,

auf die es ihn tagein, tagaus Barfuß nach Strandgut
in Sturm und auch bei Flaute,
bei Wellengang und stiller See
hintrieb: wo Finstres graute,

wo Morgenrot ihn mal ergriff,
als neue Ufer harrten;
wo ’s Steuer brach, das ganze Schiff,
als ihn Sirenen narrten

vielleicht auch der Klabautermann –
mit Sang und mit Verlocken,
mal kam er, mal kam er nicht an,
tat Lieb‘ und Seel‘ verzocken.

Sieht Inseln blühen oder Wahn,
weiß nie, was kommt am Ende,
er strebt und rackert, dass sein Kahn
auch mal ’nen Hafen fände.

Der hier will alles, der da grient,
nimmt’s leicht, was kommt, mit Spaß.
Kriegt einer je, was er verdient? –
Der sag‘: wie geht denn das?

Der alte Mann am Fische zieht
im Meer, das ihm verwandt.
Der Dichter träumt, dass einst ein Lied
man singt – von seiner Hand.

Ich streb und taste mit dem Zeh,
dem großen und dem kleinen,
dass ich nicht fall und aufrecht geh
auf Wiesen, Strand und Steinen,

aus Strandgut Hühnergötter klaub
oder ’nen Engel fänge…
was Glück bringt, wenn ich nur dran glaub-
in angemessner Menge.

Es irrt der Mensch, solang er strebt
und andersrum stimmts auch,
wer ohne Fehl‘ ist, werf‘ den Stein –
die Sehnsucht wohnt im Bauch.

Du liebst, strebst, träumst, traumtanzt – und fällst.
Ja mei, auch das kommt vor.
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
der ist ein armer Tor.

So gehts uns allen, gell, mein Freund?
Da hilft auch kein Gezeter.
Der Trick ist: wieder aufzustehn –
lang hinschla’n, das kann jeder.

Was sind wir doch ein seltsam Tier,
das großtut: “Streber samma!” –
Zuviel gestrebt, das wissen wir,
bringt Stress und Katzenjammer.

Mensch, alter Streber, halt mal ein!
Was musst du stets durchs Leben rasen?
Soo schlimm kann es doch wohl nicht sein:
sich einfach auch mal treiben lassen…
die Beine baumeln… Wolken zählen…
die Sommersprossen auf der Nasen…
die Lieblingshandynummer wählen…
auf der Mundharmonika blasen,
zu zweit allein das Eine tun, Zurück ans Ruder!
in Platten stöbern oder Truhn,
zu Haus in sich sein dann und wann,
bevor der Tanz hebt wieder an.

Es strebt der Mensch sein Leben lang,
ob er gesund ist oder krank.
So soll’s wohl sein. Die Zeit verrinnt,
drum, Steuermann: bleib hart am Wind!
Zurück ans Ruder in dein Boot –
weil wenn du aufhörst, bist du tot.

Ha, gewonnen hab ich trotzdem was, was richtig Großes: Glockensang und Lautenklang. Der Sound wird niemals alt und trägt in seiner ganzen Melancholei durch einen Sommer samt – und sonders – dessen langen lauen Nächten. Und noch viel weiter.
Danke Wolf. Ein ganz großes.

Ach ja, hier noch der Soundtrack für heute: mit den Katzenjammerinnen wider jeglichen solchen:


If we live through this night and we’d still be allright, sehn wir uns demnächst. Wieder hier… oder in einer Bar in Amsterdam. 😉

Bilder: Strebermädchen – via Lemmy the Mod, Bootmädchen – via Inmyfathersshadow, The man the sea saw – via Themantheseasaw.
Video: Katzenjammer. A Bar in Amsterdam. The official music video – via youtube.

“Manche leute werden auf flußpferden geboren…”

Dezember 6, 2009 um 10:31 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Hexenritte, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Spinnweben | Hinterlasse einen Kommentar
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Er selbst hingegen kam
“auf einem baum (oder in einem baum) der gemarkung Kürthal nahe
dem weiler St. Achatz am Walde zur welt…[…] Ich bin das kind aus
der verbindung einer wildente und eines kuckucks und verbrachte
meine jugend in den dichten laubwildnissen der buche und der linde;
meine eigentliche menschwerdung vollzog sich erst später nach den
ersten kinobesuchen, nachdem ich mich ziel- und absichtslos fliegend
in eines der lichtspieltheater der hauptstadt verirrt hatte….
Ich […] preßte mir eine eigene schrift aus den büschen und bäumen
meiner schillernden umgebung..” (1)

Später verwandelte er sich kraft Formeln und Sprüchen
“zuerst in einen gefleckten schwan, dann in einen schnellen luchs,
dann in eine seidene fledermaus, dann aber in eine mischung aus
wolf und baumwipfel, von dem aus ein sperber nach westen äugt,
und endlich wurde ich, und das nicht aus eigener kraft, ein herbstlich
geröteter farn auf einem bergrücken hinter dem untergang der sonne…” (2)

Artmann auf großem grünem wlusspwerd

Er inventarisierte sein Eigentum an bizarrer Menagerie:

“Mir gehören ein seewolf und ein albatros des falschen friedens und ein hai voller perlen…”(3)

Natürlich zeichnete er Act – den poetischen, in acht Punkten (und das war k e i n Malen nach Zahlen):

H. C. Artmann„1. Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift. 2. Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik. 3. Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit. 4. Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden. 5. Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut. 6. Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote. 7. Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel. 8. Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.” (4)

Sein Gefühlsorgan ent- und verschlüsselte er in neun Zeilen atemloser Poesie:

“mein herz ist das laechelnde kleid eines nie erratenen gedankens
mein herz ist die stumme frage eines bogens aus elfenbein
mein herz ist der frische schnee auf der spur junger voegel
mein herz ist die abendstille geste einer atmenden hand
mein herz liegt in glaenzend weissen kaestchen aus mosselin
mein herz trinkt leuchtend gelbes wasser von der smaragdschale
mein herz traegt einen seltsamen tierkreis aus zartestem gold
mein herz schlaegt froehlich im losen regnen der
mitterwintersterne” (5)

Und vor drei Tagen in einem Jahr soll es schon wieder zehn Winter her sein, dass solch ein Herz zu schlagen aufgehört hat – wer will so etwas glauben?
Ich bin ihm erst begegnet, als Einer mich an der Hand mitnahm zu ihm, dem H. C. Artmann; da war er schon aus dieser Welt. Und das mir von jener Hand des Einen ans eigene Herz gelegte zitronenfarbene Reclambändchen nimmt immer mehr ein freundliches Sonnengelb an, je länger es in meinem verrauchten Elfenbeintürmchen aus dem Bücherregal leuchtet – und je öfter ich darin lese oder auf einem großen grünen Walfisch nach den Sandwichinseln reite…

***

Und wer zum Nikolaustag und zweiten Advent heute was Anderes hier erwartet hat, der kriegt eben noch ein paar qualmende Socken. Nee, Quatsch, Berlin im Kerzenschein 😉 :

Gefunden auf dem Schnipselfriedhof, aber in Wirklichkeit vom Adventskalender23 in Gestalt emsig wichtelnder Youtübner.

Hübsch, oder?
Habt’s besinnlich, ihr Lieben –
und froehlich im losen regnen der mitterwintersterne.

Quellen der Artmann-Zitate:
(1) und (2): Curriculum Vitæ Meæ oder Wie das halt so gewesen ist. In: Grammatik der Rosen. 3 Bde. Salzburg/Wien: Residenz Verlga, 1979. (3): An ufern der inseln – Ebenda.
(4): Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes. In: The Best of H. C. Artmann. Frankfurt: Suhrkamp, 1970. (5): mein herz. In: h.c. artmann: achtundachtzig ausgewaehlte gedichte. salzburg. Wien. 1966.

Bildquellen: Artmann-Triptychon 1974: Wolfgang H. Wögerer, Wien, Austria. Via Wiki. Act: Artmann. Inselritt auf großem grünem Flusspferd: Collage, gebastelt per Klau bei Jean Effel: Seul maitre á bord…

Das Floyd in Pink Floyd

September 2, 2009 um 11:32 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fest-Platte, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 9 Kommentare
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…wäre heute 98 Jahre alt geworden.

Hinter dem ersten der zwei Vornamen, aus denen Syd Barrett dereinst den Namen seiner Band zusammenschraubte, verbirgt sich nämlich der Sänger und Klampfer Floyd Council. Er galt seit den späten 30er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Musikerkollegen als einer der exzellentesten Gitarristen des amerikanischen Ostküsten-Blues. [Das Pink in Pink Floyd gehört übrigens dem hier, Pink Anderson, im gleichen Job unterwegs, der sich auf den gepressten Scheiben mit der langen Rille meist in trauter Nähe zum Ersteren fand, obwohl die beiden sich wahrscheinlich nie begegnet sind.]

Dieser countryfarbene Blues-Stil, auch Piedmont Blues genannt, fällt durch eine besondere Fingertechnik auf der Gitarre auf, bei der eine mit dem Daumen gespielte Basslinie die auf den höheren Saiten gespielte Melodie unterstützt. Er wurde meist im Duo gespielt, oft begleitet von Klavier, Geige, Banjo oder Mundharmonika als zweites Instrument.

Floyd Council begann als Straßenmusikant in seiner Heimatstadt Chapel Hill, North Carolina, spielte für Freunde und in Country-Clubs. Und etwas über ihn zu finden ist gar nicht so leicht. Es gibt offenbar keine Platten nur mit seinen eigenen Songs. Nur ein Album, Carolina Blues (1994), enthält sechs von ihm aufgenommene Titel. Das mag daran liegen, dass er die meiste Zeit seiner musikalischen Karriere als Wasserträger und zweite Geige… äh, Gitarre zugebracht hat. Zum Beispiel im Schatten hinter dem Star des Piedmont Blues Blind Boy Fuller, der inzwischen in der Blues Hall of Fame wohnt. Sogar mit seinen genialen New Yorker Solotracks wurde er als „Blind Boy Fuller’s buddy“ promotet. Andere Aufnahmen erschienen unter den Namen „Dipper Boy Council“ und „The Devil’s Daddy-in-Law“. ...Blues in den FingerspitzenEr selbst bekannte sich in einem Interview 1969 zu 27 eigenen aufgenommenen Songs, darunter sieben in Fullers Dunstkreis.

Gestorben ist er mit 64 an einem Herzinfarkt und wurde hier bestattet. Sein Grab trägt keinen Namen.

Danken wir also Syd Barrett, der ihn unsterblich gemacht hat, mehr als er es sich vielleicht erträumte. Oder auch The Floyd Council – das ist ’ne ösische Coverband, die unter seinem Namen sogar ganz zurechnungsfähig durch die Lande pinkfloydtet, wie ich finde. (Auch wenn’s die richtigen Pink Floyds eben nur einmal gibt.)

Denn Floyd Councils Musik hat es nicht verdient, vergessen zu werden. Ich würd‘ heute gern mit ihm unter dem Vordach eines alten Country-Clubs irgendwo in North Carolina sitzen, den Straßenstaub auf der Zunge schmecken, den Mummys beim Hüftenwiegen und ihren Kindern beim Spielen zuschaun, seiner Stimme lauschen und die Augen kaum von diesen Fingern lassen, die seinen Blues über die Saiten zaubern…

Happy Birthday, Floyd.

Bilder: Oben: Blues Who’s Who, p. 133 photographer: Kip Lornell. Mitte: Bruce Bastin: Crying For The Carolinas, p. 21; photographer: Pete Lowry. Beide via wirz.de.
Videos: Via randomandrare and galaxyrock on youtube.

Pierrots, Pin-ups, Puzzleteile

März 22, 2009 um 10:10 pm | Veröffentlicht in Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Sexy Hexi | 5 Kommentare
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Heute ist mein Computer nach einem akuten Infarkt und etlichen Tagen aus dem Koma erwacht. Er lebt jetzt mit einem Spendernetzteil – wie’s mir grad vorkommt, etwas langsamer – und bittet, alle zwischenzeitlichen Verspätungen und Versäumnisse mit Nachsicht zu behandeln. So hätte nämlich in der verflossenen Woche neben und vor Sonstigem zwei Bildermenschen und Meistern ihrer Linie gedacht werden sollen…

aubreybeardsley-portrat-von-frederick-evans 1894buchstabeder erste war ein schmächtiges, schwindsüchtiges Kerlchen von Kindheit an. Mit einer ärztlicherseits prophezeiten Lebenserwartung, die ihn zunehmend in schöpferische Unrast trieb und ihn tatsächlich im Alter von nur 25 Jahren das Zeitliche segnen ließ – letzten Montag (16. März) vor 111 Jahren.

Zeichnerisches und karikaturistisches Talent hingegen besaß er für ein ganzes Künstlerseminar. Aubrey Beardsley, 1872 im britischen Brighton geboren, machte sich schon in der Grundschule bei seinen Lehrern mit Spottkritzeleien beliebt, deren Objekt vor allem sie selber waren. Seine recht frühe Erwerbslaufbahn begann dann zunächst weniger künstlerisch, als Schreiber in einem Londoner Architekturbüro und bei einer Versicherung. Was ihn ebenso wenig wie sein Siechtum davon abhielt, nebenher autodidaktische Studien der Literatur und Kunst zu betreiben. Ein Initiativbesuch des offenbar mit einer weit robusteren p s y c h i s c h e n Konstitution ausgestatteten Jünglings bei Sir Edward Burne-Jones, exponiertem Vertreter der Präraffaelitischen Bruderschaft, brachten ihm dessen Förderung und zum ersten Mal professionelle Kurse an der Westminster School of Art ein.

Ge(un)dankt hat er es den Brüdern, denen er anfangs durchaus in seiner Art zugehörte, dadurch, dass er mit seinem Genie den Präraffaelismus totzeichnete, wie es der Österreicher Franz Blei später in seinem Nachruf nannte. Er eilte von Stil zu Stil und stellte aus denen seine eigenen Mischungen her. Zeichnete immer unter dem Einfluss dessen, was er sich selbst gierig aneignete, sei es die Musik, die antike oder französische Literatur oder der japanische Holzschnitt. Und sich stets bewusst, dass ihm zum Weben an ehrwürdiger Berühmtheit keine Zeit blieb. Er wollte ‚in‘ sein, spektakulär, wollte schnellen Ruhm und Ruch. Und bekam beides.

Beardsley_MaloryDie Illustrationen zur prachtvollen 1894er Edition von Thomas Malorys „Le Morte d’Arthur“ waren 1892 die erste Auftragsarbeit eines Verlegers an den knapp Zwanzigjährigen. Für die zweite, die Bebilderung der “Salome” Oscar Wildes als englische Erstausgabe, engagierte ihn selbiger höchstpersönlich vom Fleck weg, nachdem er eine Zeichnung Beardsleys zum Salome-Motiv in einer Kunstzeitschrift gesehen hatte. Der Strich in manchen der Salome-Zeichnungen lässt mich manchmal an den moderner Modedesigner denken. Zwischen den beiden so eigenwilligen wie eigensinnigen Künstlern führten sie allerdings zu einem Zerwürfnis. Denn Wilde fand sie zu ‚japanisch‘. Woraufhin der gekränkte Beardsley, dem jeder Kritiker ein Feind war, ihn mehrfach bissig und höhnisch karikierte.salomes-tanz Wilde-_savoy

Bekannt sein sollten auch seine Zeichnungen zu den Short Stories von Edgar Allan Poe, wie alles andere lediglich ein Mosaiksteinchen unter mehr als 1000 Illustrationen, Karikaturen, Buchvignetten, Ex Libris, Titelseiten und Plakaten, die in nur sechs Jahren exzessiven Schöpfertums entstanden.

Ein weniger jugendfreies Feld seines Schaffens bestellte Beardsley als Mitherausgeber und Illustrator der Literaturzeitschrift “The Yellow Book”, deren Titel sich an das unsittliche Yellow Book aus dem Oscar-Wilde-Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” (1890) anlehnte, das in Wildes späterem Unzucht-Prozess (1895) ein Rolle spielte. Die erotischen, bisweilen nahezu pornografischen Inhalte seiner Zeichnungen im federführenden Journal des britischen Ästhetizismus bescherten ihm begeisterte Fans ebenso wie empörten, steinewerfenden Mob und zementierten seinen Ruch und Ruhm. Gleiches widerfuhr ihm mit dem als Konkurrent zum Yellow Book aufgestellten “Savoy”, das unter anderen seine als anstößig und skandalös empfundenen Illustrationen zu Aristophanes‘ “Lystistrata” veröffentlichte.

Bereits zu seinen Lebzeiten war Beardsley so bekannt, dass sein Stil mehrfach im “Punch”, der Urheimat des Cartoons, parodiert wurde. Die Rolle des Schriftstellers Audrey Beardsley, in der er der Nachwelt kaum mehr als eine unvollendete Erotiknovelle (“Under the Hill”) hinterließ, ist hingegen marginal.

In der Hoffnung auf ein mit Gott versöhntes Ableben konvertierte er 1897 zu den Katholiken und starb 1898 im südfranzösischen Schoß der Kirche.

Der andere der Zwei ist von überm Großen Teich. Und hätte letzten Sonntag einen halbrunden Geburtstag von stolzen 95 Lenzen feiern können, wäre er nicht bereits mit 66 verschieden. Was im Vergleich zum Ersteren immerhin etliche Jährchen mehr Schaffenszeit bedeutete. Und er und Beardsley haben womöglich mehr gemeinsam als der Schein trügt. Selbst wenn man nur die Erotik in der Darstellung hernnähme, mit der es beide so unverhohlen hatten, wenn auch jeder auf seine Art.
elvgrenhi-ho-silver-cowgirl1969_happy-jolly
Gil Elvgren, seines Zeichens Werbezeichner und Illustrator, ist einer der wohl berühmtesten Glamour- und Pin-up-Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer immer noch weltumspannenden Fangemeinde. Denn wer kennt sie nicht, die leichtgeschürzten sexy Elvgren-Girls, denen in seinen humorigen Motiven so oft ein kleines Ungeschick die Strumpfhalter oder andere Kleiderteile bis zum Hals lupft? Also ich kenne keinen, jedenfalls keinen der nicht wenigstens einen kennt, der die kennt…

Der richtige Strich...Der verhinderte Architekt (der feststellte, dass er lieber zeichnete als Großformatiges zu entwerfen) begann seine Karriere in den Dreißigern mit Zeichnungen für einen Modekatalog. Wurde später für gutes Geld von Brown and Bigelow, einem der in den 40er Jahren weltweit größten Kalenderherausgeber, engagiert, mit dem sein Name fortan fest verbunden war. In dieser Zeit lernte er auch Haddon Sundblom, den Schöpfer des Coca-Cola-Santa, kennen, der sein Freund und Mentor wurde. Elvgren bewunderte Sundblom und wurde neben der Tatsache, dass dieser ihm zu seinen Arbeiten für die berühmte Marke verhalf, in seiner Kunst nicht unerheblich von ihm beeinflusst.

Elvgrens Zeichnungen waren in der Werbe- und Zeitschriftenbranche, bei Unternehmen mit Rang und Namen, hochgefragt und hochbezahlt, sein Aufstieg steil und nicht aufzuhalten. Auf einer der zahllosen Elvgren-Seiten fand ich eine schlüssig einfache und augenzwinkernde Beschreibung für das gewünschte und praktizierte Pin-Up-Konzept:

elvgrenupsetting_upset_gestrandet1969_happyjollyHe felt the ideal pin-up was a fifteen-year-old face on a twenty-year-old body, so he combined the two. An Elvgren model was never portrayed as a femme fatale. She is, rather, the girl next door whose charms are revealed in that fleeting instant when she’s been caught unaware in what might be an embarrassing situation. Gusting winds and playful plants grab at her lovely, long legs. She is intruded upon as she takes a bath. Her skirts get caught in elevator doors, hung up on taps, and entangled with dog leashes. The elements conspire in divesting her of her clothing.

Und auch wenn das eine oder andere Detail im Wandel der Zeiten modifiziert wurde: das sind sie, die Elvgren-Girls, und so lieben sie Millionen – bis zum heutigen Tag.

*
**
***

Zeitverzögert aus o.g. Gründen auch der Epilog:

Da schrob ich so vor mich hin über Zwei, die ihr Handwerk und die Linie exzellent beherrschten. Und grübelte – ob ich nun mit gemeint war oder nicht – über eine beinahe artverwandte Spielaufgabe nach: ein Titelbild für Herman Melvilles “Mardi” zu schustern.

Ich sah vor oder in mir das Bild einer von der Mitte her ausfransenden Südseeidylle – rund wie die Welt und voller Buchten und Riffe wie die Menschen…

ertrinkende-augen1lianen-stchsah zwei Mandelaugen hinter
einem Vorhang aus Lianen,
ein Kanu am Strand.
Sah üppige Natur hinter
Kanu am Strandwasserschleiereinem Schleier aus Tropfen,
ein Segelschiff am Horizont.
Sah Wildheit und Stille,
Inseln und Meer.
paradiesvogel21segelschiff-stchFühlte Klarheit und Mysterium,
raue Kraft und
weiche Schönheit.
Hörte wispernde Poesie
Regenbogensudseeinseln-stchund knorrige Worte. —
Sah einen Regenbogen,
der alles umschloss
und wie alles zerfloss…

Ich sah lauter Puzzleteile zu einem Mosaik und beschloss, – wo wir grad beim Schustern waren – bei meinem Leisten zu bleiben und nichts draus zu zeichnen noch zu fügen. Die Gefahr des Hobbystümperns schien zu groß. Und solches hätte Mardi nicht verdient…

Das Sinnen und Spinnen im Nachtrab sei mir verziehen: gestern war schließlich Welttag der Poesie. 😉

kleines Schiff auf kleinem Meer

Bilder: Frederick Evans: Porträt Aubry Beardsley (1894) – via johncoulthart.com. Aubrey Beardsley, „How Sir Bedivere Cast the Sword Excalibur into the Water“. Illustration from: Sir Thomas Malory, Le Morte d’Arthur. 1894 – Wikipedia. A. Beardsley: The Stomach Dance. „Salomé“, Oscar Wilde 1907 ed. – via wormfood.com. Gil Elvgren: Pin-ups 1-3 via happyjolly.com. Blaues Boot – meins.
Video: Television Personalities: A Picture of Dorian Gray – via youtube.

…dann müssen wir sein, wie wir sind

Februar 8, 2009 um 10:47 pm | Veröffentlicht in 2009, Bücherhexe, Hexenseele, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 4 Kommentare
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Nachträglich zu einem Geburtstag

„Du bist in mir gewesen
still und die ganze Zeit.
Da hat dich nichts vermindert,
nichts hat mich so erinnert
wie deine Schweigsamkeit.“

(Heinz Kahlau. Nach einer Reise. Aus: Du. Aufbau. 1974)

portrat-aufbau-verlEr gehört zu den Poeten, die noch als richtige Arbeiter richtig mit den Händen zupacken (un)gelernt haben, saß auf dem Traktor, zog Kabelstrippen und stand an der Drechselbank. Er war Meisterschüler von Bertolt Brecht und hat das Flugbrett für Engel erfunden (pssst! – eines von denen benutze ich selber noch manchmal). Er hat mit seinen Stücken Kindertheater groß gemacht und als Mit-Drehbuchschreiber auch den Manfred Krug (da schau, noch ein Geburtstagskind!). Er hat Rock-Songtexte geschrieben und Schreiberpreise eingeheimst. Und schon vor dem Mauerfall ein Querholz geschnitzt. Er kann auch Märchen. Und Nachdichtungen, vom amerikanischen Arbeitersong bis zum französischen Chanson. Er trägt einen Namen, der nicht zum Ka(h)lauer taugt, auch wenn er so klingt. Einen, den im Osten dereinst jedes Kind kannte.

Heinz Kahlau.
Heute Inselbewohner, auf Usedom.
Schreibt immer noch.
Wird – immer noch – bei Aufbau herausgegeben.
Und hatte gerade Geburtstag den ich wieder mal verträumt hab, seinen achtundsiebzigsten.

Hinter GlasAm liebsten und schönsten ist seine Liebeslyrik – find ich. Und hüte seit Jahr und Tag ein heftig zerlesenes Bändchen solcher seiner Verse herznah in meinem Bücherregal – Du. Öhm… also letzeres ist der schlichte Titel besagten Büchleins. Schlicht und klar wie die Worte darin: von Herz und Schmerz, Vertrauen und Verletztsein, von Zärtlichkeit und Zerrissenheit, Atemlosigkeit und Alltag, Enttäuschung und Hoffen, von Kämpfen und Aufgeben, Wärme und Kälte, Freundsein und Feindsein – ach, wer kennt es nicht, das ganze Chaos und Himmelhochjauchzen-Zutodebetrübtsein, wenn Menschen einander nahe kommen. Geradeaus und ehrlich, zart und robust, ohne Schmalz und ohne Schwulst. Gedichte, die kein Leben retten, und doch manchmal – vielleicht – ein bisschen leben helfen.

Nun aber mal gut und genug des Überschwalls, sonst merkt am End noch alle Welt, wie sehr ich sie mag. 😉 Zu spät? Was soll’s. Lass‘ ich halt lieber einen andern über ihn zu Worte(n) kommen.

Jurek Becker (ja d e r Jurek Becker) hat in seinem DU-Nachwort auf drei kleinen Seiten und mit einem kleinen Lächeln hier und da ein paar kleine – wissenswert menschliche – Dinge über den Menschen und Dichter Heinz Kahlau geschrieben. Auch dies:

“Mancher Dichter übt während des Schreibens zu leben, vollzieht nach, Erfahrungen werden zu Handlung, zu Reisen, das Gedicht lässt sich häufig an irgendwie Erlebtem überprüfen, zumindest davon herleiten. Bei Kahlau der umgekehrte Eindruck. Mag sein, es handelt sich um ein geschickt angelegtes Täuschungsmanöver, aber der Verdacht will sich nicht beruhigen, dass er ungebührlich oft damit beschäftigt ist, Geschriebenes oder Entworfenes zu testen. Mit Fragen, seltener mit Antworten, mit Blicken. Als ob er dich ständig als Vehikel […] benutzt…”

Nun, der Leser ist nie Vehikel, glaub ich. Der macht sich sowieso seinen eigenen Reim auf alles, was er in sich herein lässt. Und Kahlaus Lyrik ist etwas zum In-sich-Hereinlassen – dagegen kannst du nicht an und wehrst dich nicht.

Na, dann darf jetzt auch mal der Meister selber:

...wie wir sind

Die Liebe (I)

Manchmal kommt es,
dass die Liebe uns einreden will,
wir könnten andere sein,
als wir sind.
Wir glauben es auch,
solange die Liebe noch lauter ist
als wir selber.
Wehe aber,
die Liebe muss Atem holen.
Dann hören wir wieder
auf uns,
dann können wir
nicht mehr sein, wie wir wollen,
dann müssen wir sein,
wie wir sind.

Hm, ich weiß nicht, ob Sonntagabendstimmung so gut ist für Wahrheiten, denen man in sich selten Worte gibt. Oder? Noch eins?

Verletzt

Verletzt

Die Wärme, die so dicht um meine Schultern lag,
hast du mit einer harten Geste weggezogen.
Jetzt ist mir kalt am heißen Sommertag.

Der allzu scheue Vogel Zärtlichkeit,
von deiner bösen Stimme ist er aufgeflogen
bis zu den Toten. Zittert dort und schreit.

Du hast ihn um sein schönstes Nest betrogen,
das es sich selten aus vier Händen baut.
Du warst zu schweigsam, und du warst zu laut.

Na gut, eins noch – auch, damit es ein bisschen sonnig endet:

Für dich schön

Alltägliche Lieder von der Liebe (II)

Ich muss jetzt nur noch rasch
hinunterlaufen,
muss Brot und Milch und ein paar Äpfel kaufen,
dann hab ich Zeit für dich.
Entschuldige,
es sieht hier schlampig aus,
doch ausgerechnet heute
kam ich sehr spät nach Haus.

Komm, setz dich doch –
versuch was fernzusehn.
Ich komme gleich,
du musst das schon verstehn,
ich komme gleich
und mach mich für dich schön.

Noch eins und noch eins und die ganzen andern stehn in dem Büchlein (und nicht nur in dem) – gibt’s bei amazonens, zu jämmerlichen Ramschpreisen wieder mal. Schade eigentlich. Und schad auch, dass so viele den Kahlau nicht mehr kennen…
Tsss… die Werbung, die ich hier fürn aufbau Verlag mache, kann gar keiner bezahlen. 😉

Ach ja, und irgendwer muss sich gelegentlich mal über den mickrigen und für meine Begriffe etwas tendenziösen Wiki-Eintrag zum Kahlau hermachen, das hätte der verdient. Oder soll ich das etwa a u c h noch selber…?

Es führt ein Weg nach...

Bilder: Heinz Kahlau. Porträt. Via hpd. Bilder 2-5 – via myflyaway. Regenweg: Alan Dickson.
Texte: Aus: Heinz Kahlau. Du. Aufbau Verlag 1974. (Private Verwendung nach Creative commons Lizenz.)

„…with a bullet in her back“

Februar 5, 2009 um 11:47 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Träller-Hexe | 4 Kommentare
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„Shed not for her the bitter tear
Nor give the heart to vain regret
Tis but the casket that lies here
The gem that filled it sparkles yet.“

[Epitaph auf dem Grabstein von Belle Starr,
geschrieben von ihrer Tochter Rosie Lee (‚Pearl‘)]

Manche Geschichten schreibt man nur für einen Satz.

Oder für einen Song. Für eine Melodie und die Stimme darin…

belle-starr-young-portratHeute vor 161 Jahren wurde Belle Starr geboren. Gestorben ist sie, die Bandit Queen des Wilden Westens, fast auf den Tag genau einundvierzig Jahre später, am 3. Februar 1889, mit zwei Ladungen Schrot von ihrem Pferd geschossen. Ihr Mörder wurde nie gefasst.

Ob es die Rebellion der Jugend gegen häusliches Spießertum, der falsche Umgang oder eine Verkettung der Umstände waren, die der Tochter aus etwas heruntergekommenem guten Hause eine Karriere als Räuberbraut bescherten – wer vermag das heute schon noch zu sagen? Die Chronologie ihres Lebens, vor allem die ihrer durchgängig kriminellen Liebhaber und Ehemänner, ist stellenweise ohnehin etwas widersprüchlich und mysteriös.

Verbürgt ist jedenfalls, dass sie in Carthage im Jasper County, Missouri, unter dem Namen Myra Maybelle Shirley als Kind eines Kneipjes und Hotelbesitzers das Licht der Welt erblickte, der nebenan auch noch einen Stall und eine Hufschmiede sein Eigen nannte. Was sie an Lebensnotwendigem für den Alten Westen nicht an der ansässigen Höhere-Töchter-Schule beigebogen bekam, das Reiten und Schießen nämlich, übernahm ihr großer Bruder John Allison, genannt Bud.

Bandit QueenDer an- und ausbrechende Bürgerkrieg sah die Familie auf seiten der Südstaatler, wo der umsichtige große Bruder als Mitglied einer Guerilla-Bande im hoffnugsvollen Alter von nur 22 Jahren als erster eines unnatürlichen Todes starb. Der Rest der Sippe wurde in den Kriegswirren nach Texas verschlagen und Farmbesitzer. Selbige Farm war auch der Ort, an dem das Schicksal seinen Lauf zu nehmen begann. Denn genau dort suchte der Bandit Jim Reed Unterschlupf, in den die achtzehnjährige Belle sich umgehend verknallte und der ihr erster Ehemann und Vater ihrer Tochter Rosie Lee werden sollte. Die sie selbst zärtlich Pearl nannte. Die ‚Perle‘ sollte späterhin Karriere als Prostituierte machen und, vom Namen ihrer Mutter zehrend, eine angesehene Bordellbesitzerin werden.

Derweilen zog sich Belles sauberer Gatte einen Indianerfreund an Land: Tom Starr, seines Zeichens Waffen- und Whiskey-Schmuggler, öh ja… und Wiederholungskiller. Es kam, wie’s kommen musste: der neue Kumpel eiferte diesem in allem nach, auch im Morden, bekam seinen eigenen Steckbrief und setzte sich samt Weib und Kind 1869 nach Kalifornien ab. Im Sammeln von einschlägigen Kumpanen und Dreck am Stecken war er groß, der Jimmy. So blieb es bei hastigen Umzügen. Einer seiner neuen Freunde wurde beiläufig „Cole“ Younger, dessen Tante die stolze Mutter der Dalton-Brüder war. Als sich zu den Freunden ihres Angetrauten auch noch eine FreundIN gesellte, zog Belle zu ihren Eltern zurück.

Belle & SamNach einem Postkutschenüberfall wurde auf Jimmy ein Kopfgeld ausgesetzt, woraufhin ihm ein guter Bekannter seinen wertvoll gewordenen Kopf wegpustete. Belle tröstete sich ein Weilchen mit einem aus der vielköpfigen Younger-Sippe und heiratete schließlich den Indianerfreund Sam Starr. Von nun an trug sie den Namen BELLE STARR, unter dem sie in die Geschichte des Wilden Westens einging. Allerdings sollte die neue Errungenschaft nicht ihr letzter Kerl und Ehemann bleiben, zumal er 1886 bei einem unentschieden ausgehenden Duell in einem Saloon das Zeitliche segnete. Wenigstens verdankte sie ihm noch ihren ersten Knastaufenthalt wegen Pferdediebstahls.

Nach wechselnden Liebschaften mit schweren Jungs gab es kurz nach Sams Tod nochmal ein indianisches Ehegesponst. Die Verbindung blieb in der Familie, denn das 26jährige Jüngelchen mit ebenfalls bereits beachtlicher krimineller Karriere, das bis zum unfreiwilligen Ableben der Vierzigjährigen mit ihr Tisch und Bett teilen durfte, war der Adoptivsohn ihres unlängst Verblichenen.

Belle Starr wurde nahe ihrer eigenen Behausung, dem Outlaw-Schlupfwinkel „Younger’s Bend“ in Oklahoma, in dem sie gar den berüchtigten Jesse James sieben Monate lang beherbergt hatte, begraben.

lucky-luke-belle-starrNicht erst seit heute macht man aus solchen Leben einen spannenden Western oder einen Lucky-Luke-Comic. Beides ist geschehen. Die Western-Schnipsel des 1941er Streifens von Irwing Cummings , sen., bevölkern youtube. Und die Originalnummer 64 (deutsch: 69) der Lucky Luke-Serie haben die Herren Morris und Fauche der Räuberbraut-Legende Belle Starr gewidmet.

Dazu passen tät‘ jetzt natürlich The Ballad of herself, getextet oder geträllert. Doch das Vorhaben war ein anderes. Eins, das bis auf den Namen „Jimmy“ nicht mal die Landschaft mit Belle Starrs Gefilden gemein hat. Dafür ist es ein wunderschönes und sehr eigenes Stückerl Musik. Und Video auch. „Moriarty“– eine Handvoll Prärie für mich. Seufzzz… Und für euch.

„Where the grass is green and the buffaloes roam…. “ – Enjoy!

Manche Geschichten schreibe ich nur für einen Satz. Oder einen Song… eine Melodie…

Bilder: Belle Starr. Porträt – via. Belle Starr hoch zu Ross – via. Belle & Sam – via. Lucky Luke. Belle Star – via amazon.
Song: Moriarty: Jimmy. Aus: Gee Whiz But This Is a Lonesome Town.. Via Dailymotion

My heart would feel to be a crime unless it trembled with the strings*

Januar 19, 2009 um 11:11 pm | Veröffentlicht in 2009, Bücherhexe, Fest-Platte, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 1 Kommentar
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Edgar Allan PoeIch feiere ihn ja schon seit einem Jahr, ach was sag ich, schon zwei Drittel meines Lebens lang. Seitdem ich in einer stillen Ecke mit einem schmalen Bändchen seiner Erzählungen auf den Knien der Welt um mich verloren ging, mir der Grusel ins Haar kroch und als Gänsehaut den Rücken abwärts fror…

Heute ist der 200. Geburtstag von Edgar Allan Poe.

Grund genug, ihn zu ehren – er ist einer von den ganz Großen.

Grund genug für den poesk geheimnisvollen Geburtstagsgast, der alljährlich an seinem Grab in Baltimore erscheinen soll, sich auf mehr Neugierige als im letzten Jahr einzustellen – und vielleicht eine volle Flasche mitzubringen.

Grund genug für ein bisschen PoePoesie, erst recht, wenn sie grad irgendwie zur akuten Stimmung passt.

A Dream Within a Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
barfusiges-rabenmadchenThus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

(1827. Mit deutscher Übersetzung: hier.)

————————-…
Grund genug auch für eine (von vielen) vertonte Fassung? Hmm… vielleicht damit es nicht gar so traurig endet? – und trotz oder wegen des schrägen ‚postsymbolistischen‘ Videos? Auch wenn das Stimmchen ein bissel dünn ist: Dem Nachwuchs eine Chance! Und womöglich lässt sich ja aus dem Sound was drehen…? – A Dream without a Dream… 😉

*Textzeile aus: E. A. Poe: Romance (1829).

Bilder: Edgar Allan Poe – via. Rabenmädchen – keine Ahnung; creative commons Lizenz (Urheber bei Bedarf bitte melden).
Video – via youtube.

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