Streberlied

Juli 14, 2010 um 4:43 am | Veröffentlicht in Bloghexe, BlogMist, Filosofaseln, Hexenblabla, Hexenlieder, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Spielwiese | 3 Kommentare
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Ein Beitrag zum Programm Strebenslanges Lernen
oder: Wir dichten das Sommerloch


Wasserspielas tut die Hex‘, wenn der Tag kurz ist und die Stunden knapp? Na was schon – spielen! Spielen und dichten. Okay, okay… mehr so reimen.

Drauf kommen tut man auf sowas nicht mal von selber. Die schnuckeligsten Anlässe zum gepflegten Zeitverschwenden (mitsamt der unausgesprochenen Frage: Wie verschwendet man etwas, das man gar nicht hat?) erfindet ja immer der Wolf in seinen motivierenden Preisausschreiben aufm Nachbarblog, der wo Hexens Wa(h)lheimat ist, wie mittlerweile bekannt. Teilnahme Herzenssache.

Das verflossene und unlängst ausgerufen gewesene forderte Einsatz (oder einen Satz? oder einen halben?) zur Vervollständigung des angesägten Spruchs „Es strebt der Mensch ein Leben lang….“

Phhh… ich und _ein_Satz?! Mich stoppt ja nich mal der Dreisatz in meiner ureignen angeborenen Zwölfodernochmehrtonigkeit. Schon gleich gar nicht, wenn die Mußeminuteln wiedermal nicht reichen, sich mit Würze in Kürze zu fassen (was schon Meister Goethe wusste, als er noch nicht mal Geheimrat war. 😉 ) So sprudelte und murmelte denn aus der ollen Streberhexe die uferlose

(Un)Ode an das ewige Streben… und so

Es strebt der Mensch ein Leben lang
im Tun und auch im Meiden
nach Hab und Gut, Wein, Weib, Gesang,
nach Freuden – oder Leiden,

nach Sinn und Unsinn, Lohn und Brot,
nach Gipfelsturm, nach Ruhe.
Und kriegt er keine Flügel nicht,
will er bequeme Schuhe.

Der strebt nach Macht, nach Volk und Raum,
will siegen oder erben,
der nach Willkomm, nach Abschied kaum –
drin haust ein kleines Sterben -,

strebt auf, strebt ab, nach Höh’rem gar,
verbissen und versponnen,
und sieht sich oft doch wieder da,
wo alles hat begonnen,

strebt von der Wiege bis zum Tod –
geklagt sei’s und gepfiffen -,
in seinem Lebenssegelboot
die Klippen zu umschiffen,

auf die es ihn tagein, tagaus Barfuß nach Strandgut
in Sturm und auch bei Flaute,
bei Wellengang und stiller See
hintrieb: wo Finstres graute,

wo Morgenrot ihn mal ergriff,
als neue Ufer harrten;
wo ’s Steuer brach, das ganze Schiff,
als ihn Sirenen narrten

vielleicht auch der Klabautermann –
mit Sang und mit Verlocken,
mal kam er, mal kam er nicht an,
tat Lieb‘ und Seel‘ verzocken.

Sieht Inseln blühen oder Wahn,
weiß nie, was kommt am Ende,
er strebt und rackert, dass sein Kahn
auch mal ’nen Hafen fände.

Der hier will alles, der da grient,
nimmt’s leicht, was kommt, mit Spaß.
Kriegt einer je, was er verdient? –
Der sag‘: wie geht denn das?

Der alte Mann am Fische zieht
im Meer, das ihm verwandt.
Der Dichter träumt, dass einst ein Lied
man singt – von seiner Hand.

Ich streb und taste mit dem Zeh,
dem großen und dem kleinen,
dass ich nicht fall und aufrecht geh
auf Wiesen, Strand und Steinen,

aus Strandgut Hühnergötter klaub
oder ’nen Engel fänge…
was Glück bringt, wenn ich nur dran glaub-
in angemessner Menge.

Es irrt der Mensch, solang er strebt
und andersrum stimmts auch,
wer ohne Fehl‘ ist, werf‘ den Stein –
die Sehnsucht wohnt im Bauch.

Du liebst, strebst, träumst, traumtanzt – und fällst.
Ja mei, auch das kommt vor.
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
der ist ein armer Tor.

So gehts uns allen, gell, mein Freund?
Da hilft auch kein Gezeter.
Der Trick ist: wieder aufzustehn –
lang hinschla’n, das kann jeder.

Was sind wir doch ein seltsam Tier,
das großtut: “Streber samma!” –
Zuviel gestrebt, das wissen wir,
bringt Stress und Katzenjammer.

Mensch, alter Streber, halt mal ein!
Was musst du stets durchs Leben rasen?
Soo schlimm kann es doch wohl nicht sein:
sich einfach auch mal treiben lassen…
die Beine baumeln… Wolken zählen…
die Sommersprossen auf der Nasen…
die Lieblingshandynummer wählen…
auf der Mundharmonika blasen,
zu zweit allein das Eine tun, Zurück ans Ruder!
in Platten stöbern oder Truhn,
zu Haus in sich sein dann und wann,
bevor der Tanz hebt wieder an.

Es strebt der Mensch sein Leben lang,
ob er gesund ist oder krank.
So soll’s wohl sein. Die Zeit verrinnt,
drum, Steuermann: bleib hart am Wind!
Zurück ans Ruder in dein Boot –
weil wenn du aufhörst, bist du tot.

Ha, gewonnen hab ich trotzdem was, was richtig Großes: Glockensang und Lautenklang. Der Sound wird niemals alt und trägt in seiner ganzen Melancholei durch einen Sommer samt – und sonders – dessen langen lauen Nächten. Und noch viel weiter.
Danke Wolf. Ein ganz großes.

Ach ja, hier noch der Soundtrack für heute: mit den Katzenjammerinnen wider jeglichen solchen:


If we live through this night and we’d still be allright, sehn wir uns demnächst. Wieder hier… oder in einer Bar in Amsterdam. 😉

Bilder: Strebermädchen – via Lemmy the Mod, Bootmädchen – via Inmyfathersshadow, The man the sea saw – via Themantheseasaw.
Video: Katzenjammer. A Bar in Amsterdam. The official music video – via youtube.

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42 oder: Überlebenstraining mit Handtüchern

Mai 25, 2010 um 11:24 pm | Veröffentlicht in Alles platti, BildungsLückenbauten, Filosofaseln, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare
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Ufff… geschafft.
Frisch gewaschen, frisch getrocknet und gefaltet wandert ein Stapel frischflauscheliger Handtücher auf die Ablage im Bad.

Seit der Osterbesuch aus der Schweiz sich aufgrund dramatisch lebensgefährlicher Umstände mit gerade doch noch gutem Ausgang für Mutter und Kind zu einer WG auf Zeit ausgewachsen hat, findet hier wieder große Wäsche statt. Denn in meinem mittlerweile effizient bestückten Haushalt hat sich durch die Langzeiteinquartierung unverhofft ein kleiner Engpass an trockenen Tüchern aufgetan. Und da eine asoziale um Bergvolkes Wohl besorgte Schweizer Versicherung offenbar der Meinung ist, dass ein zwölf Wochen zu früh geborener Säugling dieses frühgeburtliche Vorkommnis in der Berliner Charité statt in der Basler Heimatklinik aussitzen, respektive -liegen soll, bis er sich selber Zöpfe flechten, an Mamis Hand zum Bahnsteig hetzen und einen Platz im Mutter-Kind-Abteil für die knapp 1000 Kilometer einklagen kann, wird das wohl auch noch ein paar lange Tage so bleiben.

Doch we don’t panic und hoffen standhaft, dass der große Bruder des zarten Würmchens, der immerhin schon mannhafte 2 Lebensjahre auf dem Buckel hat, die Mama noch wiedererkennt. Wenn für die nach Aberwochen der Heimwärtstrip mit Brüderchens Schwesterchen durch eine gefühlte Galaxis in trockenen Tüchern ist…

Wie überlebenswichtig in dieser Situation und überhaupt ein solider Vorrat an solchen selben sein kann, weiß jedes Kind und jeder Anhalter seit und dank Douglas Adams:

“Ein Handtuch ist so ungefähr das Nützlichste, was der interstellare Anhalter besitzen kann. Einmal ist es von großem praktischem Wert – man kann sich zum Wärmen darin einwickeln, wenn man über die kalten Monde von Jaglan Beta hüpft; man kann an den leuchtenden Marmorsandstränden von Santraginus V darauf liegen, wenn man die berauschenden Dämpfe des Meeres einatmet; man kann unter den so rot glühenden Sternen in den Wüsten von Kakrafoon darunter schlafen; man kann es als Segel an einem Minifloß verwenden, wenn man den trägen, bedächtig strömenden Moth-Fluss hinuntersegelt, und nass ist es eine ausgezeichnete Nahkampfwaffe; man kann es sich vors Gesicht binden, um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen die Antwort(ein zum Verrücktwerden dämliches Vieh, es nimmt an, wenn du es nicht siehst, kann es dich auch nicht sehen – bescheuert wie eine Bürste, aber sehr, sehr gefräßig); bei Gefahr kann man sein Handtuch als Notsignal schwenken und sich natürlich damit abtrocknen, wenn es dann noch sauber genug ist.

Was jedoch noch wichtiger ist: ein Handtuch hat einen immensen psychologischen Wert. Wenn zum Beispiel ein Strag (Strag = Nicht-Anhalter) dahinter kommt, dass ein Anhalter sein Handtuch bei sich hat, wird er automatisch annehmen. er besäße auch Zahnbürste, Waschlappen, Seife, Keksdose, Trinkflasche, Kompass, Landkarte, Bindfadenrolle, Insektenspray, Regenausrüstung, Raumanzug usw, usw. Und der Strag wird dann dem Anhalter diese oder ein Dutzend andere Dinge bereitwilligst leihen, die der Anhalter zufällig gerade „verloren“ hat. Der Strag denkt natürlich, dass ein Mann, der kreuz und quer durch die Galaxis trampt, ein hartes Leben führt, in die dreckigsten Winkel kommt, gegen schreckliche Übermächte kämpft, sich schließlich an sein Ziel durchschlägt und trotzdem noch weiß, wo sein Handtuch ist, eben ein Mann sein muss, auf den man sich verlassen kann.”

D.A.: Per Anhalter durch die Galaxis

Deswegen und weil man dem Mann einfach ein – und bittschön, möglichst interaktives – Denkmal setzen m u s s t e, war heute Handtuchtag, TOWEL DAY. Wie jedes Jahr am 25. Mai seit 2001, dem Jahr, in dem er sich in die Galaxis davongemacht hat.

Wobei das Datum selbst sich weder um den ersten (11. März) noch den letzten Tag seines Lebens (11. Mai) schert und auch sonst nichts Explizites mit seiner Vita zu schaffen hat. Den Schöpfer absonderlicher Welten und sarkastischer Philosofaseleien des alltäglich Absurden tät’s freuen, glaub ich. Der Tag, an dem einer sein Überlebenshandtuch vergisst, ist schließlich am Ende immer der falsche und seine Antwort auf die lebendigen Fügungen des menschlichen Universums wäre wahrscheinlich: 42.

So kümmerte sich denn auch in deutschen Landen überaus passend unpassend kein Anhalter auch nur einen feuchten Kehricht um einen fünfundzwanzigsten Mai, als allhier das bislang größte frottierte Gedenken begangen wurde: am 9. Juni 2005. Da erflimmerte in Deutschlands Lichtspielhäusern DER Film nach dem posthumen galaktischen Tramper-Drehbuch vom Adams und Scharen von Cineasten strömten im Bademantel und mit ihrem Handtuch über der Schulter an die Kinokassen. Hat mir jedenfalls einer erzählt, der es mindestens von Hamburg wusste, weil er damals mittendrin statt nur dabei war. – Ich hab derweilen… sehr wahrscheinlich bestenfalls ein Papiertaschentuch benutzt, in irgend einem Restaurant am Ende meines Universums 42 Mal versucht, den Kellner zum Kellnern anzustiften… oder wiedermal keinen Anhalter mitgenommen.

Adams selbst behauptete steif und fest, die Idee zu dem Galaxis-Kram sei ihm gekommen, “while I was lying drunk in a field in Innsbruck, Austria, in 1971.” Und als ihm der Anhalter-Hype auf den Zeiger zu gehen begann oder so, steckte er sich seinen Babelfisch ins Ohr und verhalf mal fix Monty Python's flying Circus zu seinem vorletzten ( als Pepperpot with nuclear missile) und letzten (als Mitautor der Party Political Broadcast on Behalf of the Liberal Party) glorreichen Ende.

Interessant wäre ja auch zu erfahren, ob es ihm in seinem nächsten Leben – wie im ersten angedacht – vergönnt ward, Zoologe zu werden. Anzunehmen ist es eher nicht, denn er war überzeugter Atheist – die haben nur ein hiesiges Dasein. Doch seine Enttäuschung über die weitgehende Ignoranz der Welt seinen Letzten ihrer Art gegenüber, auf die er sehr stolz war, saß tief.

So long, Douglas – and Thanks for All the Fish.

Heute war Handtuchtag.
Und ihr da draußen, Anhalter in Bloggers Galaxis: Auf, auf! Für das Aussterben menschlicher Unarten – und wider das Aussterben jeglicher Arten (Blogger, Anhalter und Systemadministratoren eingeschlossen).
Don't panic! And always know where your towel is.

Der Soundtrack für heute sollte passen: Monty Python ist quasi bucklige Verwandtschaft, die Handtücher um die Lenden sind auch kompatibel. Und wer wenn nicht Brian wüsste, wer wenn nicht Eric Idle erhellte in jedem Vers, dass 42!

Bilder: Die Antwort in der Wüste (Happy Towel Day): via code-monk bei flickr. Douglas Adams: via GCO bei wordpress. Rest: weiß ich nicht mehr; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Monty Python – Always Look on the Bright Side of Life. Aus: Das Leben des Brian, via bei youtube.

Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren

März 1, 2009 um 4:10 pm | Veröffentlicht in Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 Kommentare
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Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen 😉 )

Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ’ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.

segelschiff-1

buchstabe-n2-zuatürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?

Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.

mermaid-romant-via-never-sea-landDoch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…

Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?

So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.

“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”

Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”

Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.

“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”

“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”

“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”

“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”

“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”

Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:

“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“

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“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”

“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ’ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“

„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”

“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“old_humpty_dumpty-zustre

“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“

“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ’ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“

„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“

„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“

„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“

„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“

„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“

„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“

„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“

Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.

Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…

Keiner?

schmitz_mobyMoby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‚Weltverändern‘, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”

Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…

“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”

*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.

Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.

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