Die Abenteuer der Silvester-Nacht – mit E. T. A. Hoffmann durch Berlin in Callot’s Manier

Januar 3, 2015 um 11:16 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, Hexengeschichten, Neujahr, Real-Poetisches | 4 Kommentare
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Update zu Gespenster am Gendarmenmarkt

Hoffmann,_ETA1Jetzt, also genau jetzt seit Neujahr und die nächsten paar Tage vor genau zweihundert Jahren, saß E. T. A. Hoffmann, der vermutlich alle Berliner Gespensterecken kannte, in seiner vermutlichen Berliner Lieblingskneipe. Während er mit dem Schoppen Burgunder vor ihm auf dem Tisch, vermutlich nicht dem ersten, gegen den auch uns allen noch frisch erinnerlichen Neujahrskater Murr antrank, tauchte er immer wieder die Feder in das nebenstehende Tintenfass, schaute sinnend aus dem Fenster über den Gendarmenmarkt, wälzte faustische Gedanken und warf ein neues Callotsches Fantasiestück des reisenden Enthusiasten auf sein Konzeptpapier: „Die Abenteuer der Silvester-Nacht“, vermutlich dem grad verflossenen Jahresend-Event entsprungen – und Chamissos Peter Schlemihl.

„Ich hatte den Tod, den eiskalten Tod im Herzen, ja aus dem Innersten, aus dem Herzen heraus stach es wie mit spitzigen Eiszapfen in die glutdurchströmten Nerven. Wild rannte ich, Hut und Mantel vergessend, hinaus in die finstre stürmische Nacht! – Die Turmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunkeln Abgrund. – Du weißt es ja, daß diese Zeit, Weihnachten und Neujahr, die euch allen in solch heller herrlicher Freudigkeit aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein wogendes, tosendes Meer. Weihnachten! das sind Festtage, die mir in freundlichem Schimmer lange entgegenleuchten. Ich kann es nicht erwarten – ich bin besser, kindlicher als das ganze Jahr über, keinen finstern, gehässigen Gedanken nährt die der wahren Himmelsfreude geöffnete Brust; ich bin wieder ein vor Lust jauchzender Knabe. Aus dem bunten vergoldeten Schnitzwerk in den lichten Christbuden lachen mich holde Engelgesichte an, und durch das lärmende Gewühl auf den Straßen gehen, wie aus weiter Ferne kommend, heilige Orgelklänge: »denn es ist uns ein Kind geboren!« – Aber nach dem Feste ist alles verhallt, erloschen der Schimmer im trüben Dunkel. Immer mehr und mehr Blüten fallen jedes Jahr verwelkt herab, ihr Keim erlosch auf ewig, keine Frühlingssonne entzündet neues Leben in den verdorrten Ästen. Das weiß ich recht gut, aber die feindliche Macht rückt mir das, wenn das Jahr sich zu Ende neigt, mit hämischer Schadenfreude unaufhörlich vor. »Siehe,« lispelt’s mir in die Ohren, »siehe, wieviel Freuden schieden in diesem Jahr von dir, die nie wiederkehren, aber dafür bist du auch klüger geworden und hältst überhaupt nicht mehr viel auf schnöde Lustigkeit, sondern wirst immer mehr ein ernster Mann – gänzlich ohne Freude.« Für den Silvester-Abend spart mir der Teufel jedesmal ein ganz besonderes Feststück auf. Er weiß im richtigen Moment, recht furchtbar höhnend, mit der scharfen Kralle in die Brust hineinzufahren und weidet sich an dem Herzblut, das ihr entquillt. Hilfe findet er überall, sowie gestern der Justizrat ihm wacker zur Hand ging. Bei dem (dem Justizrat, meine ich) gibt es am Silvester-Abend immer große Gesellschaft, und dann will er zum lieben Neujahr jedem eine besondere Freude bereiten, wobei er sich so geschickt und täppisch anstellt, daß alles Lustige was er mühsam ersonnen, untergeht in komischem Jammer. […]“

Also. wenn solches Neujahrs-Timing, gepaart mit einem solchen Jubiläum und der poetischen Ermunterung zur Fantasie vom Lieblingsromantiker kein Anlass ist, endlich selber mal wieder mit der virtuellen Feder über das ebenso geartete (Blog)Papier zu kratzen, dann weiß ich auch keinen. Allerdings: Sowas tut man nicht gerade an Silvester (hat der Hoffmann ja auch nicht), was hier zwar thematisch passend gewesen wäre, nur nicht so recht kompatibel zu den Aktivitäten, die beim Jahresabgesang von einer erwartet werden. Damit keine Missverständnisse aufkommen – ich meine nicht die Mittäterschaft an den üblichen Böllereien, deren ich mich seit der Pubertät strikt und bekennend enthalte. Da schlendere ich lieber selber mal wieder übern Gendarmenmarkt, der immerhin von dem Massenvolksgedränge und dem exzessiven Feuerwerksfinale auf der Party-Meile weit genug entfernt ist, dass mans irgendwie genießen kann, und schau nach, was dort so abgeht.
gendarmenmarkt

laterne gendarmenmarktIch mag die Laternen da. Und die leise Musik aus dem Schauspielhaus (das heuer schlicht Konzerthaus heißen will), die man nur hören kann, wenn man es will. Heute wäre mir am liebsten Orgel, was Bachsches vielleicht. Dem Lutter & Wegner am jetzigen Platze durch die Fensterscheiben zu spannen hab ich kein Verlangen – der E. T. A. hat in dem eh nie gezecht, wenn auch irgendwo obendrüber bis zu seinem zu frühen Ende gewohnt. Das neuzeitliche Pärchen auf der Bordsteinkante davor, das fröhlich in die Nacht kichert, macht da schon mehr Spaß und beschert mir ein Déjà-vu. Als ob ich in einen Spiegel schau. Die zwei schlucken derweilen munter aus einer halbvollen Sektpulle und teilen freigiebig den Rest mit mir. Und zu Spiegeln komm ich (oder mein Gespenster-Hoffmann) noch. Der spann nämlich weiter an seiner Geschichte:

„Unter den Linden auf und ab zu wandeln, mag sonst ganz angenehm sein, nur nicht in der Silvester-Nacht bei tüchtigem Frost und Schneegestöber. Das fühlte ich Barköpfiger und Unbemäntelter doch zuletzt, als durch die Fieberglut Eisschauer fuhren. Fort ging es über die Opernbrücke, bei dem Schlosse vorbei – ich bog ein, lief über die Schleusenbrücke bei der Münze vorüber. – Ich war in der Jägerstraße dicht am Thiermannschen Laden. Da brannten freundliche Lichter in den Zimmern; schon wollte ich hinein, weil zu sehr mich fror und ich nach einem tüchtigen Schluck starken Getränkes durstete; eben strömte eine Gesellschaft in heller Fröhlichkeit heraus. Sie sprachen von prächtigen Austern und dem guten Eilfer-Wein. »Recht hatte jener doch,« rief einer von ihnen, wie ich beim Laternenschein bemerkte, ein stattlicher Ulanenoffizier, »recht hatte jener doch, der voriges Jahr in Mainz auf die verfluchten Kerle schimpfte, welche Anno 1794 durchaus nicht mit dem Eilfer herausrücken wollten.« – Alle lachten aus voller Kehle. Unwillkürlich war ich einige Schritte weiter gekommen, ich blieb vor einem Keller stehen, aus dem ein einsames Licht herausstrahlte. Fühlte sich der Shakespearsche Heinrich nicht einmal so ermattet und demütig, daß ihm die arme Kreatur Dünnbier in den Sinn kam? In der Tat, mir geschah gleiches, meine Zunge lechzte nach einer Flasche guten englischen Biers. Schnell fuhr ich in den Keller hinein. »Was beliebt?« kam mir der Wirt, freundlich die Mütze rückend, entgegen. Ich forderte eine Flasche guten englischen Biers nebst einer tüchtigen Pfeife guten Tabaks und befand mich bald in solch einem sublimen Philistrismus, vor dem selbst der Teufel Respekt hatte und von mir abließ. – O Justizrat! hättest du mich gesehen, wie ich aus deinem hellen Teezimmer herabgestiegen war in den dunkeln Bierkeller, du hättest dich mit recht stolzer verächtlicher Miene von mir abgewendet und gemurmelt: »Ist es denn ein Wunder, daß ein solcher Mensch die zierlichsten Jabots ruiniert?«

Unter die Linden ziehts mich heut auch nicht so recht, da bin ich ganz beim Hoffmann. Wenn auch das nette Schneegestöber von Anfang der Woche schon wieder der Erderwärmung gewichen ist, stromere ich immerhin wenigstens im warmen Jäckchen durch die Gegend, schließlich bin ich nicht auf der Flucht, wie der enthusiastisch liebeskranke Erzähler. Nuja, und zu den absonderlichen Enthusiasten, die partout den hässlichen Kasten von Stadtschloss (ohne jemals eine Chance auf Weltkulturerbe) wieder hingestellt haben wollen, gehöre ich auch nicht unbedingt, weswegen ich mir auch den Abstecher zu der noch hässlicheren Millionenbaustelle in Citylage klemme. Jägerstraße alt1Deine alte Jägerstraße, mein guter E. T. A., die in der Mitte mal kurz vom Gendarmenmarkt verschluckt wird, bevor sie auf der andern Seite weitergeht, die gibt’s schon noch – doch du würdest sie nicht wiedererkennen. Was zum einen daran liegt, dass sie nach deiner Zeit dort noch wild gebaut haben, zum anderen und hauptsächlich daran, dass die im letzten heimgekehrten Krieg freigebombten Baulücken inzwischen mt diversen Protzbauten des Größenwahns aus Glas, Beton und Stahl gestopft wurden. Gruselig find ich die schon, bloß nicht in Callotscher Manier.

Das Geburtshaus vom Alexander von Humboldt in der Nummer 22 solltest du noch kennen, ach ne, das steht da auch nicht mehr. Was aber nicht heißt, da steht nix, nur was anderes. Und weit und breit kein Thiermannscher Laden. Immerhin: Ein paar Lokalitäten könnte man da schon auch heute noch auftun. Das „Refugium“ zum Beispiel, mehr so Nobelgewölbe, aber zumindest Gewölbe, hübsch. Oder das „Augustiner“ – in dem kriegtest du bestimmt dein Bier, nur für meinen Geschmack verströmt es ein bissel viel blauweiß lärmendes Oktoberfestfeeling. Kein Vergleich also zu deinem gemütlichen Kellerkneipenloch. Außerdem: Kein Gedanke, an Silvester da reinzukommen, wir haben ja nicht reserviert. Und eine tüchtige Pfeife guten Tabaks dürftest du seit dem kneipenruinös flächendeckenden Rauchverbot in keiner von diesen Großrestaurationen rauchen, nicht mal zum Bier – das find ich manchmal auch ganz schön gruselig.

Bild 094Doch weiter in Hoffmanns Text. Jetzt wird’s nämlich gesellig und die versprochene Spiegel-Gepensterei kommt ins Spiel:

„Ich mochte ohne Hut und Mantel den Leuten etwas verwunderlich vorkommen. Dem Manne schwebte eine Frage auf den Lippen, da pochte es ans Fenster und eine Stimme rief herab: »Macht auf, macht auf, ich bin da!« Der Wirt lief hinaus und trat bald wieder herein, zwei brennende Lichter hoch in den Händen tragend, ihm folgte ein sehr langer, schlanker Mann. In der niedrigen Tür vergaß er sich zu bücken und stieß sich den Kopf recht derb; eine barettartige schwarze Mütze, die er trug, verhinderte jedoch Beschädigung. Er drückte sich auf ganz eigene Weise der Wand entlang und setzte sich mir gegenüber, indem die Lichter auf den Tisch gestellt wurden. Man hätte beinahe von ihm sagen können, daß er vornehm und unzufrieden aussähe. Er forderte verdrießlich Bier und Pfeife und erregte mit wenigen Zügen einen solchen Dampf, daß wir bald in einer Wolke schwammen. […]kellerportal
Da pochte es aufs neue ans Fenster, der Wirt öffnete die Tür, und eine Stimme rief: »Seid so gut, Euern Spiegel zu verhängen.« – »Aha!« sagte der Wirt, »da kommt noch recht spät der General Suwarow.« Der Wirt verhängte den Spiegel, und nun sprang mit einer täppischen Geschwindigkeit, schwerfällig hurtig, möcht ich sagen, ein kleiner dürrer Mann herein, in einem Mantel von ganz seltsam bräunlicher Farbe, der, indem der Mann in der Stube herumhüpfte, in vielen Falten und Fältchen auf ganz eigene Weise um den Körper wehte, so daß es im Schein der Lichter beinahe anzusehen war, als führen viele Gestalten aus- und ineinander, wie bei den Enslerschen Phantasmagorien. Dabei rieb er die in den weiten Ärmeln versteckten Hände und rief: »Kalt! – kalt – o wie kalt! In Italia ist es anders, anders!« Endlich setzte er sich zwischen mir und dem Großen, sprechend: »Das ist ein entsetzlicher Dampf – Tabak gegen Tabak – hätt‘ ich nur eine Prise!« – Ich trug die spiegelblank geschliffne Stahldose in der Tasche, die du mir einst schenktest, die zog ich gleich heraus und wollte dem Kleinen Tabak anbieten. Kaum erblickte er die, als er mit beiden Händen darauf zufuhr und, sie wegstoßend, rief: »Weg – weg mit dem abscheulichen Spiegel!« Seine Stimme hatte etwas Entsetzliches, und als ich ihn verwundert ansah, war er ein andrer worden. Mit einem gemütlichen jugendlichen Gesicht sprang der Kleine herein, aber nun starrte mich das totenblasse, welke, eingefurchte Antlitz eines Greises mit hohlen Augen an. Voll Entsetzen rückte ich hin zum Großen. […]
Das Gespräch lebte mühsam wieder auf, man erwähnte eines jungen wackern Malers, namens Philipp, und des Bildes einer Prinzessin, das er mit dem Geist der Liebe und dem frommen Sehnen nach dem Höchsten, wie der Herrin tiefer heiliger Sinn es ihm entzündet, vollendet hatte. »Zum Sprechen ähnlich und doch kein Porträt, sondern ein Bild«, meinte der Große. »Es ist so ganz wahr,« sprach ich, »man möchte sagen, wie aus dem Spiegel gestohlen.« Da sprang der Kleine wild auf, mit dem alten Gesicht und funkelnden Augen mich anstarrend, schrie er: »Das ist albern, das ist toll, wer vermag aus dem Spiegel Bilder zu stehlen? – wer vermag das? meinst du, vielleicht der Teufel? – Hoho Bruder, der zerbricht das Glas mit der tölpischen Kralle, und die feinen weißen Hände des Frauenbildes werden auch wund und bluten. Albern ist das. Heisa! – zeig‘ mir das Spiegelbild, das gestohlene Spiegelbild, und ich mache dir den Meistersprung von tausend Klafter hinab, du betrübter Bursche!« – […]
Und damit sprang er fort, noch draußen hörten wir ihn recht hämisch meckern und lachen […]. »O mein Herr,« erwiderte der Große, »jener böse Mensch, der uns so feindselig erschien, der mich bis hieher, bis in meine Normalkneipe verfolgte, wo ich sonst einsam blieb, da höchstens nur etwa ein Erdgeist unter dem Tisch aufduckte und Brotkrümchen naschte – jener böse Mensch hat mich zurückgeführt in mein tiefstes Elend. Ach – verloren, unwiderbringlich verloren habe ich meinen – Leben Sie wohl!« – Er stand auf und schritt mitten durch die Stube zur Tür hinaus. Alles blieb hell um ihn – er warf keinen Schlagschatten. Voll Entzücken rannte ich nach – »Peter Schlemihl – Peter Schlemihl!« rief ich freudig, aber der hatte die Pantoffeln weggeworfen. Ich sah, wie er über den Gendarmesturm hinwegschritt und in der Nacht verschwand.
Als ich in den Keller zurück wollte, warf mir der Wirt die Tür vor der Nase zu, sprechend: »Vor solchen Gästen bewahre mich der liebe Herrgott!« –

Hoppla… da sind wir also rausgeflogen. Und wir kommen auch so schnell nicht wieder rein. Jedenfalls nicht dort, wo der Ich-Erzähler im dritten Kapitel hin will, der seinen Hausschlüssel (in meinen ausgelassenen Auslassungen) im ersten Kapitel bei der Party vom alten Justizrat vergessen hat. Denn ein Hotel „Goldener Adler“ findet in ganz Berlin keine Suchmaschine nicht. Das „Adlon“ um die Ecke wäre, glaub ich, schon vom Ambiente und der Größenordnung her keine rechte Alternativlösung, um auch mit noch soviel beschworener Fantasie ein Hoffmannsches Silvesternachtabenteuer von außen zu beobachten. Und ich selber kenne dort eigentlich nur das „Sofitel“: auch so ein nichtantikes Glas&Beton-Dings, eher im Manager- statt mystisch angehauchten Grusel-Style – in dem hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch.

Die seltsamen Erlebnisse und Träume des erzählenden Enthusiasten in seiner verschollenen Herberge, die, durchzogen von ziemlich faustischen Sequenzen, in einer Briefbeichte des kleinen dürren seiner vorherigen Zechgenossen gipfelt, lasse ich drum hier mal unzitiert. Ebenso das komplette vierte Kapitel, das bis nach Italien und zurück und in Mord und Totschlag, also viel zu weit führen würde – wer das bis hierher mitgemacht hat, ist bestimmt des Selberlesens kundig. Auch mich in Hin-und her- oder Kreuz-und-quer-Interpretationen um hoffmannsilvestrische Parallelwelten und verlorene Spiegelbilder reinzuhängen hab ich keine Lust und hatte ich nie vor. Zu denen tummeln sich sogar im Net ja überall Schüler- wie Diplomarbeiten zuhauf – icke wollt‘ nur ein bisschen durch E. T. A.s Straßen spazieren.

Postskript des reisenden Enthusiasten
„[…] Du siehst, mein lieber Theodor Amadäus Hoffmann, daß nur zu oft eine fremde dunkle Macht sichtbarlich in mein Leben tritt und, den Schlaf um die besten Träume betrügend, mir gar seltsame Gestalten in den Weg schiebt. […]

Der, also der liebeTheodor Amadeus jetzt, sollte, wenn man den Quellen glauben kann, nächsten Dienstag vor zweihundert Jahren auch endlich fertig geworden sein mit seinem neuen Fantasiestückerl. Ich in m e i n e r Silvesternacht lauf nochmal übern Gendarmenmarkt und köpf ’ne Flasche Schampus ausm U-Bahn-Shop mit dem Pärchen aufm Bordstein vorm Lutter & Wegner.

Und gute Vorsätze zum frischerblühten neuen Jahr verkünde ich auch diesmal keine. elke-hexe-form-we2.gif Es reicht schon, wenn wir uns ein bisschen Fantasie erlauben in all der anstrengenden Wirklichkeit, beides immer noch fein auseinanderhalten, wenn’s drauf ankommt – und uns am nächsten Jahresende (und -anfang) immer noch im Spiegel anschaun können. Oder? 😉
Wir sehn uns, ja?

Postskript 2 (meins):
Achja, der Soundtrack, den hätt‘ ich doch beinah vergessen. Heute natürlich „Hoffmanns Erzählungen“ (und – quasi als ‚Entschädigung‘ fürs verschmähte „Augustiner“ – in Komplettaufführung aus dem Nationaltheater München von 2011) aus Gründen: Sind doch im vierten, dem Giulietta-Akt, die Abenteuer der Silvester-Nacht, auch vom vierten Akt daselbst, verwurstet.

Zitate: E. T. A. Hoffmann: Die Abenteuer der Silvester-Nacht. – Nach E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden, Band 1, Berlin 1963. – Via zeno.org.
Bilder: Hoffmann-Karikatur, Selbstporträt: Wikimedia Commons. Gendarmenmarkt 1: besuch-berlin.de; Gendarmenmarkt 2: k. A. Berlin, Jägerstraße mit Blick auf den Gendarmenmarkt: Friedrich August Schmidt, um 1800. Berlin Museum – via zeno.org. E. T. A. Hoffmann (in Hut und Mantel): Staatsbibliothek Bamberg – via kulturreise-ideen.de. Sonstige: irgendwann, irgendwo. 😉
Video: Les contes d’Hoffmann, opéra en 5 actes. Aufführung im Staatstheater München 2011 – via arte – via youtube.

Wer andern eine Klopperei anzettelt, fällt selbst vom Pferd und Berlin liegt bei Spandau

September 8, 2013 um 1:56 am | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Träller-Hexe, Wander-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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ärzteopenairAnwohner in etlichen Kilometern Entfernung vom Tempelhofer Feld sollen sich beschwert haben nach den jüngst verebbten Open Air Konzerten der Toten Hosen und der Ärzte – über die Lautstärke. Erfuhr die erstaunt grinsende Berufsverkehrerin am nächsten Morgen aus dem Autoradio. Und „Bässe bis Britz“ titelte die Berliner Zeitung. Hmm… sinnierte die Lenkradpilotin aufm Dienstweg, müssen wohl die Spätfolgen des Fluglärmentzugs sein, seitdem da kein Flieger mehr landet. Der Ort war perfekt (fanden die Fans) und PunkRock ist keine Mondscheinserenade (weiß jedes Kind seit mindestens zwei Generationen).

Aus der Erinnerung an einen einschlägigen Auftritt vor ein paar Jahren in der Zitadelle Spandau, der mich mittendrin sah, ist Ähnliches nicht bekannt. Da wurde gerockt, bis der Arzt… öh, Die Ärzte kamen und dann sowieso. Darüber, ob die Lärmtoleranz der Spandauer sich aus der Nachsicht gegenüber dem einen Oberarzt Bela B. erklärt, der ja bekanntermaßen mitten unter ihnen geboren und in die Pubertät geraten ist, oder aus der selbstbewussten Robustheit des Menschenschlags dort, maße ich mir mal kein Urteil an. Aber wo wir gerade über deren Mentalität reden: an der ist was dran, die hat Tradition und ist sogar legendär.

Denn die Spandauer wehren sich aktuell nicht nur energisch gegen gentrifiziernde Bestrebungen, sie mit einer Arbeitslosenquote von über dreizehn Prozent in 08/15-Manier als asozial abzustempeln: weil sie weder Letzteres noch Ersteres sind, also nullachtfuffzehn jetzt. – Obwohl es in diesem Kontext schon kurios ist, dass genau diese Wendung genau hier ihren Ursprung hat: nämlich in dem dereinst in ansässigen Produktionsstätten gefertigten Maschinengewehr MG08/15, das augenscheinlich sinngebende Eigenschaften besaß. Sie sind außerdem regionaltypisch auch nicht auf den Mund gefallen, die Spandauer, und wissen, wiewohl samt diversen anderen stolzen Städten und Gemeinden 1920 von der Metropole vor ihrer Haustür geschluckt, immer noch lauthals, dass Berlin bei Spandau liegt. Was durchaus hätte so kommen können, wenn den spätmittelalterlichen Städtern wegen der strategischen Funktion bereits erwähnter Zitadelle nicht per landesfürstlichem Edikt verboten worden wäre, über ihre Stadtmauern hinauszuwachsen. Außerdem haben sie – im August kurz nach dem Mittelalter – ein hitziges Scharmützel um ihre Ehre gewonnen, was sie nach ebenfalls landesväterlichem Drehbuch eigentlich gar nicht gedurft hätten.

Spandau-1633-Merian

Dieses anno 1567 vom damals aktuellen Brandenburger Kurfürsten Joachim II. geschriebene Drehbuch sah zu Volkes und seiner eigenen Belustigung eine drei Tage währende Schlacht-Show zwischen Spandauern und Berlinern sowie denen zugerechneten (seinerzeit noch) Cöllnern vor, aus der laut Plan die Berliner siegreich hervorgehen sollten. Und bei der Seeschlacht, ohne die es in dieser wasserreichen Gegend natürlich nicht abgehen durfte, ging ja auch noch alles gut. Die Kräfte waren ausgeglichen und der Kurfürst lächelte huldvoll von den Zinnen der Zitadelle auf die Havel und seine ‚Krieger‘ darin herab. Alle waren so fair, wie man in der Hitze eines – wenn auch gefakten – Gefechts nur sein kann. Und jeder im Kampfgetümmel von seinem Schiff ins Wasser gestürzte Freund und Feind wurde von den vorsorglich als Seenotrettung verpflichteten Havelfischern wieder herausgezogen, bevor er in Helm und Harnisch ersaufen konnte. Bei der Fortsetzung zu Lande am nächsten Tag allerdings entwickelte die Schlacht eine gefährliche Eigendynamik und die wehrhaften Spandauer sahen nicht ein, warum sie ihren möglichen Sieg auf Anweisung von oben so einfach herschenken sollten. Mit dem Vorteil der Ortskenntnis schmiedeten sie listenreiche Strategien, Joachim-II-Kurfürst-von-Brandenburglockten den Gegner in einen Hinterhalt und vermöbelten ihn deftig. Der alarmierte kurfürstliche Regisseur suchte daraufhin eiligst das vom Lust- zum Frustgefecht mutierte Spektakel zu beenden, bevor es zu tatsächlichem Blutvergießen kam, und begab sich höchstselbst hoch zu Ross zwischen die Streihähne. Wie so mancher vor und nach ihm musste er dabei zwischenzeitlich die Erfahrung machen, dass er die Geister, die er rief, so schnell nicht wieder los ward. Er geriet zwischen die Fronten und wurde – versehentlich oder nicht – von den erhitzten Gemütern unsanft vom Pferd geholt, ehe es ihm endlich mit Mühe gelang, den selbst befohlenen Angriff zum Stillstand zu bringen. (Und man will ja kein Schelm sein, der sonstwas dabei denkt, wenn man sich einfach mal so fragt, ob nicht so mancher nach ihm daraus noch was lernen könnt‘.)

Büßen musste diesen tiefen Fall des obersten Kriegsherrn der wackere Bürgermeister von Spandau, den der ‚gestürzte‘ Joachim für mehrere Monate in Festungshaft setzte. – Obwohl bezweifelt werden darf, dass er selber den Landesfürsten vom Gaul geschubst oder die eifrige Prügelbande zum Verteilen von blauen Augen und anderen Blessuren angehalten hat. In der Öffentlichkeit hingegen wahrte der kurfürstliche Zweite Joachim offenbar den Schein. Denn im einschlägigen Kapitel von Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, Band 3 („Havelland“), heißt es im Fazit:

„Die Berliner zogen sich […] durch den Wald, die Jungfernheide, nach Berlin zurück, und die Spandower hatten die Freude, daß ihnen der Kurfürst sagte: ‚Kinder, ihr habt euch brav geschlagen!'“

Dass der olle Fontane an diesem Ereignis ohne (erfreulicherweise) wirklich kriegsverheerende Folgen nicht achtlos vorüberging, muss nicht Wunder nehmen. Denn auf seinen Wegen durch die Mark und ihre Geschichte nicht auch in die malerische Ecke um Spandau zu gelangen, wäre ab-wegig gewesen. Ganz und gar nicht abwegig ist es, nebenbei gesagt, selber mal auf Fontanes Pfaden zu wandeln, öhm, zu wandern, mein ich. Fontane_Denkmal WanderrastIch habs getan in meinem gerade verebbenden Urlaub (statt Malediven, Costa Brava etc.), oder sagen wir mal damit angefangen, denn wie viele Urlaube braucht man wohl dafür, ungekürzt durch acht Bände zu wandern. Es war schön und erbaulich und die Sache wert, die Landschaft und alles und überhaupt und sowieso. Viele Plätze ohne stressige Völkerscharen, unaufdringliche Kultur und Natur pur, Erholung dito. Nuja, ich will ja keinem sein Glück aufschwatzen… 😉

Um auf den prominenteren Brandeburg-Wanderer zurückzukommen: der Fontane hat sich bei seiner obigen ‚Kriegsberichterstattung‘ auf die Topgraphia marchica, das lange verschollene Scriptorum de rebus Marchiae Brandenburgensis des schlachtzeitgenössischen Chronisten Nikolaus Leuthinger gestützt, was Sinn macht, denn wozu sind akkurate Geschichtsschreiber sonst da. Bei seiner Kapitelüberschrift „Die Seeschlacht in der Malche“ in den „Wanderungen“ sollte man hingegen eventuelle Leser und noch eventuellere Urlaubs-Wanderer vielleicht fairerweise auf neuzeitliche Gegebenheiten hinweisen. FontaneWanderungen B3-2Nach denen höchstwahrscheinlich
n i c h t der geläufige Große Malchsee Schauplatz des Berlin-Brandenburger Lustscharmützels war, sondern tatsächlich der Havelarm vor der Zitadelle, der seinerzeit offenbar Großer Malchesee genannt wurde und heute Krienicke heißt. Is auch logisch – vom ersteren, der wo der letzte Nordzipfel des Tegeler Sees is, hätte auch der höchste hochherrschaftliche Kurfürst aus seiner Zitadellenloge keinen Zipfel nich sehn können. Und vom Waffenkreuzen gleich gar nix.

Talking of Waffenkreuzen: gewärtig der Jahreszahl des gefakten Kriegsgetümmels dürfte gleichwohl logisch (und zudem überaus segensreich) sein, dass in selbigem noch nicht das erwähnte Spandauer Nullachtfuffzehn-Gewehr zum Einsatz kam. Die beteiligten Städter gingen mit handlichen Prügeln und Stöcken aufeinander los, weswegen das Beinahe-Gemetzel als Spandauer Knüppelkrieg in die Annalen der Stadtgeschichte eingegangen ist.

Heute sind die gängigen Waffen in der Zitadelle – außer bei Ritterfesten – eher Klavier und Cembalo (indoor) und… BÄSSEEE (open air). Das rockt viel mehr – und macht bei verträglichem Publikum auch keine blutigen Nasen. Halt, ’ne urige Schänke haben sie dort auch noch. Aber soweit man hört, wird dort mehr geheiratet, Kindergeburtstag gefeiert und alles sowas als mit Bierseideln geschmissen.

Hmm… so halbwegs kompatibel als Soundtrack zum unverhofft wieder leicht ausgeuferten Thema und als Brückenschlag zur Gegenwart find ich bei den „Ärzten“ grad nur das:

Tsssjoh… mitten in die Fresse. Und Bässe. Die Ärzte halt.

Und falls das doch wer nicht so ganz passend findet – mir doch egal. Habt euch nicht so und seid mal nicht so. Der Bela ist ja mittlerweile schon über Fuffzich und der Farin auch bald. Außerdem wollten die doch sowieso dauernd ganz woanders hin, früher schon… 😉

Geborgt und gebastelt: Stich der Stadt und Festung Spandow – Matthäus Merian d. Ä., via Wikimedia Commons. Fontane-Denkmal Neuruppin (leibhaftig nach Max Wiese – Foto Lienhard Schulz, via ebenda. „Wanderungen“ aufm Tisch, achtbändige Ausgabe von Aufbau – Hexenwerk. Video von Die Ärzte – CaptainCarlossi, via youtube. Rest: weiß ich nicht mehr – Urheber zwecks ehrenvoller Erwähnung bitte melden.

Bollmanns Himmelfahrt abwärts

Mai 12, 2013 um 3:22 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, BildungsLückenbauten, Lieder-Hexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 3 Kommentare
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Aus der Reihe: Gassenhauer und Folklore

Winde mit AusblickIch finds ja klasse und begrüße es immer wieder, dass christliche Feiertage wie der jüngstverflossene auch für Ungläubige wie mich freie Tage sind. So einer lässt sich, von religiöser Inhaltsschwangerschaft ebenso frei wie von quotengeregelten neuzeitlich umgewidmeten Vatertagsbesäufnissen, gut für längst mal wieder fälliges Relaxen und Rummurkeln verwenden.

So enthielt ich mich aus genannten Gründen jeglichen Predigens und Absingens von Chorälen, murkelte und reläxte einfach auf meinem sechs mal einsfuffzich großen Balkon in luftiger Hochhaushöhe vor mich hin, um dort – durchaus gottgefällig – der wildstrotzenden Natur zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen. Weswegen mir auch keinen Moment in den Sinn kam, den Nieselregen und das gelegentliche Gewittergrummeln unter Strafe von oben zu verbuchen. Dann eher schon die Stellvertretergesänge in Form von bierseligem Gejohle und Gegröl aus anderen Balkonwaben und dem Biergarten von der Eckkneipe im Wohnumfeld, unterstützt durch in Schlangenlinien nach Hause findende Radfahrer in verrutschter Kostümierung samt ihren realpoetisch gelallten Gassenhauern von „In Rixdorf is Musike“ bis „Fritze Bollmann wollte angeln“. Na, Mutti wird sich gefreut haben über den heimgekehrten Göttergatten.

Apropos „Fritze Bollmann“. Wenn wir mal die aktuelle Interpretation durch außer Kontrolle geratene Zungen und (v)ersoffene Kehlen vernachlässigen, haben wir mit dem ja ein leuchtendes Exempel berlin-brandeburgischer Folklore vor uns, dem wahrhaftigen Lebn entwachsen. Aber wem erzähl ich das, für den regionalen Mitleser trag ich damit wahrscheinlich nur alte Eulen nach Brandenburch, oder? Was soll’s, Eingeweihte können ja inzwischen Blumen pflanzen oder angeln gehn.
Fritze Bollmann

Er könnte unserm Kritzel-Vadder Zille Modell gesessen haben, der gute Fritze Bollmann. Das soziale Milljöh passt und der verewigte Habitus auch. Zudem gehört er zu den lebendigen Originalen, die sich würdig in die Reihe eines Eckensteher Nante, der Harfenjule und wie sie alle heißen einreihen. Korrekterweise muss allerdings angemerkt werden, dass der gelernte Frisör mit dem dereinst vollständigen und unverpreußelten bürgerlichen Namen Johann Friedrich Andreas Bollmann in der Gegend um Magdeburg am 5. Januar 1852 das Licht der Welt erblickt hat. Von wo er später in unsere Ecke migriert ist und nach einem handwerkelnden Intermezzo in der Preußenmetropole und Umgebung seinen Hauptwohnsitz in das an die 80 Kilometer entfernte Brandenburg verlegt hat, wo er eine kinderreiche Familie gründete und sein eigenes Barbiergeschäft aufmachte. Was aber die weitherzigen Berliner nicht davon abhielt, den Migranten ohne Federlesen zu vereinnahmen und in ihren Originale-Bestand und ihr mundartliches Liedgut zu integrieren.

Fritze Bollmann qu1Das Einseifen der Brandenburger verlief wohl nicht so einträglich wie gedacht (womöglich war neben dem Vollbart auch der Dreitagebart damals schon IN), was den Abstieg des durchaus fleißigen Handwerkers Fritze in Armut und Alkoholismus beförderte.
Sein Aufstieg zur Spottfigur wie zum kultigen Inhalt eines Gassenhauers der Straßenkinder hingegen geschah bollmannseitig überaus unfreiwillig. Die hatten den bisweilen besoffen durch die Altstadt torkelnden Barbier sowieso schon aufm Kieker. Und als er seiner Kundschaft unvorsichtigerweise von dem Missgeschick erzählte, wie er beim Angeln aus dem Kahn gefallen sei, dichteten die kessen Gören nicht faul das unvergängliche Spottliedchen auf ihn, gesungen nach der Melodie eines patriotisch-traurigen Soldatenepos (das heute keiner mehr kennt) und durch die ebenfalls tratschlustigen Eltern der sauberen Racker um etliche Strophen erweitert:

Zu Brandenburg uff’m Beetzsee,
Ja da liegt een Äppelkahn,
und darin sitzt Fritze Bollmann
mit seinem Angelkram.

Fritze Bollmann wollte angeln,
doch die Angel fiel ihm rin,
Fritze wollt se‘ wieder langen,
doch da fiel er selber rin.

Fritze Bollmann rief um Hilfe,
liebe Leute rettet mir,
denn ick bin ja Fritze Bollmann,
aus der Altstadt der Barbier.

Und die Angel ward jerettet,
Fritze Bollmann, der ersoff,
und seitdem jeht Fritze Bollmann
uff’n Beetzsee nich mehr ruff.

Fritze Bollmann kam in’n Himmel:
„Lieber Petrus laß mir durch,
denn ick bin ja Fritze Bollmann,
der Balbier aus Brandenburg.”

Und der Petrus ließ sich rühren
und der Petrus ließ ihn rin
hier jibts och wat zu balbieren,
Komm mal her, und seif mir in.”

Fritze Bollmann, der balbierte,
Petrus schrie: „Oh‘ Schreck und Graus,
tust mir schändlich massakrieren,
Det hält ja keen Deubel aus.”

„Uff‘ de jroße Himmelsleiter
kannste widder runter jehn,
kratze Du man unten weiter,
Ick laß mir’n Vollbart stehn.”

Fritze Bollmann war leider mit wenig Humor gesegnet und nicht so der geborene Spaßvogel, denn statt den Gören seine dereinstige Unsterblichkeit zu danken, verfolgte er die Sänger in Rage auf der Straße und bespritzte sie mit Rasierschaum. Ein armes Mensch und vielleicht einer der ersten bekannt gewordenen Fälle von Mobbing, wenn mans von seiner Seite sieht. Gestorben ist er übrigens nicht durch Ertrinken, sondern verarmt in einem Brandenburger Spital. Am 7. Mai, also vor ein paar Tagen – und einhundertzölf Jahren.

Ehrungen und Volksfest-Popularität folgten später, als er selber schon nichts mehr davon hatte. In Anbetracht seines zwar ungewollten, doch bemerkenswerten Beitrags zum preußischen Folkloregut benannte man Straßen, Anglervereine und Fußball-Fanclubs nach ihm. In Brandenburg tröpfelt seit 1924 der Angler-Brunnen vor sich hin, den der Volksmund umgehend und kategorisch in Fritze-Bollmann-Brunnen umbenannte. Eine Gemeinde am Beetzsee beherbergt gar einen Ortsteil Bollmannsruh mit einer – ein Schelm, wer Böses dabei denkt – Kinder-und-Jugend-Bildungsstätte. Er taucht in Liederbüchern auf. Gar nicht zu schweigen von mehr oder weniger künstlerisch freier Verbücherung und Verfilmung seines tragikomischen Schicksals.

Bollmannbrunnen

Wem jetzt vielleicht aufgefallen ist, dass der Fritze vor allem in Volkes Seele wohnt, der liegt offenbar gar nicht so falsch. Ein Teil dieser Seele, helle Brandenburgerin namens Siggi, goss ihre Entdeckung des von Stadtväterseite ziemlich vernachlässigten schlichten Grabes des Barbiers in neue Verse zum Fritze-Bollmann-Lied:

Fritze Bollmann ward bejraben
in der Altstadt, ordentlich.
Leider pflejt den armen Knaben
Stadt- und Landgemeinde nich.

Auf dem Brunnen, in der Mitte,
döst er traurich vor sich hin:
„Bisschen harken, na ick bitte,
is im Stadtpott nich meehr drin!“

Aber nu is er zufrieden,
denn sein Eckchen is jeflecht.
Jrün und Blumen, janz solide,
hat ‚Privat‘ dort hinjelecht.
[1]

Für musikalische Nicht-Insider sei aber nun endlich nochmal det Janze mit Ton und in Farbe zu Jehör gebracht, hier in der berühmt gewordenen Fassung von Claire Waldoff, die sich um Kultmusike mit Berliner Schnauze verdient gemacht hat:

In modernerer Stimmungs-Schunkelei vom durch Reibeisenstimme und schwarzen Humor, durch „Oh, Susi (der zensierte Song)“, „Ich trink auf dein Wohl, Marie“ und „Hier kommt Kurt“ allbekannten Frank Zander klänge es dann so:

Der darf das, der Zander. Denn er kann nicht nur auf einen Urgroßvater verweisen, der mit Vadder Zille noch höchstpersönlich befreundet war, woher an den Urenkel ein paar Zillesche Originalzeichnungen vererbt sind. Der hat als Ur-Berliner auch das passende Organ mit dem richtigen Dialekt. Und Diskriminierung sozial schwacher Fritze Bollmanns ist ihm auch nicht zu unterstellen – kümmert er sich doch seit mittlerweile fast zwanzig Jahren, wenn nicht schon länger, um Berliner Obdachlose und Hartz IV-Empfänger, nicht nur mit dem fetten Gänsebraten, der den Betroffenen alljährlich zu Weihnachten durch Stars und Sternchen der Unterhaltungsszene persönlich kredenzt wird. Dafür darf sich einer schon gerne mal Berliner des Jahres nennen lassen.

So Leute, und nu raus zu Mutter Natur. Regenhütchen nicht vergessen – es braut sich was zusammen. Habt einen schönen Restsonntag, fallt nicht in den See und – singt mal wieder. (Pssst… es geht sogar ohne Alllohol. 😉 )

Bilder: Natur aufm Balkon: selbereigene. „Fritze Bollmann“ in Wort und Bild + das traurige Brunnenmännecken – via. Fritze-Bollmann-Brunnen: weiß ich nicht mehr; Urheber bei Bedarf bitte melden.
Videos: Gesänge von Claire Waldoff und Frank Zander – via youtube.
Text [1]: Siggi -Sigrid Selbig via.

Ein Vierteljahrtausend alt – und kein bisschen tot

März 22, 2013 um 11:05 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Hexenseele, Kalenderblätter, Kultur, Spielwiese | Hinterlasse einen Kommentar
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“Solang ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein”
(Jean Paul)

Stephan_Klenner-Otto_Buntstift_Jean_PaulEin Geschenk ist angefragt, vom Blognachbarn und Meister der Höllenfahrt und Weheklag, dem Wolf. Er regts nicht an und erbittet es nicht für sich selber, oh nein, sondern für einen guten alten Freund, der heuer sein 250. Wiegenfest feiern dürfte – so er es denn noch erlebt hätte,

“und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rothkehlchen, der Kranich, der Rohrammer, und mehre Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; — und zwar an dem Monattage, wo, falls man Blüten auf seine Wiege streuen wollte, gerade dazu das Scharbock= oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, deßgleichen der Ackerährenpreis oder Hühnerbißdarm, nämlich am 21. März; — und zwar in der frühesten frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um 1½ Uhr….”*

Der alte Freund ist Jean Paul, geboren ehedem noch als Johann Paul Friedrich Richter, aber den kennt wieder kaum einer.

Sehen wir mal davon ab, dass der März heutzutage offenbar auch nicht mehr das ist, was er mal war (wo gerade außer Schnee über Schnee überhaupt nix hier anlangt): was schenkt man einem, der schon alles hatte und sowieso gar nichts mehr braucht – seit nunmehr auch schon wieder über 187 Jahren?

Hmmm… versuchen wir es mal anders. Gesetzt den Fall, er könnte sich noch was wünschen: was täte ihn wohl freuen? –

Nun, er wollte gelesen sein. Und zwar nicht nur aus wirtschaftlichem Erhaltungstrieb, sondern weil er der Nachwelt etwas geben konnte. Dies lässt sich zumindest und unter anderem der Sechste[n] poetische[n] Epistel seiner Konjektural-Biographie entnehmen, in der er sich als “literarischen Jubilar” feiert:

Leipz. Im Nachsommer, 98
“…Ich stehe in dieser Epistel nun schon im Oktober des Lebens vor dir, mein Laub färbet sich, hängt aber noch, und der stumme Nachsommer zeigt Gespinste und Nebel auf der Erde und blauen Äther oben. Mach aber mit mir die Obstkammer dieses Herbstes auf und betrachte die kleine allgemeine deutsche Bibliothek samt den Supplementen, die ich in diesem kurzen Leben zusammengeschrieben habe….

‚…- – was war es? – Ein Traum? Aber in der kältesten Stunde des Daseins, in der letzten, ihr Menschen, die ihr mich so oft mißverstandet, kann ich meine Hand aufheben und schwören, daß ich vor meinem Schreibtisch nie etwas anderes suchte als das Gute und Schöne, soweit als meine Lagen und Kräfte mir etwas davon erreichen ließen, und daß ich vielleicht oft geirret, aber selten gesündigt habe. Habt ihr wie ich dem zehnjährigen Schmerz eines verarmten, verhüllten Daseins, eines ganz versagten Beifalls widerstanden, und seid ihr, bekriegt von der Vergessenheit, so wie ich der Schönheit, die ihr dafür erkanntet, treu geblieben?‘

Was geht mich die Jubelrede mehr an? Ich sage das: nur einmal wandert der Mensch über diese fliehende Kugel, und eilig wird er zugehüllt und sieht sie nie wieder; wie, und er sollte der armen, so oft verheerten und vollgebluteten Erde nichts zurücklassen als seinen Staub oder gar versäetes Giftpulver und Verwundete? – O wenn einer von uns eine Tagreise durch irgendeine stille Welt am Himmel, durch den milden Abendstern oder den blassen Mond tun dürfte: würd‘ er da, noch dazu wenn er ferne Seufzer hörte oder vergoßne Tränen fände, sein eiliges Durchfliehen mit herumgelegten Selbstgeschossen und ausgestreuten Dornen bezeichnen und nicht vielmehr, falls er könnte, mit irgendeiner geöffneten Quelle, mit einer zurückgelassenen Blume, oder mit was er zu erfreuen wüßte? – O es sei immer vergessen von der ganzen Zukunft, was ein sanftes Herz wollte und tat; wenn es nur unter dem Handeln sagen kann: nach langen, langen Jahren, wenn alles verändert ist und ich auf immer verflogen oder versenkt, da wirft vielleicht die Hand der Zeit den Samen des kleinen Opfers, das ich jetzt bringe, weit von mir und meinem Hügel zu irgendeiner Frucht oder Blume aus, und ein mattes Herz wird daran erquickt und schlägt voll Dank und kennt mich nicht. –

Mein Jubiläum ist aus; – aber jene Hoffnung ist eigentlich das rechte. – …”**

Ein bisschen J.P.3 klUnd gelesen wird er ja doch. Von mir jedenfalls (und nicht nur von mir) – und ich würde nichts von all dem Gelesenen missen wollen. Mein erster Jean Paul war ein schmales Bändchen von Kiepenheuer “Bemerkungen über uns närrische Menschen” – aus der Zeit, als ich noch ein exzessiver Aphorismen-Freak war. Das hat mittlerweile ein halbes Menschenleben auf dem Buckel und ich hab und mag es immer noch – doch sind mit den Jahren ein paar umfänglichere Jean Paulsche Auslassungen und Romane hinzu gekommen.

Um nochmal ein klein wenig auf der vom Wolf zitierten Weheklag eines Verlegers herumzureiten: Nein, das zehnbändige Gesamtausgaben-Möbel von Hanser beherberge ich nicht in meinen vier Wänden, werde es womöglich auch nie (oder doch?) und befinde mich damit offenbar in zahlreicher Gesellschaft von Leuten, denen der Mann durchaus nicht fremd ist. Wo liegt die Bemessungsgrenze für Jean Paul? Und w i e wird die Liebe zu seinen Werken gemessen? Etwa in Metern? Ich jedenfalls mag ihn sehr – wie bescheiden mein J. P.-Sammelsurium nun sein mag oder nicht.

“Mein Jubiläum ist aus”, schließt er – wohl etwas wehmütig – den Jubilierpart der Sechsten poetischen Epistel. Zum Glück ist es nicht so und womöglich würd‘ er vor Freude auf seinem Grabhügel tanzen, wenn er auskosten könnte, dass die deutsche Literatenwelt ihm ein ganzes Jean-Paul-Jahr schenkt. Das ist nicht wenig – so mancher bekanntere Kopf dümpelt ganz alltäglich durch sein halbvergessenes rundes Jubiläums-Anno, haben wir alles schon erlebt.

Auch hier in Berlin feiert und veranstaltet man ihn. Was nur recht und billig ist, denn bekanntermaßen veranlasste ihn die begeisterte Affinität der preußischen Lieblingsmajestätin Luise zu seinen Werken seit dem “Kleinen Musenhof” ihrer Schwester, nach hier umzuziehen – und zwar lange, bevor der Luisen-Fankult einsetzte. Und vielleicht ist dem Umtriebigen und Unsteten ja dieser Ortswechsel von Weimar nach Berlin gar nicht so schwer gefallen – sein Verhältnis zu Goethen und Schillern soll ja eher ein wenig unterkühlt gewesen sein, zumindest von deren Seite.

Das erste Event der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gestern Abend musste ich allerdings leider wegen Unkompatibilität des Timings mit dienstlicher Abkömmlichkeit schon mal verpassen: die Lesung der “Flegeljahre” in Untermalung durch Robert Schumanns “Papillons”, von selbigen inspiriert. Wünsche allen Anwesenden, viel Vergnügen dabei gehabt zu haben. Bleibt mir immer noch das “Dintenuniversum”, das beginnt erst im Herbst und zieht sich bis zum Jahresende hin, da wird ja wohl für einen Ausstellungsbesuch auch mal dienstfrei sein.

Jean Paul bescheidene Sammlung4 klUnd was schenk ich ihm nun, dem Jean Paul?

Zwei Dinge: Aufmerksamkeit bis ans Lebensende – also meines, und vorerst schmale dreißig Zentimeter in meinem Bücherregal – mit Platz für herzwarmen Zuwachs. Ach ja… und natürlich obigen bescheidenen Blogeintrag. Jubilierum jubilarum.

Ist es genehm, Wolf? 😉

Fehlt noch der Soundtrack für heute (na, wenn der sich nicht geradezu aufdrängt): die Papillons Op.2 von Robert Schumann, gespielt hier von Swjatoslaw Richter:

Quellen: * und ** aus: Jean Paul. Selberlebensbeschreibung. Konjektural-Biographie. Reclam 1971. Jean-Paul-Porträt: Buntstiftzeichnung von Stephan Klenner-Otto. 2010 – via Seite der Staatsbibliothek Bamberg. Bescheidene Jean-Paul-Büchersammlung 1 und 2: Ich, zu Hause.

Schnee und Lehm und Euraketen. Neujahr für alle!

Dezember 31, 2012 um 10:05 pm | Veröffentlicht in Berlin, Bloghexe, Fest-Platte, Hexentanz, Neujahr, So Momente halt... | Hinterlasse einen Kommentar

ein weie schon so oft, ist wieder mal ein rundes Jubiläum untergegangen. Nämlich heute vor 540 Jahren wurde in Amsterdam das Werfen von Schneebällen verboten:

„Neymant en moet met sneecluyten werpen noch maecht noch wijf noch manspersoon.“
(Niemand soll mit Schneebällen werfen, weder Jungfauen noch Weibs- noch Mannsleute.)

Im Unterschied zu uns innerlich näherstehenden Jahres- und Jahresendtagversäumnissen zucken wir hier lakonisch mit den Schultern: Na und?! Bei uns hats heuer nicht mal Schnee. Und bleiben angesichts der Tatsache, dass in der Berliner mitteljüngeren Folklore mit ganz anderen Sachen geschmissen wurde,

sowie angesichts eines gerade überstandenen Weltuntergangs in einem fast überstandenen Jahr ganz gelassen. Zumal wir uns justamente heute wieder von noch ganz anderen Geschossen bedroht sehen. Schall und Rauch, ins All geballert von dem Geld, das angeblich alle gar nicht übrig haben.

Aber es ist Silvester und das neue Jahr scharrt nebenan schon ungeduldig mit den Hufen. Das alte war etwas blogarm hier bei mir; man denkt ja gar nicht, was ein exzessiv gefräßiger Vollzeitjob nebenher manchmal so alles bloggen… öh, blocken kann. Erwarte jetzt auch bloß keiner einschlägige gute Vorsätze von mir, höchstens die leise Hoffnung, dass auch das nur besser werden kann.

Und also brenne, wer mag, mit mir eine leise Wunderkerze ab, sage (mit einer kleinen Anleihe an die charmelancholische Wiener Folklore) beim Abschied leise Servus und ganz prosaisch optimistisch (wahlweise ersetzen durch: fatalistisch, verklärt, euphorisch o. ä., ganz wie’s beliebt): Willkommen 2013! Mal sehen, was es uns bringt.
wunderkerze1

Und – man kanns ja nicht oft genug sagen -: Vorsicht mit den guten Vorsätzen. Wie die meist enden, weiß man ja…

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müßte sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.

Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müßte sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.

Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müßte Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.


Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die andern aber finden, daß man müßte…
Es ist fast als stünd man beim lieben Gott
Alleine auf der schwarzen Liste.

Man zog einst ein Lebenslos zweiter Wahl.
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
elke-hexe-form-we2.gifBehutsam verpackt man sein kleines Ideal.
Einmal aber sollte man… (Siehe oben!)

(Mascha Kaleko)

Hach… aber ein hübscher Gedanke ist es schon…

So, und nun küsst euch, ihr alle, und mich, ihr Lieben, und kommt gut rüber. Wir sehn uns dann.
Eure Hex‘

Die Wohers: Claire Waldoff: Wer schmeißt denn da mit Lehm? via youtube. Mascha Kaleko: Einmal sollte man…. In: M. Kaleko: Das Lyrische Stenogrammheft, Rowohlt Taschenbuch, 32. Auflage von 2007.

Erste-Klasse-Ticket für Rettungsboot Nr. 7

April 15, 2012 um 12:00 pm | Veröffentlicht in 2012, Berlin, BildungsLückenbauten, Dings des Tages, Geschichtsbuch, Globe-Trottel, Kalenderblätter, Katastrophen-Hexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen | 2 Kommentare
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oder Eine Berlinerin geht nicht unter

or ein paar Tagen erging vom Nachbar-Account die Frage: Bloggt wer die Titanic?

Eigentlich hatte ich ja keine Lust dazu – der wort- und geschäftstüchtige Rummel um diesen nunmehr einhundertjährigen Mythos auf dem Meeresgrund schien mir groß genug. Dass und wie sehr Berlin am Meer liegt, hab ich hier eh schon gelegentlich erwähnt. Und was zur Hölle hab ich mit diesem untergegangenen Luxusdampfer zu schaffen?

Oder? Doch mehr als ich dachte?

Ich musste an das Schild denken. Ein kleines, ziemlich unscheinbares Schild am Spittelmarkt, irgendwo am Straßenrand. Es will offenbar den nach einer Bleibe umherirrenden Berlin-Besucher zum „Titanic“ lotsen, dem innerstädtischen Glied einer türkischstämmigen Hotelkette gleichen Namens. Mir wäre es wahrscheinlich nie aufgefallen, das Schild, wenn… ja, wenn ich nicht zusammen mit tausenden anderen Berufsverkehrern genau dort täglich in den Untergang gespült würde: alle Maschinen stopp wegen Dauerbaustelle. Kein Eisberg also, aber trotzdem mit katastrophalen Folgen – vorprogrammiertem Zuspätkommen zum Broterwerb nämlich, aggressiven Auto- und lebensmüden Radfahrern. Einzige Rettung: miiindestens zwanzig Minuten früher aufstehen.

Hmmm… nomen est omen?

Ich frag mich sowieso andauernd, warum es Empfehlung oder Werbegag sein soll, auf oder in etwas zu wohnen, das Titanic heißt. Oder beim Unternehmen Titanic Reisen einen Flug oder eine Kreuzfahrt zu buchen. Kaufte wirklich jemand gern sein Surfbrett oder Paddelboot bei Titanic Sporty? Sein Antivirus-Programm bei Titanic-Software? Und wie optimistisch tickte einer, der sein Vorsorge-Paket beim womöglichen Vertreter einer womöglichen „Titanic-Lebensversicherung“ abschlösse? Das einzige Programm, das mich beim Aufstöbern einschlägig getaufter Firmen und Konzepte halbwegs überzeugt hat, war eine kleine Kneipe am Arsch der Welt irgendwo hinter Hamburg, die sich ‚Untergang mit Stil‘ auf die Fahnen geschrieben hat. Naja, und das Satireschiff, sowieso.

Aber jetzt mal ernsthaft, wo ich mich nun doch schon dahinein begebe: auch Berlin hat ’sein‘ Titanic-Schicksal, in Gestalt einer umtriebigen, reiselustigen und anhaltend heiratsfreudigen Millionärswitwe nämlich. Bis zu ihrem Einschiffen auf dem legendären Luxusklipper wohnhaft in der Windscheidstraße 41, 2. Stock.

Antoinette Flegenheim, vermögende Wahl-Charlottenburgerin, die ihren vermögensbildenden Alfred 1890 in Manhattan überm Teich geehelicht und siebzehn Jahre später zwischen Amerika und Europa beerbt hatte, war die einzige Berliner Passagierin an Bord der „Titanic“. Und sie ging nicht unter.

Die Umstände dafür, davor und danach sowie für unsinkbares Berlinerinnentum an sich verdankt die Nachwelt einer mittlerweile zehnjährigen Recherche des Kreuzberger Kreuzfahrers, Ahnenforschers, Titanic-Vereinsbruders und Sozialarbeiters im Ruhestand Gerhard Schmidt-Grillmeier:

Die Weltdame Flegenheim aus Kabine 8, Deck D, mit dem Erste-Klasse-Ticket Nr. 17598, für das sie locker die damals stolzen 31 Pfund, 13 Shilling und 8 Pence hingeblättert hatte, saß im Rettungsboot Nr. 7, dem ersten, das von der Titanic ablegte. Was, jedenfalls wenn man an die Chaos-Dramaturgie einschlägiger Monumentalfilme denkt, zumindest bemerkenswert scheint. Immerhin lag Madame zum Zeitpunkt des eisigen Zusammenstoßes von letzter Nacht vor 100 Jahren schon zwei Stunden lang in tiefem Schlummer. Vom verursachten Geräusch in selbigem gestört, rettete ihr wohl praktizierte Lebenstüchtigkeit ohne Federlesen, womöglich auch eine antrainierte Allergie gegen nicht umgehend verfügbares Personal, das Leben:

„Lauschen. Pantoffel. Nach dem Klingeln kommt kein Steward. Sie sucht ihre Bekannte Blanche Greenfield in deren Kabine auf, hört von einer Kollision, soll sich anziehen und an Deck kommen. Schwimmweste. Offizier Murdoch fängt ihren Hut auf. Fast leeres Deck. Rettungsboot Nummer sieben ist das erste, das die Titanic verlässt.“
(Berliner „Tagesspiegel“ vom 8. April 2012)

Das traumatische Erleben kompensiert sie nur zwei Monate später, mit einer neuen Ehe. Der Glückliche, dem sie am 20. Juni 1912 in Buffalo, New York, das Jawort gibt, ist der 35jährige Engländer Paul Elliot White-Hurst. Auf der Heiratsurkunde ist ihr Alter mit 42 Jahren angegeben, um sieben Jahre jünger, als sie tatsächlich ist. Diese kleine weibliche Eitelkeit bringt den Berliner Amateur-Titanic-Forscher ganz schön ins Schwitzen, bevor er das wirkliche Geburtsdatum der am 11. Mai 1863 im randberliner Himmelpfort geborenen Försterstochter Berta Antonia Maria Wendt alias Antoinette Flegenheim alias Mrs. White-Hurst herausfindet.

Die in ihrem zupackenden Wesen versäumt nicht, der White Star Line an Heiligabend des Katastrophenjahres eine saftige Rechnung für nichtgebuchten Schockzustand und Verlust ihrer persönlichen Wertseligkeiten zu stellen. In der sich auf drei Seiten neben der smaragdbesetzten Eidechsenbrosche, ihrer Diamanten-Lorgnette und einem fünfstelligen Bargeldbetrag auch sorgsam ihre abgesoffenen Kleidungsstücke aufgelistet finden, darunter ein Fuchsschwanz, drei seidene Petticoats, zwei Korsetts. Vier aufwendige Nachthemden und drei einfache, ein Dutzend Paar Handschuhe…

Die Spur unserer Berliner Titanic-Reisenden verliert sich in München. Zuletzt war sie da im bereits ehrbaren Alter von 76 Jahren 1939 in der Kaulbachstraße gemeldet. Ein Grab als letzten Wohnsitz gibt es dort nicht. Aber Titanic-Freak Schmidt-Grillmeier bleibt dran…

Wäre Madame Flegenheim damals
n i c h t auf dem Crash-Dampfer an Bord gegangen und friedlich zu Hause geblieben, hätte sie den Untergang der Titanic, zudem außer Lebensgefahr, noch im selben Jahr auch auf dem Grüpelsee bei Königs Wusterhausen erleben können. Denn der erste Titanic-Film ever wurde in Berlin gedreht.

So viel Untergang zu Hause um die Ecke – wer hätte das gedacht. Ach ja… und w e r wollte eigentlich die Titanic bloggen? Fortsetzung folgt. Frühestens 2112.

__________________

Bilder: Titanic-Rettungsboot (Nachbau) – AFP,via Fotostrecke im „Tagesspiegel“ vom 8. April 2012. Millionärswitwe Antoinette Flegenheimer (einziges erhaltenes Foto) – veröffentlicht im „Berliner Lokalanzeiger“ vom 19. April 1912. Befindet sich in der Sammlung von Gerhard Schmidt-Grillmeier. Titanic-Boot mit Schiffbrüchigen – Foto: Reuters, via Fotostrecke s.o. Verlustlisten der Witwe Flegenheimer – Sammlung von G. Schmidt-Grillmeier, via Fotostrecke s. o. Szenenfotos aus dem ersten Titanic-Film „In Nacht und Eis“ von 1912 – via Fotostrecke s. o.

…und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin

Januar 31, 2012 um 11:44 pm | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Hexenlieder, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Weißt_du_ noch, Wetter-Hexe | 2 Kommentare
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Sehnsucht nach Meer oder Die Seeräuber-Jenny hieß Lotte

as Dreckswetter bringt mich um. Ich melanchole vor mich hin, lausche dem Regen, der gegen die Scheiben prasselt,und wette mit mir selbst, welcher der abwärts rollenden Tropfen zuerst am Ende meines Spiegelbilds im Fensterglas ankommt. Draußen fährt der Sturm in die Baumkronen. Er zerrt und zaust in ihren wirrren Frisuren und reißt ihnen Zweige aus. Die Wipfel schaukeln gefährlich aus ihrer Achse…

Beim ferientagelangen Ausharren im schaukelnden Ausguck auf Großmutters Apfelbaum wurde ich seetüchtig gegen Stürme und alle Arten von Seekrankheit. Die aus den Nachbarskindern rekrutierte Mannschaft unseres Piratenseglers klaute die Entertaue von Mutters Wäscheboden und schwang an ihnen von den Uferbäumen auf das Kaperschiff im Feuerlöschteich hinüber. Es war weniger ein Schiff, eher ein Floß, das seine langweilige Jugendzeit als Hoftorflügel verbracht hatte, bevor wir es mit Mast und Segel und Totenkopfwimpel auftakelten. Die gegnerische Crew von der anderen Straßenseite wurde mit unseren Holzschwertern in die Knie gefuchtelt und ich war die Seeräuberjenny, die brüderlich-schwesterlich das eroberte Gold der Augustäpfel aus fremden Gärten zwischen den Mitpiraten aufteilte, beschützt gegen Meuterer vom starken Seeräuberhauptmann, dem schwarzlockigen Jungen von nebenan. Ich war eine Piratenbraut wie sie im Buche steht, die ihre widerspenstige Haarmähne mit dem Tuch um die Stirn bändigte und nicht tollkühner aus der Lehre eines Efraim Langstrumpf, Käpt’n der Hoppetosse, oder des karibischen Profis Sparrow-Depp hätte entlassen werden können.

Übrig geblieben von diesem ersten Berufswunsch und der einschlägigen Kleinmädchenkarriere ist später der Traum von einem Ferienhausboot. Nicht so einem alten ausgedienten Kahn, der dick und träge am Schilfrand vertäut vor sich hin dümpelt, sondern einem echten Wasservagabunden unter Segel, heute hier, morgen dort, der die Nase in den Wind hält. Aus dem Traum ist
a u c h nichts geworden, jedenfalls nicht mehr als gelegentliche Kanutouren flussabwärts, in fremdgeborgten Booten, zu Haus und anderswo. —

Heute fahre ich jeden Tag über die Fischerinsel. Ich stehe am Schöneberger Ufer im Stau und quatsche hin und wieder heimlich im Dunkeln mit den barfüßigen Nymphen vom Neptunbrunnen. Manchmal, viel zu selten, haue ich ab. Ich stehle mich davon, düse mit um die 65 Knoten die schlappen paar Seemeilen zum Strand rauf, fädele Fußspuren in den nassen Sand und tunke die Zehen in die Wellen. Und ich kann immer noch das
f ü h l e n, was Einer, der damals seinen und der Seeräuber-Jenny Hafen im Theater am Schiffbauerdamm fand, irgendwann vor Aberjahrzehnten in sein Tagebuch
g e s c h r i e b e n hat: „Komme, was mag, aber am Ende: das Meer!“ …

***

Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden.
Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
Und Sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel…


Die eine bevölkert die Unterwelt von Soho in der Dreigroschenoper. Die andere zuerst ein unbesonntes Arbeiterviertel im sonnigen Wien, fernab vom melancholischen Wiener Charme. Die erste, Jenny, verdankt ihre Existenz zwei Vätern, den Herren Brecht und Weill, die ihr ein Leben in einer trotzig gesungenen Ballade erfinden. Eine Mutter erfinden sie ihr nicht. Die zweite, Lotte, wird auf natürliche Weise von einer Waschfrau geboren. Komplett durchbuchstabiert heißt sie Karoline Wilhelmine Charlotte und ihr Vater ist kein tollkühner Kapitän eines Piratenklippers, sondern der trunksüchtige Wiener Kutscher Blamauer, der sie im Suff regelmäßig vermöbelt. Lottes Kindheit ist freudlos wie das Dasein der Seeräuber-Jenny in ihrer Spelunke.

Und man sagt: Was lächelt die dabei?

Jenny spinnt und singt sich in der Kneipe am Meer ihr Schiff mit acht Segeln in den Hafen, das sie aus dem Schlamassel rausholt. Lotte ’segelt‘ erst nach Zürich, nicht am Meer, lernt aus eigenem Antrieb Balletttanzen und Schauspielerei. Auffrischende Winde wehen sie nach Berlin, fast am Meer, wo sie sich den Kerl angelt, der zwar keinen Totenkopfsegler befehligt, dafür unverwechselbare Musik komponiert und auch die unsterblichen Melodien zur Dreigroschenoper und Lottes Liedern schreiben wird. Der über sie sagen wird:“Sie ist eine miserable Hausfrau, sprich leise wenn du Liebe sagstaber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso. …Meine Frau heißt Lotte Lenya.“ Sie selbst wird nach zwei Jahren wilder Ehe sagen, dass sie nur wegen der Nachbarn geheiratet haben. Die zwei lernen sich beiläufig in einem kleinen Boot kennen. Ob dies für Lottes spätere Piratenkarriere eine Rolle spielt, wird von den Biografen nicht näher ausgeführt.

Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin.
Aber eines Abends wird ein Getös sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Getös?

Theater am SchiffbauerdammJenny und Lotte begegnen sich am denkwürdigen Abend des 31. August 1928, auf der Bühne am Schiffbauerdamm. Die Aufführung der Dreigroschenoper gerät zu einem bejubelten Grandiosum und soll späterhin zum erfolgreichsten deutschen Stück des 20. Jahrhunderts werden. Mackie Messers Moritat, die Ballade vom angenehmen Leben und das Lied der Seeräuber-Jenny erobern Berlin und fliegen im Nu um die Welt. Das Volk erkennt sich wieder und pfeift die Melodien auf den Straßen. „Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral, besser hätte es keiner von ihnen sagen können. das nahmen sie wörtlich.“* Launiges Realpoetikum: die Spelunken-Jenny, die es gar nicht gibt, wird von heut auf morgen berühmt und die lebendige Lotte, die ihr in einziger Manier ihre Stimme leiht – die gibt es gar nicht, jedenfalls nicht im Programmheft der Uraufführung. Sie dort anzuführen wird schlichtweg vergessen. – Achwas, und wie es sie gibt! Sie singt sich an diesem Abend zum Bühnen-Inbild der rachespinnenden Möchtegernpiratenbraut, wird die Protagonistin Weillscher Musik. Und kein geringerer als Brecht höchstpersönlich, auf dessen Urteil die Welt noch heute was gibt, macht ihr für ihre Kunst das schönste Kompliment, das sie sich wünschen kann: „Du hast es so gesungen, wie ich es geschrieben habe.“

Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden.
Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
Und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern

Womöglich ist Lotte ihr Gatte zu wenig piratesk, denn sie brennt später mit einem österreichischen Tenor durch, mit dem sie als Seeräuber-Jenny und im Brecht-Weillschen Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny oder Die sieben Todsünden auf europäischen Bühnen steht und mit dem sie beider Geld an den Spieltischen der französischen Riviera durchbringt. Sie wird geschieden, doch es ist nicht das Ende vom Lied… wenn zwei zusammengehören, die nicht immer miteinander, aber erst recht nicht ohne einander können.

Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird entschwinden mit mir.

Ihr erstes Schiff, auf dem Lotte vielleicht an Deck steht – nicht als Seeräuberbraut, sondern als Passagierin -, ist bestimmt ein moderner Überseedampfer und kein Piratensegler. Vielleicht ist es aber auch ein Langstreckenflieger, der sie zusammen mit Kurt Weill 1935 nach New York bringt. Das Entschwinden ist eine Flucht ins Exil: Weill ist Jude und dazu von den Nazis als Vertreter ‚entarteter‘ Kunst verfemt. Sie heiratet ihn ein zweites Mal. Seine Heimat wird der Broadway und die Amis aoptieren ihn und seine Musik mit fliegenden Fahnen; nach Deutschland hat er keine Sehnsucht und wird nie mehr dahin zurückkehren. Sie tingelt und tourt über die Bühnen quer durch die USA, spielt weiter in seinen Stücken und denen ihres Nachbarn Maxwell Anderson, eines der erfolgreichsten Theaterautoren der 1930er Jahre. Mit dem auch ihr Mann zusammenarbeitet, so an einem Musical zu Mark Twains Huckleberry Finn, das jedoch unvollendet bleibt. Lotte zieht sich später vom Theater zurück, weil sie ihren deutschen Akzent als Handikap erlebt.

Als Weill 1950 gerade fünfzigjährig stirbt, hält lange nur seine Musik und die Erinnerung an ihn Lotte aufrecht. Sie kümmert sich um seinen Nachlass und hält sein Erbe wach.

Und sie kehrt auf die Bühne zurück – als Seeräuber-Jenny. Die teilt, wie sich das für den Broadway gehört, ihr Los dem geneigten Publikum nunmehr in englischer Sprache mit, nach einer Neuübersetzung der Dreigroschenoper, die der berühmte Leonhard Bernstein höchstpersönlich zuvor durchgedrückt hat. Der Riesenerfolg gibt ihm Recht und steht dem vom Schiffbauerdamm in nichts nach.

Und man wird mich sehen treten aus der Tür am Morgen
Und man sagt: Die hat darin gewohnt?

Die Piratenjenny ist in die Jahre gekommen und aus Lottes einstiger Sopranstimme ein eindrucksvoller Alt geworden, rau und bittersüß. Für den und für sie schreibt Wilhelm Brückner-Rüggeberg, Dirigent der Schallplatteneinspielungen von Brecht-Weill-Stücken, die in Deutschland Ende der 50er mit Lotte aufgenommen werden, ihre Songs auf die tiefere Tonlage um. Die Aufnahmen erreichen Klassikerstatus.

Auf ihre alten Tage entert Lotte sogar noch Hollywood. Sie spielt an der Seite von Größen wie Vivien Leigh, bringt es immerhin auf eine Oscar-Nominierung und steigt noch aus dem Piratenmetier in andere Gefilde von knallhartem Abenteuer um: ihre Rosa Klebb, Ex-KGBlerin im James-Bond-Klassiker Liebesgrüße aus Moskau, legt ein Mosaiksteinchen zur Unsterblichkeit. Ebenso wie die Rolle des Fräulein Schneider aus dem Broadway-Renner Cabaret, in der sie Ende der 60er auf der Bühne steht.

Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beflaggen den Mast.

Dass sie nach ihrem Tod 1981 auf einem stillen Friedhof irgendwo im Staat New York begraben wird, ist vollkommen in Ordnung. Sie ist überm großen Teich immer noch bekannter als in Deutschland, New York City hat ihr Berlin ohne Heimweh ersetzt und ein Seemannsgrab war in ihrem Schicksal nicht vorgesehen. Berlin gedenkt ihrer mit dem Lotte-Lenya-Bogen, einer Straße am Theater des Westens.

Nach der Lenya haben andere die Seeräuber-Jenny gesungen, manche davon sich uns in die Seele oder sonstwohin: die Knef oder die Faithfull, die Lemper und last not least das Dresden-Dolls- und überhaupt Enfant terrible Amanda Palmer.

Aber sie war die erste, die anhaltendste, das Original.
Die Seeräuber-Jenny hieß Lotte.

***

Aus dem Regen ist ein kleiner Schneeflockentanz geworden. Mein Spiegelbild im Fensterglas hat zarten Glitter aus Eiskristallen aufgelegt. Draußen fährt ein bissiger Ostwind in die Baumkronen – Liebesgrüße aus Moskau. Er zerrt und zaust in ihren wirrren Frisuren und reißt ihnen Zweige aus. Die erstarrten Wipfelmasten schaukeln gefährlich aus ihrer Achse…

Den mittlerweile ausgewachsenen Seeräuberhauptmann hab ich über zwanzig Jahre später mal wiedergetroffen und mit ihm eine kleine wilde Schatzsuche angefangen. – Wo er sich heute aufhält, ist unbekannt.

***

P.S. Den 110. Geburtstag der Seeräuber-Lotte haben wir hier blogweise um ein gutes Stück mehr als drei Jahre verpasst, die dreißigjährige Wiederkehr ihres Dahinscheidens zum Glück nur um ein paar Wochen – sowas passiert, wenn man seinen Lebensunterhalt mit anderem als mit Schreiben und Bloggen verdienen muss. Andere haben ihrer – und Weills – zeitnah gedacht. Die Fernsehfuzzis von 3sat beispielsweise, mit einer Doku, der sie einen Satz aus Lenyas und Weills Briefwechsel zum Titel gaben: „Sprich leise, wenn du Liebe sagst“. (Sag ich doch, wer seinen Lebensunterhalt n i c h t mit was anderem….)

Und wusste eigentlich jemand, dass die Ballade von der Pirate Jenny Lars von Trier bei seinem Drehbuch für das in Brechtscher Tradition des ‚epischen Theaters‘ gedrehte Metzel- und Vergeltungsdrama „Dogville“ inspiriert hat?
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* Zitat: Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebengeschichte 1921-1931. Büchergilde Gutenberg, 1986, S. 318.
Bilder: Piratenbraut. Sariel, 11.08.2008. Via Fotowelt. Fotos Lenya und Weill – via Kurt-Weill-Zentrum. Theater am Schiffbauerdamm. Postkarte, Trinks & Co., Leipzig – via Pirate Lotte – via. Poster Three Penny Opera/Broadway: Original MGM record jacket – via Threepenny Opera.org. Piratenbraut: Christian Laske (Knippsomat), 02.05.2010 – via fotocommunity.de.
Videos: Seeräuber-Jenny, gesungen von Lotte Lenya im Film „Die Dreigroschenoper“. 1931. Via youtube. Pirate Jenny. Lotte Lenya (BBC tv 1962) – via youtube.

Von Kindern, Zwergen und anderen Größen oder wozu ein paar Kartons alter Briefumschläge gut sind

Oktober 15, 2011 um 11:59 pm | Veröffentlicht in 2011, Bücherhexe, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 1 Kommentar
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Nachträglich zum 70. Geburtstag eines Bildermachers

Auaaaa… Volltreffer. Ich verfluche diesen unsäglichen Reflex, immer schützend den Fuß drunterzuhalten, wenn was von oben runterfällt.

Stöhnend lasse mich auf den Boden plumpsen und rubbele mit der linken Fußsohle tröstend über den rechten großen Zeh, dessen schmerzverzerrtes Gesicht rot anläuft und morgen bestimmt in noch ganz anderen Farben leuchten wird. Dann angele ich mir den staubigen Übeltäter, der sich beim Bücherkramen im Regal hinter der Kammertüre auf mein Hinterpfötchen gestürzt hat: „Alfons Zitterbacke“, fledderig zerlesenes Kinderbuch über einen Pechvogel und Erziehungsversehrten mit Kultstatus aus alten Tagen. Tsssss… na, der passt ja, auch wenns dem (coverseitig) den zweiten ‚Vorderzeh‘ erwischt hat.

Sein illustrierender Zeichnervater übrigens hatte es auch heftig in den Vorderpfoten, begnadetes Talent nämlich, zum Bildermachen. Und er hat Generationen von Dreikäsehochs, wie meiner, nicht nur ihre Lektüre und ihre Kindheit ausgemalt und sie daneben mit eigenen Bildergeschichten gefüttert. Er spielte mit ihnen auch an ihren ganztägigen Aufbewahrungsorten, versüßte ihnen die Auszeiten von erziehungsberechtigten Fehlern, kitzelte aus ihnen die verborgenen Zeichentalente heraus und wurde, nach dem Signum unter seinen Kritzeleyen, von seiner Hauptzielgruppe wahrscheinlich liebevoll der Bofi genannt. Manfred Bofinger.

Als er in einem Interview mal gefragt wurde, welche Bücher, außer seinen eigenen, er den Gören sonst noch empfehlen würde, antwortete er:

„Bei Büchern, die ich nicht illustriert habe, fallen mir auf Anhieb drei ein. Zwei davon sind von Joachim Ringelnatz und die beiden frechsten Bücher, die ich überhaupt kenne: „Das Kinder-Verwirr-Buch“ und das „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ […]. Ringelnatz ist für mich eine ganz große Offenbarung gewesen, sehr früh schon. Den hätte ich gerne kennen gelernt. Das dritte Buch ist „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Und zwar mit den Illustrationen von Frans Haacken.“

Ein Schelm, wer hier nicht merkt, an welchen Würzlein der Bofinger sich genährt hat. Und ein armseliger solcher dazu, in den nicht spätestens nach solchen Statements und Hausheiligenbekundungen wärmste Zustimmung und Zuneigung einziehen.

Dabei hat der ja nie auf Malen und Zeichnen studiert, der Bofi, sondern sich das alles nach einer soliden Handwerkerlehre als Schriftsetzer mit Abi autodidaktisch draufgezimmert. Freilich kam ihm dabei ein Umstand zugute: eine Anstellung 1961 als Typograf beim „Eulenspiegel“, d e r Satirezeitschrift der DDR. Dort hatte er täglichen Umgang mit lauter so Kritzelfritzen. Nachdem von deren renommiertesten einem, Karl Schrader, eines Tages die Ansage erging: „Du zeichnest klasse, und du machst jetzt mal was“, machte er mal was. Und konnte sich bald vor Aufträgen nicht mehr retten. Es kam, wie’s kommen musste – Bofinger machte sich 1968 als Freiberufler selbstständig und ward fortan einer der gefragtesten und beliebtesten Illustratoren weit und breit für Verlage und Autoren mit Humor. Er war Stammillustrator der DDR-Kinderzeitschrift „Frösi“ (praktikabel gewordenenes Kürzel aus deren einstigem Namen „Föhlichsein und Singen“). Und selber schreiben konnte er auch noch. Exemplarisches Beispiel: Der krumme Löffel, biografisch angehauchte Miniaturen einer Kindheit im Nachkriegsberlin.

Belohnt und bekränzt wurde er für sei Tun mit zahlreichen Preisen. Einer der liebsten war ihm der „Schnabelsteherpreis für das frechste Buch des Jahres“, erhalten von den tapferen norddeutschen Buchhändlern für sein „Gänsehautbuch. Ein ABC des Grauens für tapfere Kinder und Eltern“.

Dem „Eulenspiegel“ blieb er, nicht nur für den Karriereanschub, weiterhin treu. Als Dank dafür ‚erbte‘ er bei der Beinahe-Abwicklung und Aufräumungsarbeiten desselben 1990 diverse Kartons voll hässlicher grau-brauner Briefumschläge. Die zum Urknall einer neuen Schaffensperiode und zu Begleitern einer so wunderbaren wie gedeihlichen Freundschaft werden sollten – mit F. W. Bernstein, mindestens westlich des Pecos als Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und i h r e s „Eulenspiegels“, der „Titanic“, bekannt. Lyriker und Karikaturist vor dem Herrn.

Zu dem gefalzt verklebten Altpapier wäre keinem alten Hund was Sinnstiftendes eingefallen – außer zwei Kritzelfritzen, deren Sympathie füreinander von der ersten Begegnung an feststand. Sie begannen unter Verwendung eben jener Umschläge einen abgefahrenen und haltbaren Briefwechsel in Bildern, der von 1991 bis zum Jahr vor dem tragischen Tod Bofingers 2006 andauerte, zwischen ihren Berliner Wohnsitzen hin und her wogte und nicht nur die Deutsche Post in Atem hielt. Mit liebevollem Humor oder bissfester Satire und einer Portion Verspieltheit zogen sie in ihrem eigenen Strich nach Strich und Faden über die Symptome der Welt, des Alltags und des Nebenuns und sogar über sich selber her. Sie ließen nichts aus – ein Fall Realer Poesie, wie er im Buche steht.

„Bei F.W.Bernstein in Steglitz wird die Idee zwischen der ersten Tasse Tee am frühen Morgen und dem vormittäglichen Frühstück geboren und zu Papier gebracht. Anders in Treptow: Bei Manfred Bofinger kommt der Einfall im Laufe des Tages, wird entwickelt, ausgefeilt und dann verarbeitet. Auf diese Weise entstehen wöchentlich oft mehrere gezeichnete, aquarellierte, gemalte und gekritzelte Zeit-Kommentare…“
(Martina Schellhorn. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung)

Was als witzige Gedankenblitze zu Sinn,Un- und Hintersinn des wirklichen Lebens begann, wird bald von beiden in die Form von „Produktionsanlässen“ gegossen: die „korrigierte Weltgeschichte“, „Wenn ich König wär“ oder „Das erste Mal“ u.s.f. Und da die Herren B&B so freundlich waren, ihre Korrespondenz irgendwann öffentlich zu machen, wohnt ein Extrakt davon in einem Exemplar „Ich glaube, du bist dran“ (Hrsg. Bei Rütten & Loening 1995, mit einer Nachbemerkung von Herbert Rosendorfer) in himmlischem Bilderbuch-Querformat bei mir zu Hause. Ein weiteres hab ich mal an einen lieben Freund, der damit was anfangen kann, hergeschenkt und zur Adoption freigegeben.

Mich haben Bofingers Illustrationen, Karikaturen, Bilderbücher und Typospielereien weit über das Zopfmädchenalter hinaus begleitet, eigentlich bis heute. In der Bofi-Abteilung meiner Bibliothek trifft Einstein mit der Geige auf Herrn Dickbauch und Frau Dünnbein oder Darlingsratte mit Anhang, und der Punk-Welpe seufzt den Zeiten nach, als Papa noch Pirat war. Kinder, Zwerge und andere Größen ziehen in geschlossener Front an zwei Männern beim Betrachten des Mondes vorbei und Graf Tüpo stattet ein paar sommersprossigen Lausejungs mit frecher Nase und Dreiangel in der Hose, die im Dicken Bofinger-Buch herumlümmeln, einen Besuch ab.



Bofis Darlingratte

Die gefährliche Körperverletzung an meinem großen Zeh durch Alfons Zitterbacke habe ich inzwischen fast vergessen. Beinahe zärtlich wische ich mit dem Ärmel den Staub vom Einband und stelle das Buch zurück zu den anderen. Nicht weit weg von meiner letzten einschlägigen Erungenschaft, dem Berliner Bilderbuch brominenter Bersönlichkeiten,
n o c h einer Gemeinschaftsproduktion der Herren B&B. Hinter dessen schnuckligem Oktav-Format des Zweitausendeins Verlages auf fast 600 Seiten sich… nein, keine Einführung in die Besonderheiten des sächsischen Dialekts und harten „B“ verbirgt, sondern die Entdeckung des Urberliners Bofinger und Wahlberliners Bernstein alias Fritz Weigle, dass das Gros aller Berühmtheiten – wie sie selbst – mit Doppel-B anfängt: von Bertolt Brecht über Buffalo Bill oder BarBie bis Bablo Bicasso.

Benno BessonBio BauerBiermösl Blosn

Dass sie diesem brägnanten Bunkt mit bointierten Bortraits in Hülle und Fülle und in ihrer ureigenen Manier begegnen mussten, versteht sich ja wohl von selbst.

*

Letzte Woche wäre er 70 geworden, der Bofi. Von einem Leben nach dem Tode zeugen in seinem Fall nicht nur seine putzmuntere Präsenz in den treuen Händen der Leser und Gucker, sondern aktuelle Neuerscheinungen, in denen er mit seinen Bildern immer noch vorkommt. Und es wird gemunkelt, dass Eltern mit ihren Zopfmädchen zu seinem Grab mit Spreeblick auf dem verträumten alten Stralauer Friedhof pilgern und ihnen dort ihre sorgsam gehüteten Bofi-Kinderbücher vorlesen.

Ich glaube, das hätte ihn gefreut.

Bilder: Briefumschlag – entliehen bei der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. B&B-Foto: Harald Hirsch, auch von da. Bofis Grab mit Spreeblick – via Friedrichshainer Chronik: Friedhof am Wasser. Die andern: von den Genannten ‚vorproduziert‘, teilweise von mir eigenhändig _ab_geknipst und abgekupfert. 😉

Noch nix mit Barfußgehn. Frühfrühling zwischen draußen und drinnen und ein Spaziergang weit vor Ostern

März 31, 2011 um 11:57 pm | Veröffentlicht in Berlin, Bilderhexe, Drumherum und anderswo, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spielwiese, Uncategorized, Wetter-Hexe | 1 Kommentar
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Schon wieder so ein Spiel mit Bilderauftrag vom Käpt’n. Die nehmen ja langsam überhand. 😉 Aber woll’ma ma nicht so sein, wa? – wie der Berliner sacht. Und erst recht keen Spielverderber.
Zumal nun endlich Lenzens blaues Band wieder flattert durch die Lüfte, erste Sommersprossen auf blassen Nasen und die Sonnenhungrigen allerorten aus dem Boden sprießen. Die Stiefmütterchen auf den Rabatten hingegen nicht – die wurden dort gnadenlos von Stadtbegrünerhand ausgesetzt.

Allerdings ist es mit dem Frühlingswetter so eine Sache, das muss er noch ein bissel üben, der Frühling. Wo er, übern Daumen gepeilt, beinah ein Jahr keine Gelegenheit mehr zum lauen Lüfteln hatte. Denn wer, bittschön, hockt sich bei Temperaturen knapp über Null entspannt auf ’ne Parkbank, frag ich euch.

Na gut, ein paar gab es schon, die mir auf meinem ersten doch recht eiligen Spaziergang zum dienstlich indizierten Außentermin über den Weg ruhten. Die hier, vielleicht TU-Studentin von gleich nebenan, hatte sich still auf die Mittelinsel vom Ernst-Reuter-Platz geschlichen und dafür schön warm angezogen. Und wie man sieht, ist sie nicht alleine auf die Idee gekommen. (Nicht im Bild: der Papierkorbdurchwühler zehn Schritte weiter.)

Noch ein ganz mutiger Mit(tags)ruhender: vor dem Café ohne Namen am U-Bahn-Ausgang Bismarckstraße. Nennen wir ihn Robert, der auf einen Cappuccino und ein Viertelstündchen der Hektik in seiner Werbeagentur entkommen ist. Denn nie, niemals hätte ich gewagt, ihn aus seiner Lektüre zu reißen, um nach seinem richtigen Namen und Erwerb zu fragen. An den Namen des Cafés erinnere ich mich, ehrlich gesagt, einfach nicht. Was es schon wegen der netten Bedienug überhaupt nicht verdient hat. Für Insider unter den Lesern: es ist das winzige Eckstübchen mit den verstreuten Ledersitzklopsen. Hinter dessen Glaswand die zwei Mademoisellen auf dem nächsten Bild verschwommen und verwackelt ruhen.

Beim nächsten Bildertrip bin ich dann ziemlich vom Dienstweg abgekommen – direktemang hinein ins Wochenende, einen Wetterwechsel und das Angrillen – irgendwo in Friedrichshain. Die Lüfte wurden linder, dafür aber ziemlich feucht.

Und da haben wir ihn wieder, unseren Bratwurstmann mit dem Schirm. Okay, es ist ein anderer. Der Schirm – und auch der Mann: Axel, der tapfere Grillwurstretter, von allen kleinen Mädchen bewundert. Die Party fand wegen des Dauerregens und passend zum Friedrichshain in einer überdachten Toreinfahrt statt. Es gab multikulti Geklampftes par excellence von J. Und regen Zulauf aus der Nachbarschaft, die immer gern ruht, szenegerecht chillt oder hüpft und sich niederlässt, wo man singt. Genau richtig war hier auch die hübsche Zuzan mit den Dreadlocks, und nein, das ist kein Joint; in der Kippe liegt die Ruhe. 😉

Die vorletzten Schnappschüsse sind von einer Indoor-Party, wegen der Nachtfröste. Die zwei sind Touris, kommen aus den Bergen und wollten mal ‚Berlin gucken‘. Ich hab ihnen versprochen, sie Kai und Lisa zu nennen. Denn Kai ist grad im Bewerbungsmodus, und man kann ja nie wissen, ob der Personalchef nicht mal schnell im Internet guhuugelt, wie versoffen oder verbohrt sein künftiger Mitarbeiter ist oder wie verspielt seine Perle. (Hmjoh… das T-Shirt kam beiläufig direkt aus dem mitgeführten Wanderrucksack auf den Mann, nachdem der Inhalt des vorletzten Glases – hier nicht im Bild – durchs Hemd geflossen war. Von außen.)


Der letzte Mitruhende, auch wieder etwas diffus geraten, ist eher ein Nebenprodukt und irgendwie aus Versehen ausm elften Stock passiert. Also nicht er selber, sondern das Abbild von ihm. Der sah aus, als hieße er Fred und hätte grad die Freundin beim versuchten Überraschungsbesuch im Plattenbau verpasst; ans Handy ging sie auch nicht. Folge 1, 2 und 3 aus der Reihe: Be an Unruh…ender.

Dies mein Beitrag zum Be-a-Mitruhender-Glücksspiel.

Aus tiefster Barfußmädchenseele im leider noch festbeschuhten Frühfrühling hier.
(Und Herrgottnochmal, die ist immer viel zu weit für _nur_ein_Bild. Und lässt sich einfach nicht in ein Regel(schuh)werk zwängen.)
Hab ich jetzt verloren? 😉

Bilder: Selberknipsing und: Klick macht groß.
Video: Reinhard Mey. Frühlingslied. Vom Album: Hergestellt in Berlin (1985). Via youtube und gebjgbtl571b.

Yumiko oder Through the Looking-Glass, and What I Found There

März 20, 2011 um 6:56 pm | Veröffentlicht in Berlin, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, So Momente halt... | 6 Kommentare
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„Nagaki yo ya
omou koto iu
mizu no oto.“

So lang die Nacht, ach,
Und, was ich denke, sagt nur
Des Wassers Rauschen.

(Japanisches Haiku, v. Gochiku)

ochbetrieb. Die Hütte ist voll.
So ist es immer am Montagmorgen vor Neun. Alle Hände werden gebraucht. Sie fliegen über die Tastaturen und die sechs Computer glühen. Stimmengewirr. Scherzen, Schimpfen, Ungeduld. Und tausend Fragen der Studenten in der letzten Viertelstunde vor Kursbeginn. Alle Welt trifft sich im Schulbüro am Montagmorgen. Die ganze Welt.

Eine schmale Mädchenhand. Sie schiebt mir ein Foto über den Tisch: sanfte Mandelaugen unter einem dunklen Fransenpony, langes Haar von der Farbe des Sommernachtshimmels.

Das Foto wird auf ihrem Zeugnis kleben, Deutsch-Zertifikat, Stufe B2.

Sie lächelt, als ich ihr Glück für die Prüfung wünsche.

Die Mandelaugen lächeln nicht.
Sie sind wie der glatte Spiegel eines schwarzen Sees. Doch in der Tiefe lodert Schmerz, tost eine Welle, die Häuser und Menschen und Dinge mit sich reißt. Schmelzen Atome, deren Strahlung Leben auslöscht und aus Städten Wüsten macht.

Unsere Hände berühren sich und unsere Blicke treffen sich für den Moment einer Ewigkeit. In der es still wird um uns. – Wo sind deine Lieben, Mädchen?

Sie heißt Yumiko.

*
***
*****

Abends auf dem Heimweg überschlägt sich der sonst Lieblingssender im Autoradio mit neuen Katstrophenmeldungen. Schneller, größer, schlimmer. Und die Moderatoren verströmen ihre Auffassung von Feierabendunterhaltung mit hirnlosen Bonmots über ein Volk von Hightech-Japanern, das gestern noch Roboter als Hausangestellte hatte und heute an Steinzeitfeuerstellen kocht. Labern merkbefreit mit EXPERTEN darüber, was für ein Riesenschwein wir doch haben, dass „DAS DORT“ „UNS HIER“ wohl nicht erwischen wird. Nicht sehr. Nur die Andern. Am andern Ende der Welt. Und GottundderZoll schütze uns vor verstrahlten japanischen Lebensmitteln! Amen.

Was ist das? Zynismus oder nur Dummheit? Oder vielleicht das Pfeifen im dunklen Wald?

Ich bin wütend und mir ist kotzübel. Ich schalte das Radio aus und möchte schreien. He Leute, kriegt ihr noch was mit??!! Wie nah ist euch der Nebenuns? Und wo ist das Ende der Welt? Die ist ein verdammtes Narrenschiff, aber es ist die einzige, die wir haben!

Ich denke an Yumiko…

…und an der roten Ampel am Frankfurter Tor falten die vergessenen Finger in Gedanken aus dem Blatt Zigarettenpapier einen Kranich.

Video: Reinhard Mey: Die Mauern meiner Zeit. Aus dem Album: Mit Lust und Liebe (1991). Via Noeki auf youtube.

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