Ein Vierteljahrtausend alt – und kein bisschen tot

März 22, 2013 um 11:05 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Hexenseele, Kalenderblätter, Kultur, Spielwiese | Hinterlasse einen Kommentar
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“Solang ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein”
(Jean Paul)

Stephan_Klenner-Otto_Buntstift_Jean_PaulEin Geschenk ist angefragt, vom Blognachbarn und Meister der Höllenfahrt und Weheklag, dem Wolf. Er regts nicht an und erbittet es nicht für sich selber, oh nein, sondern für einen guten alten Freund, der heuer sein 250. Wiegenfest feiern dürfte – so er es denn noch erlebt hätte,

“und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rothkehlchen, der Kranich, der Rohrammer, und mehre Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; — und zwar an dem Monattage, wo, falls man Blüten auf seine Wiege streuen wollte, gerade dazu das Scharbock= oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, deßgleichen der Ackerährenpreis oder Hühnerbißdarm, nämlich am 21. März; — und zwar in der frühesten frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um 1½ Uhr….”*

Der alte Freund ist Jean Paul, geboren ehedem noch als Johann Paul Friedrich Richter, aber den kennt wieder kaum einer.

Sehen wir mal davon ab, dass der März heutzutage offenbar auch nicht mehr das ist, was er mal war (wo gerade außer Schnee über Schnee überhaupt nix hier anlangt): was schenkt man einem, der schon alles hatte und sowieso gar nichts mehr braucht – seit nunmehr auch schon wieder über 187 Jahren?

Hmmm… versuchen wir es mal anders. Gesetzt den Fall, er könnte sich noch was wünschen: was täte ihn wohl freuen? –

Nun, er wollte gelesen sein. Und zwar nicht nur aus wirtschaftlichem Erhaltungstrieb, sondern weil er der Nachwelt etwas geben konnte. Dies lässt sich zumindest und unter anderem der Sechste[n] poetische[n] Epistel seiner Konjektural-Biographie entnehmen, in der er sich als “literarischen Jubilar” feiert:

Leipz. Im Nachsommer, 98
“…Ich stehe in dieser Epistel nun schon im Oktober des Lebens vor dir, mein Laub färbet sich, hängt aber noch, und der stumme Nachsommer zeigt Gespinste und Nebel auf der Erde und blauen Äther oben. Mach aber mit mir die Obstkammer dieses Herbstes auf und betrachte die kleine allgemeine deutsche Bibliothek samt den Supplementen, die ich in diesem kurzen Leben zusammengeschrieben habe….

‚…- – was war es? – Ein Traum? Aber in der kältesten Stunde des Daseins, in der letzten, ihr Menschen, die ihr mich so oft mißverstandet, kann ich meine Hand aufheben und schwören, daß ich vor meinem Schreibtisch nie etwas anderes suchte als das Gute und Schöne, soweit als meine Lagen und Kräfte mir etwas davon erreichen ließen, und daß ich vielleicht oft geirret, aber selten gesündigt habe. Habt ihr wie ich dem zehnjährigen Schmerz eines verarmten, verhüllten Daseins, eines ganz versagten Beifalls widerstanden, und seid ihr, bekriegt von der Vergessenheit, so wie ich der Schönheit, die ihr dafür erkanntet, treu geblieben?‘

Was geht mich die Jubelrede mehr an? Ich sage das: nur einmal wandert der Mensch über diese fliehende Kugel, und eilig wird er zugehüllt und sieht sie nie wieder; wie, und er sollte der armen, so oft verheerten und vollgebluteten Erde nichts zurücklassen als seinen Staub oder gar versäetes Giftpulver und Verwundete? – O wenn einer von uns eine Tagreise durch irgendeine stille Welt am Himmel, durch den milden Abendstern oder den blassen Mond tun dürfte: würd‘ er da, noch dazu wenn er ferne Seufzer hörte oder vergoßne Tränen fände, sein eiliges Durchfliehen mit herumgelegten Selbstgeschossen und ausgestreuten Dornen bezeichnen und nicht vielmehr, falls er könnte, mit irgendeiner geöffneten Quelle, mit einer zurückgelassenen Blume, oder mit was er zu erfreuen wüßte? – O es sei immer vergessen von der ganzen Zukunft, was ein sanftes Herz wollte und tat; wenn es nur unter dem Handeln sagen kann: nach langen, langen Jahren, wenn alles verändert ist und ich auf immer verflogen oder versenkt, da wirft vielleicht die Hand der Zeit den Samen des kleinen Opfers, das ich jetzt bringe, weit von mir und meinem Hügel zu irgendeiner Frucht oder Blume aus, und ein mattes Herz wird daran erquickt und schlägt voll Dank und kennt mich nicht. –

Mein Jubiläum ist aus; – aber jene Hoffnung ist eigentlich das rechte. – …”**

Ein bisschen J.P.3 klUnd gelesen wird er ja doch. Von mir jedenfalls (und nicht nur von mir) – und ich würde nichts von all dem Gelesenen missen wollen. Mein erster Jean Paul war ein schmales Bändchen von Kiepenheuer “Bemerkungen über uns närrische Menschen” – aus der Zeit, als ich noch ein exzessiver Aphorismen-Freak war. Das hat mittlerweile ein halbes Menschenleben auf dem Buckel und ich hab und mag es immer noch – doch sind mit den Jahren ein paar umfänglichere Jean Paulsche Auslassungen und Romane hinzu gekommen.

Um nochmal ein klein wenig auf der vom Wolf zitierten Weheklag eines Verlegers herumzureiten: Nein, das zehnbändige Gesamtausgaben-Möbel von Hanser beherberge ich nicht in meinen vier Wänden, werde es womöglich auch nie (oder doch?) und befinde mich damit offenbar in zahlreicher Gesellschaft von Leuten, denen der Mann durchaus nicht fremd ist. Wo liegt die Bemessungsgrenze für Jean Paul? Und w i e wird die Liebe zu seinen Werken gemessen? Etwa in Metern? Ich jedenfalls mag ihn sehr – wie bescheiden mein J. P.-Sammelsurium nun sein mag oder nicht.

“Mein Jubiläum ist aus”, schließt er – wohl etwas wehmütig – den Jubilierpart der Sechsten poetischen Epistel. Zum Glück ist es nicht so und womöglich würd‘ er vor Freude auf seinem Grabhügel tanzen, wenn er auskosten könnte, dass die deutsche Literatenwelt ihm ein ganzes Jean-Paul-Jahr schenkt. Das ist nicht wenig – so mancher bekanntere Kopf dümpelt ganz alltäglich durch sein halbvergessenes rundes Jubiläums-Anno, haben wir alles schon erlebt.

Auch hier in Berlin feiert und veranstaltet man ihn. Was nur recht und billig ist, denn bekanntermaßen veranlasste ihn die begeisterte Affinität der preußischen Lieblingsmajestätin Luise zu seinen Werken seit dem “Kleinen Musenhof” ihrer Schwester, nach hier umzuziehen – und zwar lange, bevor der Luisen-Fankult einsetzte. Und vielleicht ist dem Umtriebigen und Unsteten ja dieser Ortswechsel von Weimar nach Berlin gar nicht so schwer gefallen – sein Verhältnis zu Goethen und Schillern soll ja eher ein wenig unterkühlt gewesen sein, zumindest von deren Seite.

Das erste Event der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gestern Abend musste ich allerdings leider wegen Unkompatibilität des Timings mit dienstlicher Abkömmlichkeit schon mal verpassen: die Lesung der “Flegeljahre” in Untermalung durch Robert Schumanns “Papillons”, von selbigen inspiriert. Wünsche allen Anwesenden, viel Vergnügen dabei gehabt zu haben. Bleibt mir immer noch das “Dintenuniversum”, das beginnt erst im Herbst und zieht sich bis zum Jahresende hin, da wird ja wohl für einen Ausstellungsbesuch auch mal dienstfrei sein.

Jean Paul bescheidene Sammlung4 klUnd was schenk ich ihm nun, dem Jean Paul?

Zwei Dinge: Aufmerksamkeit bis ans Lebensende – also meines, und vorerst schmale dreißig Zentimeter in meinem Bücherregal – mit Platz für herzwarmen Zuwachs. Ach ja… und natürlich obigen bescheidenen Blogeintrag. Jubilierum jubilarum.

Ist es genehm, Wolf? 😉

Fehlt noch der Soundtrack für heute (na, wenn der sich nicht geradezu aufdrängt): die Papillons Op.2 von Robert Schumann, gespielt hier von Swjatoslaw Richter:

Quellen: * und ** aus: Jean Paul. Selberlebensbeschreibung. Konjektural-Biographie. Reclam 1971. Jean-Paul-Porträt: Buntstiftzeichnung von Stephan Klenner-Otto. 2010 – via Seite der Staatsbibliothek Bamberg. Bescheidene Jean-Paul-Büchersammlung 1 und 2: Ich, zu Hause.

Kein Neujahr für Warmduscher

Januar 9, 2010 um 3:53 pm | Veröffentlicht in 2010, Alles platti, Berlin, Fest-Platte, Hexenblabla, Hexengeschichten, Hexenseele, Kalenderblätter, Neujahr, Real-Poetisches, Träller-Hexe, verwoben geschroben, Wetter-Hexe, Zuhaus-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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Oder: PSYCHOdelische Wünsche von Haus zu Haus

m neuen Jahr Glück und Heil.
Auf Weh und Wunden gute Salbe.
Auf groben Klotz ein grober Keil.
Auf einen Schelmen anderthalbe.
(Johann Wolfgang v. Goethe)

Die Morgenstunde des ersten Tages im neuen Jahr blinzelt durch die Eiskristalle auf ihren Wimpern, mit leicht verschneitem Blick. Am Cecilienplatz schlummern die Bänke vor sich hin, locken verträumt mit flauschigweißen Daunenkissen. Doch nur ein paar aufgeplusterte Spatzen, die sich lärmend um eine barmherzig hingestreute Handvoll Sonnenblumenkerne balgen, wagen ein Probesitzen auf der – zweifellos arschkalten – Polsterung. Und hüpfen ihre winzigen Spuren in sie hinein. Schneekalligraphie.

Sonst ist es still und leer auf dem Platz an diesem späten Neujahrsmorgen: die letzten Böller sind ins All unterwegs, die letzten Silvesterpartylöwen gerade erst ins Bett gekrochen. In der kleinen Kneipe um die Ecke lauscht die Wirtin dem Summen des Wasserkessels auf dem Herd, serviert sich selbst den ersten steifen Grog und linst durch die Scheiben nach Gästen fürs Katerfrühstück. Und die Jauchzer vom Rodelberg hinter den Gärten murmeln sich, in Schneewatte gepackt, gedämpft durch frostige Atemwolken…

Da zerreißt ein langer, markerschütternder Schrei die himmlische Feiertagsruhe des jungfräulichen Jahres.

SchneekillerEr hallt durchs Hofkarree und wabert an den Betonmauern wieder nach oben in die letzte Etage, aus der er gekommen ist. Dem einsamen Spaziergänger treibt er mehr als alle Minusgrade eine Gänsehaut samt lähmendem Entsetzen in den Nacken. Hitchcock-Fantasien explodieren in ihm und ein Norman BatesPerkins der Plattensiedlung mit blitzender Messerklinge an der Faust schleicht sich in seine Gedanken. Im Affekt langt er nach dem Handy in seiner Gesäßtasche. Zieht den Kopf zwischen die Schultern und wendet sich gehetzt um – nach den Schritten, die in seinem Rücken durch den Schnee knirschen.

Im Bad einer Mietwohnung, elfter Stock links, das traurige Ende einer Tragödie: der Abfluss gurgelt höhnisch, ein letzter Seufzer. Und unter der eiskalten Dusche stirbt barfuß bis zum Hals… meine stille Hoffnung. – Dass das seit dem Silvestermorgen plötzlich ausgebliebene warme Wasser (verdammte, verweichlichte Zivilisationskrüppel, wir!) selbstverständlich wieder aus dem Hahn plätschert. Dass es wie früher, als alles noch viel besser war, noch ehrbare Weihnachtsklempner gibt. Dass im neuen Jahr alles gut wird. Dass wir in diesem endlich mal Zeit für die g r o ß e n Fragen des Lebens……

Wie bitte? Was? Nönööö, es geht mir gut, dochdoch. Solidarische Grüße von hier aus an alle andern Festtagsgeschädigten und glücklichen Überlebenden. Und an den hilfesuchenden Unbekannten, der mit dem Suchbegriff des Tages zum Hexenblog gefunden hat: ‚Wie wirft man einen Christbaum aus dem Fenster?‘ – Vooorsichtich! sag ich. Oder warten, bis der Nachbar unten vorbei geht. Tsss… wohl keinen Fernseher! Etwa noch nie die KnutWerbung des berühmt-berüchtigten Holzmöblers gesehen? [Anmerkung: Ich hab übrigens noch nie, nie, nie einen Tannenbaum aus dem 11. Stock geworfen,einen Christbaum sowieso nicht. Mir fehlt immer die Traute, ob ich den Nachbarn von da oben auch richtig treffe.]

Ach ja, eigentlich wollte ich euch nur was wünschen, liebe Hexen-Leser und -freunde. Gut im Jahr 2010 angekommen zu sein nämlich. Und auch sonst alles, Schönes. Besser spät als nie! Wohin es uns diesmal bringt, wissen wir spätestens in 356 Tagen. Hexens Herzenwunsch für euch: Geht es an, wie der alte Herr Geheimrat oben und seht’s nicht zu verbissen! Mit dem halt ich es auch – und versuche dasselbe. (Weitere gute Vorsätze bitte erst im Rest des Jahres dazuerfinden, akut und zeitnah. Sonst wird’s eh wieder nix damit.)

In diesem Sinne…
Kommt, lasst uns leben! …und so.

Huch, wo kommen nur immer die ollen 80er Ohrwürmer her? – Na, woher schon – aus Westernhagen! 😉 (Auch in der Studioversion, nochmal mit Lürüx und ordentlichem Sound.) Oder doch von einem überstrapazierten Heimatsender, der sich im Autoradio dauernd selber einstellt?

***

Hmmjahh… ich geh dann mal. Neuen Hexentrank brauen.
Wir trinken, sehn und/oder lesen uns. Oder?
Und habt’s schön warm derweilen.

Eure baldige und machmal leicht verpeilte verwehte Schneehex‘

Must be the season of the witch

April 30, 2009 um 11:04 pm | Veröffentlicht in 2009, Berlin, Bloghexe, Hexenritte, Hexenseele, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 1 Kommentar
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Faust:
Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich führen.
Ich denke doch, das war recht klug gemacht:
Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht,
Um uns beliebig nun hieselbst zu isolieren.

Mephistopheles:
Da sieh nur, welche bunten Flammen!
Es ist ein muntrer Klub beisammen.
Im Kleinen ist man nicht allein.

Faust:
Doch droben möcht ich lieber sein!
Schon seh ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
Da muss sich manches Rätsel lösen.

Mephistopheles:
Doch manches Rätsel knüpft sich auch.
Lass du die große Welt nur sausen,
Wir wollen hier im stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
Dass in der großen Welt man kleine Welten macht.
Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muss sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt
Nun sage mir, wo es was Bessers gibt?

(J. W. Goethe: Faust I. Walpurgisnacht.)

bchstabe-i
rgendwas (f)liegt in der Luft. Hoffentlich nur die Mitmädels auf den Reisigbesen.

Wenn nicht die ordnungshütenden Sixpacks schon tagsüber im Schwarm durch Friedrichshain patroullierten und mir den gewohnten Dienstweg durch die Straßen (ver)sperrten, statt – wie in den letzten Wochen so gerne – den neuen völkischen Klamottenshop gleich neben unsrer multikulturellen Toreinfahrt zu bewachen, dann hätten mich spätestens die wilden Horden der Hexenjäger im Wohnzimmer der heimeligen Bloghütte daran erinnert:

ES IST WALPURGISNACHT! Eine Nacht voll wilder Ausgelassenheit, voll Tanz und Zauber und Magie.

Liebe Mithexen, Molotowcocktailbastler und Maikäfersammler! Tanzt friedlich in den Mai – ums Hexenfeuer, auf dem Blocksberg oder einfach so – und lasst die Leute ihre Autos selber abwracken.

Vielleicht zu Donvan oder den frech grölenden Cover-Mädels:

Macht heut vielleicht ausnahmsweise einen kleinen Bogen um Get Well Soon 😉 …

…und bewegt die Barfüßchen lieber noch zu was Irischem – nur echt mit schottischer Landschaft und kanadischen Hexen *g*. Und wer schön lieb ist, der darf nochmal – zum in Hexis verschwenderischer Großzügigigkeit auserwählten Bonustrack von ASP mit den süßen Geistern:

ASP? Ja, das sind die Zauberbrüder mit der wirklich wunderfeinen Krabat-Scheibe.

Genug Hexentanz?
Nun dann: have fun!
(Man weiß ja schließlich, was Hex‘ sich heut schuldig ist. 😉 )

Walpurgisnacht auf Postkarten

Bild: Walpurgisnacht. Verlag J. Miesler, Berlin. Via Zeno.org: 5000 Bildpostkarten aus der Zeit um 1900
Songs: Hole: Season Of The Witch. Aus: My Body The Hand Grenade (1997). Video via youtube. Get Well Soon: Witches! Witches! Rest Now In The Fire. Aus: Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon (2008). Video via youtube. ASP: Und Wir Tanzten – Ungeschickte Liebesbriefe. Aus: Horror Vacui (Doppel-CD, 2008). Video via youtube.
.

…dann müssen wir sein, wie wir sind

Februar 8, 2009 um 10:47 pm | Veröffentlicht in 2009, Bücherhexe, Hexenseele, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 4 Kommentare
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Nachträglich zu einem Geburtstag

„Du bist in mir gewesen
still und die ganze Zeit.
Da hat dich nichts vermindert,
nichts hat mich so erinnert
wie deine Schweigsamkeit.“

(Heinz Kahlau. Nach einer Reise. Aus: Du. Aufbau. 1974)

portrat-aufbau-verlEr gehört zu den Poeten, die noch als richtige Arbeiter richtig mit den Händen zupacken (un)gelernt haben, saß auf dem Traktor, zog Kabelstrippen und stand an der Drechselbank. Er war Meisterschüler von Bertolt Brecht und hat das Flugbrett für Engel erfunden (pssst! – eines von denen benutze ich selber noch manchmal). Er hat mit seinen Stücken Kindertheater groß gemacht und als Mit-Drehbuchschreiber auch den Manfred Krug (da schau, noch ein Geburtstagskind!). Er hat Rock-Songtexte geschrieben und Schreiberpreise eingeheimst. Und schon vor dem Mauerfall ein Querholz geschnitzt. Er kann auch Märchen. Und Nachdichtungen, vom amerikanischen Arbeitersong bis zum französischen Chanson. Er trägt einen Namen, der nicht zum Ka(h)lauer taugt, auch wenn er so klingt. Einen, den im Osten dereinst jedes Kind kannte.

Heinz Kahlau.
Heute Inselbewohner, auf Usedom.
Schreibt immer noch.
Wird – immer noch – bei Aufbau herausgegeben.
Und hatte gerade Geburtstag den ich wieder mal verträumt hab, seinen achtundsiebzigsten.

Hinter GlasAm liebsten und schönsten ist seine Liebeslyrik – find ich. Und hüte seit Jahr und Tag ein heftig zerlesenes Bändchen solcher seiner Verse herznah in meinem Bücherregal – Du. Öhm… also letzeres ist der schlichte Titel besagten Büchleins. Schlicht und klar wie die Worte darin: von Herz und Schmerz, Vertrauen und Verletztsein, von Zärtlichkeit und Zerrissenheit, Atemlosigkeit und Alltag, Enttäuschung und Hoffen, von Kämpfen und Aufgeben, Wärme und Kälte, Freundsein und Feindsein – ach, wer kennt es nicht, das ganze Chaos und Himmelhochjauchzen-Zutodebetrübtsein, wenn Menschen einander nahe kommen. Geradeaus und ehrlich, zart und robust, ohne Schmalz und ohne Schwulst. Gedichte, die kein Leben retten, und doch manchmal – vielleicht – ein bisschen leben helfen.

Nun aber mal gut und genug des Überschwalls, sonst merkt am End noch alle Welt, wie sehr ich sie mag. 😉 Zu spät? Was soll’s. Lass‘ ich halt lieber einen andern über ihn zu Worte(n) kommen.

Jurek Becker (ja d e r Jurek Becker) hat in seinem DU-Nachwort auf drei kleinen Seiten und mit einem kleinen Lächeln hier und da ein paar kleine – wissenswert menschliche – Dinge über den Menschen und Dichter Heinz Kahlau geschrieben. Auch dies:

“Mancher Dichter übt während des Schreibens zu leben, vollzieht nach, Erfahrungen werden zu Handlung, zu Reisen, das Gedicht lässt sich häufig an irgendwie Erlebtem überprüfen, zumindest davon herleiten. Bei Kahlau der umgekehrte Eindruck. Mag sein, es handelt sich um ein geschickt angelegtes Täuschungsmanöver, aber der Verdacht will sich nicht beruhigen, dass er ungebührlich oft damit beschäftigt ist, Geschriebenes oder Entworfenes zu testen. Mit Fragen, seltener mit Antworten, mit Blicken. Als ob er dich ständig als Vehikel […] benutzt…”

Nun, der Leser ist nie Vehikel, glaub ich. Der macht sich sowieso seinen eigenen Reim auf alles, was er in sich herein lässt. Und Kahlaus Lyrik ist etwas zum In-sich-Hereinlassen – dagegen kannst du nicht an und wehrst dich nicht.

Na, dann darf jetzt auch mal der Meister selber:

...wie wir sind

Die Liebe (I)

Manchmal kommt es,
dass die Liebe uns einreden will,
wir könnten andere sein,
als wir sind.
Wir glauben es auch,
solange die Liebe noch lauter ist
als wir selber.
Wehe aber,
die Liebe muss Atem holen.
Dann hören wir wieder
auf uns,
dann können wir
nicht mehr sein, wie wir wollen,
dann müssen wir sein,
wie wir sind.

Hm, ich weiß nicht, ob Sonntagabendstimmung so gut ist für Wahrheiten, denen man in sich selten Worte gibt. Oder? Noch eins?

Verletzt

Verletzt

Die Wärme, die so dicht um meine Schultern lag,
hast du mit einer harten Geste weggezogen.
Jetzt ist mir kalt am heißen Sommertag.

Der allzu scheue Vogel Zärtlichkeit,
von deiner bösen Stimme ist er aufgeflogen
bis zu den Toten. Zittert dort und schreit.

Du hast ihn um sein schönstes Nest betrogen,
das es sich selten aus vier Händen baut.
Du warst zu schweigsam, und du warst zu laut.

Na gut, eins noch – auch, damit es ein bisschen sonnig endet:

Für dich schön

Alltägliche Lieder von der Liebe (II)

Ich muss jetzt nur noch rasch
hinunterlaufen,
muss Brot und Milch und ein paar Äpfel kaufen,
dann hab ich Zeit für dich.
Entschuldige,
es sieht hier schlampig aus,
doch ausgerechnet heute
kam ich sehr spät nach Haus.

Komm, setz dich doch –
versuch was fernzusehn.
Ich komme gleich,
du musst das schon verstehn,
ich komme gleich
und mach mich für dich schön.

Noch eins und noch eins und die ganzen andern stehn in dem Büchlein (und nicht nur in dem) – gibt’s bei amazonens, zu jämmerlichen Ramschpreisen wieder mal. Schade eigentlich. Und schad auch, dass so viele den Kahlau nicht mehr kennen…
Tsss… die Werbung, die ich hier fürn aufbau Verlag mache, kann gar keiner bezahlen. 😉

Ach ja, und irgendwer muss sich gelegentlich mal über den mickrigen und für meine Begriffe etwas tendenziösen Wiki-Eintrag zum Kahlau hermachen, das hätte der verdient. Oder soll ich das etwa a u c h noch selber…?

Es führt ein Weg nach...

Bilder: Heinz Kahlau. Porträt. Via hpd. Bilder 2-5 – via myflyaway. Regenweg: Alan Dickson.
Texte: Aus: Heinz Kahlau. Du. Aufbau Verlag 1974. (Private Verwendung nach Creative commons Lizenz.)

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