Schnee und Lehm und Euraketen. Neujahr für alle!

Dezember 31, 2012 um 10:05 pm | Veröffentlicht in Berlin, Bloghexe, Fest-Platte, Hexentanz, Neujahr, So Momente halt... | Hinterlasse einen Kommentar

ein weie schon so oft, ist wieder mal ein rundes Jubiläum untergegangen. Nämlich heute vor 540 Jahren wurde in Amsterdam das Werfen von Schneebällen verboten:

„Neymant en moet met sneecluyten werpen noch maecht noch wijf noch manspersoon.“
(Niemand soll mit Schneebällen werfen, weder Jungfauen noch Weibs- noch Mannsleute.)

Im Unterschied zu uns innerlich näherstehenden Jahres- und Jahresendtagversäumnissen zucken wir hier lakonisch mit den Schultern: Na und?! Bei uns hats heuer nicht mal Schnee. Und bleiben angesichts der Tatsache, dass in der Berliner mitteljüngeren Folklore mit ganz anderen Sachen geschmissen wurde,

sowie angesichts eines gerade überstandenen Weltuntergangs in einem fast überstandenen Jahr ganz gelassen. Zumal wir uns justamente heute wieder von noch ganz anderen Geschossen bedroht sehen. Schall und Rauch, ins All geballert von dem Geld, das angeblich alle gar nicht übrig haben.

Aber es ist Silvester und das neue Jahr scharrt nebenan schon ungeduldig mit den Hufen. Das alte war etwas blogarm hier bei mir; man denkt ja gar nicht, was ein exzessiv gefräßiger Vollzeitjob nebenher manchmal so alles bloggen… öh, blocken kann. Erwarte jetzt auch bloß keiner einschlägige gute Vorsätze von mir, höchstens die leise Hoffnung, dass auch das nur besser werden kann.

Und also brenne, wer mag, mit mir eine leise Wunderkerze ab, sage (mit einer kleinen Anleihe an die charmelancholische Wiener Folklore) beim Abschied leise Servus und ganz prosaisch optimistisch (wahlweise ersetzen durch: fatalistisch, verklärt, euphorisch o. ä., ganz wie’s beliebt): Willkommen 2013! Mal sehen, was es uns bringt.
wunderkerze1

Und – man kanns ja nicht oft genug sagen -: Vorsicht mit den guten Vorsätzen. Wie die meist enden, weiß man ja…

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müßte sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.

Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müßte sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.

Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müßte Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.


Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die andern aber finden, daß man müßte…
Es ist fast als stünd man beim lieben Gott
Alleine auf der schwarzen Liste.

Man zog einst ein Lebenslos zweiter Wahl.
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
elke-hexe-form-we2.gifBehutsam verpackt man sein kleines Ideal.
Einmal aber sollte man… (Siehe oben!)

(Mascha Kaleko)

Hach… aber ein hübscher Gedanke ist es schon…

So, und nun küsst euch, ihr alle, und mich, ihr Lieben, und kommt gut rüber. Wir sehn uns dann.
Eure Hex‘

Die Wohers: Claire Waldoff: Wer schmeißt denn da mit Lehm? via youtube. Mascha Kaleko: Einmal sollte man…. In: M. Kaleko: Das Lyrische Stenogrammheft, Rowohlt Taschenbuch, 32. Auflage von 2007.

Ein Teller Buchstabensuppe

Dezember 21, 2010 um 7:32 pm | Veröffentlicht in 2010, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kultur, MarktLückenbauten, Neulich nebenan, Real-Poetisches | 8 Kommentare
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… stand als Menü auf der (Eintritts)Karte So einen kriegst du aus keiner Tütensuppentüte, nicht von Maggi oder sonstwem. Oder hat wer schon mal lateinische, gemixt mit griechischen, arabischen und chinesischen Nudeln Schriftzeichen in seinem großen Löffel schwimmen sehen?

Die bunte babylonische Suppe zu dieser Nachlese ist längst ausgelöffelt. Aber man kommt ja zu nix mehr heutzutage, nicht mal dazu, seine paar verwackelten Bilder im Blog aufzutischen.

Und wie sie alle, alle kamen: Weltenbummler und Urlaubsplaner, Goldsucher, Landflüchter und Abenteurer. Die Herden der hergeprügelten Schulklassen, von praxisnahen Schulmeistern zu polyglotter Zukunftsplanung mittels Spracherwerb angehalten. Die bildungshungrigen Familien, zwei- bis nochmehrsprachigen Nachwuchs aufziehend oder den fernwehen Pubertanten im Schlepptau. Die Lehrer und Lerner. Die dienstreisenden Delegationen der Geschäfts-, Kontakt- und Ideenfischer. Dazu ganze Heerscharen ebenso frischgebackener wie vitae- und visitenkartengespickter Magister, Designer, BWLer, Multi- und Kulti-Manager auf Erwerbssuche. Und ein paar schräge Vögel – mit skurrilen bis suspekten Produkten im mobilen Esoterik- oder Wunderheilerrucksack. Die fliegen, scheints, überall ein und finden ihren Weg schlafwandelnd mit orakelgestützter Sicherheit.

Die ‚Suppenköche‘, laut Zählung der Veranstalter und exklusive der munteren Küchenjungen und patenten Bedienungen (bei denen meine Wenigkeit inklusive) vorgeblich ungefähr zweihundert, ließen sich denn auch nicht lumpen. Beim Chinesen… öhm, also beim diesjährig exponierten Gastsprachenland in Gestalt volkreicher Konfuzius-Institute durfte man Schlange stehen, um sich seinen Namen in annähernder Bedeutung kalligrafieren zu lassen. Kulant und völlig ohne Anstehen gabs dazu die ganztägige Ommm-Palastbeschallung des Schattenboxer-Soundtracks. Allerdings auch ohne Vorwarnung, dass dass man sich von der als noch so tapfere Bedienung nach spätestens einem halben Tag ein Trauma einfangen konnte.

Die Basken, unsere fröhlich-freundlichen Standnachbarn, starteten ein spontanes Kamerashooting, mittels dessen wir ihre zahlreichen Opfer zur zungenbrechenden Frage „Badakizu euskaraz hitz egiten?“ (Sprichst du Baskisch?) digitalisiert wurden. Die zungenbrechende Antwort darauf hab ich, trotz Auswendiglernen, leider wieder vergessen. 😉 Dafür aber jetzt einen Baskisch-Crashkurs auf Gratis-CD. Nebenher verteilten sie Snacks, die von weitem wie Mini-Hotdogs aussahen und so bekömmlich wie das Zellophan um sie herum.

Bei den Argentiniern lernte der hereinschneiende eher Steak- als Nudelesser in lupenreinem Spanisch, wie ein einheimisches Hochlandrind fachgerecht in mundlich tellergroße Hüftsteaks zerlegt wird. Später dann auch noch, warum und wie man nach deren genüsslichem Verzehr einen feurigen Latinotango aufs Parkett legt.

Am Stand gegenüber wurde der sprach- und arbeitswillige Besucher ermuntert, nach Irland auszuwandern. Da wollte ich sowieso schon immer hin, habs mir jedenfalls mal vorgemerkt – fürs nächste Leben oder so.

Und eine Etage höher fanden parallel in mehreren Sälen die obligatorischen Vorträge und Symposien für Sprachoholiker statt. Was für das Publikum besonders dann lustig wurde, wenn die Stimmgewalt eines bierernsten Redners zum gewichtigen Thema Interkulturalität rettungslos im Johlen einer Kinderhorde unterging, die nebenan mit dem Affen Oskar oderwiederhieß den Urschrei lernte.

Mein stiller Favorit: Russischkurse bei Lew Tolstoi. Also nicht bei ihm persönlich, glaub ich, aber in seinem originalen Jasnaja Poljana. Vertickt an einem kleinen versteckten Stand von zwei schweigsamen russischen Schönheiten. Na, wenn das kein Angebot ist, erst recht im Jahr seines 100. Todestages und wer wollte nicht schon immer mal Tolstoianisch können und nebenher in die realpoetische Kultur des alten russischen Dorfes reinschnüffeln.

Das schönste Lächeln: in den Frätzchen der Kinder, die sich mit diebischer Freude überall mit Werbekugelschreibern, Schlüsselbändern, Luftballons etc. eindeckten und mit multikulti Süßigkeiten vollstopften. Der bissigste strengste Blick: in den Pokerface-Visagen der Türsteher, deren wachsamem Holzauge kein Terrorschläfer entging. Wahrscheinlich sogar ohne das HighTec-Sicherheitsgate in Flughafenmanier, dem sie vor- und hinterstanden.







Alles zusammen: ein synästhetisches Süppchen.

Ach, lustig wars. Und wer braucht schon arbeitsfreie Wochenenden!
Die nächste Expolingua Berlin kommt bestimmt.

Ah ja… und Vooorsicht beim Gebrauch von Buchstabensuppenbuchstaben! 😉

Video: Via youtube. Chinesen-Illus: weiß ich nicht mehr; grummelnde Urheber bitte melden. Alle anderen Bilder: selber verwackelt.

Streberlied

Juli 14, 2010 um 4:43 am | Veröffentlicht in Bloghexe, BlogMist, Filosofaseln, Hexenblabla, Hexenlieder, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Spielwiese | 3 Kommentare
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Ein Beitrag zum Programm Strebenslanges Lernen
oder: Wir dichten das Sommerloch


Wasserspielas tut die Hex‘, wenn der Tag kurz ist und die Stunden knapp? Na was schon – spielen! Spielen und dichten. Okay, okay… mehr so reimen.

Drauf kommen tut man auf sowas nicht mal von selber. Die schnuckeligsten Anlässe zum gepflegten Zeitverschwenden (mitsamt der unausgesprochenen Frage: Wie verschwendet man etwas, das man gar nicht hat?) erfindet ja immer der Wolf in seinen motivierenden Preisausschreiben aufm Nachbarblog, der wo Hexens Wa(h)lheimat ist, wie mittlerweile bekannt. Teilnahme Herzenssache.

Das verflossene und unlängst ausgerufen gewesene forderte Einsatz (oder einen Satz? oder einen halben?) zur Vervollständigung des angesägten Spruchs „Es strebt der Mensch ein Leben lang….“

Phhh… ich und _ein_Satz?! Mich stoppt ja nich mal der Dreisatz in meiner ureignen angeborenen Zwölfodernochmehrtonigkeit. Schon gleich gar nicht, wenn die Mußeminuteln wiedermal nicht reichen, sich mit Würze in Kürze zu fassen (was schon Meister Goethe wusste, als er noch nicht mal Geheimrat war. 😉 ) So sprudelte und murmelte denn aus der ollen Streberhexe die uferlose

(Un)Ode an das ewige Streben… und so

Es strebt der Mensch ein Leben lang
im Tun und auch im Meiden
nach Hab und Gut, Wein, Weib, Gesang,
nach Freuden – oder Leiden,

nach Sinn und Unsinn, Lohn und Brot,
nach Gipfelsturm, nach Ruhe.
Und kriegt er keine Flügel nicht,
will er bequeme Schuhe.

Der strebt nach Macht, nach Volk und Raum,
will siegen oder erben,
der nach Willkomm, nach Abschied kaum –
drin haust ein kleines Sterben -,

strebt auf, strebt ab, nach Höh’rem gar,
verbissen und versponnen,
und sieht sich oft doch wieder da,
wo alles hat begonnen,

strebt von der Wiege bis zum Tod –
geklagt sei’s und gepfiffen -,
in seinem Lebenssegelboot
die Klippen zu umschiffen,

auf die es ihn tagein, tagaus Barfuß nach Strandgut
in Sturm und auch bei Flaute,
bei Wellengang und stiller See
hintrieb: wo Finstres graute,

wo Morgenrot ihn mal ergriff,
als neue Ufer harrten;
wo ’s Steuer brach, das ganze Schiff,
als ihn Sirenen narrten

vielleicht auch der Klabautermann –
mit Sang und mit Verlocken,
mal kam er, mal kam er nicht an,
tat Lieb‘ und Seel‘ verzocken.

Sieht Inseln blühen oder Wahn,
weiß nie, was kommt am Ende,
er strebt und rackert, dass sein Kahn
auch mal ’nen Hafen fände.

Der hier will alles, der da grient,
nimmt’s leicht, was kommt, mit Spaß.
Kriegt einer je, was er verdient? –
Der sag‘: wie geht denn das?

Der alte Mann am Fische zieht
im Meer, das ihm verwandt.
Der Dichter träumt, dass einst ein Lied
man singt – von seiner Hand.

Ich streb und taste mit dem Zeh,
dem großen und dem kleinen,
dass ich nicht fall und aufrecht geh
auf Wiesen, Strand und Steinen,

aus Strandgut Hühnergötter klaub
oder ’nen Engel fänge…
was Glück bringt, wenn ich nur dran glaub-
in angemessner Menge.

Es irrt der Mensch, solang er strebt
und andersrum stimmts auch,
wer ohne Fehl‘ ist, werf‘ den Stein –
die Sehnsucht wohnt im Bauch.

Du liebst, strebst, träumst, traumtanzt – und fällst.
Ja mei, auch das kommt vor.
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
der ist ein armer Tor.

So gehts uns allen, gell, mein Freund?
Da hilft auch kein Gezeter.
Der Trick ist: wieder aufzustehn –
lang hinschla’n, das kann jeder.

Was sind wir doch ein seltsam Tier,
das großtut: “Streber samma!” –
Zuviel gestrebt, das wissen wir,
bringt Stress und Katzenjammer.

Mensch, alter Streber, halt mal ein!
Was musst du stets durchs Leben rasen?
Soo schlimm kann es doch wohl nicht sein:
sich einfach auch mal treiben lassen…
die Beine baumeln… Wolken zählen…
die Sommersprossen auf der Nasen…
die Lieblingshandynummer wählen…
auf der Mundharmonika blasen,
zu zweit allein das Eine tun, Zurück ans Ruder!
in Platten stöbern oder Truhn,
zu Haus in sich sein dann und wann,
bevor der Tanz hebt wieder an.

Es strebt der Mensch sein Leben lang,
ob er gesund ist oder krank.
So soll’s wohl sein. Die Zeit verrinnt,
drum, Steuermann: bleib hart am Wind!
Zurück ans Ruder in dein Boot –
weil wenn du aufhörst, bist du tot.

Ha, gewonnen hab ich trotzdem was, was richtig Großes: Glockensang und Lautenklang. Der Sound wird niemals alt und trägt in seiner ganzen Melancholei durch einen Sommer samt – und sonders – dessen langen lauen Nächten. Und noch viel weiter.
Danke Wolf. Ein ganz großes.

Ach ja, hier noch der Soundtrack für heute: mit den Katzenjammerinnen wider jeglichen solchen:


If we live through this night and we’d still be allright, sehn wir uns demnächst. Wieder hier… oder in einer Bar in Amsterdam. 😉

Bilder: Strebermädchen – via Lemmy the Mod, Bootmädchen – via Inmyfathersshadow, The man the sea saw – via Themantheseasaw.
Video: Katzenjammer. A Bar in Amsterdam. The official music video – via youtube.

Spätsommergewitter

August 25, 2009 um 11:54 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Bilderhexe, Bloghexe, Hexenblabla, Hexenlieder, Hexentanz, Real-Poetisches, Spielwiese, Wetter-Hexe, Zuhaus-Hexe | 5 Kommentare
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Hmm… das soll Urlaubswetter werden? Na, ich weiß ja nicht.

gewitterhimmel ohne rb häuser
regen an der Fensterscheibe
Regenbogen kla Karreeregenbogen mit hochhäusern vk

Der Sommer atmet aus

buchstabe b 1öen pfeifen um die Eckeregenschirm marg vkl
und ein Windstoß – so ein Schuft! –
zerrt mich dreist dort in die Hecke,
zaust mein Haar, nimmt mir die Luft.

Ein Hut und Nachbars Abendzeitung
spielen Haschmich übern Platz,
Mutter Nachbar voll Verzweiflung
hinterher, doch – für die Katz‘.

Im Blitz-Licht posen Sturmwindsbräute,
ein Donner grollt, was uns gleich blüht,
ein Nass klatscht auf versprengte Häute,
alles rennet, rettet, flieht.

Vor dem Fenster dräut das Wetter –regenflugobjekt5_2
Dieser Sommer atmet aus.
Schirme zu Rhabarberblättern
formt verschmitzt er außer Haus.

Doch noch hat er sich nicht verzogen,
weiß, was sich schickt so hintennach:
malt tröstend einen Brückenbogen
zum Drüber-GSehn uns übers Dach…

Ist’s das wirklich schon gewesen –
Sommerbarfußmädchenglück?
Gut. Von heut an bis zum nächsten
lieb ich mich dahin zurück.

Jaah… der gute alte Regenschirm; wollte wer so einer sein?: in einem richtigen Wolkenbruch, der von allen Seiten regnet (manchmal sogar von unten), der so vieles davonweht und -schwemmt, ist er zu nichts nütze. Und wenn’s dann wieder sommert und die Pfützen fußwarm sind, wird er in der Ecke oder an einem einsamen Haken vergessen. So richtig was wert ist so einer einem vielleicht doch nur bei einem laaangen langweiligen Landregen……?

Der musikalische Sommerschlussverkauf hat heute was Einschlägiges für Ostrock-Fans, von einer, die es konnte, wie ihre Jungs auch – Tamara Danz. Unvergessen und unvergesslich… groß…

Hmjah… das lürüsche Gewitter oben ist Hexenwerk. Hobby-Poesie – nur ein Spaß. Seid also nachsichtig mit mir, Gereimtes hab ich seit Jaaahren nicht mehr öffentlich gemacht.

Quellen: Die Bilder sind noch regenfeucht, von von eben und vom Samstagswolkenbruch über Berlin. Selber gemacht, bis auf die Regenschirme – dort nur das mausgezitterte fliegende Kritzelmädchen. 😉
Video: Silly: Bye Bye my Love. Aus: Bye Bye… – Best of Silly Vol. 1 (1996). Via youtube.

Must be the season of the witch

April 30, 2009 um 11:04 pm | Veröffentlicht in 2009, Berlin, Bloghexe, Hexenritte, Hexenseele, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 1 Kommentar
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Faust:
Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich führen.
Ich denke doch, das war recht klug gemacht:
Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht,
Um uns beliebig nun hieselbst zu isolieren.

Mephistopheles:
Da sieh nur, welche bunten Flammen!
Es ist ein muntrer Klub beisammen.
Im Kleinen ist man nicht allein.

Faust:
Doch droben möcht ich lieber sein!
Schon seh ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
Da muss sich manches Rätsel lösen.

Mephistopheles:
Doch manches Rätsel knüpft sich auch.
Lass du die große Welt nur sausen,
Wir wollen hier im stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
Dass in der großen Welt man kleine Welten macht.
Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muss sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt
Nun sage mir, wo es was Bessers gibt?

(J. W. Goethe: Faust I. Walpurgisnacht.)

bchstabe-i
rgendwas (f)liegt in der Luft. Hoffentlich nur die Mitmädels auf den Reisigbesen.

Wenn nicht die ordnungshütenden Sixpacks schon tagsüber im Schwarm durch Friedrichshain patroullierten und mir den gewohnten Dienstweg durch die Straßen (ver)sperrten, statt – wie in den letzten Wochen so gerne – den neuen völkischen Klamottenshop gleich neben unsrer multikulturellen Toreinfahrt zu bewachen, dann hätten mich spätestens die wilden Horden der Hexenjäger im Wohnzimmer der heimeligen Bloghütte daran erinnert:

ES IST WALPURGISNACHT! Eine Nacht voll wilder Ausgelassenheit, voll Tanz und Zauber und Magie.

Liebe Mithexen, Molotowcocktailbastler und Maikäfersammler! Tanzt friedlich in den Mai – ums Hexenfeuer, auf dem Blocksberg oder einfach so – und lasst die Leute ihre Autos selber abwracken.

Vielleicht zu Donvan oder den frech grölenden Cover-Mädels:

Macht heut vielleicht ausnahmsweise einen kleinen Bogen um Get Well Soon 😉 …

…und bewegt die Barfüßchen lieber noch zu was Irischem – nur echt mit schottischer Landschaft und kanadischen Hexen *g*. Und wer schön lieb ist, der darf nochmal – zum in Hexis verschwenderischer Großzügigigkeit auserwählten Bonustrack von ASP mit den süßen Geistern:

ASP? Ja, das sind die Zauberbrüder mit der wirklich wunderfeinen Krabat-Scheibe.

Genug Hexentanz?
Nun dann: have fun!
(Man weiß ja schließlich, was Hex‘ sich heut schuldig ist. 😉 )

Walpurgisnacht auf Postkarten

Bild: Walpurgisnacht. Verlag J. Miesler, Berlin. Via Zeno.org: 5000 Bildpostkarten aus der Zeit um 1900
Songs: Hole: Season Of The Witch. Aus: My Body The Hand Grenade (1997). Video via youtube. Get Well Soon: Witches! Witches! Rest Now In The Fire. Aus: Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon (2008). Video via youtube. ASP: Und Wir Tanzten – Ungeschickte Liebesbriefe. Aus: Horror Vacui (Doppel-CD, 2008). Video via youtube.
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Vor dem Mast und unter Segeln

April 2, 2009 um 12:05 am | Veröffentlicht in Bücherhexe, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Blogroll, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Werbehexe | 4 Kommentare
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Kartoffel-Content und ein bisschen SchleichWerbetrommeln in eigener Sache für einen großen alten Wal

buchstabe_wenn ich hier nix blogge, heißt das nicht i m m e r, dass ich überhaupt nix blogge. Manchmal blogg ich dann ja doch was – woanders. Und eine Handvoll treuer Plattenbaustammtischleser weiß es vielleicht: dass die Hex‘ auch noch eine
Wa(h)lheimat hat bei WordPressens. Auf einer Art Fliegendem Holländer namens “Pequod”, hoch in den Wanten und auf schwankenden Planken. Auf denen sie gemeinsam mit ein paar gar nicht so ungehobelten Kerlen, virtuellen Seebären mit Herz und Seele, M+M (Moby Dick + Melville) und allerhand anderem maritimem und literarisch-musi(kali)schem Zeug über alle Meere hinterherjagt.

KartoffelnIhr jüngster Fang, vor einer halben Handvoll Tage mit emsigen Fingern im SchleppInternetz aufgebracht und zurechtgetippt, war nun zwar kein Wal, vielmehr… öhm… Kartoffeln. Doch lassen sich die hier ganz gut verhökern. Wurde doch nicht nur hart am Wind vor der irischen Küste und zu Lande auf der Grünen Insel gefischt, sondern auch in preußischer Historie. Und wenn das nicht genauso gut ins Berliner Hexenbloghaus passt, soll mich auf der Stelle der Klabautermann holen.

Wohlan also, Freunde der Kartoffel, der Seefahrt und nerdigen Bildungs(lücken)bloggens! Wen zum Beispiel interessiert, was der Alte Fritz ausnahmsweise mal auf dem Sektor ziviler Wohltaten statt militärischen Drills gerissen hat oder in einem tragischen Kapitel aus der Geschichte der Iren und ihren westwärts segelnden Coffin Ships zu suchen hat, der lese Hexens

nebenan Gebloggtes.

Wer an unserm ganzen Schiff mal längsseits gehen mag und keine Angst vor hohem Wellengang hat – bitte hier lang schwimmen. Den Käpt’n und die Mannschaft täts freuen.

Nebenbei und vorab sei schon mal verraten, dass hier für irgendwann demnächst eine Extra-Seite mit Empfehlungslinks zu Lesens-, Hörens- und Sehenswertem ausm Moby-Dick-Blog geplant ist. –

Weil ich eben dort a u c h ein Zuhause hab.
Weil die Mannschaft tipp-topp ist. (Hallo Jungs! 🙂 )
Weil sie mit Hingabe schreibt, es kann und es verdient hat.
Weil Herman Melville und die Weltliteratur es auch verdient haben.
Weil ein fetter Fisch kein dicker Wal, ein dicker Wal noch lange nicht
Moby Dick und Moby-Dick zwar Weltwal, doch niemals ein Babel Fish ist.
Weil Seefahrerromantik die Mutter aller Piratenfilme, aller Fern- und Sehnsucht
und die große schöne Schwester jeder noch so naseweisen Plattenbauromantik bleibt.

hochseehex-disn-zuschnWorauf wartet ihr? Husch, Segel setzen und mit schäumender Bugwelle ab in den Frühling! Und dann vielleicht zu ’nem gepflegten kleinen Gam bei der Pequod vorbeischippern? 😉
Gerne auch öfter.

Eure Hochseehex‘

Song: Richard Thompson: Mingulay Boat Song, Aus: Rogues Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006. – Video von wolfgpunkt auf youtube. Und natürlich hier aufm Schiff.

Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren

März 1, 2009 um 4:10 pm | Veröffentlicht in Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 Kommentare
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Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen 😉 )

Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ’ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.

segelschiff-1

buchstabe-n2-zuatürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?

Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.

mermaid-romant-via-never-sea-landDoch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…

Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?

So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.

“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”

Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”

Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.

“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”

“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”

“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”

“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”

“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”

Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:

“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“

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“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”

“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ’ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“

„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”

“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“old_humpty_dumpty-zustre

“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“

“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ’ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“

„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“

„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“

„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“

„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“

„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“

„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“

„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“

Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.

Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…

Keiner?

schmitz_mobyMoby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‚Weltverändern‘, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”

Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…

“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”

*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.

Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.

„I get a little warm in my heart…“

Februar 21, 2009 um 4:25 pm | Veröffentlicht in Bloghexe, Dings des Tages, Fest-Platte, Real-Poetisches, So Momente halt..., Wetter-Hexe | 5 Kommentare
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buchstabe_ach, man kommt einfach zu gar nix mehr vor lauter Existenzerhaltung und Schneeschippen. Selbst das heutige Dings des Tages ist längst überm Verfallsdatum, weil schon von gestern. Wenigstens ist es… hmm… rund. Dochdoch, ziemlich rund sogar. War es jedenfalls gestern noch. Viel mehr weiß man allerdings nicht über das Dings, auch heute noch nicht. Und genaugenommen ist’s eigentlich alles andre als ein Dings…

>>>>> Und: NEIN, das hier ist KEIN Gewinnspiel!!! <<<<<

Gesucht wird – tadaaa! – der B e s u c h e r des Tages, also des gestrigen jetzt, –
der 100 000ste in meinem kleinen Bloghaus nämlich.

screenshot-statistikausschnitt100-0001

Erstaunlich genug, dass bei meinen eher sporadischen privaten Geistesergüssen inzwischen täglich stabil an die zweihundert Leser und Sucher hierher finden.

Und Grund genug, euch einmal DANKE zu sagen für eure Aufmerksamkeit und treue Begleitung, eure Kommentare und Ermunterungen. Und für die Aha-Erlebnisse und Lachanfälle und das Kopfschütteln beim Lesen der Suchbegrifflisten.
(Snüff, hat mal jemand ’n Taschentuch? Hehe, und keine Presse bitte, den Schampus trinken wir selber. 😉 )

Glaubwürdige Anwärter auf den GAST DES TAGES, die sich gestern so gegen halb Elf am Vormittag hier rumgetrieben haben, werden gebeten, sich zu outen oder sich vertrauensvoll an das Hexenhausmanagement zu wenden. Sie werden persönlich beglückwünscht und dürfen sich ihren für diesen Anlass von mir selber gepflückten Eisblumenstrauß und eine Tafel Blogschokolade hier abholen.

eisblumenstrausblogschokolade

Wer die Glasscheiben zwischen dem bizarr gewachsenen Zeug nicht so dolle mag, hat auch die Wahl zwischen einem Schneebusch (originaal vom sonst matschigen Bersarinplatz in Friedrichshain) und was Frühlingsbuntem (ausm Blumenladen oder Amsterdam).

schneebusch-1-bersarinfruhlingsstraus-zusch

Sonst war gestern ein Tag wie jeder andere, an dem es nur eins im Überfluss gab: Schnee, Schnee, Sch… neee! (Oder hab ich das schon erwähnt?) Der von dieser Woche reicht mttlerweile für zwei Winter, erst recht in der Großstadt, wenn ihr mich fragt. Er fängt nachts im Dunkeln heimlich als fluffiges Geflausch an und wird am Tag zu klatschigem Knetteig. In dem Nachbars Zwerge aus müden Quengelplagen zu besessenen Bildhauern von Schneemann-, Schneefrau- und -kindskulpturen mutieren, mit glühenden Wangen und blanken Augen. Und sogar ich mit meiner barfüßigen Sommerseele finde die Winterromantik in dem Zuckerweiß, das die graue Trostlosigkeit zudeckt… bis ich in der Früh schon wieder mal mein Auto unter einem Schneehügel ausgraben muss und die jungfräuliche Weiße am Straßenrand sich in ineinanderfließende Muster aus Dreckspritzern auflöst.

sonnenaufgang-ausm-11-stocksonnenaufgang

So hält sich die romantische Schneeversunkenheit in gesunden Grenzen Sogar wenn sie einen atemberaubenden Sonnenaufgang als Anwalt hat – oder gibt es in dieser verrückten, zweckorientierten Welt noch jemanden, der sich traut, einen solchen nicht kitschig zu nennen und sich selber als unverbesserlicher Realpoet zu bekennen? 😉

Halt, stopp, so geht das aber nicht! Schließlich ist man sich und dem zweiten Teil seines Blogtitels was schuldig. Deshalb gibts jetzt noch eine Portion Nachschlag an Winterromantik – von einer, die es kann!

“I get a little warm in my Heart when I think of winter…”

Bilder: Blogstatistik – Ausschnitt aus Screenshot. Schneebusch und Sonnenaufgang (2) – selber gemacht. Die andern – keine Ahnung.
Song: Tori Amos: Winter. Aus Little Earthquakes. 1992. – Via youtube.

Das Dings des Tages…

Januar 14, 2009 um 11:41 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Bloghexe, BlogMist, Dings des Tages, Drumherum und anderswo, Hexentanz, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Zuhaus-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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wild-thing…ist ein Versuch, durch mehr oder weniger regelmäßige Futtergaben für diese neu erschaffene Rubrik des Hexenblogs einen therapeutischen Beitrag zur Selbstdisziplinierung der ansässigen Besenfliegerin zu leisten. Und zu besserer Ausnutzung ihrer oft spärlichen Zeitreserven. Vor allem und zuvörderst aber, die Plattenbauromantik, die mitnichten so ärmlich ist, wie sie für sich Manchen vielleicht anfühlt, und natürlich erst recht den geneigten Leser nicht weiter so scham- und lieblos vor sich hin hungern zu lassen. 😉

Ähm… was noch lange nicht heißt, dass die Fütterung täglich erfolgt, nur nicht gleich überfressen übertreiben. Dennoch handelt es sich hierbei eindeutig und ohne Frage um ein Projekt „Gute Vorsätze fürs neue Jahr“. Na, schaun wir mal.

Die etwas diffuse Namensgebung soll dabei kein Im-Trüben-Fischen, Im-Dunkeln-Tappen, Im-Nebel-Stochern oder ähnlich Unentschlossenes suggerieren. Nein, sondern derdiedas Dings des Tages will uns lediglich ein sonniges Offenhalten aller Optionen für Bemerkenswertes, Lustiges, Ab- und Tiefgründiges, Helden- und Zauberhaftes oder auch ganz und gar Unnützes bedeuten. Ich lasse mich da mal selber überraschen. Man fängt ja irgendwann an, seinen Blog auf Schritt und Tritt in sich mitzuschleppen, wenn ihr wisst, was ich meine. 🙂 In diesem Sinne.

Sozusagen als Premierendings – tadaaa! – darf ich vorstellen?:

Der Nachzügler des Tages!

oller weihnachtsbaum

Entdeckt bei mir vorm Haus einzwei Stunden nach der jüngsten Abholung der nadelnden Weihnachtsüberreste. Man hofft für ihn, der ja – unwissend und schuldlos – diese Verspätung nicht selbst zu verantworten hat, dass die BSR-Muskelmänner ihn bei ihrer unwiderruflich letzten Runde für dieses Jahr noch finden. Und denkt wieder mal an das traurige Ende des eitlen kleinen Tannenbaums vom Hans Christian Andersen.

Wenigstens liegt er brav und unaufdringlich in der ihm zugewiesenen Ecke. In meinem Friedrichshainer Dienstbezirk kollern diese abgewrackten Stachelviecher hemmungslos vor deinen Füßen übern Gehweg. Und du hebst verunsichert und fluchtbereit den Blick nach oben, weil du nicht sicher sein kannst, ob sie nur der verspielte Nordost dorthin geweht hat oder doch die hauptstädtischen Südschweden bei einem nicht näher benannten Möbelhaus Knut feiern gelernt haben. (Ich werd den Teufel tun und hier Schleichwerbung begehen!)

Passt also schön auf, dass euch nix auf den Kopf fällt, lernt lieber was über das Maibaumwerfen in meiner weiland Heimat. Und nicht verzagen! Denn eins ist sicher: der nächste Frühling kommt bestimmt.

Bilder: Wild Thing: allposters.de. Bummelbaum: Selbereigenes.
Song: Die Ärzte: die Ärzte Jäg Alskar Sverige. Via youtube.

Dinner for You, kein Kästner und guten Rutsch!

Dezember 31, 2008 um 10:26 pm | Veröffentlicht in 2008, 2009, Alles platti, Bloghexe, Fest-Platte, Fremd-Worte, Hexenblabla, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 Kommentare
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buchstabe-auch wenn er sowas von Recht hat, kann man ja nicht schon wieder wie letztes Mal die treue Leserschar mit den unpädagogischen Ermunterungen seines Leib- und Magen-Kästner ins neue Jahr schicken. Hmm, was fangen wir also heuer mit Silvester an und wen haben wir da denn noch so im Angebot?

Tucholsky vielleicht? Nee, den sieht man ja genauso ratlos wie sich selber. Und so richtig aufzubauen vermag er einen irgendwie auch nicht, wa?:

Silvester

Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herrn Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel –
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt –
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt’s Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle -? (‚Leichter Mosel‘ nur – )
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
„Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!“
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister –
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein…
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloss Silvester an?

Na dann eben “the same procedure as every year”. Jaaah, “Dinner for One” ist Kult – und Kult ist gut, weil was Konsensfähiges. Außerdem gibts den diesmal sogar in einer raffiniert auf traditionell-avantgardistisch getrimmten Version aus dem Hause LEGO:

Für konservative Liebhaber des Originals in dezentem Schwarz-Weiß und notorische Gewohnheitsgucker natürlich auch selbiges zum alten Preis:

denn egal, was Silvester auch immer mit uns anfängt: kein Jahresende ohne Miss Sophie mit dem gesunden Appetit und ihren verblichenen Verehrern sowie dem dienstbaren besoffenen Butler. Oder? 😉

Ha! Und zu guter Letzt dann doch noch was Erhebendes von einem Positivdenker – leider auch schon verblichen:

Wünsche zum neuen Jahr

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit
Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid
Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass
Ein bisschen mehr Wahrheit – das wäre was

Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh
Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du
Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln – das wäre gut

In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht
Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht
Und viel mehr Blumen, solange es geht
Nicht erst an Gräbern – da blühn sie zu spät

Ziel sei der Friede des Herzens
Besseres weiß ich nicht

Peter Rosegger. Aus: „Mein Lied“

Was quatsch ich hier eigentlich noch rum? Wo ich doch nur sagen wollte:
Kommt gut rüber ins neue Jahr, Leute! Und durch natürlich auch. Wir sehn uns.

Eure Hex‘

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