Dinner for You, kein Kästner und guten Rutsch!

Dezember 31, 2008 um 10:26 pm | Veröffentlicht in 2008, 2009, Alles platti, Bloghexe, Fest-Platte, Fremd-Worte, Hexenblabla, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 Kommentare
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buchstabe-auch wenn er sowas von Recht hat, kann man ja nicht schon wieder wie letztes Mal die treue Leserschar mit den unpädagogischen Ermunterungen seines Leib- und Magen-Kästner ins neue Jahr schicken. Hmm, was fangen wir also heuer mit Silvester an und wen haben wir da denn noch so im Angebot?

Tucholsky vielleicht? Nee, den sieht man ja genauso ratlos wie sich selber. Und so richtig aufzubauen vermag er einen irgendwie auch nicht, wa?:

Silvester

Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herrn Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel –
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt –
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt’s Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle -? (‚Leichter Mosel‘ nur – )
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
„Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!“
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister –
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein…
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloss Silvester an?

Na dann eben “the same procedure as every year”. Jaaah, “Dinner for One” ist Kult – und Kult ist gut, weil was Konsensfähiges. Außerdem gibts den diesmal sogar in einer raffiniert auf traditionell-avantgardistisch getrimmten Version aus dem Hause LEGO:

Für konservative Liebhaber des Originals in dezentem Schwarz-Weiß und notorische Gewohnheitsgucker natürlich auch selbiges zum alten Preis:

denn egal, was Silvester auch immer mit uns anfängt: kein Jahresende ohne Miss Sophie mit dem gesunden Appetit und ihren verblichenen Verehrern sowie dem dienstbaren besoffenen Butler. Oder? 😉

Ha! Und zu guter Letzt dann doch noch was Erhebendes von einem Positivdenker – leider auch schon verblichen:

Wünsche zum neuen Jahr

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit
Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid
Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass
Ein bisschen mehr Wahrheit – das wäre was

Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh
Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du
Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln – das wäre gut

In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht
Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht
Und viel mehr Blumen, solange es geht
Nicht erst an Gräbern – da blühn sie zu spät

Ziel sei der Friede des Herzens
Besseres weiß ich nicht

Peter Rosegger. Aus: „Mein Lied“

Was quatsch ich hier eigentlich noch rum? Wo ich doch nur sagen wollte:
Kommt gut rüber ins neue Jahr, Leute! Und durch natürlich auch. Wir sehn uns.

Eure Hex‘

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Wer ist der Kerl mit dem Hut?

Dezember 23, 2008 um 12:58 pm | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, DieStadtreporterin, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 1 Kommentar
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Begegnung mit einem Berliner Original

„Es lebt aber, wie ich an allem merke,
dort ein so verwegner Menschenschlag beisammen,
daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht,
sondern daß man Haare auf den Zähnen haben
und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“
Johann Wolfgang von Goethe: In einen Brief an Eckermann, 4. Dezember 1823.

Berliner DroschkeBei einem meiner wöchentlichen Stop-and-Go-Kämpfe auf vier Rädern durch die Potsdamer ist sie mir zum ersten Mal aufgefallen, diese seltsame Skulptur auf dem Mittelstreifen, schräg gegenüber der Staatsbibliothek. Ein Kerl mit Vollbart, Zylinder und Radmantel, ohne Beine, die in dem grob behauenen Findling unter ihm zu stecken scheinen, auf dem er Tag für Tag hockt und gelassen auf die Neue Nationalgalerie blickt, während der Berliner Großstadtverkehr links und rechts an ihm vorbeirauscht.

Der berühmteste Droschkenkutscher BerlinsWer ist dieser Typ mit dem Hut und dem Droschkenkutscher-Outfit der Goldenen Zwanziger, hab ich mich gefragt. Und weil einfach dort anhalten und nachschauen mitten in der Rush Hour wohl sämtliche Benzindroschken-Kutscher gegen mich aufgebracht hätte, blieb nur die Alternative, der Bildungslücke nach bester Bloggermanier hinterherzugooglen:

Gustav Hartmann heißt der betagte Knabe. Und er war Droschkenkutscher, hingegen alles andere als gelassen. Zwar geborener Magdeburger, doch ein echtes Berliner Original, dem Volksmund und mir entweder gar nicht oder längst als der Eiserne Gustav bekannt. Was er neben dem – 1938 erstmals bei Rowohlt erschienenen – gleichnamigen Buch von Hans Fallada und der danach ins Bild gesetzten 50er-Jahre-Filmkomödie von Georg Hurdalek mit Heinz Rühmann in der einschlägigen Hauptrolle vor allem einer spektakulären Selbstinszenierung und Protestaktion verdankt.

Der echte Eiserne Gustav, Fuhrunternehmer und Pferdetaxenbesitzer, musste Ende der zwanziger Jahre erleben, wie die sich unaufhaltsam ausbreitenden Bezinkutschen sein Gewerbe bedrohten und die motorisierten Taxifahrer ihm die Kundschaft streitig machten. Mit Herz und Energie und seinem (Wahl)Berliner ‚eisernen‘ Dickschädel beschloss er also als rüstiger Endsechziger vor achtzig Jahren, nicht sang- und klanglos Pleite zu machen, sondern mit einem Spektakulum: einer Droschkenfahrt nach Paris in fünf Monaten mit ihm selber auf dem Kutschbock seines Einspänners und seinem Gaul Grasmus davor. Er befand sich mit dieser Idee in jenem Jahr 1928 der Rekordjagden in bester Gesellschaft mit Charles Lindbergh, dem Ozeanüberflieger, dem schnellsten Wüste-Gobi-Durchquerer Sven Hedin, dem einbeinigen Höchste-Gipfel-Erklimmer und wer weiß wem sonst noch.

gustav-mit-weib-und-gaulDem entsprechend wurde er nach über 2000 Kilometern bei seiner Ankunft in Paris – genau an seinem 69. Geburtstag – auch gefeiert. Und zwar nicht nur für diese Leistung von Mann und Pferd, sondern auch für seinen erhebenden Beitrag zur Völkerverständigung, die er in der Hauptstadt des feindlichen Frankreich als Friedensbote zelebrierte. Und er ließ es sich natürlich samt seinem Gaul nicht nehmen, die Tour gleich retour nach Berlin zu machen, und wurde auch zu Hause pompös empfangen.

Übrigens hieß besagter Klepper “Grasmus” eigentlich Erasmus, doch Gustav hatte das schnörkelige Sütterlin-E auf der Kaufurkunde irrtümlich für ein G gehalten. Somit trug der einmalige Vierbeiner einen einmaligen Namen, für den sein vorgesetzter und nicht auf den Kopf gefallener Zügelhalter eine von echtem Berliner Mutterwitz triefende Erklärung vorzubringen hatte: “Der heißt Grasmus, weil er aus Gras Mus macht!” Zu den durch Falladas Buch genährten Legenden gehört allerdings die Behauptung, dass er die motorisierten neuen ‚Droschken‘ in Bausch und Bogen verteufelte – schon vor seiner Paris-Tour war er selbst im Besitz eines Taxis.

Eiserner Gustav SkulpturNach seiner Rückkehr gründete Gustav Hartmann eine Stiftung für die Hinterbliebenen von Taxifahrern, die bei der Ausübung ihres Berufes ums Leben kamen.

Über sechs Jahrzehnte nach seinem Eingehen in den Droschken- und Taxikutscherhimmel musste sich sein Eisenschädel noch einmal bewähren. Seine nachgeborenen Berufsgenossen sponsorten ihm 2000 in dankbarer Erinnerung ein Denkmal, geschaffen von Gerhard Rommel. Doch seinen Standort mussten sie erkämpfen – denn nach kommunalpolitischer Lesart kamen die ursprünglich gewünschten Stellplätze (Wannsee, Tiergarten, am Brandenburger Tor, im Nikolaiviertel, Unter den Linden) nicht in Frage. Weil: die hatten alle schon ein Denkmal. 😉

Jetzt schaut er die Potsdamer Straße entlang und passt da ganz gut hin, wie ich finde: denn die hat sogar eine extra (Bus- und) Taxi-Spur.

Heut ist der siebzigste Todestag von Gustav Hartmann. Und die Berliner Taxifahrer ziehen, auch wenn sie keine Zylinder mehr tragen, immer noch ihren Hut vor dem Eisernen Gustav.

Bilder: Gustav Hartmann mit Frau und Gaul in Paris. Via mdr.de. Gustav-Hartmann-Denkmal: Wikimedia Commons. Rest – Creative commons Lizenz; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Trailer Der Eiserne Gustav – via youtube.

Heeee was a Champion…!

November 25, 2008 um 11:05 pm | Veröffentlicht in 2008, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, So Momente halt..., Träller-Hexe | 2 Kommentare
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In Memoriam

Gestern vor 17 Jahren starb Farrokh Bulsara an Aids.

*

Freddie MercuryAls er 1946 auf Sansibar als Sohn aus Indien stammender Verwaltungsbeamter der britischen Krone geboren wurde, ahnte kein Mensch, dass er das Zeug hatte, eine Legende zu werden. Nach dem Besuch eines englischen Gymnasiums in der Nähe von Bombay studierte er nach der Übersiedelung der Familie nach England am „Ealing College of Art“ Grafikdesign. Der Beginn eines stinknormalen Lebens…

…bis der Rock sein Leben wurde.

Für uns und die Welt ist er ein Stern am Musikhimmel geworden, der die zwanzig Jahre seiner Karriere überdauert hat. Der glamouröse Selbstdarsteller und Entertainer, dessen faszinierend spektakulärer Stil seiner Bühnenshows von vielen späteren Sängern “zitiert” wurde. Der Typ mit dem Tenor in der Kehle, dessen Stimme sich mühelos über dreieinhalb Oktaven schwingen konnte.

Er war Mitbegründer, Songwriter und Leadsänger einer der erfolgreichsten Bands der Rockgeschichte mit einem vorher nie dagewesenen künstlerischen Spektrum: vom schlichten Gitarrensong über Glamrock, Rap, opernhaft-rhapsodische Vokalpartien, 50er-Jahre-Rock ’n‘ Roll bis zu Hardrock und Disco-Sound – “Queen”.

Er ist der, dessen “My Fairy King” vom ersten Album uns wie alle seine Great Songs im Ohr bleibt, der, dessen Siegeshymne “We are the Champions” wohl für alle Zeiten durch jedes Fußballstadion hallen wird, und der Schöpfer der grandiosen Bohemian Rhapsody:

Sein Leben vibrierte am Limit und bei seinen letzten Aufnahmen im Spätfrühjahr 1991 für das Album “Made in Heaven”, das erst 1995 erschien, war er bereits schwer von der Immunschwächekrankheit gezeichnet. Die er bis zum vorletzten Tag seines Lebens vor der Welt verschwieg. Er lebte, was er sang: Show must go on.

Gestern vor 17 Jahren starb Freddie Mercury.

„I wish it could last forever…“

***

aidsschleifeP.S. Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag.

Bild: Freddie Mercury via.

Meine Rabenseele

Oktober 27, 2008 um 4:14 am | Veröffentlicht in 2008, Bücherhexe, BildungsLückenbauten, Kultur, MarktLückenbauten, Märchenhexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Wurzel-Werk | 10 Kommentare
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Oder: Vom Krabat haben Nachkommen gelebt

Einer geht über das Land, ein Alter
oder ein Junger, man kann es nicht sehen, er ist zu nah.
Vielleicht ist es Krabat.
Krabat, von dem die Sage berichtet: Einmal fiel ein Stein
vom Himmel und zerbarst. Aus den Trümmern stieg Krabat
und schritt ins Land. Einmal wird ein Stein gen Himmel fahren,
darin wird Krabat sein. Dazwischen wird Krabat ein Mensch sein
und tun, was er tun muss.
Weiß man, was ein Mensch tun muss?
Vielleicht, dass er sein Woher und sein Wohin
mit einem Namen nennt und dass er das Eine
mit sich trägt und das Andere vor sich sieht.

(Jurij Brězan aus: Die schwarze Mühle)

Nun, was die beim hochverehrten Herrn von Kleist abgekupferte These angeht, so gibt’s da ja nix Verbürgtes. Aber so denn krabatsche Nachkommen die Erde bevölkern, und seien es nur solche im gefühlten Volksgeiste, dann bin ich gewiss eine von denen. Nicht nur, weil meine Wurzeln in dem Boden sprießen, über den er – gleich links um die Ecke – gewandelt ist und über den immer noch die Raben fliegen und – wieder – die Wölfe jagen. Nicht nur, weil in mir schließlich noch ein paar Tropfen sorbischen Blutes fließen, die ich meinen Altvorderen verdanke.

Ich bin mit den Sagen und Legenden um den ‚Doktor Faustus‘ der Sorben aufgewachsen, habe Mädchensommer in dem Nest Groß Särchen verbracht, das ihm einst gehörte, und kenne auch das andere, in dem die schwarze Mühle gerade wieder aufersteht (tja, nicht mal die guten alten Mären sind heutzutag vom schnöden Kommerz verschont). Von schwarzer Magie habe ich nicht die leiseste Ahnung, in eine Räbin mit leisem Flügelschlag verwandele ich mich nur selten heimlich in der Dämmerung und zaubern kann ich ein ganz klein wenig – manchmal. Doch seit Kindertagen schleppe ich ein zerlesenes Sagenbüchlein durch mein Leben mit, in dem auch die Geschichte vom Krabat wohnt. Zum Wurzeln-Gießen.

Es wird ja gemunkelt, dass gar unser aller oller Herr Geheimrat einige Passagen mit dem Zauberlehrling für seinen „Urfaust“ aus der Krabat-Legende geklaut hat. Und überpünktlich zum 85. Geburtstag des seit Schülergenerationen als Krabat-Märchenvater gefeierten Herrn Preußler flimmerte jüngstens ein nach seiner allseits beliebten Romanvorlage millionenschwer und aufwändig inszeniertes Filmepos über die Kinoleinwände, schwarzdüster und in Fantasy-Manier. Naja, über die Nähe zur Vorlage und auch über den Rest ist man sich in Cineastenkreisen ziemlich uneins, und das offenbar nicht nur, weil die schwarze Mühle von den Herren Gutmann und Kreuzpaintner aus den modderigen Sümpfen und sanften Hügeln der Oberlausitz eigenmächtig in die Hochgebirgslandschaft der rumänischen Karpaten versetzt wurde. Ich habe den Film bislang nicht gesehen, überlege noch, ob es sich gehört, sich ihn anzutun, so als Nachkommin jetzt. Und verweise einstweilen auf Fremdmeinungen, hier oder hier oder da.

krabat-wappenUm ehrlich zu sein, wusste ich von dem Preußler seinem Krabat bis vor wenigen Jahren überhaupt nichts. Was den aufmerksamen Leser nicht sonderlich verwundern sollte, weil er bestimmt drauf kömmt, dass der dort in der Krabat-Ecke damals n i c h t zur Schullektüre gehörte. Worum mich andererseits aber auch keiner allzu sehr bedauern muss. Denn zum einen hab ich die Bildungslücke inzwischen aufgeholt und außerdem hatte auch ich meinen Preußl… äh nö, meinen Jurij Brězan und frag lieber gar nicht erst, wem der heutzulande überhaupt noch was sagt. Dabei wurde auch er vielfach preisbekränzt, schrieb meisterhaft und gar zweisprachig (deutsch und sorbisch) und kannte als echter Sohn des Sorbenlandes seinen Krabat so gut wie kaum ein anderer.

Seine erste Bearbeitung (von drei) der Krabat-Sage “Die schwarze Mühle” erschien sogar ein paar Jährchen früher als das verklärte Preußler-Märchen (das ich um Himmelswillen keinem mies machen mag) und ist ein faszinierendes Buch. Allein schon die Sprache, klar und schnörkellos und zugleich so voller Poesie und erzählerischer Kraft, zieht einen von der ersten Seite an in ihren Bann.

Schwarze Mühle BuchcoverWas wie ein Märchen beginnt, wie ein alter lyrischer Mythos aus dem Volke, entfaltet auf ganzen hundert und ein paar Seiten verschiedene hochspannende Handlungs- und Reflexionsebenen – philosophisch, politisch, historisch, psychologisch und allgemein menschlich -, die nicht nur räumlich weit über den Rahmen der schwarzen Mühle hinaus reichen und den Leser fordern: ein abgerissener Bauernjunge, hungrig nach Nahrung und durstig nach Wissen, ist unterwegs auf der Suche nach Erkenntnis und sich selbst und gerät in die Fänge des schwarzen Müllers, der ihm als Lohn für sieben Lehrjahre in seiner Mühle die sieben Bücher des Wissens aus seiner siebenfach verschlossenen Truhe verspricht. Der aufgeweckte Krabat erkennt sehr schnell, in welch unheilvolles Geflecht von schwarzer Magie, gnadenloser Unterdrückung und Machtmissbrauch, Lüge, Angst und Tod er geraten ist, und sucht die Gefährten, die mit ihm Nacht für Nacht zu Raben werden müssen, als Verbündete zu gewinnen, dem Schwarzen das Handwerk zu legen.

Die Schauplätze wechseln, von einer Burg, in der es nach Verrat riecht und eine Schar von Helden blutig hingemetzelt wird, über den sächsischen Königshof und ein Feldlager der türkischen Heerscharen zurück in die wohlbekannte Landschaft voller geduckter Menschen unter der Knute des scheinbar allmächtigen Müllers und in den Sumpf mit der schwarzen Mühle, wo der Kreis sich schließt. Brudermord und öffentliche Verleumdung, die Auswüchse und Mechanismen pervertierter Machtausübung spielen ebenso eine Rolle wie die Sehnsucht nach Freiheit, der Drang nach Erkenntnis und vereintes solidarisches Handeln, alles dicht verwoben mit allegorischen Bildern und Anklängen an reale Ereignisse. Krabat ist längst nicht mehr der unschuldige fürwitzige Knabe auf der Suche nach der Weisheit; er wird zum durch Blut und Leid und Wissen geformten Hoffnungsträger. Die Formel “Wer weiß, der kann” zieht sich durch die gesamte Handlung und die Verbrennung der magischen Bücher ist letztlich die Konsequenz eines gereiften Mannes, der den faulen schwarzen Zauber gegen wahre menschliche Stärke, Erkenntnis und das Bewusstsein seiner selbst eintauscht. Was wie ein Märchen begann, endet in einem opferreichen Befreiungskampf durch die Zeiten hindurch – und unversehens mitten in der tatsächlichen Menschheitsgeschichte, nicht im Mythos. Es hinterlässt den Leser atemlos und hört, obwohl es Prosa ist, in alldem niemals auf, wie große, wunderbare Lyrik zu klingen.

Preußlers reines und anrührendes Märchen und Brězans geradezu unerhört dichte und suggestiv atmosphärische Art, mit dem Krabat-Stoff umzugehen, lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Jeder von ihnen spielt eine ganz eigene, ganz andere Melodie. Irgendwo habe ich gelesen: Preußler verzaubert, Brězan tut das Gegenteil: er entzaubert, lotet tief aus. Ich glaube, das trifft es sehr gut. Brězans Buch ist der Krabat für Erwachsene.

Dennoch erstaunt mich bei der von beiden so verschieden erzählten gleichen Geschichte nicht, wie weltzugewandt und wie ähnlich sich zwei Autoren mit so unterschiedlicher Sichtweise, jeder auf seine Art vom Leben geprägt, in ihren Äußerungen darüber sind – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag:

„Die Gestalt ließ mich nicht mehr los. Ich ahnte eine große Geschichte und brauchte Jahre, um ihren Kern herauszufinden: Wissen ist Macht und Macht macht frei.“
(J. Brězan)

„Mein Krabat ist […] meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“ (O. Preußler)

***

meister krabatDas lässt mich, sozusagen im Abgesang, nochmal an die Stätten Krabats – und meiner Kindheit – zurückkehren. Die Krabat-Sage ist im Vergleich zu vielen anderen Legenden noch nicht soo alt, erst etwas mehr als 300 Jahre. Und so mancher weiß es ja vielleicht: soviel Zauberei und schwarze Magie sich um ihn auch ranken mag, Krabat liegt ein reales Vorbild zugrunde. Dessen wirklicher Name war Johann Schadowitz, seines Zeichens ein kroatischer Soldat, den Kurfürst Friedrich August I. (später als August der Starke bekannt) aus dem Türkenfeldzug mitgebracht und für seine Verdienste um des Kurfürsten Leib und Leben mit dem bereits erwähnten Gut Groß Särchen beschenkt hatte.

Zu Krabat wurde er in Volkes Mund, da er eben aus K r o a t i e n stammte. Und das Andichten der Zauberkräfte hatte wohl mit dieser fremden Herkunft, seinem Aussehen und Gebaren, die geheimnisumwittert schienen, zu tun. Übrigens stammt auch die Bezeichnung für die bei einer gewissen Anzugsordnung obligatorische Krawatte daher: die damaligen kroatischen Soldaten banden sich ein rotes Tuch um den Hals und kreierten so den Stil à la Croat (resp. kravat). Siehstewoll, so geht Lautverschiebung auf Slawisch. Sogar für die Annahme, er sei ein Hirtenjunge aus dem Nachbardorf gewesen, hat der sagenkundige Mensch dort eine Erklärung: wenn man Krabat fragte, woher er käme, wies er vage in Richtung Süden. Doch für die unwissenden Bauern damals war die Welt klein und hinter dem nächsten Dorf zu Ende, also konnte er doch nur dieses meinen.

Krabat-SäuleDer historische Krabat selber lebte von 1691 bis zu seinem Tode in hohem Alter 1704 auf seinem Gut. Er tat der Überlieferung nach seinen Bauern allerlei Gutes, “hat bei Ostwind den Hagel aufgehalten”, karge Böden fruchtbar gemacht und Sümpfe trockengelegt. Auf ihn geht der Anbau von Dinkel und Hirse in der Lausitz zurück. Und vor allem hob er für die Bauern seines Gutes die Leibeigenschaft auf, ein ganzes Jahrhundert vor der französischen Revolution.

In Wittichenau, wo er begraben liegt, wurde ihm ein Denkmal errichtet, die Krabat-Säule. Und seine Wohltaten dauern fort. Denn inzwischen belebt der Krabat-Kult munter das Tourismus-Gewerbe in der Gegend: es gibt einen KrabatRadweg, das Krabat-Fest und einen lebendigen Krabat(darsteller), zugezogen aus dem Sauerland. Krabat-Bier und Kräuterschnaps werden gebraut, die Krabats Zauberkräfte in dir wecken, und in Schwarzkollm wächst die schwarze Mühle, zünftig mit einer Bude für Gesellen auf der Walz. Tja: WER WEISS, DER KANN. 😉

Und die Legende lebt. Ungeahnt real. RealPoetisch…

Bilder: CD-Cover: Zauberbruder; Krabat-Liederzyklus – von ASP, Standard Edition, Erstauflage; via The Tales of ASP. Wappen von Schwarzkollm – via Wikipedia. Buchcover: Die schwarze Mühle. Klett – via amazon. Grafik: Krabat – via Schwarzkollm-Website. Krabatsäule in Wittichenau: Julian Nitzsche.
Song: Krabat. Aus dem Liederzyklus „Zauberbruder“ von ASP zu Ausschnitten aus dem Karel-Zeman-Animationsfilm Čarodějův učeň von 1977; via youtube.

…Where’d All The Good People Go?

Oktober 4, 2008 um 10:07 pm | Veröffentlicht in 2007, 2008, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Free Burma, Geschichtsbuch, Hexen-Gedanken, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, So Momente halt... | 1 Kommentar
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Heute vor einem Jahr – do you remember?

Free Burma!Wisst ihr noch?

Heute auf den Tag genau vor einem Jahr gab es neben vielen Real-Life-Bekundungen auch in der internationalen Blogosphäre einen großen und herzwarmen Akt der Solidarität für ein kleines gebeuteltes Volk, von dem viele damals vielleicht zum ersten Mal ergoogelten, wo dieses Land überhaupt liegt.

Dem Aufruf “One blogpost for Burma” folgten damals in einer konzertierten Aktion tausende Blogger über Ländergrenzen und Ozeane hinweg.

Erinnert ihr Euch? Die Regierung und das Militär von Myanmar (Burma, Birma) erstickten damals die friedlichen Proteste der Mönche in den Safrankutten und verzweifelter Menschen in diesem Vielvölkerstaat gegen Hunger und Repressionen und für ein freies Burma mit Terror und Blut. Und der Bloggertag der moralischen Unterstützung, dessen stringente Organisation über engagierte Aktivisten und deren Netzwerke mich schwer beeindruckte, stieß allerorten auf offene Augen und Ohren. – Wenn man mal von den paar nörgelnden kritischen Stimmen absieht, die den Organisatoren und dem solidarisch geeinten Bloggervolk Aktionismus, Einäugigkeit hinsichtlich des Elends der Welt und was weiß ich noch vorwarfen…

Es ist still geworden um die Ereignisse und die Situation in Burma. Nicht z u still? Gar totenstill?

Oh, falls es einer nicht weiß, es hat sich nicht viel geändert dort, nachdem der Widerstand und Protest der Septembertage von 2007 durch die Diktatoren gebrochen wurden. Schon gar nicht zum Besseren, nachdem zu allem Überfluss der Zyklon Nargis auch Myanmar heimgesucht und verheerende Zerstörungen hinterlassen hat. (Hand aufs Herz, wer hat bei Deutschland hilft mitgemacht und für die Opfer gespendet?) Das Land ist weitgehend nach außen abgeschirmt, auch der Zugang zum www. Viele der damals Verhafteten sitzen immer noch in den Gefängnissen, viele Mönche und Dissidenten sind verschwunden, getötet, hinter die Grenzen der Nachbarstaaten oder weit weg geflohen oder untergetaucht. Der Hunger, Zwangsarbeit und Repressionen – es gibt sie immer noch. Mit dem unter Einschüchterung und Druck abgehaltenen Referendum über eine Verfassung – von deren Ausarbeitung die Opposition ausgeschlossen war – hat die Militärdiktatur im Mai 2008 ihre Macht festklopfen lassen. Scheinheilige ‚Schönheitskorrekturen‘ der Machthaber sollen die Weltöffentlichkeit täuschen…

Um an diese Informationen zu kommen, muss man heuer schon ein bisschen im Netz kramen. Man stößt auf Burma-Seiten, auf denen man hin- und her gerissen zwischen Besorgnis und Enttäuschung, ja, sogar eigenem schlechten Gewissen, seit Herbst 2007 keine Aktivitäten mehr verzeichnet. Ja, es ist still geworden…(Das letzte deutliche Lebenszeichen der Free-Burma-Initiative vom vorigen Jahr habe ich als Umfrage zur Aktion vom 4. Oktober 2007 in Erinnerung. Und die Free-Burma-Banner sind von den meisten Blogs mit der Zeit wieder verschwunden.)

Totenstill? Nein, ganz so ist es nicht. Es gibt – auch in Deutschland – viele Aktivisten, die sich unermüdlich für die Menschen in Burma einsetzen, zum Beispiel hier oder hier oder hier. Ein Schweizer Journalist hört nicht auf, über die Situation dort zu berichten, ebenso das zweisprachige (Englisch und Burmesisch) Online-Magazin BURMA DIGEST.

Das aus den USA agierende web-Projekt Avaaz.org unter der Leitung des kanadischen Weltbürgers Ricken Patel mobilisiert via www erfolgreich eine internationale Community. (Danke an stefan888 für den erhellenden Blog-Beitrag.)

Und trotzdem beschleicht mich immer wieder das Gefühl, als hätten die Kritiker und Skeptiker der Bloggeraktion “Free Burma” von vor einem Jahr irgendwie Recht behalten – was meint i h r? Bauen die Menschen dort – und überall in der Welt – nicht weiter und immer wieder auf uns? Müssen wir nicht mehr tun?

Ach ja, und verdächtigt jetzt wen ihr wollt des Gutmenschentums. Ich jedenfalls bin ins Grübeln geraten – und sollte ein besserer werden, glaube ich. Und wäre ich es dann einmal, empfände ich diesen Verdacht als eine Ehre…

Free Burma

Glittering Saffron
(by NAY YU, via BURMA DIGEST)

Where are those voices of ‘Metta’?
While the Evils still in power
Where are those Saffron power?
Glittering in the sky
Deep in our mind
Though Evils rule our land
With their bloody hands.
Where are those ‘Sons of Buddha’?
While the guns still pointing our hearts
Where are those ‘Peaceful Walks’?
Glittering beyond the horizon
Still shining for the by-gone
Though Evils rule our land
With thier bloody hands.

Quellen: Bild „Free Burma“ – StuCkCaRBoy; Videos via Youtube (1, 2 und 3: Song von Jack Johnson: „Where’d All The Good People Go“.)

El Cantor oder Der andere 11. September

September 11, 2008 um 11:45 pm | Veröffentlicht in 2008, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, So Momente halt..., Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar
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Wie schwer ist das Singen,
wenn ich den Schrecken singen muß.
Den Schrecken, den ich lebe,
den Schrecken, den ich sterbe.
Mich selbst unter so vielen sehen
und so viele Augenblicke der Unendlichkeit,
in denen Schweigen und Schreie
das Ende meines Gesanges sind.
Was ich sehe, habe ich nie gesehen.
Was ich gefühlt habe und was ich fühle,
wird den Augenblick erschaffen…
Victor Jara. Aus seinem letzten Gedicht, geschrieben
kurz vor seiner Ermordung im Estadio de Chile.)

in heller Spätsommermorgen. Die Sonne hat nicht mehr die Kraft wie vor ein paar Wochen. Sie ist sanft und ein bisschen müde geworden, aber sie gießt uns noch Wärme auf die Haut, weiches Licht in jeden Winkel und eine Stimmung in uns, die sich nach Abschied anfühlt. Solche Tage nennen wir Altweibersommer, goldenen Herbst, Indian Summer oder wer weiß wie sonst noch. Ich liebe ihre melancholische Schönheit.

Jener 11. September war so ein Tag, glaube ich mich zu erinnern. —

Bis die Flugzeuge durch den Himmel donnerten, die… nein, nicht in zwei Türme rasten,
sondern Bomben auf die Moneda, den Sitz ihrer demokratischen Regierung, warfen;

bis faschistische Militärs, unterstützt vom Geheimdienst einer Weltmacht, die den Verlust ihres Einflusses und ein neues Kuba fürchtete, ein Land und seine junge Demokratie in Blut und Terror ertränkten;

S. Allende

bis die Putschisten den vom Volk gewählten Präsidenten Salvador Allende und tausende unschuldiger Landsleute ermordeten;
bis sie eine grausame Diktatur errichteten, die Hoffnung von Millionen Menschen dieses Volkes auf ein besseres und friedliches Leben für Jahre erstickten – erschossen, erschlugen;
bis sie Bücher verbrannten und die Stimme ihrer Poeten zum Schweigen brachten.

In diesem Land, das uns näher war als je zuvor, näher als der ferne Kontinent, auf dem es liegt. An diesem 11. September 1973. Heute vor 35 Jahren. In Chile.

El CantorVor ein paar Tagen wurde ich auf besondere Weise an dieses Datum erinnert, dessen Bilder sich ins Hirn eingebrannt haben: ich erhielt per E-Mail eine Einladung zu einem Konzert für Victor Jara. Leider kann ich sie nicht wahrnehmen. Doch es war Grund genug, wieder einmal seine Lieder zu hören.

Victor Jara, der große Dichter und Volkssänger und glühende Kämpfer für ein freies Chile, Mitbegründer der Bewegung Nueva Canción Chilena. Er setzte seine Gabe bewusst für seine Überzeugungen ein. Seine Waffe war die Gitarre. Sein Porträt schaute gemeinsam mit dem Salvador Allendes von den Plakaten der linken Unidad Popular. Keiner sang in seinen Liedern so wie er die Sprache des einfachen Volkes. Es liebte ihn für all das und verehrte ihn so sehr wie seine Gegner ihn dafür hassten und fürchteten.

Die erkannten und ergriffen ihn am 12. September in der Universität von Santiago, wo er sich mit einigen seiner Studenten versteckt hielt, trieben ihn mit Schlägen und zusammen mit 5000 anderen Gefangenen in das “Estadio de Chile”. Um den Gefährten gegen die tagelangen Grausamkeiten Mut zu machen, begann er zu singen. Die Soldaten brachen und zerschlugen ihm die Hände, damit er nicht mehr spielen konnte. Sie verhöhnten ihn, er solle doch singen, wenn er ein Sänger sei. Und Victor – sang: die Hymne der Unidad Popular (“Venceremos”). Da prügelten sie ihn wütend zusammen und erschossen ihn zuletzt mit einer Maschinengewehrsalve, wahrscheinlich am 16. September 1973 – sein genauer Todestag ist nicht bekannt.

“Seine Mörder haben die Macht seiner Lieder unterschätzt”, sagte seine Frau Joan einmal. Das Chile, für das er gekämpft und gesungen hat, wird ihn und diese Lieder nie vergessen, singt sie bis auf den heutigen Tag. Wie die bekannten Folkgruppen Inti Illmani und Quilapayún beispielsweise, deren Profilierung Victor in ihrer Anfangszeit noch selbst unterstützte.

Viele internationale Künstler und namhafte Sängerkollegen haben Victor Jara, seinem Leben und Sterben in ihren Liedern ein Denkmal gesetzt, so die russische Chansonette
Shanna Bitschewskaja, die deutsche Folkband Zupfgeigenhansel und der Liedermacher Hannes Wader. Besonders anrührend finde ich die englischsprachige Ballade nach einem Text von Arlo Guthrie, selbst Sänger und Sohn der Folk-Legende Woody Guthrie, in der Interpretation des Australoschotten Alistair Hulett:

(Die Zupfgeigenhansel-Version scheint mir übrigens an den Guthrie-Text angelehnt zu sein.)

Victor Jaras Stimme selbst trifft dich auch heute noch mitten ins Herz, treibt mir – immer noch – manchmal Tränen in die Augen.

Wer seine Lieder nicht kennt und/oder einmal echte südamerikanische Folkmusik hören will, die nichts, aber auch gar nichts mit den allbekannten Fußgängerzonen-Verschnitten zu tun hat, der stöbere mal in diesem Beitrag oder den Youtublichkeiten oder – viel besser – tue sich die Victor-Jara-Complete an. Glaubt mir, ihr werdet es nicht bereuen; der Viertelhunni für 4(!) CDs mit seinen wichtigsten Liedern ist ein wahres Schnäppchen und jeder der 92 Songs das Anhören wert. Umso mehr, als seine Texte und Übersetzungen davon schwer zu finden sind und der Box ein umfängliches Booklet mit wundervollen solchen beiliegt. Ihr findet in der Edition nicht nur seine Revolutionssongs, sondern auch so bezaubernde Liebeslieder wie das “Te recuerdo, Amanda” (An dich denke ich, Amanda) für seine Frau, das vertonte Poem 15 des großen Pablo Neruda (der auch wenige Tage nach dem Militärputsch von 1973 gestorben ist) oder Volksliedgut, von dem man manchmal gar nicht wusste, dass es chilenisches ist.

Das ebenfalls enthaltene “Manifiesto” (wunderbar poetisch) kann man als eine Art Credo oder auch Vermächtnis des Sängers verstehen:

Manifiesto (1973)

Ich singe nicht, um zu singen,
weil ich eine schöne Stimme habe,
ich singe, weil die Gitarre
tiefen Sinn und Verstand hat.

Sie hat das Herz von Erde
und Flügel eines Täubchens.
Sie ist wie geweihtes Wasser,
ist Segnung, Glorie und Leid:

Hier stimme ich mein Lied an,
wie Violeta es sagen würde.
Die Arbeiterin Gitarre
hat einen Duft nach Frühling.

Sie ist nicht Gitarre der Reichen,
dazu gibt sie sich nicht her.
Mein Lied steigt auf die Baugerüste,
um hoch zu den Sternen zu fliegen.

Der Gesang hat einen Sinn,
tönt er in den Adern des Sängers,
der auch noch beim Sterben
die Wahrheit offen heraussingt.

Requiem Victor Jara_w_mattheuer Weder flüchtigen Schmeichel
noch fremden Lobgesang,
sondern den Gesang einer Lerche
bis tief auf den Grund der Erde,

wohin alles gelangt
und wo alles beginnt.
Hat der Gesang Mut bewiesen,
wird er immer neues Leben haben.

Und für den Fall, dass jemand mehr über diesen charismatischen Barden und Menschen erfahren will: Joan Jara, Victors Witwe, hat ein Buch über ihn geschrieben, das 1986 unter dem Titel “Victor. Ein unvollendetes Lied” bei Volk und Welt erschienen ist. (Ich hab natürlich d i e s e Ausgabe, doch wenn ich mich nicht total irre, ist es der selbe Inhalt, den btb anderthalb Jahrzehnte später als “Das letzte Lied” herausgebracht hat.) Sie ist keine professionelle Autorin, doch niemand kannte ihn so gut wie sie – vielleicht macht gerade diese Kombination das Bändchen so wertvoll.

P.S. Im September 2003, lange 30 Jahre nach dem Militärputsch, erhielt das Estadio de Chile den Namen Victor Jara. Gegen nur einen einzigen der Verantwortlichen für seine Ermordung wurde (erst 2004) Anklage erhoben. Der Verräter an seinem Präsidenten Salvador Allende, Putschistenführer und spätere Diktator, General Augusto Pinochet, wurde nie zur Verantwortung gezogen und starb als alter Mann 2006 friedlich und offenbar ruhigen Gewissens dahin. Dem chilenischen Volk gelang es erst 1988, das Militärregime per Volksabstimmung zu beseitigen. Und hat sich von den Folgen der grausamen Diktatur bis heute nicht erholt.

Viva Chile!

Bilder: Hände. Coverfoto der Audio-CD Pongo en Tus Manos Abiertas. Requiem für Victor Jara – Wolfgang Mattheuer, 1973. Der Rest: creative commons Lizenz. Musik-Videos: sparky2086 und yekolennon, youtube.

Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 2)

Juli 15, 2008 um 2:50 am | Veröffentlicht in 2008, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 4 Kommentare
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Update zu Im Frühtau… Teil 1

Z’Basel an mim Rhi,
jo dört möchti si!
Weiht nit d’Luft so mild und lau,
und der Himmel isch so blau
an mim liebe Rhi!
(Johann Peter Hebel: Erinnerung an Basel.
Aus: Alemannische Gedichte)

Hex\' beim AnflugSo kurz die Zeit auch ist, ein Baselbummel muss schon sein. Am Samstag stürzen wir uns mutig ins Getümmel. Das wäre doch gelacht, wenn eine Großstadtpflanze Angst vor fußballverrücktem Tourigewühl hätte. Die Neugier ist sogar groß genug, sich die Affenhitze zum Bummelwetter schönzureden.

\'s Basler DrämmliVon unserem ländlichen Domizil geht’s aber erstmal wieder mit dem Auto in die Stadt. Dass das nicht gerade die genialste Idee war, merken wir spätestens auf der Suche nach einem Parkplatz. Vielleicht hätten wir doch das Tram nehmen sollen (ja, so heißt es dort: DAS Tram), ’s Basler Drämmli oder die Trämli, wie die Eingeborenen liebevoll sagen. In unserem Fall wär’s eins von den sonnengelben gewesen, da wir ja von auswärts kommen. Denn das innerstädtische Drämmli ist grün. Abgesehen davon, dass das hübsch aussieht, orientiert es sich so recht gut in dem regen Straßenbahnverkehr -Basel ist eine Tram-Stadt. Und das seit weit über 100 Jahren. Und man muss da nicht extra einer Statistik glauben, nach der – bei einer Einwohnerzahl von übern Daumen gepeilt 165 000 – jährlich an die 89 Millionen Fahrgäste in die gelben und grünen Wagen klettern, sondern nur einen Nachmittag lang durch das Gewirr der vielen blanken Schienen stolpern.

Wir aber pirschen uns zunächst mit unseren privaten Pferdestärken durch schmale Gassen und über Kleinbasel an die auf der andern Rheinseite gelegene Altstadt von Großbasel heran. Und irgendwo hat dann doch noch ein schmales Plätzchen im dritten Stock eines Parkhauses auf uns gewartet. Kleinbasel oder einheim’sch Glaibasel, seit eh und je das Viertel der unteren Zehntausend und mit hohem Migrantenanteil, muss dem Basler sowas sein wie dem Berliner sein Kreuzberg, nur hübscher anzuschaun.

Weiter geht’s per pedes und schon nach den ersten Schritten durch klaustrophobisches Gewimmel in Richtung Mittlere Rheinbrücke ist klar: die Flipflöpse an den Füßen waren die einzig goldrichtige Wanderschuhwahl. Wir befinden uns kurzzeitig im Auge des Orkans, das hier nicht wie allerorten schnöde Fanmeile heißt, sondern eine FanZone ist. Was nicht im Geringsten übertrieben scheint, denn das Zentrum ist weiträumig mit Großleinwänden, Tribünen, Zeltpavillons und Toiletten-Hüsli zugebaut. Das runde Leder hat die City voll im Griff. Hinter mir eröffnet eine Mutter ihrem Dreikäsehoch im gängigem Baseldeutsch überflüssigerweise, dass man jetzt auf die Fäään gehe, und sicherheitshalber, dass die Fäään lustig würde.

Uf der breite Bruck

Uf der breite Bruck,
für si hi und zruck,
nei, was sieht me Here stoh,
nei, was sieht me Jumpfere goh,
uf der Basler Bruck.

Über den Rhein hätten wir auch mit der Fähri schippern können, einem überdachten Bötchen, das mich irgendwie an diese asiatischen Fischerboote erinnert.

Die Fähri

Doch wir kämpfen uns über die ‚braite Brugg‘ und schaun aus sicherer Entfernung auf das muntere Treiben unten am Ufer. Dass die aufgespannten Leinwände heute tot sind, scheint keinen Menschen zu interessieren: man zeigt Flagge, trägt die Wangen in den jeweiligen Nationalfarben und abenteuerliche Kopfbedeckungen aus dem Fan-Shop seiner Wahl. Aus den Lautsprechern dudeln – nein, keine Alpenjodler, sondern aktuelle Hits. Europa sonnt sich auf der holzgezimmerten Tribüne, die bis ans Wasser reicht. Und einige Fußballjünger und -rinnen haben einen andern Sport für sich entdeckt: sie schwimmen, solo oder in munteren Schwärmen, den Rhein hinunter. Manche sogar in voller Straßenmontur einschließlich Hut und Schuhen, andere mit einem Seil um das Badeoutfit geschlungen, an dem eine wasserdichte Plastikboje mit der restlichenTagesgarderobe dümpelt. In die werden sie ein Stück flussabwärts wieder hüpfen und solcherart nicht zu Lande an den Ausgangsort zurück müssen.

Rheinnixe

Hm, schwimmen im Rhein? – na, ich weiß ja nicht… wohin fließen eigentlich denen ihre Abwässer der Chemie- und Pharmaindustrie?

Nachdem wir genug in den Rhein rein geguckt haben, flüchten wir uns drüben endlich in die stillen idyllischen Gassen des alten Basel. Hier scheint die Zeit ein bisschen stehen geblieben zu sein. Jahrhundertealte Häuser stellen sich uns mit Namen vor

Gestatten, Zem Wildeman!Gestatten, Zur Eisenburg!

trinkwasserbrunnen-br und munter fließende Brünnlein werben – unterstützt durch amtliche kleine Schildchen – plätschernd mit Trinkwasser. Was für ein Labsal an so einem Tag.

Gleich im ersten Gässli hinter der Brücke links hoch, dem Rheinsprung, verliebe ich mich – in ein Lädchen, Scriptorium geheißen. In der Auslage der winzigen Schaufenster erfreuen Schreibfedern aller Sorten und diverses nostalgisches Das SchreibzeugstübchenSchreibzubehör, Gänsefederkiele und kugelige, antike Fässchen mit geheimnisvollen, bunten Tintenrezepturen das Herz. Ein puppenstubengroßes Paradies für alle Stadtschreiber, Kalligrafen und -fininnen. (Das Lädchen ist da rechts an der Ecke, die einschlägigen Schaufensterbilder baseln leider noch in der Schweiz rum, da mit geliehener Kamera aufgenommen).

Südliches Flair verströmen die schattigen grünen Innenhöfe, auch sie mit glucksenden Wasserspendern.

innenhof-mit-brunnen1-klein-brklinnenhof-mit-ranken2-klein-brkl

In der Münsterschuel,
uf mim herte Stuehl,
magi zwor jetz nüt meh ha,
d’Töpli stöhn mer nümmen a
in der Basler Schuel.

Aber uf der Pfalz
alle Lüte gfallt’s.
O, wie wechsle Berg und Tal,
Land und Wasser überal,
vor der Basler Pfalz!


Ein unbedingtes Muss ist ein Blick auf das Stadtpanorama von der Pfalz aus, einem Aussischtspunkt oben über dem Rhein, zu dem uns die herrlich verwinkelten Gassen führen. Leider hat sie etwas unter dem allgemeinen Fußballwahn gelitten, denn überall liegen Berge von Müll zwischen den einladenden Bänken, dessen die Partner für e suuberi Stadt offenbar nur schwer Herr werden. Und ein verträumtes Motiv für ein Bild der Münsterkirche nebenan zu finden ist nicht so einfach, da der ganze Platz von einer des bereits erwähnten aktuellen Ereignisses verdächtigen Konstruktion aus Kunststoffplanen und Aluminiumstreben eingehüllt ist.

Für e suuberi StadtAllgemeine Lesegesellschaft

In trauter Nachbarschaft mit derselben schlummern da auch noch die rankenumkränzten Fensteraugen der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel im ehemaligen Domherrenhaus vor sich hin, einer Einrichtung mit Tradition.

Und durch diese hohle Gasse müssen wir kommen, um uns zum Marktplatz durchzuschlagen.

Die PullergassePullergasse andersrum

In ihr riecht es ziemlich streng, was eine heimliche Vermutung durch unsere empfindlichen Näschen wehen lässt: dass nämlich mehr als nur ein fußballseliger Nachtschwärmer für sein dringendes natürliches Bedürfnis nicht mehr rechtzeitg das exklusiv aufgestellte Hüsli gefunden hat. Doch zu guter Letzt nicht noch einen Blick auf das Basler Roothuus und dessen beeindruckende Architektur und Wandmalereien zu erhaschen, wäre ein sträfliches Versäumnis.

Basler RoothuusRoothuus 2

Ach, fast hätt‘ ichs vergessen: fasziniert hat mich eine Idee dieser findig kreativen Schweizer. Sie haben für ihre Sommergäste Sonnensegel über ihre Straßen gespannt, keine einfachen Schattenspender, nein, auf die transparenten Stoffbahnen sind überdimensionale Fotos projiziert, und zwar von der jeweiligen Hausfassade unter ihnen. Sie wirken wie riesige Spiegelbilder – eine Wahnsinnsidee und ein Wahnsinns-Anblick.

Schräge Häuser
Sonnensegel
Was soll ich sagen? Viel zu kurz war die Zeit (und viel zu lang wieder Hexis Geschreibsel darüber 🙄 ). Aber es war wunderschön und ich komme gern wieder in eure sympathische Stadt, ihr Basler.

Nachplappern:

Johann Peter HebelDie zitierten Verse, sind, wie schon eingangs ver-urhebelt, von Johann Peter Hebel, einem Sohn dieser Stadt. Dem – wo ihm selbst der große Herr Geheimrat in Verehrung zu Füßen lag – man selber zu eigner Schande lange viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Das wird im Blog in Form spannender Stöberresultate demnächst mal zu behebe(l)n sein. Das Gedicht “Erinnerung an Basel” gehört zum Zyklus seiner “Alemannischen Gedichte”. Von ihm der Frau Meville gewidmet, Tochter der Papierfabrikeigner in Höfen bei Schopfheim im Wiesental, die seinerzeit daselbst das Papier für eben jene Gedichte herstellten. Doch die Basler haben es mit fliegenden Fahnen für sich vereinnahmt, es mit einer Melodei versehen und zu ihrer Stadthymne gemacht. Respektvoll deshalb hier nochmal der Volltext in alemannischer und in baseldeutscher Version. Und wenn jetzt etwa einer, womöglich gar einer der torejubelnden Public- und Private-Viewer meint “Kennich nich, nie gehört!”, so irrt sich der. Denn es avancierte auch längst zur Basler Fußballhymne – womit wiederum der Bogen zu den aktuellen Stadtereignissen geschlagen wäre – puuuh. Ob die auf der Tribüne der Basel Arena allerdings alle wissen, wem sie ihr Liedl verdanken?

P.S. Teil 3 – der vor allem von einem gecancelten Rückflug gen Berlin sowie den äußerst hülfreichen Ratschlägen des Bodenpersonals eines internationalen Flughafens zur Therapierung desselben handeln tät‘ – bleibt ungeschrieben. Sonst denkt hier noch einer, das wird ’ne Soap… 😉

Bilder: selber gemacht. Hebels Gedicht „Z’Basel am mym Rhy“: Von der Website Hausen im Wiesental.

Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 1)

Juli 8, 2008 um 1:15 am | Veröffentlicht in 2008, Alles platti, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexengeschichten, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Wetter-Hexe | 6 Kommentare
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Ein Reisebericht

Hex\' beim AnflugDie Hex‘ war auf Reisen. Vorletztes Wochenende. Statt wie gewohnt auf dem Besen zu reiten, leistete sie sich diesmal ausnahmsweise den ausschweifenden Luxus eines Billigfliegers. Schließlich ging es um die würdige Audienz bei einem kleinen benachbarten Bergvolk Und, wer haat’s erfundn? – Na, die Schweizer natürlich.

Oh ja, und los ging es wirklich lausig früh, mitten im besten Tiefschlaf quasi. Aber so ein Wochenend ist ja höllisch kurz, weswegen man es so weit wie möglich zu strecken sucht. Von Frühtau dagegen keine Spur – nur das blanke Morgengrauen und die letzten Schnaufer einer lauwarmen Sommernacht, die wieder einen bruzzelheißen Tag androhen. Die Jacke kann also schon mal ins Aufgabegepäck – da weiß man wenigstens, wofür man inzwischen stolze Siebenfuffzich abdrückt.

Über den Wolken...

Ha, und wer hat eigentlich das Timing verbrochen? Während traumatisierte Einheimische auf der Flucht vor dem Hype um eine aufgepumpte Lederblase ihrer Stadt den Rücken kehren, mache ausgerechnet ich mich auf gen Basel. Allerdings möchte ich dazu ausdrücklich angemerkt wissen, dass mitnichten und auf keinsten Fall dieses über den grünen Rasen kullernde Ding auch nur das Geringste mit Hexis Reiselust zu tun hat, sondern ein längst fälliges Familientreffen nach freudigem Ereignis. So!

...muss die Freiheit wohl...

Über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer flugbereiter Großstädter zur Eincheckzeit schröbe man wieder mal ganze Bände. Wie von dieser penetranten Schickse im Papageien-Look vielleicht, die als Kunst- und Künstlerkennerin erkannt werden will. Und darob balzend und voll Selbstbefriedigungsdarstellungstrieb, vor allem aber mit Durchsagenlautstärke ihren Begleiter, einen sympathischen kleinen Italiener, pseudokompetent zutextet:

Schaurig schön“Also dieses Üvent war doch großartüg pörformt, fündest du nücht?
UnddieAusstrahlungdesAmbiente -einfachtoooollll. JaderBlablablaverstehtseinMötjöh. UnddieKollegenwarnjasoooechauffiert. UnddiesehüstorüschenMauern, haaaach! ——– üchmussmirmalsoeinArchütekturbuchkaufen, üchbringdieStüüleimmerdurcheinander… GotükundRomantükundBarockoko undso….”

Oder über die Spezies der aufgeregt durch die Halle flatternden Urlaubsmuttis. Beim Anblick ihres gigantischen Kosmetikarsenals im Handgepäck, mit dem sie zum Sicherheitscheck antreten, drängt sich hartnäckig die Frage auf, was denen wohl unterm frisch frisörgestylten Pony tickt. – Dass die Riesenschilder vor ihrer Nase für böse Terroristen da hängen? Oder packen die gerne all ihre Spraydöschen und Flakönchen und Tübchen in der Öffentlichkeit aus – und halten damit den ganzen Abfertigungsbetrieb auf? Und überhaupt, wieviel von dem Kram braucht frau unterwegs auf dem Hüpfer nach Palma De Malle?

Bitte Schwimmwesten anlegen!Endlich an Bord der A 319 denkt man noch an ’ne kleine Mütze voll Schlaf, um den unchristlich frühen Aufbruch halbwegs zu kompensieren. Das ist sowieso das Beste, denn, zu meiner Schande sei’s gesagt, die Hex‘ – gewiefte Besenpilotin hin oder her – ist nicht frei von Flugangst. Was liegt also näher, als das mulmige Gefühl in der Magengegend einfach wegzudösen. Das sich spätestens einstellt, als die Maschine mit einem unheilvollen Quietschen, Knarren und Stöhnen im Bauch losrollt. Ach nee, halt, nachm Start kommt ja noch die obligatorische Demonstration des Rettungsprozedere durch die Mädels von der Crew – wovon einem auch nicht grad wohler wird. Unverzichtbar daran ist vor allem die Instruktion zur Handhabung der Schwimmwesten. Weil man nämlich angesichts des aktuell zu überfliegenden Territoriums vorm inneren Auge gestochen scharf die wilden Wogen des mittel- und süddeutschen Ozeans an den Strand schwappen sieht. Aber höchstwahrscheinlich steuert der Pilot im Ernstfall mit traumwandlerischer Routine die Mitte des Rheins oder den Bodensee an. Und so gesehen sind denn auch die blauweißen Lederhösner und die Eidgenossen Seefahrernationen – oder wenigstens Küstenvölker, jawoll.

Der Minutenschlaf hat gut getan und ich klettere unternehmungslustig die Gangway hinunter. Auf gehts, Basel ich komme!

Naja, noch nicht ganz, denn vorher ist nochmal volle Konzentration gefragt, damit man nicht unversehens im falschen Land landet. Der Baaasler Flugchchafen ist nämlich, wenn mans ganz genau nimmt, nur die Hälfte von einem ganzen, ein weltweit wohl einmaliges Phänomen, worauf in gewisser Weise schon sein stolzer Name Basel-Mulhouse-Freiburg hindeutet. Bekanntlich liegt er mitten im Dreiländereck, putzigerweiser nicht mal auf schweizer, sondern auf französischem Boden. Und die Schweizer und die Franzosen betreiben ihn – in bestem europäischen Geist – gemeinsam. (Die deutsche ‚Ecke‘ hingegen ist nur Anhängsel ohne Stimmrecht im trinationalen Beirat und Mitnutzer.) Nun heißt es nur noch den eidgenössischen Ausgang finden.

Airport Basel-Mulhouse-Freyburg
Das klappt hervorragend beim ersten Versuch. Das Empfangskommando hinter der Scheibe trippelt schon ungeduldig hin und her – ich werde abgeholt. Durch die stressfreie Gemächlichkeit an der Zollkontrolle auf die landestypische Mentalität vorbereitet sowie nach der bedingungslosen Kapitulation vor einem irreführend SchweizerDEUTSCH (okay, oder -dütsch) genannten Idiom folgt erstmal stürmisches Umarmen mit meinen schwiizer Ausländern.

Später dann im Auto, unterwegs in den Basler Speckgürtel und zum Domizil für die nächsten drei Tage, sehe ich beim ersten so herbeigefieberten Blick auf die Stadt – nichts.

Basel unter!Ehrlich – denn der Eindruck ist ein ziemlich unterirdischer, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir düsen nämlich auf der Stadtautobahn zwecks Verkehrsentlastung durch ein wirr verschlungenes Tunnelsystem und als ich die Sonne endlich wiedersehe, sind wir schon wieder draußen aus der Stadt – links und rechts nur noch grüne Berge, drauf hier und da eine malerische Burgruine. Dafür treffen wir jetzt einen niedlichen kleinen Kreisverkehr nach dem andern, auf den meisten der Rondells wachsen ebenso niedlich kleine Birkenschulen. Und dann sind wir in Reinach, der zweitgrößten Gemeinde des Kantons Basel-Land (respektive Basel-Landschaft, wie es auf Einheimisch offiziell heißt). Gelegen laut einschlägiger Information “am Südfuss des Brruderchchcholz (Bruderholz) im Birstal”.

Hach, gibt es eigentlich eine noch hübscher und noch schweizerischer klingende Ortsbeschreibung!?

Dafür gibts auf Grund offensichtlich unheilbarer epischer Breite der Verfasserin die Basel-Bummel-Bilder erst in Teil 2.

Nicht nur der Ball ist rund von unbekanntP.S. Beim Titelsong – sorry, er war beim Schreiben so eine Art böser Ohrwurm und ich kann nix dafür! – denkt der Liebhaber des gepflegten Klamauks ja an die allseits beliebten Otto-Waalkes–Interpretationen. Allerdings fehlt bei d e m in schamloser Ignoranz das Schweizer Beispiel. Reichen wir also das einzige verfügbare nach. – Achtung! Schräge Blasmusik – mit einzwei… hm, oder drei Verbläsern… 😉

Heile, heile… Welt?

Juni 26, 2008 um 5:26 am | Veröffentlicht in 2008, Alles platti, Berlin, Drumherum und anderswo, Hexen-Gedanken, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, SchilderBilderbuch, Wetter-Hexe | 1 Kommentar
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Nach-Wort und -Bild zum Sonntag

Ich mag diese Wochenenden, an denen alle unter der Hitze stöhnen und die Sonne hemmungslos vom Himmel knallt. Sie sind wie für mich gemacht – ich bin ein Sommermädchen. Ja, so eins mit den immerzu kalten Füßen, solange die Temperaturen unter zwanzig Grad rumbibbern.

Ha, aber jetzt ist Barfußzeit! Und nach dem ganzen Wochenstress fühlt sich kaum was so gut an wie eine Wiese unterm Bauch, die Grasspitzen auf Augenhöhe, ein Buch vor der Nase, leises Windfächeln und Bienengesumm um die Ohren. Hm, und ist man zu träge, sich irgendwo hinzubewegen, tuts auch der Balkon. Doooch… die sonnenwarmen Sohlen

ohne Schuh‘

und ohne Strümpf‘

und ohne Hatz

auf die Brüstung gestemmt, lasse ich ein lecker-kühles Zitronensorbet zwischen den Lippen schmelzen und faulenze mit halbgeschlossenen Augen vor mich hin. Das Seniorenheim gegenüber hat einen Leierkastenmann angeheuert und altberliner Musike weht gedämpft zu mir herüber… Die Stimmung hat sowas von heiler Welt – jedenfalls, solange sich die Hoffnung hält, dass der mit der Drehorgel nur für eine Stunde gebucht ist.

Die einzige heile Welt übrigens, die ich höchstpersönlich kenne, döst ausgerechnet an meinem gelegentlichen Dienstweg vor sich hin. Wobei kennen ja eine maßlose Übertreibung ist.
Heile Welt in Schöneberg
Sie ist tagsüber nämlich immer geschlossen. Was zunächst nicht weiter tragisch anmutet, weil ich sowieso zur Tür nebenan rein muss. Treppe HartnackschuleDie Treppe hinter d e r gehört zu einer sehr sympathisch geführten Sprachschule und hallt üblicherweise von babylonischem Gezwitscher aus aller Herren Länder wider – außer wenn gerade Unterricht ist. Dann hat man auch mal Muße innezuhalten für stille kleine Details, die das schweifende Auge im sorgsam und liebevoll bewahrten Flair einer alten Berliner Großstadtvilla entdeckt. Hier scheint die Welt in Ordnung. Auch für Minderheiten. Was sich bekanntermaßen nicht unbedingt in die Breite verallgemeinern lässt. D a s wiederum lässt einen solche Ideen wie die geplante Schließung des kleinen aber feinen Radio multikulti (dem ich selber schon die Ehre hatte, ein Interview zu geben) durch die hauptstädtische Mutteranstalt weniger als Greifen nach dem Rettungsanker denn als einen Griff ins Klo sehen. (Zur einschlägigen Un-Willensbekundung gehts zet Be hier lang.)

Allerdings (und weil wir eh grad bei Minderheiten sind) würde man ja auch gern mal einen Blick hinter die Rolläden der “Heilen Welt” riskieren, die sich als Cafe-Bar outet und nach einschlägiger Information eine von den stylüschen, für Hinz UND Hetero sehr gastlichen, City-Schwulenkneipen – sogar mit Kuschelfell an den Wänden – ist. Verbirgt sich hinter dem Namen nun ein Orakel, eine Vision… ein Konzept… oder die pure Ironie einer um_weltgebeutelten Zielgruppe. Letzters liegt nahe, seitdem jüngstens in der Eingangstür öffentlich eine heileweltfremde Reglementierung ausgeschildert ward:

Doch es zählt ja der gute Wille. Schließlich gibt es – gleichfalls an Hexis Dienstweg – weitaus guerillierndere und unheiligererere WeltKonzepte:

Extrem günstig!

***

Wenn man so oft wie die Hex‘ andauernd dort in der Gegend um die Bülowstraße rumscharwenzelt, muss einem zum weitläufigen Thema so unversehens wie zwangsläufig ein welt-weiser Blaublüter aus altem meckpommschen Ritteradel einfallen, der hochverehrte Freiherre Loriot nämlich. Schließlich gilt er als unermüdlicher Erfinder seiner eignen der heilen Welt (u.a. mit leckerer Postkartenabteilung). Außerdem als exzellenter Kenner all ihrer unheiligen Irrungen und Wirrungen (äh nee, letztere warn schon vom Herrn Nachbarn, aber der hat se uns vererbt. Holla, und der Ritter von Bülow wird heuer demnächst auch schon fümfunachzich – Kinder, wie die Zeit vergeht!) Die Suche nach der- und denselbigen ist beim Loriot, genauso wie ihr kicherndes Beklagen, ’ne Berufskrankheit. Die ihn bis in die eigene und fremde Badewanne hinein verfolgt. Eine schmunzelnde und kultige Wiederentdeckung, die es wert ist geteilt zu werden:


ABER DIE ENTE BLEIBT DRAUSSEN! 😉

*

H i e r draußen, vor Fenster und Balkon, entlädt sich inzwischen ein donnerdrummelnder Wolkenbruch und heilt die dürstende Welt.

Setzt die Segel!

Bilder: Selbereigene. Loriot auf der heilen Welt und der Hundskerl: aus Loriots heiler Welt.

Ein Liebeslied für Dshamilja

Juni 13, 2008 um 5:38 am | Veröffentlicht in 2008, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 8 Kommentare
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…und einem alten Kirgisen zum Abschied

ennt eigentlich noch jemand diese unsäglichen Fortsetzungsromane, die dereinst in jeder regionalen Tageszeitung geradezu obligatorisch waren? Und gibts die eigentlich heute noch, nun ja, außer bei der FAZ vielleicht? Ich hab sie immer gehasst, diese häppchenweisen Verabreichungen von – durchaus auch guter – Literatur mit deren willkürlicher Interruptio nach knallhart festgetackertem Spaltenvolumen. Die meinem angeborenen Lesehunger und meinen Lesegewohnheiten total zuwider liefen. Und hab sie trotzdem immer wieder gelesen, weil man nicht immer gleich und so einfach an die Bücher kam.

Tschingis AitmatowWieso mir das jetzt einfällt?
Eine aktuelle Meldung vor drei Tagen erinnerte mich wieder an die avantgardistische Veröffentlichung des “Weißen Dampfers” von Aitmatow in unserer familienpräferierten Haus- und Hofzeitung, den ich mir seinerzeit auf diese Weise angetan und erst als gebundene Ausgabe innig und tränengetauft ins Herz geschlossen habe.

Tschingis Aitmatow. Geboren 1928 unter Nomaden in den Weiten der kirgisischen Steppe. Sein Vorname erinnert an einen blutrünstigen Mongolenkhan, der lange vor seiner Zeit die halbe Welt erobert, Bibliotheken verbrannt und ganze Völker mitsamt ihrer jahrhundertealten Kultur verheert und vernichtet hat. Doch er selbst war einer, der die Märchen und Mythen seiner Heimat in seine Geschichten wob, die er über und unter uns brachte. Und ein ewiger (real)poetischer Streiter gegen die Zerstörung der Natur und des Menschen.

Ein realpolitischer war er auch zeit seines Lebens – in bereits ehrwürdigem Alter wurde er zum Vertreter der Perestroika, vor allem der Glasnost in ihr. Obwohl er das irgendwie schon immer war. International ist er auch als Initiator des Issyk-Kul-Forums bekannt geworden und bis vor kurzem war er gar noch Botschafter von Kirgistan in Frankreich und den Benelux-Staaten.

DshamiljaAitmatow gehörte noch zur Kriegsgeneration. Und der Krieg, der ihn und seine Zeitgenossen tief geprägt hat, geistert durch viele seiner frühen Erzählungen – so durch die anrührende Geschichte vom Schicksal und Verlust einer Mutter in “Der Weg des Schnitters”, bekannt auch unter dem Titel “Goldspur der Garben” (eine Schande btw, zu welchen Preisen heutzutag große Literatur bei amazon verhökert wird, nicht?). Seine späten Werke haben, obwohl sie wie alle seiner Schöpfungen das uns exotische Kirgistan als Ort der Handlung nie verlassen, zunehmend die großen Fragen des Mensch-Seins, unserer Welt und Umwelt („Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, ”Der Schneeleopard”), ja auch die Suche nach neuen Propheten (“Die Richtstatt”) zum Thema. [Anmerkung: Unser Ulrich Plenzdorf, jaja, der Vater von „Paul und Paula“ und Edgar Wibeau, hat nach letzterem unter dem Titel „Zeit der Wölfe“ und nach „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ („Ein Tag, länger als ein Leben“) zwei Theaterstücke geschrieben, veröffentlicht bei Suhrkamp.]

Doch berühmt geworden ist Tschingis Aitmatow schon mit seiner ersten Erzählung “Dshamilja”, später auch verfilmt, einer in ihrer Poesie und Emotionalität bezaubernden Liebesgeschichte. Sein französischer Schreiberkollege Louis Aragon nannte sie “die schönste Liebesgeschichte der Welt”. Und sie braucht es nicht, dass Hinz und Kunz darauf herumbeten, dass sie an DDR-Schulen Pflichtlektüre war…

Anlässlich seines diesjährigen runden Geburtstags haben seine Landsleute ihm zu Ehren 2008 zum Aitmatow-Jahr ausgerufen – im kommenden Dezember wäre Tschingis Aitmatow 80 Jahre alt geworden. Und noch im Mai war er bei Dreharbeiten zu einem Film im Wolgagebiet. Dort erkrankte er – und nun ist er am Dienstag in einer Nürnberger Klinik gestorben.

Ich liebe den Zauber, die große Poesie und Menschlichkeit und die lebendige Kraft, die aus seinen Geschichten atmen. Sie werden uns bleiben.

Der deutsche Barde Hannes Wader hat ein Lied über Dshamiljas Liebe geschrieben – und gesungen:

Sei es ein Abschiedslied für Tschingis Aitmatow…

Er zog den Jahrhundertweg

Bild- und sonstige Verwendungen: „Dshamilja“ – amazon; Hannes Wader „Am Fluss“ – youtube; der Rest – creative commons Lizenz.

Edit 1. Juli 2008:
Übrigens bin ich mit Herrn Amos vom Kurdistan-Portal (btw ein Dankeschön an dieser Stelle) vollkommen einer Meinung, dass das Video zum Wader-Lied mit seinen bayerischen Landschaften einen schmerzlichen Stilbruch zum musikalisch-thematischen Inhalt darstellt. Stimmt, vielleicht hätte ich das explizit erwähnen sollen. Ich konnte im Net nur leider keine andere Aufnahme auftreiben. Der wohlwollende Aitmatow- und Kirgistan-Freund schließe also die Augen und stelle sich dazu kirgisische Weiten vor…. 🙂

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