Wetterleuchten in Scheherezades Nächten

Mai 13, 2007 um 1:02 am | Veröffentlicht in 2007, Alles platti, Berlin, Fest-Platte, Hexengeschichten, Kultur, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 3 Kommentare

Scheherezade erzähltFreitagabend. Endlich Wochenende. Die Woche hatte es in sich, aber sowas von. Das war so eine, wo man im Termintunnelblick nichts anderes um sich herum mehr wahrnimmt und der Lichtschein am Ende des Tunnels immer wieder nur der nächste entgegenkommende Zug Auftrag ist. Und dann säuselt einem noch die Buchhaltungstusse ins Ohr, dass man mal wieder seine Überstunden abbauen sollte. Ja klaro, schönen Dank für den Tipp auch!

Ich stoße die Wohnungstür mit dem Ellenbogen ins Schloss, streife müde die Schuhe von den Füßen und tapse zur Couch. Hach, erstmal hinkuscheln, die Beine untern Hintern gezogen, Post durchsehen… selig die Ruhe genießen. Es fühlt sich an wie Katzenschnurren. Um meinen Rapunzelturm im elften Stock pfeifen ein paar Sturmböen…

Als ich aufwache, ist es stockdunkel. Draußen grummelt ein Gewitter. Es donnert pausenlos. Und ich überlege, ob ich wohl die Kabel rausziehen sollte, bin aber zu faul aufzustehn. Mein Blick gleitet träge zum Fenster hinaus – und bleibt an einem hellen, blinzelnden Stern hängen. Im Nu bin ich auf den Beinen: Wolkenbruch und Sterne? Wie geht das denn? Ich spähe ins Dunkel hinaus. In der Schwärze des nördlichen Nachthimmels blühen in atemberaubender Folge riesige bizarre Blumen und Sonnen auf und welken in Sekunden als sprühender Funkenregen zur Erde. Der Donner der Zündungen lässt die Betonmauern vibrieren. Ein Feuerwerk. – Ein Feuerwerk?? Was zum Teufel hab ich denn jetzt schon wieder verpasst? Sagte ichs nicht? – man sollte nicht so viel Zeit mit Arbeit verplempern.

Ein hastiger Surftrip über die Hauptstadtseiten bringt die Erleuchtung: ein 20-jähriges Jubiläum steht an, des Erholungsparks Marzahn nämlich – mit Dreitage-Megaparty. Dabei zweimal Gartennacht in den „Gärten der Welt“ (nuja, bis elf Uhr abends): mit Scheherezades Märchen aus 1001 Nacht, chinesischer Teezeremonie, japanischem Origami, balinesischen Tänzerinnen und Schattenspielen, um nur mal ein paar der exotischen Kurzweiligkeiten zu nennen.

Himmel, dort bin ich auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen. Dabei lohnt es sich durchaus, sich das bundes-, wenn nicht gar europaweit einmalige Gartenkunst-Ensemble hin und wieder anzutun. Allerdings würde ich vorziehen und empfehlen, nicht gerade im Trubel eines solchen Jubelfestes dort durchzutoben.

Im Chinesischen GartenDann kann man nämlich mit Muße im Chinesischen Garten des wiedergewonnenen Mondes Konfuzius begegnen, Teekunst in einem echten Teehaus erleben und überhaupt die Anlage im Stile chinesischer Gelehrtengärten genießen, die ein ausgewogenes Verhältnis der „sieben Elemente“ Erde, Himmel, Wasser, Steine, Gebäude, Lebewesen und Pflanzen anstrebt. Für Heiratswillige noch ein kleiner Tipp extra: in einem Tempel des Chinesischen Gartens kann man sich auch trauen (lassen).

Oder im Japanischen Garten des zusammenfließenden Wassers („YUU SUI EN“) „gleich vereintem Wasser in der Verschmelzung Harmonie finden“. Japanische Gärten sind Orte des Schweigens und des kontemplativen Schauens, der Ruhe und des Nachdenkens über das eigene Sein, so der Schöpfer des Gartens Masuno, der nicht nur Professor, sondern auch Zen-Priester ist. Hmja, vielleicht sollte ich mich da demnächst mal hinverfügen…

Der Balinesische ist der Garten der drei Harmonien, die besagen dass der Mensch stets im Einklang mit sich selbst und seiner Umgebung – der Natur und den anderen Menschen – und mit dem gesamten Universum leben soll. Er ist übrigens mehr eine traditionelle Wohnanlage denn ein Garten, mit Tempel und Opferschreinen – und trotz des galoppierenden Klimawandels sicherheitshalber in einem schützenden Gewächshaus untergebracht.Garten der Freude als Künstler-Medium

Während der Seouler Garten der Freude im Einklang mit der Natur zum Berührungspunkt von Mensch und Natur und zum Medium für künstlerische und literarische Schöpfungen werden soll und auf Gemeinsamkeiten zur deutschen Gartentradition hinweisen will, die Goethe als Dichter, Denker und Gärtner kennt,

vermittelt endlich der Orientalische Garten der vier Ströme – (JANAN AL ANHAR AL ARBÀA) das Scheherezade-Feeling und lässt uns auf ihren Spuren durch die Arkaden, hin zur Quelle unter Palmen wandeln. „Dieser von einer Mauer umschlossene, durch vier Ströme gegliederte Riyad entspricht symbolisch der Idee des Paradieses, wie sie sich im Alten Testament oder im Koran wiederfindet.“

Der Vollständigkeit halber sei noch die neueste Errungenschaft, ein englischer Hecken-Irrgarten, und der Karl-Foerster-Staudengarten erwähnt – Ehre, wem Ehre gebührt. Und in Planung sind bereits ein Gotisches Labyrinth nach dem Vorbild der Kathedrale von Chartres in Frankreich sowie ein Italienischer Renaissancegarten.

Last but not least kann man auch einfach so hingehen, mit ’ner Decke unterm Arm, der Thermoskanne Kaffee (wahlweise Flasche Wasser) und einem Buch oder dem Lernzeug im Rucksack – und sich irgendwo auf die Riesenwiese packen. Das Territorium ist so weitläufig, dass man ungestört und ohne Nachbars Zehen auf seiner Decke sogar vor sich hin brabbeln und für Prüfungen büffeln kann. (Stühle gibts übrigens auch, glaub ich.) Ein schönes Fleckchen Erde. Wer einen kleinen Vor(ein)druck braucht, besichtige einstweilen der Frau Bürgermeisterin persönliche flickr-Slideshow.Meister K’ung-tzû
Und der Eintrittspreis ist eher ein symbolischer…

Jajaah, ich weiß, ich weiß, dass es immer noch Eine(n) oder Zwei gibt, die nur bröckelnde Platte vorm Kopp haben, wenn sie Marzahn-Hellersdorf hören. Tsssja… –

„Was du mir sagst, das vergesse ich.
Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich.
Was du mich tun lässt, das verstehe ich“,

…sagt Konfuzius.

P.S. Es muss ja nicht immer ’ne Gartennacht oder ein ganzes Tagesprogramm sein. Für Poetry-Anhänger eben noch hier gefunden: Am 23. Juni findet daselbst im Rahmen des „poesiefestival berlin 2007“ Poet’s Corner statt – Dichter lesen an öffentlichen Plätzen…

Scheherezades Garten

3 Kommentare »

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  1. So war das gemeint mit der Welt-Stadt… Und wie du selber (und dein Zeitkontingent) einzuschätzen bist, hast du noch nicht mal den Knut besucht😉

  2. Ja, so war das gemeint, interessiert nur leider kaum irgendwen, kennt auch kaum einer.😛
    Grrrr, Kn-n-n…. Den würd ich auch nicht besuchen, wenn ich alle Zeit der Welt hätte. Ich glotz‘ ja nicht mal bei Verkehrsunfällen.😉
    Auf dem Territorium der Gärten hatten sie übrigens mal einen Streichelzoo für die Großstadtzwerge, mit Ziegen und Schafen und Eseln und so. (Eisbären warn nicht dabei, glaub ich.) Der wurde aber inzwischen umgesiedelt auf einen Tierhof in Alt-Marzahn.

  3. Das erste Bild von Scheherazade finde ich sehr schön. Quelle oder Name des/r Illustrators/in?


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