Ein Vierteljahrtausend alt – und kein bisschen tot

März 22, 2013 um 11:05 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Hexenseele, Kalenderblätter, Kultur, Spielwiese | Hinterlasse einen Kommentar
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“Solang ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein”
(Jean Paul)

Stephan_Klenner-Otto_Buntstift_Jean_PaulEin Geschenk ist angefragt, vom Blognachbarn und Meister der Höllenfahrt und Weheklag, dem Wolf. Er regts nicht an und erbittet es nicht für sich selber, oh nein, sondern für einen guten alten Freund, der heuer sein 250. Wiegenfest feiern dürfte – so er es denn noch erlebt hätte,

“und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rothkehlchen, der Kranich, der Rohrammer, und mehre Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; — und zwar an dem Monattage, wo, falls man Blüten auf seine Wiege streuen wollte, gerade dazu das Scharbock= oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, deßgleichen der Ackerährenpreis oder Hühnerbißdarm, nämlich am 21. März; — und zwar in der frühesten frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um 1½ Uhr….”*

Der alte Freund ist Jean Paul, geboren ehedem noch als Johann Paul Friedrich Richter, aber den kennt wieder kaum einer.

Sehen wir mal davon ab, dass der März heutzutage offenbar auch nicht mehr das ist, was er mal war (wo gerade außer Schnee über Schnee überhaupt nix hier anlangt): was schenkt man einem, der schon alles hatte und sowieso gar nichts mehr braucht – seit nunmehr auch schon wieder über 187 Jahren?

Hmmm… versuchen wir es mal anders. Gesetzt den Fall, er könnte sich noch was wünschen: was täte ihn wohl freuen? –

Nun, er wollte gelesen sein. Und zwar nicht nur aus wirtschaftlichem Erhaltungstrieb, sondern weil er der Nachwelt etwas geben konnte. Dies lässt sich zumindest und unter anderem der Sechste[n] poetische[n] Epistel seiner Konjektural-Biographie entnehmen, in der er sich als “literarischen Jubilar” feiert:

Leipz. Im Nachsommer, 98
“…Ich stehe in dieser Epistel nun schon im Oktober des Lebens vor dir, mein Laub färbet sich, hängt aber noch, und der stumme Nachsommer zeigt Gespinste und Nebel auf der Erde und blauen Äther oben. Mach aber mit mir die Obstkammer dieses Herbstes auf und betrachte die kleine allgemeine deutsche Bibliothek samt den Supplementen, die ich in diesem kurzen Leben zusammengeschrieben habe….

‚…- – was war es? – Ein Traum? Aber in der kältesten Stunde des Daseins, in der letzten, ihr Menschen, die ihr mich so oft mißverstandet, kann ich meine Hand aufheben und schwören, daß ich vor meinem Schreibtisch nie etwas anderes suchte als das Gute und Schöne, soweit als meine Lagen und Kräfte mir etwas davon erreichen ließen, und daß ich vielleicht oft geirret, aber selten gesündigt habe. Habt ihr wie ich dem zehnjährigen Schmerz eines verarmten, verhüllten Daseins, eines ganz versagten Beifalls widerstanden, und seid ihr, bekriegt von der Vergessenheit, so wie ich der Schönheit, die ihr dafür erkanntet, treu geblieben?‘

Was geht mich die Jubelrede mehr an? Ich sage das: nur einmal wandert der Mensch über diese fliehende Kugel, und eilig wird er zugehüllt und sieht sie nie wieder; wie, und er sollte der armen, so oft verheerten und vollgebluteten Erde nichts zurücklassen als seinen Staub oder gar versäetes Giftpulver und Verwundete? – O wenn einer von uns eine Tagreise durch irgendeine stille Welt am Himmel, durch den milden Abendstern oder den blassen Mond tun dürfte: würd‘ er da, noch dazu wenn er ferne Seufzer hörte oder vergoßne Tränen fände, sein eiliges Durchfliehen mit herumgelegten Selbstgeschossen und ausgestreuten Dornen bezeichnen und nicht vielmehr, falls er könnte, mit irgendeiner geöffneten Quelle, mit einer zurückgelassenen Blume, oder mit was er zu erfreuen wüßte? – O es sei immer vergessen von der ganzen Zukunft, was ein sanftes Herz wollte und tat; wenn es nur unter dem Handeln sagen kann: nach langen, langen Jahren, wenn alles verändert ist und ich auf immer verflogen oder versenkt, da wirft vielleicht die Hand der Zeit den Samen des kleinen Opfers, das ich jetzt bringe, weit von mir und meinem Hügel zu irgendeiner Frucht oder Blume aus, und ein mattes Herz wird daran erquickt und schlägt voll Dank und kennt mich nicht. –

Mein Jubiläum ist aus; – aber jene Hoffnung ist eigentlich das rechte. – …”**

Ein bisschen J.P.3 klUnd gelesen wird er ja doch. Von mir jedenfalls (und nicht nur von mir) – und ich würde nichts von all dem Gelesenen missen wollen. Mein erster Jean Paul war ein schmales Bändchen von Kiepenheuer “Bemerkungen über uns närrische Menschen” – aus der Zeit, als ich noch ein exzessiver Aphorismen-Freak war. Das hat mittlerweile ein halbes Menschenleben auf dem Buckel und ich hab und mag es immer noch – doch sind mit den Jahren ein paar umfänglichere Jean Paulsche Auslassungen und Romane hinzu gekommen.

Um nochmal ein klein wenig auf der vom Wolf zitierten Weheklag eines Verlegers herumzureiten: Nein, das zehnbändige Gesamtausgaben-Möbel von Hanser beherberge ich nicht in meinen vier Wänden, werde es womöglich auch nie (oder doch?) und befinde mich damit offenbar in zahlreicher Gesellschaft von Leuten, denen der Mann durchaus nicht fremd ist. Wo liegt die Bemessungsgrenze für Jean Paul? Und w i e wird die Liebe zu seinen Werken gemessen? Etwa in Metern? Ich jedenfalls mag ihn sehr – wie bescheiden mein J. P.-Sammelsurium nun sein mag oder nicht.

“Mein Jubiläum ist aus”, schließt er – wohl etwas wehmütig – den Jubilierpart der Sechsten poetischen Epistel. Zum Glück ist es nicht so und womöglich würd‘ er vor Freude auf seinem Grabhügel tanzen, wenn er auskosten könnte, dass die deutsche Literatenwelt ihm ein ganzes Jean-Paul-Jahr schenkt. Das ist nicht wenig – so mancher bekanntere Kopf dümpelt ganz alltäglich durch sein halbvergessenes rundes Jubiläums-Anno, haben wir alles schon erlebt.

Auch hier in Berlin feiert und veranstaltet man ihn. Was nur recht und billig ist, denn bekanntermaßen veranlasste ihn die begeisterte Affinität der preußischen Lieblingsmajestätin Luise zu seinen Werken seit dem “Kleinen Musenhof” ihrer Schwester, nach hier umzuziehen – und zwar lange, bevor der Luisen-Fankult einsetzte. Und vielleicht ist dem Umtriebigen und Unsteten ja dieser Ortswechsel von Weimar nach Berlin gar nicht so schwer gefallen – sein Verhältnis zu Goethen und Schillern soll ja eher ein wenig unterkühlt gewesen sein, zumindest von deren Seite.

Das erste Event der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gestern Abend musste ich allerdings leider wegen Unkompatibilität des Timings mit dienstlicher Abkömmlichkeit schon mal verpassen: die Lesung der “Flegeljahre” in Untermalung durch Robert Schumanns “Papillons”, von selbigen inspiriert. Wünsche allen Anwesenden, viel Vergnügen dabei gehabt zu haben. Bleibt mir immer noch das “Dintenuniversum”, das beginnt erst im Herbst und zieht sich bis zum Jahresende hin, da wird ja wohl für einen Ausstellungsbesuch auch mal dienstfrei sein.

Jean Paul bescheidene Sammlung4 klUnd was schenk ich ihm nun, dem Jean Paul?

Zwei Dinge: Aufmerksamkeit bis ans Lebensende – also meines, und vorerst schmale dreißig Zentimeter in meinem Bücherregal – mit Platz für herzwarmen Zuwachs. Ach ja… und natürlich obigen bescheidenen Blogeintrag. Jubilierum jubilarum.

Ist es genehm, Wolf? 😉

Fehlt noch der Soundtrack für heute (na, wenn der sich nicht geradezu aufdrängt): die Papillons Op.2 von Robert Schumann, gespielt hier von Swjatoslaw Richter:

Quellen: * und ** aus: Jean Paul. Selberlebensbeschreibung. Konjektural-Biographie. Reclam 1971. Jean-Paul-Porträt: Buntstiftzeichnung von Stephan Klenner-Otto. 2010 – via Seite der Staatsbibliothek Bamberg. Bescheidene Jean-Paul-Büchersammlung 1 und 2: Ich, zu Hause.

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Neulich in Luzern

August 31, 2012 um 11:34 pm | Veröffentlicht in 2012, Bilderhexe, Denk_Mal-Hexe, Drumherum und anderswo, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Betrachtungen eines Reisenden zu hölzernen Dingen oder Von der Schädlichkeit des Rauchens

Seitdem im Zuge der Globalisierung die Schweiz sozusagen in einen Teil meiner Familie migriert ist – hm, oder umgekehrt? -, treib ich mich ja gelegentlich entschleunigt bei dem kleinen Bergvolk in der Nachbarschaft rum.

In dessen heftig hochgefalteter Mitte liegt der Vierwaldstättersee.

Vielleicht liegt er sogar in seinem Herzen. Denn er ist nicht nur ein wundervolles Kleinod; um seine Ufer weht und wogt auch der Gründungsmythos der Eidgenossen. An seiner nördlichsten Spitze hat Wilhelm Tell in der Hohlen Gasse von Küssnacht (am Rigi) damals dem Vogt Gessler mit seiner Armbrust aufgelauert und auf einer Wiese am Strand seines südlichen Unterarms soll vor gut 700 Jahren (‚am Mittwoch vor Martini 1307‘) der Rütlischwur gegen die Habsburger ‚bösen Vögte‘ durch die Berge gehallt sein, den wir im exakten Wortlaut vom Schiller gelernt haben:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

(Wilhelm Tell, 2. Aufzug, am Schluss der 2. Szene)

Letztens bin ich zum ersten Mal dorthin vorgedrungen, naja, nicht überallhin, nur nach Luzern. Was nun keine so entdeckergefärbte Pioniertat ist, die man hier besonders herausstreichen müsste – denn mindestens einer war schon vor mir da. Mr. Mark Twain nämlich, der kam hier nachschauen, was die Reuss explizit vom Mississippi unterscheidet oder so, und besser über Luzern erzählen als ich konnte er auch.

The commerce of Lucerne consists mainly in gimcrackery of the souvenir sort; the shops are packed with Alpine crystals, photographs of scenery, and wooden and ivory carvings. I will not conceal the fact that miniature figures of the Lion of Lucerne are to be had in them. Millions of them. But they are libels upon him, every one of them. There is a subtle something about the majestic pathos of the original which the copyist cannot get. Even the sun fails to get it; both the photographer and the carver give you a dying lion, and that is all. The shape is right, the attitude is right, the proportions are right, but that indescribable something which makes the Lion of Lucerne the most mournful and moving piece of stone in the world, is wanting….

We did not buy any wooden images of the Lion, nor any ivory or ebony or marble or chalk or sugar or chocolate ones, or even any photographic slanders of him. The truth is, these copies were so common, so universal, in the shops and everywhere, that they presently became as intolerable to the wearied eye as the latest popular melody usually becomes to the harassed ear. In Lucerne, too, the wood carvings of other sorts, which had been so pleasant to look upon when one saw them occasionally at home, soon began to fatigue us. We grew very tired of seeing wooden quails and chickens picking and strutting around clock-faces, and still more tired of seeing wooden images of the alleged chamois skipping about wooden rocks, or lying upon them in family groups, or peering alertly up from behind them. …
(Mark Twain. Aus: A Tramp Abroad. Chapter XXVI. The Nest of the Chuckoo-Clock)

Außerdem hab ich, auch wenn die Schweizer mir das womöglich übel nehmen, den Löwen von Luzern nicht mal besichtigt und – wieder einig mit Mr. Twain – ebenfalls den Kauf holzgeschnitzter Souvenirs boykottiert.

Aber einem Ding aus Holz bin ich dann doch erlegen. Und das ist durchaus der Erwähnung wert. Nicht nur, dass man es mit seiner Länge von an die 205 Meter gar nicht übersehen kann, wenn man durch die City stolpert, oder dass ich von meiner Begleitung sowieso zuerst dorthin gezerrt wurde.

Nein, es ist erstens zum Verlieben schön. Zweitens gerät man nicht in Gefahr, es mitzunehmen – außer in Bildern zurechtgeknipst (damit ihr auch was davon habt). Und last but not least ist es vor allem ein Wahnsinnsglück, dass man es überhaupt noch – oder wieder – bewundern kann. Denn just im August vor 19 Jahren brannte das gute Stück, wie schon gesagt aus uraltem Holz, in einer Nacht fast vollständig nieder: die Kapellbrücke.

Bis dahin hatte das stolze Wahrzeichen von Luzern, zwar mit mehrmaligen Renovierungen und gar einer späteren Kürzung um 75 Meter, gute sechseinhalb hundert Jährchen und ebensoviele Auguste überstanden. Es war überdies seinem von Stadtväterseite im 19. Jahrhundert geplanten Abriss durch den öffentlichen Protest von Stadtkinderseite entgangen. Machtlos waren die Brücke und ihre Lobby schlussendlich, laut Brandermittlung, im Sommer 1993 vermutlich gegen die Wirkung einer glimmenden Zigarettenkippe, achtlos entsorgt von einem Brückengänger. Doch wer so ein Kulturgut vor allen Widrigkeiten und Autoritäten zu retten imstande ist, kriegt es auch wieder hingestellt, in nicht mal einem Jahr Bauzeit, originalgetreu zu aller und meiner Freude. (Den wiederhergestellten Teil kann man übrigens an der helleren Dachfärbung ganz gut erkennen.)


Da steht sie nun in altem Glanz, die Kapellbrücke. Und? Ist sie nicht schön! In ihrer Jugendzeit war sie als Wehrgang Teil der Stadtmauer. Im Giebel der Dachkonstruktion hängen alle paar Meter dreieckige Gemälde mit hinzugefügten Versen auf Holztafeln – eine Werbeaktion des Stadtrats vom Ende des 16. Jahrhunderts für den ‚guten Schweizer‘, die man heute durchaus als Comic lesen kann. Apropos Comic: wusstet ihr schon, dass in Luzern alljährlich quer durch die ganze Altstadt das “Fumetto” (Ital.: “Sprechblase”, wörtlich “Räuchlein”) veranstaltet wird, ein Comic-Festival mit Berühmtheiten der Szene und besonderer Aufmerksamkeit für die Entdeckung junger Nachwuchskünstler?

Überragt wird die Brücke vom Wasserturm. Der nach nichtschweizerischem Verständnis des Begriffes keiner ist, sondern viel eher ein Im-Wasser-Turm, der durch die Zeiten Turmwächter, Stadtarchiv und Kerker, zudem Schatz- wie Folterkammer beherbergte. Das Storchennest auf Turmes Spitze soll seit über einhundert Jahren unvermietet sein. Im Gegensatz zum Turminnern, dem heutigen Domizil des Luzerner Artillerievereins, dessen hehre Ziele mir unbekannt sind. Und für Nichtartilleristen hats in dem Gemäuer auch noch – na was schon! – klaro, einen gut frequentierten Souvenir-Shop.

Wasserturm mit KapellbrückeZwergenbrücke1

Ob Mr. Mark Twain nun grad in dem nix gekauft hat, weiß man wiederum nicht so genau. Doch über die Kapellbrücke ist er geschritten, das ist sicher – obwohl sie aus Holz geschnitzt ist:

We visited the two long, covered wooden bridges which span the green and brilliant Reuss just below where it goes plunging and hurrahing out of the lake. These rambling, sway-backed tunnels are very attractive things, with their alcoved outlooks upon the lovely and inspiriting water. They contain two or three hundred queer old pictures, by old Swiss masters—old boss sign-painters, who flourished before the decadence of art….
(Mark Twain. Aus: A Tramp Abroad. Ebenda.)

Und als Belohnung fürs Lesen und Angucken gibts noch einen Hexenblick und -Cam-Klick auf den See aus, übern Daumen gepeilt, 2000 Meter Höhe.

Hmmm… vielleicht könnt‘ ich ja mit kitschigen Postkarten für Schweizer Souvenirbuden reich werden? 😉

Bilder: Sind alle Hexenwerk, mit Ausnahme der Rütliwiese, die ist swissinfo-Werk.

Doch im Bernstein träumen Fliegen…

Juni 19, 2012 um 11:01 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Bernsteinhexe, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Hexenliebe, Kultur, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Tag mit der Diva und Kuttel Daddeldu

iddensee. Endlich. Kaum dass der Rumpf des Kielbootes gegen den Holzsteg schurrt, springe ich an Land, die an den Riemchen baumelnden Sandalen in der Hand. Ich habe nur den einen Tag.

Die freundlichen Jungs von der Segelcrew hatten mich am Morgen aufgefischt, nachdem ich, die Augen ungeduldig auf die Küste gegenüber gerichtet, eine gefühlte Ewigkeit durch das weite Flachwasser an Rügens Weststrand gewatet war. Sie wollten auch nach Vitte. Tja… Fähre kann jeder! Vom Deich überm Hafen drehe ich mich noch einmal um, schicke ihnen einen Jauchzer als Dankeschön hinüber und schwenke übermütig die Arme. Sie winken lachend zurück.

Jetzt bin ich reif und bereit für die Insel. Ich stapfe den Weg entlang, der vom Bodden landeinwärts führt und zugleich meerwärts – das Eiland ist hier minutenschmal. Meine Ungeduld ist verflogen und macht einem federleichten Glücksgefühl Platz – angemessen für einen Ort, der, trotz des zu dieser Zeit schon auffrischenden Urlauberansturms, irgendwie und irgendwo immer noch wunderbar ursprünglich ist. Worauf die Urinsulaner zu Recht stolz sind. Und immer noch gilt, ähnlich wie anderswo für kläffende Vierbeiner, hier für lärmende Vierräder der Erlass: Autos müssen draußen bleiben!

„Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, …liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee. …Kein störendes Geräusch drang bis hierher… Nur der Arzt durfte ein Motorrad benutzen, das den einzigen Laut von sich gab, der neben dem Töffen der Fischerboote an die mechanisierte Welt erinnerte. Sonst hörte man nur den Möwenschrei und das Brausen der ruhelosen See.“
(Asta Nielsen in ihren Lebenserinnerungen „Die schweigende Muse“, S. 366 ff.)

Der Übermut bleibt. Ich deklamiere lauthals

Kühe weiden bis zum Rande
Großer Tümpel, wo im Röhricht
Kiebitz ostert. – Nackt im Sande
Purzeln Menschen selig töricht…‘

vor mich in die Seeluft hinein, trällere den alten Ost-Hit der schrägen Nina „Du hast den Farbfilm vergessen…“ hinterher und gebe mich bedingungslos dem frech flirtenden Nordost hin, der mir das Haar zerwühlt. Ich werfe die Schuhe in die Wiese, tanze ausgelassen hinterher und hole sie in federndem Lauf wieder ein. Soll mich doch jeder für albern und ein bisschen verrückt halten – wenn denn einer in der Nähe wäre.

„Nirgends war man so jung, so froh und so frei wie auf dieser schönen Insel.“
(Schon wieder Frau Nielsen [ebenda, S. 377] und auch das stimmt – immer noch.)

Mein erstes Ziel ist die Handvoll Häuser am Nordrand von Vitte, etwas abseits der andern. Hinter einem Streifen Schilf, in dem reglose Reiher dösen, ducken sie sich unter Sanddornhecken und große alte Bäume.

„Auf Hiddensee… schaffte ich mir ein kleines Landhaus an, in dem ich – oft vier Monate lang – herrliche Ferien genoß. … Eines Tages kam eine hohe, kräftige Gestalt in kurzen Kniehosen und blauer bayrischer Leinenjacke gemächlich über das sonnenflimmernde Feld auf mein Haus zu. Es war der Dichter Gerhart Hauptmann, der mir als erster seinen Besuch machte. Sein Gang war jung und elastisch trotz seines hohen Alters, und das Haupt trug er hoch erhoben. Sein weißes Haar stand wie ein Wolkenhauch vor dem blauen Himmel. Er hatte schon seit vielen Sommern auf der Insel gelebt….“
[Ebenda, S 367.]

Heut komme ich zu Besuch. Auch wenn ich selbstredend – schon von der Gestalt und der Anzugsordnung her und erst recht auch nur sonstwie – keinem Vergleich mit Hauptmann standhielte. Die Augen gleiten suchend über die Fassaden… Hier. Hier muss es sein… dort das halbrunde Dach, das der Max Taut über den eckigen Grundriss projektiert und wegen dem sie es ‚Karusel‘ genannt hat… der Name steht über der Tür. Daneben macht sich eine dicke blaue Regentonne, offenbar jüngeren Datums, unter der Dachrinne breit – ein Graus für jeden Jäger romantischer Bildmotive. Ein bisschen heruntergekommen sieht alles aus, was mich mehr erstaunt als enttäuscht: die Farbe blättert und Schäden im Putz scheinen etwas lieblos ausgebessert. Und es ist still… seltsam still. Keiner zu Hause, wie es scheint. Nun, ist ja auch Strandwetter.

Immerhin hat die Hausherrin freundlicherweise eine Nachricht hinterlassen. Die ist schon ein paarTage alt, bestätigt aber meine Vermutung und liefert eine willkommene Erklärung für das gerade aufkommende Gefühl der Gottverlassenheit:

„Heute Morgen verließ Ringelnatz das Haus in Badehosen, knallrote Badeschuhe, ein gelbes Tuch um den Kopf und eine bunte Tasche auf dem Bauch für Bernsteine, die er zu suchen beabsichtigte … Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass er nicht einen einzigen gefunden hat.“
(A. N., Tagebuch, 12. Juni 1929)

Mich weht eine vergessene Geschichte an, die ich irgendwann als Kind gelesen habe – von einer bunten Libelle mit schillernden, durchsichtigen Flügeln. Die sich an einem hitzeflirrenden Sommertag in den Wald verirrte, diesen uralten Wald. Erschöpft ruhte sie an der rauen Rinde einer hohen Kiefer aus… bis ein Schweißtropfen des Baumes, eine Träne aus goldenem Harz, auf sie tropfte. Ein paar Millionen Jahre später findet ein Mädchen am Strand einen schimmernden Stein – darin das Insekt, die zarten Flügel noch immer ausgebreitet. Ein Stück ins Heute gespülte Vergangenheit – wie der Wunsch, den wir uns manchmal träumen (vor allem auf Hiddensee): einen sonnigen Augenblick auf ewig festzuhalten.

Vom Bernsteinsucher Ringelnatz erzählt man sich auf der Insel, dass der seine Fehlschläge auf der Suche nach den im Meer versunkenen Tränen des alten Waldes mit der Entdeckung zahlreicher Fischerkneipen kompensierte. In denen er sie mit Sanddornschnaps heruntergespieltspült und mit Kuddel und Hein und Hinz und Kunz Brüderschaft getrunken haben soll. Sonnig-wonnige Momente des ewigen Matrosen, der nie das Meer in sich verloren hat – in Insellegenden für immer festgehalten…

Da oben hinter dem halbrunden Dachfenster, da muss das Gästezimmer mit den blauen Betten gewesen sein, in dem er die bei seinen Strandstreunereien aufgesammelten Schätze hortete. Asta Nielsens ‚Karusel‘ ist für Eingeweihte a u c h so etwas wie ein Bernstein, der Augenblicke einer glücklichen Freundschaft des großen Stummfilmstars mit dem Dichter und Kabarettisten Joachim Ringelnatz umschließt. Unbeschwerte Tage auf der Insel, in denen sie albern und ausgelassen wie die Kinder tollten, sich mit der Künstlerbande um Heinrich George und Paul Wegener vergnügt und einander die Welt erklärt haben. Bei den Treffen im Häuschen mit dem runden Dach ging es munter zu:

„Räucheraal und Flundern waren Hauptbestandteil der Mahlzeit. In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach. Nach dem Essen versammelten wir uns am Kamin um die große Kupferbowle, in der Waldbeeren in frischem Sekt und Mosel Greifen spielten, und die Unterhaltung hub an.
…Besonders die Münchener Künstler lösten sämtliche Probleme der Welt: Der Dichter Ringelnatz veranschaulichte im Handumdrehen mit Hilfe von Streichhölzern, wie die Pyramiden in der Wüste erbaut wurden, und der Bildhauer Martin Möller bedauerte, nicht zur Zeit Bevenuto Cellinis zu leben, in der man umfangreich von Dolchen und Gift Gebrauch machte, um sich Nebenbuhler vom Halse zu schaffen. Ringelnatz… hielt „La Paloma“ für das beste Musikstück der Welt und Chaplin für größer als Shakespeare, was Heinrich George veranlaßte, sich aus Protest so hart auf einen meiner bedauernswerten Stühle fallen zu lassen, daß er durch den Sitz brach.
…Ringelnatz hatte in seinem Leben fast alles gemacht, aber am meisten war er wohl zur See gefahren. Seine berühmteste Gedichtsammlung war „Kuttel Daddeldu“. Sie handelt von dem Matrosen, der in den Häfen an Land geht und seine Mädchen besucht. Im Vaterland hat er eine feste Braut, der er die unmöglichsten Raritäten aus fernen Zonen mitbringt. Im übrigen säuft er sich sternhagelvoll. Kuttel Daddeldus Vater trug seine oft makabren Gedichte gleichfalls keineswegs immer in nüchternem Zustand vor…“

(A N.: „Die schweigende Muse“, S. 371/372)

Im Beisein eines versammlungsfähigen Kamins und mit dem/den richtigen Versammelten hielte ich es in solch freundlichem Hüttlein auch gern aus, glaub ich. Womöglich sogar gut im Winter – Ostseestrand in Eis und Schnee gehört für mich zu den Momenten zum für immer Festhalten. Praktischerweise hat man dann noch ein gutes, vielleicht einschlägiges, Buch und seine Zeichenutensilien dabei. Und klar wird eins: sie war außerhalb ihrer Filmrollen, als lebendiger Mensch der Wirklichkeit weder schweigsam noch stumm, die schweigende Muse, wie sie sich selber auf dem einschlägigen Buchcover nannte. Vom Tonfilm ausgebootet, spielte sie noch lange große Autoren auf großen Bühnen, offenbarte ein sympathisches Talent als Gastgeberin im Strandhaus, später sogar ein beachtliches als Schreiberin und als ‚Malerin‘ zauberhafter Collagen. Nur dass von dem kaum einer weiß.

In ihren Memoiren wie auch in ihren zu Unrecht wenig bekannten Novellen hat sie mit Wärme und einem herzhaften, mitunter bissigen, Humor vielen aus ihrem Dunstkreis, auch dem Freund Ringelnatz, liebevoll ein Denkmal gebaut. Wofür ich ihr nichts als Dank weiß, denn „Die schweigende Muse“ les ich grad mit glühenden Wangen und Ohren und die Hinterlassenschaften des Freundes sind für mich sowieso seit Ewigkeiten mein ganz eigenes Elixier.

Der wiederum hat wohl hier, hinterm Seglerhafen von Vitte, ihre große Barfußmädchenseele entdeckt und sie nach seiner Fasson in denk- und dankbar freche Verse gegossen. Und nichts scheint mir so naheliegend wie der Gedanke, dass die Insel der Ort gewesen sein muss, wo er „noch ein Seepferdchen war,/Im vorigen Leben… wonnig, wunderbar…“. Nicht, dass solche in den Wellen um Hiddensee von Natur aus siedelten, aber sieht nicht das ganze Eiland in seinen Umrissen aus wie ein trauriges Ringelnass, das seinen Bauch im Bodden badet, der offenen See zwar nicht die Stirn, doch den Rücken bietet und mit der Nase an einem Zipfel von Rügen schnuppert?

Der Tag geht schon auf die Mitte zu. Zeit, sich aus der Vergangenheit zurückzubeamen. Zumal es so ausschaut, als erhielte man heute hier eh keine Audienz mehr.

Ich lasse das verwaiste Anwesen rechts liegen und mache mich auf in die Richtung, aus der Gerhart Hauptmann damals gekommen sein muss. Vorbei an der Polizeistation von Hiddensee, der er damals wohl noch nicht begegnet ist, rauf nach Kloster und weiter zum Dornbusch. Auf die Heide hab ich heute keine Lust, allein schon, wenn ich an meine Riemchenlatschen denke. Am Ende hätte noch eine der dort hausenden Kreuzottern Appetit auf meinen großen Zeh. Und auch den auf der dornbuschigen Höhe neben den Windflüchtern ragenden Leuchtturm ignoriere ich schnöde – keinen Bock auf aussichtshungrige Völkerscharen.

Außerdem: wenn schon Insel, dann bittschön auch Strand. Vielleicht treff ich da ja einen Typen mit knallroten Badeschuhen, einem gelben Tuch um den Kopf und einer bunten Tasche auf dem Bauch…

Ich streune ein bisschen unterhalb der Steilküste herum und himmele die einsamen Sandbuchten an, in die sich nur ein paar Insider verirren. Dort wirst du zum gefühlten Robinson und begegnest nur ab und an einszweidrei Freitags, wie die Natur sie geschaffen hat. Einen Schatzsucher mit gelbem Kopftuch finde ich nicht, aber etwas anderes. Aus einem Seegrasbüschel, der wellengezausten grünen Haarsträhne einer Meerjungfrau, blinkt mich ein winziges gelbes Steinchen an, so klein, dass es vielleicht dereinst schon Kuttel Daddeldus Vater übersehen hat. So klein, dass es nur an dieses haardünne Silberkettchen passt, das ich nun für einen sonnigen Augenblick manchmal um den Hals trage. Ha, ich bin die Bernsteinhexe.

Und als mich diese besungene Inselfreiheit am Ende ganz und gar übermannt, werfe ich mich barfuß bis zum Hals in die Wellen. Die wundern sich nicht, denn sowas sind sie gewohnt, schon ewig. Das Wasser ist saukalt, aber die sonnenbeheizte Sandkuhle danach wärmt mich wieder auf und tut mir sauwohl. Jedenfalls so lange, bis der Sonnenstand in mir alle Alarmglocken anschlägt: Verdammt, die letzte Fähre! Das wird knapp. Ich raffe hastig mein Zivilisations-Outfit zusammen und suche mich, schon unterwegs, an den kürzesten Rückweg zu erinnern.

Es muss mein Glückstag sein. Der Insulaner und Hausherr des Reetdachhäuschens, bei dem ich sicherheitshalber frage, leiht mir ein Fahrrad: „Stell’s nachher an der Fischhalle ab, Deern.“ Stimmt ja, was hatte ich doch schon heute Morgen gelernt?: „In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach.“

Mit Drahteselgeschwindigkeit hab ichs gerade noch geschafft. Das Fährschiff legt ab, sobald ich an Bord bin.

Die Nielsen hat Hiddensee und ihr ‚Karusel‘ gut achtzig Jahre vor mir verlassen – für immer. Das war 1933, als die braune Flut über die Insel schwappte, als Flugzeuge und Lokomotiven anfingen, über sie zu donnern.
„Die dunkelhaarigen, intellektuellen Künstlertypen wurden von kräftigen blonden Männern und breithüftigen Frauen mit Gretchenfrisur abgelöst. Die stampften großspurig und laut über Felder und Wege…. Dampfer legten an und spien ihren Inhalt an „Kraft-durch-Freude“-Fahrgästen über die Wiesen…. I c h hatte dort nichts mehr zu suchen.“
(„Die schweigende Muse“, S. 377/378.)

Das war ein Jahr bevor sie ihrem Freund Joachim Ringelnatz zu den Klängen von „La Paloma“ weiße Lilien aufs Grab legte, ihre Lieblingsblumen, die er ihr immer in die Künstlergarderobe gebracht hatte.

Vor heuer nunmehr vierzig Jahren ging sie dann selbst, ihm nach.

Beim Blick zurück vom Bodden auf den Hafen taste ich nach Astas Buch im Rucksack und dem Bernsteinkrümel in meiner Tasche und denke, dass ich hierbleiben möchte, jedenfalls für länger als nur einen Tag. Und dass es wieder viel zu lange dauern wird, bis ich wiederkomme.

Ach, es ist schon längst mal wieder Zeit für die Insel…

Bilder: A. Nielsen und J. Ringelnatz – aus: Asta Nielsen, „Die schweigende Muse“. Karusel-Tür – Robert Ott, via fotocommunity. Der ganze Rest – mein Inselsammelsurium. Vereinzelte Fremdurheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Berluc: Bernsteinlegende. 1980. V. Album ‚Hunderttausend Urgewalten‘; via youtube.

Osterspaziergang 2012. Aus: Fäustlinge I

April 8, 2012 um 12:18 pm | Veröffentlicht in 2012, Alles platti, Fest-Platte, Hexenlieder, Kultur, Mal-Hexe, Real-Poetisches, Spielwiese, Wetter-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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Update zu „Opa und Ostern“ von einstmals

it Eismatsch bedreckt sind Straß‘ und Dächer
Durch des Wetters grollend danebenen Tick;
In Schale werft euch mollig dick;
Der neue Frühling, er zog sich schwächelnd
Einstweilen in sich selbst zurück.
Von dort her sendet er, frierend, nur
Ohnsägliche Schauer körnigen Sch…ßes
In Streifen in die verwirrte Natur;
Aber am Sonntag brau’n wir uns was Heißes,
Überall regen sich Hände und Zehen,
Woll’n den Tag in Wärme und Farbe begehen;
Wenn’s an Blumen fehlt im Revier,
Geht’s halt zum Blumenhändler dafür.
Zieht euch warm an. Und auf die Höhen!
Kein Unfrühling halt‘ uns auf rauszugehen…

Ich hör schon der Osterglocken Gebimmel,
Wir machen uns selber den Frühlingshimmel.
Vergesst nicht das Jauchzen und habt’s ja scheen!-
Am Dienstag heißt’s wieder arbeiten gehn.
😉

Frohe Ostern allerseits und allerwegen!

Mit Ton und in Farbe, sagte ich wohl.
Auch in Ostereierfarbe natürlich – bei mir wieder mal mit der vom Opa ererbten Eiermalerei. Den überdauerten und zeitoptimierten Restmalfertigkeiten jedenfalls. Aber immer noch schön genug zum dran Freuen… oder?

Und als kleine Wiedergutmachung an Herrn J. W. G. für den vom Wege abgekommenen Faust vor dem Tore:

Edit: Ha, wie’s ausschaut, muss man nur die richtigen (Dichter)Geister beschwören. Die Sonne, sie hat sich besonnen. 🙂

Bilder: Selber bemalt.
Video: By Martin Missfeldt via youtube.

…und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin

Januar 31, 2012 um 11:44 pm | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Hexenlieder, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Weißt_du_ noch, Wetter-Hexe | 2 Kommentare
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Sehnsucht nach Meer oder Die Seeräuber-Jenny hieß Lotte

as Dreckswetter bringt mich um. Ich melanchole vor mich hin, lausche dem Regen, der gegen die Scheiben prasselt,und wette mit mir selbst, welcher der abwärts rollenden Tropfen zuerst am Ende meines Spiegelbilds im Fensterglas ankommt. Draußen fährt der Sturm in die Baumkronen. Er zerrt und zaust in ihren wirrren Frisuren und reißt ihnen Zweige aus. Die Wipfel schaukeln gefährlich aus ihrer Achse…

Beim ferientagelangen Ausharren im schaukelnden Ausguck auf Großmutters Apfelbaum wurde ich seetüchtig gegen Stürme und alle Arten von Seekrankheit. Die aus den Nachbarskindern rekrutierte Mannschaft unseres Piratenseglers klaute die Entertaue von Mutters Wäscheboden und schwang an ihnen von den Uferbäumen auf das Kaperschiff im Feuerlöschteich hinüber. Es war weniger ein Schiff, eher ein Floß, das seine langweilige Jugendzeit als Hoftorflügel verbracht hatte, bevor wir es mit Mast und Segel und Totenkopfwimpel auftakelten. Die gegnerische Crew von der anderen Straßenseite wurde mit unseren Holzschwertern in die Knie gefuchtelt und ich war die Seeräuberjenny, die brüderlich-schwesterlich das eroberte Gold der Augustäpfel aus fremden Gärten zwischen den Mitpiraten aufteilte, beschützt gegen Meuterer vom starken Seeräuberhauptmann, dem schwarzlockigen Jungen von nebenan. Ich war eine Piratenbraut wie sie im Buche steht, die ihre widerspenstige Haarmähne mit dem Tuch um die Stirn bändigte und nicht tollkühner aus der Lehre eines Efraim Langstrumpf, Käpt’n der Hoppetosse, oder des karibischen Profis Sparrow-Depp hätte entlassen werden können.

Übrig geblieben von diesem ersten Berufswunsch und der einschlägigen Kleinmädchenkarriere ist später der Traum von einem Ferienhausboot. Nicht so einem alten ausgedienten Kahn, der dick und träge am Schilfrand vertäut vor sich hin dümpelt, sondern einem echten Wasservagabunden unter Segel, heute hier, morgen dort, der die Nase in den Wind hält. Aus dem Traum ist
a u c h nichts geworden, jedenfalls nicht mehr als gelegentliche Kanutouren flussabwärts, in fremdgeborgten Booten, zu Haus und anderswo. —

Heute fahre ich jeden Tag über die Fischerinsel. Ich stehe am Schöneberger Ufer im Stau und quatsche hin und wieder heimlich im Dunkeln mit den barfüßigen Nymphen vom Neptunbrunnen. Manchmal, viel zu selten, haue ich ab. Ich stehle mich davon, düse mit um die 65 Knoten die schlappen paar Seemeilen zum Strand rauf, fädele Fußspuren in den nassen Sand und tunke die Zehen in die Wellen. Und ich kann immer noch das
f ü h l e n, was Einer, der damals seinen und der Seeräuber-Jenny Hafen im Theater am Schiffbauerdamm fand, irgendwann vor Aberjahrzehnten in sein Tagebuch
g e s c h r i e b e n hat: „Komme, was mag, aber am Ende: das Meer!“ …

***

Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden.
Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
Und Sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel…


Die eine bevölkert die Unterwelt von Soho in der Dreigroschenoper. Die andere zuerst ein unbesonntes Arbeiterviertel im sonnigen Wien, fernab vom melancholischen Wiener Charme. Die erste, Jenny, verdankt ihre Existenz zwei Vätern, den Herren Brecht und Weill, die ihr ein Leben in einer trotzig gesungenen Ballade erfinden. Eine Mutter erfinden sie ihr nicht. Die zweite, Lotte, wird auf natürliche Weise von einer Waschfrau geboren. Komplett durchbuchstabiert heißt sie Karoline Wilhelmine Charlotte und ihr Vater ist kein tollkühner Kapitän eines Piratenklippers, sondern der trunksüchtige Wiener Kutscher Blamauer, der sie im Suff regelmäßig vermöbelt. Lottes Kindheit ist freudlos wie das Dasein der Seeräuber-Jenny in ihrer Spelunke.

Und man sagt: Was lächelt die dabei?

Jenny spinnt und singt sich in der Kneipe am Meer ihr Schiff mit acht Segeln in den Hafen, das sie aus dem Schlamassel rausholt. Lotte ’segelt‘ erst nach Zürich, nicht am Meer, lernt aus eigenem Antrieb Balletttanzen und Schauspielerei. Auffrischende Winde wehen sie nach Berlin, fast am Meer, wo sie sich den Kerl angelt, der zwar keinen Totenkopfsegler befehligt, dafür unverwechselbare Musik komponiert und auch die unsterblichen Melodien zur Dreigroschenoper und Lottes Liedern schreiben wird. Der über sie sagen wird:“Sie ist eine miserable Hausfrau, sprich leise wenn du Liebe sagstaber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso. …Meine Frau heißt Lotte Lenya.“ Sie selbst wird nach zwei Jahren wilder Ehe sagen, dass sie nur wegen der Nachbarn geheiratet haben. Die zwei lernen sich beiläufig in einem kleinen Boot kennen. Ob dies für Lottes spätere Piratenkarriere eine Rolle spielt, wird von den Biografen nicht näher ausgeführt.

Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin.
Aber eines Abends wird ein Getös sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Getös?

Theater am SchiffbauerdammJenny und Lotte begegnen sich am denkwürdigen Abend des 31. August 1928, auf der Bühne am Schiffbauerdamm. Die Aufführung der Dreigroschenoper gerät zu einem bejubelten Grandiosum und soll späterhin zum erfolgreichsten deutschen Stück des 20. Jahrhunderts werden. Mackie Messers Moritat, die Ballade vom angenehmen Leben und das Lied der Seeräuber-Jenny erobern Berlin und fliegen im Nu um die Welt. Das Volk erkennt sich wieder und pfeift die Melodien auf den Straßen. „Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral, besser hätte es keiner von ihnen sagen können. das nahmen sie wörtlich.“* Launiges Realpoetikum: die Spelunken-Jenny, die es gar nicht gibt, wird von heut auf morgen berühmt und die lebendige Lotte, die ihr in einziger Manier ihre Stimme leiht – die gibt es gar nicht, jedenfalls nicht im Programmheft der Uraufführung. Sie dort anzuführen wird schlichtweg vergessen. – Achwas, und wie es sie gibt! Sie singt sich an diesem Abend zum Bühnen-Inbild der rachespinnenden Möchtegernpiratenbraut, wird die Protagonistin Weillscher Musik. Und kein geringerer als Brecht höchstpersönlich, auf dessen Urteil die Welt noch heute was gibt, macht ihr für ihre Kunst das schönste Kompliment, das sie sich wünschen kann: „Du hast es so gesungen, wie ich es geschrieben habe.“

Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden.
Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
Und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern

Womöglich ist Lotte ihr Gatte zu wenig piratesk, denn sie brennt später mit einem österreichischen Tenor durch, mit dem sie als Seeräuber-Jenny und im Brecht-Weillschen Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny oder Die sieben Todsünden auf europäischen Bühnen steht und mit dem sie beider Geld an den Spieltischen der französischen Riviera durchbringt. Sie wird geschieden, doch es ist nicht das Ende vom Lied… wenn zwei zusammengehören, die nicht immer miteinander, aber erst recht nicht ohne einander können.

Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird entschwinden mit mir.

Ihr erstes Schiff, auf dem Lotte vielleicht an Deck steht – nicht als Seeräuberbraut, sondern als Passagierin -, ist bestimmt ein moderner Überseedampfer und kein Piratensegler. Vielleicht ist es aber auch ein Langstreckenflieger, der sie zusammen mit Kurt Weill 1935 nach New York bringt. Das Entschwinden ist eine Flucht ins Exil: Weill ist Jude und dazu von den Nazis als Vertreter ‚entarteter‘ Kunst verfemt. Sie heiratet ihn ein zweites Mal. Seine Heimat wird der Broadway und die Amis aoptieren ihn und seine Musik mit fliegenden Fahnen; nach Deutschland hat er keine Sehnsucht und wird nie mehr dahin zurückkehren. Sie tingelt und tourt über die Bühnen quer durch die USA, spielt weiter in seinen Stücken und denen ihres Nachbarn Maxwell Anderson, eines der erfolgreichsten Theaterautoren der 1930er Jahre. Mit dem auch ihr Mann zusammenarbeitet, so an einem Musical zu Mark Twains Huckleberry Finn, das jedoch unvollendet bleibt. Lotte zieht sich später vom Theater zurück, weil sie ihren deutschen Akzent als Handikap erlebt.

Als Weill 1950 gerade fünfzigjährig stirbt, hält lange nur seine Musik und die Erinnerung an ihn Lotte aufrecht. Sie kümmert sich um seinen Nachlass und hält sein Erbe wach.

Und sie kehrt auf die Bühne zurück – als Seeräuber-Jenny. Die teilt, wie sich das für den Broadway gehört, ihr Los dem geneigten Publikum nunmehr in englischer Sprache mit, nach einer Neuübersetzung der Dreigroschenoper, die der berühmte Leonhard Bernstein höchstpersönlich zuvor durchgedrückt hat. Der Riesenerfolg gibt ihm Recht und steht dem vom Schiffbauerdamm in nichts nach.

Und man wird mich sehen treten aus der Tür am Morgen
Und man sagt: Die hat darin gewohnt?

Die Piratenjenny ist in die Jahre gekommen und aus Lottes einstiger Sopranstimme ein eindrucksvoller Alt geworden, rau und bittersüß. Für den und für sie schreibt Wilhelm Brückner-Rüggeberg, Dirigent der Schallplatteneinspielungen von Brecht-Weill-Stücken, die in Deutschland Ende der 50er mit Lotte aufgenommen werden, ihre Songs auf die tiefere Tonlage um. Die Aufnahmen erreichen Klassikerstatus.

Auf ihre alten Tage entert Lotte sogar noch Hollywood. Sie spielt an der Seite von Größen wie Vivien Leigh, bringt es immerhin auf eine Oscar-Nominierung und steigt noch aus dem Piratenmetier in andere Gefilde von knallhartem Abenteuer um: ihre Rosa Klebb, Ex-KGBlerin im James-Bond-Klassiker Liebesgrüße aus Moskau, legt ein Mosaiksteinchen zur Unsterblichkeit. Ebenso wie die Rolle des Fräulein Schneider aus dem Broadway-Renner Cabaret, in der sie Ende der 60er auf der Bühne steht.

Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beflaggen den Mast.

Dass sie nach ihrem Tod 1981 auf einem stillen Friedhof irgendwo im Staat New York begraben wird, ist vollkommen in Ordnung. Sie ist überm großen Teich immer noch bekannter als in Deutschland, New York City hat ihr Berlin ohne Heimweh ersetzt und ein Seemannsgrab war in ihrem Schicksal nicht vorgesehen. Berlin gedenkt ihrer mit dem Lotte-Lenya-Bogen, einer Straße am Theater des Westens.

Nach der Lenya haben andere die Seeräuber-Jenny gesungen, manche davon sich uns in die Seele oder sonstwohin: die Knef oder die Faithfull, die Lemper und last not least das Dresden-Dolls- und überhaupt Enfant terrible Amanda Palmer.

Aber sie war die erste, die anhaltendste, das Original.
Die Seeräuber-Jenny hieß Lotte.

***

Aus dem Regen ist ein kleiner Schneeflockentanz geworden. Mein Spiegelbild im Fensterglas hat zarten Glitter aus Eiskristallen aufgelegt. Draußen fährt ein bissiger Ostwind in die Baumkronen – Liebesgrüße aus Moskau. Er zerrt und zaust in ihren wirrren Frisuren und reißt ihnen Zweige aus. Die erstarrten Wipfelmasten schaukeln gefährlich aus ihrer Achse…

Den mittlerweile ausgewachsenen Seeräuberhauptmann hab ich über zwanzig Jahre später mal wiedergetroffen und mit ihm eine kleine wilde Schatzsuche angefangen. – Wo er sich heute aufhält, ist unbekannt.

***

P.S. Den 110. Geburtstag der Seeräuber-Lotte haben wir hier blogweise um ein gutes Stück mehr als drei Jahre verpasst, die dreißigjährige Wiederkehr ihres Dahinscheidens zum Glück nur um ein paar Wochen – sowas passiert, wenn man seinen Lebensunterhalt mit anderem als mit Schreiben und Bloggen verdienen muss. Andere haben ihrer – und Weills – zeitnah gedacht. Die Fernsehfuzzis von 3sat beispielsweise, mit einer Doku, der sie einen Satz aus Lenyas und Weills Briefwechsel zum Titel gaben: „Sprich leise, wenn du Liebe sagst“. (Sag ich doch, wer seinen Lebensunterhalt n i c h t mit was anderem….)

Und wusste eigentlich jemand, dass die Ballade von der Pirate Jenny Lars von Trier bei seinem Drehbuch für das in Brechtscher Tradition des ‚epischen Theaters‘ gedrehte Metzel- und Vergeltungsdrama „Dogville“ inspiriert hat?
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* Zitat: Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebengeschichte 1921-1931. Büchergilde Gutenberg, 1986, S. 318.
Bilder: Piratenbraut. Sariel, 11.08.2008. Via Fotowelt. Fotos Lenya und Weill – via Kurt-Weill-Zentrum. Theater am Schiffbauerdamm. Postkarte, Trinks & Co., Leipzig – via Pirate Lotte – via. Poster Three Penny Opera/Broadway: Original MGM record jacket – via Threepenny Opera.org. Piratenbraut: Christian Laske (Knippsomat), 02.05.2010 – via fotocommunity.de.
Videos: Seeräuber-Jenny, gesungen von Lotte Lenya im Film „Die Dreigroschenoper“. 1931. Via youtube. Pirate Jenny. Lotte Lenya (BBC tv 1962) – via youtube.

Von Kindern, Zwergen und anderen Größen oder wozu ein paar Kartons alter Briefumschläge gut sind

Oktober 15, 2011 um 11:59 pm | Veröffentlicht in 2011, Bücherhexe, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 1 Kommentar
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Nachträglich zum 70. Geburtstag eines Bildermachers

Auaaaa… Volltreffer. Ich verfluche diesen unsäglichen Reflex, immer schützend den Fuß drunterzuhalten, wenn was von oben runterfällt.

Stöhnend lasse mich auf den Boden plumpsen und rubbele mit der linken Fußsohle tröstend über den rechten großen Zeh, dessen schmerzverzerrtes Gesicht rot anläuft und morgen bestimmt in noch ganz anderen Farben leuchten wird. Dann angele ich mir den staubigen Übeltäter, der sich beim Bücherkramen im Regal hinter der Kammertüre auf mein Hinterpfötchen gestürzt hat: „Alfons Zitterbacke“, fledderig zerlesenes Kinderbuch über einen Pechvogel und Erziehungsversehrten mit Kultstatus aus alten Tagen. Tsssss… na, der passt ja, auch wenns dem (coverseitig) den zweiten ‚Vorderzeh‘ erwischt hat.

Sein illustrierender Zeichnervater übrigens hatte es auch heftig in den Vorderpfoten, begnadetes Talent nämlich, zum Bildermachen. Und er hat Generationen von Dreikäsehochs, wie meiner, nicht nur ihre Lektüre und ihre Kindheit ausgemalt und sie daneben mit eigenen Bildergeschichten gefüttert. Er spielte mit ihnen auch an ihren ganztägigen Aufbewahrungsorten, versüßte ihnen die Auszeiten von erziehungsberechtigten Fehlern, kitzelte aus ihnen die verborgenen Zeichentalente heraus und wurde, nach dem Signum unter seinen Kritzeleyen, von seiner Hauptzielgruppe wahrscheinlich liebevoll der Bofi genannt. Manfred Bofinger.

Als er in einem Interview mal gefragt wurde, welche Bücher, außer seinen eigenen, er den Gören sonst noch empfehlen würde, antwortete er:

„Bei Büchern, die ich nicht illustriert habe, fallen mir auf Anhieb drei ein. Zwei davon sind von Joachim Ringelnatz und die beiden frechsten Bücher, die ich überhaupt kenne: „Das Kinder-Verwirr-Buch“ und das „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ […]. Ringelnatz ist für mich eine ganz große Offenbarung gewesen, sehr früh schon. Den hätte ich gerne kennen gelernt. Das dritte Buch ist „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Und zwar mit den Illustrationen von Frans Haacken.“

Ein Schelm, wer hier nicht merkt, an welchen Würzlein der Bofinger sich genährt hat. Und ein armseliger solcher dazu, in den nicht spätestens nach solchen Statements und Hausheiligenbekundungen wärmste Zustimmung und Zuneigung einziehen.

Dabei hat der ja nie auf Malen und Zeichnen studiert, der Bofi, sondern sich das alles nach einer soliden Handwerkerlehre als Schriftsetzer mit Abi autodidaktisch draufgezimmert. Freilich kam ihm dabei ein Umstand zugute: eine Anstellung 1961 als Typograf beim „Eulenspiegel“, d e r Satirezeitschrift der DDR. Dort hatte er täglichen Umgang mit lauter so Kritzelfritzen. Nachdem von deren renommiertesten einem, Karl Schrader, eines Tages die Ansage erging: „Du zeichnest klasse, und du machst jetzt mal was“, machte er mal was. Und konnte sich bald vor Aufträgen nicht mehr retten. Es kam, wie’s kommen musste – Bofinger machte sich 1968 als Freiberufler selbstständig und ward fortan einer der gefragtesten und beliebtesten Illustratoren weit und breit für Verlage und Autoren mit Humor. Er war Stammillustrator der DDR-Kinderzeitschrift „Frösi“ (praktikabel gewordenenes Kürzel aus deren einstigem Namen „Föhlichsein und Singen“). Und selber schreiben konnte er auch noch. Exemplarisches Beispiel: Der krumme Löffel, biografisch angehauchte Miniaturen einer Kindheit im Nachkriegsberlin.

Belohnt und bekränzt wurde er für sei Tun mit zahlreichen Preisen. Einer der liebsten war ihm der „Schnabelsteherpreis für das frechste Buch des Jahres“, erhalten von den tapferen norddeutschen Buchhändlern für sein „Gänsehautbuch. Ein ABC des Grauens für tapfere Kinder und Eltern“.

Dem „Eulenspiegel“ blieb er, nicht nur für den Karriereanschub, weiterhin treu. Als Dank dafür ‚erbte‘ er bei der Beinahe-Abwicklung und Aufräumungsarbeiten desselben 1990 diverse Kartons voll hässlicher grau-brauner Briefumschläge. Die zum Urknall einer neuen Schaffensperiode und zu Begleitern einer so wunderbaren wie gedeihlichen Freundschaft werden sollten – mit F. W. Bernstein, mindestens westlich des Pecos als Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und i h r e s „Eulenspiegels“, der „Titanic“, bekannt. Lyriker und Karikaturist vor dem Herrn.

Zu dem gefalzt verklebten Altpapier wäre keinem alten Hund was Sinnstiftendes eingefallen – außer zwei Kritzelfritzen, deren Sympathie füreinander von der ersten Begegnung an feststand. Sie begannen unter Verwendung eben jener Umschläge einen abgefahrenen und haltbaren Briefwechsel in Bildern, der von 1991 bis zum Jahr vor dem tragischen Tod Bofingers 2006 andauerte, zwischen ihren Berliner Wohnsitzen hin und her wogte und nicht nur die Deutsche Post in Atem hielt. Mit liebevollem Humor oder bissfester Satire und einer Portion Verspieltheit zogen sie in ihrem eigenen Strich nach Strich und Faden über die Symptome der Welt, des Alltags und des Nebenuns und sogar über sich selber her. Sie ließen nichts aus – ein Fall Realer Poesie, wie er im Buche steht.

„Bei F.W.Bernstein in Steglitz wird die Idee zwischen der ersten Tasse Tee am frühen Morgen und dem vormittäglichen Frühstück geboren und zu Papier gebracht. Anders in Treptow: Bei Manfred Bofinger kommt der Einfall im Laufe des Tages, wird entwickelt, ausgefeilt und dann verarbeitet. Auf diese Weise entstehen wöchentlich oft mehrere gezeichnete, aquarellierte, gemalte und gekritzelte Zeit-Kommentare…“
(Martina Schellhorn. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung)

Was als witzige Gedankenblitze zu Sinn,Un- und Hintersinn des wirklichen Lebens begann, wird bald von beiden in die Form von „Produktionsanlässen“ gegossen: die „korrigierte Weltgeschichte“, „Wenn ich König wär“ oder „Das erste Mal“ u.s.f. Und da die Herren B&B so freundlich waren, ihre Korrespondenz irgendwann öffentlich zu machen, wohnt ein Extrakt davon in einem Exemplar „Ich glaube, du bist dran“ (Hrsg. Bei Rütten & Loening 1995, mit einer Nachbemerkung von Herbert Rosendorfer) in himmlischem Bilderbuch-Querformat bei mir zu Hause. Ein weiteres hab ich mal an einen lieben Freund, der damit was anfangen kann, hergeschenkt und zur Adoption freigegeben.

Mich haben Bofingers Illustrationen, Karikaturen, Bilderbücher und Typospielereien weit über das Zopfmädchenalter hinaus begleitet, eigentlich bis heute. In der Bofi-Abteilung meiner Bibliothek trifft Einstein mit der Geige auf Herrn Dickbauch und Frau Dünnbein oder Darlingsratte mit Anhang, und der Punk-Welpe seufzt den Zeiten nach, als Papa noch Pirat war. Kinder, Zwerge und andere Größen ziehen in geschlossener Front an zwei Männern beim Betrachten des Mondes vorbei und Graf Tüpo stattet ein paar sommersprossigen Lausejungs mit frecher Nase und Dreiangel in der Hose, die im Dicken Bofinger-Buch herumlümmeln, einen Besuch ab.



Bofis Darlingratte

Die gefährliche Körperverletzung an meinem großen Zeh durch Alfons Zitterbacke habe ich inzwischen fast vergessen. Beinahe zärtlich wische ich mit dem Ärmel den Staub vom Einband und stelle das Buch zurück zu den anderen. Nicht weit weg von meiner letzten einschlägigen Erungenschaft, dem Berliner Bilderbuch brominenter Bersönlichkeiten,
n o c h einer Gemeinschaftsproduktion der Herren B&B. Hinter dessen schnuckligem Oktav-Format des Zweitausendeins Verlages auf fast 600 Seiten sich… nein, keine Einführung in die Besonderheiten des sächsischen Dialekts und harten „B“ verbirgt, sondern die Entdeckung des Urberliners Bofinger und Wahlberliners Bernstein alias Fritz Weigle, dass das Gros aller Berühmtheiten – wie sie selbst – mit Doppel-B anfängt: von Bertolt Brecht über Buffalo Bill oder BarBie bis Bablo Bicasso.

Benno BessonBio BauerBiermösl Blosn

Dass sie diesem brägnanten Bunkt mit bointierten Bortraits in Hülle und Fülle und in ihrer ureigenen Manier begegnen mussten, versteht sich ja wohl von selbst.

*

Letzte Woche wäre er 70 geworden, der Bofi. Von einem Leben nach dem Tode zeugen in seinem Fall nicht nur seine putzmuntere Präsenz in den treuen Händen der Leser und Gucker, sondern aktuelle Neuerscheinungen, in denen er mit seinen Bildern immer noch vorkommt. Und es wird gemunkelt, dass Eltern mit ihren Zopfmädchen zu seinem Grab mit Spreeblick auf dem verträumten alten Stralauer Friedhof pilgern und ihnen dort ihre sorgsam gehüteten Bofi-Kinderbücher vorlesen.

Ich glaube, das hätte ihn gefreut.

Bilder: Briefumschlag – entliehen bei der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. B&B-Foto: Harald Hirsch, auch von da. Bofis Grab mit Spreeblick – via Friedrichshainer Chronik: Friedhof am Wasser. Die andern: von den Genannten ‚vorproduziert‘, teilweise von mir eigenhändig _ab_geknipst und abgekupfert. 😉

Jotwede mit J. W. G. oder Wanderins Nachtlied

September 8, 2011 um 10:22 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fremd-Worte, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Spielwiese, Unnützes Wissen, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Update zu Die Lieb, die Lieb – mit Preisrätsel


Ilmenau ist ein Städtchen im Thüringischen. Außer den Einwohnern selber vielleicht noch Inland-Touris und Wanderfreaks, ein paar tausend Studenten der ansässigen Uni und drei, vier Handvoll Goethefans bekannt.

Mich verbinden mit dem Städtchen vor allem zwei Erinnerungen.
Die erste ist eine traurige: die Nachricht vom Selbstmord eines früheren Schulkameraden, hoffnungsvolles Mathematikgenie und Wahl-Ilmenauer, der uns Jugendfreunde damals tief erschüttert und mit tausend Fragen zurückgelassen hat. Die zweite hat noch ein Viertelleben mehr auf dem Buckel und ist nichts weniger als traurig, höchstens mit einem Wölkchen Wehmut betaut: an einen heißen Frühsommertag und eine übermütige, unbeschwert gackernde Horde Teenager, die, den Kopf voller Unsinn und Flausen und schon diverse Kilometer unter den Hacken, die Höhe des Ilmenauer Hausberges Kickelhahn erklomm. Klassenfahrten reichten dazumal noch nicht bis Rom oder London oder Lloret de Mar.

Der Weg aufwärts war einigermaßen steil und zog sich hin, wodurch der Übermut der jungen wilden Flachländer zunehmend abnahm, und die kurz vor dem etwas fußlahmen Sturm des Gipfels passierte Bretterbude versetzte außer mir kaum noch einen in Ehrfurcht. Verschwitzt und von der Hitze geschafft, schleppten sie sich daran vorbei und den meisten war es längst latte, dass sie hier auf Goethens heiligen Pfaden wandelten.

Der nämlich war in seiner Funktion als Bergbauminister von Sachsen-Weimar-Eisenach recht häufig an den Steinkohlengruben um Ilmenau, in seiner Funktion als herzoglicher Freund, Wanderer, Zeichner und Dichter auch des öfteren hier oben auf dem Kickelhahn. Und in eben jener grad etwas respektlos titulierten Bretterbude, die seinerzeit eine Jagdhütte war und heute respektvoll das Goethehäuschen heißt, schrieb er die Verse seines unsterblichen

Wandrers Nachtlied – Ein Gleiches:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Und zwar ein Gleiches zu Wandrers Nachtlied an Charlotte von Stein:

Der du von dem Himmel bist,
Alle Freud und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Er schrieb sie mit Bleistift auf das Holz der Wand neben dem Fenster, in der Nacht vom 6. auf den 7. September – also just gestern auf den Tag genau vor… ja, wieviel Jahren eigentlich?

Na, vor 231 doch – oder? Moooment, also bevor hier einer anfängt zu grinsen über Unwissenheit und Dummfragen, wo schließlich der 6./7. September 1780 als offizielles Entstehungsdatum einschlägig gehandelt wird, frag ich mich doch einfach mal so: wie selbiges Wandrers Nachtlied dann auf die Wand einer Hütte erfunden sein soll, die, so man den Chronisten und der im Goethezeitportal dokumentierten Inschrift-Unterschrift von Goethes höchsteigener Hand glauben darf, auf Betreiben des herzoglichen Carl August erst im Sommer 1783 auf den Berg gestellt wurde. D a n a c h wären es jetzt genau 228 Jahre. Die mir dereinst herzwarm übereignete achtbändige Tempel-Klassiker-Ausgabe ist für solcherart Spitzfindigkeiten leider zu unkommentiert. Und nicht world wide Wandrers-Nachtlied-Experten noch Goethezeitportal scheinen, so meine emsige www-Kramerei, über die munter und unbekümmert nebeneinander publizierten zwei Jahreszahlen zu stolpern. Jedenfalls hab ich bislang kein Sterbenswort dazu gefunden.

Oder sollte ich irgendwas übersehen haben und bin nur zu dämlich, das kleine Rätsel aufzudecken? Wenngleich es ja dem über die stillen Wipfel und schweigenden Vögelein hin singenden Wandrer eigentlich herzlich schnuppe sein kann, wann und ob er auf diesem Gipfel das Licht der Welt und das Dunkel der Nacht erblickt hat; es tut seiner minimalistisch-sinnschweren Schönheit nicht weh. Aber ein bissel neugierig ist man schon, wo doch sonst jeder Japser vom J. W. G. tausendfach zurechtgedeutet wurde. Auf, auf, Goethe-Kenner und -Forscher, erleuchtet mich!

***

Ein wenig eitel war er aber schon, der alte Geheimrat, oder? Denn 1813 hat er die Verse in der Hütte nochmal für die Nachwelt nachgemalt. Was in diesem besonderen Fall allerdings nur begrenzt genützt hat. Denn abgesehen davon, dass Grabräuber… öh, Souvenirjäger nachweislich versucht haben, sie aus der Wand zu sägen, brannte das originale Goethehäuschen auf dem Kickelhahn am 12. August 1870 nieder, als ein Trio Nachtliedwanderer darin ein romantisches Lagerfeuer abfackelte:

„Durch starke Regengüsse wurden die Leute durchnässt; sie beschlossen, als der Abend herbeikam und sie das genügende Quantum von Beeren noch nicht zusammengebracht hatten, ihre Heimath auch zu entfernt war, in dem stets offen gehaltenen Goethehäuschen zu übernachten und ihr Geschäft dann am andern Morgen fortzusetzen. Sie gingen nach dem Goethehäuschen und nahmen Besitz von dem obern Raume, in welchem sich eben das Goethe’sche Manuscript befand. Dort entzündete ein Mann auf einem kleinen Estrichguss, worauf früher ein Ofen gestanden, ein Feuer, um die nassen Kleider zu trocknen und die frierenden Glieder zu wärmen. Als die Leute am andern Morgen früh gegen fünf Uhr das Häuschen verließen, glimmten noch Kohlen auf der Feuerstätte und es stieg noch schwacher Rauch auf. Um diesem Abgang zu verschaffen, öffnete derselbe Mann, der das Feuer angezündet hatte, beim Weggange ein Fenster und ließ die Thür offen stehen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Fahrlässigkeit jenes Mannes die Ursache des Brandes geworden, indem durch den hergestellten Luftzug das noch glimmende Feuer angefacht worden ist, welches dann das dürre Holzwerk entzündet haben mag. […] Vom großherzoglichen Kreisgericht Arnstadt wurde der Schuldige wegen fahrlässiger Brandstiftung zu zwei Monaten Gefängnis verurtheilt.“

Julius Keßler, Ein deutsches Heiligthum und sein Untergang. In: Die Gartenlaube, 1872, No. 40, S. 656-658.Abbildung S. 657, Zitat S. 657f. (Von mir entliehen aus dem vielzitierten Ihrwisstschonportal.)

Das Hüttlein wurde recht umgehend durch einen Verein für die Verschönerung Ilmenaus originalgetreu wieder aufgebaut und beherbergt heute neben einem Faksimile der goetheschen Inschrift unter Glas auch Wandrers Nachtlied in 15 Sprachen.

Unser alter Dichterfürst selber konnte sich offenbar nur schwer von seiner realpoetischen Graffiti und Eingebung trennen. Kurz vor seinem Tod, auf seiner letzten Reise nach Ilmenau, war er 1831 nochmal oben in der Hütte auf dem Kickelhahn, um nachzuschaun, ob sein Verslein noch an der Wand stünde. Seinem Freund und Begleiter jenes letzten Aufstiegs, dem Geologen Johann Christian Mahr, verdanken wir die Unvergänglichkeit dieses rührseligen Moments des greisen Goethe – und, in mittelbarer Täterschaft, unzählige KitschPostkarten mit dem weißhaarigen Alten auf dem Berge:

„Goethe überlas diese wenigen Verse und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: „Ja warte nur balde ruhest du auch!“, schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald, und wendete sich darauf zu mir, mit den Worten: „Nun wollen wir wieder gehen.“
(Zit. n. Wulf Segebrecht: Johann Wolfgang Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und seine Folgen. Zum Gebrauchswert klassischer Lyrik [Reihe Hanser. Literatur- Kommentare; 11] München: Carl Hanser 1978, S. 37f. Über den „Kult des Ortes“ S. 34-45.)

Nachzulesen auch unter ‚Orte und Zeiten in Goethes Leben‘ im womöglich von mir schon erwähnten Goethezeitportal auf der Kickelhahn-Seite von Jutta Asser und Georg Jäger. Auf der die Zwei auch liebevoll eine Sammlung besagter Postkarten zusammentragen, an denen ich mich ‚zu bildenden… [und] kulturellen Zwecken‘ mal frech bedient hab.

Aber nun hocke ich hier mit meinem kleinen großen Rätsel vom Kickelhahn.
„Über allen Gipfeln
ist Ruh…“?

P.S. Für goethegestützte, kluge, witzige und/oder kreativ-originelle Lösungen bin ich bereit, einen kleinen Preis zu stiften. Nix aus meiner nicht grad überüppigen Goetheiana – die brauch ich selber. Aber auch halbwegs un-passend: eine Sammlung Boring Postcards USA, besorgt durch Martin Parr, würd‘ ich mir vom Herzen reißen. Etwas angegilbt und angegrabbelt, dafür als sauber gebundenes Büchelchen. – Wer also sowas mag…

P.P.S. Bei plötzlicher und unerwarteter Kommentarflut in Form von Antwortvorschlägen entscheidet über die Preisvergabe das Stiftungskomitee, bestehend aus – mir. Trostpreise: von der Hex‘ handsignierte Kitschpostkarten zu willkürlichen Themen.

Der Soundtrack kommt heute mal wieder alternativ daher: als Wanderlust…, ach nee, Wonderlust King, zwar nicht von Goethe-, aber von G o g o l Bordello:

Na gut, wer’s doch lieber klassisch mag, der lausche halt hier rein. (Obwohl: kann eigentlich einer der so unbändig wie entwaffnend lärmenden Lebenslust der Bordello-Bande widerstehen?) 😉

Bilder: Goethe Kari-kopf: Christof Stückelberger, ©2011. Aus: Goethe sucht nach des Pudels Kern; via. Kickelhahn-Schild: via ilmenau himmelblau. Goethehäuschen: Daniel Beyer, 14. Mai 2004, via Wikipedia. Faksimile der Wandinschrift – via Goethezeitportal. KitschPostkarten: ebenda. Kickelhahn-Panorama: Michael Sander, 23. August 2006. Via Wikipedia. Goethegestützt: Reiner Schwalme – via.
Video: Gogol Bordello: Wonderlust King vom Album „Super Taranta“, 2007. Via youtube.

I Told You I Was Trouble

Juli 25, 2011 um 2:13 am | Veröffentlicht in 2011, Kalenderblätter, Kultur, Lieder-Hexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Spinnweben | 4 Kommentare
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Vorahnung eines Updates

„You’re wondering now, what to do,
now you know, this is the End“

(Song der Ska-Band The Specials, gesungen von
Winehouse auf ihren Konzerten als ‚Rausschmeißer’lied.)

Vorausgehechelt von Boulevardschmierfinken, von den andern besorgt befürchtet und düster vorhergeahnt – Amy Winehouse ist tot. Traurig. Tragisch. Ein Jammer um diese starke, grandiose Soulstimme. Und um diese junge Frau mit dem Wahnsinnstalent.

Sie starb früh, zu früh, denn auch sie wurde nur diese verdammten 27 Jahre alt. Wie Janis. Wie Jimmy. Wie Kurt… und wie sie alle heißen. Willkommen im Club, Amy. Dort hausen die Legenden.

Das brutale Showgeschäft frisst wie eh und je seine Kinder.
Bleiben werden uns ihre Songs.

Ruhe in Frieden, Mädchen.

Bilder: Amy Winehouse, erste Reihe: via VERTIGOFM. Amy Winehouse, zweite Reihe: Bild 1 – Foto: AP; Bild 2 – Foto: REUTERS, via Berliner Morgenpost; Bild 3 – via VERTIGOFM.
Videos: Amy Winehouse: You Know I’m No Good v. Album: Back To Black. 2006. Via youtube. Amy Winehouse: Trailer zu Back To Black. Via youtube.

Manuskripte brennen nicht oder: Wo Gretchen Margarita heißt und Faust im Irrenhaus sitzt, ist Moskau

Juni 19, 2011 um 7:13 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Hexenliebe, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, PhilosoVieh | 7 Kommentare
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„Einen langen Weg hat der Teufel zurückgelegt, vom ‚Buch Hiob‘ in der Bibel bis zum Prolog im Himmel im „Faust“. Von Iwan Karamasow bis zu Adrian Leverkühn war es nur ein Sprung – noch längst kein Jahrhundertsprung. Kann der Teufel sich noch einmal in einer Dichtung unserer Epoche verselbständigen? Nicht entmachtet, entteufelt…, sondern im Vollbesitz seiner Macht… Kann er noch einmal, nach Dostojewski und nach Thomas Mann, glaubhaft dargestellt werden, als Widerspiegelung eines grauenhaft verlockenden Zweifels, der heute Menschen verwirrt?“

Zitat: Anna Seghers. Aus dem Klappentext der ersten (und volltextlichen) deutschen Ausgabe von: Michail Bulgakow „Der Meister und Margarita“. 1975 bei Volk und Welt. Diese beiläufig in sehr guter Übersetzung von Thomas Reschke.

Und ob er konnte! Und wie!
Und Gott und der Teufel und halbwegs Eingeweihte in die russische Literatur des 20. Jahrhunderts wissen, welch verdammt langen Weg Bulgakows Lebenswerk (geschrieben von 1928 bis zu seinem letzten Atemzug 1940) mitsamt dem Teufel darin hat hinter sich bringen müssen, bis es an die drei Jahrzehnte nach dem Tod des Autors endlich erscheinen durfte. Und selbst da noch ’schaumgebremst‘. Denn seine Erstveröffentlichung in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift Moskwa Ende der sechziger Jahre geschah immer noch mit über 180 Kürzungen und Verstümmelungen durch die sowjetische Zensur.

Doch „Manuskripte brennen nicht“, wie Bulgakow in diesem seinem Werk höchstselbst verkündet. Der Meister und Margarita wurde zu einem klassischen Fall für den Samisdat. Was auf Deutsch Selbstverlag bedeutet, und zwar auf eine in östlichen Gefilden ‚von oben‘ verhinderter Kunst sehr besondere und lange bewährte Art: durch die große Volksseele, die Leser selbst nämlich. Die rissen ihren Buch- und Zeitungshändlern das im Nu vergriffene Meisterwerk wie warme Semmeln aus den Händen, kopierten es oder schrieben es mitsamt den ausgelassenen Passagen sogar mit der Hand ab, gaben es weiter und verbreiteten es in dem Stoff angemessenem Höllentempo.

Das Buch war Kult, der auch in die Literaturstudi-Szene an DDR-Unis überschwappte. Ein Hauch davon überdauerte gar bis in meine Zeit dort und wehte mir ein paar legendäre Exemplare gilbender Handkopien in Originalsprache in den Weg, in denen ich mit Fieberaugen versunken bin. Ich hab meinen Meister und Margarita immer gern, immer verzaubert und verhext und seitdem auch immer sehr ehrfürchtig hergenommen.

***

Schauplatz der Teufelei: Bulgakows Moskau der 30er Jahre. Die Realität in der Hoch-Zeit der TeufelsStalin-Ära ist zu einer einzigen gewaltigen Groteske mutiert, unwirklich wie das Treiben der einfallenden Höllenbagage im Gefolge des Teufels, unwirklicher als das Buch im Buche, die ‚andere‘ Passionsgeschichte des Meisters um Jesus und Pontius Pilatus. Künstler landen im Irrenhaus und haben vergessen, wer sie sind.

Die Zeitmaschine ist in der Literatur längst erfunden und rattert munter und auf Hochtouren durch Bulgakows Roman. Wiewohl auf der Reise durch die Zeiten und aus Auerbachs Keller in die Sadowaja 302b der ganze goethische Doktor Faustus in russischer Version mitsamt seinem mephistophelischen Dialektikus als Widerpart auch so einiges an Verfremdung (aus guten Gründen) und satirisch-skurriler Mutation durchmacht, bis hin zur Parodie. Belzebub persönlich sucht zwecks Veranstaltung einer Dreißigerjahrewalpurgisparty und als Werkzeug der Gerechtigkeit die Stadt heim und heißt immerhin Voland wie Goethens Mephisto. An dessen walpurgischen Ausruf „Platz! Junker Voland kommt, Platz! süßer Pöbel, Platz!“ sich wärmstens erinnert, wer seinen Faustus kennt.

Zum weiteren Verlauf der auf drei verrückt verschlungenen Ebenen rasant galoppiernden Handlung werden ein Eintrag bei Frau Wiki und – erstaunlich genug für ein irgendwie immer noch Insiderbuch – Rezensionen wie Sand am Meer hergebetet, zum Beispiel bei sandammeer – jaja, die Ösis wieder.
Jede für sich bemerkenswert und aufschlussreich, scheint mir doch kaum eine davon erschöpfend genug und trifft auf den Punkt, was mich selber beim Lesen an Be- wie Empfindungen und Verwobenheit überkommen hat. Dagegen hilft praktischerweise am besten, sich dem Original im Selbstversuch hinzugeben. Der, versprochen, mit Sicherheit belohnt wird.

Zur Feier des im letzten Monat und hierzulande weitgehend unbemerkt verstrichenen 120. Geburtstags von Meister Michail Bulgakow heut und hier Der Meister und Margarita einmal anders – in Bildern. Verbrämt mit Zitat- und (von mir übersetzten und in eckige Klammern gesetzten) Kommentarschnipseln des Bildermachers. Das Ganze: ein kleines, aber feines und engagiertes Fotoprojekt, gefunden im russischen Internetz bei retroatelier sowie – von da übernommen – in dieser onlinenen Bulgakow-Enyklopädie. Fortsetzung folgt – sagen die da jedenfalls.

Поехали!… öh, auf gehts!
„Mir nach, Leser! Wer hat dir gesagt, es gäbe auf Erden keine wahre, treue ewige Liebe? Man schneide dem Lügner seine gemeine Zunge ab!
Mir nach, mein Leser, und nur mir, ich zeige dir eine solche Liebe!“

„…widerliche Blumen von beängstigendem Gelb…“
„ Sie hatte widerliche Blumen von beängstigendem Gelb in der Hand. Weiß der Teufel, wie sie heißen, aber die sind die ersten, die man in Moskau bekommt. Diese Blumen hoben sich deutlich von ihrem schwarzen Frühjahrsmantel ab. Gelbe Blumen trug sie! Eine ungute Farbe. Sie bog in eine Gasse ein und drehte sich um. …ich schwöre Ihnen, sie sah nur mich, und ihr Blick war irgendwie krankhaft. Mich beeindruckte nicht so sehr ihre Schönheit wie die ungewöhnliche Einsamkeit in ihren Augen, eine nie gesehene Einsamkeit! ….Es war qualvoll für mich, denn mir schien, ich müsse mit ihr reden, aber ich fürchtete, ich würde kein Wort herausbringen und sie würde weggehen und ich würde sie nie wieder sehen. Und stellen Sie sich vor, plötzlich sagte sie: „Gefallen Ihnen meine Blumen?“
Ich erinnere mich genau, wie ihre Stimme klang, ziemlich tief, aber brüchig… Ich ging rasch zu ihr hinüber und antwortete: „Nein!“ Sie sah mich verwundert an, und plötzlich, völlig unerwartet, wurde mir bewusst, dass ich gerade diese Frau schon mein Leben lang geliebt habe. Die Liebe sprang uns an, wie ein Mörder in einer dunklen Gasse sein Opfer anspringt, und traf uns beide. So schlägt ein Blitz ein, so stößt ein Finnenmesser zu! Sie pflegte übrigens später zu sagen, so sei es nicht gewesen, wir hätten einanderer schon seit langem geliebt, ohne uns zu kennen, ohne uns je gesehen zu haben. Sie lebte damals mit einem anderen Mann … Und ich auch, damals…“
(Vollständiges Zitat von mir hinzu’gehext‘. 😉 )

[Margarita – Bogdana… Die Verwirklichung eines Traums zu 100%…
Bei um die 40 Grad Hitze übrigens.]

„Annuschka hatte schon Sonnenblumenöl gekauft; nicht nur gekauft, sie hatte es auch schon verschüttet…“

[Wagenführerin Asja. Eine wunderbare Schauspielerin und ein sehr positiver Mensch. Kurz gesagt, eine Komsomolzin, eine Aktivistin…]

„Weißer Umhang mit rotem Futter…“

[Pontius Pilatus – der hervorragende Schauspieler Michail…
Der einzige spitzohrige (nicht kupierte) Doggenrüde in ganz Kiew brach sich am Tag der Aufnahmen ein Bein, verweigerte rüde das Shooting und musste eiligst durch ein Doggenmädchen ersetzt werden…]

„Dunkelheit senkte sich über Yershalaim…“

[In den Rollen: Garik, Oleg und Sergej. Heldenhafte Centurien –
die Rüstungen waren zwar nicht aus Bronze, aber mächtig schwer. Und die Hitze unerträglich.]

„Hier im purpurnen Schein des Kaminfeuers glänzte am Buffet der Degen…“

[Unser allerliebster Sergej Wassiljewitsch. Solch einen Asasello musst du suchen. Wir haben lange gesucht. Alles entschied sich buchstäblich (wie so viele Dinge bei diesem Shooting) im letzten Augenblick, durch Zufall und Fügung…]

„Sind Sie etwa ohne Ihren Degen erschienen?“

[Für Gella haben wir ein Casting gemacht, aber eigentlich hätten wir keines machen müssen. Katenka, diese göttliche Schöpfung, stand für die Rolle von Anfang an fest. Bedauerlicherweise haben wir nur wenige Aufnahmen gemacht. Dabei könnte man diese Gella aufnehmen und aufnehmen. Was für eine Haltung… und diese Figur…]

„Ich bin nicht böse, ich rühre niemanden an. Ich repariere den Primuskocher…“

[Der Kater war echt. Groß (nur ein winziges Stück kleiner als der wirkliche Begemot) und kräftig. Doch nach dem ersten Blitzlicht benahm er sich wie ein Schwein. Er fauchte und kratzte, die Wolle flog in Fetzen. Das Katerfrauchen Galja heulte. Schaut man sich die Aufnahmen als Slide-Show an, erlebt man einen außergewöhnlichen Diafilm über einen Dompteur (der war ich.) Eine Wiederholung des Shootings brachte überhaupt nichts. Er erkannte mich auf der Stelle und flüchtete ins Bad. Lenka ’stückelte‘ ihn aus dem, was wir hatten. In Einzelteilen. Nur der Gefühlsausdruck, der stimmt.]

„Sie stritten über etwas sehr Kompliziertes, Wichtiges, und keinem gelang es, den andreren zu bezwingen…“

[Jeschua – der Schauspieler Wolodja. Glücklicherweise auch im letzten Moment aufgetaucht. Von aufsehenerregender äußerer Erscheinung in Kombination mit einer erstaunlichen Menschlichkeit. Voller Willenskraft und dabei mit einem so wehrlosen Ausdruck in den Augen.]

„Und diese Frau war es auch, die Korowjow und Begemot aufhielt…“

[Werotschka, Kino- und Theaterschauspielerin.
Innerhalb von drei Sekunden drückte sie dir die verschiedensten Emotionen aus… Es fiel schwer, etwas auszuwählen. Servierte echte Lebensmittel an den Tischen. Die haben wir später unter freiem Himmel sogar aufgegessen.]

„Guerlain, Chanel Nr. 5, Mizuko, Narcis noir, Abendkleider, Coctailkleider…“

[Die Aufnahmen wurden im Theater „Susirje“ am Jar Walu gemacht. Katenka, Tanetschka, Anetschka und Saschenka. Einen Kater hatten sie nicht dabei.]

„Manuskripte brennen nicht…“

[Wir haben Papier verbrannt. Der Gestank im Studio hielt sich ewig.
– Diese Augen, die Augen!!!]

„So flogen sie dahin und schwiegen lange…“

[In der Rolle des Meisters: Viktor. Die Gewänder wurden von der genialen Aljona genäht, die mit bemerkenswerter Akribie Mittelalterkostüme nachempfindet. Bogdana sah toll aus in dem Kleid.]

„Bitten Sie niemals und um nichts! Man wird es Ihnen von selbst anbieten und von selbst alles geben.“

[Der Meister lässt sich allgemein sehr schwer visualisieren. Denn jeder hat sein eigenes Bild vom Meister. Für mich war es immer Michail Afanasjewitsch (Bulgakow. Die Vf.n) höchstselbst.]

Gut gemacht, Rebjata!

Natürlich ist zu einem derartigen Aufwand auch der passende Soundtrack vorrätig: Sympathy for the Devil von den Rolling Stones. Nach einem 1968er Songtext von Mick Jagger, dem er nach Lektüre und unter dem Eindruck von Der Meister und Margarita entspross. Das Buch war ihm von seiner damaligen Geliebten Marianne Faithfull verehrt worden. Jaha, der Dame, die neben Drogensucht, höllisch guter Musik und anderen Leistungen auch noch die vollbracht hat, die erste gewesen zu sein, die das Wort „Fuck“ in einem Film aussprach („I’ll Never Forget What’s ’is Name“. 1967):

Mit deviltattooträchtigem Halbstriptease von Mr. Jagger höchstpersönlich im letzten Drittel der Aufnahme.
Die gibts auch als Videoclip
ratet mal, wo wiedermal nicht verfügbar. 😉

Ach ja, und eine weitere Galerie mit Visagen und Personagen zum Meister und Margarita hammer auch noch – hier. Und eine durchaus sehenswerte Fotoausstellung zum Thema.

Bilder: Voland: CD-Cover einer Hörspielbearbeitung von Der Meister und Margarita. mdr. Der Hörverlag. 2009. Schatten-Voland: Via Bulgakow-Online-Enzyklopädie. Foto-Projekt Der Meister und Margarita (Bilderstrecke): Original bei retroatelier, Januar 2011. Übernommen von Bulgakow-Enzyklopädie. Begemot: Jewgenij Semenjuk, 1991. Via Bulgakow-Enzyklopädie.
Musik: Rolling Stones: Sympathy for the Devil . Studio-Album Beggars Banquet. 1968. Via Dailymotion. Videoclip auf myvideo.
Zitate: größtenteils aus der Reschke-Übersetzung der 1975er Ausgabe von Der Meister und Margarita bei Volk und Welt. Einige Eigenübersetzungen.

Lass irre Hunde Hymnen heulen. Liederreise

April 17, 2011 um 5:33 am | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Blogbesuche, Geschichtsbuch, Kultur, Lieder-Hexe, Puzzle-Hexe, Real-Poetisches, Real-Politisches | 2 Kommentare
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Vergessene Erinnerung an/in Volks- und Liedgut und Update zu eines Wolfes Heulen

Hach, auf was für komische Sachen man doch kommt, wenn man auf dem Blogkahn, auf dem man ja auch selber angeheuert hat, mal wieder unter Deck kriecht und beim Schiffsschreiber in der Kajüte vorbeischaut. Der lässt heuer statt Salty Dogs irre Hunde heulen und bringt mich damit ins Grübeln.

Wie der DDR-Film von dem unzüchtigen Musiklehrer hieß, fällt mir allerdings auch nicht mehr ein. 😉
Wohl aber, dass das mit dem Melodeien- und Liederverwirbeln und -verquicken auch an anderen Orten kein Zufall sein kann, sondern mitunter sogar pure Absicht bis hin zu unterbewusster Kryptomnesie dahinter steckt. Nehmen wir ein Beispiel aus einem etwas speziellen Genre von ‚Volksmusik‘. Selbiges liegt auf den zweiten Blick weniger abseits von den beim Wolf benannten Schwurbelfällen im deutschen Volksliedgut, als es auf den ersten scheinen mag. Hat doch der Urheber des Beispiels, Hanns Eisler, das offiziell dereinst gewichtigste seiner hier betrachteten Lieder selber – wie ironüsch oder nicht – sein „neues deutsches Volkslied“ genannt.

Komprimiert gehört hab ichs, glaub ich, mal vor ein paar Jahren in einer Radiosendung, den Sender weiß ich leider nicht mehr. Der Eisler ist ja, wie manch einem vielleicht noch geläufig, neben anderem ziemlich zeitgleicher Kompositor der als parallele Bewerber zur DDR-Nationalhymne aufgestellten „Auferstanden aus Ruinen“ (vom dazumaligen DDR-Kulturminister J. R. Becher) und „Anmut sparet nicht noch Mühe“ (der besseren [sic!] und als Kinderhymne bekannt gewordenen von Bertolt Brecht). Und kann in der Vertonung von beiden im Metrum der alten Kaiserhymne und des Deutschlandliedes gehaltenen Exemplaren als hintersinniger wie sinnstiftender Zitierer von Musik geoutet werden.

Nicht nur, dass er in der Klavierbegleitung zur zweiten Strophe der „Kinderhymne“ (hier von ihm selbst gesungen) die Anfangstakte der offiziellen DDR-Nationalhymne anklingen und jeden Schelm sonstwas dabei denken lässt. Es sind vor allem eben diese ersten sieben (Er)Kennungstakte (nach dem ‚Vorspiel‘) der Staatsmusik nicht erst von ihm erfunden. Er hat sie vorsätzlich oder aus dem Unterbewusstsein und zur historischen Stimmung der Entstehungszeit durchaus passend aus Beethovens Tonfolge von Clärchens Lied „Freudvoll und leidvoll“ aus Goethens Egmont verwurstet. So denn dieses schnodderige Verb angesichts des pathetischen Gegenstandes überhaupt zulässig ist.

Falls einer nun glaubt, dass wir damit den eigentlichen Urheber für den takt-vollen Auftakt des Nichtmehrlandhymnus ausgemacht haben, so irrt sich der. Denn er wird wie wir aufhorchen, wenn er mal in den Anfang des Adagio ma non troppo aus dem von Meister Mozart höchstselbst komponierten Streichquintett g-moll, KV 516 hineinlauscht. —An weitere in dem Rundfunkbeitrag aufgeführte prominente Mehrfachverwender des augenscheinlich und verblüffend populären Sieben-bis-acht-Takte-Melodiemotivs (ich glaub, sogar Mendelssohn Bartholdy war dabei) kann ich mich nicht mehr recht entsinnen und spare mir dazu hier lieber halbgewalkte Weisheiten. Aber es verwurzelt sich der Verdacht, der Wolf könnte in seinem oben getrackten Volksliedbeitrag viel mehr, als man ahnt, ins Schwarze getroffen haben, dass es Melodien gibt, die auf Bäumen gewachsen scheinen, bis sie einer pflückt und erklingen lässt. Und wer es war, weiß dann keiner mehr so wirklich, denn es ist ja keiner dabei gewesen. (Sowas heißt dann Kryptomnesie, vergessene Erinnerung, in der sich der Pflücker für den Schöpfer selber hält. 😉 )

Was das Verschwurbeln von Text und Musike angeht, so kann die benannte nationale Hymnusiana also locker mit dem wahren Volksliedgut mithalten. Und es wäre müßig, sich darüber zu wundern, dass vom Deutschlandlied bis zur Brechtschen Kinderhymne alle drei Texte sich in ihren zum Zelebrieren gebauten vierhebigen Trochäen mühelos auf jede der drei daraufgegeigten Melodien singen lassen. Ein einschlägiges Beispiel ist – nicht von ungefähr – dieses hier, die Ermunterung, nicht Anmut noch Mühe zu sparen auf Haydns wohlbekannte Tonfolgen:

(Denn einige unter uns, deren Gedächtnis weniger zum Vergessen neigt, können sich vielleicht sogar nicht nur daran erinnern, dass nach dem Wegplanieren einer Mauer selbige bröckchenweise nach Übersee verhökert wurde. Sondern auch noch an die bisweilen recht lebhaften Dispute und Verbesserungsvorschläge um einen dem Ereignis adäquaten Hymnus, von dem man zur Abwechslung auch mal a l l e Strophen singen könnte, ohne der Volksseele in irgendeinen Fettnapf oder dem Rest der Welt in die Seele selbst zu treten.)

Zu guter Letzt noch zwei Kuriosa in Sachen Kryptomnesie und Urheberrecht, das eine im heutigen Kontext mehr, das andere eher weniger lustig:

Kennt eigentlich einer aus der Generation Blogger noch Peter Kreuder? Nicht? Nun, auch das ist heutzutage keine Bildungslücke mehr. Deutsch-Ösi wie der Eisler auch, seinerzeit ein berühmter Unterhaltungs- und Schnulzenkomponist. Hat Filmmusiken geschrieben, u.a. die Zwischenmucke für den „Blauen Engel“, Musicals für Zarah Leander und Jopi Heesters. Liegt heute auf dem Ostfriedhof in München. Auch das Lied „Goodbye, Johnny“, ein schräger, überdies politisch nicht ganz lupenreiner Schlager, den zuerst Hans Albers in dem Dreißigerjahreschinken „Wasser für Canitoga“ und seinen Solonummern und späterhin auch die Knef berühmt machten, stammt aus seiner Feder. Als Kreuder Jahrzehnte später auf einmal die Übereinstimmung der ersten Takte der DDR-Hymne mit seinem alten Hit feststellte, plante er eine Klage gegen Eislers Erben, um sich die Rechte und Tantiemen an der Nationalhymne zu sichern. Doch wie oben schon festgestellt, liegen die Urquellen der Melodei offenbar im Dunkeln der musikalischen Menschheitsgeschichte. Über den Ausgang der Sache schweigt des Chronisten Höflichkeit: kryptomnesisches Schöpfertum ist bekannt, von einem Urheberrechtsprozess gegen Eislers Erben hingegen nichts.

Das kleptomanisch-kleptomnesische Gegenstück: die amerikanische Medieninformatikerin und Berliner Hochschulprofessorin Ms. Debora Weber-Wulff stellte dem geschassten Dissertationsplagiaten von und zu Karl-Theodor die vorsichtig-umsichtige Pressediagnose aus, er könnte womöglich beim Doktor-Werden unter Kryptomnesie gelitten haben. Sagt da eine, deren zweite Profession die Aufdeckung fremden Federnschmucks in der Wissenschaft sein soll? Etwa gar noch mit einem versteckten Und-sie-wissen-nicht-was-sie-tun-Verweis auf das Wirken hoher Poltiker?
Booah, da bissu feddich mitte Welt, wa.

Danke, Wolf. Für ’ne vergessene Erinnerung.

Videos: Lilli Lehmann: Clärchens Lied „Freudvoll und leidvoll“ aus der Bühnenmusik zu Goethes „Egmont“ von Ludwig van Beethoven. Aufnahme vom 29. Juni 1906, Berlin. Via youtube. „Anmut sparet nicht noch Mühe“ von Bertolt Brecht auf J. Haydns Melodie des Deutschlandliedes, aufgeführt vom Gymnasium Neufeld im November 2009. Via youtube.
Bilder: Schwurbelbaum – Foto von layer, März 2009; via stern.view.de. Hans Albers -selbercollagiert aus Fotos via Hamburg-Radio.

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