Wer andern eine Klopperei anzettelt, fällt selbst vom Pferd und Berlin liegt bei Spandau

September 8, 2013 um 1:56 am | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Träller-Hexe, Wander-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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ärzteopenairAnwohner in etlichen Kilometern Entfernung vom Tempelhofer Feld sollen sich beschwert haben nach den jüngst verebbten Open Air Konzerten der Toten Hosen und der Ärzte – über die Lautstärke. Erfuhr die erstaunt grinsende Berufsverkehrerin am nächsten Morgen aus dem Autoradio. Und „Bässe bis Britz“ titelte die Berliner Zeitung. Hmm… sinnierte die Lenkradpilotin aufm Dienstweg, müssen wohl die Spätfolgen des Fluglärmentzugs sein, seitdem da kein Flieger mehr landet. Der Ort war perfekt (fanden die Fans) und PunkRock ist keine Mondscheinserenade (weiß jedes Kind seit mindestens zwei Generationen).

Aus der Erinnerung an einen einschlägigen Auftritt vor ein paar Jahren in der Zitadelle Spandau, der mich mittendrin sah, ist Ähnliches nicht bekannt. Da wurde gerockt, bis der Arzt… öh, Die Ärzte kamen und dann sowieso. Darüber, ob die Lärmtoleranz der Spandauer sich aus der Nachsicht gegenüber dem einen Oberarzt Bela B. erklärt, der ja bekanntermaßen mitten unter ihnen geboren und in die Pubertät geraten ist, oder aus der selbstbewussten Robustheit des Menschenschlags dort, maße ich mir mal kein Urteil an. Aber wo wir gerade über deren Mentalität reden: an der ist was dran, die hat Tradition und ist sogar legendär.

Denn die Spandauer wehren sich aktuell nicht nur energisch gegen gentrifiziernde Bestrebungen, sie mit einer Arbeitslosenquote von über dreizehn Prozent in 08/15-Manier als asozial abzustempeln: weil sie weder Letzteres noch Ersteres sind, also nullachtfuffzehn jetzt. – Obwohl es in diesem Kontext schon kurios ist, dass genau diese Wendung genau hier ihren Ursprung hat: nämlich in dem dereinst in ansässigen Produktionsstätten gefertigten Maschinengewehr MG08/15, das augenscheinlich sinngebende Eigenschaften besaß. Sie sind außerdem regionaltypisch auch nicht auf den Mund gefallen, die Spandauer, und wissen, wiewohl samt diversen anderen stolzen Städten und Gemeinden 1920 von der Metropole vor ihrer Haustür geschluckt, immer noch lauthals, dass Berlin bei Spandau liegt. Was durchaus hätte so kommen können, wenn den spätmittelalterlichen Städtern wegen der strategischen Funktion bereits erwähnter Zitadelle nicht per landesfürstlichem Edikt verboten worden wäre, über ihre Stadtmauern hinauszuwachsen. Außerdem haben sie – im August kurz nach dem Mittelalter – ein hitziges Scharmützel um ihre Ehre gewonnen, was sie nach ebenfalls landesväterlichem Drehbuch eigentlich gar nicht gedurft hätten.

Spandau-1633-Merian

Dieses anno 1567 vom damals aktuellen Brandenburger Kurfürsten Joachim II. geschriebene Drehbuch sah zu Volkes und seiner eigenen Belustigung eine drei Tage währende Schlacht-Show zwischen Spandauern und Berlinern sowie denen zugerechneten (seinerzeit noch) Cöllnern vor, aus der laut Plan die Berliner siegreich hervorgehen sollten. Und bei der Seeschlacht, ohne die es in dieser wasserreichen Gegend natürlich nicht abgehen durfte, ging ja auch noch alles gut. Die Kräfte waren ausgeglichen und der Kurfürst lächelte huldvoll von den Zinnen der Zitadelle auf die Havel und seine ‚Krieger‘ darin herab. Alle waren so fair, wie man in der Hitze eines – wenn auch gefakten – Gefechts nur sein kann. Und jeder im Kampfgetümmel von seinem Schiff ins Wasser gestürzte Freund und Feind wurde von den vorsorglich als Seenotrettung verpflichteten Havelfischern wieder herausgezogen, bevor er in Helm und Harnisch ersaufen konnte. Bei der Fortsetzung zu Lande am nächsten Tag allerdings entwickelte die Schlacht eine gefährliche Eigendynamik und die wehrhaften Spandauer sahen nicht ein, warum sie ihren möglichen Sieg auf Anweisung von oben so einfach herschenken sollten. Mit dem Vorteil der Ortskenntnis schmiedeten sie listenreiche Strategien, Joachim-II-Kurfürst-von-Brandenburglockten den Gegner in einen Hinterhalt und vermöbelten ihn deftig. Der alarmierte kurfürstliche Regisseur suchte daraufhin eiligst das vom Lust- zum Frustgefecht mutierte Spektakel zu beenden, bevor es zu tatsächlichem Blutvergießen kam, und begab sich höchstselbst hoch zu Ross zwischen die Streihähne. Wie so mancher vor und nach ihm musste er dabei zwischenzeitlich die Erfahrung machen, dass er die Geister, die er rief, so schnell nicht wieder los ward. Er geriet zwischen die Fronten und wurde – versehentlich oder nicht – von den erhitzten Gemütern unsanft vom Pferd geholt, ehe es ihm endlich mit Mühe gelang, den selbst befohlenen Angriff zum Stillstand zu bringen. (Und man will ja kein Schelm sein, der sonstwas dabei denkt, wenn man sich einfach mal so fragt, ob nicht so mancher nach ihm daraus noch was lernen könnt‘.)

Büßen musste diesen tiefen Fall des obersten Kriegsherrn der wackere Bürgermeister von Spandau, den der ‚gestürzte‘ Joachim für mehrere Monate in Festungshaft setzte. – Obwohl bezweifelt werden darf, dass er selber den Landesfürsten vom Gaul geschubst oder die eifrige Prügelbande zum Verteilen von blauen Augen und anderen Blessuren angehalten hat. In der Öffentlichkeit hingegen wahrte der kurfürstliche Zweite Joachim offenbar den Schein. Denn im einschlägigen Kapitel von Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, Band 3 („Havelland“), heißt es im Fazit:

„Die Berliner zogen sich […] durch den Wald, die Jungfernheide, nach Berlin zurück, und die Spandower hatten die Freude, daß ihnen der Kurfürst sagte: ‚Kinder, ihr habt euch brav geschlagen!'“

Dass der olle Fontane an diesem Ereignis ohne (erfreulicherweise) wirklich kriegsverheerende Folgen nicht achtlos vorüberging, muss nicht Wunder nehmen. Denn auf seinen Wegen durch die Mark und ihre Geschichte nicht auch in die malerische Ecke um Spandau zu gelangen, wäre ab-wegig gewesen. Ganz und gar nicht abwegig ist es, nebenbei gesagt, selber mal auf Fontanes Pfaden zu wandeln, öhm, zu wandern, mein ich. Fontane_Denkmal WanderrastIch habs getan in meinem gerade verebbenden Urlaub (statt Malediven, Costa Brava etc.), oder sagen wir mal damit angefangen, denn wie viele Urlaube braucht man wohl dafür, ungekürzt durch acht Bände zu wandern. Es war schön und erbaulich und die Sache wert, die Landschaft und alles und überhaupt und sowieso. Viele Plätze ohne stressige Völkerscharen, unaufdringliche Kultur und Natur pur, Erholung dito. Nuja, ich will ja keinem sein Glück aufschwatzen… 😉

Um auf den prominenteren Brandeburg-Wanderer zurückzukommen: der Fontane hat sich bei seiner obigen ‚Kriegsberichterstattung‘ auf die Topgraphia marchica, das lange verschollene Scriptorum de rebus Marchiae Brandenburgensis des schlachtzeitgenössischen Chronisten Nikolaus Leuthinger gestützt, was Sinn macht, denn wozu sind akkurate Geschichtsschreiber sonst da. Bei seiner Kapitelüberschrift „Die Seeschlacht in der Malche“ in den „Wanderungen“ sollte man hingegen eventuelle Leser und noch eventuellere Urlaubs-Wanderer vielleicht fairerweise auf neuzeitliche Gegebenheiten hinweisen. FontaneWanderungen B3-2Nach denen höchstwahrscheinlich
n i c h t der geläufige Große Malchsee Schauplatz des Berlin-Brandenburger Lustscharmützels war, sondern tatsächlich der Havelarm vor der Zitadelle, der seinerzeit offenbar Großer Malchesee genannt wurde und heute Krienicke heißt. Is auch logisch – vom ersteren, der wo der letzte Nordzipfel des Tegeler Sees is, hätte auch der höchste hochherrschaftliche Kurfürst aus seiner Zitadellenloge keinen Zipfel nich sehn können. Und vom Waffenkreuzen gleich gar nix.

Talking of Waffenkreuzen: gewärtig der Jahreszahl des gefakten Kriegsgetümmels dürfte gleichwohl logisch (und zudem überaus segensreich) sein, dass in selbigem noch nicht das erwähnte Spandauer Nullachtfuffzehn-Gewehr zum Einsatz kam. Die beteiligten Städter gingen mit handlichen Prügeln und Stöcken aufeinander los, weswegen das Beinahe-Gemetzel als Spandauer Knüppelkrieg in die Annalen der Stadtgeschichte eingegangen ist.

Heute sind die gängigen Waffen in der Zitadelle – außer bei Ritterfesten – eher Klavier und Cembalo (indoor) und… BÄSSEEE (open air). Das rockt viel mehr – und macht bei verträglichem Publikum auch keine blutigen Nasen. Halt, ’ne urige Schänke haben sie dort auch noch. Aber soweit man hört, wird dort mehr geheiratet, Kindergeburtstag gefeiert und alles sowas als mit Bierseideln geschmissen.

Hmm… so halbwegs kompatibel als Soundtrack zum unverhofft wieder leicht ausgeuferten Thema und als Brückenschlag zur Gegenwart find ich bei den „Ärzten“ grad nur das:

Tsssjoh… mitten in die Fresse. Und Bässe. Die Ärzte halt.

Und falls das doch wer nicht so ganz passend findet – mir doch egal. Habt euch nicht so und seid mal nicht so. Der Bela ist ja mittlerweile schon über Fuffzich und der Farin auch bald. Außerdem wollten die doch sowieso dauernd ganz woanders hin, früher schon… 😉

Geborgt und gebastelt: Stich der Stadt und Festung Spandow – Matthäus Merian d. Ä., via Wikimedia Commons. Fontane-Denkmal Neuruppin (leibhaftig nach Max Wiese – Foto Lienhard Schulz, via ebenda. „Wanderungen“ aufm Tisch, achtbändige Ausgabe von Aufbau – Hexenwerk. Video von Die Ärzte – CaptainCarlossi, via youtube. Rest: weiß ich nicht mehr – Urheber zwecks ehrenvoller Erwähnung bitte melden.

Neulich in Luzern

August 31, 2012 um 11:34 pm | Veröffentlicht in 2012, Bilderhexe, Denk_Mal-Hexe, Drumherum und anderswo, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Betrachtungen eines Reisenden zu hölzernen Dingen oder Von der Schädlichkeit des Rauchens

Seitdem im Zuge der Globalisierung die Schweiz sozusagen in einen Teil meiner Familie migriert ist – hm, oder umgekehrt? -, treib ich mich ja gelegentlich entschleunigt bei dem kleinen Bergvolk in der Nachbarschaft rum.

In dessen heftig hochgefalteter Mitte liegt der Vierwaldstättersee.

Vielleicht liegt er sogar in seinem Herzen. Denn er ist nicht nur ein wundervolles Kleinod; um seine Ufer weht und wogt auch der Gründungsmythos der Eidgenossen. An seiner nördlichsten Spitze hat Wilhelm Tell in der Hohlen Gasse von Küssnacht (am Rigi) damals dem Vogt Gessler mit seiner Armbrust aufgelauert und auf einer Wiese am Strand seines südlichen Unterarms soll vor gut 700 Jahren (‚am Mittwoch vor Martini 1307‘) der Rütlischwur gegen die Habsburger ‚bösen Vögte‘ durch die Berge gehallt sein, den wir im exakten Wortlaut vom Schiller gelernt haben:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

(Wilhelm Tell, 2. Aufzug, am Schluss der 2. Szene)

Letztens bin ich zum ersten Mal dorthin vorgedrungen, naja, nicht überallhin, nur nach Luzern. Was nun keine so entdeckergefärbte Pioniertat ist, die man hier besonders herausstreichen müsste – denn mindestens einer war schon vor mir da. Mr. Mark Twain nämlich, der kam hier nachschauen, was die Reuss explizit vom Mississippi unterscheidet oder so, und besser über Luzern erzählen als ich konnte er auch.

The commerce of Lucerne consists mainly in gimcrackery of the souvenir sort; the shops are packed with Alpine crystals, photographs of scenery, and wooden and ivory carvings. I will not conceal the fact that miniature figures of the Lion of Lucerne are to be had in them. Millions of them. But they are libels upon him, every one of them. There is a subtle something about the majestic pathos of the original which the copyist cannot get. Even the sun fails to get it; both the photographer and the carver give you a dying lion, and that is all. The shape is right, the attitude is right, the proportions are right, but that indescribable something which makes the Lion of Lucerne the most mournful and moving piece of stone in the world, is wanting….

We did not buy any wooden images of the Lion, nor any ivory or ebony or marble or chalk or sugar or chocolate ones, or even any photographic slanders of him. The truth is, these copies were so common, so universal, in the shops and everywhere, that they presently became as intolerable to the wearied eye as the latest popular melody usually becomes to the harassed ear. In Lucerne, too, the wood carvings of other sorts, which had been so pleasant to look upon when one saw them occasionally at home, soon began to fatigue us. We grew very tired of seeing wooden quails and chickens picking and strutting around clock-faces, and still more tired of seeing wooden images of the alleged chamois skipping about wooden rocks, or lying upon them in family groups, or peering alertly up from behind them. …
(Mark Twain. Aus: A Tramp Abroad. Chapter XXVI. The Nest of the Chuckoo-Clock)

Außerdem hab ich, auch wenn die Schweizer mir das womöglich übel nehmen, den Löwen von Luzern nicht mal besichtigt und – wieder einig mit Mr. Twain – ebenfalls den Kauf holzgeschnitzter Souvenirs boykottiert.

Aber einem Ding aus Holz bin ich dann doch erlegen. Und das ist durchaus der Erwähnung wert. Nicht nur, dass man es mit seiner Länge von an die 205 Meter gar nicht übersehen kann, wenn man durch die City stolpert, oder dass ich von meiner Begleitung sowieso zuerst dorthin gezerrt wurde.

Nein, es ist erstens zum Verlieben schön. Zweitens gerät man nicht in Gefahr, es mitzunehmen – außer in Bildern zurechtgeknipst (damit ihr auch was davon habt). Und last but not least ist es vor allem ein Wahnsinnsglück, dass man es überhaupt noch – oder wieder – bewundern kann. Denn just im August vor 19 Jahren brannte das gute Stück, wie schon gesagt aus uraltem Holz, in einer Nacht fast vollständig nieder: die Kapellbrücke.

Bis dahin hatte das stolze Wahrzeichen von Luzern, zwar mit mehrmaligen Renovierungen und gar einer späteren Kürzung um 75 Meter, gute sechseinhalb hundert Jährchen und ebensoviele Auguste überstanden. Es war überdies seinem von Stadtväterseite im 19. Jahrhundert geplanten Abriss durch den öffentlichen Protest von Stadtkinderseite entgangen. Machtlos waren die Brücke und ihre Lobby schlussendlich, laut Brandermittlung, im Sommer 1993 vermutlich gegen die Wirkung einer glimmenden Zigarettenkippe, achtlos entsorgt von einem Brückengänger. Doch wer so ein Kulturgut vor allen Widrigkeiten und Autoritäten zu retten imstande ist, kriegt es auch wieder hingestellt, in nicht mal einem Jahr Bauzeit, originalgetreu zu aller und meiner Freude. (Den wiederhergestellten Teil kann man übrigens an der helleren Dachfärbung ganz gut erkennen.)


Da steht sie nun in altem Glanz, die Kapellbrücke. Und? Ist sie nicht schön! In ihrer Jugendzeit war sie als Wehrgang Teil der Stadtmauer. Im Giebel der Dachkonstruktion hängen alle paar Meter dreieckige Gemälde mit hinzugefügten Versen auf Holztafeln – eine Werbeaktion des Stadtrats vom Ende des 16. Jahrhunderts für den ‚guten Schweizer‘, die man heute durchaus als Comic lesen kann. Apropos Comic: wusstet ihr schon, dass in Luzern alljährlich quer durch die ganze Altstadt das “Fumetto” (Ital.: “Sprechblase”, wörtlich “Räuchlein”) veranstaltet wird, ein Comic-Festival mit Berühmtheiten der Szene und besonderer Aufmerksamkeit für die Entdeckung junger Nachwuchskünstler?

Überragt wird die Brücke vom Wasserturm. Der nach nichtschweizerischem Verständnis des Begriffes keiner ist, sondern viel eher ein Im-Wasser-Turm, der durch die Zeiten Turmwächter, Stadtarchiv und Kerker, zudem Schatz- wie Folterkammer beherbergte. Das Storchennest auf Turmes Spitze soll seit über einhundert Jahren unvermietet sein. Im Gegensatz zum Turminnern, dem heutigen Domizil des Luzerner Artillerievereins, dessen hehre Ziele mir unbekannt sind. Und für Nichtartilleristen hats in dem Gemäuer auch noch – na was schon! – klaro, einen gut frequentierten Souvenir-Shop.

Wasserturm mit KapellbrückeZwergenbrücke1

Ob Mr. Mark Twain nun grad in dem nix gekauft hat, weiß man wiederum nicht so genau. Doch über die Kapellbrücke ist er geschritten, das ist sicher – obwohl sie aus Holz geschnitzt ist:

We visited the two long, covered wooden bridges which span the green and brilliant Reuss just below where it goes plunging and hurrahing out of the lake. These rambling, sway-backed tunnels are very attractive things, with their alcoved outlooks upon the lovely and inspiriting water. They contain two or three hundred queer old pictures, by old Swiss masters—old boss sign-painters, who flourished before the decadence of art….
(Mark Twain. Aus: A Tramp Abroad. Ebenda.)

Und als Belohnung fürs Lesen und Angucken gibts noch einen Hexenblick und -Cam-Klick auf den See aus, übern Daumen gepeilt, 2000 Meter Höhe.

Hmmm… vielleicht könnt‘ ich ja mit kitschigen Postkarten für Schweizer Souvenirbuden reich werden? 😉

Bilder: Sind alle Hexenwerk, mit Ausnahme der Rütliwiese, die ist swissinfo-Werk.

Doch im Bernstein träumen Fliegen…

Juni 19, 2012 um 11:01 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Bernsteinhexe, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Hexenliebe, Kultur, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Tag mit der Diva und Kuttel Daddeldu

iddensee. Endlich. Kaum dass der Rumpf des Kielbootes gegen den Holzsteg schurrt, springe ich an Land, die an den Riemchen baumelnden Sandalen in der Hand. Ich habe nur den einen Tag.

Die freundlichen Jungs von der Segelcrew hatten mich am Morgen aufgefischt, nachdem ich, die Augen ungeduldig auf die Küste gegenüber gerichtet, eine gefühlte Ewigkeit durch das weite Flachwasser an Rügens Weststrand gewatet war. Sie wollten auch nach Vitte. Tja… Fähre kann jeder! Vom Deich überm Hafen drehe ich mich noch einmal um, schicke ihnen einen Jauchzer als Dankeschön hinüber und schwenke übermütig die Arme. Sie winken lachend zurück.

Jetzt bin ich reif und bereit für die Insel. Ich stapfe den Weg entlang, der vom Bodden landeinwärts führt und zugleich meerwärts – das Eiland ist hier minutenschmal. Meine Ungeduld ist verflogen und macht einem federleichten Glücksgefühl Platz – angemessen für einen Ort, der, trotz des zu dieser Zeit schon auffrischenden Urlauberansturms, irgendwie und irgendwo immer noch wunderbar ursprünglich ist. Worauf die Urinsulaner zu Recht stolz sind. Und immer noch gilt, ähnlich wie anderswo für kläffende Vierbeiner, hier für lärmende Vierräder der Erlass: Autos müssen draußen bleiben!

„Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, …liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee. …Kein störendes Geräusch drang bis hierher… Nur der Arzt durfte ein Motorrad benutzen, das den einzigen Laut von sich gab, der neben dem Töffen der Fischerboote an die mechanisierte Welt erinnerte. Sonst hörte man nur den Möwenschrei und das Brausen der ruhelosen See.“
(Asta Nielsen in ihren Lebenserinnerungen „Die schweigende Muse“, S. 366 ff.)

Der Übermut bleibt. Ich deklamiere lauthals

Kühe weiden bis zum Rande
Großer Tümpel, wo im Röhricht
Kiebitz ostert. – Nackt im Sande
Purzeln Menschen selig töricht…‘

vor mich in die Seeluft hinein, trällere den alten Ost-Hit der schrägen Nina „Du hast den Farbfilm vergessen…“ hinterher und gebe mich bedingungslos dem frech flirtenden Nordost hin, der mir das Haar zerwühlt. Ich werfe die Schuhe in die Wiese, tanze ausgelassen hinterher und hole sie in federndem Lauf wieder ein. Soll mich doch jeder für albern und ein bisschen verrückt halten – wenn denn einer in der Nähe wäre.

„Nirgends war man so jung, so froh und so frei wie auf dieser schönen Insel.“
(Schon wieder Frau Nielsen [ebenda, S. 377] und auch das stimmt – immer noch.)

Mein erstes Ziel ist die Handvoll Häuser am Nordrand von Vitte, etwas abseits der andern. Hinter einem Streifen Schilf, in dem reglose Reiher dösen, ducken sie sich unter Sanddornhecken und große alte Bäume.

„Auf Hiddensee… schaffte ich mir ein kleines Landhaus an, in dem ich – oft vier Monate lang – herrliche Ferien genoß. … Eines Tages kam eine hohe, kräftige Gestalt in kurzen Kniehosen und blauer bayrischer Leinenjacke gemächlich über das sonnenflimmernde Feld auf mein Haus zu. Es war der Dichter Gerhart Hauptmann, der mir als erster seinen Besuch machte. Sein Gang war jung und elastisch trotz seines hohen Alters, und das Haupt trug er hoch erhoben. Sein weißes Haar stand wie ein Wolkenhauch vor dem blauen Himmel. Er hatte schon seit vielen Sommern auf der Insel gelebt….“
[Ebenda, S 367.]

Heut komme ich zu Besuch. Auch wenn ich selbstredend – schon von der Gestalt und der Anzugsordnung her und erst recht auch nur sonstwie – keinem Vergleich mit Hauptmann standhielte. Die Augen gleiten suchend über die Fassaden… Hier. Hier muss es sein… dort das halbrunde Dach, das der Max Taut über den eckigen Grundriss projektiert und wegen dem sie es ‚Karusel‘ genannt hat… der Name steht über der Tür. Daneben macht sich eine dicke blaue Regentonne, offenbar jüngeren Datums, unter der Dachrinne breit – ein Graus für jeden Jäger romantischer Bildmotive. Ein bisschen heruntergekommen sieht alles aus, was mich mehr erstaunt als enttäuscht: die Farbe blättert und Schäden im Putz scheinen etwas lieblos ausgebessert. Und es ist still… seltsam still. Keiner zu Hause, wie es scheint. Nun, ist ja auch Strandwetter.

Immerhin hat die Hausherrin freundlicherweise eine Nachricht hinterlassen. Die ist schon ein paarTage alt, bestätigt aber meine Vermutung und liefert eine willkommene Erklärung für das gerade aufkommende Gefühl der Gottverlassenheit:

„Heute Morgen verließ Ringelnatz das Haus in Badehosen, knallrote Badeschuhe, ein gelbes Tuch um den Kopf und eine bunte Tasche auf dem Bauch für Bernsteine, die er zu suchen beabsichtigte … Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass er nicht einen einzigen gefunden hat.“
(A. N., Tagebuch, 12. Juni 1929)

Mich weht eine vergessene Geschichte an, die ich irgendwann als Kind gelesen habe – von einer bunten Libelle mit schillernden, durchsichtigen Flügeln. Die sich an einem hitzeflirrenden Sommertag in den Wald verirrte, diesen uralten Wald. Erschöpft ruhte sie an der rauen Rinde einer hohen Kiefer aus… bis ein Schweißtropfen des Baumes, eine Träne aus goldenem Harz, auf sie tropfte. Ein paar Millionen Jahre später findet ein Mädchen am Strand einen schimmernden Stein – darin das Insekt, die zarten Flügel noch immer ausgebreitet. Ein Stück ins Heute gespülte Vergangenheit – wie der Wunsch, den wir uns manchmal träumen (vor allem auf Hiddensee): einen sonnigen Augenblick auf ewig festzuhalten.

Vom Bernsteinsucher Ringelnatz erzählt man sich auf der Insel, dass der seine Fehlschläge auf der Suche nach den im Meer versunkenen Tränen des alten Waldes mit der Entdeckung zahlreicher Fischerkneipen kompensierte. In denen er sie mit Sanddornschnaps heruntergespieltspült und mit Kuddel und Hein und Hinz und Kunz Brüderschaft getrunken haben soll. Sonnig-wonnige Momente des ewigen Matrosen, der nie das Meer in sich verloren hat – in Insellegenden für immer festgehalten…

Da oben hinter dem halbrunden Dachfenster, da muss das Gästezimmer mit den blauen Betten gewesen sein, in dem er die bei seinen Strandstreunereien aufgesammelten Schätze hortete. Asta Nielsens ‚Karusel‘ ist für Eingeweihte a u c h so etwas wie ein Bernstein, der Augenblicke einer glücklichen Freundschaft des großen Stummfilmstars mit dem Dichter und Kabarettisten Joachim Ringelnatz umschließt. Unbeschwerte Tage auf der Insel, in denen sie albern und ausgelassen wie die Kinder tollten, sich mit der Künstlerbande um Heinrich George und Paul Wegener vergnügt und einander die Welt erklärt haben. Bei den Treffen im Häuschen mit dem runden Dach ging es munter zu:

„Räucheraal und Flundern waren Hauptbestandteil der Mahlzeit. In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach. Nach dem Essen versammelten wir uns am Kamin um die große Kupferbowle, in der Waldbeeren in frischem Sekt und Mosel Greifen spielten, und die Unterhaltung hub an.
…Besonders die Münchener Künstler lösten sämtliche Probleme der Welt: Der Dichter Ringelnatz veranschaulichte im Handumdrehen mit Hilfe von Streichhölzern, wie die Pyramiden in der Wüste erbaut wurden, und der Bildhauer Martin Möller bedauerte, nicht zur Zeit Bevenuto Cellinis zu leben, in der man umfangreich von Dolchen und Gift Gebrauch machte, um sich Nebenbuhler vom Halse zu schaffen. Ringelnatz… hielt „La Paloma“ für das beste Musikstück der Welt und Chaplin für größer als Shakespeare, was Heinrich George veranlaßte, sich aus Protest so hart auf einen meiner bedauernswerten Stühle fallen zu lassen, daß er durch den Sitz brach.
…Ringelnatz hatte in seinem Leben fast alles gemacht, aber am meisten war er wohl zur See gefahren. Seine berühmteste Gedichtsammlung war „Kuttel Daddeldu“. Sie handelt von dem Matrosen, der in den Häfen an Land geht und seine Mädchen besucht. Im Vaterland hat er eine feste Braut, der er die unmöglichsten Raritäten aus fernen Zonen mitbringt. Im übrigen säuft er sich sternhagelvoll. Kuttel Daddeldus Vater trug seine oft makabren Gedichte gleichfalls keineswegs immer in nüchternem Zustand vor…“

(A N.: „Die schweigende Muse“, S. 371/372)

Im Beisein eines versammlungsfähigen Kamins und mit dem/den richtigen Versammelten hielte ich es in solch freundlichem Hüttlein auch gern aus, glaub ich. Womöglich sogar gut im Winter – Ostseestrand in Eis und Schnee gehört für mich zu den Momenten zum für immer Festhalten. Praktischerweise hat man dann noch ein gutes, vielleicht einschlägiges, Buch und seine Zeichenutensilien dabei. Und klar wird eins: sie war außerhalb ihrer Filmrollen, als lebendiger Mensch der Wirklichkeit weder schweigsam noch stumm, die schweigende Muse, wie sie sich selber auf dem einschlägigen Buchcover nannte. Vom Tonfilm ausgebootet, spielte sie noch lange große Autoren auf großen Bühnen, offenbarte ein sympathisches Talent als Gastgeberin im Strandhaus, später sogar ein beachtliches als Schreiberin und als ‚Malerin‘ zauberhafter Collagen. Nur dass von dem kaum einer weiß.

In ihren Memoiren wie auch in ihren zu Unrecht wenig bekannten Novellen hat sie mit Wärme und einem herzhaften, mitunter bissigen, Humor vielen aus ihrem Dunstkreis, auch dem Freund Ringelnatz, liebevoll ein Denkmal gebaut. Wofür ich ihr nichts als Dank weiß, denn „Die schweigende Muse“ les ich grad mit glühenden Wangen und Ohren und die Hinterlassenschaften des Freundes sind für mich sowieso seit Ewigkeiten mein ganz eigenes Elixier.

Der wiederum hat wohl hier, hinterm Seglerhafen von Vitte, ihre große Barfußmädchenseele entdeckt und sie nach seiner Fasson in denk- und dankbar freche Verse gegossen. Und nichts scheint mir so naheliegend wie der Gedanke, dass die Insel der Ort gewesen sein muss, wo er „noch ein Seepferdchen war,/Im vorigen Leben… wonnig, wunderbar…“. Nicht, dass solche in den Wellen um Hiddensee von Natur aus siedelten, aber sieht nicht das ganze Eiland in seinen Umrissen aus wie ein trauriges Ringelnass, das seinen Bauch im Bodden badet, der offenen See zwar nicht die Stirn, doch den Rücken bietet und mit der Nase an einem Zipfel von Rügen schnuppert?

Der Tag geht schon auf die Mitte zu. Zeit, sich aus der Vergangenheit zurückzubeamen. Zumal es so ausschaut, als erhielte man heute hier eh keine Audienz mehr.

Ich lasse das verwaiste Anwesen rechts liegen und mache mich auf in die Richtung, aus der Gerhart Hauptmann damals gekommen sein muss. Vorbei an der Polizeistation von Hiddensee, der er damals wohl noch nicht begegnet ist, rauf nach Kloster und weiter zum Dornbusch. Auf die Heide hab ich heute keine Lust, allein schon, wenn ich an meine Riemchenlatschen denke. Am Ende hätte noch eine der dort hausenden Kreuzottern Appetit auf meinen großen Zeh. Und auch den auf der dornbuschigen Höhe neben den Windflüchtern ragenden Leuchtturm ignoriere ich schnöde – keinen Bock auf aussichtshungrige Völkerscharen.

Außerdem: wenn schon Insel, dann bittschön auch Strand. Vielleicht treff ich da ja einen Typen mit knallroten Badeschuhen, einem gelben Tuch um den Kopf und einer bunten Tasche auf dem Bauch…

Ich streune ein bisschen unterhalb der Steilküste herum und himmele die einsamen Sandbuchten an, in die sich nur ein paar Insider verirren. Dort wirst du zum gefühlten Robinson und begegnest nur ab und an einszweidrei Freitags, wie die Natur sie geschaffen hat. Einen Schatzsucher mit gelbem Kopftuch finde ich nicht, aber etwas anderes. Aus einem Seegrasbüschel, der wellengezausten grünen Haarsträhne einer Meerjungfrau, blinkt mich ein winziges gelbes Steinchen an, so klein, dass es vielleicht dereinst schon Kuttel Daddeldus Vater übersehen hat. So klein, dass es nur an dieses haardünne Silberkettchen passt, das ich nun für einen sonnigen Augenblick manchmal um den Hals trage. Ha, ich bin die Bernsteinhexe.

Und als mich diese besungene Inselfreiheit am Ende ganz und gar übermannt, werfe ich mich barfuß bis zum Hals in die Wellen. Die wundern sich nicht, denn sowas sind sie gewohnt, schon ewig. Das Wasser ist saukalt, aber die sonnenbeheizte Sandkuhle danach wärmt mich wieder auf und tut mir sauwohl. Jedenfalls so lange, bis der Sonnenstand in mir alle Alarmglocken anschlägt: Verdammt, die letzte Fähre! Das wird knapp. Ich raffe hastig mein Zivilisations-Outfit zusammen und suche mich, schon unterwegs, an den kürzesten Rückweg zu erinnern.

Es muss mein Glückstag sein. Der Insulaner und Hausherr des Reetdachhäuschens, bei dem ich sicherheitshalber frage, leiht mir ein Fahrrad: „Stell’s nachher an der Fischhalle ab, Deern.“ Stimmt ja, was hatte ich doch schon heute Morgen gelernt?: „In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach.“

Mit Drahteselgeschwindigkeit hab ichs gerade noch geschafft. Das Fährschiff legt ab, sobald ich an Bord bin.

Die Nielsen hat Hiddensee und ihr ‚Karusel‘ gut achtzig Jahre vor mir verlassen – für immer. Das war 1933, als die braune Flut über die Insel schwappte, als Flugzeuge und Lokomotiven anfingen, über sie zu donnern.
„Die dunkelhaarigen, intellektuellen Künstlertypen wurden von kräftigen blonden Männern und breithüftigen Frauen mit Gretchenfrisur abgelöst. Die stampften großspurig und laut über Felder und Wege…. Dampfer legten an und spien ihren Inhalt an „Kraft-durch-Freude“-Fahrgästen über die Wiesen…. I c h hatte dort nichts mehr zu suchen.“
(„Die schweigende Muse“, S. 377/378.)

Das war ein Jahr bevor sie ihrem Freund Joachim Ringelnatz zu den Klängen von „La Paloma“ weiße Lilien aufs Grab legte, ihre Lieblingsblumen, die er ihr immer in die Künstlergarderobe gebracht hatte.

Vor heuer nunmehr vierzig Jahren ging sie dann selbst, ihm nach.

Beim Blick zurück vom Bodden auf den Hafen taste ich nach Astas Buch im Rucksack und dem Bernsteinkrümel in meiner Tasche und denke, dass ich hierbleiben möchte, jedenfalls für länger als nur einen Tag. Und dass es wieder viel zu lange dauern wird, bis ich wiederkomme.

Ach, es ist schon längst mal wieder Zeit für die Insel…

Bilder: A. Nielsen und J. Ringelnatz – aus: Asta Nielsen, „Die schweigende Muse“. Karusel-Tür – Robert Ott, via fotocommunity. Der ganze Rest – mein Inselsammelsurium. Vereinzelte Fremdurheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Berluc: Bernsteinlegende. 1980. V. Album ‚Hunderttausend Urgewalten‘; via youtube.

Jotwede mit J. W. G. oder Wanderins Nachtlied

September 8, 2011 um 10:22 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fremd-Worte, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Spielwiese, Unnützes Wissen, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Update zu Die Lieb, die Lieb – mit Preisrätsel


Ilmenau ist ein Städtchen im Thüringischen. Außer den Einwohnern selber vielleicht noch Inland-Touris und Wanderfreaks, ein paar tausend Studenten der ansässigen Uni und drei, vier Handvoll Goethefans bekannt.

Mich verbinden mit dem Städtchen vor allem zwei Erinnerungen.
Die erste ist eine traurige: die Nachricht vom Selbstmord eines früheren Schulkameraden, hoffnungsvolles Mathematikgenie und Wahl-Ilmenauer, der uns Jugendfreunde damals tief erschüttert und mit tausend Fragen zurückgelassen hat. Die zweite hat noch ein Viertelleben mehr auf dem Buckel und ist nichts weniger als traurig, höchstens mit einem Wölkchen Wehmut betaut: an einen heißen Frühsommertag und eine übermütige, unbeschwert gackernde Horde Teenager, die, den Kopf voller Unsinn und Flausen und schon diverse Kilometer unter den Hacken, die Höhe des Ilmenauer Hausberges Kickelhahn erklomm. Klassenfahrten reichten dazumal noch nicht bis Rom oder London oder Lloret de Mar.

Der Weg aufwärts war einigermaßen steil und zog sich hin, wodurch der Übermut der jungen wilden Flachländer zunehmend abnahm, und die kurz vor dem etwas fußlahmen Sturm des Gipfels passierte Bretterbude versetzte außer mir kaum noch einen in Ehrfurcht. Verschwitzt und von der Hitze geschafft, schleppten sie sich daran vorbei und den meisten war es längst latte, dass sie hier auf Goethens heiligen Pfaden wandelten.

Der nämlich war in seiner Funktion als Bergbauminister von Sachsen-Weimar-Eisenach recht häufig an den Steinkohlengruben um Ilmenau, in seiner Funktion als herzoglicher Freund, Wanderer, Zeichner und Dichter auch des öfteren hier oben auf dem Kickelhahn. Und in eben jener grad etwas respektlos titulierten Bretterbude, die seinerzeit eine Jagdhütte war und heute respektvoll das Goethehäuschen heißt, schrieb er die Verse seines unsterblichen

Wandrers Nachtlied – Ein Gleiches:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Und zwar ein Gleiches zu Wandrers Nachtlied an Charlotte von Stein:

Der du von dem Himmel bist,
Alle Freud und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Er schrieb sie mit Bleistift auf das Holz der Wand neben dem Fenster, in der Nacht vom 6. auf den 7. September – also just gestern auf den Tag genau vor… ja, wieviel Jahren eigentlich?

Na, vor 231 doch – oder? Moooment, also bevor hier einer anfängt zu grinsen über Unwissenheit und Dummfragen, wo schließlich der 6./7. September 1780 als offizielles Entstehungsdatum einschlägig gehandelt wird, frag ich mich doch einfach mal so: wie selbiges Wandrers Nachtlied dann auf die Wand einer Hütte erfunden sein soll, die, so man den Chronisten und der im Goethezeitportal dokumentierten Inschrift-Unterschrift von Goethes höchsteigener Hand glauben darf, auf Betreiben des herzoglichen Carl August erst im Sommer 1783 auf den Berg gestellt wurde. D a n a c h wären es jetzt genau 228 Jahre. Die mir dereinst herzwarm übereignete achtbändige Tempel-Klassiker-Ausgabe ist für solcherart Spitzfindigkeiten leider zu unkommentiert. Und nicht world wide Wandrers-Nachtlied-Experten noch Goethezeitportal scheinen, so meine emsige www-Kramerei, über die munter und unbekümmert nebeneinander publizierten zwei Jahreszahlen zu stolpern. Jedenfalls hab ich bislang kein Sterbenswort dazu gefunden.

Oder sollte ich irgendwas übersehen haben und bin nur zu dämlich, das kleine Rätsel aufzudecken? Wenngleich es ja dem über die stillen Wipfel und schweigenden Vögelein hin singenden Wandrer eigentlich herzlich schnuppe sein kann, wann und ob er auf diesem Gipfel das Licht der Welt und das Dunkel der Nacht erblickt hat; es tut seiner minimalistisch-sinnschweren Schönheit nicht weh. Aber ein bissel neugierig ist man schon, wo doch sonst jeder Japser vom J. W. G. tausendfach zurechtgedeutet wurde. Auf, auf, Goethe-Kenner und -Forscher, erleuchtet mich!

***

Ein wenig eitel war er aber schon, der alte Geheimrat, oder? Denn 1813 hat er die Verse in der Hütte nochmal für die Nachwelt nachgemalt. Was in diesem besonderen Fall allerdings nur begrenzt genützt hat. Denn abgesehen davon, dass Grabräuber… öh, Souvenirjäger nachweislich versucht haben, sie aus der Wand zu sägen, brannte das originale Goethehäuschen auf dem Kickelhahn am 12. August 1870 nieder, als ein Trio Nachtliedwanderer darin ein romantisches Lagerfeuer abfackelte:

„Durch starke Regengüsse wurden die Leute durchnässt; sie beschlossen, als der Abend herbeikam und sie das genügende Quantum von Beeren noch nicht zusammengebracht hatten, ihre Heimath auch zu entfernt war, in dem stets offen gehaltenen Goethehäuschen zu übernachten und ihr Geschäft dann am andern Morgen fortzusetzen. Sie gingen nach dem Goethehäuschen und nahmen Besitz von dem obern Raume, in welchem sich eben das Goethe’sche Manuscript befand. Dort entzündete ein Mann auf einem kleinen Estrichguss, worauf früher ein Ofen gestanden, ein Feuer, um die nassen Kleider zu trocknen und die frierenden Glieder zu wärmen. Als die Leute am andern Morgen früh gegen fünf Uhr das Häuschen verließen, glimmten noch Kohlen auf der Feuerstätte und es stieg noch schwacher Rauch auf. Um diesem Abgang zu verschaffen, öffnete derselbe Mann, der das Feuer angezündet hatte, beim Weggange ein Fenster und ließ die Thür offen stehen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Fahrlässigkeit jenes Mannes die Ursache des Brandes geworden, indem durch den hergestellten Luftzug das noch glimmende Feuer angefacht worden ist, welches dann das dürre Holzwerk entzündet haben mag. […] Vom großherzoglichen Kreisgericht Arnstadt wurde der Schuldige wegen fahrlässiger Brandstiftung zu zwei Monaten Gefängnis verurtheilt.“

Julius Keßler, Ein deutsches Heiligthum und sein Untergang. In: Die Gartenlaube, 1872, No. 40, S. 656-658.Abbildung S. 657, Zitat S. 657f. (Von mir entliehen aus dem vielzitierten Ihrwisstschonportal.)

Das Hüttlein wurde recht umgehend durch einen Verein für die Verschönerung Ilmenaus originalgetreu wieder aufgebaut und beherbergt heute neben einem Faksimile der goetheschen Inschrift unter Glas auch Wandrers Nachtlied in 15 Sprachen.

Unser alter Dichterfürst selber konnte sich offenbar nur schwer von seiner realpoetischen Graffiti und Eingebung trennen. Kurz vor seinem Tod, auf seiner letzten Reise nach Ilmenau, war er 1831 nochmal oben in der Hütte auf dem Kickelhahn, um nachzuschaun, ob sein Verslein noch an der Wand stünde. Seinem Freund und Begleiter jenes letzten Aufstiegs, dem Geologen Johann Christian Mahr, verdanken wir die Unvergänglichkeit dieses rührseligen Moments des greisen Goethe – und, in mittelbarer Täterschaft, unzählige KitschPostkarten mit dem weißhaarigen Alten auf dem Berge:

„Goethe überlas diese wenigen Verse und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: „Ja warte nur balde ruhest du auch!“, schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald, und wendete sich darauf zu mir, mit den Worten: „Nun wollen wir wieder gehen.“
(Zit. n. Wulf Segebrecht: Johann Wolfgang Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und seine Folgen. Zum Gebrauchswert klassischer Lyrik [Reihe Hanser. Literatur- Kommentare; 11] München: Carl Hanser 1978, S. 37f. Über den „Kult des Ortes“ S. 34-45.)

Nachzulesen auch unter ‚Orte und Zeiten in Goethes Leben‘ im womöglich von mir schon erwähnten Goethezeitportal auf der Kickelhahn-Seite von Jutta Asser und Georg Jäger. Auf der die Zwei auch liebevoll eine Sammlung besagter Postkarten zusammentragen, an denen ich mich ‚zu bildenden… [und] kulturellen Zwecken‘ mal frech bedient hab.

Aber nun hocke ich hier mit meinem kleinen großen Rätsel vom Kickelhahn.
„Über allen Gipfeln
ist Ruh…“?

P.S. Für goethegestützte, kluge, witzige und/oder kreativ-originelle Lösungen bin ich bereit, einen kleinen Preis zu stiften. Nix aus meiner nicht grad überüppigen Goetheiana – die brauch ich selber. Aber auch halbwegs un-passend: eine Sammlung Boring Postcards USA, besorgt durch Martin Parr, würd‘ ich mir vom Herzen reißen. Etwas angegilbt und angegrabbelt, dafür als sauber gebundenes Büchelchen. – Wer also sowas mag…

P.P.S. Bei plötzlicher und unerwarteter Kommentarflut in Form von Antwortvorschlägen entscheidet über die Preisvergabe das Stiftungskomitee, bestehend aus – mir. Trostpreise: von der Hex‘ handsignierte Kitschpostkarten zu willkürlichen Themen.

Der Soundtrack kommt heute mal wieder alternativ daher: als Wanderlust…, ach nee, Wonderlust King, zwar nicht von Goethe-, aber von G o g o l Bordello:

Na gut, wer’s doch lieber klassisch mag, der lausche halt hier rein. (Obwohl: kann eigentlich einer der so unbändig wie entwaffnend lärmenden Lebenslust der Bordello-Bande widerstehen?) 😉

Bilder: Goethe Kari-kopf: Christof Stückelberger, ©2011. Aus: Goethe sucht nach des Pudels Kern; via. Kickelhahn-Schild: via ilmenau himmelblau. Goethehäuschen: Daniel Beyer, 14. Mai 2004, via Wikipedia. Faksimile der Wandinschrift – via Goethezeitportal. KitschPostkarten: ebenda. Kickelhahn-Panorama: Michael Sander, 23. August 2006. Via Wikipedia. Goethegestützt: Reiner Schwalme – via.
Video: Gogol Bordello: Wonderlust King vom Album „Super Taranta“, 2007. Via youtube.

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