Neulich in Luzern

August 31, 2012 um 11:34 pm | Veröffentlicht in 2012, Bilderhexe, Denk_Mal-Hexe, Drumherum und anderswo, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Betrachtungen eines Reisenden zu hölzernen Dingen oder Von der Schädlichkeit des Rauchens

Seitdem im Zuge der Globalisierung die Schweiz sozusagen in einen Teil meiner Familie migriert ist – hm, oder umgekehrt? -, treib ich mich ja gelegentlich entschleunigt bei dem kleinen Bergvolk in der Nachbarschaft rum.

In dessen heftig hochgefalteter Mitte liegt der Vierwaldstättersee.

Vielleicht liegt er sogar in seinem Herzen. Denn er ist nicht nur ein wundervolles Kleinod; um seine Ufer weht und wogt auch der Gründungsmythos der Eidgenossen. An seiner nördlichsten Spitze hat Wilhelm Tell in der Hohlen Gasse von Küssnacht (am Rigi) damals dem Vogt Gessler mit seiner Armbrust aufgelauert und auf einer Wiese am Strand seines südlichen Unterarms soll vor gut 700 Jahren (‚am Mittwoch vor Martini 1307‘) der Rütlischwur gegen die Habsburger ‚bösen Vögte‘ durch die Berge gehallt sein, den wir im exakten Wortlaut vom Schiller gelernt haben:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

(Wilhelm Tell, 2. Aufzug, am Schluss der 2. Szene)

Letztens bin ich zum ersten Mal dorthin vorgedrungen, naja, nicht überallhin, nur nach Luzern. Was nun keine so entdeckergefärbte Pioniertat ist, die man hier besonders herausstreichen müsste – denn mindestens einer war schon vor mir da. Mr. Mark Twain nämlich, der kam hier nachschauen, was die Reuss explizit vom Mississippi unterscheidet oder so, und besser über Luzern erzählen als ich konnte er auch.

The commerce of Lucerne consists mainly in gimcrackery of the souvenir sort; the shops are packed with Alpine crystals, photographs of scenery, and wooden and ivory carvings. I will not conceal the fact that miniature figures of the Lion of Lucerne are to be had in them. Millions of them. But they are libels upon him, every one of them. There is a subtle something about the majestic pathos of the original which the copyist cannot get. Even the sun fails to get it; both the photographer and the carver give you a dying lion, and that is all. The shape is right, the attitude is right, the proportions are right, but that indescribable something which makes the Lion of Lucerne the most mournful and moving piece of stone in the world, is wanting….

We did not buy any wooden images of the Lion, nor any ivory or ebony or marble or chalk or sugar or chocolate ones, or even any photographic slanders of him. The truth is, these copies were so common, so universal, in the shops and everywhere, that they presently became as intolerable to the wearied eye as the latest popular melody usually becomes to the harassed ear. In Lucerne, too, the wood carvings of other sorts, which had been so pleasant to look upon when one saw them occasionally at home, soon began to fatigue us. We grew very tired of seeing wooden quails and chickens picking and strutting around clock-faces, and still more tired of seeing wooden images of the alleged chamois skipping about wooden rocks, or lying upon them in family groups, or peering alertly up from behind them. …
(Mark Twain. Aus: A Tramp Abroad. Chapter XXVI. The Nest of the Chuckoo-Clock)

Außerdem hab ich, auch wenn die Schweizer mir das womöglich übel nehmen, den Löwen von Luzern nicht mal besichtigt und – wieder einig mit Mr. Twain – ebenfalls den Kauf holzgeschnitzter Souvenirs boykottiert.

Aber einem Ding aus Holz bin ich dann doch erlegen. Und das ist durchaus der Erwähnung wert. Nicht nur, dass man es mit seiner Länge von an die 205 Meter gar nicht übersehen kann, wenn man durch die City stolpert, oder dass ich von meiner Begleitung sowieso zuerst dorthin gezerrt wurde.

Nein, es ist erstens zum Verlieben schön. Zweitens gerät man nicht in Gefahr, es mitzunehmen – außer in Bildern zurechtgeknipst (damit ihr auch was davon habt). Und last but not least ist es vor allem ein Wahnsinnsglück, dass man es überhaupt noch – oder wieder – bewundern kann. Denn just im August vor 19 Jahren brannte das gute Stück, wie schon gesagt aus uraltem Holz, in einer Nacht fast vollständig nieder: die Kapellbrücke.

Bis dahin hatte das stolze Wahrzeichen von Luzern, zwar mit mehrmaligen Renovierungen und gar einer späteren Kürzung um 75 Meter, gute sechseinhalb hundert Jährchen und ebensoviele Auguste überstanden. Es war überdies seinem von Stadtväterseite im 19. Jahrhundert geplanten Abriss durch den öffentlichen Protest von Stadtkinderseite entgangen. Machtlos waren die Brücke und ihre Lobby schlussendlich, laut Brandermittlung, im Sommer 1993 vermutlich gegen die Wirkung einer glimmenden Zigarettenkippe, achtlos entsorgt von einem Brückengänger. Doch wer so ein Kulturgut vor allen Widrigkeiten und Autoritäten zu retten imstande ist, kriegt es auch wieder hingestellt, in nicht mal einem Jahr Bauzeit, originalgetreu zu aller und meiner Freude. (Den wiederhergestellten Teil kann man übrigens an der helleren Dachfärbung ganz gut erkennen.)


Da steht sie nun in altem Glanz, die Kapellbrücke. Und? Ist sie nicht schön! In ihrer Jugendzeit war sie als Wehrgang Teil der Stadtmauer. Im Giebel der Dachkonstruktion hängen alle paar Meter dreieckige Gemälde mit hinzugefügten Versen auf Holztafeln – eine Werbeaktion des Stadtrats vom Ende des 16. Jahrhunderts für den ‚guten Schweizer‘, die man heute durchaus als Comic lesen kann. Apropos Comic: wusstet ihr schon, dass in Luzern alljährlich quer durch die ganze Altstadt das “Fumetto” (Ital.: “Sprechblase”, wörtlich “Räuchlein”) veranstaltet wird, ein Comic-Festival mit Berühmtheiten der Szene und besonderer Aufmerksamkeit für die Entdeckung junger Nachwuchskünstler?

Überragt wird die Brücke vom Wasserturm. Der nach nichtschweizerischem Verständnis des Begriffes keiner ist, sondern viel eher ein Im-Wasser-Turm, der durch die Zeiten Turmwächter, Stadtarchiv und Kerker, zudem Schatz- wie Folterkammer beherbergte. Das Storchennest auf Turmes Spitze soll seit über einhundert Jahren unvermietet sein. Im Gegensatz zum Turminnern, dem heutigen Domizil des Luzerner Artillerievereins, dessen hehre Ziele mir unbekannt sind. Und für Nichtartilleristen hats in dem Gemäuer auch noch – na was schon! – klaro, einen gut frequentierten Souvenir-Shop.

Wasserturm mit KapellbrückeZwergenbrücke1

Ob Mr. Mark Twain nun grad in dem nix gekauft hat, weiß man wiederum nicht so genau. Doch über die Kapellbrücke ist er geschritten, das ist sicher – obwohl sie aus Holz geschnitzt ist:

We visited the two long, covered wooden bridges which span the green and brilliant Reuss just below where it goes plunging and hurrahing out of the lake. These rambling, sway-backed tunnels are very attractive things, with their alcoved outlooks upon the lovely and inspiriting water. They contain two or three hundred queer old pictures, by old Swiss masters—old boss sign-painters, who flourished before the decadence of art….
(Mark Twain. Aus: A Tramp Abroad. Ebenda.)

Und als Belohnung fürs Lesen und Angucken gibts noch einen Hexenblick und -Cam-Klick auf den See aus, übern Daumen gepeilt, 2000 Meter Höhe.

Hmmm… vielleicht könnt‘ ich ja mit kitschigen Postkarten für Schweizer Souvenirbuden reich werden? 😉

Bilder: Sind alle Hexenwerk, mit Ausnahme der Rütliwiese, die ist swissinfo-Werk.

42 oder: Überlebenstraining mit Handtüchern

Mai 25, 2010 um 11:24 pm | Veröffentlicht in Alles platti, BildungsLückenbauten, Filosofaseln, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare
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Ufff… geschafft.
Frisch gewaschen, frisch getrocknet und gefaltet wandert ein Stapel frischflauscheliger Handtücher auf die Ablage im Bad.

Seit der Osterbesuch aus der Schweiz sich aufgrund dramatisch lebensgefährlicher Umstände mit gerade doch noch gutem Ausgang für Mutter und Kind zu einer WG auf Zeit ausgewachsen hat, findet hier wieder große Wäsche statt. Denn in meinem mittlerweile effizient bestückten Haushalt hat sich durch die Langzeiteinquartierung unverhofft ein kleiner Engpass an trockenen Tüchern aufgetan. Und da eine asoziale um Bergvolkes Wohl besorgte Schweizer Versicherung offenbar der Meinung ist, dass ein zwölf Wochen zu früh geborener Säugling dieses frühgeburtliche Vorkommnis in der Berliner Charité statt in der Basler Heimatklinik aussitzen, respektive -liegen soll, bis er sich selber Zöpfe flechten, an Mamis Hand zum Bahnsteig hetzen und einen Platz im Mutter-Kind-Abteil für die knapp 1000 Kilometer einklagen kann, wird das wohl auch noch ein paar lange Tage so bleiben.

Doch we don’t panic und hoffen standhaft, dass der große Bruder des zarten Würmchens, der immerhin schon mannhafte 2 Lebensjahre auf dem Buckel hat, die Mama noch wiedererkennt. Wenn für die nach Aberwochen der Heimwärtstrip mit Brüderchens Schwesterchen durch eine gefühlte Galaxis in trockenen Tüchern ist…

Wie überlebenswichtig in dieser Situation und überhaupt ein solider Vorrat an solchen selben sein kann, weiß jedes Kind und jeder Anhalter seit und dank Douglas Adams:

“Ein Handtuch ist so ungefähr das Nützlichste, was der interstellare Anhalter besitzen kann. Einmal ist es von großem praktischem Wert – man kann sich zum Wärmen darin einwickeln, wenn man über die kalten Monde von Jaglan Beta hüpft; man kann an den leuchtenden Marmorsandstränden von Santraginus V darauf liegen, wenn man die berauschenden Dämpfe des Meeres einatmet; man kann unter den so rot glühenden Sternen in den Wüsten von Kakrafoon darunter schlafen; man kann es als Segel an einem Minifloß verwenden, wenn man den trägen, bedächtig strömenden Moth-Fluss hinuntersegelt, und nass ist es eine ausgezeichnete Nahkampfwaffe; man kann es sich vors Gesicht binden, um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen die Antwort(ein zum Verrücktwerden dämliches Vieh, es nimmt an, wenn du es nicht siehst, kann es dich auch nicht sehen – bescheuert wie eine Bürste, aber sehr, sehr gefräßig); bei Gefahr kann man sein Handtuch als Notsignal schwenken und sich natürlich damit abtrocknen, wenn es dann noch sauber genug ist.

Was jedoch noch wichtiger ist: ein Handtuch hat einen immensen psychologischen Wert. Wenn zum Beispiel ein Strag (Strag = Nicht-Anhalter) dahinter kommt, dass ein Anhalter sein Handtuch bei sich hat, wird er automatisch annehmen. er besäße auch Zahnbürste, Waschlappen, Seife, Keksdose, Trinkflasche, Kompass, Landkarte, Bindfadenrolle, Insektenspray, Regenausrüstung, Raumanzug usw, usw. Und der Strag wird dann dem Anhalter diese oder ein Dutzend andere Dinge bereitwilligst leihen, die der Anhalter zufällig gerade „verloren“ hat. Der Strag denkt natürlich, dass ein Mann, der kreuz und quer durch die Galaxis trampt, ein hartes Leben führt, in die dreckigsten Winkel kommt, gegen schreckliche Übermächte kämpft, sich schließlich an sein Ziel durchschlägt und trotzdem noch weiß, wo sein Handtuch ist, eben ein Mann sein muss, auf den man sich verlassen kann.”

D.A.: Per Anhalter durch die Galaxis

Deswegen und weil man dem Mann einfach ein – und bittschön, möglichst interaktives – Denkmal setzen m u s s t e, war heute Handtuchtag, TOWEL DAY. Wie jedes Jahr am 25. Mai seit 2001, dem Jahr, in dem er sich in die Galaxis davongemacht hat.

Wobei das Datum selbst sich weder um den ersten (11. März) noch den letzten Tag seines Lebens (11. Mai) schert und auch sonst nichts Explizites mit seiner Vita zu schaffen hat. Den Schöpfer absonderlicher Welten und sarkastischer Philosofaseleien des alltäglich Absurden tät’s freuen, glaub ich. Der Tag, an dem einer sein Überlebenshandtuch vergisst, ist schließlich am Ende immer der falsche und seine Antwort auf die lebendigen Fügungen des menschlichen Universums wäre wahrscheinlich: 42.

So kümmerte sich denn auch in deutschen Landen überaus passend unpassend kein Anhalter auch nur einen feuchten Kehricht um einen fünfundzwanzigsten Mai, als allhier das bislang größte frottierte Gedenken begangen wurde: am 9. Juni 2005. Da erflimmerte in Deutschlands Lichtspielhäusern DER Film nach dem posthumen galaktischen Tramper-Drehbuch vom Adams und Scharen von Cineasten strömten im Bademantel und mit ihrem Handtuch über der Schulter an die Kinokassen. Hat mir jedenfalls einer erzählt, der es mindestens von Hamburg wusste, weil er damals mittendrin statt nur dabei war. – Ich hab derweilen… sehr wahrscheinlich bestenfalls ein Papiertaschentuch benutzt, in irgend einem Restaurant am Ende meines Universums 42 Mal versucht, den Kellner zum Kellnern anzustiften… oder wiedermal keinen Anhalter mitgenommen.

Adams selbst behauptete steif und fest, die Idee zu dem Galaxis-Kram sei ihm gekommen, “while I was lying drunk in a field in Innsbruck, Austria, in 1971.” Und als ihm der Anhalter-Hype auf den Zeiger zu gehen begann oder so, steckte er sich seinen Babelfisch ins Ohr und verhalf mal fix Monty Python's flying Circus zu seinem vorletzten ( als Pepperpot with nuclear missile) und letzten (als Mitautor der Party Political Broadcast on Behalf of the Liberal Party) glorreichen Ende.

Interessant wäre ja auch zu erfahren, ob es ihm in seinem nächsten Leben – wie im ersten angedacht – vergönnt ward, Zoologe zu werden. Anzunehmen ist es eher nicht, denn er war überzeugter Atheist – die haben nur ein hiesiges Dasein. Doch seine Enttäuschung über die weitgehende Ignoranz der Welt seinen Letzten ihrer Art gegenüber, auf die er sehr stolz war, saß tief.

So long, Douglas – and Thanks for All the Fish.

Heute war Handtuchtag.
Und ihr da draußen, Anhalter in Bloggers Galaxis: Auf, auf! Für das Aussterben menschlicher Unarten – und wider das Aussterben jeglicher Arten (Blogger, Anhalter und Systemadministratoren eingeschlossen).
Don't panic! And always know where your towel is.

Der Soundtrack für heute sollte passen: Monty Python ist quasi bucklige Verwandtschaft, die Handtücher um die Lenden sind auch kompatibel. Und wer wenn nicht Brian wüsste, wer wenn nicht Eric Idle erhellte in jedem Vers, dass 42!

Bilder: Die Antwort in der Wüste (Happy Towel Day): via code-monk bei flickr. Douglas Adams: via GCO bei wordpress. Rest: weiß ich nicht mehr; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Monty Python – Always Look on the Bright Side of Life. Aus: Das Leben des Brian, via bei youtube.

Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 2)

Juli 15, 2008 um 2:50 am | Veröffentlicht in 2008, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 4 Kommentare
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Update zu Im Frühtau… Teil 1

Z’Basel an mim Rhi,
jo dört möchti si!
Weiht nit d’Luft so mild und lau,
und der Himmel isch so blau
an mim liebe Rhi!
(Johann Peter Hebel: Erinnerung an Basel.
Aus: Alemannische Gedichte)

Hex\' beim AnflugSo kurz die Zeit auch ist, ein Baselbummel muss schon sein. Am Samstag stürzen wir uns mutig ins Getümmel. Das wäre doch gelacht, wenn eine Großstadtpflanze Angst vor fußballverrücktem Tourigewühl hätte. Die Neugier ist sogar groß genug, sich die Affenhitze zum Bummelwetter schönzureden.

\'s Basler DrämmliVon unserem ländlichen Domizil geht’s aber erstmal wieder mit dem Auto in die Stadt. Dass das nicht gerade die genialste Idee war, merken wir spätestens auf der Suche nach einem Parkplatz. Vielleicht hätten wir doch das Tram nehmen sollen (ja, so heißt es dort: DAS Tram), ’s Basler Drämmli oder die Trämli, wie die Eingeborenen liebevoll sagen. In unserem Fall wär’s eins von den sonnengelben gewesen, da wir ja von auswärts kommen. Denn das innerstädtische Drämmli ist grün. Abgesehen davon, dass das hübsch aussieht, orientiert es sich so recht gut in dem regen Straßenbahnverkehr -Basel ist eine Tram-Stadt. Und das seit weit über 100 Jahren. Und man muss da nicht extra einer Statistik glauben, nach der – bei einer Einwohnerzahl von übern Daumen gepeilt 165 000 – jährlich an die 89 Millionen Fahrgäste in die gelben und grünen Wagen klettern, sondern nur einen Nachmittag lang durch das Gewirr der vielen blanken Schienen stolpern.

Wir aber pirschen uns zunächst mit unseren privaten Pferdestärken durch schmale Gassen und über Kleinbasel an die auf der andern Rheinseite gelegene Altstadt von Großbasel heran. Und irgendwo hat dann doch noch ein schmales Plätzchen im dritten Stock eines Parkhauses auf uns gewartet. Kleinbasel oder einheim’sch Glaibasel, seit eh und je das Viertel der unteren Zehntausend und mit hohem Migrantenanteil, muss dem Basler sowas sein wie dem Berliner sein Kreuzberg, nur hübscher anzuschaun.

Weiter geht’s per pedes und schon nach den ersten Schritten durch klaustrophobisches Gewimmel in Richtung Mittlere Rheinbrücke ist klar: die Flipflöpse an den Füßen waren die einzig goldrichtige Wanderschuhwahl. Wir befinden uns kurzzeitig im Auge des Orkans, das hier nicht wie allerorten schnöde Fanmeile heißt, sondern eine FanZone ist. Was nicht im Geringsten übertrieben scheint, denn das Zentrum ist weiträumig mit Großleinwänden, Tribünen, Zeltpavillons und Toiletten-Hüsli zugebaut. Das runde Leder hat die City voll im Griff. Hinter mir eröffnet eine Mutter ihrem Dreikäsehoch im gängigem Baseldeutsch überflüssigerweise, dass man jetzt auf die Fäään gehe, und sicherheitshalber, dass die Fäään lustig würde.

Uf der breite Bruck

Uf der breite Bruck,
für si hi und zruck,
nei, was sieht me Here stoh,
nei, was sieht me Jumpfere goh,
uf der Basler Bruck.

Über den Rhein hätten wir auch mit der Fähri schippern können, einem überdachten Bötchen, das mich irgendwie an diese asiatischen Fischerboote erinnert.

Die Fähri

Doch wir kämpfen uns über die ‚braite Brugg‘ und schaun aus sicherer Entfernung auf das muntere Treiben unten am Ufer. Dass die aufgespannten Leinwände heute tot sind, scheint keinen Menschen zu interessieren: man zeigt Flagge, trägt die Wangen in den jeweiligen Nationalfarben und abenteuerliche Kopfbedeckungen aus dem Fan-Shop seiner Wahl. Aus den Lautsprechern dudeln – nein, keine Alpenjodler, sondern aktuelle Hits. Europa sonnt sich auf der holzgezimmerten Tribüne, die bis ans Wasser reicht. Und einige Fußballjünger und -rinnen haben einen andern Sport für sich entdeckt: sie schwimmen, solo oder in munteren Schwärmen, den Rhein hinunter. Manche sogar in voller Straßenmontur einschließlich Hut und Schuhen, andere mit einem Seil um das Badeoutfit geschlungen, an dem eine wasserdichte Plastikboje mit der restlichenTagesgarderobe dümpelt. In die werden sie ein Stück flussabwärts wieder hüpfen und solcherart nicht zu Lande an den Ausgangsort zurück müssen.

Rheinnixe

Hm, schwimmen im Rhein? – na, ich weiß ja nicht… wohin fließen eigentlich denen ihre Abwässer der Chemie- und Pharmaindustrie?

Nachdem wir genug in den Rhein rein geguckt haben, flüchten wir uns drüben endlich in die stillen idyllischen Gassen des alten Basel. Hier scheint die Zeit ein bisschen stehen geblieben zu sein. Jahrhundertealte Häuser stellen sich uns mit Namen vor

Gestatten, Zem Wildeman!Gestatten, Zur Eisenburg!

trinkwasserbrunnen-br und munter fließende Brünnlein werben – unterstützt durch amtliche kleine Schildchen – plätschernd mit Trinkwasser. Was für ein Labsal an so einem Tag.

Gleich im ersten Gässli hinter der Brücke links hoch, dem Rheinsprung, verliebe ich mich – in ein Lädchen, Scriptorium geheißen. In der Auslage der winzigen Schaufenster erfreuen Schreibfedern aller Sorten und diverses nostalgisches Das SchreibzeugstübchenSchreibzubehör, Gänsefederkiele und kugelige, antike Fässchen mit geheimnisvollen, bunten Tintenrezepturen das Herz. Ein puppenstubengroßes Paradies für alle Stadtschreiber, Kalligrafen und -fininnen. (Das Lädchen ist da rechts an der Ecke, die einschlägigen Schaufensterbilder baseln leider noch in der Schweiz rum, da mit geliehener Kamera aufgenommen).

Südliches Flair verströmen die schattigen grünen Innenhöfe, auch sie mit glucksenden Wasserspendern.

innenhof-mit-brunnen1-klein-brklinnenhof-mit-ranken2-klein-brkl

In der Münsterschuel,
uf mim herte Stuehl,
magi zwor jetz nüt meh ha,
d’Töpli stöhn mer nümmen a
in der Basler Schuel.

Aber uf der Pfalz
alle Lüte gfallt’s.
O, wie wechsle Berg und Tal,
Land und Wasser überal,
vor der Basler Pfalz!


Ein unbedingtes Muss ist ein Blick auf das Stadtpanorama von der Pfalz aus, einem Aussischtspunkt oben über dem Rhein, zu dem uns die herrlich verwinkelten Gassen führen. Leider hat sie etwas unter dem allgemeinen Fußballwahn gelitten, denn überall liegen Berge von Müll zwischen den einladenden Bänken, dessen die Partner für e suuberi Stadt offenbar nur schwer Herr werden. Und ein verträumtes Motiv für ein Bild der Münsterkirche nebenan zu finden ist nicht so einfach, da der ganze Platz von einer des bereits erwähnten aktuellen Ereignisses verdächtigen Konstruktion aus Kunststoffplanen und Aluminiumstreben eingehüllt ist.

Für e suuberi StadtAllgemeine Lesegesellschaft

In trauter Nachbarschaft mit derselben schlummern da auch noch die rankenumkränzten Fensteraugen der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel im ehemaligen Domherrenhaus vor sich hin, einer Einrichtung mit Tradition.

Und durch diese hohle Gasse müssen wir kommen, um uns zum Marktplatz durchzuschlagen.

Die PullergassePullergasse andersrum

In ihr riecht es ziemlich streng, was eine heimliche Vermutung durch unsere empfindlichen Näschen wehen lässt: dass nämlich mehr als nur ein fußballseliger Nachtschwärmer für sein dringendes natürliches Bedürfnis nicht mehr rechtzeitg das exklusiv aufgestellte Hüsli gefunden hat. Doch zu guter Letzt nicht noch einen Blick auf das Basler Roothuus und dessen beeindruckende Architektur und Wandmalereien zu erhaschen, wäre ein sträfliches Versäumnis.

Basler RoothuusRoothuus 2

Ach, fast hätt‘ ichs vergessen: fasziniert hat mich eine Idee dieser findig kreativen Schweizer. Sie haben für ihre Sommergäste Sonnensegel über ihre Straßen gespannt, keine einfachen Schattenspender, nein, auf die transparenten Stoffbahnen sind überdimensionale Fotos projiziert, und zwar von der jeweiligen Hausfassade unter ihnen. Sie wirken wie riesige Spiegelbilder – eine Wahnsinnsidee und ein Wahnsinns-Anblick.

Schräge Häuser
Sonnensegel
Was soll ich sagen? Viel zu kurz war die Zeit (und viel zu lang wieder Hexis Geschreibsel darüber 🙄 ). Aber es war wunderschön und ich komme gern wieder in eure sympathische Stadt, ihr Basler.

Nachplappern:

Johann Peter HebelDie zitierten Verse, sind, wie schon eingangs ver-urhebelt, von Johann Peter Hebel, einem Sohn dieser Stadt. Dem – wo ihm selbst der große Herr Geheimrat in Verehrung zu Füßen lag – man selber zu eigner Schande lange viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Das wird im Blog in Form spannender Stöberresultate demnächst mal zu behebe(l)n sein. Das Gedicht “Erinnerung an Basel” gehört zum Zyklus seiner “Alemannischen Gedichte”. Von ihm der Frau Meville gewidmet, Tochter der Papierfabrikeigner in Höfen bei Schopfheim im Wiesental, die seinerzeit daselbst das Papier für eben jene Gedichte herstellten. Doch die Basler haben es mit fliegenden Fahnen für sich vereinnahmt, es mit einer Melodei versehen und zu ihrer Stadthymne gemacht. Respektvoll deshalb hier nochmal der Volltext in alemannischer und in baseldeutscher Version. Und wenn jetzt etwa einer, womöglich gar einer der torejubelnden Public- und Private-Viewer meint “Kennich nich, nie gehört!”, so irrt sich der. Denn es avancierte auch längst zur Basler Fußballhymne – womit wiederum der Bogen zu den aktuellen Stadtereignissen geschlagen wäre – puuuh. Ob die auf der Tribüne der Basel Arena allerdings alle wissen, wem sie ihr Liedl verdanken?

P.S. Teil 3 – der vor allem von einem gecancelten Rückflug gen Berlin sowie den äußerst hülfreichen Ratschlägen des Bodenpersonals eines internationalen Flughafens zur Therapierung desselben handeln tät‘ – bleibt ungeschrieben. Sonst denkt hier noch einer, das wird ’ne Soap… 😉

Bilder: selber gemacht. Hebels Gedicht „Z’Basel am mym Rhy“: Von der Website Hausen im Wiesental.

Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 1)

Juli 8, 2008 um 1:15 am | Veröffentlicht in 2008, Alles platti, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexengeschichten, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Wetter-Hexe | 6 Kommentare
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Ein Reisebericht

Hex\' beim AnflugDie Hex‘ war auf Reisen. Vorletztes Wochenende. Statt wie gewohnt auf dem Besen zu reiten, leistete sie sich diesmal ausnahmsweise den ausschweifenden Luxus eines Billigfliegers. Schließlich ging es um die würdige Audienz bei einem kleinen benachbarten Bergvolk Und, wer haat’s erfundn? – Na, die Schweizer natürlich.

Oh ja, und los ging es wirklich lausig früh, mitten im besten Tiefschlaf quasi. Aber so ein Wochenend ist ja höllisch kurz, weswegen man es so weit wie möglich zu strecken sucht. Von Frühtau dagegen keine Spur – nur das blanke Morgengrauen und die letzten Schnaufer einer lauwarmen Sommernacht, die wieder einen bruzzelheißen Tag androhen. Die Jacke kann also schon mal ins Aufgabegepäck – da weiß man wenigstens, wofür man inzwischen stolze Siebenfuffzich abdrückt.

Über den Wolken...

Ha, und wer hat eigentlich das Timing verbrochen? Während traumatisierte Einheimische auf der Flucht vor dem Hype um eine aufgepumpte Lederblase ihrer Stadt den Rücken kehren, mache ausgerechnet ich mich auf gen Basel. Allerdings möchte ich dazu ausdrücklich angemerkt wissen, dass mitnichten und auf keinsten Fall dieses über den grünen Rasen kullernde Ding auch nur das Geringste mit Hexis Reiselust zu tun hat, sondern ein längst fälliges Familientreffen nach freudigem Ereignis. So!

...muss die Freiheit wohl...

Über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer flugbereiter Großstädter zur Eincheckzeit schröbe man wieder mal ganze Bände. Wie von dieser penetranten Schickse im Papageien-Look vielleicht, die als Kunst- und Künstlerkennerin erkannt werden will. Und darob balzend und voll Selbstbefriedigungsdarstellungstrieb, vor allem aber mit Durchsagenlautstärke ihren Begleiter, einen sympathischen kleinen Italiener, pseudokompetent zutextet:

Schaurig schön“Also dieses Üvent war doch großartüg pörformt, fündest du nücht?
UnddieAusstrahlungdesAmbiente -einfachtoooollll. JaderBlablablaverstehtseinMötjöh. UnddieKollegenwarnjasoooechauffiert. UnddiesehüstorüschenMauern, haaaach! ——– üchmussmirmalsoeinArchütekturbuchkaufen, üchbringdieStüüleimmerdurcheinander… GotükundRomantükundBarockoko undso….”

Oder über die Spezies der aufgeregt durch die Halle flatternden Urlaubsmuttis. Beim Anblick ihres gigantischen Kosmetikarsenals im Handgepäck, mit dem sie zum Sicherheitscheck antreten, drängt sich hartnäckig die Frage auf, was denen wohl unterm frisch frisörgestylten Pony tickt. – Dass die Riesenschilder vor ihrer Nase für böse Terroristen da hängen? Oder packen die gerne all ihre Spraydöschen und Flakönchen und Tübchen in der Öffentlichkeit aus – und halten damit den ganzen Abfertigungsbetrieb auf? Und überhaupt, wieviel von dem Kram braucht frau unterwegs auf dem Hüpfer nach Palma De Malle?

Bitte Schwimmwesten anlegen!Endlich an Bord der A 319 denkt man noch an ’ne kleine Mütze voll Schlaf, um den unchristlich frühen Aufbruch halbwegs zu kompensieren. Das ist sowieso das Beste, denn, zu meiner Schande sei’s gesagt, die Hex‘ – gewiefte Besenpilotin hin oder her – ist nicht frei von Flugangst. Was liegt also näher, als das mulmige Gefühl in der Magengegend einfach wegzudösen. Das sich spätestens einstellt, als die Maschine mit einem unheilvollen Quietschen, Knarren und Stöhnen im Bauch losrollt. Ach nee, halt, nachm Start kommt ja noch die obligatorische Demonstration des Rettungsprozedere durch die Mädels von der Crew – wovon einem auch nicht grad wohler wird. Unverzichtbar daran ist vor allem die Instruktion zur Handhabung der Schwimmwesten. Weil man nämlich angesichts des aktuell zu überfliegenden Territoriums vorm inneren Auge gestochen scharf die wilden Wogen des mittel- und süddeutschen Ozeans an den Strand schwappen sieht. Aber höchstwahrscheinlich steuert der Pilot im Ernstfall mit traumwandlerischer Routine die Mitte des Rheins oder den Bodensee an. Und so gesehen sind denn auch die blauweißen Lederhösner und die Eidgenossen Seefahrernationen – oder wenigstens Küstenvölker, jawoll.

Der Minutenschlaf hat gut getan und ich klettere unternehmungslustig die Gangway hinunter. Auf gehts, Basel ich komme!

Naja, noch nicht ganz, denn vorher ist nochmal volle Konzentration gefragt, damit man nicht unversehens im falschen Land landet. Der Baaasler Flugchchafen ist nämlich, wenn mans ganz genau nimmt, nur die Hälfte von einem ganzen, ein weltweit wohl einmaliges Phänomen, worauf in gewisser Weise schon sein stolzer Name Basel-Mulhouse-Freiburg hindeutet. Bekanntlich liegt er mitten im Dreiländereck, putzigerweiser nicht mal auf schweizer, sondern auf französischem Boden. Und die Schweizer und die Franzosen betreiben ihn – in bestem europäischen Geist – gemeinsam. (Die deutsche ‚Ecke‘ hingegen ist nur Anhängsel ohne Stimmrecht im trinationalen Beirat und Mitnutzer.) Nun heißt es nur noch den eidgenössischen Ausgang finden.

Airport Basel-Mulhouse-Freyburg
Das klappt hervorragend beim ersten Versuch. Das Empfangskommando hinter der Scheibe trippelt schon ungeduldig hin und her – ich werde abgeholt. Durch die stressfreie Gemächlichkeit an der Zollkontrolle auf die landestypische Mentalität vorbereitet sowie nach der bedingungslosen Kapitulation vor einem irreführend SchweizerDEUTSCH (okay, oder -dütsch) genannten Idiom folgt erstmal stürmisches Umarmen mit meinen schwiizer Ausländern.

Später dann im Auto, unterwegs in den Basler Speckgürtel und zum Domizil für die nächsten drei Tage, sehe ich beim ersten so herbeigefieberten Blick auf die Stadt – nichts.

Basel unter!Ehrlich – denn der Eindruck ist ein ziemlich unterirdischer, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir düsen nämlich auf der Stadtautobahn zwecks Verkehrsentlastung durch ein wirr verschlungenes Tunnelsystem und als ich die Sonne endlich wiedersehe, sind wir schon wieder draußen aus der Stadt – links und rechts nur noch grüne Berge, drauf hier und da eine malerische Burgruine. Dafür treffen wir jetzt einen niedlichen kleinen Kreisverkehr nach dem andern, auf den meisten der Rondells wachsen ebenso niedlich kleine Birkenschulen. Und dann sind wir in Reinach, der zweitgrößten Gemeinde des Kantons Basel-Land (respektive Basel-Landschaft, wie es auf Einheimisch offiziell heißt). Gelegen laut einschlägiger Information “am Südfuss des Brruderchchcholz (Bruderholz) im Birstal”.

Hach, gibt es eigentlich eine noch hübscher und noch schweizerischer klingende Ortsbeschreibung!?

Dafür gibts auf Grund offensichtlich unheilbarer epischer Breite der Verfasserin die Basel-Bummel-Bilder erst in Teil 2.

Nicht nur der Ball ist rund von unbekanntP.S. Beim Titelsong – sorry, er war beim Schreiben so eine Art böser Ohrwurm und ich kann nix dafür! – denkt der Liebhaber des gepflegten Klamauks ja an die allseits beliebten Otto-Waalkes–Interpretationen. Allerdings fehlt bei d e m in schamloser Ignoranz das Schweizer Beispiel. Reichen wir also das einzige verfügbare nach. – Achtung! Schräge Blasmusik – mit einzwei… hm, oder drei Verbläsern… 😉

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