Die Abenteuer der Silvester-Nacht – mit E. T. A. Hoffmann durch Berlin in Callot’s Manier

Januar 3, 2015 um 11:16 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, Hexengeschichten, Neujahr, Real-Poetisches | 4 Kommentare
Schlagwörter: , , , ,

Update zu Gespenster am Gendarmenmarkt

Hoffmann,_ETA1Jetzt, also genau jetzt seit Neujahr und die nächsten paar Tage vor genau zweihundert Jahren, saß E. T. A. Hoffmann, der vermutlich alle Berliner Gespensterecken kannte, in seiner vermutlichen Berliner Lieblingskneipe. Während er mit dem Schoppen Burgunder vor ihm auf dem Tisch, vermutlich nicht dem ersten, gegen den auch uns allen noch frisch erinnerlichen Neujahrskater Murr antrank, tauchte er immer wieder die Feder in das nebenstehende Tintenfass, schaute sinnend aus dem Fenster über den Gendarmenmarkt, wälzte faustische Gedanken und warf ein neues Callotsches Fantasiestück des reisenden Enthusiasten auf sein Konzeptpapier: „Die Abenteuer der Silvester-Nacht“, vermutlich dem grad verflossenen Jahresend-Event entsprungen – und Chamissos Peter Schlemihl.

„Ich hatte den Tod, den eiskalten Tod im Herzen, ja aus dem Innersten, aus dem Herzen heraus stach es wie mit spitzigen Eiszapfen in die glutdurchströmten Nerven. Wild rannte ich, Hut und Mantel vergessend, hinaus in die finstre stürmische Nacht! – Die Turmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunkeln Abgrund. – Du weißt es ja, daß diese Zeit, Weihnachten und Neujahr, die euch allen in solch heller herrlicher Freudigkeit aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein wogendes, tosendes Meer. Weihnachten! das sind Festtage, die mir in freundlichem Schimmer lange entgegenleuchten. Ich kann es nicht erwarten – ich bin besser, kindlicher als das ganze Jahr über, keinen finstern, gehässigen Gedanken nährt die der wahren Himmelsfreude geöffnete Brust; ich bin wieder ein vor Lust jauchzender Knabe. Aus dem bunten vergoldeten Schnitzwerk in den lichten Christbuden lachen mich holde Engelgesichte an, und durch das lärmende Gewühl auf den Straßen gehen, wie aus weiter Ferne kommend, heilige Orgelklänge: »denn es ist uns ein Kind geboren!« – Aber nach dem Feste ist alles verhallt, erloschen der Schimmer im trüben Dunkel. Immer mehr und mehr Blüten fallen jedes Jahr verwelkt herab, ihr Keim erlosch auf ewig, keine Frühlingssonne entzündet neues Leben in den verdorrten Ästen. Das weiß ich recht gut, aber die feindliche Macht rückt mir das, wenn das Jahr sich zu Ende neigt, mit hämischer Schadenfreude unaufhörlich vor. »Siehe,« lispelt’s mir in die Ohren, »siehe, wieviel Freuden schieden in diesem Jahr von dir, die nie wiederkehren, aber dafür bist du auch klüger geworden und hältst überhaupt nicht mehr viel auf schnöde Lustigkeit, sondern wirst immer mehr ein ernster Mann – gänzlich ohne Freude.« Für den Silvester-Abend spart mir der Teufel jedesmal ein ganz besonderes Feststück auf. Er weiß im richtigen Moment, recht furchtbar höhnend, mit der scharfen Kralle in die Brust hineinzufahren und weidet sich an dem Herzblut, das ihr entquillt. Hilfe findet er überall, sowie gestern der Justizrat ihm wacker zur Hand ging. Bei dem (dem Justizrat, meine ich) gibt es am Silvester-Abend immer große Gesellschaft, und dann will er zum lieben Neujahr jedem eine besondere Freude bereiten, wobei er sich so geschickt und täppisch anstellt, daß alles Lustige was er mühsam ersonnen, untergeht in komischem Jammer. […]“

Also. wenn solches Neujahrs-Timing, gepaart mit einem solchen Jubiläum und der poetischen Ermunterung zur Fantasie vom Lieblingsromantiker kein Anlass ist, endlich selber mal wieder mit der virtuellen Feder über das ebenso geartete (Blog)Papier zu kratzen, dann weiß ich auch keinen. Allerdings: Sowas tut man nicht gerade an Silvester (hat der Hoffmann ja auch nicht), was hier zwar thematisch passend gewesen wäre, nur nicht so recht kompatibel zu den Aktivitäten, die beim Jahresabgesang von einer erwartet werden. Damit keine Missverständnisse aufkommen – ich meine nicht die Mittäterschaft an den üblichen Böllereien, deren ich mich seit der Pubertät strikt und bekennend enthalte. Da schlendere ich lieber selber mal wieder übern Gendarmenmarkt, der immerhin von dem Massenvolksgedränge und dem exzessiven Feuerwerksfinale auf der Party-Meile weit genug entfernt ist, dass mans irgendwie genießen kann, und schau nach, was dort so abgeht.
gendarmenmarkt

laterne gendarmenmarktIch mag die Laternen da. Und die leise Musik aus dem Schauspielhaus (das heuer schlicht Konzerthaus heißen will), die man nur hören kann, wenn man es will. Heute wäre mir am liebsten Orgel, was Bachsches vielleicht. Dem Lutter & Wegner am jetzigen Platze durch die Fensterscheiben zu spannen hab ich kein Verlangen – der E. T. A. hat in dem eh nie gezecht, wenn auch irgendwo obendrüber bis zu seinem zu frühen Ende gewohnt. Das neuzeitliche Pärchen auf der Bordsteinkante davor, das fröhlich in die Nacht kichert, macht da schon mehr Spaß und beschert mir ein Déjà-vu. Als ob ich in einen Spiegel schau. Die zwei schlucken derweilen munter aus einer halbvollen Sektpulle und teilen freigiebig den Rest mit mir. Und zu Spiegeln komm ich (oder mein Gespenster-Hoffmann) noch. Der spann nämlich weiter an seiner Geschichte:

„Unter den Linden auf und ab zu wandeln, mag sonst ganz angenehm sein, nur nicht in der Silvester-Nacht bei tüchtigem Frost und Schneegestöber. Das fühlte ich Barköpfiger und Unbemäntelter doch zuletzt, als durch die Fieberglut Eisschauer fuhren. Fort ging es über die Opernbrücke, bei dem Schlosse vorbei – ich bog ein, lief über die Schleusenbrücke bei der Münze vorüber. – Ich war in der Jägerstraße dicht am Thiermannschen Laden. Da brannten freundliche Lichter in den Zimmern; schon wollte ich hinein, weil zu sehr mich fror und ich nach einem tüchtigen Schluck starken Getränkes durstete; eben strömte eine Gesellschaft in heller Fröhlichkeit heraus. Sie sprachen von prächtigen Austern und dem guten Eilfer-Wein. »Recht hatte jener doch,« rief einer von ihnen, wie ich beim Laternenschein bemerkte, ein stattlicher Ulanenoffizier, »recht hatte jener doch, der voriges Jahr in Mainz auf die verfluchten Kerle schimpfte, welche Anno 1794 durchaus nicht mit dem Eilfer herausrücken wollten.« – Alle lachten aus voller Kehle. Unwillkürlich war ich einige Schritte weiter gekommen, ich blieb vor einem Keller stehen, aus dem ein einsames Licht herausstrahlte. Fühlte sich der Shakespearsche Heinrich nicht einmal so ermattet und demütig, daß ihm die arme Kreatur Dünnbier in den Sinn kam? In der Tat, mir geschah gleiches, meine Zunge lechzte nach einer Flasche guten englischen Biers. Schnell fuhr ich in den Keller hinein. »Was beliebt?« kam mir der Wirt, freundlich die Mütze rückend, entgegen. Ich forderte eine Flasche guten englischen Biers nebst einer tüchtigen Pfeife guten Tabaks und befand mich bald in solch einem sublimen Philistrismus, vor dem selbst der Teufel Respekt hatte und von mir abließ. – O Justizrat! hättest du mich gesehen, wie ich aus deinem hellen Teezimmer herabgestiegen war in den dunkeln Bierkeller, du hättest dich mit recht stolzer verächtlicher Miene von mir abgewendet und gemurmelt: »Ist es denn ein Wunder, daß ein solcher Mensch die zierlichsten Jabots ruiniert?«

Unter die Linden ziehts mich heut auch nicht so recht, da bin ich ganz beim Hoffmann. Wenn auch das nette Schneegestöber von Anfang der Woche schon wieder der Erderwärmung gewichen ist, stromere ich immerhin wenigstens im warmen Jäckchen durch die Gegend, schließlich bin ich nicht auf der Flucht, wie der enthusiastisch liebeskranke Erzähler. Nuja, und zu den absonderlichen Enthusiasten, die partout den hässlichen Kasten von Stadtschloss (ohne jemals eine Chance auf Weltkulturerbe) wieder hingestellt haben wollen, gehöre ich auch nicht unbedingt, weswegen ich mir auch den Abstecher zu der noch hässlicheren Millionenbaustelle in Citylage klemme. Jägerstraße alt1Deine alte Jägerstraße, mein guter E. T. A., die in der Mitte mal kurz vom Gendarmenmarkt verschluckt wird, bevor sie auf der andern Seite weitergeht, die gibt’s schon noch – doch du würdest sie nicht wiedererkennen. Was zum einen daran liegt, dass sie nach deiner Zeit dort noch wild gebaut haben, zum anderen und hauptsächlich daran, dass die im letzten heimgekehrten Krieg freigebombten Baulücken inzwischen mt diversen Protzbauten des Größenwahns aus Glas, Beton und Stahl gestopft wurden. Gruselig find ich die schon, bloß nicht in Callotscher Manier.

Das Geburtshaus vom Alexander von Humboldt in der Nummer 22 solltest du noch kennen, ach ne, das steht da auch nicht mehr. Was aber nicht heißt, da steht nix, nur was anderes. Und weit und breit kein Thiermannscher Laden. Immerhin: Ein paar Lokalitäten könnte man da schon auch heute noch auftun. Das „Refugium“ zum Beispiel, mehr so Nobelgewölbe, aber zumindest Gewölbe, hübsch. Oder das „Augustiner“ – in dem kriegtest du bestimmt dein Bier, nur für meinen Geschmack verströmt es ein bissel viel blauweiß lärmendes Oktoberfestfeeling. Kein Vergleich also zu deinem gemütlichen Kellerkneipenloch. Außerdem: Kein Gedanke, an Silvester da reinzukommen, wir haben ja nicht reserviert. Und eine tüchtige Pfeife guten Tabaks dürftest du seit dem kneipenruinös flächendeckenden Rauchverbot in keiner von diesen Großrestaurationen rauchen, nicht mal zum Bier – das find ich manchmal auch ganz schön gruselig.

Bild 094Doch weiter in Hoffmanns Text. Jetzt wird’s nämlich gesellig und die versprochene Spiegel-Gepensterei kommt ins Spiel:

„Ich mochte ohne Hut und Mantel den Leuten etwas verwunderlich vorkommen. Dem Manne schwebte eine Frage auf den Lippen, da pochte es ans Fenster und eine Stimme rief herab: »Macht auf, macht auf, ich bin da!« Der Wirt lief hinaus und trat bald wieder herein, zwei brennende Lichter hoch in den Händen tragend, ihm folgte ein sehr langer, schlanker Mann. In der niedrigen Tür vergaß er sich zu bücken und stieß sich den Kopf recht derb; eine barettartige schwarze Mütze, die er trug, verhinderte jedoch Beschädigung. Er drückte sich auf ganz eigene Weise der Wand entlang und setzte sich mir gegenüber, indem die Lichter auf den Tisch gestellt wurden. Man hätte beinahe von ihm sagen können, daß er vornehm und unzufrieden aussähe. Er forderte verdrießlich Bier und Pfeife und erregte mit wenigen Zügen einen solchen Dampf, daß wir bald in einer Wolke schwammen. […]kellerportal
Da pochte es aufs neue ans Fenster, der Wirt öffnete die Tür, und eine Stimme rief: »Seid so gut, Euern Spiegel zu verhängen.« – »Aha!« sagte der Wirt, »da kommt noch recht spät der General Suwarow.« Der Wirt verhängte den Spiegel, und nun sprang mit einer täppischen Geschwindigkeit, schwerfällig hurtig, möcht ich sagen, ein kleiner dürrer Mann herein, in einem Mantel von ganz seltsam bräunlicher Farbe, der, indem der Mann in der Stube herumhüpfte, in vielen Falten und Fältchen auf ganz eigene Weise um den Körper wehte, so daß es im Schein der Lichter beinahe anzusehen war, als führen viele Gestalten aus- und ineinander, wie bei den Enslerschen Phantasmagorien. Dabei rieb er die in den weiten Ärmeln versteckten Hände und rief: »Kalt! – kalt – o wie kalt! In Italia ist es anders, anders!« Endlich setzte er sich zwischen mir und dem Großen, sprechend: »Das ist ein entsetzlicher Dampf – Tabak gegen Tabak – hätt‘ ich nur eine Prise!« – Ich trug die spiegelblank geschliffne Stahldose in der Tasche, die du mir einst schenktest, die zog ich gleich heraus und wollte dem Kleinen Tabak anbieten. Kaum erblickte er die, als er mit beiden Händen darauf zufuhr und, sie wegstoßend, rief: »Weg – weg mit dem abscheulichen Spiegel!« Seine Stimme hatte etwas Entsetzliches, und als ich ihn verwundert ansah, war er ein andrer worden. Mit einem gemütlichen jugendlichen Gesicht sprang der Kleine herein, aber nun starrte mich das totenblasse, welke, eingefurchte Antlitz eines Greises mit hohlen Augen an. Voll Entsetzen rückte ich hin zum Großen. […]
Das Gespräch lebte mühsam wieder auf, man erwähnte eines jungen wackern Malers, namens Philipp, und des Bildes einer Prinzessin, das er mit dem Geist der Liebe und dem frommen Sehnen nach dem Höchsten, wie der Herrin tiefer heiliger Sinn es ihm entzündet, vollendet hatte. »Zum Sprechen ähnlich und doch kein Porträt, sondern ein Bild«, meinte der Große. »Es ist so ganz wahr,« sprach ich, »man möchte sagen, wie aus dem Spiegel gestohlen.« Da sprang der Kleine wild auf, mit dem alten Gesicht und funkelnden Augen mich anstarrend, schrie er: »Das ist albern, das ist toll, wer vermag aus dem Spiegel Bilder zu stehlen? – wer vermag das? meinst du, vielleicht der Teufel? – Hoho Bruder, der zerbricht das Glas mit der tölpischen Kralle, und die feinen weißen Hände des Frauenbildes werden auch wund und bluten. Albern ist das. Heisa! – zeig‘ mir das Spiegelbild, das gestohlene Spiegelbild, und ich mache dir den Meistersprung von tausend Klafter hinab, du betrübter Bursche!« – […]
Und damit sprang er fort, noch draußen hörten wir ihn recht hämisch meckern und lachen […]. »O mein Herr,« erwiderte der Große, »jener böse Mensch, der uns so feindselig erschien, der mich bis hieher, bis in meine Normalkneipe verfolgte, wo ich sonst einsam blieb, da höchstens nur etwa ein Erdgeist unter dem Tisch aufduckte und Brotkrümchen naschte – jener böse Mensch hat mich zurückgeführt in mein tiefstes Elend. Ach – verloren, unwiderbringlich verloren habe ich meinen – Leben Sie wohl!« – Er stand auf und schritt mitten durch die Stube zur Tür hinaus. Alles blieb hell um ihn – er warf keinen Schlagschatten. Voll Entzücken rannte ich nach – »Peter Schlemihl – Peter Schlemihl!« rief ich freudig, aber der hatte die Pantoffeln weggeworfen. Ich sah, wie er über den Gendarmesturm hinwegschritt und in der Nacht verschwand.
Als ich in den Keller zurück wollte, warf mir der Wirt die Tür vor der Nase zu, sprechend: »Vor solchen Gästen bewahre mich der liebe Herrgott!« –

Hoppla… da sind wir also rausgeflogen. Und wir kommen auch so schnell nicht wieder rein. Jedenfalls nicht dort, wo der Ich-Erzähler im dritten Kapitel hin will, der seinen Hausschlüssel (in meinen ausgelassenen Auslassungen) im ersten Kapitel bei der Party vom alten Justizrat vergessen hat. Denn ein Hotel „Goldener Adler“ findet in ganz Berlin keine Suchmaschine nicht. Das „Adlon“ um die Ecke wäre, glaub ich, schon vom Ambiente und der Größenordnung her keine rechte Alternativlösung, um auch mit noch soviel beschworener Fantasie ein Hoffmannsches Silvesternachtabenteuer von außen zu beobachten. Und ich selber kenne dort eigentlich nur das „Sofitel“: auch so ein nichtantikes Glas&Beton-Dings, eher im Manager- statt mystisch angehauchten Grusel-Style – in dem hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch.

Die seltsamen Erlebnisse und Träume des erzählenden Enthusiasten in seiner verschollenen Herberge, die, durchzogen von ziemlich faustischen Sequenzen, in einer Briefbeichte des kleinen dürren seiner vorherigen Zechgenossen gipfelt, lasse ich drum hier mal unzitiert. Ebenso das komplette vierte Kapitel, das bis nach Italien und zurück und in Mord und Totschlag, also viel zu weit führen würde – wer das bis hierher mitgemacht hat, ist bestimmt des Selberlesens kundig. Auch mich in Hin-und her- oder Kreuz-und-quer-Interpretationen um hoffmannsilvestrische Parallelwelten und verlorene Spiegelbilder reinzuhängen hab ich keine Lust und hatte ich nie vor. Zu denen tummeln sich sogar im Net ja überall Schüler- wie Diplomarbeiten zuhauf – icke wollt‘ nur ein bisschen durch E. T. A.s Straßen spazieren.

Postskript des reisenden Enthusiasten
„[…] Du siehst, mein lieber Theodor Amadäus Hoffmann, daß nur zu oft eine fremde dunkle Macht sichtbarlich in mein Leben tritt und, den Schlaf um die besten Träume betrügend, mir gar seltsame Gestalten in den Weg schiebt. […]

Der, also der liebeTheodor Amadeus jetzt, sollte, wenn man den Quellen glauben kann, nächsten Dienstag vor zweihundert Jahren auch endlich fertig geworden sein mit seinem neuen Fantasiestückerl. Ich in m e i n e r Silvesternacht lauf nochmal übern Gendarmenmarkt und köpf ’ne Flasche Schampus ausm U-Bahn-Shop mit dem Pärchen aufm Bordstein vorm Lutter & Wegner.

Und gute Vorsätze zum frischerblühten neuen Jahr verkünde ich auch diesmal keine. elke-hexe-form-we2.gif Es reicht schon, wenn wir uns ein bisschen Fantasie erlauben in all der anstrengenden Wirklichkeit, beides immer noch fein auseinanderhalten, wenn’s drauf ankommt – und uns am nächsten Jahresende (und -anfang) immer noch im Spiegel anschaun können. Oder? 😉
Wir sehn uns, ja?

Postskript 2 (meins):
Achja, der Soundtrack, den hätt‘ ich doch beinah vergessen. Heute natürlich „Hoffmanns Erzählungen“ (und – quasi als ‚Entschädigung‘ fürs verschmähte „Augustiner“ – in Komplettaufführung aus dem Nationaltheater München von 2011) aus Gründen: Sind doch im vierten, dem Giulietta-Akt, die Abenteuer der Silvester-Nacht, auch vom vierten Akt daselbst, verwurstet.

Zitate: E. T. A. Hoffmann: Die Abenteuer der Silvester-Nacht. – Nach E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden, Band 1, Berlin 1963. – Via zeno.org.
Bilder: Hoffmann-Karikatur, Selbstporträt: Wikimedia Commons. Gendarmenmarkt 1: besuch-berlin.de; Gendarmenmarkt 2: k. A. Berlin, Jägerstraße mit Blick auf den Gendarmenmarkt: Friedrich August Schmidt, um 1800. Berlin Museum – via zeno.org. E. T. A. Hoffmann (in Hut und Mantel): Staatsbibliothek Bamberg – via kulturreise-ideen.de. Sonstige: irgendwann, irgendwo. 😉
Video: Les contes d’Hoffmann, opéra en 5 actes. Aufführung im Staatstheater München 2011 – via arte – via youtube.

Advertisements

Doch im Bernstein träumen Fliegen…

Juni 19, 2012 um 11:01 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Bernsteinhexe, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Hexenliebe, Kultur, Real-Poetisches, Wander-Hexe | 4 Kommentare
Schlagwörter: , , , , , , ,

Ein Tag mit der Diva und Kuttel Daddeldu

iddensee. Endlich. Kaum dass der Rumpf des Kielbootes gegen den Holzsteg schurrt, springe ich an Land, die an den Riemchen baumelnden Sandalen in der Hand. Ich habe nur den einen Tag.

Die freundlichen Jungs von der Segelcrew hatten mich am Morgen aufgefischt, nachdem ich, die Augen ungeduldig auf die Küste gegenüber gerichtet, eine gefühlte Ewigkeit durch das weite Flachwasser an Rügens Weststrand gewatet war. Sie wollten auch nach Vitte. Tja… Fähre kann jeder! Vom Deich überm Hafen drehe ich mich noch einmal um, schicke ihnen einen Jauchzer als Dankeschön hinüber und schwenke übermütig die Arme. Sie winken lachend zurück.

Jetzt bin ich reif und bereit für die Insel. Ich stapfe den Weg entlang, der vom Bodden landeinwärts führt und zugleich meerwärts – das Eiland ist hier minutenschmal. Meine Ungeduld ist verflogen und macht einem federleichten Glücksgefühl Platz – angemessen für einen Ort, der, trotz des zu dieser Zeit schon auffrischenden Urlauberansturms, irgendwie und irgendwo immer noch wunderbar ursprünglich ist. Worauf die Urinsulaner zu Recht stolz sind. Und immer noch gilt, ähnlich wie anderswo für kläffende Vierbeiner, hier für lärmende Vierräder der Erlass: Autos müssen draußen bleiben!

„Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, …liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee. …Kein störendes Geräusch drang bis hierher… Nur der Arzt durfte ein Motorrad benutzen, das den einzigen Laut von sich gab, der neben dem Töffen der Fischerboote an die mechanisierte Welt erinnerte. Sonst hörte man nur den Möwenschrei und das Brausen der ruhelosen See.“
(Asta Nielsen in ihren Lebenserinnerungen „Die schweigende Muse“, S. 366 ff.)

Der Übermut bleibt. Ich deklamiere lauthals

Kühe weiden bis zum Rande
Großer Tümpel, wo im Röhricht
Kiebitz ostert. – Nackt im Sande
Purzeln Menschen selig töricht…‘

vor mich in die Seeluft hinein, trällere den alten Ost-Hit der schrägen Nina „Du hast den Farbfilm vergessen…“ hinterher und gebe mich bedingungslos dem frech flirtenden Nordost hin, der mir das Haar zerwühlt. Ich werfe die Schuhe in die Wiese, tanze ausgelassen hinterher und hole sie in federndem Lauf wieder ein. Soll mich doch jeder für albern und ein bisschen verrückt halten – wenn denn einer in der Nähe wäre.

„Nirgends war man so jung, so froh und so frei wie auf dieser schönen Insel.“
(Schon wieder Frau Nielsen [ebenda, S. 377] und auch das stimmt – immer noch.)

Mein erstes Ziel ist die Handvoll Häuser am Nordrand von Vitte, etwas abseits der andern. Hinter einem Streifen Schilf, in dem reglose Reiher dösen, ducken sie sich unter Sanddornhecken und große alte Bäume.

„Auf Hiddensee… schaffte ich mir ein kleines Landhaus an, in dem ich – oft vier Monate lang – herrliche Ferien genoß. … Eines Tages kam eine hohe, kräftige Gestalt in kurzen Kniehosen und blauer bayrischer Leinenjacke gemächlich über das sonnenflimmernde Feld auf mein Haus zu. Es war der Dichter Gerhart Hauptmann, der mir als erster seinen Besuch machte. Sein Gang war jung und elastisch trotz seines hohen Alters, und das Haupt trug er hoch erhoben. Sein weißes Haar stand wie ein Wolkenhauch vor dem blauen Himmel. Er hatte schon seit vielen Sommern auf der Insel gelebt….“
[Ebenda, S 367.]

Heut komme ich zu Besuch. Auch wenn ich selbstredend – schon von der Gestalt und der Anzugsordnung her und erst recht auch nur sonstwie – keinem Vergleich mit Hauptmann standhielte. Die Augen gleiten suchend über die Fassaden… Hier. Hier muss es sein… dort das halbrunde Dach, das der Max Taut über den eckigen Grundriss projektiert und wegen dem sie es ‚Karusel‘ genannt hat… der Name steht über der Tür. Daneben macht sich eine dicke blaue Regentonne, offenbar jüngeren Datums, unter der Dachrinne breit – ein Graus für jeden Jäger romantischer Bildmotive. Ein bisschen heruntergekommen sieht alles aus, was mich mehr erstaunt als enttäuscht: die Farbe blättert und Schäden im Putz scheinen etwas lieblos ausgebessert. Und es ist still… seltsam still. Keiner zu Hause, wie es scheint. Nun, ist ja auch Strandwetter.

Immerhin hat die Hausherrin freundlicherweise eine Nachricht hinterlassen. Die ist schon ein paarTage alt, bestätigt aber meine Vermutung und liefert eine willkommene Erklärung für das gerade aufkommende Gefühl der Gottverlassenheit:

„Heute Morgen verließ Ringelnatz das Haus in Badehosen, knallrote Badeschuhe, ein gelbes Tuch um den Kopf und eine bunte Tasche auf dem Bauch für Bernsteine, die er zu suchen beabsichtigte … Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass er nicht einen einzigen gefunden hat.“
(A. N., Tagebuch, 12. Juni 1929)

Mich weht eine vergessene Geschichte an, die ich irgendwann als Kind gelesen habe – von einer bunten Libelle mit schillernden, durchsichtigen Flügeln. Die sich an einem hitzeflirrenden Sommertag in den Wald verirrte, diesen uralten Wald. Erschöpft ruhte sie an der rauen Rinde einer hohen Kiefer aus… bis ein Schweißtropfen des Baumes, eine Träne aus goldenem Harz, auf sie tropfte. Ein paar Millionen Jahre später findet ein Mädchen am Strand einen schimmernden Stein – darin das Insekt, die zarten Flügel noch immer ausgebreitet. Ein Stück ins Heute gespülte Vergangenheit – wie der Wunsch, den wir uns manchmal träumen (vor allem auf Hiddensee): einen sonnigen Augenblick auf ewig festzuhalten.

Vom Bernsteinsucher Ringelnatz erzählt man sich auf der Insel, dass der seine Fehlschläge auf der Suche nach den im Meer versunkenen Tränen des alten Waldes mit der Entdeckung zahlreicher Fischerkneipen kompensierte. In denen er sie mit Sanddornschnaps heruntergespieltspült und mit Kuddel und Hein und Hinz und Kunz Brüderschaft getrunken haben soll. Sonnig-wonnige Momente des ewigen Matrosen, der nie das Meer in sich verloren hat – in Insellegenden für immer festgehalten…

Da oben hinter dem halbrunden Dachfenster, da muss das Gästezimmer mit den blauen Betten gewesen sein, in dem er die bei seinen Strandstreunereien aufgesammelten Schätze hortete. Asta Nielsens ‚Karusel‘ ist für Eingeweihte a u c h so etwas wie ein Bernstein, der Augenblicke einer glücklichen Freundschaft des großen Stummfilmstars mit dem Dichter und Kabarettisten Joachim Ringelnatz umschließt. Unbeschwerte Tage auf der Insel, in denen sie albern und ausgelassen wie die Kinder tollten, sich mit der Künstlerbande um Heinrich George und Paul Wegener vergnügt und einander die Welt erklärt haben. Bei den Treffen im Häuschen mit dem runden Dach ging es munter zu:

„Räucheraal und Flundern waren Hauptbestandteil der Mahlzeit. In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach. Nach dem Essen versammelten wir uns am Kamin um die große Kupferbowle, in der Waldbeeren in frischem Sekt und Mosel Greifen spielten, und die Unterhaltung hub an.
…Besonders die Münchener Künstler lösten sämtliche Probleme der Welt: Der Dichter Ringelnatz veranschaulichte im Handumdrehen mit Hilfe von Streichhölzern, wie die Pyramiden in der Wüste erbaut wurden, und der Bildhauer Martin Möller bedauerte, nicht zur Zeit Bevenuto Cellinis zu leben, in der man umfangreich von Dolchen und Gift Gebrauch machte, um sich Nebenbuhler vom Halse zu schaffen. Ringelnatz… hielt „La Paloma“ für das beste Musikstück der Welt und Chaplin für größer als Shakespeare, was Heinrich George veranlaßte, sich aus Protest so hart auf einen meiner bedauernswerten Stühle fallen zu lassen, daß er durch den Sitz brach.
…Ringelnatz hatte in seinem Leben fast alles gemacht, aber am meisten war er wohl zur See gefahren. Seine berühmteste Gedichtsammlung war „Kuttel Daddeldu“. Sie handelt von dem Matrosen, der in den Häfen an Land geht und seine Mädchen besucht. Im Vaterland hat er eine feste Braut, der er die unmöglichsten Raritäten aus fernen Zonen mitbringt. Im übrigen säuft er sich sternhagelvoll. Kuttel Daddeldus Vater trug seine oft makabren Gedichte gleichfalls keineswegs immer in nüchternem Zustand vor…“

(A N.: „Die schweigende Muse“, S. 371/372)

Im Beisein eines versammlungsfähigen Kamins und mit dem/den richtigen Versammelten hielte ich es in solch freundlichem Hüttlein auch gern aus, glaub ich. Womöglich sogar gut im Winter – Ostseestrand in Eis und Schnee gehört für mich zu den Momenten zum für immer Festhalten. Praktischerweise hat man dann noch ein gutes, vielleicht einschlägiges, Buch und seine Zeichenutensilien dabei. Und klar wird eins: sie war außerhalb ihrer Filmrollen, als lebendiger Mensch der Wirklichkeit weder schweigsam noch stumm, die schweigende Muse, wie sie sich selber auf dem einschlägigen Buchcover nannte. Vom Tonfilm ausgebootet, spielte sie noch lange große Autoren auf großen Bühnen, offenbarte ein sympathisches Talent als Gastgeberin im Strandhaus, später sogar ein beachtliches als Schreiberin und als ‚Malerin‘ zauberhafter Collagen. Nur dass von dem kaum einer weiß.

In ihren Memoiren wie auch in ihren zu Unrecht wenig bekannten Novellen hat sie mit Wärme und einem herzhaften, mitunter bissigen, Humor vielen aus ihrem Dunstkreis, auch dem Freund Ringelnatz, liebevoll ein Denkmal gebaut. Wofür ich ihr nichts als Dank weiß, denn „Die schweigende Muse“ les ich grad mit glühenden Wangen und Ohren und die Hinterlassenschaften des Freundes sind für mich sowieso seit Ewigkeiten mein ganz eigenes Elixier.

Der wiederum hat wohl hier, hinterm Seglerhafen von Vitte, ihre große Barfußmädchenseele entdeckt und sie nach seiner Fasson in denk- und dankbar freche Verse gegossen. Und nichts scheint mir so naheliegend wie der Gedanke, dass die Insel der Ort gewesen sein muss, wo er „noch ein Seepferdchen war,/Im vorigen Leben… wonnig, wunderbar…“. Nicht, dass solche in den Wellen um Hiddensee von Natur aus siedelten, aber sieht nicht das ganze Eiland in seinen Umrissen aus wie ein trauriges Ringelnass, das seinen Bauch im Bodden badet, der offenen See zwar nicht die Stirn, doch den Rücken bietet und mit der Nase an einem Zipfel von Rügen schnuppert?

Der Tag geht schon auf die Mitte zu. Zeit, sich aus der Vergangenheit zurückzubeamen. Zumal es so ausschaut, als erhielte man heute hier eh keine Audienz mehr.

Ich lasse das verwaiste Anwesen rechts liegen und mache mich auf in die Richtung, aus der Gerhart Hauptmann damals gekommen sein muss. Vorbei an der Polizeistation von Hiddensee, der er damals wohl noch nicht begegnet ist, rauf nach Kloster und weiter zum Dornbusch. Auf die Heide hab ich heute keine Lust, allein schon, wenn ich an meine Riemchenlatschen denke. Am Ende hätte noch eine der dort hausenden Kreuzottern Appetit auf meinen großen Zeh. Und auch den auf der dornbuschigen Höhe neben den Windflüchtern ragenden Leuchtturm ignoriere ich schnöde – keinen Bock auf aussichtshungrige Völkerscharen.

Außerdem: wenn schon Insel, dann bittschön auch Strand. Vielleicht treff ich da ja einen Typen mit knallroten Badeschuhen, einem gelben Tuch um den Kopf und einer bunten Tasche auf dem Bauch…

Ich streune ein bisschen unterhalb der Steilküste herum und himmele die einsamen Sandbuchten an, in die sich nur ein paar Insider verirren. Dort wirst du zum gefühlten Robinson und begegnest nur ab und an einszweidrei Freitags, wie die Natur sie geschaffen hat. Einen Schatzsucher mit gelbem Kopftuch finde ich nicht, aber etwas anderes. Aus einem Seegrasbüschel, der wellengezausten grünen Haarsträhne einer Meerjungfrau, blinkt mich ein winziges gelbes Steinchen an, so klein, dass es vielleicht dereinst schon Kuttel Daddeldus Vater übersehen hat. So klein, dass es nur an dieses haardünne Silberkettchen passt, das ich nun für einen sonnigen Augenblick manchmal um den Hals trage. Ha, ich bin die Bernsteinhexe.

Und als mich diese besungene Inselfreiheit am Ende ganz und gar übermannt, werfe ich mich barfuß bis zum Hals in die Wellen. Die wundern sich nicht, denn sowas sind sie gewohnt, schon ewig. Das Wasser ist saukalt, aber die sonnenbeheizte Sandkuhle danach wärmt mich wieder auf und tut mir sauwohl. Jedenfalls so lange, bis der Sonnenstand in mir alle Alarmglocken anschlägt: Verdammt, die letzte Fähre! Das wird knapp. Ich raffe hastig mein Zivilisations-Outfit zusammen und suche mich, schon unterwegs, an den kürzesten Rückweg zu erinnern.

Es muss mein Glückstag sein. Der Insulaner und Hausherr des Reetdachhäuschens, bei dem ich sicherheitshalber frage, leiht mir ein Fahrrad: „Stell’s nachher an der Fischhalle ab, Deern.“ Stimmt ja, was hatte ich doch schon heute Morgen gelernt?: „In dieser Gegend war alles so gesegnet einfach.“

Mit Drahteselgeschwindigkeit hab ichs gerade noch geschafft. Das Fährschiff legt ab, sobald ich an Bord bin.

Die Nielsen hat Hiddensee und ihr ‚Karusel‘ gut achtzig Jahre vor mir verlassen – für immer. Das war 1933, als die braune Flut über die Insel schwappte, als Flugzeuge und Lokomotiven anfingen, über sie zu donnern.
„Die dunkelhaarigen, intellektuellen Künstlertypen wurden von kräftigen blonden Männern und breithüftigen Frauen mit Gretchenfrisur abgelöst. Die stampften großspurig und laut über Felder und Wege…. Dampfer legten an und spien ihren Inhalt an „Kraft-durch-Freude“-Fahrgästen über die Wiesen…. I c h hatte dort nichts mehr zu suchen.“
(„Die schweigende Muse“, S. 377/378.)

Das war ein Jahr bevor sie ihrem Freund Joachim Ringelnatz zu den Klängen von „La Paloma“ weiße Lilien aufs Grab legte, ihre Lieblingsblumen, die er ihr immer in die Künstlergarderobe gebracht hatte.

Vor heuer nunmehr vierzig Jahren ging sie dann selbst, ihm nach.

Beim Blick zurück vom Bodden auf den Hafen taste ich nach Astas Buch im Rucksack und dem Bernsteinkrümel in meiner Tasche und denke, dass ich hierbleiben möchte, jedenfalls für länger als nur einen Tag. Und dass es wieder viel zu lange dauern wird, bis ich wiederkomme.

Ach, es ist schon längst mal wieder Zeit für die Insel…

Bilder: A. Nielsen und J. Ringelnatz – aus: Asta Nielsen, „Die schweigende Muse“. Karusel-Tür – Robert Ott, via fotocommunity. Der ganze Rest – mein Inselsammelsurium. Vereinzelte Fremdurheber bei Bedarf bitte melden.
Video: Berluc: Bernsteinlegende. 1980. V. Album ‚Hunderttausend Urgewalten‘; via youtube.

Dann kam die Flut

August 20, 2010 um 11:55 pm | Veröffentlicht in 2010, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Kultur, So Momente halt..., Weißt_du_ noch, Wetter-Hexe, Wurzel-Werk | 3 Kommentare
Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Alter Park mit nassen Füßen und ein paar angeschwemmte Erinnerungen

„Es ist eine sehr missliche Aufgabe, Felsen zu machen.“
(Hermann Fürst von Pückler-Muskau. In: „Andeutungen
über Landschaftsgärtnerei verbunden mit der Beschreibung
ihrer praktischen Anwendung in Muskau“. 1834)

Du ahnst nicht den Augenblick, in dem Vergangenes dich einholt…

Die Erinnerung des kleinen Mädchens von damals weiß nichts von der Angst vor herantosenden Flutwellen, in denen Haus und Hof untergehen. Der Fluss war sieben Kilometer weit weg und Hochwasser gab es nicht – damals. Und wenn es welches gab, dann als Überschwemmung auf untergegangenen Wiesen, einmal im Jahr. Ertrunkene Wiesen waren was Wunderbares. Sie lagen am Weg von der Schule nach Hause und machten, dass die Strecke von sonst so zwanzig Minuten sich zu Stunden auswuchs. Und sie tranken die Zeit, die nassen Wiesen, während das Mädchen zusammen mit dem Jungen von nebenan am Ufer der neuen Seen auf dem Bauch lag, nach treibenden Holzstückchen fischte und Papierboote aufs Wasser blies. Oder Schuhe und Strümpfe an den Wegrand warf und zur Expedition Tiefenmessung über das glitschige Gras in die halbmetertiefen Fluten watete. Dort roch es herrlich nach Sumpf und Matsch und Algen und der Schulfreund fing ihm winzige Frösche, die es sich selbst nicht anzufassen traute und die sie in die gelbe Brotbüchse sperrten. Doch irgendwann musste es nach Hause, erspähte mit Bangen schon von weitem die wütende Großmutter am Hoftor, die über das kalt gewordene Essen, die Schuhe in der Hand und den triefenden Rocksaum wetterte und Hausarrest verhängte. Vor dem es noch heimlich-hastig den Inhalt der Brotbüchse in die Gartenregenwanne freizulassen galt. Bedauernswerte Oma. Denn am nächsten Tag war wieder Schule. Und Heimweg. An den Wiesen vorbei…

Im Park
Die Erinnerung des großen Mädchens von damals kennt noch den Park mit der Ruine vom rot-weißen Fürstenschloss. Der Park war sieben Kilometer weit weg und es ist immer trockenen Fußes dort hinein – damals. Den Fürsten selber kennt sie nicht mehr. Der war da schon lange tot und dem Mädchen auch sonst nicht sehr gegenwärtig. Dass der olle Von und Zu, seinerzeit noch überaus ansehnlich und lebendig, nicht minder lebendige “Briefe eines Verstorbenen” für die Nachwelt schrieb, die sogar den Dichterfürsten Goethe vom Hocker rissen, erfuhr es erst Jahre später. Aber es dankte ihm für seine Landschaftsgärtnerei mit ihrem eigenen Zauber und den vielen romantischen Verstecken, die wie geschaffen waren für erstes unbeholfenes Knutschen im Dunkeln mit dem Jungen von nebenan und heimliches Erwachsenwerden mit mehr und Ungestümerem als nur Händchenhalten. Wird schon seinen Grund gehabt haben, dass dem alten Windhund und Schwerenöter solche Parkwinkel eingefallen sind. Ist der doch schließlich ungehindert seiner angetrauten und lebenslang geliebten ‚Schnucke‘ Lucie, Fürstin von Pückler-Muskau, geschiedene von Pappenheim, geborene von Hardenberg, die ihm Fels in der Flutwelle Brandung war, längst nicht nur Bettine von Arnim und der gefeierten Operndiva Henriette Sontag nachgestiegen.

Mit der großangelegten Landstricharchitektur hat er sich allerdings pekuniär übernommen, der fürstliche Gärtner. Was ihn zum Verkauf derselben zwang, zur Scheinscheidung von der ‚Schnucke‘ und emsiger Reisetätigkeit zwecks Suche nach einer reichen Braut bewog und ihn schlussendlich nach Branitz weiterziehen ließ. Wo er sich sogleich über die nächste Parkdesignerey hermachte. Das mit der reichen Braut aus England hat ja nicht so geklappt, wie man weiß. Was wiederum auch so tragisch nicht und keine verlorene Zeit war, da er dadurch nicht nur Charles Dickens höchstpersönlich kennenlernte, sondern zugleich seinen Durchbruch und rauschenden Erfolg als briefeschreibender Reiseschriftsteller zementierte.

Ganz nebenbei stiftete er mit der Beschreibung des Landschaftsparks von Warwick auch noch des Mädchens hausheiligen Edgar Allan Poe zu seinem – leider nur semibekannten – “Park von Arnheim” an. Eine persönliche Begegnung der beiden Genien verhinderte dereinst womöglich nur ein Duell des Fürsten, das ihn das Schiff für die Überfahrt nach Amerika verpassen ließ.
— Und das große Mädchen von heute fräße einen Besen, wenn Mr. E. A. Poe bei seinem Schöpfer des Parks von Arnheim, einem unermesslich reichen Mann, der sein ganzes Vermögen auf den Kopf haut, seine Umgebung für sich in eine schöne Idealwelt zu verwandeln, nicht ein bisschen auch an den Muskauer gedacht hat. Den hat irgendwer einmal einen Meister der Verschwendung und das ostdeutsche Gegenstück zum ‚Märchenkönig‘ der Bayern, Ludwig II., genannt. Doch endete er ohne Frage weit glücklicher als dieser.

Sein Englischer Park in Bad Muskau und auf dem polnischen Neißeufer gehört heute zum Weltkulturerbe, zu Recht, doch davon ahnte das Mädchen von damals nichts. Aber es hat nichts dagegen, selbst wenn das der Stille dort einigen Abbruch tut.

Auch inzwischen richtig große Mädchen ahnen nicht den Augenblick, in dem Vergangenes sie einholt. Bis unversehens ein alter, schöner Fürst Park mächtig nasse Füße kriegt.

Denn dann kam die Flut. Vorletzte Woche…


… und wie! Der Fluß läuft über.
Die Neiße brodelt
Die Brücke hält – zwischen zwei Ländern unter.
Wasser-Straße, Bad Muskau Ortsausgang
Wasserstraße. Trockene Füße: nach sieben Kilometern.
Land unter - GrenzpfostenWasser Marsch - "Flutweiser"
Grenzen verschwimmen, zum Glück gibts Wasserwegweiser.
Der Flut trotzen
Von Baum zu Baum: „Scheiß auf nasse Füße! Durchhalten, Jungs, wir trotzen der Welle.“
Wasser - sie stehen vor den Toren! No pasaran!
Der Feind steht vor den Toren! Bis hierher und nicht weiter.

Radlos ans Wasser. Ratlos am Wasser?

Blick auf die Freischwimmertreppe.

Unterwasserbrücke.
"Strand"bank
Land unter. Bank auch.

Auch wenn es so aussieht: Nein, der Fürst hat jetzt keinen Swimmingpool. Dafür Wasser im Keller…

…und Strand vor der Türe.

***

Der einschlägige Soundtrack ist heute von Witt und Heppner und außerdem vom Globalwahlsender Google videos. Weil – wie’s mir einer jüngstens so dolle treffend (und falls ichs nicht längst selber wüsste) auf den Punkt brachte – sich immer wieder erweist, „ein wie mächtiges Instrument zur Unterbindung von Musik dieses youtube ist“.

Bilder: Pückler-Frauen: Via Frank Kirchhoffs Fürst-Pückler-Seite. Park Bad Muskau – Schlossteich. Panorama: Via Manuel Dahmanns Kubische Panoramen. ‚Flutwelle‘ und ‚Grenzpfosten‘: dpa. Alle Flutbilder vom Park und Bad Muskau: via badmuskau.de. Rest: Sag ich nicht. 😉
Video: Die Flut. Witt und Heppner: Google video.

Gespenster am Gendarmenmarkt

Februar 7, 2010 um 10:08 pm | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Kultur, MarktLückenbauten, Märchenhexe, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spinnweben, Traumzaubern, Uncategorized, Wetter-Hexe | 2 Kommentare
Schlagwörter: , , , , , , , ,

Hoffmanns Katers Erzählungen
oder: Ansichten eines Schnurrbarts über Alkoholwerbung mit zwei Backenbärten

„Jeder, der mit einiger Phantasie begabt, soll, wie es
in irgendeinem lebensklugheitsschweren Buch
geschrieben steht, an einer Verrücktheit leiden,
die immer steigt und schwindet, wie Flut und Ebbe.“
(E. T. A. Hoffmann)

Irgendwann letzte Woche. Feierabend. U2 Richtung Pankow.

Ich habe gerade eben am Hausvogteiplatz meinen exklusiven Sitzplatz im unterirdischen Heimwärtsberufsverkehr aufgegeben, fluchtartig. Eigentlich wollte ich erst vier Bahnhöfe später umsteigen. Während die volle Bahn samt dem Mitfahr-Überfall einer Band(e) Möchtegernfolker und ihrem kreisenden Coffee-to-go-Sammelbecher in den Tunnel rauscht, rette ich mich nach oben. Nichts gegen Straßenmusik und der Banjospieler war ja auch noch ganz okay. Doch den Tinnitus von den oberschiefen Tönen des grölenden Saxophons auch nur eine Station länger zu ertragen, sträubte sich mein sonst recht empfängliches Gehör entschieden. Vier Stümper sind halt noch lange nicht 17 Hippies.

Die Treppe in die Oberwelt endet gefühlt irgendwo direkt am Nordpol und das Aufatmen füllt die Lunge mit ungefähr einer Million Eiskristalle. Der Wind beißt sich schmerzhaft im Gesicht fest – es ist sibirisch kalt. Andere Nordpolbewohner, die mir begegnen, hasten einer Wärme zu, die hoffentlich irgendwo auf sie wartet. Und meine Stiefelspitzen krabbeln unschlüssig in den Schnee. – Was jetzt? Und wohin? Wo ich doch hier eigentlich gar nicht sein wollte.

Die Stiefelspitzen wollen nach links. Und überhaupt endlich los, bevor die Zehen in ihnen festfrieren. Na gut, drehen wir halt eine Runde um den Gendarmenmarkt. Der ist auch im Winter schön und gerade gut genug, die frisch ramponierte Ästhetik zu therapieren.

Die Tage im Januar sind noch kurz und es wird schon dunkel. Die deutschfranzösischen Dom-Brüder haben sich weiße Wollmützen auf die Kuppeln gestülpt. Hübsch und romantisch sieht es aus…

…und die vorbei knarrenden Pferdefuhrwerke auch und die Droschken mit den warmen Pelzdecken und den livrierten Kutschern, die im Schein der flackernden Gaslaternen mit dicken Fäustlingen um die Zügel auf ihrem Bock schlottern. Das findet wohl auch der Kerl mit dem Backenbart, der an seinem blankgescheuerten Holztisch im Lutter & Wegner durch die Scheiben starrt und der einsam vorbeischlendernden Spaziergängerin kurz zuzwinkert. Bevor er sich dem kratzfüßelnden Servicepersonal zuwendet, wild entschlossen, in erlesener Runde den von seiner jüngstverflossenen Geburtstagszecherey überkommenen Kater zu ersäufen:

Herr Wirt, fünf Gläser auf den Tisch!
Was gafft Er da so dumm?
Die Kerls, zu deren Wohl ich trink’,
Schlepp ich in mir herum.

Den ersten Kelch leer’ ich auf Ernst,
Das ist der Literat,
Der Kater Murr und Meister Floh
Aufs Blatt geschustert hat.

Das zweite Glas auf Theodor,
Den alten Widerling,
Beamter, der in Preußens Muff
Fast vor die Hunde ging.

He, Amadeus, hältst du mit?
Der dritte Schluck ist dein!
Dem Musikus ein Lebehoch,
Er will gebauchplinst sein.

Der vierte Krug dem Maler gilt,
Den auch ich in mir trag,
Wenngleich er keinen Namen führt.
Doch! – Alle, die ich sag.

Das fünfte Glas auf Hoffmann, ex!
Das ist der bleiche Geist,
In dessen Brust die Bande tobt.
(Und ihn in Stücke reißt.)
[1]

Sagte ich Kater? Wo kommt nur auf einmal dieser gestiefelte Miez her, der im Schnee um mich herum schleicht? Den kenne ich doch! Der wohnt seit Jahr und Tag im dritten Band meiner schmucken endsechziger Aufbau-Ausgabe. Gerade als ich weitergehen will, zieht er höflich und überaus possierlich seinen Hut. Nur, um mich dann aufdringlich anzuquatschen und ungefragt mit schnurrigem Boulevardklatsch zuzutexten. Dass der Meister nämlich sogleich noch seinen Intimus, den Herrn Hofschauspieler Devrient erwarte – zum gemeinsamen Modellbechern für das Logo einer dereinst berühmt werdenden Getränkemarke. Schließlich habe der erlauchte Hofmime selber für die Nachwelt den Namen des hauseigenen Kultgesöffs erfunden. Zwar im theatralischen Überschwang des Auftritts nach dem Auftritt in der Lieblingskneipe und mehr so aus Versehen als bühnenreifes Falstaff-Bonmot auf eine andere Hochprozentigkeit. (“Bring er mir Sack, Schurke!”) Aber wer früge späterhin schon noch nach dergleichen. “Der Saeck oder Sect ward ein Berliner Szenewort. Und der Schaumweinschlürfer des 21. Jahrhunderts wird nach Anekdoten lechzen und Originalschauplätzen, wenn er auf seiner lehrreich angeheizten Stadtbeschau in den allerspätestens seit ‚Hoffmanns Erzählungen‘ einschlägigen Lutter & Wegnerschen Weinkeller einfällt. Murrrrrr, glaube sie mir das, Mademoiselle.”

Moooment mal! Wofür hält der mich? Etwa für ’ne Touri-Schnepfe aus Posemuckel im Hinterwald? So tiefgefroren und winterschläfrig können meine kleinen grauen Zellen gar nicht sein, um nicht hellwach aufzuflattern und Alarm zu schlagen, dass an der Geschichte was nicht stimmt.

Wahr ist wohl, dass die zwei, den Berlinern ihr ‚Gespenster-Hoffmann‘ und der ebenbürtig abgründige Genius Devrient, sich in selbiger Weinschänke gesucht und gefunden haben. “Beide waren Meister darin, das Unerträgliche in die erträgliche Leichtigkeit des imaginativen Spiels zu verwandeln. Keine Tragik ohne Ironie. Die… schütteten sich ihr Herz aus, aber immer blieb ein Rest Spiel und Schauspielerei dabei…. Da sitzen die beiden Absturzgefährdeten und Genies des Leichtnehmens und des Leichtsinns bei ‚Lutter & Wegner‘ und spielen in der Verwandlungswelt der Imagination, werfen sich die Bälle ihrer Einfälle zu, mischen Ernst und Spiel, imitieren die Leute und sich selbst, machen sich Geständnisse, geben Trost, führen ihre Nachtgespenster vor. In den Nächten mit Devrient hatten Hoffmanns Erzählungen Premiere…” [2]
Und es gibt kaum einen Grund zu zweifeln, dass der große Bühnengaukler den Tod des Freundes nie verwunden hat. Dass er mit der Flasche in der Hand oft genug Selbstgespräche an dessen Grab geführt und seine zehn Überlebensjahre lang die Trauer in Vin Mousseux ertränkt hat. Allerdings starb Hoffmann bekanntermaßen bereits 1822, hat also des Anderen Wortkreation für den Lieblings-Absacker nie vernommen. Denn die überlieferte Episode mit dem Devrientschen Shakespeare-Zitat datiert erst aus dem Jahre 1825 und der erste deutsche Schaumwein gar erst aus dem Jahr danach. So illustriert die vereinte Becherei auf dem Etikett des L-und-W-Schampus mitnichten, warum der Flascheninhalt so heißt, wie er heißt. Wer allerdings wöllte dem Laden das legitime Zurechtdesignen seiner berühmtesten Stammgäste zu Urhebern und Werbezwecken verdenken.

Nun, und was die Flunkerei um den Originalschauplatz angeht…
Den Weinkeller hätte man Euch ja noch verziehen, Katerchen. Den gabs zwar auch erst seit 1835, aber immerhin bereits zu Lebzeiten des alten Offenbach, Veroperer von ‚Hoffmanns Erzählungen‘. Außerdem hockte und komponierte der in Paris rum. Doch dass der Hoffmann ursprünglich zwei Ecken weiter in seine Stammlokalität einkehrte, selbige nach einem Bombenvolltreffer des letzten heimgekehrten Krieges nicht mehr zu retten war und danach mitsamt ihrem einstigen Glanz auf Jahrzehnte verschwand, solltet Ihr den anreisenden Gespenstersuchern dann doch nicht umzudichten suchen. Wozu auch? Sein Geist ist sowieso herinnen, denn an ihrem heutigen Platz hat er gewohnt.

Eiei, Eure Schnurrhaarigkeit, da müsst ihr schon früher aufstehn und euch putzen, bevor ihr einer halbwegs hoffmannbibelfesten Schonlangberlinerin E.T.A.s neues Leben verkaufen könnt.

“Mit Verlaub, mein Bester”, hebe ich, an diesem Punkt meiner frierenden Grübeleien angekommen, streitsüchtig an… doch er ist verschwunden und mit ihm auch der backenbärtige Zecher hinter der Scheibe. Und die Droschken und die Kutscher. Ein Passant schaut mich ob meines Gebrabbels grinsend von oben bis unten an. Verdammt, das muss die Kälte sein. Hastig und mit hochrotem Gesicht suche ich in Richtung U-Bahnhof das Weite.

Und bin froh, dass ich ihn nicht noch gefragt habe, wer so früh am Abend im Schauspielhaus die Barcarolle spielt. Die ich deutlich bis hierher höre. Oder…?

***

Ätsch! Das hier ist sie nicht. Nö, ich brauche jetzt was zum Gespenster verjagen 😉 :

Quellen: Text: [1] Reinhard Griebner: E. T. A. Hoffmann hält Einkehr bei Lutter & Wegner. [2] Rüdiger Safranski: Über E.T.A. Hoffmann und Jacques Offenbach. In: E.T.A. Hoffmann. Jahrbuch, Bd. 8, S. 70. Erich Schmidt Verlag (ESV), 2000. Bilder: Der Gendarmenmarkt (Berlin). 1857. Von Eduard Gärtner, 1801-1877. Der Dichter E.T.A. Hoffmann (links) und der Schauspieler Ludwig Devrient 1815 im Weinkeller von Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt in Berlin. Gemälde von K. Themann, gemeinfrei. Berlin, Weinstuben Lutter & Wegner 1947 – Bundesarchiv Bild 183-N0415-354, via Wikipedia. Lutter & Wegner bei Nacht, heute – Fotos-Berlin24.de. Video: 17 Hippies: Frau von ungefähr. Berlin 2008, live – via youtube.

Kein Neujahr für Warmduscher

Januar 9, 2010 um 3:53 pm | Veröffentlicht in 2010, Alles platti, Berlin, Fest-Platte, Hexenblabla, Hexengeschichten, Hexenseele, Kalenderblätter, Neujahr, Real-Poetisches, Träller-Hexe, verwoben geschroben, Wetter-Hexe, Zuhaus-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
Schlagwörter: , ,

Oder: PSYCHOdelische Wünsche von Haus zu Haus

m neuen Jahr Glück und Heil.
Auf Weh und Wunden gute Salbe.
Auf groben Klotz ein grober Keil.
Auf einen Schelmen anderthalbe.
(Johann Wolfgang v. Goethe)

Die Morgenstunde des ersten Tages im neuen Jahr blinzelt durch die Eiskristalle auf ihren Wimpern, mit leicht verschneitem Blick. Am Cecilienplatz schlummern die Bänke vor sich hin, locken verträumt mit flauschigweißen Daunenkissen. Doch nur ein paar aufgeplusterte Spatzen, die sich lärmend um eine barmherzig hingestreute Handvoll Sonnenblumenkerne balgen, wagen ein Probesitzen auf der – zweifellos arschkalten – Polsterung. Und hüpfen ihre winzigen Spuren in sie hinein. Schneekalligraphie.

Sonst ist es still und leer auf dem Platz an diesem späten Neujahrsmorgen: die letzten Böller sind ins All unterwegs, die letzten Silvesterpartylöwen gerade erst ins Bett gekrochen. In der kleinen Kneipe um die Ecke lauscht die Wirtin dem Summen des Wasserkessels auf dem Herd, serviert sich selbst den ersten steifen Grog und linst durch die Scheiben nach Gästen fürs Katerfrühstück. Und die Jauchzer vom Rodelberg hinter den Gärten murmeln sich, in Schneewatte gepackt, gedämpft durch frostige Atemwolken…

Da zerreißt ein langer, markerschütternder Schrei die himmlische Feiertagsruhe des jungfräulichen Jahres.

SchneekillerEr hallt durchs Hofkarree und wabert an den Betonmauern wieder nach oben in die letzte Etage, aus der er gekommen ist. Dem einsamen Spaziergänger treibt er mehr als alle Minusgrade eine Gänsehaut samt lähmendem Entsetzen in den Nacken. Hitchcock-Fantasien explodieren in ihm und ein Norman BatesPerkins der Plattensiedlung mit blitzender Messerklinge an der Faust schleicht sich in seine Gedanken. Im Affekt langt er nach dem Handy in seiner Gesäßtasche. Zieht den Kopf zwischen die Schultern und wendet sich gehetzt um – nach den Schritten, die in seinem Rücken durch den Schnee knirschen.

Im Bad einer Mietwohnung, elfter Stock links, das traurige Ende einer Tragödie: der Abfluss gurgelt höhnisch, ein letzter Seufzer. Und unter der eiskalten Dusche stirbt barfuß bis zum Hals… meine stille Hoffnung. – Dass das seit dem Silvestermorgen plötzlich ausgebliebene warme Wasser (verdammte, verweichlichte Zivilisationskrüppel, wir!) selbstverständlich wieder aus dem Hahn plätschert. Dass es wie früher, als alles noch viel besser war, noch ehrbare Weihnachtsklempner gibt. Dass im neuen Jahr alles gut wird. Dass wir in diesem endlich mal Zeit für die g r o ß e n Fragen des Lebens……

Wie bitte? Was? Nönööö, es geht mir gut, dochdoch. Solidarische Grüße von hier aus an alle andern Festtagsgeschädigten und glücklichen Überlebenden. Und an den hilfesuchenden Unbekannten, der mit dem Suchbegriff des Tages zum Hexenblog gefunden hat: ‚Wie wirft man einen Christbaum aus dem Fenster?‘ – Vooorsichtich! sag ich. Oder warten, bis der Nachbar unten vorbei geht. Tsss… wohl keinen Fernseher! Etwa noch nie die KnutWerbung des berühmt-berüchtigten Holzmöblers gesehen? [Anmerkung: Ich hab übrigens noch nie, nie, nie einen Tannenbaum aus dem 11. Stock geworfen,einen Christbaum sowieso nicht. Mir fehlt immer die Traute, ob ich den Nachbarn von da oben auch richtig treffe.]

Ach ja, eigentlich wollte ich euch nur was wünschen, liebe Hexen-Leser und -freunde. Gut im Jahr 2010 angekommen zu sein nämlich. Und auch sonst alles, Schönes. Besser spät als nie! Wohin es uns diesmal bringt, wissen wir spätestens in 356 Tagen. Hexens Herzenwunsch für euch: Geht es an, wie der alte Herr Geheimrat oben und seht’s nicht zu verbissen! Mit dem halt ich es auch – und versuche dasselbe. (Weitere gute Vorsätze bitte erst im Rest des Jahres dazuerfinden, akut und zeitnah. Sonst wird’s eh wieder nix damit.)

In diesem Sinne…
Kommt, lasst uns leben! …und so.

Huch, wo kommen nur immer die ollen 80er Ohrwürmer her? – Na, woher schon – aus Westernhagen! 😉 (Auch in der Studioversion, nochmal mit Lürüx und ordentlichem Sound.) Oder doch von einem überstrapazierten Heimatsender, der sich im Autoradio dauernd selber einstellt?

***

Hmmjahh… ich geh dann mal. Neuen Hexentrank brauen.
Wir trinken, sehn und/oder lesen uns. Oder?
Und habt’s schön warm derweilen.

Eure baldige und machmal leicht verpeilte verwehte Schneehex‘

Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren

März 1, 2009 um 4:10 pm | Veröffentlicht in Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 Kommentare
Schlagwörter: , , , , , ,

Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen 😉 )

Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ’ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.

segelschiff-1

buchstabe-n2-zuatürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?

Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.

mermaid-romant-via-never-sea-landDoch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…

Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?

So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.

“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”

Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”

Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.

“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”

“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”

“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”

“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”

“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”

Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:

“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“

humpty_dumpty-pic-art-von-mc-partlin1

“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”

“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ’ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“

„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”

“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“old_humpty_dumpty-zustre

“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“

“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ’ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“

„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“

„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“

„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“

„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“

„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“

„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“

„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“

Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.

Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…

Keiner?

schmitz_mobyMoby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‚Weltverändern‘, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”

Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…

“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”

*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.

Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.

„…with a bullet in her back“

Februar 5, 2009 um 11:47 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Träller-Hexe | 4 Kommentare
Schlagwörter: , , , , , ,

„Shed not for her the bitter tear
Nor give the heart to vain regret
Tis but the casket that lies here
The gem that filled it sparkles yet.“

[Epitaph auf dem Grabstein von Belle Starr,
geschrieben von ihrer Tochter Rosie Lee (‚Pearl‘)]

Manche Geschichten schreibt man nur für einen Satz.

Oder für einen Song. Für eine Melodie und die Stimme darin…

belle-starr-young-portratHeute vor 161 Jahren wurde Belle Starr geboren. Gestorben ist sie, die Bandit Queen des Wilden Westens, fast auf den Tag genau einundvierzig Jahre später, am 3. Februar 1889, mit zwei Ladungen Schrot von ihrem Pferd geschossen. Ihr Mörder wurde nie gefasst.

Ob es die Rebellion der Jugend gegen häusliches Spießertum, der falsche Umgang oder eine Verkettung der Umstände waren, die der Tochter aus etwas heruntergekommenem guten Hause eine Karriere als Räuberbraut bescherten – wer vermag das heute schon noch zu sagen? Die Chronologie ihres Lebens, vor allem die ihrer durchgängig kriminellen Liebhaber und Ehemänner, ist stellenweise ohnehin etwas widersprüchlich und mysteriös.

Verbürgt ist jedenfalls, dass sie in Carthage im Jasper County, Missouri, unter dem Namen Myra Maybelle Shirley als Kind eines Kneipjes und Hotelbesitzers das Licht der Welt erblickte, der nebenan auch noch einen Stall und eine Hufschmiede sein Eigen nannte. Was sie an Lebensnotwendigem für den Alten Westen nicht an der ansässigen Höhere-Töchter-Schule beigebogen bekam, das Reiten und Schießen nämlich, übernahm ihr großer Bruder John Allison, genannt Bud.

Bandit QueenDer an- und ausbrechende Bürgerkrieg sah die Familie auf seiten der Südstaatler, wo der umsichtige große Bruder als Mitglied einer Guerilla-Bande im hoffnugsvollen Alter von nur 22 Jahren als erster eines unnatürlichen Todes starb. Der Rest der Sippe wurde in den Kriegswirren nach Texas verschlagen und Farmbesitzer. Selbige Farm war auch der Ort, an dem das Schicksal seinen Lauf zu nehmen begann. Denn genau dort suchte der Bandit Jim Reed Unterschlupf, in den die achtzehnjährige Belle sich umgehend verknallte und der ihr erster Ehemann und Vater ihrer Tochter Rosie Lee werden sollte. Die sie selbst zärtlich Pearl nannte. Die ‚Perle‘ sollte späterhin Karriere als Prostituierte machen und, vom Namen ihrer Mutter zehrend, eine angesehene Bordellbesitzerin werden.

Derweilen zog sich Belles sauberer Gatte einen Indianerfreund an Land: Tom Starr, seines Zeichens Waffen- und Whiskey-Schmuggler, öh ja… und Wiederholungskiller. Es kam, wie’s kommen musste: der neue Kumpel eiferte diesem in allem nach, auch im Morden, bekam seinen eigenen Steckbrief und setzte sich samt Weib und Kind 1869 nach Kalifornien ab. Im Sammeln von einschlägigen Kumpanen und Dreck am Stecken war er groß, der Jimmy. So blieb es bei hastigen Umzügen. Einer seiner neuen Freunde wurde beiläufig „Cole“ Younger, dessen Tante die stolze Mutter der Dalton-Brüder war. Als sich zu den Freunden ihres Angetrauten auch noch eine FreundIN gesellte, zog Belle zu ihren Eltern zurück.

Belle & SamNach einem Postkutschenüberfall wurde auf Jimmy ein Kopfgeld ausgesetzt, woraufhin ihm ein guter Bekannter seinen wertvoll gewordenen Kopf wegpustete. Belle tröstete sich ein Weilchen mit einem aus der vielköpfigen Younger-Sippe und heiratete schließlich den Indianerfreund Sam Starr. Von nun an trug sie den Namen BELLE STARR, unter dem sie in die Geschichte des Wilden Westens einging. Allerdings sollte die neue Errungenschaft nicht ihr letzter Kerl und Ehemann bleiben, zumal er 1886 bei einem unentschieden ausgehenden Duell in einem Saloon das Zeitliche segnete. Wenigstens verdankte sie ihm noch ihren ersten Knastaufenthalt wegen Pferdediebstahls.

Nach wechselnden Liebschaften mit schweren Jungs gab es kurz nach Sams Tod nochmal ein indianisches Ehegesponst. Die Verbindung blieb in der Familie, denn das 26jährige Jüngelchen mit ebenfalls bereits beachtlicher krimineller Karriere, das bis zum unfreiwilligen Ableben der Vierzigjährigen mit ihr Tisch und Bett teilen durfte, war der Adoptivsohn ihres unlängst Verblichenen.

Belle Starr wurde nahe ihrer eigenen Behausung, dem Outlaw-Schlupfwinkel „Younger’s Bend“ in Oklahoma, in dem sie gar den berüchtigten Jesse James sieben Monate lang beherbergt hatte, begraben.

lucky-luke-belle-starrNicht erst seit heute macht man aus solchen Leben einen spannenden Western oder einen Lucky-Luke-Comic. Beides ist geschehen. Die Western-Schnipsel des 1941er Streifens von Irwing Cummings , sen., bevölkern youtube. Und die Originalnummer 64 (deutsch: 69) der Lucky Luke-Serie haben die Herren Morris und Fauche der Räuberbraut-Legende Belle Starr gewidmet.

Dazu passen tät‘ jetzt natürlich The Ballad of herself, getextet oder geträllert. Doch das Vorhaben war ein anderes. Eins, das bis auf den Namen „Jimmy“ nicht mal die Landschaft mit Belle Starrs Gefilden gemein hat. Dafür ist es ein wunderschönes und sehr eigenes Stückerl Musik. Und Video auch. „Moriarty“– eine Handvoll Prärie für mich. Seufzzz… Und für euch.

„Where the grass is green and the buffaloes roam…. “ – Enjoy!

Manche Geschichten schreibe ich nur für einen Satz. Oder einen Song… eine Melodie…

Bilder: Belle Starr. Porträt – via. Belle Starr hoch zu Ross – via. Belle & Sam – via. Lucky Luke. Belle Star – via amazon.
Song: Moriarty: Jimmy. Aus: Gee Whiz But This Is a Lonesome Town.. Via Dailymotion

Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 1)

Juli 8, 2008 um 1:15 am | Veröffentlicht in 2008, Alles platti, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexengeschichten, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Wetter-Hexe | 6 Kommentare
Schlagwörter: , , ,

Ein Reisebericht

Hex\' beim AnflugDie Hex‘ war auf Reisen. Vorletztes Wochenende. Statt wie gewohnt auf dem Besen zu reiten, leistete sie sich diesmal ausnahmsweise den ausschweifenden Luxus eines Billigfliegers. Schließlich ging es um die würdige Audienz bei einem kleinen benachbarten Bergvolk Und, wer haat’s erfundn? – Na, die Schweizer natürlich.

Oh ja, und los ging es wirklich lausig früh, mitten im besten Tiefschlaf quasi. Aber so ein Wochenend ist ja höllisch kurz, weswegen man es so weit wie möglich zu strecken sucht. Von Frühtau dagegen keine Spur – nur das blanke Morgengrauen und die letzten Schnaufer einer lauwarmen Sommernacht, die wieder einen bruzzelheißen Tag androhen. Die Jacke kann also schon mal ins Aufgabegepäck – da weiß man wenigstens, wofür man inzwischen stolze Siebenfuffzich abdrückt.

Über den Wolken...

Ha, und wer hat eigentlich das Timing verbrochen? Während traumatisierte Einheimische auf der Flucht vor dem Hype um eine aufgepumpte Lederblase ihrer Stadt den Rücken kehren, mache ausgerechnet ich mich auf gen Basel. Allerdings möchte ich dazu ausdrücklich angemerkt wissen, dass mitnichten und auf keinsten Fall dieses über den grünen Rasen kullernde Ding auch nur das Geringste mit Hexis Reiselust zu tun hat, sondern ein längst fälliges Familientreffen nach freudigem Ereignis. So!

...muss die Freiheit wohl...

Über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer flugbereiter Großstädter zur Eincheckzeit schröbe man wieder mal ganze Bände. Wie von dieser penetranten Schickse im Papageien-Look vielleicht, die als Kunst- und Künstlerkennerin erkannt werden will. Und darob balzend und voll Selbstbefriedigungsdarstellungstrieb, vor allem aber mit Durchsagenlautstärke ihren Begleiter, einen sympathischen kleinen Italiener, pseudokompetent zutextet:

Schaurig schön“Also dieses Üvent war doch großartüg pörformt, fündest du nücht?
UnddieAusstrahlungdesAmbiente -einfachtoooollll. JaderBlablablaverstehtseinMötjöh. UnddieKollegenwarnjasoooechauffiert. UnddiesehüstorüschenMauern, haaaach! ——– üchmussmirmalsoeinArchütekturbuchkaufen, üchbringdieStüüleimmerdurcheinander… GotükundRomantükundBarockoko undso….”

Oder über die Spezies der aufgeregt durch die Halle flatternden Urlaubsmuttis. Beim Anblick ihres gigantischen Kosmetikarsenals im Handgepäck, mit dem sie zum Sicherheitscheck antreten, drängt sich hartnäckig die Frage auf, was denen wohl unterm frisch frisörgestylten Pony tickt. – Dass die Riesenschilder vor ihrer Nase für böse Terroristen da hängen? Oder packen die gerne all ihre Spraydöschen und Flakönchen und Tübchen in der Öffentlichkeit aus – und halten damit den ganzen Abfertigungsbetrieb auf? Und überhaupt, wieviel von dem Kram braucht frau unterwegs auf dem Hüpfer nach Palma De Malle?

Bitte Schwimmwesten anlegen!Endlich an Bord der A 319 denkt man noch an ’ne kleine Mütze voll Schlaf, um den unchristlich frühen Aufbruch halbwegs zu kompensieren. Das ist sowieso das Beste, denn, zu meiner Schande sei’s gesagt, die Hex‘ – gewiefte Besenpilotin hin oder her – ist nicht frei von Flugangst. Was liegt also näher, als das mulmige Gefühl in der Magengegend einfach wegzudösen. Das sich spätestens einstellt, als die Maschine mit einem unheilvollen Quietschen, Knarren und Stöhnen im Bauch losrollt. Ach nee, halt, nachm Start kommt ja noch die obligatorische Demonstration des Rettungsprozedere durch die Mädels von der Crew – wovon einem auch nicht grad wohler wird. Unverzichtbar daran ist vor allem die Instruktion zur Handhabung der Schwimmwesten. Weil man nämlich angesichts des aktuell zu überfliegenden Territoriums vorm inneren Auge gestochen scharf die wilden Wogen des mittel- und süddeutschen Ozeans an den Strand schwappen sieht. Aber höchstwahrscheinlich steuert der Pilot im Ernstfall mit traumwandlerischer Routine die Mitte des Rheins oder den Bodensee an. Und so gesehen sind denn auch die blauweißen Lederhösner und die Eidgenossen Seefahrernationen – oder wenigstens Küstenvölker, jawoll.

Der Minutenschlaf hat gut getan und ich klettere unternehmungslustig die Gangway hinunter. Auf gehts, Basel ich komme!

Naja, noch nicht ganz, denn vorher ist nochmal volle Konzentration gefragt, damit man nicht unversehens im falschen Land landet. Der Baaasler Flugchchafen ist nämlich, wenn mans ganz genau nimmt, nur die Hälfte von einem ganzen, ein weltweit wohl einmaliges Phänomen, worauf in gewisser Weise schon sein stolzer Name Basel-Mulhouse-Freiburg hindeutet. Bekanntlich liegt er mitten im Dreiländereck, putzigerweiser nicht mal auf schweizer, sondern auf französischem Boden. Und die Schweizer und die Franzosen betreiben ihn – in bestem europäischen Geist – gemeinsam. (Die deutsche ‚Ecke‘ hingegen ist nur Anhängsel ohne Stimmrecht im trinationalen Beirat und Mitnutzer.) Nun heißt es nur noch den eidgenössischen Ausgang finden.

Airport Basel-Mulhouse-Freyburg
Das klappt hervorragend beim ersten Versuch. Das Empfangskommando hinter der Scheibe trippelt schon ungeduldig hin und her – ich werde abgeholt. Durch die stressfreie Gemächlichkeit an der Zollkontrolle auf die landestypische Mentalität vorbereitet sowie nach der bedingungslosen Kapitulation vor einem irreführend SchweizerDEUTSCH (okay, oder -dütsch) genannten Idiom folgt erstmal stürmisches Umarmen mit meinen schwiizer Ausländern.

Später dann im Auto, unterwegs in den Basler Speckgürtel und zum Domizil für die nächsten drei Tage, sehe ich beim ersten so herbeigefieberten Blick auf die Stadt – nichts.

Basel unter!Ehrlich – denn der Eindruck ist ein ziemlich unterirdischer, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir düsen nämlich auf der Stadtautobahn zwecks Verkehrsentlastung durch ein wirr verschlungenes Tunnelsystem und als ich die Sonne endlich wiedersehe, sind wir schon wieder draußen aus der Stadt – links und rechts nur noch grüne Berge, drauf hier und da eine malerische Burgruine. Dafür treffen wir jetzt einen niedlichen kleinen Kreisverkehr nach dem andern, auf den meisten der Rondells wachsen ebenso niedlich kleine Birkenschulen. Und dann sind wir in Reinach, der zweitgrößten Gemeinde des Kantons Basel-Land (respektive Basel-Landschaft, wie es auf Einheimisch offiziell heißt). Gelegen laut einschlägiger Information “am Südfuss des Brruderchchcholz (Bruderholz) im Birstal”.

Hach, gibt es eigentlich eine noch hübscher und noch schweizerischer klingende Ortsbeschreibung!?

Dafür gibts auf Grund offensichtlich unheilbarer epischer Breite der Verfasserin die Basel-Bummel-Bilder erst in Teil 2.

Nicht nur der Ball ist rund von unbekanntP.S. Beim Titelsong – sorry, er war beim Schreiben so eine Art böser Ohrwurm und ich kann nix dafür! – denkt der Liebhaber des gepflegten Klamauks ja an die allseits beliebten Otto-Waalkes–Interpretationen. Allerdings fehlt bei d e m in schamloser Ignoranz das Schweizer Beispiel. Reichen wir also das einzige verfügbare nach. – Achtung! Schräge Blasmusik – mit einzwei… hm, oder drei Verbläsern… 😉

Still alive – und wie!

Februar 3, 2008 um 3:10 pm | Veröffentlicht in Hexengeschichten, Hexentanz, Märchenhexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt..., Spinnweben | 4 Kommentare
Schlagwörter: , ,

Oder: (K)ein Märchen vom Großwerden

BarfußhexreläxAm Abend mancher Tage schleicht sich so eine kleine Wehmut in die Gedanken. Und gemeinerweise hilft nicht mal, dass es Freudentage sind. Wie der Geburtstag des Hexensohnes vor drei Tagen. Da beugt sich der Lulatsch beim Beglückwünscht-Werden zu Mama herunter, nimmt sie liebevoll und ein bisschen gönnerhaft, wie’s die Gören halt heutzutage tun, in die Arme, und plötzlich weißt du: das geliebte und behütete Kind, zu Hexens Stolz mit all seinen Macken und Fehlern doch recht wohlgeraten, ist ein Mann geworden. Der sich in den Kopf gesetzt hat, zunehmend und mit Sicherheit auf sich selbst aufpassen zu können. Und auch wenn dus noch nicht so recht glauben magst, musst du wohl langsam zugeben, dass er Recht hat. 😉 Dabei hast du ihm doch grad erst noch die Rotznase geputzt, die Tränen seines kindlichen Weltschmerzes getrocknet und das aufgeschlagene Knie zugepflastert. Oder?

Am Abend solcher Tage ertappst du dich beim Kramen in Erinnerungen an die Glücksmomente und Katastrophen des Kinder-Großziehns und staunst, wo die Zeit geblieben ist. Fragst dich: werd ich jetzt alt? Quittierst in deinem erwachenden Altersstarrsinn die aufgefischte Suchanfrage eines forschen(den) Surfers nach „Hexen, die noch leben„, neben spontanem Grinsen mit einem energischen Kopfnicken: Na klar, na hier! Und wie! Und rettest zu guter Letzt auch noch eine irgendwann geschriebene Geschichte vom Selber-Kindsein aus den verwobenen Maschen des Internet in deinen aktuellen Blog, bevor die ganz und gar im www versinkt.
[Bei denen, die sie schon kennen, hoffe ich mal auf Vergebung für eventuelle Langeweile von wegen der Zweitverwendung. Denn erzählen werde ich sie nun trotzdem – tja, der verflixte Altersstarrsinn meine spätkindliche Trotzphase meine Märchentantenmentalität – ach, ihr wisst schon… 😉 ]

Es war einmal…
…und die Hexe war eine Fee

Glückliche Kindheit…Meine Kindheit verbrachte ich im Hause meiner Großeltern. Die Eltern hatten einen harten Arbeitstag und Großmutter erzog uns, mich und meine Schwester, in bester Absicht mit Strenge. Ja, auch Schläge gab es, Maßregelungen und viel Arbeit in Haus und Garten. Schließlich sollte wenigstens aus den Kindern der jüngsten Tochter etwas Ordentliches werden, wenn schon die älteste Enkelin kein Aushängeschild für die Familie geworden war.

Doch unser Kleinmädchensein trug einen Namen, warm und zärtlich wie eine Umarmung…

SIE war schon immer da, solange ich denken kann. Und schon immer alt. In der Mansarde unter dem Dach lebte sie – allein. Groß und hager, stark wie ein Kerl und sanft zu uns Kindern. Ihre Familie, den Mann, Sohn und Tochter hatte sie an den letzten Krieg verloren. Ein Bruder lebte weit weg, hinter einer Grenze, die eine Mauer war und die Entfernung nebensächlich werden ließ. Doch hatte ihr Schicksal sie nicht bitter gemacht. Sie war mit ihm und sich selbst im reinen, trug eine stille und natürlichen Würde in sich. Alle nannten sie nur die Marie.

Die MarieWir waren gern bei ihr oben, in ihrer heimeligen und geheimnisvollen Kammer, wo ein großer Regulator die Viertelstunden schlug, winters Bratäpfel hinter der eisernen Klappe im Kachelofen sangen und sommers Kräuterbündel unter dem Dachbalken trockneten.

Großmutter mochte es nicht, wenn wir sie besuchten. Als sie sah, dass Verbote nicht halfen, nannte sie sie manchmal eine Hexe, die mit ihren Kräutern und mit Sprüchen aus einem Buch Flüche und anderes Unheil über die Nachbarn bringe. Heute glaube ich, dass ihr vor allem die ungebändigte Freiheit, die wir bei Marie genossen, ein Dorn im Auge war. Es gab keine Tabus, kein „Das darfst du nicht!“ für uns – und dafür liebten und verehrten wir sie.

Wir räumten ihr das Geschirr aus dem Schrank, deckten damit festliche Tafeln und kochten für unsichtbare Gäste imaginäre Gerichte. Marie musste sie dann ‚essen‘ und sagen, wie gut es ihr schmeckte. Wir stritten uns darum, wer zuerst den kleinen Schubkasten aus dem großen, samtbezogenen Tisch ziehen durfte, in dem die Bilder ihres Lebens lagen. Alte, vergilbte Fotos ihrer Jugend, ihrer Lieben und ihrer wenigen kurzen Reisen, zu denen wir unzählige und immer wieder dieselben Fragen fragten, die sie mit unendlicher Geduld jedes Mal aufs neue beantwortete.

Doré: Rotkäppchen & WolfSie erzählte uns selbst erdachte Geschichten, denen wir andächtig und gebannt lauschten, in die wir uns als unerschrockene Helden hineinträumten. Und bevor wir Grimms Märchen selbst lasen, kannten wir dort oben unter dem Dach das Schicksal von Brüderchen und Schwesterchen, wussten um Rotkäppchens verhängnisvolle Begegnung mit dem Wolf und atmeten erleichtert auf, als Schneewittchen wieder erwachte. Wir lösten Marie das schüttere, graue Haar, das mit Nadeln zu einem Knoten gesteckt war, kämmten sie stundenlang, und aus den dünnen Flechten wurde der wunderschöne Rapunzelzopf oder Dornröschens blonde Lockenpracht, bevor wir sie mit Topfdeckelschild und Schürhakenschwert aus dem Turm retteten.

Marie lehrte uns den Wald lieben und nahm uns die Furcht vor dem finsteren Märchentatort. Wir sammelten mit ihr die harzig-roten Kiefernknorren, die die Forstarbeiter liegen gelassen hatten, und sie spaltete sie auf dem Hackklotz zu Hause in winzige Kienspäne zum Feueranfachen. Sie zeigte uns Pilze und Wiesenpflanzen, von deren heilender Wirkung sie wusste – und wozu sie sonst noch gut waren. Sie legte vorsichtig ihre Hand in einen Ameisenhaufen und erklärte uns in die ängstlichen Gesichter, dass die Bisse der Tierchen gegen Gicht helfen.

BachfüßelnWenn beim Heidelbeerensammeln der Eimer nicht voll werden wollte und wir die Lust verloren, sang sie mit uns. Viele dieser Lieder kenne ich noch heute. Im Winter stapften wir mit ihr über verschneite Lichtungen, im Sommer durch den tiefen Heidesand. Oder wir schlitterten und glitschten barfüßig tastend über die Kiesel am Bach. „Fühlt die Erde atmen“, beschwor sie uns so manches Mal flüsternd.

Als wir älter wurden, kamen wir kaum noch zu Marie. Wir teilten unsere neuen Geheimnisse mit Freundinnen und trafen uns mit Jungs, gingen tanzen und ins Kino. Sie nahm es ruhig hin – die Küken wurden flügge. Aber sie war immer noch da, half uns, heimlich den Saum der Röcke kürzer zu machen, tröstete bei Liebeskummer und handelte bei unseren Eltern die Zeit des Heimkommens von der Disco nach oben.

Als ich zum Studium in eine ferne Stadt ging und nur noch selten nach Haus kam, vergaß ich Marie immer mehr. Doch jedesmal, wenn ich wieder daheim war, klopfte ich an ihrer Tür, um nach ihr zu sehen und ihr das Neueste zu erzählen.

Sie starb im zweiten Jahr nach meinem Auszug von zu Hause. Still und sanft, wie sie gelebt hatte – und allein. Dass ich es erst bei meinem nächsten Besuch nach Wochen erfuhr, habe ich meiner Familie lange nicht verziehen.

An Tagen wie heute denk ich manchmal an Marie.

Sie gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Und sie war einer der wunderbarsten und prägenden Menschen in meinem Leben.

Hexentanz

Bilder: Gustave Doré: Little Red Riding-Hood; Bormann Verlag: Cover zu Ben Furman: Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben (Ausschnitt); der Rest hofft auf freundliche creative commons-Lizenz – eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.

Und ewig bloggt das Weib

Januar 19, 2008 um 9:10 pm | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, BlogMist, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 5 Kommentare
Schlagwörter: , , , , ,

Und täglich bloggt…Oder es bloggt und lockt halt auch mal ewig nicht. Wie die Hex‘. Das ist nun mal der Fluch eines kräftefressenden und mobilen Fulltime-Jobs, bei dem lustiges, sich zunehmender Beliebtheit erfreuendes Blogging on the Job von vornherein flachfällt. Der GeldSegen desselbigen lässt auch auf sich warten. – Tsja, selber schuld, werkelt doch meinereine im falschen Sektor wider besseres Insiderwissen. „Det Sozjale is en armet Waisenkind“, wie der Berliner sacht.

Doch da ist nun – jedenfalls für eine Hex‘ wie mich mitsamt ihrem bisweilen zur Verzweiflung treibenden Tagwerk – die Bloggerei wiederum was Schönes; so ein bisschen Balsam für die geplagte Seele, Wellness für verknotete Nervenstränge und gegen Gefühlschaos ob des vielen Elends dieser Welt. Ob ihrs glaubt oder nicht, aber manchmal hülfts dann, ein paar Schnurren zu spinnen, Geschichten zu erzählen und mit andern Spinnern drüber ein wenig zu plaudern…

Bloggen oder locken?Erfunden hat das Bloggen ja, wie inzwischen jedermann weiß, auch ein Weib. Eins, das es damit – anders als die heute partiell und bisweilen umstrittene Bloggerschar – gar zu ungeteilter weltweiter Würdigung (daher: www 😉 ) brachte. Es war eine orientalische Prinzessin, die so bloggend lockend bezaubernde wie kluge Scheherezade nämlich. Jaja, exaktemang die besagte.

Glaubt ihr nicht? Nur weils ein Märchen sein soll? (Genau genommen, waren es ja sogar 1001 – Nächte. Soviel Korrektheit muss schon. Obwohl – gezählt hab ich nun nicht.)

Na gut, dann will ich mal nicht so sein und erzähl euch halt die Geschichte,

wie alles begann:

Märchen Blogs aus 1001 Nacht

1001 Blogs als BuchEs war einmal ein alter, in Luxus, Müßiggang und Überfluss fett gewordener Kalif. Dieser fing irgendwann an, sich in seinem dekadenten Nichtstun unendlich zu langweilen. Und weil er seine mit einem Hauch von Nichts bekleideten Tänzerinnnen und die immer wieder die alten Geschichten murmelnden Vorleser schon längst nicht mehr ausstehen konnte und außerdem keinen Fernseher hatte, beschloss er, viele Frauen zu heiraten – Jungfrauen, versteht sich . Damit allerdings selbige erst gar nicht auf die Idee kamen, ihn auch gleich wieder zu langweilen, ließ er jede einzelne von ihnen nach der ersten Nacht offiziell und prophylaktisch erwürgen. Nur am Rande sei bemerkt: der durfte das damals noch, denn er war der Boss und hatte zudem über das ganze Prozedere einen Deal mit seinem Obersten Herrn.

So meuchelten seine Mitarbeiter also nach Anweisung Morgen für Morgen vor sich hin; trotzdem wurde unserem Kalifen nicht viel besser dabei. Zu seinem und der in seinem Reiche verbliebenen Frauen Glück hatte jedoch sein Pressesprecher und Wesir eine clevere Tochter mit heftigem Überlebenswillen. In ihr vereingten sich auf wundersame Weise Aphroditens Schönheit und ein bisschen Nerd. Und so begann sie, als die Reihe des Gemahlin-Werdens an sie kam – zu bloggen. Davon hatte unser dicker Kalif noch nie etwas gehört, er ward neugierig und ließ sie gewähren.

Freilich hatte die liebliche Scheherezade es noch nicht so komfortabel wie unsereins heutzutage. Zumal der alte Despot, der neben allen anderen nachteiligen Charakterzügen auch noch geizig war, weder einen der damals noch recht kostspieligen wie großräumigen PCs noch ein mit exotischen Gewürzen und Goldstaub aufgewogenes Laptop anschaffen wollte. Sie musste ihm ihren aktuellen Blog samt ausschmückenden Grafiken, Bildern und weiterführenden Links allnächtlich mündlich darbieten (das macht ihr auch heut noch keiner nach). Und konnte froh sein, wenn hinterm brokatenen Baldachin einer heimlich mittippselte. Wäre doch sonst ihre grandiose Pionierleistung für die moderne Kommunikation längst in Vergessenheit geraten – nicht auszudenken, wo wären wir jetzt ohne sie.

Und ewig lockt…

Also googelte tingelte sie barfuß und im Schweiße ihres Angesichts quer durch das Märchenland, sprach auch beim Polizeichef und ihrem Stromanbieter vor, die ihr wohlgesonnen waren. Ersterer stellte ihr seine Dateien der Eigentumsdelikte und der Bandenkriminalität zur Verfügung, der andere weihte sie in eine bislang geheimgehaltene Promotion-Aktion mit spektakulärem Werbegeschenk zur Akquise von Energiekunden ein. Unterhaltsamer Content – mit ansprechendem Titelaufmacher, versteht sich – der zwei folgenden Nächte waren die Geschichte eines Herrn Ali Baba und ca. vierzig Mafiosi sowie ein Bericht über Aladins VorwerkVorführtour mit der Lampe und dem Küchenwunder Bodyguard guten Geist als Zugabe.

Und ewig bloggte das Weib – immer darauf bedacht, den nächsten Tag zu erleben, 1001 Nacht lang. Und da von Blogg-Sucht damals noch nichts bekannt war und sie sich, wie schon erwähnt, auch sonst nicht verstecken musste, lockte sie ihren Kalifen auch manchmal zu anderem Zeitvertreib. Und schenkte ihm auf diese Weise in immerhin fast drei Jahren diversen knuddeligen Nachwuchs.

Einer von denen – oder von seinen Ururur…enkeln – hatte irgendwann das Märchen- und das Morgenland satt. Ihn packte das Fernweh, die Sehnsucht nach einem weiteren Horizont und dem großen Ozean des Lebens. An selbigem angekommen, sammelte ihn zuerst Sindbad, der Seefahrer, später ein verirrter Walfänger auf und brachte ihn in die Neue Welt. Dort verliert sich seine Spur. Aber es gibt Gerüchte, dass wiederum einer seiner Nachfahren irgendwie in die Familie eines gewissen Tim O’Reilly geraten sein soll. Hm, aber vielleicht wars ja auch eine Nachfahrin…

Epilog:

Der Meister EAPWas nach der tausendundersten Nacht passierte? Ja, leider hat die Scheherezade-Geschichte doch kein Happy End. Das darf ich euch dann wohl nicht verschweigen, so leid es mir tut, so als Märchentante und Blogweib jetzt. Und ausgerechnet einer meiner Leib- und Magendichter musste es herausfinden. Der hat auch schon zuviel gegoogelt… öhm, auf schöne alte Weise in Bibliotheken gestöbert (falls noch jemand weiß, was das ist). Obwohl s e i n e Geschichte ganz danach klingt, als hätte er bei seinen Recherchen auch gern schon ein www gehabt. Gefunden hat er bei seinen Studien der orientalischen Literatur das Buch „Sagan Wiewares“, das uns die ganze bittere Wahrheit erhellt. Allerdings mit einem tröstlichen und nicht unbedingt gewohnten Augenzwinkern des Herrn Autors.

Wer sie noch nicht kennt, der lese also jetzt und hier (oder mal in der richtigen Stimmung 😉 ) des heißgeliebten E. A. Poes Tausendundzweite Erzählung der Scheherezade. Wahlweise natürlich auch im englischsprachigen Original.

Das hier ist mein Geburtstagsgeschenk an ihn. Denn heute wäre Edgar Allan Poe 199 Jahre alt geworden.

Bilder: Scheherezade, dem Kalifen Märchen erzählend – von Paul Emil Jacobs. E. A. Poe-Grafik nach Manet und der ganze Rest: Creative commons-Lizenz.

[Edit 15. Januar 2009: Da literaturnetz.org inzwischen offenbar seine Linkstrukturen zu den 1001-Nacht-Geschichten über den Haufen geworfen hat, so dass der Zugriff über meine Verlinkungen von vor einem Jahr nicht mehr möglich war, hab ich den Zugang jetzt auf die Volltexte im sicher zuverlässigeren Gutenberg-Projekt umgebaut. Leider wurde auch der Link auf die Poe-Scheherezade bei den Literaturnetzwerkern aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt. Darum habe ich auf eine andere Übersetzung des Textes bei symbolon.de verlinkt und hoffe mal, dass die uns eine Weile erhalten bleibt.

Grund für die ganze Bastelei sind die aktuell steigenden einschlägigen Zugriffszahlen – jaja, man merkt, dass E.A. Poes 200. Geburtstag ins Haus steht. Und was tut man schließlich nicht alles für seine Leser. 🙂 ]

Nächste Seite »

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.
Entries und Kommentare feeds.

%d Bloggern gefällt das: