Osterspaziergang 2012. Aus: Fäustlinge I

April 8, 2012 um 12:18 pm | Veröffentlicht in 2012, Alles platti, Fest-Platte, Hexenlieder, Kultur, Mal-Hexe, Real-Poetisches, Spielwiese, Wetter-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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Update zu „Opa und Ostern“ von einstmals

it Eismatsch bedreckt sind Straß‘ und Dächer
Durch des Wetters grollend danebenen Tick;
In Schale werft euch mollig dick;
Der neue Frühling, er zog sich schwächelnd
Einstweilen in sich selbst zurück.
Von dort her sendet er, frierend, nur
Ohnsägliche Schauer körnigen Sch…ßes
In Streifen in die verwirrte Natur;
Aber am Sonntag brau’n wir uns was Heißes,
Überall regen sich Hände und Zehen,
Woll’n den Tag in Wärme und Farbe begehen;
Wenn’s an Blumen fehlt im Revier,
Geht’s halt zum Blumenhändler dafür.
Zieht euch warm an. Und auf die Höhen!
Kein Unfrühling halt‘ uns auf rauszugehen…

Ich hör schon der Osterglocken Gebimmel,
Wir machen uns selber den Frühlingshimmel.
Vergesst nicht das Jauchzen und habt’s ja scheen!-
Am Dienstag heißt’s wieder arbeiten gehn.
😉

Frohe Ostern allerseits und allerwegen!

Mit Ton und in Farbe, sagte ich wohl.
Auch in Ostereierfarbe natürlich – bei mir wieder mal mit der vom Opa ererbten Eiermalerei. Den überdauerten und zeitoptimierten Restmalfertigkeiten jedenfalls. Aber immer noch schön genug zum dran Freuen… oder?

Und als kleine Wiedergutmachung an Herrn J. W. G. für den vom Wege abgekommenen Faust vor dem Tore:

Edit: Ha, wie’s ausschaut, muss man nur die richtigen (Dichter)Geister beschwören. Die Sonne, sie hat sich besonnen. 🙂

Bilder: Selber bemalt.
Video: By Martin Missfeldt via youtube.

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…und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin

Januar 31, 2012 um 11:44 pm | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Hexenlieder, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Weißt_du_ noch, Wetter-Hexe | 2 Kommentare
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Sehnsucht nach Meer oder Die Seeräuber-Jenny hieß Lotte

as Dreckswetter bringt mich um. Ich melanchole vor mich hin, lausche dem Regen, der gegen die Scheiben prasselt,und wette mit mir selbst, welcher der abwärts rollenden Tropfen zuerst am Ende meines Spiegelbilds im Fensterglas ankommt. Draußen fährt der Sturm in die Baumkronen. Er zerrt und zaust in ihren wirrren Frisuren und reißt ihnen Zweige aus. Die Wipfel schaukeln gefährlich aus ihrer Achse…

Beim ferientagelangen Ausharren im schaukelnden Ausguck auf Großmutters Apfelbaum wurde ich seetüchtig gegen Stürme und alle Arten von Seekrankheit. Die aus den Nachbarskindern rekrutierte Mannschaft unseres Piratenseglers klaute die Entertaue von Mutters Wäscheboden und schwang an ihnen von den Uferbäumen auf das Kaperschiff im Feuerlöschteich hinüber. Es war weniger ein Schiff, eher ein Floß, das seine langweilige Jugendzeit als Hoftorflügel verbracht hatte, bevor wir es mit Mast und Segel und Totenkopfwimpel auftakelten. Die gegnerische Crew von der anderen Straßenseite wurde mit unseren Holzschwertern in die Knie gefuchtelt und ich war die Seeräuberjenny, die brüderlich-schwesterlich das eroberte Gold der Augustäpfel aus fremden Gärten zwischen den Mitpiraten aufteilte, beschützt gegen Meuterer vom starken Seeräuberhauptmann, dem schwarzlockigen Jungen von nebenan. Ich war eine Piratenbraut wie sie im Buche steht, die ihre widerspenstige Haarmähne mit dem Tuch um die Stirn bändigte und nicht tollkühner aus der Lehre eines Efraim Langstrumpf, Käpt’n der Hoppetosse, oder des karibischen Profis Sparrow-Depp hätte entlassen werden können.

Übrig geblieben von diesem ersten Berufswunsch und der einschlägigen Kleinmädchenkarriere ist später der Traum von einem Ferienhausboot. Nicht so einem alten ausgedienten Kahn, der dick und träge am Schilfrand vertäut vor sich hin dümpelt, sondern einem echten Wasservagabunden unter Segel, heute hier, morgen dort, der die Nase in den Wind hält. Aus dem Traum ist
a u c h nichts geworden, jedenfalls nicht mehr als gelegentliche Kanutouren flussabwärts, in fremdgeborgten Booten, zu Haus und anderswo. —

Heute fahre ich jeden Tag über die Fischerinsel. Ich stehe am Schöneberger Ufer im Stau und quatsche hin und wieder heimlich im Dunkeln mit den barfüßigen Nymphen vom Neptunbrunnen. Manchmal, viel zu selten, haue ich ab. Ich stehle mich davon, düse mit um die 65 Knoten die schlappen paar Seemeilen zum Strand rauf, fädele Fußspuren in den nassen Sand und tunke die Zehen in die Wellen. Und ich kann immer noch das
f ü h l e n, was Einer, der damals seinen und der Seeräuber-Jenny Hafen im Theater am Schiffbauerdamm fand, irgendwann vor Aberjahrzehnten in sein Tagebuch
g e s c h r i e b e n hat: „Komme, was mag, aber am Ende: das Meer!“ …

***

Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden.
Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
Und Sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel…


Die eine bevölkert die Unterwelt von Soho in der Dreigroschenoper. Die andere zuerst ein unbesonntes Arbeiterviertel im sonnigen Wien, fernab vom melancholischen Wiener Charme. Die erste, Jenny, verdankt ihre Existenz zwei Vätern, den Herren Brecht und Weill, die ihr ein Leben in einer trotzig gesungenen Ballade erfinden. Eine Mutter erfinden sie ihr nicht. Die zweite, Lotte, wird auf natürliche Weise von einer Waschfrau geboren. Komplett durchbuchstabiert heißt sie Karoline Wilhelmine Charlotte und ihr Vater ist kein tollkühner Kapitän eines Piratenklippers, sondern der trunksüchtige Wiener Kutscher Blamauer, der sie im Suff regelmäßig vermöbelt. Lottes Kindheit ist freudlos wie das Dasein der Seeräuber-Jenny in ihrer Spelunke.

Und man sagt: Was lächelt die dabei?

Jenny spinnt und singt sich in der Kneipe am Meer ihr Schiff mit acht Segeln in den Hafen, das sie aus dem Schlamassel rausholt. Lotte ’segelt‘ erst nach Zürich, nicht am Meer, lernt aus eigenem Antrieb Balletttanzen und Schauspielerei. Auffrischende Winde wehen sie nach Berlin, fast am Meer, wo sie sich den Kerl angelt, der zwar keinen Totenkopfsegler befehligt, dafür unverwechselbare Musik komponiert und auch die unsterblichen Melodien zur Dreigroschenoper und Lottes Liedern schreiben wird. Der über sie sagen wird:“Sie ist eine miserable Hausfrau, sprich leise wenn du Liebe sagstaber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso. …Meine Frau heißt Lotte Lenya.“ Sie selbst wird nach zwei Jahren wilder Ehe sagen, dass sie nur wegen der Nachbarn geheiratet haben. Die zwei lernen sich beiläufig in einem kleinen Boot kennen. Ob dies für Lottes spätere Piratenkarriere eine Rolle spielt, wird von den Biografen nicht näher ausgeführt.

Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin.
Aber eines Abends wird ein Getös sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Getös?

Theater am SchiffbauerdammJenny und Lotte begegnen sich am denkwürdigen Abend des 31. August 1928, auf der Bühne am Schiffbauerdamm. Die Aufführung der Dreigroschenoper gerät zu einem bejubelten Grandiosum und soll späterhin zum erfolgreichsten deutschen Stück des 20. Jahrhunderts werden. Mackie Messers Moritat, die Ballade vom angenehmen Leben und das Lied der Seeräuber-Jenny erobern Berlin und fliegen im Nu um die Welt. Das Volk erkennt sich wieder und pfeift die Melodien auf den Straßen. „Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral, besser hätte es keiner von ihnen sagen können. das nahmen sie wörtlich.“* Launiges Realpoetikum: die Spelunken-Jenny, die es gar nicht gibt, wird von heut auf morgen berühmt und die lebendige Lotte, die ihr in einziger Manier ihre Stimme leiht – die gibt es gar nicht, jedenfalls nicht im Programmheft der Uraufführung. Sie dort anzuführen wird schlichtweg vergessen. – Achwas, und wie es sie gibt! Sie singt sich an diesem Abend zum Bühnen-Inbild der rachespinnenden Möchtegernpiratenbraut, wird die Protagonistin Weillscher Musik. Und kein geringerer als Brecht höchstpersönlich, auf dessen Urteil die Welt noch heute was gibt, macht ihr für ihre Kunst das schönste Kompliment, das sie sich wünschen kann: „Du hast es so gesungen, wie ich es geschrieben habe.“

Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden.
Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
Und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern

Womöglich ist Lotte ihr Gatte zu wenig piratesk, denn sie brennt später mit einem österreichischen Tenor durch, mit dem sie als Seeräuber-Jenny und im Brecht-Weillschen Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny oder Die sieben Todsünden auf europäischen Bühnen steht und mit dem sie beider Geld an den Spieltischen der französischen Riviera durchbringt. Sie wird geschieden, doch es ist nicht das Ende vom Lied… wenn zwei zusammengehören, die nicht immer miteinander, aber erst recht nicht ohne einander können.

Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird entschwinden mit mir.

Ihr erstes Schiff, auf dem Lotte vielleicht an Deck steht – nicht als Seeräuberbraut, sondern als Passagierin -, ist bestimmt ein moderner Überseedampfer und kein Piratensegler. Vielleicht ist es aber auch ein Langstreckenflieger, der sie zusammen mit Kurt Weill 1935 nach New York bringt. Das Entschwinden ist eine Flucht ins Exil: Weill ist Jude und dazu von den Nazis als Vertreter ‚entarteter‘ Kunst verfemt. Sie heiratet ihn ein zweites Mal. Seine Heimat wird der Broadway und die Amis aoptieren ihn und seine Musik mit fliegenden Fahnen; nach Deutschland hat er keine Sehnsucht und wird nie mehr dahin zurückkehren. Sie tingelt und tourt über die Bühnen quer durch die USA, spielt weiter in seinen Stücken und denen ihres Nachbarn Maxwell Anderson, eines der erfolgreichsten Theaterautoren der 1930er Jahre. Mit dem auch ihr Mann zusammenarbeitet, so an einem Musical zu Mark Twains Huckleberry Finn, das jedoch unvollendet bleibt. Lotte zieht sich später vom Theater zurück, weil sie ihren deutschen Akzent als Handikap erlebt.

Als Weill 1950 gerade fünfzigjährig stirbt, hält lange nur seine Musik und die Erinnerung an ihn Lotte aufrecht. Sie kümmert sich um seinen Nachlass und hält sein Erbe wach.

Und sie kehrt auf die Bühne zurück – als Seeräuber-Jenny. Die teilt, wie sich das für den Broadway gehört, ihr Los dem geneigten Publikum nunmehr in englischer Sprache mit, nach einer Neuübersetzung der Dreigroschenoper, die der berühmte Leonhard Bernstein höchstpersönlich zuvor durchgedrückt hat. Der Riesenerfolg gibt ihm Recht und steht dem vom Schiffbauerdamm in nichts nach.

Und man wird mich sehen treten aus der Tür am Morgen
Und man sagt: Die hat darin gewohnt?

Die Piratenjenny ist in die Jahre gekommen und aus Lottes einstiger Sopranstimme ein eindrucksvoller Alt geworden, rau und bittersüß. Für den und für sie schreibt Wilhelm Brückner-Rüggeberg, Dirigent der Schallplatteneinspielungen von Brecht-Weill-Stücken, die in Deutschland Ende der 50er mit Lotte aufgenommen werden, ihre Songs auf die tiefere Tonlage um. Die Aufnahmen erreichen Klassikerstatus.

Auf ihre alten Tage entert Lotte sogar noch Hollywood. Sie spielt an der Seite von Größen wie Vivien Leigh, bringt es immerhin auf eine Oscar-Nominierung und steigt noch aus dem Piratenmetier in andere Gefilde von knallhartem Abenteuer um: ihre Rosa Klebb, Ex-KGBlerin im James-Bond-Klassiker Liebesgrüße aus Moskau, legt ein Mosaiksteinchen zur Unsterblichkeit. Ebenso wie die Rolle des Fräulein Schneider aus dem Broadway-Renner Cabaret, in der sie Ende der 60er auf der Bühne steht.

Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beflaggen den Mast.

Dass sie nach ihrem Tod 1981 auf einem stillen Friedhof irgendwo im Staat New York begraben wird, ist vollkommen in Ordnung. Sie ist überm großen Teich immer noch bekannter als in Deutschland, New York City hat ihr Berlin ohne Heimweh ersetzt und ein Seemannsgrab war in ihrem Schicksal nicht vorgesehen. Berlin gedenkt ihrer mit dem Lotte-Lenya-Bogen, einer Straße am Theater des Westens.

Nach der Lenya haben andere die Seeräuber-Jenny gesungen, manche davon sich uns in die Seele oder sonstwohin: die Knef oder die Faithfull, die Lemper und last not least das Dresden-Dolls- und überhaupt Enfant terrible Amanda Palmer.

Aber sie war die erste, die anhaltendste, das Original.
Die Seeräuber-Jenny hieß Lotte.

***

Aus dem Regen ist ein kleiner Schneeflockentanz geworden. Mein Spiegelbild im Fensterglas hat zarten Glitter aus Eiskristallen aufgelegt. Draußen fährt ein bissiger Ostwind in die Baumkronen – Liebesgrüße aus Moskau. Er zerrt und zaust in ihren wirrren Frisuren und reißt ihnen Zweige aus. Die erstarrten Wipfelmasten schaukeln gefährlich aus ihrer Achse…

Den mittlerweile ausgewachsenen Seeräuberhauptmann hab ich über zwanzig Jahre später mal wiedergetroffen und mit ihm eine kleine wilde Schatzsuche angefangen. – Wo er sich heute aufhält, ist unbekannt.

***

P.S. Den 110. Geburtstag der Seeräuber-Lotte haben wir hier blogweise um ein gutes Stück mehr als drei Jahre verpasst, die dreißigjährige Wiederkehr ihres Dahinscheidens zum Glück nur um ein paar Wochen – sowas passiert, wenn man seinen Lebensunterhalt mit anderem als mit Schreiben und Bloggen verdienen muss. Andere haben ihrer – und Weills – zeitnah gedacht. Die Fernsehfuzzis von 3sat beispielsweise, mit einer Doku, der sie einen Satz aus Lenyas und Weills Briefwechsel zum Titel gaben: „Sprich leise, wenn du Liebe sagst“. (Sag ich doch, wer seinen Lebensunterhalt n i c h t mit was anderem….)

Und wusste eigentlich jemand, dass die Ballade von der Pirate Jenny Lars von Trier bei seinem Drehbuch für das in Brechtscher Tradition des ‚epischen Theaters‘ gedrehte Metzel- und Vergeltungsdrama „Dogville“ inspiriert hat?
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* Zitat: Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebengeschichte 1921-1931. Büchergilde Gutenberg, 1986, S. 318.
Bilder: Piratenbraut. Sariel, 11.08.2008. Via Fotowelt. Fotos Lenya und Weill – via Kurt-Weill-Zentrum. Theater am Schiffbauerdamm. Postkarte, Trinks & Co., Leipzig – via Pirate Lotte – via. Poster Three Penny Opera/Broadway: Original MGM record jacket – via Threepenny Opera.org. Piratenbraut: Christian Laske (Knippsomat), 02.05.2010 – via fotocommunity.de.
Videos: Seeräuber-Jenny, gesungen von Lotte Lenya im Film „Die Dreigroschenoper“. 1931. Via youtube. Pirate Jenny. Lotte Lenya (BBC tv 1962) – via youtube.

Jotwede mit J. W. G. oder Wanderins Nachtlied

September 8, 2011 um 10:22 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fremd-Worte, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Lieder-Hexe, Real-Poetisches, Spielwiese, Unnützes Wissen, Wander-Hexe | 4 Kommentare
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Ein Update zu Die Lieb, die Lieb – mit Preisrätsel


Ilmenau ist ein Städtchen im Thüringischen. Außer den Einwohnern selber vielleicht noch Inland-Touris und Wanderfreaks, ein paar tausend Studenten der ansässigen Uni und drei, vier Handvoll Goethefans bekannt.

Mich verbinden mit dem Städtchen vor allem zwei Erinnerungen.
Die erste ist eine traurige: die Nachricht vom Selbstmord eines früheren Schulkameraden, hoffnungsvolles Mathematikgenie und Wahl-Ilmenauer, der uns Jugendfreunde damals tief erschüttert und mit tausend Fragen zurückgelassen hat. Die zweite hat noch ein Viertelleben mehr auf dem Buckel und ist nichts weniger als traurig, höchstens mit einem Wölkchen Wehmut betaut: an einen heißen Frühsommertag und eine übermütige, unbeschwert gackernde Horde Teenager, die, den Kopf voller Unsinn und Flausen und schon diverse Kilometer unter den Hacken, die Höhe des Ilmenauer Hausberges Kickelhahn erklomm. Klassenfahrten reichten dazumal noch nicht bis Rom oder London oder Lloret de Mar.

Der Weg aufwärts war einigermaßen steil und zog sich hin, wodurch der Übermut der jungen wilden Flachländer zunehmend abnahm, und die kurz vor dem etwas fußlahmen Sturm des Gipfels passierte Bretterbude versetzte außer mir kaum noch einen in Ehrfurcht. Verschwitzt und von der Hitze geschafft, schleppten sie sich daran vorbei und den meisten war es längst latte, dass sie hier auf Goethens heiligen Pfaden wandelten.

Der nämlich war in seiner Funktion als Bergbauminister von Sachsen-Weimar-Eisenach recht häufig an den Steinkohlengruben um Ilmenau, in seiner Funktion als herzoglicher Freund, Wanderer, Zeichner und Dichter auch des öfteren hier oben auf dem Kickelhahn. Und in eben jener grad etwas respektlos titulierten Bretterbude, die seinerzeit eine Jagdhütte war und heute respektvoll das Goethehäuschen heißt, schrieb er die Verse seines unsterblichen

Wandrers Nachtlied – Ein Gleiches:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Und zwar ein Gleiches zu Wandrers Nachtlied an Charlotte von Stein:

Der du von dem Himmel bist,
Alle Freud und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Er schrieb sie mit Bleistift auf das Holz der Wand neben dem Fenster, in der Nacht vom 6. auf den 7. September – also just gestern auf den Tag genau vor… ja, wieviel Jahren eigentlich?

Na, vor 231 doch – oder? Moooment, also bevor hier einer anfängt zu grinsen über Unwissenheit und Dummfragen, wo schließlich der 6./7. September 1780 als offizielles Entstehungsdatum einschlägig gehandelt wird, frag ich mich doch einfach mal so: wie selbiges Wandrers Nachtlied dann auf die Wand einer Hütte erfunden sein soll, die, so man den Chronisten und der im Goethezeitportal dokumentierten Inschrift-Unterschrift von Goethes höchsteigener Hand glauben darf, auf Betreiben des herzoglichen Carl August erst im Sommer 1783 auf den Berg gestellt wurde. D a n a c h wären es jetzt genau 228 Jahre. Die mir dereinst herzwarm übereignete achtbändige Tempel-Klassiker-Ausgabe ist für solcherart Spitzfindigkeiten leider zu unkommentiert. Und nicht world wide Wandrers-Nachtlied-Experten noch Goethezeitportal scheinen, so meine emsige www-Kramerei, über die munter und unbekümmert nebeneinander publizierten zwei Jahreszahlen zu stolpern. Jedenfalls hab ich bislang kein Sterbenswort dazu gefunden.

Oder sollte ich irgendwas übersehen haben und bin nur zu dämlich, das kleine Rätsel aufzudecken? Wenngleich es ja dem über die stillen Wipfel und schweigenden Vögelein hin singenden Wandrer eigentlich herzlich schnuppe sein kann, wann und ob er auf diesem Gipfel das Licht der Welt und das Dunkel der Nacht erblickt hat; es tut seiner minimalistisch-sinnschweren Schönheit nicht weh. Aber ein bissel neugierig ist man schon, wo doch sonst jeder Japser vom J. W. G. tausendfach zurechtgedeutet wurde. Auf, auf, Goethe-Kenner und -Forscher, erleuchtet mich!

***

Ein wenig eitel war er aber schon, der alte Geheimrat, oder? Denn 1813 hat er die Verse in der Hütte nochmal für die Nachwelt nachgemalt. Was in diesem besonderen Fall allerdings nur begrenzt genützt hat. Denn abgesehen davon, dass Grabräuber… öh, Souvenirjäger nachweislich versucht haben, sie aus der Wand zu sägen, brannte das originale Goethehäuschen auf dem Kickelhahn am 12. August 1870 nieder, als ein Trio Nachtliedwanderer darin ein romantisches Lagerfeuer abfackelte:

„Durch starke Regengüsse wurden die Leute durchnässt; sie beschlossen, als der Abend herbeikam und sie das genügende Quantum von Beeren noch nicht zusammengebracht hatten, ihre Heimath auch zu entfernt war, in dem stets offen gehaltenen Goethehäuschen zu übernachten und ihr Geschäft dann am andern Morgen fortzusetzen. Sie gingen nach dem Goethehäuschen und nahmen Besitz von dem obern Raume, in welchem sich eben das Goethe’sche Manuscript befand. Dort entzündete ein Mann auf einem kleinen Estrichguss, worauf früher ein Ofen gestanden, ein Feuer, um die nassen Kleider zu trocknen und die frierenden Glieder zu wärmen. Als die Leute am andern Morgen früh gegen fünf Uhr das Häuschen verließen, glimmten noch Kohlen auf der Feuerstätte und es stieg noch schwacher Rauch auf. Um diesem Abgang zu verschaffen, öffnete derselbe Mann, der das Feuer angezündet hatte, beim Weggange ein Fenster und ließ die Thür offen stehen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Fahrlässigkeit jenes Mannes die Ursache des Brandes geworden, indem durch den hergestellten Luftzug das noch glimmende Feuer angefacht worden ist, welches dann das dürre Holzwerk entzündet haben mag. […] Vom großherzoglichen Kreisgericht Arnstadt wurde der Schuldige wegen fahrlässiger Brandstiftung zu zwei Monaten Gefängnis verurtheilt.“

Julius Keßler, Ein deutsches Heiligthum und sein Untergang. In: Die Gartenlaube, 1872, No. 40, S. 656-658.Abbildung S. 657, Zitat S. 657f. (Von mir entliehen aus dem vielzitierten Ihrwisstschonportal.)

Das Hüttlein wurde recht umgehend durch einen Verein für die Verschönerung Ilmenaus originalgetreu wieder aufgebaut und beherbergt heute neben einem Faksimile der goetheschen Inschrift unter Glas auch Wandrers Nachtlied in 15 Sprachen.

Unser alter Dichterfürst selber konnte sich offenbar nur schwer von seiner realpoetischen Graffiti und Eingebung trennen. Kurz vor seinem Tod, auf seiner letzten Reise nach Ilmenau, war er 1831 nochmal oben in der Hütte auf dem Kickelhahn, um nachzuschaun, ob sein Verslein noch an der Wand stünde. Seinem Freund und Begleiter jenes letzten Aufstiegs, dem Geologen Johann Christian Mahr, verdanken wir die Unvergänglichkeit dieses rührseligen Moments des greisen Goethe – und, in mittelbarer Täterschaft, unzählige KitschPostkarten mit dem weißhaarigen Alten auf dem Berge:

„Goethe überlas diese wenigen Verse und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: „Ja warte nur balde ruhest du auch!“, schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald, und wendete sich darauf zu mir, mit den Worten: „Nun wollen wir wieder gehen.“
(Zit. n. Wulf Segebrecht: Johann Wolfgang Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und seine Folgen. Zum Gebrauchswert klassischer Lyrik [Reihe Hanser. Literatur- Kommentare; 11] München: Carl Hanser 1978, S. 37f. Über den „Kult des Ortes“ S. 34-45.)

Nachzulesen auch unter ‚Orte und Zeiten in Goethes Leben‘ im womöglich von mir schon erwähnten Goethezeitportal auf der Kickelhahn-Seite von Jutta Asser und Georg Jäger. Auf der die Zwei auch liebevoll eine Sammlung besagter Postkarten zusammentragen, an denen ich mich ‚zu bildenden… [und] kulturellen Zwecken‘ mal frech bedient hab.

Aber nun hocke ich hier mit meinem kleinen großen Rätsel vom Kickelhahn.
„Über allen Gipfeln
ist Ruh…“?

P.S. Für goethegestützte, kluge, witzige und/oder kreativ-originelle Lösungen bin ich bereit, einen kleinen Preis zu stiften. Nix aus meiner nicht grad überüppigen Goetheiana – die brauch ich selber. Aber auch halbwegs un-passend: eine Sammlung Boring Postcards USA, besorgt durch Martin Parr, würd‘ ich mir vom Herzen reißen. Etwas angegilbt und angegrabbelt, dafür als sauber gebundenes Büchelchen. – Wer also sowas mag…

P.P.S. Bei plötzlicher und unerwarteter Kommentarflut in Form von Antwortvorschlägen entscheidet über die Preisvergabe das Stiftungskomitee, bestehend aus – mir. Trostpreise: von der Hex‘ handsignierte Kitschpostkarten zu willkürlichen Themen.

Der Soundtrack kommt heute mal wieder alternativ daher: als Wanderlust…, ach nee, Wonderlust King, zwar nicht von Goethe-, aber von G o g o l Bordello:

Na gut, wer’s doch lieber klassisch mag, der lausche halt hier rein. (Obwohl: kann eigentlich einer der so unbändig wie entwaffnend lärmenden Lebenslust der Bordello-Bande widerstehen?) 😉

Bilder: Goethe Kari-kopf: Christof Stückelberger, ©2011. Aus: Goethe sucht nach des Pudels Kern; via. Kickelhahn-Schild: via ilmenau himmelblau. Goethehäuschen: Daniel Beyer, 14. Mai 2004, via Wikipedia. Faksimile der Wandinschrift – via Goethezeitportal. KitschPostkarten: ebenda. Kickelhahn-Panorama: Michael Sander, 23. August 2006. Via Wikipedia. Goethegestützt: Reiner Schwalme – via.
Video: Gogol Bordello: Wonderlust King vom Album „Super Taranta“, 2007. Via youtube.

Buried alive in the Blues

Oktober 17, 2010 um 5:26 am | Veröffentlicht in Drumherum und anderswo, Hexenlieder, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Sound des Monats, Träller-Hexe | 8 Kommentare
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“Janis starb an einer Überdosis Janis.”
(Eric Burdon v. “The Animals” über den Tod von Janis Joplin)

JanisSeit dieser Tage nun schon wieder vierzig Jahren lernen wir, was aus einsamen Mädchen nach ausgiebiger Lektüre des Time Magazine werden kann. Vorausgesetzt, sie haben hemmungslosen Bluesrock in der Kehle, Dynamit im Herzen, und eine wilde Sehnsucht im Bauch.

Mit Siebzehn lief sie von zu Hause fort. Mit Achtzehn sang sie in verrauchten Folk-Kneipen und tingelte durch Los Angeles. Mit Neunzehn kellnerte sie durch Louisiana. Als sie Dreiundzwanzig war, wurde sie als Frontlady von Big Brother And The Holding Company in San Francisco eingekauft. Ein Jahr darauf war sie berühmt.

Cry Baby

Zwei Alben später pilgerte sie nach Nepal, wie es sich für ein Hippie-Mädchen gehörte. Und wovon sie der Welt sang „… Honey, the road’ll even end in Kathmandu.“ Natürlich mischte und kiffte sie in Woodstock mit – wohin ein Hippie-Mädchen gehörte. Wenn auch ausgerechnet dort mit mäßigem Auftritt.

Sich anpassen und Kompromisse machen war niemals ihr Ding. Das Mikro in der einen, die Southern Comfort-Flasche oft genug in der anderen Hand, pöbelte und fluchte, sang, schrie und flüsterte sie sich mit der Naturgewalt ihrer Stimme und ihres Temperaments über die Bühnen. Das Publikum jubelte und kreischte und lag ihr zu Füßen und sah nicht die Zerrissenheit der Seele dahinter. Nicht die Einsamkeit, aus der sie in die Freiheit ausgebrochen war. Und die sie trotz allem immer wieder einholte. Wirklich nicht? – Schließlich war aus all dem ihre Musik. Und ihre Zeit.

Sie ließ auf das anonyme Grab ihres heiß verehrten Idols und Vorbilds Bessie Smith einen Grabstein setzen, kurz bevor sie selber einen brauchte. Bevor sie 15 Monate nach Brian Jones, nur ein paar Tage nach Jimmy Hendrix und nicht mal ein Jahr vor Jim Morrison so prominentes wie honores Mitglied im Forever 27 Club wurde.

Die Vokalspur von “Buried Alive In The Blues” auf dem Album Pearl ist leer. —Sie warteten im Studio auf sie an diesem Oktobertag 1970. Doch sie kam nicht. Fand nicht mehr heim von der Suche nach Freiheit in einem bunten Traum aus Heroin und psychedelischen Farben wie die ihres Cabrios – nie mehr.

Live fast, love hard, die young – Janis tat es. Als hätte s i e den Spruch erfunden, um ihn wörtlich zu nehmen. Mit dem Traum, in dem sie verloren ging, versank eine Ära, deren Idol sie wurde.

Seit 1995 lassen sie sie in der Rock and Roll Hall of Fame wohnen. Doch in Wirklichkeit brandet sie jeden Tag mit den Wellen an die Küsten des Pazifik, in den ihre Asche gestreut wurde. Wie ihre Stimme und ihre Songs nicht aufhören, in unsereins hereinzubranden.

Na, kleines Konzert gefällig? 🙂

Und als Bonustrack noch einer von meinen liebsten, der Me and Bobby McGee (sogar vom alten Countrydrescher Kristofferson eigenhändig geschnitzt), youtüblicherseits leider wiedermal vermieden. Als ob das noch irgendwen wunderte.

Bilder: Janis Joplin 1 + 4: Via Last.fm. Janis Joplin 2: Via dimas-cobain auf photobucket. Janis Joplin 3: Jim Marshall, 1968. Via morrisonhotelgallery.com.
Videos: von RFalangi, Sincro, korkhammaregon und reggaegirl1982 auf youtube. CC-Lizenz.

Streberlied

Juli 14, 2010 um 4:43 am | Veröffentlicht in Bloghexe, BlogMist, Filosofaseln, Hexenblabla, Hexenlieder, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Spielwiese | 3 Kommentare
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Ein Beitrag zum Programm Strebenslanges Lernen
oder: Wir dichten das Sommerloch


Wasserspielas tut die Hex‘, wenn der Tag kurz ist und die Stunden knapp? Na was schon – spielen! Spielen und dichten. Okay, okay… mehr so reimen.

Drauf kommen tut man auf sowas nicht mal von selber. Die schnuckeligsten Anlässe zum gepflegten Zeitverschwenden (mitsamt der unausgesprochenen Frage: Wie verschwendet man etwas, das man gar nicht hat?) erfindet ja immer der Wolf in seinen motivierenden Preisausschreiben aufm Nachbarblog, der wo Hexens Wa(h)lheimat ist, wie mittlerweile bekannt. Teilnahme Herzenssache.

Das verflossene und unlängst ausgerufen gewesene forderte Einsatz (oder einen Satz? oder einen halben?) zur Vervollständigung des angesägten Spruchs „Es strebt der Mensch ein Leben lang….“

Phhh… ich und _ein_Satz?! Mich stoppt ja nich mal der Dreisatz in meiner ureignen angeborenen Zwölfodernochmehrtonigkeit. Schon gleich gar nicht, wenn die Mußeminuteln wiedermal nicht reichen, sich mit Würze in Kürze zu fassen (was schon Meister Goethe wusste, als er noch nicht mal Geheimrat war. 😉 ) So sprudelte und murmelte denn aus der ollen Streberhexe die uferlose

(Un)Ode an das ewige Streben… und so

Es strebt der Mensch ein Leben lang
im Tun und auch im Meiden
nach Hab und Gut, Wein, Weib, Gesang,
nach Freuden – oder Leiden,

nach Sinn und Unsinn, Lohn und Brot,
nach Gipfelsturm, nach Ruhe.
Und kriegt er keine Flügel nicht,
will er bequeme Schuhe.

Der strebt nach Macht, nach Volk und Raum,
will siegen oder erben,
der nach Willkomm, nach Abschied kaum –
drin haust ein kleines Sterben -,

strebt auf, strebt ab, nach Höh’rem gar,
verbissen und versponnen,
und sieht sich oft doch wieder da,
wo alles hat begonnen,

strebt von der Wiege bis zum Tod –
geklagt sei’s und gepfiffen -,
in seinem Lebenssegelboot
die Klippen zu umschiffen,

auf die es ihn tagein, tagaus Barfuß nach Strandgut
in Sturm und auch bei Flaute,
bei Wellengang und stiller See
hintrieb: wo Finstres graute,

wo Morgenrot ihn mal ergriff,
als neue Ufer harrten;
wo ’s Steuer brach, das ganze Schiff,
als ihn Sirenen narrten

vielleicht auch der Klabautermann –
mit Sang und mit Verlocken,
mal kam er, mal kam er nicht an,
tat Lieb‘ und Seel‘ verzocken.

Sieht Inseln blühen oder Wahn,
weiß nie, was kommt am Ende,
er strebt und rackert, dass sein Kahn
auch mal ’nen Hafen fände.

Der hier will alles, der da grient,
nimmt’s leicht, was kommt, mit Spaß.
Kriegt einer je, was er verdient? –
Der sag‘: wie geht denn das?

Der alte Mann am Fische zieht
im Meer, das ihm verwandt.
Der Dichter träumt, dass einst ein Lied
man singt – von seiner Hand.

Ich streb und taste mit dem Zeh,
dem großen und dem kleinen,
dass ich nicht fall und aufrecht geh
auf Wiesen, Strand und Steinen,

aus Strandgut Hühnergötter klaub
oder ’nen Engel fänge…
was Glück bringt, wenn ich nur dran glaub-
in angemessner Menge.

Es irrt der Mensch, solang er strebt
und andersrum stimmts auch,
wer ohne Fehl‘ ist, werf‘ den Stein –
die Sehnsucht wohnt im Bauch.

Du liebst, strebst, träumst, traumtanzt – und fällst.
Ja mei, auch das kommt vor.
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
der ist ein armer Tor.

So gehts uns allen, gell, mein Freund?
Da hilft auch kein Gezeter.
Der Trick ist: wieder aufzustehn –
lang hinschla’n, das kann jeder.

Was sind wir doch ein seltsam Tier,
das großtut: “Streber samma!” –
Zuviel gestrebt, das wissen wir,
bringt Stress und Katzenjammer.

Mensch, alter Streber, halt mal ein!
Was musst du stets durchs Leben rasen?
Soo schlimm kann es doch wohl nicht sein:
sich einfach auch mal treiben lassen…
die Beine baumeln… Wolken zählen…
die Sommersprossen auf der Nasen…
die Lieblingshandynummer wählen…
auf der Mundharmonika blasen,
zu zweit allein das Eine tun, Zurück ans Ruder!
in Platten stöbern oder Truhn,
zu Haus in sich sein dann und wann,
bevor der Tanz hebt wieder an.

Es strebt der Mensch sein Leben lang,
ob er gesund ist oder krank.
So soll’s wohl sein. Die Zeit verrinnt,
drum, Steuermann: bleib hart am Wind!
Zurück ans Ruder in dein Boot –
weil wenn du aufhörst, bist du tot.

Ha, gewonnen hab ich trotzdem was, was richtig Großes: Glockensang und Lautenklang. Der Sound wird niemals alt und trägt in seiner ganzen Melancholei durch einen Sommer samt – und sonders – dessen langen lauen Nächten. Und noch viel weiter.
Danke Wolf. Ein ganz großes.

Ach ja, hier noch der Soundtrack für heute: mit den Katzenjammerinnen wider jeglichen solchen:


If we live through this night and we’d still be allright, sehn wir uns demnächst. Wieder hier… oder in einer Bar in Amsterdam. 😉

Bilder: Strebermädchen – via Lemmy the Mod, Bootmädchen – via Inmyfathersshadow, The man the sea saw – via Themantheseasaw.
Video: Katzenjammer. A Bar in Amsterdam. The official music video – via youtube.

Die Lieb, die Lieb

August 29, 2009 um 11:50 pm | Veröffentlicht in 2009, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fest-Platte, Hexenlieder, Kalenderblätter, Real-Poetisches | Hinterlasse einen Kommentar
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Kleiner Nachtrab… äh, Nachtrag zum Goethe-Jahr 2009, mit dessen Ausrufung inzwischen kaum ein Goethe-Freund&Erbe noch ernsthaft rechnet

buchstabe_w
ir waren ja mal eine Zeitlang Nachbarn, der Herr Geheime Rat und ich.
Nun ja, wenigstens wären wir es beinahe gewesen. Haben uns, grob geschätzt, nur um ein schlappes knappes Vierteljahrtausend verpasst – um das meine paar Semester philologischer Studien an der Alma Mater Jenensis später anfingen nämlich.

Gleich nebenan hatte er kurz zuvor, um genau zu sein 1784, während seiner Betreibungen der Naturwissenschaften im Anatomieturm zu Jene den Zwischenkieferknochen des Menschen entdeckt. Außerdem in seiner Eigenschaft als Minister des Herzogs Carl August den Straßenbau durch das Mühltal befehligt sowie die höfischen Sammlungen und Bibliotheken vor Ort. Aber pssst, sagt’s keinem weiter – eigentlich kam er ja immer nur wegen der geselligen Abende im Frommannschen und im Griesbachschen Hause oder wegen der anregenden Dispute mit Schiller in dessen lauschigem Garten. In dem ich beiläufig einmal, nachdem der ihn in dieser Welt aufgeben musste, einen Studenten-Subbotnik lang das seither wuchernde Unkraut gerupft und gezupft hab.

Wenn ich es nicht schon vorher war, dann gehöre ich spätestens seit dem Stückchen Lebenszeit in dieser Ecke, wo man auf Schritt und Tritt Goethens Atem spürt, zu seinen ungezählten Verehrerinnen. Ich hab die Dornburger Schlösser hoch über der Saale für mich erobert, in denen er sich vom Ableben seines Landesvaters erholte und deren eines heute seinen Namen trägt. Hab dort oben mit einer Studentenliebe und ohne Publikum in einem heißen Sommer mein eigenes Rosenfest gefeiert, das es wohl zu Goethes Zeiten noch nicht gab, dafür aber bestimmt die eine oder andere Muse, die das Zeug zur Rosenkönigin gehabt hätte.

Ich bin glühender Weimar-Fan: hab meine kargen Stipendien-Taler in den “Elephant” getragen, in dem der Meister einst erkleckliche Zeit zubrachte; ja den, in welchem Thomas Mann in “Lotte in Weimar” Goethens und Werthers Lotte einquartierte – ich tat’s mit ehrfürchtiger Gänsehaut im Nacken, auch wenn der Dichterfürst schon längst nicht mehr dort tafelte. Ich war im Ilmpark, weilte in des Herrn Geheimrats Gartenhaus, in dem und um das es zwar nicht mehr ganz so aussieht, wie der gute Eckermann es 1824 in seinem Bericht beschrieben, das mich aber in seiner romantischen und fast spartanischen Schlichtheit immer wieder bezaubert hat. Ich bin in der da noch nicht vom Feuer verheerten Bibliothek gesessen, bin auf müden Füßen und am Ende ohne Schuhe zum Schloss und Park Belvedere hinaus gewandert und durch die Stadt gestrolcht. Ach, und wohin dort nicht noch überall…
Ich war ewig schon nicht mehr da… muss mal wieder hin.

Aber ich kann viel erzählen, wenn der Tag lang ist, wer glaubt einem heut schon noch was aus zweiter Hand. Dann schon eher Goethen selber:

Woher sind wir geboren?

Woher sind wir geboren?
Aus Lieb.
Wie wären wir verloren?
Ohn Lieb.
Was hilft uns überwinden?
Die Lieb.
Kann man auch Liebe finden?
Durch Lieb.
Was läßt nicht lange weinen?
Die Lieb.
Was soll uns stets vereinen?
Die Lieb.
(Aus den Briefen an Frau von Stein)

Und weil ihr es seid und zur Feier des gestrigen Tages: Tadaaa, mein Fundstück der Woche! Extra für euch – und den alten Schwerenöter, nebst dem Allerherzlichsten ihm nachträglich zum 260sten. Dieses kleine Gedicht voller Seele und Weisheit (wer wenn nicht der wusste, wie das geht) wird umso glaubwürdiger auf eine Melodie – tanzen oder sterben wir bei dem Thema nicht alle eher mehr als weniger in Dur oder Moll? Die glockenhelle Stimme von Bobo alias Christiane Hebold trifft ins Herz – wen wundert’s. Eine Absolventin von ‚Franz Liszt‘ – in Weimar! – wird doch wohl noch ihren Goethe kennen. Und zusammen mit dem Video von Jarek Raczek erst! Führt es uns doch so recht romantelig barfüßig an einen Originalschauplatz – ihr ahnt WOhin? Wohlan, ihr Jünglinge und Mädchen: Gaffet und lauschet! Auf nach… na, ihr wisst schon. — Achtung, Ohrwurmverdacht!:

Song: Die Lieb. Sängerin: Bobo. Komponist: Sebastian Herzfeld. Texter: Johann Wolfgang Goethe. Aus: Lieder von Liebe und Tod, 2007. Auch bei amazon. Via youtube.
Als Ergänzung: Neben dem obigen Dichterfürstlichen und einem weiteren (Wanderers Nachtlied) finden sich auf dem Album auch Versträllereyen von Eichendorff und Zuccalmaglio und überraschendes, wunderbar neuvertontes altvertrautes Volksliedgut.

Ach ja, als Belohnung fürs Reinschaun noch ein Lesetipp: Der Wolf hat sogar pünktlich gratuliert. Und hey, der ist einer, der’s kann.

Bildquellen: Anatomieturm in Jena – via thueringenweb.de. Schillers Garten in Jena – via jenakolleg.de. Postkarte mit Motiv Goethes Gartenhaus, 1929. Via Goethezeitportal.
Gedicht: Johann Wolfgang Goethe: Woher sind wir geboren? – Via Zeno.org. Dort angegebene Quelle: Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 2, Berlin 1960 ff, S. 82, gemeinfrei.

Spätsommergewitter

August 25, 2009 um 11:54 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Bilderhexe, Bloghexe, Hexenblabla, Hexenlieder, Hexentanz, Real-Poetisches, Spielwiese, Wetter-Hexe, Zuhaus-Hexe | 5 Kommentare
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Hmm… das soll Urlaubswetter werden? Na, ich weiß ja nicht.

gewitterhimmel ohne rb häuser
regen an der Fensterscheibe
Regenbogen kla Karreeregenbogen mit hochhäusern vk

Der Sommer atmet aus

buchstabe b 1öen pfeifen um die Eckeregenschirm marg vkl
und ein Windstoß – so ein Schuft! –
zerrt mich dreist dort in die Hecke,
zaust mein Haar, nimmt mir die Luft.

Ein Hut und Nachbars Abendzeitung
spielen Haschmich übern Platz,
Mutter Nachbar voll Verzweiflung
hinterher, doch – für die Katz‘.

Im Blitz-Licht posen Sturmwindsbräute,
ein Donner grollt, was uns gleich blüht,
ein Nass klatscht auf versprengte Häute,
alles rennet, rettet, flieht.

Vor dem Fenster dräut das Wetter –regenflugobjekt5_2
Dieser Sommer atmet aus.
Schirme zu Rhabarberblättern
formt verschmitzt er außer Haus.

Doch noch hat er sich nicht verzogen,
weiß, was sich schickt so hintennach:
malt tröstend einen Brückenbogen
zum Drüber-GSehn uns übers Dach…

Ist’s das wirklich schon gewesen –
Sommerbarfußmädchenglück?
Gut. Von heut an bis zum nächsten
lieb ich mich dahin zurück.

Jaah… der gute alte Regenschirm; wollte wer so einer sein?: in einem richtigen Wolkenbruch, der von allen Seiten regnet (manchmal sogar von unten), der so vieles davonweht und -schwemmt, ist er zu nichts nütze. Und wenn’s dann wieder sommert und die Pfützen fußwarm sind, wird er in der Ecke oder an einem einsamen Haken vergessen. So richtig was wert ist so einer einem vielleicht doch nur bei einem laaangen langweiligen Landregen……?

Der musikalische Sommerschlussverkauf hat heute was Einschlägiges für Ostrock-Fans, von einer, die es konnte, wie ihre Jungs auch – Tamara Danz. Unvergessen und unvergesslich… groß…

Hmjah… das lürüsche Gewitter oben ist Hexenwerk. Hobby-Poesie – nur ein Spaß. Seid also nachsichtig mit mir, Gereimtes hab ich seit Jaaahren nicht mehr öffentlich gemacht.

Quellen: Die Bilder sind noch regenfeucht, von von eben und vom Samstagswolkenbruch über Berlin. Selber gemacht, bis auf die Regenschirme – dort nur das mausgezitterte fliegende Kritzelmädchen. 😉
Video: Silly: Bye Bye my Love. Aus: Bye Bye… – Best of Silly Vol. 1 (1996). Via youtube.

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