Maxie, du Schöne

Januar 4, 2009 um 11:25 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 7 Kommentare
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Das wirkliche Leben, sagt mir eine Stimme, das ist jetzt und jetzt,
nimm es in Empfang, wie es sich darbietet, auch mit Schmerzen,
mit Angst und gleichzeitig mit allen Entzückungen,
die man sich nur denken kann!

Maxie Wander

maxie-wander-portrat-beaGuten Morgen, du Schöne!
Für einen Blick von dir
sind tausend Dinar wenig.
Für deine Brust
werde ich zehn Jahre zu Fuß gehn.
Für deine Lippen
werde ich die Sprache vergessen.
Für deine Schenkel
gebe ich mich zum Sklaven.

Guten Morgen, du Schöne!
Steig auf den Apfelschimmel und reite Galopp
Ich warte auf dich im Wald.
Mit einem Zelt ungeborener Kinder.
Mit Nachtigallen und einer Hyazinthe.
Mit einem Bett aus meinem Leib.
Mit einem Kissen aus meiner Schulter.

Guten Morgen, du Schöne!

Kommst du nicht,
zieh ich das Messer aus dem Brot,
wische die Krumen vom Messer
und treffe dich mitten ins Herz.

Altes Zigeunerlied

86er DDR-AusgabeGuten Morgen, du Schöne heißt das Buch, 1977 im DDR-Verlag Der Morgen erschienen, das ihr am meisten beachtetes werden sollte und dessen erste Seite der Text dieses alten Liedes ziert. Der Erfolg ihres Werkes war ihr in seinen Anfängen noch beschieden; wenige Monate später starb Maxie Wander mit nur 44 Jahren an Krebs.

*

Die enthaltenen 19 Protokolle nach Tonband, die keine sind, denn sie hat sie mit der sensiblen Hand der Künstlerin und ohne ihre Authentizität zu zerstören, zu beeindruckenden literarischen Porträts verdichtet, erzählen die Geschichten von 19 Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft im DDR-Alltag. Die jüngste(n) sechzehn, die älteste 92 Jahre alt, öffnen sie sich der feinfühligen Interviewerin Maxie Wander mit einer anrührenden und bedingungslosen Ehrlichkeit, stellen ungeschönt ihr eigenes Leben in Frage, lassen die andere vertrauensvoll teilhaben an der Suche nach sich selbst und ihren Ansprüchen an dieses Leben.

Die Schriftstellerin Christa Wolf, Maxies Freundin, hat ein Vorwort zu “Guten Morgen, du Schöne” geschrieben, hat es ‚Berührung‘ genannt und damit genau das gesagt, was das Buch atmet. Wie gut sie sie kannte und was die Besonderheit der Autorin ausmacht, die sie selbst in den Text einbringt, spricht aus den Zeilen:

“Nur scheinbar fehlt diesen neunzehn Protokollen das zwanzigste, die Selbstauskunft der Autorin; aber sie ist ja anwesend, und keineswegs bloß passiv, aufnehmend, vermittelnd. Sie hat sich nicht herausgehalten, nicht nur intime Mitteilungen hervorgelockt (“intim” im […] Sinn von “vertraut, eng befreundet, innig”), indem sie persönlich, direkt, kühn zu fragen verstand: Wenn wir das, was sie im Gespräch von sich selbst preisgab, zu einem Band zusammenfügen könnten, hätten wir jenes vermisste zwanzigste Protokoll. Ihr Talent war es, rückhaltlos freundschaftliche Beziehungen zwischen Menschen herzustellen, ihre Begabung, andere erleben zu lassen, dass sie nicht dazu verurteilt sind, lebenslänglich stumm zu bleiben.”
Christa Wolf: Vorwort zu Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne. Buchverlag Der Morgen. 6. Auflge von 1984, Seite 9 f.

Ich habe das Buch eine Zeitlang sehr oft gelesen, so oft, dass ich manches der Mädels mit seiner Geschichte damals beinah w i r k l i c h zu kennen meinte. Ruth vielleicht, mit ihrem kleinen verwilderten Sohn, die als Bedienung arbeitet, in ihren Männergeschichten keine Erfüllung findet, auf ein Wunder wartet und die Nächte liebt:

“…Immer… immer glaub ich noch, no ja, an die Wahrheit, an irgendwas, was noch kommen muss. Das kann doch nicht alles gewesen sein! Diese Leute im Café, und vormittags schlafen, und diese Wochenenden, allein mit dem Kind. Die Nächte sind mir am liebsten. Es ist keine Ordnung da, in die man sich pressen muss…”
Ebenda, Seite 69

Oder die Bibliothekarin Angela, 21, die sich von all und Jedem gegängelt fühlt, wie sie ihr Leben leben soll:

“…Ich will selber entdecken, was für mich gut ist. Bloß, sobald ich mich anders verhalte, als man von mir erwartet, nennt man mich einen Außenseiter… Ich habe es satt, mich immer rechtfertigen zu müssen, dass man nicht so ist, wie man sein müsste… Ich weiß überhaupt nichts von mir. So gut finde ich mich gar nicht, wie ich vorhin gesagt habe. Ist doch nicht wahr… Ich w i l l gut sein. Ich will andern beweisen, dass ich gar nicht so eine Niete bin”,
Ebenda, Seite 100 f.

die taffe Rosi, die ihren Mann im Griff und im Herzen hat und mit anderen Kerlen schläft, oder die Schulmädchen und ungleichen Schwestern Petra und Susanne, die die Welt und die Liebe entdecken, Urgroßmutter Julia, die dasselbe tut und noch jedes Jahr zu Goethes Geburtstag nach Weimar fährt… und wie sie alle heißen.

Es war schon ein seltsames Gefühl, als ich das Bändchen jetzt wieder mal zur Hand genommen habe – denn so ein gutes Stück eigenes Leben dazwischen verändert dir ganz schön den Blick. Dennoch glaube ich, dass vieles in diesen anderen aufgeschriebenen Leben viel lang- und zählebiger ist, als Hinz und Kunz und sogar wir selber uns weiszumachen suchen. Dass so Manches von den Sehnsüchten und Fragen darin viel zu allgemeinmenschlich, immerwährend und berührend ist, als dass es mit einem Nichtmehrland aufhörte und seine Faszination verlöre.

*

maxie-wander-beim-schreibenWeiß der Himmel, wie es die sonnige Wienerin seinerzeit mitsamt ihrem Schriftstellergatten in dieses randberliner und grenzlandige Kleinmachnow verschlagen hat, dessen eigenwilliger Status es einer unangepassten Seele wie ihrer wohl auch nicht gerade leichter machte, mit dem eigenen Leben, den Brüchen und Selbstzweifeln darin klarzukommen. Gar nicht zu reden von privaten Tragödien, wie dem frühen Unfalltod ihrer Tochter, oder vom Gefühl der Heimatlosigkeit. Doch sie war auf dem Weg, sie wollte schreiben und hatte – spät – ihr Thema gefunden: “…die kleinen, zu kurz gekommenen, zugegeben, ein wenig spleenigen Leute. Warum darf man darüber nicht schreiben? Müssen es immer Kraftmeier mit der Schippe in der Hand sein? … Es gibt diese Leute, und ich hab sie alle gern. Es ist mein Leben!”

Geplant hatte sie schon Tonbandgeschichten von Männern und Kindergeschichten – zu denen ist sie nicht mehr gekommen…

Dass sie für mich irgendwie nicht altert, mag an ihren Tagebüchern und Briefen liegen, die mir lieb und teuer sind und in denen ihr unverwüstliches Wesen so lebendig überdauert.

Gestern wäre Maxies Geburtstag gewesen, der sechsundsiebzigste. Und ich finde es schön, dass eine Straße bei mir um die Ecke ihren Namen trägt.

Unbelegte Zitate: via.
Bilder: Porträt Maxie Wander: Via. Maxie Wander beim Schreiben. Aus: Sabine Zurmühl: Das Leben, dieser Augenblick. Via. Cover: Guten Morgen, du Schöne. Verlag Der Morgen 1986. – Icke.
Song: Gerhard Schöne. Spar deinen Wein nicht auf für morgen. Via youtube. [Edit Januar 2010: Jedenfalls vor einem Jahr noch. Inzwischen dort getilgt und durch ein nerviges Zitat mit Aggressionspotenzial ersetzt: „…in deinem Land nicht mehr verfügbar.“ (Ja, in welchem denn dann?) Von dem Lied findet sich da lediglich noch eine engagierte Coverversion in mäßiger Tonqualität, aber immerhin – es ist zu schön. Danke, Thomas und Andreas. Wer auf einem Original-Schöne besteht, der lausche – auch passend – dem „Poetischen Begräbnis“. Oder – auch passend – dem Liebeslied, wer weiß, wie lange noch.]

Dinner for You, kein Kästner und guten Rutsch!

Dezember 31, 2008 um 10:26 pm | Veröffentlicht in 2008, 2009, Alles platti, Bloghexe, Fest-Platte, Fremd-Worte, Hexenblabla, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 Kommentare
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buchstabe-auch wenn er sowas von Recht hat, kann man ja nicht schon wieder wie letztes Mal die treue Leserschar mit den unpädagogischen Ermunterungen seines Leib- und Magen-Kästner ins neue Jahr schicken. Hmm, was fangen wir also heuer mit Silvester an und wen haben wir da denn noch so im Angebot?

Tucholsky vielleicht? Nee, den sieht man ja genauso ratlos wie sich selber. Und so richtig aufzubauen vermag er einen irgendwie auch nicht, wa?:

Silvester

Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herrn Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel –
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt –
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt’s Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle -? (‚Leichter Mosel‘ nur – )
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
„Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!“
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister –
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein…
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloss Silvester an?

Na dann eben “the same procedure as every year”. Jaaah, “Dinner for One” ist Kult – und Kult ist gut, weil was Konsensfähiges. Außerdem gibts den diesmal sogar in einer raffiniert auf traditionell-avantgardistisch getrimmten Version aus dem Hause LEGO:

Für konservative Liebhaber des Originals in dezentem Schwarz-Weiß und notorische Gewohnheitsgucker natürlich auch selbiges zum alten Preis:

denn egal, was Silvester auch immer mit uns anfängt: kein Jahresende ohne Miss Sophie mit dem gesunden Appetit und ihren verblichenen Verehrern sowie dem dienstbaren besoffenen Butler. Oder? 😉

Ha! Und zu guter Letzt dann doch noch was Erhebendes von einem Positivdenker – leider auch schon verblichen:

Wünsche zum neuen Jahr

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit
Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid
Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass
Ein bisschen mehr Wahrheit – das wäre was

Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh
Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du
Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln – das wäre gut

In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht
Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht
Und viel mehr Blumen, solange es geht
Nicht erst an Gräbern – da blühn sie zu spät

Ziel sei der Friede des Herzens
Besseres weiß ich nicht

Peter Rosegger. Aus: „Mein Lied“

Was quatsch ich hier eigentlich noch rum? Wo ich doch nur sagen wollte:
Kommt gut rüber ins neue Jahr, Leute! Und durch natürlich auch. Wir sehn uns.

Eure Hex‘

Wer ist der Kerl mit dem Hut?

Dezember 23, 2008 um 12:58 pm | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, DieStadtreporterin, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 1 Kommentar
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Begegnung mit einem Berliner Original

„Es lebt aber, wie ich an allem merke,
dort ein so verwegner Menschenschlag beisammen,
daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht,
sondern daß man Haare auf den Zähnen haben
und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“
Johann Wolfgang von Goethe: In einen Brief an Eckermann, 4. Dezember 1823.

Berliner DroschkeBei einem meiner wöchentlichen Stop-and-Go-Kämpfe auf vier Rädern durch die Potsdamer ist sie mir zum ersten Mal aufgefallen, diese seltsame Skulptur auf dem Mittelstreifen, schräg gegenüber der Staatsbibliothek. Ein Kerl mit Vollbart, Zylinder und Radmantel, ohne Beine, die in dem grob behauenen Findling unter ihm zu stecken scheinen, auf dem er Tag für Tag hockt und gelassen auf die Neue Nationalgalerie blickt, während der Berliner Großstadtverkehr links und rechts an ihm vorbeirauscht.

Der berühmteste Droschkenkutscher BerlinsWer ist dieser Typ mit dem Hut und dem Droschkenkutscher-Outfit der Goldenen Zwanziger, hab ich mich gefragt. Und weil einfach dort anhalten und nachschauen mitten in der Rush Hour wohl sämtliche Benzindroschken-Kutscher gegen mich aufgebracht hätte, blieb nur die Alternative, der Bildungslücke nach bester Bloggermanier hinterherzugooglen:

Gustav Hartmann heißt der betagte Knabe. Und er war Droschkenkutscher, hingegen alles andere als gelassen. Zwar geborener Magdeburger, doch ein echtes Berliner Original, dem Volksmund und mir entweder gar nicht oder längst als der Eiserne Gustav bekannt. Was er neben dem – 1938 erstmals bei Rowohlt erschienenen – gleichnamigen Buch von Hans Fallada und der danach ins Bild gesetzten 50er-Jahre-Filmkomödie von Georg Hurdalek mit Heinz Rühmann in der einschlägigen Hauptrolle vor allem einer spektakulären Selbstinszenierung und Protestaktion verdankt.

Der echte Eiserne Gustav, Fuhrunternehmer und Pferdetaxenbesitzer, musste Ende der zwanziger Jahre erleben, wie die sich unaufhaltsam ausbreitenden Bezinkutschen sein Gewerbe bedrohten und die motorisierten Taxifahrer ihm die Kundschaft streitig machten. Mit Herz und Energie und seinem (Wahl)Berliner ‚eisernen‘ Dickschädel beschloss er also als rüstiger Endsechziger vor achtzig Jahren, nicht sang- und klanglos Pleite zu machen, sondern mit einem Spektakulum: einer Droschkenfahrt nach Paris in fünf Monaten mit ihm selber auf dem Kutschbock seines Einspänners und seinem Gaul Grasmus davor. Er befand sich mit dieser Idee in jenem Jahr 1928 der Rekordjagden in bester Gesellschaft mit Charles Lindbergh, dem Ozeanüberflieger, dem schnellsten Wüste-Gobi-Durchquerer Sven Hedin, dem einbeinigen Höchste-Gipfel-Erklimmer und wer weiß wem sonst noch.

gustav-mit-weib-und-gaulDem entsprechend wurde er nach über 2000 Kilometern bei seiner Ankunft in Paris – genau an seinem 69. Geburtstag – auch gefeiert. Und zwar nicht nur für diese Leistung von Mann und Pferd, sondern auch für seinen erhebenden Beitrag zur Völkerverständigung, die er in der Hauptstadt des feindlichen Frankreich als Friedensbote zelebrierte. Und er ließ es sich natürlich samt seinem Gaul nicht nehmen, die Tour gleich retour nach Berlin zu machen, und wurde auch zu Hause pompös empfangen.

Übrigens hieß besagter Klepper “Grasmus” eigentlich Erasmus, doch Gustav hatte das schnörkelige Sütterlin-E auf der Kaufurkunde irrtümlich für ein G gehalten. Somit trug der einmalige Vierbeiner einen einmaligen Namen, für den sein vorgesetzter und nicht auf den Kopf gefallener Zügelhalter eine von echtem Berliner Mutterwitz triefende Erklärung vorzubringen hatte: “Der heißt Grasmus, weil er aus Gras Mus macht!” Zu den durch Falladas Buch genährten Legenden gehört allerdings die Behauptung, dass er die motorisierten neuen ‚Droschken‘ in Bausch und Bogen verteufelte – schon vor seiner Paris-Tour war er selbst im Besitz eines Taxis.

Eiserner Gustav SkulpturNach seiner Rückkehr gründete Gustav Hartmann eine Stiftung für die Hinterbliebenen von Taxifahrern, die bei der Ausübung ihres Berufes ums Leben kamen.

Über sechs Jahrzehnte nach seinem Eingehen in den Droschken- und Taxikutscherhimmel musste sich sein Eisenschädel noch einmal bewähren. Seine nachgeborenen Berufsgenossen sponsorten ihm 2000 in dankbarer Erinnerung ein Denkmal, geschaffen von Gerhard Rommel. Doch seinen Standort mussten sie erkämpfen – denn nach kommunalpolitischer Lesart kamen die ursprünglich gewünschten Stellplätze (Wannsee, Tiergarten, am Brandenburger Tor, im Nikolaiviertel, Unter den Linden) nicht in Frage. Weil: die hatten alle schon ein Denkmal. 😉

Jetzt schaut er die Potsdamer Straße entlang und passt da ganz gut hin, wie ich finde: denn die hat sogar eine extra (Bus- und) Taxi-Spur.

Heut ist der siebzigste Todestag von Gustav Hartmann. Und die Berliner Taxifahrer ziehen, auch wenn sie keine Zylinder mehr tragen, immer noch ihren Hut vor dem Eisernen Gustav.

Bilder: Gustav Hartmann mit Frau und Gaul in Paris. Via mdr.de. Gustav-Hartmann-Denkmal: Wikimedia Commons. Rest – Creative commons Lizenz; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Trailer Der Eiserne Gustav – via youtube.

…Where’d All The Good People Go?

Oktober 4, 2008 um 10:07 pm | Veröffentlicht in 2007, 2008, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Free Burma, Geschichtsbuch, Hexen-Gedanken, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, So Momente halt... | 1 Kommentar
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Heute vor einem Jahr – do you remember?

Free Burma!Wisst ihr noch?

Heute auf den Tag genau vor einem Jahr gab es neben vielen Real-Life-Bekundungen auch in der internationalen Blogosphäre einen großen und herzwarmen Akt der Solidarität für ein kleines gebeuteltes Volk, von dem viele damals vielleicht zum ersten Mal ergoogelten, wo dieses Land überhaupt liegt.

Dem Aufruf “One blogpost for Burma” folgten damals in einer konzertierten Aktion tausende Blogger über Ländergrenzen und Ozeane hinweg.

Erinnert ihr Euch? Die Regierung und das Militär von Myanmar (Burma, Birma) erstickten damals die friedlichen Proteste der Mönche in den Safrankutten und verzweifelter Menschen in diesem Vielvölkerstaat gegen Hunger und Repressionen und für ein freies Burma mit Terror und Blut. Und der Bloggertag der moralischen Unterstützung, dessen stringente Organisation über engagierte Aktivisten und deren Netzwerke mich schwer beeindruckte, stieß allerorten auf offene Augen und Ohren. – Wenn man mal von den paar nörgelnden kritischen Stimmen absieht, die den Organisatoren und dem solidarisch geeinten Bloggervolk Aktionismus, Einäugigkeit hinsichtlich des Elends der Welt und was weiß ich noch vorwarfen…

Es ist still geworden um die Ereignisse und die Situation in Burma. Nicht z u still? Gar totenstill?

Oh, falls es einer nicht weiß, es hat sich nicht viel geändert dort, nachdem der Widerstand und Protest der Septembertage von 2007 durch die Diktatoren gebrochen wurden. Schon gar nicht zum Besseren, nachdem zu allem Überfluss der Zyklon Nargis auch Myanmar heimgesucht und verheerende Zerstörungen hinterlassen hat. (Hand aufs Herz, wer hat bei Deutschland hilft mitgemacht und für die Opfer gespendet?) Das Land ist weitgehend nach außen abgeschirmt, auch der Zugang zum www. Viele der damals Verhafteten sitzen immer noch in den Gefängnissen, viele Mönche und Dissidenten sind verschwunden, getötet, hinter die Grenzen der Nachbarstaaten oder weit weg geflohen oder untergetaucht. Der Hunger, Zwangsarbeit und Repressionen – es gibt sie immer noch. Mit dem unter Einschüchterung und Druck abgehaltenen Referendum über eine Verfassung – von deren Ausarbeitung die Opposition ausgeschlossen war – hat die Militärdiktatur im Mai 2008 ihre Macht festklopfen lassen. Scheinheilige ‚Schönheitskorrekturen‘ der Machthaber sollen die Weltöffentlichkeit täuschen…

Um an diese Informationen zu kommen, muss man heuer schon ein bisschen im Netz kramen. Man stößt auf Burma-Seiten, auf denen man hin- und her gerissen zwischen Besorgnis und Enttäuschung, ja, sogar eigenem schlechten Gewissen, seit Herbst 2007 keine Aktivitäten mehr verzeichnet. Ja, es ist still geworden…(Das letzte deutliche Lebenszeichen der Free-Burma-Initiative vom vorigen Jahr habe ich als Umfrage zur Aktion vom 4. Oktober 2007 in Erinnerung. Und die Free-Burma-Banner sind von den meisten Blogs mit der Zeit wieder verschwunden.)

Totenstill? Nein, ganz so ist es nicht. Es gibt – auch in Deutschland – viele Aktivisten, die sich unermüdlich für die Menschen in Burma einsetzen, zum Beispiel hier oder hier oder hier. Ein Schweizer Journalist hört nicht auf, über die Situation dort zu berichten, ebenso das zweisprachige (Englisch und Burmesisch) Online-Magazin BURMA DIGEST.

Das aus den USA agierende web-Projekt Avaaz.org unter der Leitung des kanadischen Weltbürgers Ricken Patel mobilisiert via www erfolgreich eine internationale Community. (Danke an stefan888 für den erhellenden Blog-Beitrag.)

Und trotzdem beschleicht mich immer wieder das Gefühl, als hätten die Kritiker und Skeptiker der Bloggeraktion “Free Burma” von vor einem Jahr irgendwie Recht behalten – was meint i h r? Bauen die Menschen dort – und überall in der Welt – nicht weiter und immer wieder auf uns? Müssen wir nicht mehr tun?

Ach ja, und verdächtigt jetzt wen ihr wollt des Gutmenschentums. Ich jedenfalls bin ins Grübeln geraten – und sollte ein besserer werden, glaube ich. Und wäre ich es dann einmal, empfände ich diesen Verdacht als eine Ehre…

Free Burma

Glittering Saffron
(by NAY YU, via BURMA DIGEST)

Where are those voices of ‘Metta’?
While the Evils still in power
Where are those Saffron power?
Glittering in the sky
Deep in our mind
Though Evils rule our land
With their bloody hands.
Where are those ‘Sons of Buddha’?
While the guns still pointing our hearts
Where are those ‘Peaceful Walks’?
Glittering beyond the horizon
Still shining for the by-gone
Though Evils rule our land
With thier bloody hands.

Quellen: Bild „Free Burma“ – StuCkCaRBoy; Videos via Youtube (1, 2 und 3: Song von Jack Johnson: „Where’d All The Good People Go“.)

Ein Liebeslied für Dshamilja

Juni 13, 2008 um 5:38 am | Veröffentlicht in 2008, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 8 Kommentare
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…und einem alten Kirgisen zum Abschied

ennt eigentlich noch jemand diese unsäglichen Fortsetzungsromane, die dereinst in jeder regionalen Tageszeitung geradezu obligatorisch waren? Und gibts die eigentlich heute noch, nun ja, außer bei der FAZ vielleicht? Ich hab sie immer gehasst, diese häppchenweisen Verabreichungen von – durchaus auch guter – Literatur mit deren willkürlicher Interruptio nach knallhart festgetackertem Spaltenvolumen. Die meinem angeborenen Lesehunger und meinen Lesegewohnheiten total zuwider liefen. Und hab sie trotzdem immer wieder gelesen, weil man nicht immer gleich und so einfach an die Bücher kam.

Tschingis AitmatowWieso mir das jetzt einfällt?
Eine aktuelle Meldung vor drei Tagen erinnerte mich wieder an die avantgardistische Veröffentlichung des “Weißen Dampfers” von Aitmatow in unserer familienpräferierten Haus- und Hofzeitung, den ich mir seinerzeit auf diese Weise angetan und erst als gebundene Ausgabe innig und tränengetauft ins Herz geschlossen habe.

Tschingis Aitmatow. Geboren 1928 unter Nomaden in den Weiten der kirgisischen Steppe. Sein Vorname erinnert an einen blutrünstigen Mongolenkhan, der lange vor seiner Zeit die halbe Welt erobert, Bibliotheken verbrannt und ganze Völker mitsamt ihrer jahrhundertealten Kultur verheert und vernichtet hat. Doch er selbst war einer, der die Märchen und Mythen seiner Heimat in seine Geschichten wob, die er über und unter uns brachte. Und ein ewiger (real)poetischer Streiter gegen die Zerstörung der Natur und des Menschen.

Ein realpolitischer war er auch zeit seines Lebens – in bereits ehrwürdigem Alter wurde er zum Vertreter der Perestroika, vor allem der Glasnost in ihr. Obwohl er das irgendwie schon immer war. International ist er auch als Initiator des Issyk-Kul-Forums bekannt geworden und bis vor kurzem war er gar noch Botschafter von Kirgistan in Frankreich und den Benelux-Staaten.

DshamiljaAitmatow gehörte noch zur Kriegsgeneration. Und der Krieg, der ihn und seine Zeitgenossen tief geprägt hat, geistert durch viele seiner frühen Erzählungen – so durch die anrührende Geschichte vom Schicksal und Verlust einer Mutter in “Der Weg des Schnitters”, bekannt auch unter dem Titel “Goldspur der Garben” (eine Schande btw, zu welchen Preisen heutzutag große Literatur bei amazon verhökert wird, nicht?). Seine späten Werke haben, obwohl sie wie alle seiner Schöpfungen das uns exotische Kirgistan als Ort der Handlung nie verlassen, zunehmend die großen Fragen des Mensch-Seins, unserer Welt und Umwelt („Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, ”Der Schneeleopard”), ja auch die Suche nach neuen Propheten (“Die Richtstatt”) zum Thema. [Anmerkung: Unser Ulrich Plenzdorf, jaja, der Vater von „Paul und Paula“ und Edgar Wibeau, hat nach letzterem unter dem Titel „Zeit der Wölfe“ und nach „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ („Ein Tag, länger als ein Leben“) zwei Theaterstücke geschrieben, veröffentlicht bei Suhrkamp.]

Doch berühmt geworden ist Tschingis Aitmatow schon mit seiner ersten Erzählung “Dshamilja”, später auch verfilmt, einer in ihrer Poesie und Emotionalität bezaubernden Liebesgeschichte. Sein französischer Schreiberkollege Louis Aragon nannte sie “die schönste Liebesgeschichte der Welt”. Und sie braucht es nicht, dass Hinz und Kunz darauf herumbeten, dass sie an DDR-Schulen Pflichtlektüre war…

Anlässlich seines diesjährigen runden Geburtstags haben seine Landsleute ihm zu Ehren 2008 zum Aitmatow-Jahr ausgerufen – im kommenden Dezember wäre Tschingis Aitmatow 80 Jahre alt geworden. Und noch im Mai war er bei Dreharbeiten zu einem Film im Wolgagebiet. Dort erkrankte er – und nun ist er am Dienstag in einer Nürnberger Klinik gestorben.

Ich liebe den Zauber, die große Poesie und Menschlichkeit und die lebendige Kraft, die aus seinen Geschichten atmen. Sie werden uns bleiben.

Der deutsche Barde Hannes Wader hat ein Lied über Dshamiljas Liebe geschrieben – und gesungen:

Sei es ein Abschiedslied für Tschingis Aitmatow…

Er zog den Jahrhundertweg

Bild- und sonstige Verwendungen: „Dshamilja“ – amazon; Hannes Wader „Am Fluss“ – youtube; der Rest – creative commons Lizenz.

Edit 1. Juli 2008:
Übrigens bin ich mit Herrn Amos vom Kurdistan-Portal (btw ein Dankeschön an dieser Stelle) vollkommen einer Meinung, dass das Video zum Wader-Lied mit seinen bayerischen Landschaften einen schmerzlichen Stilbruch zum musikalisch-thematischen Inhalt darstellt. Stimmt, vielleicht hätte ich das explizit erwähnen sollen. Ich konnte im Net nur leider keine andere Aufnahme auftreiben. Der wohlwollende Aitmatow- und Kirgistan-Freund schließe also die Augen und stelle sich dazu kirgisische Weiten vor…. 🙂

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