Leben mit Puschkin

Juni 21, 2009 um 4:53 pm | Veröffentlicht in 2009, Bücherhexe, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches | 3 Kommentare
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Französisch war ihm ganz zu eigen,
Er sprach und schrieb es tadellos,
War als Masurkatänzer groß
Und konnte sich scharmant verbeugen:
Braucht’s mehr, damit die liebe Welt
Uns für gescheit und reizend hält?

Gelernt hat jeder von uns allen
Sein Pröbchen, minder oder mehr:
Drum ist, durch Bildung aufzufallen,
Bei uns, gottlob, nicht eben schwer.

(Alexander Puschkin. Aus: Eugen Onegin. 1823-1830,. Erstes Buch, 4./5.)

selbstporträt anfIch war noch ein blondzöpfiges Schulmädchen, kurz nach Dreikäsehoch, da fing es an. Da schlich er sich zum ersten Mal in mein Leben, mehr so aus Versehen und fast unbemerkt. Nur einer merkte es doch – mein alter Deutschlehrer. In einem Klassenaufsatz, fünftes Schuljahr – als vage memoriertes Thema galt es irgendwie, dem aufbegehrenden Jüngling in Ilja Repins „Wolgatreidlern“ ein Leben zu erfinden – hatte ich mich mit glühenden Wangen im Geschichtenschreiben verloren. Meinen spannenden Beinahe-Roman nannte der weißhaarige Pädagoge ein Beinahe-Plagiat, der Puschkinschen Dubrowskij-Novelle nämlich. Wo ich den damals noch nicht mal kannte. Was sich daraufhin freilich umgehend änderte. Von da an war er eigentlich immer latent anwesend, also der Puschkin jetzt.

Jahre danach: den Erstsemestern der Alma Mater Jenensis war ein Kulturpraktikum verordnet (sorry, so hieß das meinerzeit und es war sogar ganz lustig). Aus dem erinnere ich vor allem ein paar wilde Tage in einer Jugendherberge mit ’ner munteren Studi-Truppe ‚von Drüben‘ aus den heute alten Bundesländern, zu unserer Überraschung kollektiv heiße Puhdys-Fans. Ach ja, und dann noch die verklärten Augen und das leise bebende Pathos in der Stimme der muttersprachigen Russischdozentinnen, die uns das richtige Timbre beim Deklamieren der „Zygany“ oder von Versen aus dem „Onegin“ beizubiegen suchten. Das wir Frischlinge zuerst noch mit ungläubigem Grinsen, am Ende der Veranstaltung ergeben als Erwerb kultureller Kompetenz quittierten.

Später bin ich einen kalten Winter lang durch sein Zarskoje Selo und sein Sankt Petersburg gestromert, zu einer Zeit, als jenes gerade Puschkin, dieses gerade Leningrad hieß. Hab einen heißen Sommer lang zu erleben gelernt, warum er nicht anders konnte als georgische Berge und Mädchen und das Schwarze Meer besingen. Ich habe in russischen Bücherstübchen und -palästen gekramt und mir meinen Alexander Puschkin in Originalsprache erkrautert. Mir die Rauf- und Runterverfilmungen seiner Erzählungen reingezogen, auch den 1940er Postmeister Heinrich George. Und kann euch heute die Bjessy (Teufel), die Märchenpoeme oder die Liebesverse an diverse Angebetete halbwegs aus dem Gedächtnis hersagen.
Leben und sterben mit Puschkin, immer mal wieder.

Über den Genius des Dichterfürsten der Russen scheint man sich ja auch hierzulande einig zu zu sein. Doch versuche mal, eine deutschsprachige Ausgabe seiner sämtlichen Werke zu erstehen. Funktioniert nur unvollständig und nur antiquarisch und beim Stöbern in amazon kommen dir die Tränen. Die vollständigste, die ich je in Händen hatte, eine in der Sowjetunion auf Deutsch verlegte vierbändige Jubiläumsausgabe von 1949, hab ich mal mit Herzblut hergeschenkt an einen, von dem ich denk, dass sie es bei ihm schön warm hat. Ist heute nirgendwo mehr zu kriegen, das Schätzlein. Höchstens noch die Schwester, übersetzt von Johannes von Guenther, im selben Jahr bei Aufbau erschienen.
grafi duell aus film_koms_prawda
Puschkins so abrupt und zu früh an einem Pistolenschuss geendetes Dichterleben war voller Leidenschaft und nicht ohne Geheimnis. “Ich war mehr oder weniger in alle schönen Frauen verliebt, die ich kannte”, schrieb er einmal in seinen Tagebüchern. Er war ein heißer Patriot, ein scharfzüngiger Kritiker und ein Spötter vor dem Herrn, was ihm neben einer Verbannung in den Süden und anderen Unannnehmlichkeiten die zweifelhafte Ehre einbrachte, dass seine Werke vom Zaren höchstpersönlich zensiert wurden. Seine eigene Grabinschrift schrieb er mit zarten 16 Jahren. Der ungeklärten Herkunft seines Urgroßvaters mütterlicherseits, dem Mohren des Zaren, spürte er selber mit mäßigem Erfolg und spüren die Leut‘ noch heute hinterher. Manche seiner Gedichte klingen für mich wie Vorahnungen seines gewaltsamen Todes. Und ein Schreiberling der so wundersam zum Boulevardblatt mutierten Komsomolskaja Prawda orakelt gar mystisch, minutiös belegt an einem Vergleich von Gänsehaut-Parallelitäten des (literarischen) Lebens Onegins und des (realen) Lebens Puschkins, dass letzterer sich mit dem Onegin-Roman in Versen seine eigene Vorbestimmung herbeigeschrieben und der arme (literarische) Graf Lenski sich aus dem Grab für seinen Dramentod am Dichter gerächt habe. Dabei ist es schon mystisch genug, dass es die Komsomolskaja Prawda noch gibt – meinte man nicht immer, dass die Zahl der Komsomolzy seit Jahren rückläufig wäre? Jedenfalls vorübergehend.

zeichnungen seiner frau auf verschiedenen manuskriptenmanuskript eugen onegin
onegin - p am fensterteufelskopfSchiff am Gedichtmanuskript Wospominanije _Erinnerung
duell spanischer grandenSkizzen zu Werken der französischen RomantikPeter der eherne Reiter ohne Peter ;o) 1829
Weiß eigentlich hierzulande jemand von den Gelegenheitspuschkinisten, dass der Meister auch ein ganz passabler Zeichner war? Mit Hang zum Karikaturisten. Seine Originalmanuskripte sind eine Augenweide, vollgekritzelt mit Porträts und angedeuteten Szenen aus dem Inhalt. Es gibt Titelblattentwürfe von ihm und sogar eine Art grafisches Tagebuch. Eine Unzahl von Abhandlungen und Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit diesen Zeichnungen und Illustrationen. 1977, noch zu Sowjetzeiten wurden sie unter der Regie von Andrei Khrzhanovsky zu einem poetischen Sojusmultfilm (einer Art bewegtem Comic) animiert – einem Kleinödchen, das sich als Dreiteiler auf Youtube findet. Auch für die Texte, Auszüge aus Puschkins Werken (allerdings auf Russisch), ließ man sich nicht lumpen und sie von keinen Geringeren als den russischen Kultmimen Smoktunowskij und Jurskij einsprechen.

Teile 1 und 3 – hier und hier.
Na , das wäre auch ein Geburtstagsgeschenk für ihn so recht nach seinem Sinne gewesen. Vor ein paar Tagen erst – am 6. Juni – ist er jugendliche 210 geworden, fast Anlass genug für ein kleines Puschkin-Jahr, oder?

Zum Schluss noch ein bissel Puschkin selber?
Na gut, dann die Lieblings-Russalka, die auch schon als Exotin in die Mermaid-Szene aufm Moby-Dick-Blog eingegangen ist und den Meister als Thema über Jahre beschäftigt hat. Und weil ihr es seid, sogar auf Deutsch:

[Außerdem kann der Wolf dann gleich mal den Link im Moby-Blog auswechseln, nachdem die Ganoven einfach die Site gekickt haben. 😉 ]

Die Russalka

Im Waldesgrund, am Seegestade,
Erflehte ein Anachoret
Für seine Sünden Gottes Gnade
In Arbeit, Fasten und Gebet.
Schon grub sich eine Grabesstätte
Der greise Mönch mit müder Hand,
Voll Sehnsucht, daß die Seele rette
Sich bald in Edens Friedensland.

Einst sprach vor der vermorschten Hütte
Der Mönch bei Sonnenniedergang
Zum Himmel seine fromme Bitte.
Stumm stand der Wald, der Nebel sank
Und wallte ob den düstern Wogen.
Nun strahlte lichte Mondesglut
Von dem umwölkten Sternenbogen,
Und silbern schauerte die Flut.

Da faßt ein unerklärlich Grausen
Des Mönches Brust, er atmet schwer …
Urplötzlich wogt der See im Brausen,
Und grabstill wieder wird’s ringsher.
Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten,
Weiß wie der Schnee auf Bergesgrat,
Entsteigt ein nacktes Weib den Fluten
Und setzt sich schweigend ans Gestad.

Sie strählt die thaubeperlten Locken
Und blickt ihn heimlich seltsam an.
Den Schlag des Herzens fühlt er stocken
Bei ihrer Reize Zauberbann.
Er sieht sie mit der Hand ihm winken;
Sie senkt das Haupt, harrt regungslos –
Und schimmernd, wie ein Stern im Sinken,
Verschwindet sie im Wellenschoß.

Die Nacht wich schlummerlos von hinnen,
Gebetlos strich der Tag vorbei –
Vor des verstörten Greises Sinnen
Stand traumhaft schön die Wasserfei.
Und wieder ruht der Wald im Dunkel,
Und wieder aus dem Flutenreich
Taucht in des Mondenlichts Gefunkel
Die Maid berauschend schön und bleich.

Sie nickt ihm zu, sie lacht so helle,
Sie schickt ihm Küsse, lockt und minnt,
Sie spritzt nach ihm die Silberwelle,
Sie schmollt und weint, ein loses Kind,
Sie seufzt und blickt zum Sternenbogen,
Sie flüstert: „Mönch, zu mir, zu mir!“
Und jach verschlingen sie die Wogen
Und Schweigen herrscht im Waldrevier.

Am dritten Tag saß liebentglommen
Der Eremit am öden Strand
Und harrt auf der Russalka Kommen;
In Dunkel hüllte sich das Land …
Und als der Sonne Purpurgluten
Die Nacht verscheucht, da ward die Schar
Der Fischerkinder in den Fluten
Nur einen greisen Bart gewahr …
(Übersetzung: Friedrich Fiedler 1895)

Ha, noch ein Grund für die Slawenmermaid: für eher visuelle Typen das Ganze nochmal als schhnuckeliger, so recht und echt russischer Animationsfilm, der zwar nicht lautlos, doch fast vollends ohne Sprache auskommt. Weil ihr es seid! –
Сегодня день мультфильмов. 😉

Bilder: „Initiale“: Puschkin: Selbstporträt. Gemeinfrei. Duell – Szene aus dem Film: Puschkin – das letzte Duell. Russland 2006. Via. Puschkin-Zeichnungen – verschiedene, gemeinfrei. (Nach den Quellen könnt ihr mich fragen, wenn ihr wollt, die Verlinkerei war mir zu aufwändig. 😉 )

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Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren

März 1, 2009 um 4:10 pm | Veröffentlicht in Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 Kommentare
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Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen 😉 )

Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ’ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.

segelschiff-1

buchstabe-n2-zuatürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?

Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.

mermaid-romant-via-never-sea-landDoch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…

Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?

So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.

“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”

Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”

Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.

“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”

“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”

“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”

“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”

“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”

Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:

“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“

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“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”

“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ’ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“

„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”

“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“old_humpty_dumpty-zustre

“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“

“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ’ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“

„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“

„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“

„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“

„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“

„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“

„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“

„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“

Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.

Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…

Keiner?

schmitz_mobyMoby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‚Weltverändern‘, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”

Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…

“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”

*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.

Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.

Und ewig bloggt das Weib

Januar 19, 2008 um 9:10 pm | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, BlogMist, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 5 Kommentare
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Und täglich bloggt…Oder es bloggt und lockt halt auch mal ewig nicht. Wie die Hex‘. Das ist nun mal der Fluch eines kräftefressenden und mobilen Fulltime-Jobs, bei dem lustiges, sich zunehmender Beliebtheit erfreuendes Blogging on the Job von vornherein flachfällt. Der GeldSegen desselbigen lässt auch auf sich warten. – Tsja, selber schuld, werkelt doch meinereine im falschen Sektor wider besseres Insiderwissen. „Det Sozjale is en armet Waisenkind“, wie der Berliner sacht.

Doch da ist nun – jedenfalls für eine Hex‘ wie mich mitsamt ihrem bisweilen zur Verzweiflung treibenden Tagwerk – die Bloggerei wiederum was Schönes; so ein bisschen Balsam für die geplagte Seele, Wellness für verknotete Nervenstränge und gegen Gefühlschaos ob des vielen Elends dieser Welt. Ob ihrs glaubt oder nicht, aber manchmal hülfts dann, ein paar Schnurren zu spinnen, Geschichten zu erzählen und mit andern Spinnern drüber ein wenig zu plaudern…

Bloggen oder locken?Erfunden hat das Bloggen ja, wie inzwischen jedermann weiß, auch ein Weib. Eins, das es damit – anders als die heute partiell und bisweilen umstrittene Bloggerschar – gar zu ungeteilter weltweiter Würdigung (daher: www 😉 ) brachte. Es war eine orientalische Prinzessin, die so bloggend lockend bezaubernde wie kluge Scheherezade nämlich. Jaja, exaktemang die besagte.

Glaubt ihr nicht? Nur weils ein Märchen sein soll? (Genau genommen, waren es ja sogar 1001 – Nächte. Soviel Korrektheit muss schon. Obwohl – gezählt hab ich nun nicht.)

Na gut, dann will ich mal nicht so sein und erzähl euch halt die Geschichte,

wie alles begann:

Märchen Blogs aus 1001 Nacht

1001 Blogs als BuchEs war einmal ein alter, in Luxus, Müßiggang und Überfluss fett gewordener Kalif. Dieser fing irgendwann an, sich in seinem dekadenten Nichtstun unendlich zu langweilen. Und weil er seine mit einem Hauch von Nichts bekleideten Tänzerinnnen und die immer wieder die alten Geschichten murmelnden Vorleser schon längst nicht mehr ausstehen konnte und außerdem keinen Fernseher hatte, beschloss er, viele Frauen zu heiraten – Jungfrauen, versteht sich . Damit allerdings selbige erst gar nicht auf die Idee kamen, ihn auch gleich wieder zu langweilen, ließ er jede einzelne von ihnen nach der ersten Nacht offiziell und prophylaktisch erwürgen. Nur am Rande sei bemerkt: der durfte das damals noch, denn er war der Boss und hatte zudem über das ganze Prozedere einen Deal mit seinem Obersten Herrn.

So meuchelten seine Mitarbeiter also nach Anweisung Morgen für Morgen vor sich hin; trotzdem wurde unserem Kalifen nicht viel besser dabei. Zu seinem und der in seinem Reiche verbliebenen Frauen Glück hatte jedoch sein Pressesprecher und Wesir eine clevere Tochter mit heftigem Überlebenswillen. In ihr vereingten sich auf wundersame Weise Aphroditens Schönheit und ein bisschen Nerd. Und so begann sie, als die Reihe des Gemahlin-Werdens an sie kam – zu bloggen. Davon hatte unser dicker Kalif noch nie etwas gehört, er ward neugierig und ließ sie gewähren.

Freilich hatte die liebliche Scheherezade es noch nicht so komfortabel wie unsereins heutzutage. Zumal der alte Despot, der neben allen anderen nachteiligen Charakterzügen auch noch geizig war, weder einen der damals noch recht kostspieligen wie großräumigen PCs noch ein mit exotischen Gewürzen und Goldstaub aufgewogenes Laptop anschaffen wollte. Sie musste ihm ihren aktuellen Blog samt ausschmückenden Grafiken, Bildern und weiterführenden Links allnächtlich mündlich darbieten (das macht ihr auch heut noch keiner nach). Und konnte froh sein, wenn hinterm brokatenen Baldachin einer heimlich mittippselte. Wäre doch sonst ihre grandiose Pionierleistung für die moderne Kommunikation längst in Vergessenheit geraten – nicht auszudenken, wo wären wir jetzt ohne sie.

Und ewig lockt…

Also googelte tingelte sie barfuß und im Schweiße ihres Angesichts quer durch das Märchenland, sprach auch beim Polizeichef und ihrem Stromanbieter vor, die ihr wohlgesonnen waren. Ersterer stellte ihr seine Dateien der Eigentumsdelikte und der Bandenkriminalität zur Verfügung, der andere weihte sie in eine bislang geheimgehaltene Promotion-Aktion mit spektakulärem Werbegeschenk zur Akquise von Energiekunden ein. Unterhaltsamer Content – mit ansprechendem Titelaufmacher, versteht sich – der zwei folgenden Nächte waren die Geschichte eines Herrn Ali Baba und ca. vierzig Mafiosi sowie ein Bericht über Aladins VorwerkVorführtour mit der Lampe und dem Küchenwunder Bodyguard guten Geist als Zugabe.

Und ewig bloggte das Weib – immer darauf bedacht, den nächsten Tag zu erleben, 1001 Nacht lang. Und da von Blogg-Sucht damals noch nichts bekannt war und sie sich, wie schon erwähnt, auch sonst nicht verstecken musste, lockte sie ihren Kalifen auch manchmal zu anderem Zeitvertreib. Und schenkte ihm auf diese Weise in immerhin fast drei Jahren diversen knuddeligen Nachwuchs.

Einer von denen – oder von seinen Ururur…enkeln – hatte irgendwann das Märchen- und das Morgenland satt. Ihn packte das Fernweh, die Sehnsucht nach einem weiteren Horizont und dem großen Ozean des Lebens. An selbigem angekommen, sammelte ihn zuerst Sindbad, der Seefahrer, später ein verirrter Walfänger auf und brachte ihn in die Neue Welt. Dort verliert sich seine Spur. Aber es gibt Gerüchte, dass wiederum einer seiner Nachfahren irgendwie in die Familie eines gewissen Tim O’Reilly geraten sein soll. Hm, aber vielleicht wars ja auch eine Nachfahrin…

Epilog:

Der Meister EAPWas nach der tausendundersten Nacht passierte? Ja, leider hat die Scheherezade-Geschichte doch kein Happy End. Das darf ich euch dann wohl nicht verschweigen, so leid es mir tut, so als Märchentante und Blogweib jetzt. Und ausgerechnet einer meiner Leib- und Magendichter musste es herausfinden. Der hat auch schon zuviel gegoogelt… öhm, auf schöne alte Weise in Bibliotheken gestöbert (falls noch jemand weiß, was das ist). Obwohl s e i n e Geschichte ganz danach klingt, als hätte er bei seinen Recherchen auch gern schon ein www gehabt. Gefunden hat er bei seinen Studien der orientalischen Literatur das Buch „Sagan Wiewares“, das uns die ganze bittere Wahrheit erhellt. Allerdings mit einem tröstlichen und nicht unbedingt gewohnten Augenzwinkern des Herrn Autors.

Wer sie noch nicht kennt, der lese also jetzt und hier (oder mal in der richtigen Stimmung 😉 ) des heißgeliebten E. A. Poes Tausendundzweite Erzählung der Scheherezade. Wahlweise natürlich auch im englischsprachigen Original.

Das hier ist mein Geburtstagsgeschenk an ihn. Denn heute wäre Edgar Allan Poe 199 Jahre alt geworden.

Bilder: Scheherezade, dem Kalifen Märchen erzählend – von Paul Emil Jacobs. E. A. Poe-Grafik nach Manet und der ganze Rest: Creative commons-Lizenz.

[Edit 15. Januar 2009: Da literaturnetz.org inzwischen offenbar seine Linkstrukturen zu den 1001-Nacht-Geschichten über den Haufen geworfen hat, so dass der Zugriff über meine Verlinkungen von vor einem Jahr nicht mehr möglich war, hab ich den Zugang jetzt auf die Volltexte im sicher zuverlässigeren Gutenberg-Projekt umgebaut. Leider wurde auch der Link auf die Poe-Scheherezade bei den Literaturnetzwerkern aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt. Darum habe ich auf eine andere Übersetzung des Textes bei symbolon.de verlinkt und hoffe mal, dass die uns eine Weile erhalten bleibt.

Grund für die ganze Bastelei sind die aktuell steigenden einschlägigen Zugriffszahlen – jaja, man merkt, dass E.A. Poes 200. Geburtstag ins Haus steht. Und was tut man schließlich nicht alles für seine Leser. 🙂 ]

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