Vor und hinter Königswinter

Juli 19, 2009 um 11:40 pm | Veröffentlicht in 2009, Bilderhexe, Drumherum und anderswo, Hexenritte | 14 Kommentare
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Treibgut am Schienenstrang… und am Rheinufer lang

ICE-TWem zum Teufel ist nur eingefallen, die aktuelle Fachtagung ausgerechnet nach Königswinter zu verlegen? Das liegt von meinem natürlichen Lebensraum aus gesehen am Arsch der Welt (musste erst googeln, wo der ist), bedeutet irre früh aufstehn und über sechs Stunden Bahnfahrt quer durchs Land, auch noch mit Umsteigen. Kommt, wie immer lang bekannt, wie immer zur Unzeit und zu tun hat man eh viel zu genug und überhaupt.

Andererseits hat mir das mystisch guerillierende Preis-Marketing der Deutschen Bahn für dieses Mal online ein Ticket 1. Klasse ausgespuckt; darüber will man ja gar nicht meckern. (Auch wenn es dafür wiederum eine Extra-Genehmigung der zuständigen Dienstetage mt stichhaltiger Begründung der Ersparnis einzuholen galt – wär‘ ja noch schöner, wenn die sozialwerktätigen Prekarier neuerdings einfach so in der Business Class zur Arbeit düsen täten.)

Die Stimmung fühlt sich zunehmend besser an, nachdem ich es halbnächtens pünktlich zum Zug geschafft hab und mein Dreitagegepäck verstaut ist; und für die richtige Motivation hat’s ja noch ein paar Stunden Zeit.

Ich besetze den ICE meiner Wahl immer schon am Ostbahnhof, da ist es noch schön leer. Ich liebe das: eine kleine Weile den ganzen Wagen fast für mich alleine zu haben. Dafür heißt es, vor dem normalen Reisetempo noch die innerstädtischen Dörfer abzutuckeln. Erster Halt: Hauptbahnhof. Die jüngste Großstation Berlins, ein AlbTraum aus Stahl und Glas, der bei Sturm gern schon mal seine tonnenschweren Metallträger nicht bei sich behält.

Berliner Hauptbahnhof bBerliner Hauptbahnhof 1_new bvkl

Dort steigt eine aufgekratzt durcheinanderkyrillende Gruppe russischer Eisenbahner auf Studienreise zu, die den Waggon bis kurz vor Köln unterhalten und bildungshungrig wie die Vorschulkinder DB-Errungenschaften für die Nachahmung im heimatlichen Personentransport notieren wird. Sie probieren – als einzige – die Fernsehbildschirme in den Rückenlehnen der Vordersitze aus, besuchen zur Freude des Personals ausgiebig das Bordrestaurant und sehen hoffentlich nicht mein heimliches Grinsen, als sie in einem Kauderwelsch aus Muttersprache und englischen Brocken mit dem verzweifeifelnden Bahnermädel eifrig um den Preis für den am Platz servierten Tee feilschen.

Hinter Spandau nimmt unser Schienenflitzer Fahrt auf: die Bahn kommt. Mit Wohlfeeling pur nämlich. Kundenfreundlich und kostenfrei krieg ich die druckfrische Morgenzeitung (Auswahl aus sechs, von Boulevard bis seriös) und einen mobilen Frühstückskaffee kredenzt, sogar in ’ner richtigen Porzellantasse. Herz, was willst du mehr! In mir macht sich kuschelige Zufriedenheit breit und der Drang, die Sandaletten abzustreifen und die Füße hochzuziehen…
( Öhm… den Kaffee hab ich natürlich bezahlt.)

Sommer am Bahndamm

Vorm Fenster zieht echter Sommer vorbei. Plustrige Wattewolken schwimmen im Blau über der Landschaft, am Bahndamm sonnen sich Margeriten und Mohnblumen. Jaaa… wenn Engel reisen, dann lacht der Himmel – hat meine Oma immer gesagt. Irgendwann, Wolfsburg, glaub ich, fläzen sich zwei Bionadetypen im beschlipsten Business-Look schräg gegenüber in ihre reservierten Polstermöbel. Erst blöken sie quer durchs ganze Abteil in ihre Handys. Dann machen sie mich wie die Baubudenrülpse an. Meine linke Augenbraue begibt sich einen Zentimeter höher, meine kalte Schulter glasklar in Position. Statt gegen die zwei Hammel erhebe ich meine Lanze… öh, Kamera lieber gegen ein paar Riesen mit Windmühlenflügeln,

Windräder im Kornfeld_new bb

Dona Quijotes Riesen

Windräder200 b vkl

die rechts samt dem Acker mit beachtlichem Tempo 200 nebenhergaloppieren – wuschschsch… sind sie vorbei. Digitaler Beweis ist gut – denn wer weiß heutzutag schließlich noch, ob ich wirklich Dona Quijote oder nicht doch eher ’ne Paul Austersche Daniela Quinn oder vielleicht sogar Ms Humpty Dumpty bin…

Bielefeld gibt es nicht!Und das hier links ist – Bielefeld. Jedenfalls das, was ich davon gesehen hab. Was keinen mehr sonderlich wundern dürfte – wo es doch Bielefeld überhaupt nicht gibt. Immerhin gibt’s einen Bahnhof, der so heißt, als gäbe es Bielefeld.

Hinter Hannover und vor und zwischen Hagen und Hamm (oder umgekehrt?) hat’s bechereske Motive zuhauf. Ob allerdings meine bescheidene Referenz an Hilla und Bernd – bei satten 185 Sachen amateurhaft mit meinem Digi-Spielzeug gestümpert – tatsächlich eine ist oder nachgerade eine bodenlose Unverschämtheit, wage ich lieber nicht zu beurteilen. (In groß sehen die Bilder übrigens einen Tic besser aus.)

Kraftwerk Landschaft160 bvkl

Fabrik zwischen Hannover und H... bRWE aufm Berg_new b

Parkplatz150 bfaICE-Rückspiegel Sonnenbrille_new b

Den Kölner Dom gibt’s – und Köln gibt’s auch. Wir kommen sogar pünktlich auf die Minute an. Und obwohl das Auskunftsverhalten des ewas gewöhnungsbedürftigen Menschenschlages dort mich zweieinhalbmal verschiedene Treppen hoch und runter jagt, bevor ich den richtigen Bahnsteig meines Anschluss-Regios gefunden hab, bleibt noch Zeit für ’ne Kippe – nach füüünf Stunden Enthaltsamkeit.

Kölner Dom ausm Zug_new bungestörte Raucherecke.. bb...mitten aufm Bahnsteig_he_new b

Damit man die Mit- und Woandershinreisenden nicht gesundheitlich beeinträchtigt, begibt man sich dazu in die eigens dafür angelegte gemütliche Raucherecke: durch auf den Boden gemalte – wenn auch etwas abgelatschte – Linien klar von der Nichtraucherwelt getrennt, mitten auf dem proppenvollen Bahnsteig. Auf Englisch klingt sie beiläufig noch mehr nach Exoten-Reservat, wie ich finde. Was allerdings auch an meinem Exoten-Englisch liegen kann. Auslauf übern Daumen gepeilt so an die 3×7 Meter. Zeitmaschine_new b Hat so ein bissel was von Inner-Ecke- oder Am-Pranger-Stehen, das launige Zigarettenpäuschen.

Und nebenher erfährt man beim Blick auf die Ankunftsanzeige auch noch, dass man ahnungslos in einer Zeitmaschine gesessen hat…

Keine Angst, mit den Insider-Details aus dem Inhalt zum bereits erwähnten Anlass dieser dienstlichen Landverschickung werde ich hier keinen langweilen. Höchstens noch mit ein wenig Treibgut vom Rhein – vor und hinter Königswinter. Für einen Spaziergang am Ufer reicht die Zeit nach dem Abendbrot immer grad noch.

Ein Ort für irische Getränke und 'n echt Kölsche Jung von Oberkellner

Ein Ort für irische Getränke und 'n echt Kölsche Jung von Oberkellner

Treibgut

Treibgut


Fensterblick zum Petersberg - Grüße von Haus zu Haus

Fensterblick zum Petersberg - Grüße von Haus zu Haus


Scheinbrücke und Hängegärten. Kreativexzess eines frühpensionierten Eigenheimbauers?

Scheinbrücke und Hängegärten. Kreativexzess eines frühpensionierten Eigenheimbauers?


Ahoi, Sir Winston!

Ahoi, Sir Winston!


Rheinfährdock im Abendrot

Rheinfährdock im Abendrot

Ist wirklich ein nettes Örtchen, dieses Königswinter. So recht eins zum Zur-Ruhe-Setzen von nach Berlin verfügten Staatsdienern. Die wissen, wo man die Pension nach was aussehen lassen kann. – Und beim nächsten Mal heuere ich bestimmt auf einem der vorbeischippernden Kähne an… so als alte Wasserrättin und Binnenpiratin.

Den Soundtrack dazu gibt’s heut als alternatives Wunschkonzert: wenn’s einer nich so mit dem ultimativen Marschrhythmus hat, so steige er lieber in den Train Of Love:

Und wer ihn countryger in Erinnerung hat – der da hat ihn von dem da. Hey, oder wartet doch einfach auf den nächsten Zug. 😉

Bilder: eigenes Hexenwerk. Video: Bob Dylan. Train Of Love. Johnny Cash Tibute, 1999. Via 5thdayofMay auf youtube.

…dann müssen wir sein, wie wir sind

Februar 8, 2009 um 10:47 pm | Veröffentlicht in 2009, Bücherhexe, Hexenseele, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 4 Kommentare
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Nachträglich zu einem Geburtstag

„Du bist in mir gewesen
still und die ganze Zeit.
Da hat dich nichts vermindert,
nichts hat mich so erinnert
wie deine Schweigsamkeit.“

(Heinz Kahlau. Nach einer Reise. Aus: Du. Aufbau. 1974)

portrat-aufbau-verlEr gehört zu den Poeten, die noch als richtige Arbeiter richtig mit den Händen zupacken (un)gelernt haben, saß auf dem Traktor, zog Kabelstrippen und stand an der Drechselbank. Er war Meisterschüler von Bertolt Brecht und hat das Flugbrett für Engel erfunden (pssst! – eines von denen benutze ich selber noch manchmal). Er hat mit seinen Stücken Kindertheater groß gemacht und als Mit-Drehbuchschreiber auch den Manfred Krug (da schau, noch ein Geburtstagskind!). Er hat Rock-Songtexte geschrieben und Schreiberpreise eingeheimst. Und schon vor dem Mauerfall ein Querholz geschnitzt. Er kann auch Märchen. Und Nachdichtungen, vom amerikanischen Arbeitersong bis zum französischen Chanson. Er trägt einen Namen, der nicht zum Ka(h)lauer taugt, auch wenn er so klingt. Einen, den im Osten dereinst jedes Kind kannte.

Heinz Kahlau.
Heute Inselbewohner, auf Usedom.
Schreibt immer noch.
Wird – immer noch – bei Aufbau herausgegeben.
Und hatte gerade Geburtstag den ich wieder mal verträumt hab, seinen achtundsiebzigsten.

Hinter GlasAm liebsten und schönsten ist seine Liebeslyrik – find ich. Und hüte seit Jahr und Tag ein heftig zerlesenes Bändchen solcher seiner Verse herznah in meinem Bücherregal – Du. Öhm… also letzeres ist der schlichte Titel besagten Büchleins. Schlicht und klar wie die Worte darin: von Herz und Schmerz, Vertrauen und Verletztsein, von Zärtlichkeit und Zerrissenheit, Atemlosigkeit und Alltag, Enttäuschung und Hoffen, von Kämpfen und Aufgeben, Wärme und Kälte, Freundsein und Feindsein – ach, wer kennt es nicht, das ganze Chaos und Himmelhochjauchzen-Zutodebetrübtsein, wenn Menschen einander nahe kommen. Geradeaus und ehrlich, zart und robust, ohne Schmalz und ohne Schwulst. Gedichte, die kein Leben retten, und doch manchmal – vielleicht – ein bisschen leben helfen.

Nun aber mal gut und genug des Überschwalls, sonst merkt am End noch alle Welt, wie sehr ich sie mag. 😉 Zu spät? Was soll’s. Lass‘ ich halt lieber einen andern über ihn zu Worte(n) kommen.

Jurek Becker (ja d e r Jurek Becker) hat in seinem DU-Nachwort auf drei kleinen Seiten und mit einem kleinen Lächeln hier und da ein paar kleine – wissenswert menschliche – Dinge über den Menschen und Dichter Heinz Kahlau geschrieben. Auch dies:

“Mancher Dichter übt während des Schreibens zu leben, vollzieht nach, Erfahrungen werden zu Handlung, zu Reisen, das Gedicht lässt sich häufig an irgendwie Erlebtem überprüfen, zumindest davon herleiten. Bei Kahlau der umgekehrte Eindruck. Mag sein, es handelt sich um ein geschickt angelegtes Täuschungsmanöver, aber der Verdacht will sich nicht beruhigen, dass er ungebührlich oft damit beschäftigt ist, Geschriebenes oder Entworfenes zu testen. Mit Fragen, seltener mit Antworten, mit Blicken. Als ob er dich ständig als Vehikel […] benutzt…”

Nun, der Leser ist nie Vehikel, glaub ich. Der macht sich sowieso seinen eigenen Reim auf alles, was er in sich herein lässt. Und Kahlaus Lyrik ist etwas zum In-sich-Hereinlassen – dagegen kannst du nicht an und wehrst dich nicht.

Na, dann darf jetzt auch mal der Meister selber:

...wie wir sind

Die Liebe (I)

Manchmal kommt es,
dass die Liebe uns einreden will,
wir könnten andere sein,
als wir sind.
Wir glauben es auch,
solange die Liebe noch lauter ist
als wir selber.
Wehe aber,
die Liebe muss Atem holen.
Dann hören wir wieder
auf uns,
dann können wir
nicht mehr sein, wie wir wollen,
dann müssen wir sein,
wie wir sind.

Hm, ich weiß nicht, ob Sonntagabendstimmung so gut ist für Wahrheiten, denen man in sich selten Worte gibt. Oder? Noch eins?

Verletzt

Verletzt

Die Wärme, die so dicht um meine Schultern lag,
hast du mit einer harten Geste weggezogen.
Jetzt ist mir kalt am heißen Sommertag.

Der allzu scheue Vogel Zärtlichkeit,
von deiner bösen Stimme ist er aufgeflogen
bis zu den Toten. Zittert dort und schreit.

Du hast ihn um sein schönstes Nest betrogen,
das es sich selten aus vier Händen baut.
Du warst zu schweigsam, und du warst zu laut.

Na gut, eins noch – auch, damit es ein bisschen sonnig endet:

Für dich schön

Alltägliche Lieder von der Liebe (II)

Ich muss jetzt nur noch rasch
hinunterlaufen,
muss Brot und Milch und ein paar Äpfel kaufen,
dann hab ich Zeit für dich.
Entschuldige,
es sieht hier schlampig aus,
doch ausgerechnet heute
kam ich sehr spät nach Haus.

Komm, setz dich doch –
versuch was fernzusehn.
Ich komme gleich,
du musst das schon verstehn,
ich komme gleich
und mach mich für dich schön.

Noch eins und noch eins und die ganzen andern stehn in dem Büchlein (und nicht nur in dem) – gibt’s bei amazonens, zu jämmerlichen Ramschpreisen wieder mal. Schade eigentlich. Und schad auch, dass so viele den Kahlau nicht mehr kennen…
Tsss… die Werbung, die ich hier fürn aufbau Verlag mache, kann gar keiner bezahlen. 😉

Ach ja, und irgendwer muss sich gelegentlich mal über den mickrigen und für meine Begriffe etwas tendenziösen Wiki-Eintrag zum Kahlau hermachen, das hätte der verdient. Oder soll ich das etwa a u c h noch selber…?

Es führt ein Weg nach...

Bilder: Heinz Kahlau. Porträt. Via hpd. Bilder 2-5 – via myflyaway. Regenweg: Alan Dickson.
Texte: Aus: Heinz Kahlau. Du. Aufbau Verlag 1974. (Private Verwendung nach Creative commons Lizenz.)

Mit Tschechow nach Marzahn

Februar 1, 2009 um 10:46 pm | Veröffentlicht in 2009, Alles platti, Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 3 Kommentare
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Über Mohrrüben und das Leben und ein paar seltsame Begegnungen in der S-Bahn

„Ich empfehle von Herzen, Tschechows Werke
so oft wie möglich zur Hand zu nehmen und
durch sie hindurchzuträumen, wie das ein Leser tun soll.“

(Vladimir Nabokov)

schild-btt-1Berlin Alexanderplatz.

Ich sehe ihn schon von weitem, wie er mit wehenden Mantelschößen von der Rathausseite heranstürmt und muss schmunzeln, als er entschuldigend seinen Hut vor einem regenbogenfarbenen Punk zieht, der ihm rempelnd vor die eilenden Füße gekollert ist. Der Typ schaut ihm mit offenem Mund hinterher.

„Da sind Sie ja, Anton Pawlowitsch, willkommen, ich freue mich. Nur vielleicht hätten wir doch lieber im Taxi statt mit der S-Bahn….?“

„Die Freude ist ganz meinerseits. Aber, aber Kindchen, Sie auch? Der Wirt meiner netten Pension hatte schon so ein kleines Entsetzen in den Augen, als er erfuhr, was ich vorhabe. Wissen Sie, ich bin durch Sibirien gereist und hab vor 120 Jahren die Abgründe Russlands auf Sachalin gesehen. Wer wird da vor den Abgründen einer Stadt des zivilisierten 21. Jahrhunderts die Hosen voll haben?”

Tschechow-Skulptur mit Regenschirm TomskEr zwinkert mir mit blitzenden Augen zu und rückt unternehmungslustig seinen Hut in die Stirn. Ich zwinkere zurück:

“Sie haben Recht. Ich w o h n e da – seit …zig Jahren, gleich um die Ecke. Und ich wette, Ihr Wirt ist noch nie in Marzahn gewesen. Solche Leute pflegen das Abgründige dort am besten zu kennen. Kommen Sie, hier die Treppe hoch. Wir schaffen die nächste Bahn noch.”

“Wie fahren wir, ist es weit bis zum Theater?” – “Mit der Linie 7 bis Ahrensfelde, Endstation. Noch ein paar Meter zu Fuß und schon sind wir da. Nicht länger als eine halbe Stunde.”

Die Bahn ist mäßig besetzt.
Uns schräg gegenüber am Fenster sitzt ein hitzig streitendes Pärchen, russischer Landadel, vorletztes Jahrhundert, das sich zur Gaudi der Umsitzenden nicht um die Lautstärke schert. Streitpunkt? Das liebe Geld, was sonst?:

Sie: …Überdies sind es heute gerade sieben Monate, daß mein Mann gestorben ist, und ich befinde mich gegenwärtig in einer Stimmung, die mich am wenigsten zur Beschäftigung mit Geldsachen disponiert.
ER: Und ich befinde mich gegenwärtig in einer solchen Stimmung, daß ich, wenn ich morgen die Prozente nicht bezahle, beinvoran aus dem Schornstein fliege. Man konfisziert mir mein Gut!
Sie: Übermorgen erhalten Sie Ihr Geld.
Er: Ich benötige das Geld nicht übermorgen, sondern heute.
Sie: Verzeihen Sie, aber heute kann ich Ihnen nicht bezahlen.
Er: Und ich kann bis übermorgen nicht warten.
Sie: Was soll man denn tun, wenn ich’s jetzt eben nicht habe!
Er: Kurzum, Sie können nicht bezahlen?…
Sie: Ich kann nicht…
Er: Hm!… Ist das Ihr letztes Wort?
Sie: Ja, mein letztes.
Er: Das letzte? Positiv?
Sie: Positiv.
Er: Ergebensten Dank. Das wolln wir auch so notieren.

In der kurzen Funkstille zwischen den beiden lupft mein Begleiter grüßend den Hut zu ihnen hinüber und wendet sich mir wieder erwartungsvoll zu:

tschechow_ohne-tolstoi-aus-russl_journal“Nun, erzählen Sie, Kindchen, erzählen Sie! Wie kam es zu dieser Ehre, in dieser Siedlung mit den hohen… den Hochhäusern ein Theater nach mir zu benennen?”

„Oh, man verehrt Sie, Anton Pawlowitsch, heute wie damals. Und hat Sie sicherlich wissen lassen, dass Sie heute Abend viele Landsleute treffen werden, Rückkehrer in das Land ihrer Wurzeln, die Ihre Muttersprache sprechen und ihren Tschechow im Bücherregal stehen haben. Und sie teilen diese Verehrung durchaus mit vielen ihrer deutschen Nachbarn. Dass es das Theater überhaupt gibt – ja, solche Schnörkel malt das Leben -, verdankt sich auch ein bisschen den vorhin erwähnten ‚Abgründen‘. Kultur braucht Geld und manchmal, vor allem in, wie wir es heute gern nennen, sozialen Brennpunkten, öffnet die Stadt ihr Säckel dafür. Und aus diesem Säckel fließt es erstaunlicherweise und auch zum Segen des Theaters unverdrossen, auch wenn es dort im Viertel inzwischen nicht mehr gar so lichterloh brennt, wie ich meine. Was der Kultur da aber nur zum Wohle und gut sein kann…“

Der Streit neben uns flammt wieder auf:

dame_mit_dem_huendchen_me

Sie: Sie verstehen sich nicht in weiblicher Gesellschaft zu benehmen!

Er: Nein, ich verstehe mich sehr wohl in weiblicher Gesellschaft zu benehmen!

Sie: Nein doch! Sie sind ein ungezogener, grober Mensch! Anständige Menschen sprechen nicht so mit Frauen!
Töricht und grob.

Er: Töricht und grob! Ich verstehe mich in weiblicher Gesellschaft nicht zu benehmen! Meine Gnädige, ich habe in meiner Zeit mehr Frauen gesehen, als Sie Sperlinge! Dreimal hab ich mich im Duell geschossen wegen Frauen, zwölf Frauen habe ich verlassen, neun verließen mich! Tja-wohl! Es gab eine Zeit, da spielte ich den Narren, raspelte Süßholz, redete Honig, sprühte Perlen und knixte mit den Füßen [. ..] Ich liebte leidenschaftlich, auf jegliche Manier, hol mich der Teufel, schwatzte wie eine Elster über Frauen-Emanzipation, habe mein halbes Vermögen auf Zartgefühl verlebt, aber jetzt – gehorsamer Diener! Jetzt führt ihr mich nicht mehr an! Genug! Sschwarze Augen, rote Lippen; Grübchen auf den Wangen, Vollmond, Flüstern, scheues Atmen — für das alles gebe ich heute, meine Gnädige, auch nicht einen Kupferdreier! […] In der Liebe versteht sie nichts weiter als winseln, miauen und den Kopf hängenlassen! Wo ein Mann leidet und opfert, drückt sich ihre Liebe bloß darin aus, daß sie mit der Schleppe schwänzelt und uns um so fester an der Nase führt […] Nun sagen Sie mir auf Ehre und Gewissen: Haben Sie je eine Frau gesehen, die aufrichtig, treu und beständig war? Nein, Sie haben sie nicht gesehen! Treu und beständig sind allein Greisinnen und Mißgeburten! Eher noch treffen Sie eine gehörnte Katze oder eine weiße Waldschnepfe, als eine beständige Frau!

Sie: Erlauben Sie, wer ist denn dann Ihrer Meinung nach treu und beständig in der Liebe? Etwa der Mann?

Er: Tja-wohl, der Mann!

Sie: Der Mann! Der Mann treu und beständig in der Liebe! Sagen Sie, was für eine Neuigkeit! […] Die Männer treu und beständig! Wenn wir schon davon reden, so will ich Ihnen sagen, daß von allen Männern, die ich je gekannt habe und kenne, der allerbeste mein verstorbener Gatte war… Ich liebte ihn leidenschaftlich, mit meinem ganzen Wesen, wie nur eine junge, denkende Frau zu lieben vermag; ich gab ihm meine Jugend, mein Glück, mein Leben, mein Vermögen, ich atmete ihn, betete zu ihm wie eine Heidin, und… und was? Dieser beste aller Männer betrog mich gewissenlos auf jedem Schritt! Nach seinem Tode fand ich in seinem Tisch eine Schublade voll von Liebesbriefen, und bei seinen Lebzeiten ließ er mich — schrecklich zu denken! — zu ganzen Wochen allein, machte vor meinen Augen anderen Frauen den Hof, betrog mich, warf mit meinem Geld herum, machte sich über meine Liebe lustig .. . Und, ungeachtet alles dessen, liebte ich ihn und war ihm treu . . .

Er: […] Mir unbegreiflich, für wen Sie mich halten? Als ob ich nicht weiß, warum Sie diese schwarze Maskerade tragen […] Gewiß doch! Das ist so geheimnisvoll, so poetisch! Fährt am Gutshaus irgendein Leutnant oder ein wildgelockter Dichter vorüber, so blickt er auf die Fenster und denkt: „Hier wohnt jene geheimnisvolle Tamara, die sich aus Liebe zu ihrem Gatten in ihre vier Wände vergraben hat.“ Wir kennen doch diesen Hokuspokus! […]

Sie: Wie unterstehn Sie sich, mit mir derart zu reden?

Er: Bitte, schreien Sie nicht, ich bin Ihnen kein Verwalter! Lassen Sie mich doch die Dinge beim rechten Namen nennen. Ich bin keine Frau und pflege meine Meinung direkt herauszusagen! Also, schreien Sie bitte nicht!

Sie: Ich schreie nicht, Sie schreien! Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!…

Wir sehen uns grinsend an. “Ich hoffe, Sie haben Ihr Notizbuch dabei, lieber Anton Pawlowitsch. Die Luft an dem Ort, an den wir uns begeben, riecht nach Geschichten, wie Sie sie lieben.” „Du fragst: was ist das Leben? Das ist, als wollte man fragen: was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, mehr ist darüber nicht zu sagen“, murmelt er. Kramt in seinen Taschen und nickt. “Und weiter, Mädchen? Erzählen Sie weiter.”

Dazu soll es zunächst nicht kommen. Denn am Ostkreuz steigt ein Kontrolleur zu:

“Ihre Fahrkarten, bit–te!” ruft er, lustig mit der Zunge klappernd. […]

Verschlafene, ins Halbdunkel gehüllte Gestalten fahren zusammen, schütteln die Köpfe und reichen ihm ihre Fahrkarten.

“Ihre Fahrkarte, bit–te!” wendet sich Podtjagin an einen Passagier […], einen hageren Menschen, der sich in einen Pelzmantel und eine Decke gehüllt hat […] “Ihre Fahrkarte, bit–te!”

Der hagere Mensch gibt keine Antwort. Er schläft. Der Oberschaffner berührt seine Schulter und wiederholt ungeduldig: “Ihre Fahrkarte, bit–te!”

Der Passagier fährt zusammen, öffnet die Augen und blickt Podtjagin entsetzt an. “Wie? Was? Wer?” “Ich sage Ihnen doch: Ihre Fahrkarte! Sind Sie so gut!”

“Mein Gott!” stöhnt der hagere Mensch und verzieht weinerlich das Gesicht. “Du lieber Gott! Ich leide an Rheumatismus … drei Nächte habe ich nicht geschlafen, habe extra Morphium eingenommen, um einzuschlafen, und Sie kommen mit Ihren Fahrkarten! Das ist doch grausam, unmenschlich! … Es ist grausam und unnütz! Was brauchen Sie plötzlich meine Fahrkarte? So dumm!”

Podtjagin überlegt sich, ob er sich verletzt fühlen soll oder nicht, und entschließt sich für das erstere. “Schreien Sie bitte nicht! Hier ist kein Wirtshaus!” sagt er.

“Im Wirtshause sind die Leute viel menschlicher …”, sagt der Passagier hustend. “Jetzt muß ich zum zweitenmal einschlafen! Es ist doch merkwürdig: das ganze Ausland habe ich bereist, und kein Mensch hat von mir meine Fahrkarte verlangt; hier aber kommen sie jeden Augenblick, wie wenn der Teufel sie stieße! …”

“Fahren Sie dann ins Ausland, wenn es Ihnen so gut gefällt!”

“Es ist dumm, verehrter Herr! Jawohl! Es genügt ihnen nicht, daß sie die Passagiere durch Kohlendunst, Hitze und Zugluft halb hinmorden, sie müssen sie auch noch mit allen diesen Formalitäten plagen. Meine Fahrkarte braucht er plötzlich! Gott, welch ein Eifer! Wenn es doch der Kontrolle wegen wäre, aber der halbe Zug fährt ohne Fahrkarten!”

“Hören Sie mal, Herr!” braust Podtjagin auf. “Wenn Sie nicht aufhören, zu schreien und das Publikum zu belästigen, so muß ich Sie auf der nächsten Station aus dem Zuge weisen und über Ihr Benehmen ein Protokoll aufnehmen!”

“Es ist empörend!” schimpft das Publikum. “Wie er dem kranken Menschen zusetzt! Hören Sie mal, man muß doch Rücksicht nehmen!”

“Der Herr schimpft aber selbst!” entgegnet Podtjagin feige. “Gut, ich verzichte auf seine Fahrkarte … Ganz wie Sie wünschen … Aber Sie wissen doch, daß das meine Pflicht ist … Wenn es die Dienstinstruktion nicht verlangte, dann natürlich … Sie können sogar den Stationschef fragen … Sie dürfen jeden fragen …”

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Der frustrierte Kontrolljagin verlässt an der nächsten Station die Bahn – nicht, ohne dass mein Nachbar ihm ein grübelnd verträumtes Lächeln hinterher schickt. Und obwohl das aufgelöste Publikum sich langsam wieder beruhigt, ahne ich: das wird nix mehr mit einer gepflegten und ungestörten Unterhaltung bis zur Endstation. Ich fass mal zusammen – und kann’s dem großen Kollegen ja dann ausdrucken, wenn er mag.

blick-inDas Berliner Tschechow-Theater kenn ich ja schon aus der Zeit, als es noch ganz woanders war, was sag ich, als es noch nicht mal so hieß und das Publikum sich noch an den kleinen runden Kaffeehaustischen niederließ. Ich war sogar an einem der großen Erfolge des Vorgängers beteiligt: einer Filmvorführung und Diskussion zu Günter Kottes “Lieber Wolodja” über den heißgeliebten Volksbarden Wladimir Wyssozki. In Anwesenheit des Filmemachers, der seinen Spuren in Moskauer Kneipen und anderswo gefolgt war. Die Resonanz und Sachkenntnis der Leut‘ hat uns damals umgehauen und wir mussten bei Nachbars noch Stühle borgen gehn. Das war zu der Zeit, so Ende der Neunziger, als ich in der Ecke noch ein eigenes und wohlbesuchtes soziokulturelles Projekt am Leben erhielt und, meist vergeblich, bei den ansässigen Vertretern des Stadtsäckels um ein paar Kröten bettelte.

Die Intendantin des späterhin Tschechow-Theaters, die beiläufig kein Mensch Intendantin nennt, ist Slowakin und promovierte Kulturwissenschaftlerin und ruiniert mit ihrem Engagement für den Laden nix, außer Tag für Tag ihre Gesundheit. Ich hab selbiges in und aus ihr – spätestens – ohne Wenn und Aber schätzen gelernt, als sie mir dereinst quasi für lau und aus Kollegialität geholfen hat, ein multikulturelles Event in der Heiligkreuz-Kirche in Kreuzberg für 800 Leute aus allen Bundesecken auf die Beine zu stellen. Freundinnen wurden wir schon vorher. Und von der Hilfe hat sie a u c h was gehabt: von den erstaunlich zahlreichen Kontakten zu Künstlern, die bereit waren, damals für unsere kärglichen Euronen (oder ohne) aufzutreten, zehrt sie noch heute.

autorenlesung-tschechow-1Und das Theater, entstanden zuvörderst aus dem Wunsch russlanddeutscher Zuwanderer, ihre eigene Kultur und Sprache in das Leben im Kiez einzubringen, ist ihr Baby. Sein Markenzeichen sind zweisprachige Theateraufführungen v.a. von komödiantischen Tschechow-Einaktern wie “Der Bär”, “Der Heiratsantrag” etc. Was allerdings der Vielseitigkeit des Programms in keiner Weise gerecht wird. Das reicht quer durch alle Kunstgenres und Zielgruppen. Neben Konzerten, Kinderbespaßungen, Kabarettaufführungen und was weiß ich noch alles können Maler ihre Bilder ausstellen, Amateurtänzer ihre ersten Lorbeeren sammeln und No-Name-Autoren an die Öffentlichkeit treten und an ihrem Ruhm arbeiten – wenn sie sich denn trauen.

Bahnhof Mehrower Allee. Nun wird es aber Zeit, meinen guten Anton Pawlowitsch von dieser pelzbemantelten Landsmännin loszueisen. Die muss ihn erkannt haben und versucht gerade, ihm ihre selbstgestrickten dramatisch-literarischen Werke anzuschwatzen:

“Sehen Sie, ich … ich …”, sagte die Dame, indem sie Platz nahm, in noch größerer Erregung. “Sie erinnern sich meiner nicht … Ich heiße Muraschkina … Sehen Sie, ich bin eine große Verehrerin Ihres Talents und lese stets mit Genuß Ihre Aufsätze … Glauben Sie nur nicht, daß ich Ihnen schmeicheln will, – Gott behüte! – ich lasse Ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren … Immer, immer lese ich Ihre Aufsätze! Einigermaßen stehe ich auch selbst der Schriftstellerei nicht ganz fern, d.h. natürlich … ich wage es nicht, mich eine Schriftstellerin zu nennen, aber auch ich habe schon einige Tropfen Honig in den Bienenkorb der Literatur gebracht. Zu verschiedenen Zeiten sind von mir drei Erzählungen für die Jugend erschienen, – Sie haben sie natürlich nicht gelesen … ich habe auch viel übersetzt und … und mein verstorbener Bruder war Mitarbeiter der Zeitschrift ‚Djelo‘.”

“So, so … hm … Womit kann ich dienen?”

eingangstur-btt-bea“Sehen Sie … (Die Muraschkina senkte die Augen und errötete). Ich kenne Ihr Talent … und Ihre Anschauungen […] und möchte gerne Sie um Ihre Ansicht oder eigentlich um Rat bitten. Ich bin, pardon pour l’expression, mit einem Drama niedergekommen, und bevor ich es an die Zensur schicke, möchte ich Ihr Urteil hören…”

“Oh, entschuldigen Sie tausendmal, dass ich Ihr angeregtes Gespräch unterbreche, aber wir sind da, Anton Pawlowitsch.” Er wirft mir einen dankbaren Blick zu, schlägt den Kragen hoch und folgt mir auf den Bahnsteig. Das streitsüchtige Paar aus dem Zug scheint denselben Weg zu haben wie wir. Wenige Minuten später stehen wir am Fuß eines Elfgeschossers. An der Eingangstür zum Ladentheater erwartet man uns schon – also mehr ihn, glaub ich.

Das Pärchen ist backstage verschwunden. Wen wunderts? – gegeben wird heute “Der Bär”. Zweisprachig.

P.S. Viel zu lang! – jaja, ich weiß. Aber ich konnte nicht anders. Und jaja, drei Tage zu spät… ich weiß, ich weiß. Aber es war ja nur die Generalprobe; runder Geburtstag ist nächstes Jahr, da passt’s dann. 😉

Bilder: Tschechow-Denkmal in Tomsk: Wikimedia commons. Tschechoew-Porträt: RusslandJournal (modifiziert). Dame mit Hündchen-Szenenbild: Deutsches Filminstitut.de. Autorenlesung: Feelgoodradio-Archiv. BTT Marzahn: selbereigene.
Song: Wladimir Wyssozki: „За меня невеста…“ (Sa menja newesta…) – via youtube.
Textquellen: Anton Tschechow: Der Bär, OdysseeTheater Wien. Anton Tschechow: Ja, das Publikum! und Das DramaGutenberg Projekt.
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Das Mädchen des Tages

Januar 22, 2009 um 12:52 am | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, BlogMist, Dings des Tages, Drumherum und anderswo, Hexen-Unfug, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 2 Kommentare
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Dings des Tages (2)

augenaufschlagHat sie nicht einen sexy Augenaufschlag, die sonnige kleine Französin? Und dieses verschmitzte Lächeln, ist es nicht süüüß?

Welcher Kerl, sogar wenn er auf zwei Beinen, ohne Pferdestärken unter der Mütze und mit keinem Tiger im Tank unterwegs ist, möchte da nicht zurückblinzeln. Wo ja nicht mal ich, die ich unvelwechserbar selber ein Mädchen bin, nicht anders konnte, als ihr verschwörerisch schnell mal mit dem linken Auge zuzuzwinkern – nur keine Gelegenheit auslassen, in dem trostlosen Mistwetter einen kleinen Lichtblick zu erhaschen. Heißgeliebter realpoetischer Alltagskitsch.

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Die – nein, keine Gnade! 😉 – dazugehörige Schnulze des Tages:

Wahlweise auch in der Cover-Version der Typen ohne Leben im Beinkleid oder auch Bullys Mädchen im Planwagen. Aaaaaah! Okayokay… bin ja schon weg. 😉

Bilder: Meine, aufgenommen beim Vorbeihetzen auf dem morgendlichen Dienstweg in Friedrichshain, Weidenweg.

zwei-scheinwerferaugen

Das Dings des Tages…

Januar 14, 2009 um 11:41 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Bloghexe, BlogMist, Dings des Tages, Drumherum und anderswo, Hexentanz, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Zuhaus-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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wild-thing…ist ein Versuch, durch mehr oder weniger regelmäßige Futtergaben für diese neu erschaffene Rubrik des Hexenblogs einen therapeutischen Beitrag zur Selbstdisziplinierung der ansässigen Besenfliegerin zu leisten. Und zu besserer Ausnutzung ihrer oft spärlichen Zeitreserven. Vor allem und zuvörderst aber, die Plattenbauromantik, die mitnichten so ärmlich ist, wie sie für sich Manchen vielleicht anfühlt, und natürlich erst recht den geneigten Leser nicht weiter so scham- und lieblos vor sich hin hungern zu lassen. 😉

Ähm… was noch lange nicht heißt, dass die Fütterung täglich erfolgt, nur nicht gleich überfressen übertreiben. Dennoch handelt es sich hierbei eindeutig und ohne Frage um ein Projekt „Gute Vorsätze fürs neue Jahr“. Na, schaun wir mal.

Die etwas diffuse Namensgebung soll dabei kein Im-Trüben-Fischen, Im-Dunkeln-Tappen, Im-Nebel-Stochern oder ähnlich Unentschlossenes suggerieren. Nein, sondern derdiedas Dings des Tages will uns lediglich ein sonniges Offenhalten aller Optionen für Bemerkenswertes, Lustiges, Ab- und Tiefgründiges, Helden- und Zauberhaftes oder auch ganz und gar Unnützes bedeuten. Ich lasse mich da mal selber überraschen. Man fängt ja irgendwann an, seinen Blog auf Schritt und Tritt in sich mitzuschleppen, wenn ihr wisst, was ich meine. 🙂 In diesem Sinne.

Sozusagen als Premierendings – tadaaa! – darf ich vorstellen?:

Der Nachzügler des Tages!

oller weihnachtsbaum

Entdeckt bei mir vorm Haus einzwei Stunden nach der jüngsten Abholung der nadelnden Weihnachtsüberreste. Man hofft für ihn, der ja – unwissend und schuldlos – diese Verspätung nicht selbst zu verantworten hat, dass die BSR-Muskelmänner ihn bei ihrer unwiderruflich letzten Runde für dieses Jahr noch finden. Und denkt wieder mal an das traurige Ende des eitlen kleinen Tannenbaums vom Hans Christian Andersen.

Wenigstens liegt er brav und unaufdringlich in der ihm zugewiesenen Ecke. In meinem Friedrichshainer Dienstbezirk kollern diese abgewrackten Stachelviecher hemmungslos vor deinen Füßen übern Gehweg. Und du hebst verunsichert und fluchtbereit den Blick nach oben, weil du nicht sicher sein kannst, ob sie nur der verspielte Nordost dorthin geweht hat oder doch die hauptstädtischen Südschweden bei einem nicht näher benannten Möbelhaus Knut feiern gelernt haben. (Ich werd den Teufel tun und hier Schleichwerbung begehen!)

Passt also schön auf, dass euch nix auf den Kopf fällt, lernt lieber was über das Maibaumwerfen in meiner weiland Heimat. Und nicht verzagen! Denn eins ist sicher: der nächste Frühling kommt bestimmt.

Bilder: Wild Thing: allposters.de. Bummelbaum: Selbereigenes.
Song: Die Ärzte: die Ärzte Jäg Alskar Sverige. Via youtube.

…Where’d All The Good People Go?

Oktober 4, 2008 um 10:07 pm | Veröffentlicht in 2007, 2008, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Free Burma, Geschichtsbuch, Hexen-Gedanken, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, So Momente halt... | 1 Kommentar
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Heute vor einem Jahr – do you remember?

Free Burma!Wisst ihr noch?

Heute auf den Tag genau vor einem Jahr gab es neben vielen Real-Life-Bekundungen auch in der internationalen Blogosphäre einen großen und herzwarmen Akt der Solidarität für ein kleines gebeuteltes Volk, von dem viele damals vielleicht zum ersten Mal ergoogelten, wo dieses Land überhaupt liegt.

Dem Aufruf “One blogpost for Burma” folgten damals in einer konzertierten Aktion tausende Blogger über Ländergrenzen und Ozeane hinweg.

Erinnert ihr Euch? Die Regierung und das Militär von Myanmar (Burma, Birma) erstickten damals die friedlichen Proteste der Mönche in den Safrankutten und verzweifelter Menschen in diesem Vielvölkerstaat gegen Hunger und Repressionen und für ein freies Burma mit Terror und Blut. Und der Bloggertag der moralischen Unterstützung, dessen stringente Organisation über engagierte Aktivisten und deren Netzwerke mich schwer beeindruckte, stieß allerorten auf offene Augen und Ohren. – Wenn man mal von den paar nörgelnden kritischen Stimmen absieht, die den Organisatoren und dem solidarisch geeinten Bloggervolk Aktionismus, Einäugigkeit hinsichtlich des Elends der Welt und was weiß ich noch vorwarfen…

Es ist still geworden um die Ereignisse und die Situation in Burma. Nicht z u still? Gar totenstill?

Oh, falls es einer nicht weiß, es hat sich nicht viel geändert dort, nachdem der Widerstand und Protest der Septembertage von 2007 durch die Diktatoren gebrochen wurden. Schon gar nicht zum Besseren, nachdem zu allem Überfluss der Zyklon Nargis auch Myanmar heimgesucht und verheerende Zerstörungen hinterlassen hat. (Hand aufs Herz, wer hat bei Deutschland hilft mitgemacht und für die Opfer gespendet?) Das Land ist weitgehend nach außen abgeschirmt, auch der Zugang zum www. Viele der damals Verhafteten sitzen immer noch in den Gefängnissen, viele Mönche und Dissidenten sind verschwunden, getötet, hinter die Grenzen der Nachbarstaaten oder weit weg geflohen oder untergetaucht. Der Hunger, Zwangsarbeit und Repressionen – es gibt sie immer noch. Mit dem unter Einschüchterung und Druck abgehaltenen Referendum über eine Verfassung – von deren Ausarbeitung die Opposition ausgeschlossen war – hat die Militärdiktatur im Mai 2008 ihre Macht festklopfen lassen. Scheinheilige ‚Schönheitskorrekturen‘ der Machthaber sollen die Weltöffentlichkeit täuschen…

Um an diese Informationen zu kommen, muss man heuer schon ein bisschen im Netz kramen. Man stößt auf Burma-Seiten, auf denen man hin- und her gerissen zwischen Besorgnis und Enttäuschung, ja, sogar eigenem schlechten Gewissen, seit Herbst 2007 keine Aktivitäten mehr verzeichnet. Ja, es ist still geworden…(Das letzte deutliche Lebenszeichen der Free-Burma-Initiative vom vorigen Jahr habe ich als Umfrage zur Aktion vom 4. Oktober 2007 in Erinnerung. Und die Free-Burma-Banner sind von den meisten Blogs mit der Zeit wieder verschwunden.)

Totenstill? Nein, ganz so ist es nicht. Es gibt – auch in Deutschland – viele Aktivisten, die sich unermüdlich für die Menschen in Burma einsetzen, zum Beispiel hier oder hier oder hier. Ein Schweizer Journalist hört nicht auf, über die Situation dort zu berichten, ebenso das zweisprachige (Englisch und Burmesisch) Online-Magazin BURMA DIGEST.

Das aus den USA agierende web-Projekt Avaaz.org unter der Leitung des kanadischen Weltbürgers Ricken Patel mobilisiert via www erfolgreich eine internationale Community. (Danke an stefan888 für den erhellenden Blog-Beitrag.)

Und trotzdem beschleicht mich immer wieder das Gefühl, als hätten die Kritiker und Skeptiker der Bloggeraktion “Free Burma” von vor einem Jahr irgendwie Recht behalten – was meint i h r? Bauen die Menschen dort – und überall in der Welt – nicht weiter und immer wieder auf uns? Müssen wir nicht mehr tun?

Ach ja, und verdächtigt jetzt wen ihr wollt des Gutmenschentums. Ich jedenfalls bin ins Grübeln geraten – und sollte ein besserer werden, glaube ich. Und wäre ich es dann einmal, empfände ich diesen Verdacht als eine Ehre…

Free Burma

Glittering Saffron
(by NAY YU, via BURMA DIGEST)

Where are those voices of ‘Metta’?
While the Evils still in power
Where are those Saffron power?
Glittering in the sky
Deep in our mind
Though Evils rule our land
With their bloody hands.
Where are those ‘Sons of Buddha’?
While the guns still pointing our hearts
Where are those ‘Peaceful Walks’?
Glittering beyond the horizon
Still shining for the by-gone
Though Evils rule our land
With thier bloody hands.

Quellen: Bild „Free Burma“ – StuCkCaRBoy; Videos via Youtube (1, 2 und 3: Song von Jack Johnson: „Where’d All The Good People Go“.)

Heile, heile… Welt?

Juni 26, 2008 um 5:26 am | Veröffentlicht in 2008, Alles platti, Berlin, Drumherum und anderswo, Hexen-Gedanken, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, SchilderBilderbuch, Wetter-Hexe | 1 Kommentar
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Nach-Wort und -Bild zum Sonntag

Ich mag diese Wochenenden, an denen alle unter der Hitze stöhnen und die Sonne hemmungslos vom Himmel knallt. Sie sind wie für mich gemacht – ich bin ein Sommermädchen. Ja, so eins mit den immerzu kalten Füßen, solange die Temperaturen unter zwanzig Grad rumbibbern.

Ha, aber jetzt ist Barfußzeit! Und nach dem ganzen Wochenstress fühlt sich kaum was so gut an wie eine Wiese unterm Bauch, die Grasspitzen auf Augenhöhe, ein Buch vor der Nase, leises Windfächeln und Bienengesumm um die Ohren. Hm, und ist man zu träge, sich irgendwo hinzubewegen, tuts auch der Balkon. Doooch… die sonnenwarmen Sohlen

ohne Schuh‘

und ohne Strümpf‘

und ohne Hatz

auf die Brüstung gestemmt, lasse ich ein lecker-kühles Zitronensorbet zwischen den Lippen schmelzen und faulenze mit halbgeschlossenen Augen vor mich hin. Das Seniorenheim gegenüber hat einen Leierkastenmann angeheuert und altberliner Musike weht gedämpft zu mir herüber… Die Stimmung hat sowas von heiler Welt – jedenfalls, solange sich die Hoffnung hält, dass der mit der Drehorgel nur für eine Stunde gebucht ist.

Die einzige heile Welt übrigens, die ich höchstpersönlich kenne, döst ausgerechnet an meinem gelegentlichen Dienstweg vor sich hin. Wobei kennen ja eine maßlose Übertreibung ist.
Heile Welt in Schöneberg
Sie ist tagsüber nämlich immer geschlossen. Was zunächst nicht weiter tragisch anmutet, weil ich sowieso zur Tür nebenan rein muss. Treppe HartnackschuleDie Treppe hinter d e r gehört zu einer sehr sympathisch geführten Sprachschule und hallt üblicherweise von babylonischem Gezwitscher aus aller Herren Länder wider – außer wenn gerade Unterricht ist. Dann hat man auch mal Muße innezuhalten für stille kleine Details, die das schweifende Auge im sorgsam und liebevoll bewahrten Flair einer alten Berliner Großstadtvilla entdeckt. Hier scheint die Welt in Ordnung. Auch für Minderheiten. Was sich bekanntermaßen nicht unbedingt in die Breite verallgemeinern lässt. D a s wiederum lässt einen solche Ideen wie die geplante Schließung des kleinen aber feinen Radio multikulti (dem ich selber schon die Ehre hatte, ein Interview zu geben) durch die hauptstädtische Mutteranstalt weniger als Greifen nach dem Rettungsanker denn als einen Griff ins Klo sehen. (Zur einschlägigen Un-Willensbekundung gehts zet Be hier lang.)

Allerdings (und weil wir eh grad bei Minderheiten sind) würde man ja auch gern mal einen Blick hinter die Rolläden der “Heilen Welt” riskieren, die sich als Cafe-Bar outet und nach einschlägiger Information eine von den stylüschen, für Hinz UND Hetero sehr gastlichen, City-Schwulenkneipen – sogar mit Kuschelfell an den Wänden – ist. Verbirgt sich hinter dem Namen nun ein Orakel, eine Vision… ein Konzept… oder die pure Ironie einer um_weltgebeutelten Zielgruppe. Letzters liegt nahe, seitdem jüngstens in der Eingangstür öffentlich eine heileweltfremde Reglementierung ausgeschildert ward:

Doch es zählt ja der gute Wille. Schließlich gibt es – gleichfalls an Hexis Dienstweg – weitaus guerillierndere und unheiligererere WeltKonzepte:

Extrem günstig!

***

Wenn man so oft wie die Hex‘ andauernd dort in der Gegend um die Bülowstraße rumscharwenzelt, muss einem zum weitläufigen Thema so unversehens wie zwangsläufig ein welt-weiser Blaublüter aus altem meckpommschen Ritteradel einfallen, der hochverehrte Freiherre Loriot nämlich. Schließlich gilt er als unermüdlicher Erfinder seiner eignen der heilen Welt (u.a. mit leckerer Postkartenabteilung). Außerdem als exzellenter Kenner all ihrer unheiligen Irrungen und Wirrungen (äh nee, letztere warn schon vom Herrn Nachbarn, aber der hat se uns vererbt. Holla, und der Ritter von Bülow wird heuer demnächst auch schon fümfunachzich – Kinder, wie die Zeit vergeht!) Die Suche nach der- und denselbigen ist beim Loriot, genauso wie ihr kicherndes Beklagen, ’ne Berufskrankheit. Die ihn bis in die eigene und fremde Badewanne hinein verfolgt. Eine schmunzelnde und kultige Wiederentdeckung, die es wert ist geteilt zu werden:


ABER DIE ENTE BLEIBT DRAUSSEN! 😉

*

H i e r draußen, vor Fenster und Balkon, entlädt sich inzwischen ein donnerdrummelnder Wolkenbruch und heilt die dürstende Welt.

Setzt die Segel!

Bilder: Selbereigene. Loriot auf der heilen Welt und der Hundskerl: aus Loriots heiler Welt.

„Ich dreh‘ mich um, da blüht der Flieder…“

Mai 12, 2008 um 5:40 am | Veröffentlicht in 2008, Alles platti, Bloghexe, Fest-Platte, Hexenkräuter, Kultur, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare
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HexenfliederWenn irgendein duftend erblohenes Gewächs dieser Erde zu mir gehört, dann ist es der Flieder. In allen Farben, mit allen Sinnen.

Der Herr Honigbrötler hat jüngstens auf so anrührende Weise verflogene Gerüche der Vergessenheit entrissen und sie sorgsam vor derselben gerettet. Zu m e i n e n gehört unbedingt der betäubende Duft der wunderschönen Fliederdolden, oft vermischt mit dem von heißem Kerzenwachs.

Denn seit ich denken kann, waren ein paar Zweige der schweren und doch so zarten Blütentrauben meine Geburtstagsblumen (äh… nee, der ist noch nicht heute 😉 ). Von den Eltern als ausladender Strauß zwischen die Geschenke drapiertPfingstflieder - meiner oder von pubertierenden Jungs und verliebten Studenten angeschleppt, gehörten sie mehr als alles andere dazu. Mit den Jahren kam es mir vor, als trügen die Büsche immer früher ihre blassviolette, weiße oder tief burgunderfarbene Pracht. Und so oft welkten sie bis Mitte Mai längst schon wieder dahin und nix wars mit Flieder für die Hex’…

Heute steht er in voller Blüte. Und bei mir zu Hause. Mein Sohn hat mir einen Armvoll gebracht, aus Nachbars Garten geklaut. Und ich hab mich halbtot gefreut. Nicht dass ich einen Muttertag bräuchte – meine Kinder sind sowieso jeden Tag die besten der Welt. Aber für ’nen Fliederstrauß nehm ich den a u c h in Kauf.

Es fühlt sich so an, als könnte man solchen Schöpfungen der Natur, die einen verzückt erschauern lassen, nur mit purer Poesie begegnen. So ist es denn auch mit mit der fliedernen: sie will Leidenschaft, nicht Anbetung – sonst wäre sie ein Baum geworden. Dichter haben den Flieder und seine wonnige Zeit zuhauf besungen, vor allem wohl in Zuständen, von denen man hoffen will, dass sie nicht nur der Umnebelung durch den Fliederduft entsprangen. Wie der hier zum Beispiel – möge er dank dem schnuppernden Fest der Sinne dem Vergessen entrinnen: 😉

Liebesmorgen (Paul Boldt)...liegen wir wie junge Flüsse

Aus dem roten, roten Pfühl
kriecht die Sonne auf die Dielen,
Und wir blinzeln nur und schielen
Nach uns, voller Lichtgefühl.

Wie die Rosa-Pelikane,
Einen hellen Fisch umkrallend,
Rissen unsere Lippen lallend
Kuß um Kuß vom weißen Zahne.

Und nun, eingerauscht ins weiche
Nachgefühl der starken Küsse,
Liegen wir wie junge Flüsse
Eng umsonnt in einem Teiche.

Und wir lächeln gleich Verzückten;
Lachen gibt der Garten wieder,
Wo die jungen Mädchen Flieder,
Volle Fäuste Flieder pflückten.

Bilder: Flieder: Meiner. Frühling: Helmut Maletzke, Greifswald 1979; creative commons.

Helden sind – männlich? Out? Tot?

März 11, 2008 um 4:07 am | Veröffentlicht in Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, Wetter-Hexe | 5 Kommentare
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Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit,
das wahre Glück und das echte Heldentum.
(Wilhelm Raabe in „Alte Nester“)

Emma macht BauchlandungDie stürmisch ungestüme Dame Emma hat uns ja jüngstens einen neuen Helden beschert, der ein von ihr zum Spielball erkorenes Flugzeug aus Hamburgs Himmel heil zu Boden knutschte landete. Naaa, also mindestens einen. Denn eigentlich waren es beinahe sogar zwei. Wenn man denn den jugendlichen Amateur, der mit seinem Video im Internet den brötchenverdienenden Journalismus in Sachen Aktualität um Längen geschlagen hat, auch einen nennen darf – des Tages. Was einschlägige Diskussionen im Web zum Ereignis halbwegs implizieren.

Grund genug, mal über heutiges Heldentum zu krautern? Na, aber klar doch.

Helden sind männlich. Meist männlich. Sagt Wikipedia:

Ein Held (althochdeutsch helido) ist eine (meist männliche) Person mit besonders herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen, sog. Heldentaten, treibt. Dabei kann es sich um reale oder fiktive Personen handeln…

usw. usf.

Oha. Das bringt Eine(n) doch – nicht nur, wenn mans ausgerechnet am Internationalen Frauentag gelesen und mal so sacken lassen hat und sogar, wenn man alles andere als eine militante Emanze ist – irgendwie ins Grübeln. Erst recht, wenn ein paar Zeilen tiefer der Verweis folgt:

Zur Heldin vergleiche auch Virago,

und sich unter selbigem die Erklärung findet:

Virago (lat. virago = eine männlich wirkende Jungfrau, auch eine Heldenjungfrau, Heldin; plur. Viragines) bezeichnet im Deutschen (in der gehobenen Umgangssprache) und Englischen – meist abwertend – ein junges „Mannweib“…

Na suuuper! DAS ist also, wenn überhaupt, der weibliche Held?
Wer gut arbeitet, soll auch gut Kaffee trinkenMal abgesehen davon, dass zu meiner eigenen Überraschung meine Umgangssprache offenbar nicht gehoben genug ist, diesen Begriff zu meinem alltäglichen Wortschatz zu zählen, gibt es laut Meyers Online-Lexikon nur den „ursprünglichen“ Helden, ebenfalls männlich, im neueren Sprachgebrauch selbigen gar nur noch als handelnde Figur in Literatur, Theater und Film. Die 46-Wörter-Erleuchtung im Brockhaus online enthält wohl schwerlich umwerfend Neues und fällt einstweilen aus, da kostenpflichtig. Bertelsmanns offlinenes Universallexikon in 20 +… Bänden aus den Neunzigern schließlich kennt neben der ausschließlich literarisch-filmischen Deutung noch den unlängst verblichenen Helden der Arbeit – beide hier latent geschlechtslos.

Da fragt man sich doch, ob das Heldensein und seine diversen Definitionen nicht akut reformierungsbedürftig sind. Oder sind die kulturell-historischen Wandlungen des Begriffs zu vernachlässigen? Gehen wir gar vollends heldenlosen Zeiten entgegen, trostlos und ohne real existierende Lichtgestalten? Weil wir keine mehr brauchen? Wird es demnach nicht mal mehr männliche Helden geben? 😉 Sind es etwa gar die traumatischen Nachwirkungen und Auferstehungen unrühmlicher deutscher Geschichte, die uns unsere Helden schleichend zum Unwort stempeln und sie für alle Zeiten sterben lassen, noch bevor sie geboren sind? Hat es HeldINNEN, die k e i n e Mannweiber und brustamputierten Amazonen sind, nie gegeben? Und werden die Helden der Gegenwart und Zukunft etwa um Himmels willen nur noch in bunten und peinlichen Medienförm(at)chen gebacken werden, kurzatmig, mit einer Halbwertszeit und einem Wertelevel, dass sich einem die Nackenhaare gar nicht mehr niederlegen? Fragen über Fragen.

Vielleicht tun wir uns ja so schwer damit, weil die Helden von heute nicht mehr so einfach wie zu Odysseus‘, Jung-Siegfrieds oder Ilja Muromezs Zeiten an Schild und Schwert oder womit auch immer bis an die Zähne bewaffnet, hauend, stechend und schießend, auszumachen sind. Und selbst solches wäre kein sicheres Zeichen. Oder sollte denn wer in dem etwas verquer geratenen Spross eines bekannten Königshauses, dem jüngst der Krieg wie eine Badekur bekam, einen Helden sehen wollen?
Ilja Muromez und noch zwei Helden (W.Wasnezow)
Der alte Medienfuzzi Fritz Pleitgen, zwar nicht unbedingt einer meiner Lieblingszeitgenossen, hat 2005 für DeutschlandRadio einen sympathisch nachdenkenswerten Beitrag geliefert über die Helden von heute. Man mag nicht alles davon unterschreiben müssen – gelesen haben wollen sollte man ihn vielleicht schon: „Wer sind die Helden von heute?… Es sind die von immer.“

Sind wir Helden?Also falls m i c h einer fragte, könnt ich ihm erzählen, dass ich ständig Scharen von Helden – und -innen! – begegne. Allerdings kaum welchen des per Definition spektakulären Typus, weniger dem Abenteurer und dem Helden des Tages. Nö, eher denen des schnöden Alltags, für die das Leben selber Abenteuer genug ist, oft genug unfreiwillig. Solchen, die nicht bei jeder Gelegenheit groß das Maul aufreißen, aber auch nicht die Klappe halten, wenns not tut. Die jeden Morgen, wenn sie aufstehen, ihr eigenes und auch gleich noch das Leben einer Handvoll anderer beherzt beim Schopfe packen müssen, die schwächer sind als sie. Die auch mal – Augen zu und durch! – gegen den Strom schwimmen. Und bei alldem nicht das geringste Aufhebens drum machen. Schon man selbst zu bleiben kostet heutzutage nicht grad wenig Mut, oder? Und würdest du ihnen ihr Heldentum unter die Nase reiben, lachten sie dich aus – oder fingen an zu heulen…

Meinungen? Vorschläge, wen wir unseren Kindern – außer uns selber, hoff ich mal – ab jetzt als reale Vorbilder und Ausbünde hehren Tuns vorzusetzen haben? Wie wir ihnen „Held“ erklären?

Igitt, bin ich jetzt etwa die moralisierende Klugscheiß-Tante mit dem erhobenen Zeigefinger? Die der gelangweilt gähnende Leser augenrollend von einem Fettnapf in den andern und durch den Schnee von gestern tappen sieht? Ha, letzterer ist das Stichwort! Oder ist es doch der Schnee von heute? Warum nicht alles etwas unangestrengter sehen, statt sich weiter sinnlos abzustrampeln? Schließlich haben schon ganz andere Leute ihr eigenes Fahrrad erfunden.

In diesem Sinne: lasst Blumen Ringelnätze sprechen!

Held Müller Neukölln

Wir haben zu großen Respekt vor dem,
Was menschlich über uns himmelt.
Wir sind zu feig oder sind zu bequem,
Zu schauen, was unter uns wimmelt.

Wir trauen zu wenig dem Nebenuns.
Wir träumen zu wenig im Wachen.
Und könnten so leicht das Leben uns
Einander leichter machen.

Wir dürften viel egoistischer sein
Aus tierisch frommem Gemüte. –
In dem pompösesten Leichenstein
Liegt soviel dauernde Güte.

Ich habe nicht die geringste Lust,
Dies Thema weiter zu breiten.
Wir tragen alle in unsrer Brust
Lösung und Schwierigkeiten.

(Joachim Ringelnatz: Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?)

*

P.S. Tja, eigentlich sollte der Eintrag hier einer zum – inzwischen etwas in Ungnade gefallenen und vor allem (bis nächstes Jahr) längst Schnee von gestern gewordenen – Internationalen Frauentag werden. (Jajaah, regt euch ab, ich find ihn immer noch passender als Muttertag, auch wenn ich höchstpersönlich weder auf den einen noch auf den andern angewiesen bin. Und komme mir jetzt bloß keiner mit dem angeblich nur für die Weibsbilder inszenierten Valentinstach! 😉 ) Gewidmet gedacht war er – womit nochmal ein kleiner Haken zum natürlichen Element des Eingangshelden geschlagen sei – einer echten Frau u n d Abenteurerin u n d HeldIN, von Beruf Himmelsstürmerin. Leider hab ich mich in der allgemeinen Krise des Heldentums hoffnungslos verfranst. Wegen einem doofen Wiki-Eintrag! Memo an mich selbst: Himmel_stürmen bei nächster Gelegenheit.


(Oder lieber nochmal mit besserer Sound-Qualität? Okay, dann HERO lang). 😉

Bilder: Julia(-Emma): Susanne Bormann; Heldentasse: Ossiladen; Die drei Bogatyry von Wiktor Wasnezow via Wiki; Wir sind Helden: via WDR Rockpalast; Held Müller: Neuköllner Oper.
Video: David Bowie: Heroes – via youtube

Still alive – und wie!

Februar 3, 2008 um 3:10 pm | Veröffentlicht in Hexengeschichten, Hexentanz, Märchenhexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt..., Spinnweben | 4 Kommentare
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Oder: (K)ein Märchen vom Großwerden

BarfußhexreläxAm Abend mancher Tage schleicht sich so eine kleine Wehmut in die Gedanken. Und gemeinerweise hilft nicht mal, dass es Freudentage sind. Wie der Geburtstag des Hexensohnes vor drei Tagen. Da beugt sich der Lulatsch beim Beglückwünscht-Werden zu Mama herunter, nimmt sie liebevoll und ein bisschen gönnerhaft, wie’s die Gören halt heutzutage tun, in die Arme, und plötzlich weißt du: das geliebte und behütete Kind, zu Hexens Stolz mit all seinen Macken und Fehlern doch recht wohlgeraten, ist ein Mann geworden. Der sich in den Kopf gesetzt hat, zunehmend und mit Sicherheit auf sich selbst aufpassen zu können. Und auch wenn dus noch nicht so recht glauben magst, musst du wohl langsam zugeben, dass er Recht hat. 😉 Dabei hast du ihm doch grad erst noch die Rotznase geputzt, die Tränen seines kindlichen Weltschmerzes getrocknet und das aufgeschlagene Knie zugepflastert. Oder?

Am Abend solcher Tage ertappst du dich beim Kramen in Erinnerungen an die Glücksmomente und Katastrophen des Kinder-Großziehns und staunst, wo die Zeit geblieben ist. Fragst dich: werd ich jetzt alt? Quittierst in deinem erwachenden Altersstarrsinn die aufgefischte Suchanfrage eines forschen(den) Surfers nach „Hexen, die noch leben„, neben spontanem Grinsen mit einem energischen Kopfnicken: Na klar, na hier! Und wie! Und rettest zu guter Letzt auch noch eine irgendwann geschriebene Geschichte vom Selber-Kindsein aus den verwobenen Maschen des Internet in deinen aktuellen Blog, bevor die ganz und gar im www versinkt.
[Bei denen, die sie schon kennen, hoffe ich mal auf Vergebung für eventuelle Langeweile von wegen der Zweitverwendung. Denn erzählen werde ich sie nun trotzdem – tja, der verflixte Altersstarrsinn meine spätkindliche Trotzphase meine Märchentantenmentalität – ach, ihr wisst schon… 😉 ]

Es war einmal…
…und die Hexe war eine Fee

Glückliche Kindheit…Meine Kindheit verbrachte ich im Hause meiner Großeltern. Die Eltern hatten einen harten Arbeitstag und Großmutter erzog uns, mich und meine Schwester, in bester Absicht mit Strenge. Ja, auch Schläge gab es, Maßregelungen und viel Arbeit in Haus und Garten. Schließlich sollte wenigstens aus den Kindern der jüngsten Tochter etwas Ordentliches werden, wenn schon die älteste Enkelin kein Aushängeschild für die Familie geworden war.

Doch unser Kleinmädchensein trug einen Namen, warm und zärtlich wie eine Umarmung…

SIE war schon immer da, solange ich denken kann. Und schon immer alt. In der Mansarde unter dem Dach lebte sie – allein. Groß und hager, stark wie ein Kerl und sanft zu uns Kindern. Ihre Familie, den Mann, Sohn und Tochter hatte sie an den letzten Krieg verloren. Ein Bruder lebte weit weg, hinter einer Grenze, die eine Mauer war und die Entfernung nebensächlich werden ließ. Doch hatte ihr Schicksal sie nicht bitter gemacht. Sie war mit ihm und sich selbst im reinen, trug eine stille und natürlichen Würde in sich. Alle nannten sie nur die Marie.

Die MarieWir waren gern bei ihr oben, in ihrer heimeligen und geheimnisvollen Kammer, wo ein großer Regulator die Viertelstunden schlug, winters Bratäpfel hinter der eisernen Klappe im Kachelofen sangen und sommers Kräuterbündel unter dem Dachbalken trockneten.

Großmutter mochte es nicht, wenn wir sie besuchten. Als sie sah, dass Verbote nicht halfen, nannte sie sie manchmal eine Hexe, die mit ihren Kräutern und mit Sprüchen aus einem Buch Flüche und anderes Unheil über die Nachbarn bringe. Heute glaube ich, dass ihr vor allem die ungebändigte Freiheit, die wir bei Marie genossen, ein Dorn im Auge war. Es gab keine Tabus, kein „Das darfst du nicht!“ für uns – und dafür liebten und verehrten wir sie.

Wir räumten ihr das Geschirr aus dem Schrank, deckten damit festliche Tafeln und kochten für unsichtbare Gäste imaginäre Gerichte. Marie musste sie dann ‚essen‘ und sagen, wie gut es ihr schmeckte. Wir stritten uns darum, wer zuerst den kleinen Schubkasten aus dem großen, samtbezogenen Tisch ziehen durfte, in dem die Bilder ihres Lebens lagen. Alte, vergilbte Fotos ihrer Jugend, ihrer Lieben und ihrer wenigen kurzen Reisen, zu denen wir unzählige und immer wieder dieselben Fragen fragten, die sie mit unendlicher Geduld jedes Mal aufs neue beantwortete.

Doré: Rotkäppchen & WolfSie erzählte uns selbst erdachte Geschichten, denen wir andächtig und gebannt lauschten, in die wir uns als unerschrockene Helden hineinträumten. Und bevor wir Grimms Märchen selbst lasen, kannten wir dort oben unter dem Dach das Schicksal von Brüderchen und Schwesterchen, wussten um Rotkäppchens verhängnisvolle Begegnung mit dem Wolf und atmeten erleichtert auf, als Schneewittchen wieder erwachte. Wir lösten Marie das schüttere, graue Haar, das mit Nadeln zu einem Knoten gesteckt war, kämmten sie stundenlang, und aus den dünnen Flechten wurde der wunderschöne Rapunzelzopf oder Dornröschens blonde Lockenpracht, bevor wir sie mit Topfdeckelschild und Schürhakenschwert aus dem Turm retteten.

Marie lehrte uns den Wald lieben und nahm uns die Furcht vor dem finsteren Märchentatort. Wir sammelten mit ihr die harzig-roten Kiefernknorren, die die Forstarbeiter liegen gelassen hatten, und sie spaltete sie auf dem Hackklotz zu Hause in winzige Kienspäne zum Feueranfachen. Sie zeigte uns Pilze und Wiesenpflanzen, von deren heilender Wirkung sie wusste – und wozu sie sonst noch gut waren. Sie legte vorsichtig ihre Hand in einen Ameisenhaufen und erklärte uns in die ängstlichen Gesichter, dass die Bisse der Tierchen gegen Gicht helfen.

BachfüßelnWenn beim Heidelbeerensammeln der Eimer nicht voll werden wollte und wir die Lust verloren, sang sie mit uns. Viele dieser Lieder kenne ich noch heute. Im Winter stapften wir mit ihr über verschneite Lichtungen, im Sommer durch den tiefen Heidesand. Oder wir schlitterten und glitschten barfüßig tastend über die Kiesel am Bach. „Fühlt die Erde atmen“, beschwor sie uns so manches Mal flüsternd.

Als wir älter wurden, kamen wir kaum noch zu Marie. Wir teilten unsere neuen Geheimnisse mit Freundinnen und trafen uns mit Jungs, gingen tanzen und ins Kino. Sie nahm es ruhig hin – die Küken wurden flügge. Aber sie war immer noch da, half uns, heimlich den Saum der Röcke kürzer zu machen, tröstete bei Liebeskummer und handelte bei unseren Eltern die Zeit des Heimkommens von der Disco nach oben.

Als ich zum Studium in eine ferne Stadt ging und nur noch selten nach Haus kam, vergaß ich Marie immer mehr. Doch jedesmal, wenn ich wieder daheim war, klopfte ich an ihrer Tür, um nach ihr zu sehen und ihr das Neueste zu erzählen.

Sie starb im zweiten Jahr nach meinem Auszug von zu Hause. Still und sanft, wie sie gelebt hatte – und allein. Dass ich es erst bei meinem nächsten Besuch nach Wochen erfuhr, habe ich meiner Familie lange nicht verziehen.

An Tagen wie heute denk ich manchmal an Marie.

Sie gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Und sie war einer der wunderbarsten und prägenden Menschen in meinem Leben.

Hexentanz

Bilder: Gustave Doré: Little Red Riding-Hood; Bormann Verlag: Cover zu Ben Furman: Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben (Ausschnitt); der Rest hofft auf freundliche creative commons-Lizenz – eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.

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