Ein Liebeslied für Dshamilja

Juni 13, 2008 um 5:38 am | Veröffentlicht in 2008, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 8 Kommentare
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…und einem alten Kirgisen zum Abschied

ennt eigentlich noch jemand diese unsäglichen Fortsetzungsromane, die dereinst in jeder regionalen Tageszeitung geradezu obligatorisch waren? Und gibts die eigentlich heute noch, nun ja, außer bei der FAZ vielleicht? Ich hab sie immer gehasst, diese häppchenweisen Verabreichungen von – durchaus auch guter – Literatur mit deren willkürlicher Interruptio nach knallhart festgetackertem Spaltenvolumen. Die meinem angeborenen Lesehunger und meinen Lesegewohnheiten total zuwider liefen. Und hab sie trotzdem immer wieder gelesen, weil man nicht immer gleich und so einfach an die Bücher kam.

Tschingis AitmatowWieso mir das jetzt einfällt?
Eine aktuelle Meldung vor drei Tagen erinnerte mich wieder an die avantgardistische Veröffentlichung des “Weißen Dampfers” von Aitmatow in unserer familienpräferierten Haus- und Hofzeitung, den ich mir seinerzeit auf diese Weise angetan und erst als gebundene Ausgabe innig und tränengetauft ins Herz geschlossen habe.

Tschingis Aitmatow. Geboren 1928 unter Nomaden in den Weiten der kirgisischen Steppe. Sein Vorname erinnert an einen blutrünstigen Mongolenkhan, der lange vor seiner Zeit die halbe Welt erobert, Bibliotheken verbrannt und ganze Völker mitsamt ihrer jahrhundertealten Kultur verheert und vernichtet hat. Doch er selbst war einer, der die Märchen und Mythen seiner Heimat in seine Geschichten wob, die er über und unter uns brachte. Und ein ewiger (real)poetischer Streiter gegen die Zerstörung der Natur und des Menschen.

Ein realpolitischer war er auch zeit seines Lebens – in bereits ehrwürdigem Alter wurde er zum Vertreter der Perestroika, vor allem der Glasnost in ihr. Obwohl er das irgendwie schon immer war. International ist er auch als Initiator des Issyk-Kul-Forums bekannt geworden und bis vor kurzem war er gar noch Botschafter von Kirgistan in Frankreich und den Benelux-Staaten.

DshamiljaAitmatow gehörte noch zur Kriegsgeneration. Und der Krieg, der ihn und seine Zeitgenossen tief geprägt hat, geistert durch viele seiner frühen Erzählungen – so durch die anrührende Geschichte vom Schicksal und Verlust einer Mutter in “Der Weg des Schnitters”, bekannt auch unter dem Titel “Goldspur der Garben” (eine Schande btw, zu welchen Preisen heutzutag große Literatur bei amazon verhökert wird, nicht?). Seine späten Werke haben, obwohl sie wie alle seiner Schöpfungen das uns exotische Kirgistan als Ort der Handlung nie verlassen, zunehmend die großen Fragen des Mensch-Seins, unserer Welt und Umwelt („Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, ”Der Schneeleopard”), ja auch die Suche nach neuen Propheten (“Die Richtstatt”) zum Thema. [Anmerkung: Unser Ulrich Plenzdorf, jaja, der Vater von „Paul und Paula“ und Edgar Wibeau, hat nach letzterem unter dem Titel „Zeit der Wölfe“ und nach „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ („Ein Tag, länger als ein Leben“) zwei Theaterstücke geschrieben, veröffentlicht bei Suhrkamp.]

Doch berühmt geworden ist Tschingis Aitmatow schon mit seiner ersten Erzählung “Dshamilja”, später auch verfilmt, einer in ihrer Poesie und Emotionalität bezaubernden Liebesgeschichte. Sein französischer Schreiberkollege Louis Aragon nannte sie “die schönste Liebesgeschichte der Welt”. Und sie braucht es nicht, dass Hinz und Kunz darauf herumbeten, dass sie an DDR-Schulen Pflichtlektüre war…

Anlässlich seines diesjährigen runden Geburtstags haben seine Landsleute ihm zu Ehren 2008 zum Aitmatow-Jahr ausgerufen – im kommenden Dezember wäre Tschingis Aitmatow 80 Jahre alt geworden. Und noch im Mai war er bei Dreharbeiten zu einem Film im Wolgagebiet. Dort erkrankte er – und nun ist er am Dienstag in einer Nürnberger Klinik gestorben.

Ich liebe den Zauber, die große Poesie und Menschlichkeit und die lebendige Kraft, die aus seinen Geschichten atmen. Sie werden uns bleiben.

Der deutsche Barde Hannes Wader hat ein Lied über Dshamiljas Liebe geschrieben – und gesungen:

Sei es ein Abschiedslied für Tschingis Aitmatow…

Er zog den Jahrhundertweg

Bild- und sonstige Verwendungen: „Dshamilja“ – amazon; Hannes Wader „Am Fluss“ – youtube; der Rest – creative commons Lizenz.

Edit 1. Juli 2008:
Übrigens bin ich mit Herrn Amos vom Kurdistan-Portal (btw ein Dankeschön an dieser Stelle) vollkommen einer Meinung, dass das Video zum Wader-Lied mit seinen bayerischen Landschaften einen schmerzlichen Stilbruch zum musikalisch-thematischen Inhalt darstellt. Stimmt, vielleicht hätte ich das explizit erwähnen sollen. Ich konnte im Net nur leider keine andere Aufnahme auftreiben. Der wohlwollende Aitmatow- und Kirgistan-Freund schließe also die Augen und stelle sich dazu kirgisische Weiten vor…. 🙂

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