Moby Dick kam nicht bis Massachusetts

November 27, 2009 um 5:43 am | Veröffentlicht in 2009, Alles platti, Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Globe-Trottel, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt..., Werbehexe | 8 Kommentare
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Ein Update zu: Vor dem Mast und unter Segeln und: Mit Tschechow nach Marzahn

Vor dem Mast, ganz ohne schützende Kajüte, rackerte ich diesmal selber.

Vorletzten Dienstag, Berliner Tschechow-Theater in Marzahn.
Ich bin eingeladen. Ha, und Special Guest. Thema des Abends: siehe oben.

Vom Plattenbauhimmel regnet es Strippen. Wettermäßig also schonmal ein Minus für Feierabendkultur mitten in der Woche und für die Feuertaufe einer bestenfalls Backstage semibekannten Freizeit-Entertainerin. Ein Plus: die Reihe „Kultur der Welt“ ist etabliert und läuft regelmäßig, einmal im Monat. Noch ein Plus, das mindestens drei wert ist: weit und breit keine Konkurrenz. 😉

Geplant ist… nun, sagen wir, eine literarische Reise durch Neuengland. Genau genommen geht’s eher an dessen Küste entlang: durch die einstigen Walfängerhäfen von Nantucket und New Bedford, ein bisschen Boston und Harvard, ein bisschen Geschichte der Indianer und der alten Pilgerväter; dann, wie es sich für eine Hexe gehört, rauf nach Salem zum ollen Nathaniel Hawthorne und zurück über Cape Cod mit einer Prise Seefahrerromantik. Im Gepäck Moby -Titelbild für Massachusetts beim "Tschechow"Herman Melvilles dicken alten Wal und ein paar Bücher drumrum, zweidrei Rezepte zum Thanksgiving-Vogel und für das ungeschlagene chowderhafte Nationalgericht – das Ganze gut durchgerührt mit zwei Handvoll Walfängershantys.

Eine Stunde vorher da sein muss reichen für einen Schnelldurchlauf mit dem Techniker, der das Programm noch nicht kennt. Doch die Generalprobe fällt aus – meinen hergeborgten Laptop aus der Zeit der Erfindung des Morseapparates zum Pseudopowerpointpräsentieren zu überreden, kostet alles. Und der aufopferungsvolle Dompteur der Technik g i b t alles. Er umgarnt mich und und sich und die Bühne mit einem Gestrüpp aus Kabeln für Rechner, Beamer, Stereoanlage, zwei Leselampen und was weiß ich noch alles. Die Katastrophe scheint sich anzubahnen, als abenteuerliche Bildschirmzickereien mir meine im Akkord so wunderhübsch gebastelte Bilder- und Videoreihenfolge im Skript zerschießen und mein Helfer sich darin hoffnungslos verheddert. Na, das kann ja heiter werden!

Der Countdown läuft. Noch eine Viertelstunde… für angemessenes Hyperventilieren und Lampenfieber bleibt keine Zeit. Im Blick des braven Technikus die blanke Panik – als sei Moby Dick hinter ihm her. Das ist der Augenblick, in dem mich die Ruhe vor dem Sturm überkommt. Ich schenke dem Ärmsten mein schönstes Lächeln und mir den fälligen Herzkasper… setze mich hin und numeriere unsere zwei Achtseiten-Skripte per Hand neu durch.

Unser Theaterchen hat sich inzwischen gemächlich gefüllt. Nun ja, man will ja nicht grad behaupten, dass die Leut‘ sich um die Tickets balgten an diesem verregneten Abend, doch das Publikum ist klein, fein und erlesen und die Stimmung an den Cafehaustischchen erwartungsvoll. Eine Dame wedelt aufgeregt mit dem Programm: sie wollte sich heute eigentlich irgendwohin „Flussabwärts“ treiben lassen, bleibt aber trotzdem. Im Parkett links (also von mir aus rechts) hat sich, wie mir von Frau Intendantin gerade gesteckt, als besondere Herausforderung eine Vertretung der Marzahner schreibenden Arbeiter oder wie die heißen niedergelassen. Ja, schlürft nur euren Schoppen, das macht gute Laune, und die kann ich heut wie nix anderes brauchen. Ich selber hab bloß ’ne Kaffeeüberdosis und mein Hals ist ganz trocken.

Und dann geht’s los und es beginnt… nanu, nicht der Super-GAU? Wer hätte das gedacht. Dabei weiß doch jedes Kind, womit verhunzte Generalproben enden. Alles läuft super. Und das sogar trotz des alles entscheidenden Geständnisses gleich als Einstieg: Moby Dick kam nicht bis Massachusetts – schlimmer, die Reiseveranstalterin auch noch nie. Wenn man mal vom Schwimmen durch einen dicken Melville-Roman und das Internet absieht. Die geneigte Anwesenheit quittiert meinen Vorschlag, für einen derart riskanten Trip lieber das Eintrittsgeld zurückzufordern, mit einem Lacher statt allgemeinem Aufbruch. Na also, geht doch! Die Stimme räuspert sich frei und bei ihrem forschen Befehl zum Segelsetzen klettert das seefeste Publikum munter in die Wanten der Pequod und mitten hinein in den alten John-Huston-Schinken von 1956, den ich ja immer noch für den Moby-Film aller Filme halte…

Ungefähr anderthalb Stunden später gehen wir von Bord. Aufgekratzt schwatzend, vom Seewind gegerbt, mit schwankendem Matrosengang. Schütteln uns eine Zeitreise auf der alten “Mayflower” aus den zerzausten Haaren und jede Menge Seesand aus den Schuhen. Haben kichernd von Herrn Melville höchstpersönlich erfahren, dass die Nantucketer die Ostfriesen Neuenglands sind und wie wohlig Ismael und Queequeg beim Chowderlöffeln in Mrs. Husseys Kaschemme schmatzen. Wir mussten mitansehen, wie übel die ach so gottesfürchtigen Pilgerväter den gastfreundlichen Ureinwohnern mitgespielt haben. Durften den eigenen staunenden Augen trauen, dass ein unzufriedenes Filmvolk imstande ist, Father Orson Welles‘ Mapples von der Regie erfundene Schiffsbugkanzel in eine reale Seemannskirche zu klagen. Wir wissen jetzt, warum dereinst hungrige Iren gen Amerika segelten, und dank einem schiffbrüchigen Seemann und einem seetüchtigen Literaten auch, wie ein echter Pottwal echte Schiffe versenkt. Wir haben uns in einem brodelnden Hafenbecken unter die Akteure der Boston Tea Party gemischt. Sind am Haus mit den sieben Giebeln des neuenglischen Schreibergottes vorbeigeschlendert, das immer noch steht in Salem. Und haben mit den daselbst ansässigen barfüßigen Hexen getanzt, die sowieso keiner vergisst, der das einschlägige Stückchen Kult-Zelluloid von anno dunnemals noch irgendwo im Hinterkopf hat.

Ach ja, fast hätte ichs vergessen, spontan wird auch ein Publikumsliebling gekürt: Ranzo, der Chanteyman von Massachusetts, samt seinem natürlichen und für Walfängerlieder gemachten Klangkörper. Der steht laut seinem Youtube-Profil auf harmony, dissonance, music, noise, rum, truth, tea & cookies, singt mit sich selber im Duett oder gar im Trio und avanciert einhellig zum Kuschelseebären des Abends. (Der Verwendung seiner Tonbeispiele hat er beiläufig offiziell zugestimmt.) Meine aus Zeitgründen vorgesehene Kürzung seines zurechtselektierten Repertoires wird von der virtuellen Reisegruppe mit grummelndem Protest bedacht und muss als Zugabe nachgereicht werden. Ist das nicht das, wovon man immer mal geträumt hat?: mit Leuten in einem Boot sitzen, die eine Wahl hatten… für das Boot.

Die Frage des Abends (aus dem Parkett links): „Aber Sie sind doch gegen den Walfang?“

Und was das Beste ist: mein finaler Werbespot für eine Fortsetzung der Veranstaltung – die für nächstes Jahr einzufädelnde Moby-Dick-Bloglesung nämlich – wird ebenso gefeiert wie die Aussicht, als Soundtrack dazu die süddeutschen Folker What about Carson in der Hauptstadt mal live zu erleben. Deren wieder mal passende und frechfröhlich über den Küstenhaken von Cape Cod lärmende Sally Brown überaus gut ankommt.

Fazit: Moby Dick kam zwar nicht bis Massachusetts. Den Leuten vom “Tschechow” ins Blut aber schon.

Bilder: Moby Dick: Via, bearbeitet. Mayflower: Stuff from Room 311.
Video: Selber gebaut – zu: Der Hund Marie: Moby Dick. Aus: Hooligans & Tiny Hands. 2006.

Heißen Seemannsdank nochmal an den Wolf, für die Hilfe beim Soundtrack.

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Vor dem Mast und unter Segeln

April 2, 2009 um 12:05 am | Veröffentlicht in Bücherhexe, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Blogroll, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Werbehexe | 4 Kommentare
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Kartoffel-Content und ein bisschen SchleichWerbetrommeln in eigener Sache für einen großen alten Wal

buchstabe_wenn ich hier nix blogge, heißt das nicht i m m e r, dass ich überhaupt nix blogge. Manchmal blogg ich dann ja doch was – woanders. Und eine Handvoll treuer Plattenbaustammtischleser weiß es vielleicht: dass die Hex‘ auch noch eine
Wa(h)lheimat hat bei WordPressens. Auf einer Art Fliegendem Holländer namens “Pequod”, hoch in den Wanten und auf schwankenden Planken. Auf denen sie gemeinsam mit ein paar gar nicht so ungehobelten Kerlen, virtuellen Seebären mit Herz und Seele, M+M (Moby Dick + Melville) und allerhand anderem maritimem und literarisch-musi(kali)schem Zeug über alle Meere hinterherjagt.

KartoffelnIhr jüngster Fang, vor einer halben Handvoll Tage mit emsigen Fingern im SchleppInternetz aufgebracht und zurechtgetippt, war nun zwar kein Wal, vielmehr… öhm… Kartoffeln. Doch lassen sich die hier ganz gut verhökern. Wurde doch nicht nur hart am Wind vor der irischen Küste und zu Lande auf der Grünen Insel gefischt, sondern auch in preußischer Historie. Und wenn das nicht genauso gut ins Berliner Hexenbloghaus passt, soll mich auf der Stelle der Klabautermann holen.

Wohlan also, Freunde der Kartoffel, der Seefahrt und nerdigen Bildungs(lücken)bloggens! Wen zum Beispiel interessiert, was der Alte Fritz ausnahmsweise mal auf dem Sektor ziviler Wohltaten statt militärischen Drills gerissen hat oder in einem tragischen Kapitel aus der Geschichte der Iren und ihren westwärts segelnden Coffin Ships zu suchen hat, der lese Hexens

nebenan Gebloggtes.

Wer an unserm ganzen Schiff mal längsseits gehen mag und keine Angst vor hohem Wellengang hat – bitte hier lang schwimmen. Den Käpt’n und die Mannschaft täts freuen.

Nebenbei und vorab sei schon mal verraten, dass hier für irgendwann demnächst eine Extra-Seite mit Empfehlungslinks zu Lesens-, Hörens- und Sehenswertem ausm Moby-Dick-Blog geplant ist. –

Weil ich eben dort a u c h ein Zuhause hab.
Weil die Mannschaft tipp-topp ist. (Hallo Jungs! 🙂 )
Weil sie mit Hingabe schreibt, es kann und es verdient hat.
Weil Herman Melville und die Weltliteratur es auch verdient haben.
Weil ein fetter Fisch kein dicker Wal, ein dicker Wal noch lange nicht
Moby Dick und Moby-Dick zwar Weltwal, doch niemals ein Babel Fish ist.
Weil Seefahrerromantik die Mutter aller Piratenfilme, aller Fern- und Sehnsucht
und die große schöne Schwester jeder noch so naseweisen Plattenbauromantik bleibt.

hochseehex-disn-zuschnWorauf wartet ihr? Husch, Segel setzen und mit schäumender Bugwelle ab in den Frühling! Und dann vielleicht zu ’nem gepflegten kleinen Gam bei der Pequod vorbeischippern? 😉
Gerne auch öfter.

Eure Hochseehex‘

Song: Richard Thompson: Mingulay Boat Song, Aus: Rogues Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006. – Video von wolfgpunkt auf youtube. Und natürlich hier aufm Schiff.

Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren

März 1, 2009 um 4:10 pm | Veröffentlicht in Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 Kommentare
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Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen 😉 )

Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ’ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.

segelschiff-1

buchstabe-n2-zuatürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?

Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.

mermaid-romant-via-never-sea-landDoch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…

Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?

So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.

“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”

Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”

Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.

“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”

“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”

“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”

“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”

“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”

Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:

“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“

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“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”

“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ’ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“

„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”

“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“old_humpty_dumpty-zustre

“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“

“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ’ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“

„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“

„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“

„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“

„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“

„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“

„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“

„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“

Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.

Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…

Keiner?

schmitz_mobyMoby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‚Weltverändern‘, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”

Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…

“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”

*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.

Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.

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