Spätsommergewitter

August 25, 2009 um 11:54 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Bilderhexe, Bloghexe, Hexenblabla, Hexenlieder, Hexentanz, Real-Poetisches, Spielwiese, Wetter-Hexe, Zuhaus-Hexe | 5 Kommentare
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Hmm… das soll Urlaubswetter werden? Na, ich weiß ja nicht.

gewitterhimmel ohne rb häuser
regen an der Fensterscheibe
Regenbogen kla Karreeregenbogen mit hochhäusern vk

Der Sommer atmet aus

buchstabe b 1öen pfeifen um die Eckeregenschirm marg vkl
und ein Windstoß – so ein Schuft! –
zerrt mich dreist dort in die Hecke,
zaust mein Haar, nimmt mir die Luft.

Ein Hut und Nachbars Abendzeitung
spielen Haschmich übern Platz,
Mutter Nachbar voll Verzweiflung
hinterher, doch – für die Katz‘.

Im Blitz-Licht posen Sturmwindsbräute,
ein Donner grollt, was uns gleich blüht,
ein Nass klatscht auf versprengte Häute,
alles rennet, rettet, flieht.

Vor dem Fenster dräut das Wetter –regenflugobjekt5_2
Dieser Sommer atmet aus.
Schirme zu Rhabarberblättern
formt verschmitzt er außer Haus.

Doch noch hat er sich nicht verzogen,
weiß, was sich schickt so hintennach:
malt tröstend einen Brückenbogen
zum Drüber-GSehn uns übers Dach…

Ist’s das wirklich schon gewesen –
Sommerbarfußmädchenglück?
Gut. Von heut an bis zum nächsten
lieb ich mich dahin zurück.

Jaah… der gute alte Regenschirm; wollte wer so einer sein?: in einem richtigen Wolkenbruch, der von allen Seiten regnet (manchmal sogar von unten), der so vieles davonweht und -schwemmt, ist er zu nichts nütze. Und wenn’s dann wieder sommert und die Pfützen fußwarm sind, wird er in der Ecke oder an einem einsamen Haken vergessen. So richtig was wert ist so einer einem vielleicht doch nur bei einem laaangen langweiligen Landregen……?

Der musikalische Sommerschlussverkauf hat heute was Einschlägiges für Ostrock-Fans, von einer, die es konnte, wie ihre Jungs auch – Tamara Danz. Unvergessen und unvergesslich… groß…

Hmjah… das lürüsche Gewitter oben ist Hexenwerk. Hobby-Poesie – nur ein Spaß. Seid also nachsichtig mit mir, Gereimtes hab ich seit Jaaahren nicht mehr öffentlich gemacht.

Quellen: Die Bilder sind noch regenfeucht, von von eben und vom Samstagswolkenbruch über Berlin. Selber gemacht, bis auf die Regenschirme – dort nur das mausgezitterte fliegende Kritzelmädchen. 😉
Video: Silly: Bye Bye my Love. Aus: Bye Bye… – Best of Silly Vol. 1 (1996). Via youtube.

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Vor dem Mast und unter Segeln

April 2, 2009 um 12:05 am | Veröffentlicht in Bücherhexe, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Blogroll, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Werbehexe | 4 Kommentare
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Kartoffel-Content und ein bisschen SchleichWerbetrommeln in eigener Sache für einen großen alten Wal

buchstabe_wenn ich hier nix blogge, heißt das nicht i m m e r, dass ich überhaupt nix blogge. Manchmal blogg ich dann ja doch was – woanders. Und eine Handvoll treuer Plattenbaustammtischleser weiß es vielleicht: dass die Hex‘ auch noch eine
Wa(h)lheimat hat bei WordPressens. Auf einer Art Fliegendem Holländer namens “Pequod”, hoch in den Wanten und auf schwankenden Planken. Auf denen sie gemeinsam mit ein paar gar nicht so ungehobelten Kerlen, virtuellen Seebären mit Herz und Seele, M+M (Moby Dick + Melville) und allerhand anderem maritimem und literarisch-musi(kali)schem Zeug über alle Meere hinterherjagt.

KartoffelnIhr jüngster Fang, vor einer halben Handvoll Tage mit emsigen Fingern im SchleppInternetz aufgebracht und zurechtgetippt, war nun zwar kein Wal, vielmehr… öhm… Kartoffeln. Doch lassen sich die hier ganz gut verhökern. Wurde doch nicht nur hart am Wind vor der irischen Küste und zu Lande auf der Grünen Insel gefischt, sondern auch in preußischer Historie. Und wenn das nicht genauso gut ins Berliner Hexenbloghaus passt, soll mich auf der Stelle der Klabautermann holen.

Wohlan also, Freunde der Kartoffel, der Seefahrt und nerdigen Bildungs(lücken)bloggens! Wen zum Beispiel interessiert, was der Alte Fritz ausnahmsweise mal auf dem Sektor ziviler Wohltaten statt militärischen Drills gerissen hat oder in einem tragischen Kapitel aus der Geschichte der Iren und ihren westwärts segelnden Coffin Ships zu suchen hat, der lese Hexens

nebenan Gebloggtes.

Wer an unserm ganzen Schiff mal längsseits gehen mag und keine Angst vor hohem Wellengang hat – bitte hier lang schwimmen. Den Käpt’n und die Mannschaft täts freuen.

Nebenbei und vorab sei schon mal verraten, dass hier für irgendwann demnächst eine Extra-Seite mit Empfehlungslinks zu Lesens-, Hörens- und Sehenswertem ausm Moby-Dick-Blog geplant ist. –

Weil ich eben dort a u c h ein Zuhause hab.
Weil die Mannschaft tipp-topp ist. (Hallo Jungs! 🙂 )
Weil sie mit Hingabe schreibt, es kann und es verdient hat.
Weil Herman Melville und die Weltliteratur es auch verdient haben.
Weil ein fetter Fisch kein dicker Wal, ein dicker Wal noch lange nicht
Moby Dick und Moby-Dick zwar Weltwal, doch niemals ein Babel Fish ist.
Weil Seefahrerromantik die Mutter aller Piratenfilme, aller Fern- und Sehnsucht
und die große schöne Schwester jeder noch so naseweisen Plattenbauromantik bleibt.

hochseehex-disn-zuschnWorauf wartet ihr? Husch, Segel setzen und mit schäumender Bugwelle ab in den Frühling! Und dann vielleicht zu ’nem gepflegten kleinen Gam bei der Pequod vorbeischippern? 😉
Gerne auch öfter.

Eure Hochseehex‘

Song: Richard Thompson: Mingulay Boat Song, Aus: Rogues Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006. – Video von wolfgpunkt auf youtube. Und natürlich hier aufm Schiff.

Pierrots, Pin-ups, Puzzleteile

März 22, 2009 um 10:10 pm | Veröffentlicht in Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Sexy Hexi | 5 Kommentare
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Heute ist mein Computer nach einem akuten Infarkt und etlichen Tagen aus dem Koma erwacht. Er lebt jetzt mit einem Spendernetzteil – wie’s mir grad vorkommt, etwas langsamer – und bittet, alle zwischenzeitlichen Verspätungen und Versäumnisse mit Nachsicht zu behandeln. So hätte nämlich in der verflossenen Woche neben und vor Sonstigem zwei Bildermenschen und Meistern ihrer Linie gedacht werden sollen…

aubreybeardsley-portrat-von-frederick-evans 1894buchstabeder erste war ein schmächtiges, schwindsüchtiges Kerlchen von Kindheit an. Mit einer ärztlicherseits prophezeiten Lebenserwartung, die ihn zunehmend in schöpferische Unrast trieb und ihn tatsächlich im Alter von nur 25 Jahren das Zeitliche segnen ließ – letzten Montag (16. März) vor 111 Jahren.

Zeichnerisches und karikaturistisches Talent hingegen besaß er für ein ganzes Künstlerseminar. Aubrey Beardsley, 1872 im britischen Brighton geboren, machte sich schon in der Grundschule bei seinen Lehrern mit Spottkritzeleien beliebt, deren Objekt vor allem sie selber waren. Seine recht frühe Erwerbslaufbahn begann dann zunächst weniger künstlerisch, als Schreiber in einem Londoner Architekturbüro und bei einer Versicherung. Was ihn ebenso wenig wie sein Siechtum davon abhielt, nebenher autodidaktische Studien der Literatur und Kunst zu betreiben. Ein Initiativbesuch des offenbar mit einer weit robusteren p s y c h i s c h e n Konstitution ausgestatteten Jünglings bei Sir Edward Burne-Jones, exponiertem Vertreter der Präraffaelitischen Bruderschaft, brachten ihm dessen Förderung und zum ersten Mal professionelle Kurse an der Westminster School of Art ein.

Ge(un)dankt hat er es den Brüdern, denen er anfangs durchaus in seiner Art zugehörte, dadurch, dass er mit seinem Genie den Präraffaelismus totzeichnete, wie es der Österreicher Franz Blei später in seinem Nachruf nannte. Er eilte von Stil zu Stil und stellte aus denen seine eigenen Mischungen her. Zeichnete immer unter dem Einfluss dessen, was er sich selbst gierig aneignete, sei es die Musik, die antike oder französische Literatur oder der japanische Holzschnitt. Und sich stets bewusst, dass ihm zum Weben an ehrwürdiger Berühmtheit keine Zeit blieb. Er wollte ‚in‘ sein, spektakulär, wollte schnellen Ruhm und Ruch. Und bekam beides.

Beardsley_MaloryDie Illustrationen zur prachtvollen 1894er Edition von Thomas Malorys „Le Morte d’Arthur“ waren 1892 die erste Auftragsarbeit eines Verlegers an den knapp Zwanzigjährigen. Für die zweite, die Bebilderung der “Salome” Oscar Wildes als englische Erstausgabe, engagierte ihn selbiger höchstpersönlich vom Fleck weg, nachdem er eine Zeichnung Beardsleys zum Salome-Motiv in einer Kunstzeitschrift gesehen hatte. Der Strich in manchen der Salome-Zeichnungen lässt mich manchmal an den moderner Modedesigner denken. Zwischen den beiden so eigenwilligen wie eigensinnigen Künstlern führten sie allerdings zu einem Zerwürfnis. Denn Wilde fand sie zu ‚japanisch‘. Woraufhin der gekränkte Beardsley, dem jeder Kritiker ein Feind war, ihn mehrfach bissig und höhnisch karikierte.salomes-tanz Wilde-_savoy

Bekannt sein sollten auch seine Zeichnungen zu den Short Stories von Edgar Allan Poe, wie alles andere lediglich ein Mosaiksteinchen unter mehr als 1000 Illustrationen, Karikaturen, Buchvignetten, Ex Libris, Titelseiten und Plakaten, die in nur sechs Jahren exzessiven Schöpfertums entstanden.

Ein weniger jugendfreies Feld seines Schaffens bestellte Beardsley als Mitherausgeber und Illustrator der Literaturzeitschrift “The Yellow Book”, deren Titel sich an das unsittliche Yellow Book aus dem Oscar-Wilde-Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” (1890) anlehnte, das in Wildes späterem Unzucht-Prozess (1895) ein Rolle spielte. Die erotischen, bisweilen nahezu pornografischen Inhalte seiner Zeichnungen im federführenden Journal des britischen Ästhetizismus bescherten ihm begeisterte Fans ebenso wie empörten, steinewerfenden Mob und zementierten seinen Ruch und Ruhm. Gleiches widerfuhr ihm mit dem als Konkurrent zum Yellow Book aufgestellten “Savoy”, das unter anderen seine als anstößig und skandalös empfundenen Illustrationen zu Aristophanes‘ “Lystistrata” veröffentlichte.

Bereits zu seinen Lebzeiten war Beardsley so bekannt, dass sein Stil mehrfach im “Punch”, der Urheimat des Cartoons, parodiert wurde. Die Rolle des Schriftstellers Audrey Beardsley, in der er der Nachwelt kaum mehr als eine unvollendete Erotiknovelle (“Under the Hill”) hinterließ, ist hingegen marginal.

In der Hoffnung auf ein mit Gott versöhntes Ableben konvertierte er 1897 zu den Katholiken und starb 1898 im südfranzösischen Schoß der Kirche.

Der andere der Zwei ist von überm Großen Teich. Und hätte letzten Sonntag einen halbrunden Geburtstag von stolzen 95 Lenzen feiern können, wäre er nicht bereits mit 66 verschieden. Was im Vergleich zum Ersteren immerhin etliche Jährchen mehr Schaffenszeit bedeutete. Und er und Beardsley haben womöglich mehr gemeinsam als der Schein trügt. Selbst wenn man nur die Erotik in der Darstellung hernnähme, mit der es beide so unverhohlen hatten, wenn auch jeder auf seine Art.
elvgrenhi-ho-silver-cowgirl1969_happy-jolly
Gil Elvgren, seines Zeichens Werbezeichner und Illustrator, ist einer der wohl berühmtesten Glamour- und Pin-up-Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer immer noch weltumspannenden Fangemeinde. Denn wer kennt sie nicht, die leichtgeschürzten sexy Elvgren-Girls, denen in seinen humorigen Motiven so oft ein kleines Ungeschick die Strumpfhalter oder andere Kleiderteile bis zum Hals lupft? Also ich kenne keinen, jedenfalls keinen der nicht wenigstens einen kennt, der die kennt…

Der richtige Strich...Der verhinderte Architekt (der feststellte, dass er lieber zeichnete als Großformatiges zu entwerfen) begann seine Karriere in den Dreißigern mit Zeichnungen für einen Modekatalog. Wurde später für gutes Geld von Brown and Bigelow, einem der in den 40er Jahren weltweit größten Kalenderherausgeber, engagiert, mit dem sein Name fortan fest verbunden war. In dieser Zeit lernte er auch Haddon Sundblom, den Schöpfer des Coca-Cola-Santa, kennen, der sein Freund und Mentor wurde. Elvgren bewunderte Sundblom und wurde neben der Tatsache, dass dieser ihm zu seinen Arbeiten für die berühmte Marke verhalf, in seiner Kunst nicht unerheblich von ihm beeinflusst.

Elvgrens Zeichnungen waren in der Werbe- und Zeitschriftenbranche, bei Unternehmen mit Rang und Namen, hochgefragt und hochbezahlt, sein Aufstieg steil und nicht aufzuhalten. Auf einer der zahllosen Elvgren-Seiten fand ich eine schlüssig einfache und augenzwinkernde Beschreibung für das gewünschte und praktizierte Pin-Up-Konzept:

elvgrenupsetting_upset_gestrandet1969_happyjollyHe felt the ideal pin-up was a fifteen-year-old face on a twenty-year-old body, so he combined the two. An Elvgren model was never portrayed as a femme fatale. She is, rather, the girl next door whose charms are revealed in that fleeting instant when she’s been caught unaware in what might be an embarrassing situation. Gusting winds and playful plants grab at her lovely, long legs. She is intruded upon as she takes a bath. Her skirts get caught in elevator doors, hung up on taps, and entangled with dog leashes. The elements conspire in divesting her of her clothing.

Und auch wenn das eine oder andere Detail im Wandel der Zeiten modifiziert wurde: das sind sie, die Elvgren-Girls, und so lieben sie Millionen – bis zum heutigen Tag.

*
**
***

Zeitverzögert aus o.g. Gründen auch der Epilog:

Da schrob ich so vor mich hin über Zwei, die ihr Handwerk und die Linie exzellent beherrschten. Und grübelte – ob ich nun mit gemeint war oder nicht – über eine beinahe artverwandte Spielaufgabe nach: ein Titelbild für Herman Melvilles “Mardi” zu schustern.

Ich sah vor oder in mir das Bild einer von der Mitte her ausfransenden Südseeidylle – rund wie die Welt und voller Buchten und Riffe wie die Menschen…

ertrinkende-augen1lianen-stchsah zwei Mandelaugen hinter
einem Vorhang aus Lianen,
ein Kanu am Strand.
Sah üppige Natur hinter
Kanu am Strandwasserschleiereinem Schleier aus Tropfen,
ein Segelschiff am Horizont.
Sah Wildheit und Stille,
Inseln und Meer.
paradiesvogel21segelschiff-stchFühlte Klarheit und Mysterium,
raue Kraft und
weiche Schönheit.
Hörte wispernde Poesie
Regenbogensudseeinseln-stchund knorrige Worte. —
Sah einen Regenbogen,
der alles umschloss
und wie alles zerfloss…

Ich sah lauter Puzzleteile zu einem Mosaik und beschloss, – wo wir grad beim Schustern waren – bei meinem Leisten zu bleiben und nichts draus zu zeichnen noch zu fügen. Die Gefahr des Hobbystümperns schien zu groß. Und solches hätte Mardi nicht verdient…

Das Sinnen und Spinnen im Nachtrab sei mir verziehen: gestern war schließlich Welttag der Poesie. 😉

kleines Schiff auf kleinem Meer

Bilder: Frederick Evans: Porträt Aubry Beardsley (1894) – via johncoulthart.com. Aubrey Beardsley, „How Sir Bedivere Cast the Sword Excalibur into the Water“. Illustration from: Sir Thomas Malory, Le Morte d’Arthur. 1894 – Wikipedia. A. Beardsley: The Stomach Dance. „Salomé“, Oscar Wilde 1907 ed. – via wormfood.com. Gil Elvgren: Pin-ups 1-3 via happyjolly.com. Blaues Boot – meins.
Video: Television Personalities: A Picture of Dorian Gray – via youtube.

Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren

März 1, 2009 um 4:10 pm | Veröffentlicht in Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 Kommentare
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Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen 😉 )

Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ’ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.

segelschiff-1

buchstabe-n2-zuatürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?

Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.

mermaid-romant-via-never-sea-landDoch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…

Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?

So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.

“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”

Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”

Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.

“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”

“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”

“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”

“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”

“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”

Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:

“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“

humpty_dumpty-pic-art-von-mc-partlin1

“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”

“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ’ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“

„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”

“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“old_humpty_dumpty-zustre

“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“

“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ’ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“

„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“

„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“

„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“

„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“

„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“

„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“

„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“

Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.

Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…

Keiner?

schmitz_mobyMoby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‚Weltverändern‘, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”

Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…

“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”

*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.

Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.

„I get a little warm in my heart…“

Februar 21, 2009 um 4:25 pm | Veröffentlicht in Bloghexe, Dings des Tages, Fest-Platte, Real-Poetisches, So Momente halt..., Wetter-Hexe | 5 Kommentare
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buchstabe_ach, man kommt einfach zu gar nix mehr vor lauter Existenzerhaltung und Schneeschippen. Selbst das heutige Dings des Tages ist längst überm Verfallsdatum, weil schon von gestern. Wenigstens ist es… hmm… rund. Dochdoch, ziemlich rund sogar. War es jedenfalls gestern noch. Viel mehr weiß man allerdings nicht über das Dings, auch heute noch nicht. Und genaugenommen ist’s eigentlich alles andre als ein Dings…

>>>>> Und: NEIN, das hier ist KEIN Gewinnspiel!!! <<<<<

Gesucht wird – tadaaa! – der B e s u c h e r des Tages, also des gestrigen jetzt, –
der 100 000ste in meinem kleinen Bloghaus nämlich.

screenshot-statistikausschnitt100-0001

Erstaunlich genug, dass bei meinen eher sporadischen privaten Geistesergüssen inzwischen täglich stabil an die zweihundert Leser und Sucher hierher finden.

Und Grund genug, euch einmal DANKE zu sagen für eure Aufmerksamkeit und treue Begleitung, eure Kommentare und Ermunterungen. Und für die Aha-Erlebnisse und Lachanfälle und das Kopfschütteln beim Lesen der Suchbegrifflisten.
(Snüff, hat mal jemand ’n Taschentuch? Hehe, und keine Presse bitte, den Schampus trinken wir selber. 😉 )

Glaubwürdige Anwärter auf den GAST DES TAGES, die sich gestern so gegen halb Elf am Vormittag hier rumgetrieben haben, werden gebeten, sich zu outen oder sich vertrauensvoll an das Hexenhausmanagement zu wenden. Sie werden persönlich beglückwünscht und dürfen sich ihren für diesen Anlass von mir selber gepflückten Eisblumenstrauß und eine Tafel Blogschokolade hier abholen.

eisblumenstrausblogschokolade

Wer die Glasscheiben zwischen dem bizarr gewachsenen Zeug nicht so dolle mag, hat auch die Wahl zwischen einem Schneebusch (originaal vom sonst matschigen Bersarinplatz in Friedrichshain) und was Frühlingsbuntem (ausm Blumenladen oder Amsterdam).

schneebusch-1-bersarinfruhlingsstraus-zusch

Sonst war gestern ein Tag wie jeder andere, an dem es nur eins im Überfluss gab: Schnee, Schnee, Sch… neee! (Oder hab ich das schon erwähnt?) Der von dieser Woche reicht mttlerweile für zwei Winter, erst recht in der Großstadt, wenn ihr mich fragt. Er fängt nachts im Dunkeln heimlich als fluffiges Geflausch an und wird am Tag zu klatschigem Knetteig. In dem Nachbars Zwerge aus müden Quengelplagen zu besessenen Bildhauern von Schneemann-, Schneefrau- und -kindskulpturen mutieren, mit glühenden Wangen und blanken Augen. Und sogar ich mit meiner barfüßigen Sommerseele finde die Winterromantik in dem Zuckerweiß, das die graue Trostlosigkeit zudeckt… bis ich in der Früh schon wieder mal mein Auto unter einem Schneehügel ausgraben muss und die jungfräuliche Weiße am Straßenrand sich in ineinanderfließende Muster aus Dreckspritzern auflöst.

sonnenaufgang-ausm-11-stocksonnenaufgang

So hält sich die romantische Schneeversunkenheit in gesunden Grenzen Sogar wenn sie einen atemberaubenden Sonnenaufgang als Anwalt hat – oder gibt es in dieser verrückten, zweckorientierten Welt noch jemanden, der sich traut, einen solchen nicht kitschig zu nennen und sich selber als unverbesserlicher Realpoet zu bekennen? 😉

Halt, stopp, so geht das aber nicht! Schließlich ist man sich und dem zweiten Teil seines Blogtitels was schuldig. Deshalb gibts jetzt noch eine Portion Nachschlag an Winterromantik – von einer, die es kann!

“I get a little warm in my Heart when I think of winter…”

Bilder: Blogstatistik – Ausschnitt aus Screenshot. Schneebusch und Sonnenaufgang (2) – selber gemacht. Die andern – keine Ahnung.
Song: Tori Amos: Winter. Aus Little Earthquakes. 1992. – Via youtube.

Das Dings des Tages…

Januar 14, 2009 um 11:41 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Bloghexe, BlogMist, Dings des Tages, Drumherum und anderswo, Hexentanz, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Zuhaus-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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wild-thing…ist ein Versuch, durch mehr oder weniger regelmäßige Futtergaben für diese neu erschaffene Rubrik des Hexenblogs einen therapeutischen Beitrag zur Selbstdisziplinierung der ansässigen Besenfliegerin zu leisten. Und zu besserer Ausnutzung ihrer oft spärlichen Zeitreserven. Vor allem und zuvörderst aber, die Plattenbauromantik, die mitnichten so ärmlich ist, wie sie für sich Manchen vielleicht anfühlt, und natürlich erst recht den geneigten Leser nicht weiter so scham- und lieblos vor sich hin hungern zu lassen. 😉

Ähm… was noch lange nicht heißt, dass die Fütterung täglich erfolgt, nur nicht gleich überfressen übertreiben. Dennoch handelt es sich hierbei eindeutig und ohne Frage um ein Projekt „Gute Vorsätze fürs neue Jahr“. Na, schaun wir mal.

Die etwas diffuse Namensgebung soll dabei kein Im-Trüben-Fischen, Im-Dunkeln-Tappen, Im-Nebel-Stochern oder ähnlich Unentschlossenes suggerieren. Nein, sondern derdiedas Dings des Tages will uns lediglich ein sonniges Offenhalten aller Optionen für Bemerkenswertes, Lustiges, Ab- und Tiefgründiges, Helden- und Zauberhaftes oder auch ganz und gar Unnützes bedeuten. Ich lasse mich da mal selber überraschen. Man fängt ja irgendwann an, seinen Blog auf Schritt und Tritt in sich mitzuschleppen, wenn ihr wisst, was ich meine. 🙂 In diesem Sinne.

Sozusagen als Premierendings – tadaaa! – darf ich vorstellen?:

Der Nachzügler des Tages!

oller weihnachtsbaum

Entdeckt bei mir vorm Haus einzwei Stunden nach der jüngsten Abholung der nadelnden Weihnachtsüberreste. Man hofft für ihn, der ja – unwissend und schuldlos – diese Verspätung nicht selbst zu verantworten hat, dass die BSR-Muskelmänner ihn bei ihrer unwiderruflich letzten Runde für dieses Jahr noch finden. Und denkt wieder mal an das traurige Ende des eitlen kleinen Tannenbaums vom Hans Christian Andersen.

Wenigstens liegt er brav und unaufdringlich in der ihm zugewiesenen Ecke. In meinem Friedrichshainer Dienstbezirk kollern diese abgewrackten Stachelviecher hemmungslos vor deinen Füßen übern Gehweg. Und du hebst verunsichert und fluchtbereit den Blick nach oben, weil du nicht sicher sein kannst, ob sie nur der verspielte Nordost dorthin geweht hat oder doch die hauptstädtischen Südschweden bei einem nicht näher benannten Möbelhaus Knut feiern gelernt haben. (Ich werd den Teufel tun und hier Schleichwerbung begehen!)

Passt also schön auf, dass euch nix auf den Kopf fällt, lernt lieber was über das Maibaumwerfen in meiner weiland Heimat. Und nicht verzagen! Denn eins ist sicher: der nächste Frühling kommt bestimmt.

Bilder: Wild Thing: allposters.de. Bummelbaum: Selbereigenes.
Song: Die Ärzte: die Ärzte Jäg Alskar Sverige. Via youtube.

Und ewig bloggt das Weib

Januar 19, 2008 um 9:10 pm | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, BlogMist, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 5 Kommentare
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Und täglich bloggt…Oder es bloggt und lockt halt auch mal ewig nicht. Wie die Hex‘. Das ist nun mal der Fluch eines kräftefressenden und mobilen Fulltime-Jobs, bei dem lustiges, sich zunehmender Beliebtheit erfreuendes Blogging on the Job von vornherein flachfällt. Der GeldSegen desselbigen lässt auch auf sich warten. – Tsja, selber schuld, werkelt doch meinereine im falschen Sektor wider besseres Insiderwissen. „Det Sozjale is en armet Waisenkind“, wie der Berliner sacht.

Doch da ist nun – jedenfalls für eine Hex‘ wie mich mitsamt ihrem bisweilen zur Verzweiflung treibenden Tagwerk – die Bloggerei wiederum was Schönes; so ein bisschen Balsam für die geplagte Seele, Wellness für verknotete Nervenstränge und gegen Gefühlschaos ob des vielen Elends dieser Welt. Ob ihrs glaubt oder nicht, aber manchmal hülfts dann, ein paar Schnurren zu spinnen, Geschichten zu erzählen und mit andern Spinnern drüber ein wenig zu plaudern…

Bloggen oder locken?Erfunden hat das Bloggen ja, wie inzwischen jedermann weiß, auch ein Weib. Eins, das es damit – anders als die heute partiell und bisweilen umstrittene Bloggerschar – gar zu ungeteilter weltweiter Würdigung (daher: www 😉 ) brachte. Es war eine orientalische Prinzessin, die so bloggend lockend bezaubernde wie kluge Scheherezade nämlich. Jaja, exaktemang die besagte.

Glaubt ihr nicht? Nur weils ein Märchen sein soll? (Genau genommen, waren es ja sogar 1001 – Nächte. Soviel Korrektheit muss schon. Obwohl – gezählt hab ich nun nicht.)

Na gut, dann will ich mal nicht so sein und erzähl euch halt die Geschichte,

wie alles begann:

Märchen Blogs aus 1001 Nacht

1001 Blogs als BuchEs war einmal ein alter, in Luxus, Müßiggang und Überfluss fett gewordener Kalif. Dieser fing irgendwann an, sich in seinem dekadenten Nichtstun unendlich zu langweilen. Und weil er seine mit einem Hauch von Nichts bekleideten Tänzerinnnen und die immer wieder die alten Geschichten murmelnden Vorleser schon längst nicht mehr ausstehen konnte und außerdem keinen Fernseher hatte, beschloss er, viele Frauen zu heiraten – Jungfrauen, versteht sich . Damit allerdings selbige erst gar nicht auf die Idee kamen, ihn auch gleich wieder zu langweilen, ließ er jede einzelne von ihnen nach der ersten Nacht offiziell und prophylaktisch erwürgen. Nur am Rande sei bemerkt: der durfte das damals noch, denn er war der Boss und hatte zudem über das ganze Prozedere einen Deal mit seinem Obersten Herrn.

So meuchelten seine Mitarbeiter also nach Anweisung Morgen für Morgen vor sich hin; trotzdem wurde unserem Kalifen nicht viel besser dabei. Zu seinem und der in seinem Reiche verbliebenen Frauen Glück hatte jedoch sein Pressesprecher und Wesir eine clevere Tochter mit heftigem Überlebenswillen. In ihr vereingten sich auf wundersame Weise Aphroditens Schönheit und ein bisschen Nerd. Und so begann sie, als die Reihe des Gemahlin-Werdens an sie kam – zu bloggen. Davon hatte unser dicker Kalif noch nie etwas gehört, er ward neugierig und ließ sie gewähren.

Freilich hatte die liebliche Scheherezade es noch nicht so komfortabel wie unsereins heutzutage. Zumal der alte Despot, der neben allen anderen nachteiligen Charakterzügen auch noch geizig war, weder einen der damals noch recht kostspieligen wie großräumigen PCs noch ein mit exotischen Gewürzen und Goldstaub aufgewogenes Laptop anschaffen wollte. Sie musste ihm ihren aktuellen Blog samt ausschmückenden Grafiken, Bildern und weiterführenden Links allnächtlich mündlich darbieten (das macht ihr auch heut noch keiner nach). Und konnte froh sein, wenn hinterm brokatenen Baldachin einer heimlich mittippselte. Wäre doch sonst ihre grandiose Pionierleistung für die moderne Kommunikation längst in Vergessenheit geraten – nicht auszudenken, wo wären wir jetzt ohne sie.

Und ewig lockt…

Also googelte tingelte sie barfuß und im Schweiße ihres Angesichts quer durch das Märchenland, sprach auch beim Polizeichef und ihrem Stromanbieter vor, die ihr wohlgesonnen waren. Ersterer stellte ihr seine Dateien der Eigentumsdelikte und der Bandenkriminalität zur Verfügung, der andere weihte sie in eine bislang geheimgehaltene Promotion-Aktion mit spektakulärem Werbegeschenk zur Akquise von Energiekunden ein. Unterhaltsamer Content – mit ansprechendem Titelaufmacher, versteht sich – der zwei folgenden Nächte waren die Geschichte eines Herrn Ali Baba und ca. vierzig Mafiosi sowie ein Bericht über Aladins VorwerkVorführtour mit der Lampe und dem Küchenwunder Bodyguard guten Geist als Zugabe.

Und ewig bloggte das Weib – immer darauf bedacht, den nächsten Tag zu erleben, 1001 Nacht lang. Und da von Blogg-Sucht damals noch nichts bekannt war und sie sich, wie schon erwähnt, auch sonst nicht verstecken musste, lockte sie ihren Kalifen auch manchmal zu anderem Zeitvertreib. Und schenkte ihm auf diese Weise in immerhin fast drei Jahren diversen knuddeligen Nachwuchs.

Einer von denen – oder von seinen Ururur…enkeln – hatte irgendwann das Märchen- und das Morgenland satt. Ihn packte das Fernweh, die Sehnsucht nach einem weiteren Horizont und dem großen Ozean des Lebens. An selbigem angekommen, sammelte ihn zuerst Sindbad, der Seefahrer, später ein verirrter Walfänger auf und brachte ihn in die Neue Welt. Dort verliert sich seine Spur. Aber es gibt Gerüchte, dass wiederum einer seiner Nachfahren irgendwie in die Familie eines gewissen Tim O’Reilly geraten sein soll. Hm, aber vielleicht wars ja auch eine Nachfahrin…

Epilog:

Der Meister EAPWas nach der tausendundersten Nacht passierte? Ja, leider hat die Scheherezade-Geschichte doch kein Happy End. Das darf ich euch dann wohl nicht verschweigen, so leid es mir tut, so als Märchentante und Blogweib jetzt. Und ausgerechnet einer meiner Leib- und Magendichter musste es herausfinden. Der hat auch schon zuviel gegoogelt… öhm, auf schöne alte Weise in Bibliotheken gestöbert (falls noch jemand weiß, was das ist). Obwohl s e i n e Geschichte ganz danach klingt, als hätte er bei seinen Recherchen auch gern schon ein www gehabt. Gefunden hat er bei seinen Studien der orientalischen Literatur das Buch „Sagan Wiewares“, das uns die ganze bittere Wahrheit erhellt. Allerdings mit einem tröstlichen und nicht unbedingt gewohnten Augenzwinkern des Herrn Autors.

Wer sie noch nicht kennt, der lese also jetzt und hier (oder mal in der richtigen Stimmung 😉 ) des heißgeliebten E. A. Poes Tausendundzweite Erzählung der Scheherezade. Wahlweise natürlich auch im englischsprachigen Original.

Das hier ist mein Geburtstagsgeschenk an ihn. Denn heute wäre Edgar Allan Poe 199 Jahre alt geworden.

Bilder: Scheherezade, dem Kalifen Märchen erzählend – von Paul Emil Jacobs. E. A. Poe-Grafik nach Manet und der ganze Rest: Creative commons-Lizenz.

[Edit 15. Januar 2009: Da literaturnetz.org inzwischen offenbar seine Linkstrukturen zu den 1001-Nacht-Geschichten über den Haufen geworfen hat, so dass der Zugriff über meine Verlinkungen von vor einem Jahr nicht mehr möglich war, hab ich den Zugang jetzt auf die Volltexte im sicher zuverlässigeren Gutenberg-Projekt umgebaut. Leider wurde auch der Link auf die Poe-Scheherezade bei den Literaturnetzwerkern aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt. Darum habe ich auf eine andere Übersetzung des Textes bei symbolon.de verlinkt und hoffe mal, dass die uns eine Weile erhalten bleibt.

Grund für die ganze Bastelei sind die aktuell steigenden einschlägigen Zugriffszahlen – jaja, man merkt, dass E.A. Poes 200. Geburtstag ins Haus steht. Und was tut man schließlich nicht alles für seine Leser. 🙂 ]

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