…Where’d All The Good People Go?

Oktober 4, 2008 um 10:07 pm | Veröffentlicht in 2007, 2008, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Free Burma, Geschichtsbuch, Hexen-Gedanken, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, So Momente halt... | 1 Kommentar
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Heute vor einem Jahr – do you remember?

Free Burma!Wisst ihr noch?

Heute auf den Tag genau vor einem Jahr gab es neben vielen Real-Life-Bekundungen auch in der internationalen Blogosphäre einen großen und herzwarmen Akt der Solidarität für ein kleines gebeuteltes Volk, von dem viele damals vielleicht zum ersten Mal ergoogelten, wo dieses Land überhaupt liegt.

Dem Aufruf “One blogpost for Burma” folgten damals in einer konzertierten Aktion tausende Blogger über Ländergrenzen und Ozeane hinweg.

Erinnert ihr Euch? Die Regierung und das Militär von Myanmar (Burma, Birma) erstickten damals die friedlichen Proteste der Mönche in den Safrankutten und verzweifelter Menschen in diesem Vielvölkerstaat gegen Hunger und Repressionen und für ein freies Burma mit Terror und Blut. Und der Bloggertag der moralischen Unterstützung, dessen stringente Organisation über engagierte Aktivisten und deren Netzwerke mich schwer beeindruckte, stieß allerorten auf offene Augen und Ohren. – Wenn man mal von den paar nörgelnden kritischen Stimmen absieht, die den Organisatoren und dem solidarisch geeinten Bloggervolk Aktionismus, Einäugigkeit hinsichtlich des Elends der Welt und was weiß ich noch vorwarfen…

Es ist still geworden um die Ereignisse und die Situation in Burma. Nicht z u still? Gar totenstill?

Oh, falls es einer nicht weiß, es hat sich nicht viel geändert dort, nachdem der Widerstand und Protest der Septembertage von 2007 durch die Diktatoren gebrochen wurden. Schon gar nicht zum Besseren, nachdem zu allem Überfluss der Zyklon Nargis auch Myanmar heimgesucht und verheerende Zerstörungen hinterlassen hat. (Hand aufs Herz, wer hat bei Deutschland hilft mitgemacht und für die Opfer gespendet?) Das Land ist weitgehend nach außen abgeschirmt, auch der Zugang zum www. Viele der damals Verhafteten sitzen immer noch in den Gefängnissen, viele Mönche und Dissidenten sind verschwunden, getötet, hinter die Grenzen der Nachbarstaaten oder weit weg geflohen oder untergetaucht. Der Hunger, Zwangsarbeit und Repressionen – es gibt sie immer noch. Mit dem unter Einschüchterung und Druck abgehaltenen Referendum über eine Verfassung – von deren Ausarbeitung die Opposition ausgeschlossen war – hat die Militärdiktatur im Mai 2008 ihre Macht festklopfen lassen. Scheinheilige ‚Schönheitskorrekturen‘ der Machthaber sollen die Weltöffentlichkeit täuschen…

Um an diese Informationen zu kommen, muss man heuer schon ein bisschen im Netz kramen. Man stößt auf Burma-Seiten, auf denen man hin- und her gerissen zwischen Besorgnis und Enttäuschung, ja, sogar eigenem schlechten Gewissen, seit Herbst 2007 keine Aktivitäten mehr verzeichnet. Ja, es ist still geworden…(Das letzte deutliche Lebenszeichen der Free-Burma-Initiative vom vorigen Jahr habe ich als Umfrage zur Aktion vom 4. Oktober 2007 in Erinnerung. Und die Free-Burma-Banner sind von den meisten Blogs mit der Zeit wieder verschwunden.)

Totenstill? Nein, ganz so ist es nicht. Es gibt – auch in Deutschland – viele Aktivisten, die sich unermüdlich für die Menschen in Burma einsetzen, zum Beispiel hier oder hier oder hier. Ein Schweizer Journalist hört nicht auf, über die Situation dort zu berichten, ebenso das zweisprachige (Englisch und Burmesisch) Online-Magazin BURMA DIGEST.

Das aus den USA agierende web-Projekt Avaaz.org unter der Leitung des kanadischen Weltbürgers Ricken Patel mobilisiert via www erfolgreich eine internationale Community. (Danke an stefan888 für den erhellenden Blog-Beitrag.)

Und trotzdem beschleicht mich immer wieder das Gefühl, als hätten die Kritiker und Skeptiker der Bloggeraktion “Free Burma” von vor einem Jahr irgendwie Recht behalten – was meint i h r? Bauen die Menschen dort – und überall in der Welt – nicht weiter und immer wieder auf uns? Müssen wir nicht mehr tun?

Ach ja, und verdächtigt jetzt wen ihr wollt des Gutmenschentums. Ich jedenfalls bin ins Grübeln geraten – und sollte ein besserer werden, glaube ich. Und wäre ich es dann einmal, empfände ich diesen Verdacht als eine Ehre…

Free Burma

Glittering Saffron
(by NAY YU, via BURMA DIGEST)

Where are those voices of ‘Metta’?
While the Evils still in power
Where are those Saffron power?
Glittering in the sky
Deep in our mind
Though Evils rule our land
With their bloody hands.
Where are those ‘Sons of Buddha’?
While the guns still pointing our hearts
Where are those ‘Peaceful Walks’?
Glittering beyond the horizon
Still shining for the by-gone
Though Evils rule our land
With thier bloody hands.

Quellen: Bild „Free Burma“ – StuCkCaRBoy; Videos via Youtube (1, 2 und 3: Song von Jack Johnson: „Where’d All The Good People Go“.)

El Cantor oder Der andere 11. September

September 11, 2008 um 11:45 pm | Veröffentlicht in 2008, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, So Momente halt..., Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar
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Wie schwer ist das Singen,
wenn ich den Schrecken singen muß.
Den Schrecken, den ich lebe,
den Schrecken, den ich sterbe.
Mich selbst unter so vielen sehen
und so viele Augenblicke der Unendlichkeit,
in denen Schweigen und Schreie
das Ende meines Gesanges sind.
Was ich sehe, habe ich nie gesehen.
Was ich gefühlt habe und was ich fühle,
wird den Augenblick erschaffen…
Victor Jara. Aus seinem letzten Gedicht, geschrieben
kurz vor seiner Ermordung im Estadio de Chile.)

in heller Spätsommermorgen. Die Sonne hat nicht mehr die Kraft wie vor ein paar Wochen. Sie ist sanft und ein bisschen müde geworden, aber sie gießt uns noch Wärme auf die Haut, weiches Licht in jeden Winkel und eine Stimmung in uns, die sich nach Abschied anfühlt. Solche Tage nennen wir Altweibersommer, goldenen Herbst, Indian Summer oder wer weiß wie sonst noch. Ich liebe ihre melancholische Schönheit.

Jener 11. September war so ein Tag, glaube ich mich zu erinnern. —

Bis die Flugzeuge durch den Himmel donnerten, die… nein, nicht in zwei Türme rasten,
sondern Bomben auf die Moneda, den Sitz ihrer demokratischen Regierung, warfen;

bis faschistische Militärs, unterstützt vom Geheimdienst einer Weltmacht, die den Verlust ihres Einflusses und ein neues Kuba fürchtete, ein Land und seine junge Demokratie in Blut und Terror ertränkten;

S. Allende

bis die Putschisten den vom Volk gewählten Präsidenten Salvador Allende und tausende unschuldiger Landsleute ermordeten;
bis sie eine grausame Diktatur errichteten, die Hoffnung von Millionen Menschen dieses Volkes auf ein besseres und friedliches Leben für Jahre erstickten – erschossen, erschlugen;
bis sie Bücher verbrannten und die Stimme ihrer Poeten zum Schweigen brachten.

In diesem Land, das uns näher war als je zuvor, näher als der ferne Kontinent, auf dem es liegt. An diesem 11. September 1973. Heute vor 35 Jahren. In Chile.

El CantorVor ein paar Tagen wurde ich auf besondere Weise an dieses Datum erinnert, dessen Bilder sich ins Hirn eingebrannt haben: ich erhielt per E-Mail eine Einladung zu einem Konzert für Victor Jara. Leider kann ich sie nicht wahrnehmen. Doch es war Grund genug, wieder einmal seine Lieder zu hören.

Victor Jara, der große Dichter und Volkssänger und glühende Kämpfer für ein freies Chile, Mitbegründer der Bewegung Nueva Canción Chilena. Er setzte seine Gabe bewusst für seine Überzeugungen ein. Seine Waffe war die Gitarre. Sein Porträt schaute gemeinsam mit dem Salvador Allendes von den Plakaten der linken Unidad Popular. Keiner sang in seinen Liedern so wie er die Sprache des einfachen Volkes. Es liebte ihn für all das und verehrte ihn so sehr wie seine Gegner ihn dafür hassten und fürchteten.

Die erkannten und ergriffen ihn am 12. September in der Universität von Santiago, wo er sich mit einigen seiner Studenten versteckt hielt, trieben ihn mit Schlägen und zusammen mit 5000 anderen Gefangenen in das “Estadio de Chile”. Um den Gefährten gegen die tagelangen Grausamkeiten Mut zu machen, begann er zu singen. Die Soldaten brachen und zerschlugen ihm die Hände, damit er nicht mehr spielen konnte. Sie verhöhnten ihn, er solle doch singen, wenn er ein Sänger sei. Und Victor – sang: die Hymne der Unidad Popular (“Venceremos”). Da prügelten sie ihn wütend zusammen und erschossen ihn zuletzt mit einer Maschinengewehrsalve, wahrscheinlich am 16. September 1973 – sein genauer Todestag ist nicht bekannt.

“Seine Mörder haben die Macht seiner Lieder unterschätzt”, sagte seine Frau Joan einmal. Das Chile, für das er gekämpft und gesungen hat, wird ihn und diese Lieder nie vergessen, singt sie bis auf den heutigen Tag. Wie die bekannten Folkgruppen Inti Illmani und Quilapayún beispielsweise, deren Profilierung Victor in ihrer Anfangszeit noch selbst unterstützte.

Viele internationale Künstler und namhafte Sängerkollegen haben Victor Jara, seinem Leben und Sterben in ihren Liedern ein Denkmal gesetzt, so die russische Chansonette
Shanna Bitschewskaja, die deutsche Folkband Zupfgeigenhansel und der Liedermacher Hannes Wader. Besonders anrührend finde ich die englischsprachige Ballade nach einem Text von Arlo Guthrie, selbst Sänger und Sohn der Folk-Legende Woody Guthrie, in der Interpretation des Australoschotten Alistair Hulett:

(Die Zupfgeigenhansel-Version scheint mir übrigens an den Guthrie-Text angelehnt zu sein.)

Victor Jaras Stimme selbst trifft dich auch heute noch mitten ins Herz, treibt mir – immer noch – manchmal Tränen in die Augen.

Wer seine Lieder nicht kennt und/oder einmal echte südamerikanische Folkmusik hören will, die nichts, aber auch gar nichts mit den allbekannten Fußgängerzonen-Verschnitten zu tun hat, der stöbere mal in diesem Beitrag oder den Youtublichkeiten oder – viel besser – tue sich die Victor-Jara-Complete an. Glaubt mir, ihr werdet es nicht bereuen; der Viertelhunni für 4(!) CDs mit seinen wichtigsten Liedern ist ein wahres Schnäppchen und jeder der 92 Songs das Anhören wert. Umso mehr, als seine Texte und Übersetzungen davon schwer zu finden sind und der Box ein umfängliches Booklet mit wundervollen solchen beiliegt. Ihr findet in der Edition nicht nur seine Revolutionssongs, sondern auch so bezaubernde Liebeslieder wie das “Te recuerdo, Amanda” (An dich denke ich, Amanda) für seine Frau, das vertonte Poem 15 des großen Pablo Neruda (der auch wenige Tage nach dem Militärputsch von 1973 gestorben ist) oder Volksliedgut, von dem man manchmal gar nicht wusste, dass es chilenisches ist.

Das ebenfalls enthaltene “Manifiesto” (wunderbar poetisch) kann man als eine Art Credo oder auch Vermächtnis des Sängers verstehen:

Manifiesto (1973)

Ich singe nicht, um zu singen,
weil ich eine schöne Stimme habe,
ich singe, weil die Gitarre
tiefen Sinn und Verstand hat.

Sie hat das Herz von Erde
und Flügel eines Täubchens.
Sie ist wie geweihtes Wasser,
ist Segnung, Glorie und Leid:

Hier stimme ich mein Lied an,
wie Violeta es sagen würde.
Die Arbeiterin Gitarre
hat einen Duft nach Frühling.

Sie ist nicht Gitarre der Reichen,
dazu gibt sie sich nicht her.
Mein Lied steigt auf die Baugerüste,
um hoch zu den Sternen zu fliegen.

Der Gesang hat einen Sinn,
tönt er in den Adern des Sängers,
der auch noch beim Sterben
die Wahrheit offen heraussingt.

Requiem Victor Jara_w_mattheuer Weder flüchtigen Schmeichel
noch fremden Lobgesang,
sondern den Gesang einer Lerche
bis tief auf den Grund der Erde,

wohin alles gelangt
und wo alles beginnt.
Hat der Gesang Mut bewiesen,
wird er immer neues Leben haben.

Und für den Fall, dass jemand mehr über diesen charismatischen Barden und Menschen erfahren will: Joan Jara, Victors Witwe, hat ein Buch über ihn geschrieben, das 1986 unter dem Titel “Victor. Ein unvollendetes Lied” bei Volk und Welt erschienen ist. (Ich hab natürlich d i e s e Ausgabe, doch wenn ich mich nicht total irre, ist es der selbe Inhalt, den btb anderthalb Jahrzehnte später als “Das letzte Lied” herausgebracht hat.) Sie ist keine professionelle Autorin, doch niemand kannte ihn so gut wie sie – vielleicht macht gerade diese Kombination das Bändchen so wertvoll.

P.S. Im September 2003, lange 30 Jahre nach dem Militärputsch, erhielt das Estadio de Chile den Namen Victor Jara. Gegen nur einen einzigen der Verantwortlichen für seine Ermordung wurde (erst 2004) Anklage erhoben. Der Verräter an seinem Präsidenten Salvador Allende, Putschistenführer und spätere Diktator, General Augusto Pinochet, wurde nie zur Verantwortung gezogen und starb als alter Mann 2006 friedlich und offenbar ruhigen Gewissens dahin. Dem chilenischen Volk gelang es erst 1988, das Militärregime per Volksabstimmung zu beseitigen. Und hat sich von den Folgen der grausamen Diktatur bis heute nicht erholt.

Viva Chile!

Bilder: Hände. Coverfoto der Audio-CD Pongo en Tus Manos Abiertas. Requiem für Victor Jara – Wolfgang Mattheuer, 1973. Der Rest: creative commons Lizenz. Musik-Videos: sparky2086 und yekolennon, youtube.

Ein Liebeslied für Dshamilja

Juni 13, 2008 um 5:38 am | Veröffentlicht in 2008, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 8 Kommentare
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…und einem alten Kirgisen zum Abschied

ennt eigentlich noch jemand diese unsäglichen Fortsetzungsromane, die dereinst in jeder regionalen Tageszeitung geradezu obligatorisch waren? Und gibts die eigentlich heute noch, nun ja, außer bei der FAZ vielleicht? Ich hab sie immer gehasst, diese häppchenweisen Verabreichungen von – durchaus auch guter – Literatur mit deren willkürlicher Interruptio nach knallhart festgetackertem Spaltenvolumen. Die meinem angeborenen Lesehunger und meinen Lesegewohnheiten total zuwider liefen. Und hab sie trotzdem immer wieder gelesen, weil man nicht immer gleich und so einfach an die Bücher kam.

Tschingis AitmatowWieso mir das jetzt einfällt?
Eine aktuelle Meldung vor drei Tagen erinnerte mich wieder an die avantgardistische Veröffentlichung des “Weißen Dampfers” von Aitmatow in unserer familienpräferierten Haus- und Hofzeitung, den ich mir seinerzeit auf diese Weise angetan und erst als gebundene Ausgabe innig und tränengetauft ins Herz geschlossen habe.

Tschingis Aitmatow. Geboren 1928 unter Nomaden in den Weiten der kirgisischen Steppe. Sein Vorname erinnert an einen blutrünstigen Mongolenkhan, der lange vor seiner Zeit die halbe Welt erobert, Bibliotheken verbrannt und ganze Völker mitsamt ihrer jahrhundertealten Kultur verheert und vernichtet hat. Doch er selbst war einer, der die Märchen und Mythen seiner Heimat in seine Geschichten wob, die er über und unter uns brachte. Und ein ewiger (real)poetischer Streiter gegen die Zerstörung der Natur und des Menschen.

Ein realpolitischer war er auch zeit seines Lebens – in bereits ehrwürdigem Alter wurde er zum Vertreter der Perestroika, vor allem der Glasnost in ihr. Obwohl er das irgendwie schon immer war. International ist er auch als Initiator des Issyk-Kul-Forums bekannt geworden und bis vor kurzem war er gar noch Botschafter von Kirgistan in Frankreich und den Benelux-Staaten.

DshamiljaAitmatow gehörte noch zur Kriegsgeneration. Und der Krieg, der ihn und seine Zeitgenossen tief geprägt hat, geistert durch viele seiner frühen Erzählungen – so durch die anrührende Geschichte vom Schicksal und Verlust einer Mutter in “Der Weg des Schnitters”, bekannt auch unter dem Titel “Goldspur der Garben” (eine Schande btw, zu welchen Preisen heutzutag große Literatur bei amazon verhökert wird, nicht?). Seine späten Werke haben, obwohl sie wie alle seiner Schöpfungen das uns exotische Kirgistan als Ort der Handlung nie verlassen, zunehmend die großen Fragen des Mensch-Seins, unserer Welt und Umwelt („Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, ”Der Schneeleopard”), ja auch die Suche nach neuen Propheten (“Die Richtstatt”) zum Thema. [Anmerkung: Unser Ulrich Plenzdorf, jaja, der Vater von „Paul und Paula“ und Edgar Wibeau, hat nach letzterem unter dem Titel „Zeit der Wölfe“ und nach „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ („Ein Tag, länger als ein Leben“) zwei Theaterstücke geschrieben, veröffentlicht bei Suhrkamp.]

Doch berühmt geworden ist Tschingis Aitmatow schon mit seiner ersten Erzählung “Dshamilja”, später auch verfilmt, einer in ihrer Poesie und Emotionalität bezaubernden Liebesgeschichte. Sein französischer Schreiberkollege Louis Aragon nannte sie “die schönste Liebesgeschichte der Welt”. Und sie braucht es nicht, dass Hinz und Kunz darauf herumbeten, dass sie an DDR-Schulen Pflichtlektüre war…

Anlässlich seines diesjährigen runden Geburtstags haben seine Landsleute ihm zu Ehren 2008 zum Aitmatow-Jahr ausgerufen – im kommenden Dezember wäre Tschingis Aitmatow 80 Jahre alt geworden. Und noch im Mai war er bei Dreharbeiten zu einem Film im Wolgagebiet. Dort erkrankte er – und nun ist er am Dienstag in einer Nürnberger Klinik gestorben.

Ich liebe den Zauber, die große Poesie und Menschlichkeit und die lebendige Kraft, die aus seinen Geschichten atmen. Sie werden uns bleiben.

Der deutsche Barde Hannes Wader hat ein Lied über Dshamiljas Liebe geschrieben – und gesungen:

Sei es ein Abschiedslied für Tschingis Aitmatow…

Er zog den Jahrhundertweg

Bild- und sonstige Verwendungen: „Dshamilja“ – amazon; Hannes Wader „Am Fluss“ – youtube; der Rest – creative commons Lizenz.

Edit 1. Juli 2008:
Übrigens bin ich mit Herrn Amos vom Kurdistan-Portal (btw ein Dankeschön an dieser Stelle) vollkommen einer Meinung, dass das Video zum Wader-Lied mit seinen bayerischen Landschaften einen schmerzlichen Stilbruch zum musikalisch-thematischen Inhalt darstellt. Stimmt, vielleicht hätte ich das explizit erwähnen sollen. Ich konnte im Net nur leider keine andere Aufnahme auftreiben. Der wohlwollende Aitmatow- und Kirgistan-Freund schließe also die Augen und stelle sich dazu kirgisische Weiten vor…. 🙂

Karbid und Sauerampfer

März 14, 2008 um 6:17 am | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 Kommentare
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karbid und sauerampfer cover… ist nicht, wie Uneingeweihte vielleicht glauben mögen,eine neue Belagskomposition für Vegetarierpizza, sondern der Titel eines DEFA-Films von 1963. In dem fand die späte Entdeckung eines der fürderhin charismatischsten und erfolgreichsten Mimen des (ost)deutschen Films als Charakterkomiker statt – Erwin Geschonneck.

Die Umklammerung des kleinen ost- ist in diesem Falle völlig korrekt, denn wir sprechen hier von einer über sechzigjährigen Schauspielerkarriere des Mannes. Die 1932 mit einer Statistenrolle in „Kuhle Wampe“ begann, einem Film aus dem Proletariermilieu, an dessen Drehbuch Bertolt Brecht höchstpersönlich mitgestrickt und in dem der große Brecht- und Arbeitersänger Ernst Busch eine Hauptrolle gespielt hat. Die 1995 zu Ende ging mit einem Regiewerk des Geschonneck-Sohnes Matti, der seinen Vater zu seiner letzten Rolle überredete und ihm den alten Querkopf auf den Leib schrieb („Matulla und Busch“).

Dazwischen liegen mehrere Jahre Theaterarbeit unter Brecht am Berliner Ensemble, eine Unzahl von DEFA-Produktionen, das Leben eines antifaschistischen und stets offen kritischen Geistes, eine enorme Popularität als Künstler und als Mensch in der DDR.

Huuu… Holländer-MichelDas Repertoire seiner Rollen ist gigantisch:
Er begeisterte sein Publikum auf der Bühne und auf der Leinwand. Gab den Chauffeur des besoffenen Herrn Puntila oder den von seinen Verfehlungen gebeutelten Dorfrichter Adam genauso überzeugend wie den Kommandeur der Internationalen Brigaden im Spanienkrieg, den Opa Meschka oder den Wehrmachtsoffizier. Die Zahl der Minderjährigen, die sich auch heute noch – wie Anfang der Fünfziger schon ihre Großeltern – vor dem Holländer-Michel-Geschonneck der Hauff-Märchen-Verfilmung „Das kalte Herz“ gruseln, ist Legion. Sein Lagerältester und KZ-Häftling Walter Krämer in „Nackt unter Wölfen“ nach dem berühmten Apitz-Roman hat irgendwo mit Geschonnecks eigenem Leben und Überleben zu tun: er selbst war mehrere Jahre als politischer Häftling in Neuengamme und gehörte zu den wenigen Überlebenden der „Cap Arkona“. Und der Frank-Beyer-Film „Jakob der Lügner“ nach der Jurek-Becker-Vorlage, in dem er den jüdischen Friseur Kowalski spielt, brachte es sogar zu einer Oscar-Nominierung.

Einige Jahre lang hatte ich die Vermutung, dass seine Strittmatter-Lesungen auf sein Äußeres abfärbten, damals lief ich dauernd Gefahr, die zwei auf Bildern zu verwechseln. Und seit letzten Mittwoch hege ich die stille Hoffnung, dass irgendwer sich sich mal erbarmt, die hoffnungslos vergriffene Edition seiner mit Berliner Schnauze im Bänkelsänger-Sound gesungenen Lieder endlich wieder herauszubringen.

Die ‚Schnauze‘ war aus der Ackerstraße – dort ist er aufgewachsen, der Arbeiterjunge Erwin. So sprachen ihn die Leute an: Erwin. „Was allerdings nicht verhindern wird, dass bei der großen Feier zu seinem 90. Geburtstag – am 27. Dezember 1996 im Fernsehturm am Alexanderplatz – ein überforderter Moderator mit ganz falscher Assoziation dem eintreffenden Jubilar ein ‚Willkommen, Erich!‘ entgegenschmettert.“ (Zitat Berliner Zeitung)

Er wurde für seine Kunst mit Preisen zuhauf – und zu Recht – bekränzt, der letzte große war der Deutsche Filmpreis 1993.

erwins 100_geburtstagIn dem von mir geklauten Titel-Song-Film ist Held Kalle Geschonneck mit neun Fässern Sauerampfer , Quatsch, Karbid per Anhalter durch die… nachkriegsdeutschen Lande unterwegs. Das Zeugs – lebenswichtig für Wiederaufbauarbeiten der zerbombten Dresdner Zigarettenfabrik, so man das Wort lebenswichtig beim Erfolg derartiger Arbeiten auch nur annähernd passend finden kann. Ob und wieviel Geschonneck selber im richtigen Leben geraucht hat, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Auf manchen Bildern sieht man ihn mit Tabakspfeife, auf einem Foto seines 100. Geburtstages mit einer Riesenzigarre in der Hand. Falls er hat, dann hat i h m jedenfalls solches nicht übermäßig geschadet. Er ist 101 Jahre alt geworden.(Und man unterstelle mir damit nur ja keine Respektlosigkeit.) Ein stolzes Alter – und ein erfülltes Leben. In seinem Berufsstand schlägt ihn damit wohl nur der Jopi Heesters.

Am Mittwoch ist Erwin Geschonneck friedlich in Berlin gestorben.

Er war einer von den ganz Großen…

P.S. Dem geneigten Leser lege ich mit Wärme den gut geschriebenen Nachruf in der Berliner Zeitung ans Herze, ebenso die Geschonneck DEFA-Edition, die zumindest schon mal zum Kennenlernen für die Wessis bisher Unbedarften geeignet ist.
< e_geschonneck in asta mein engelchen

Bilder: Karbid und Sauerampfer-Cover: via amazon.de; Holländer-Michel: Progress Film-Verleih; 100. Geburtstag: Foto ddp via Berliner Morgenpost; 42 – der ganze Rest: Creative commons.

Still alive – und wie!

Februar 3, 2008 um 3:10 pm | Veröffentlicht in Hexengeschichten, Hexentanz, Märchenhexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt..., Spinnweben | 4 Kommentare
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Oder: (K)ein Märchen vom Großwerden

BarfußhexreläxAm Abend mancher Tage schleicht sich so eine kleine Wehmut in die Gedanken. Und gemeinerweise hilft nicht mal, dass es Freudentage sind. Wie der Geburtstag des Hexensohnes vor drei Tagen. Da beugt sich der Lulatsch beim Beglückwünscht-Werden zu Mama herunter, nimmt sie liebevoll und ein bisschen gönnerhaft, wie’s die Gören halt heutzutage tun, in die Arme, und plötzlich weißt du: das geliebte und behütete Kind, zu Hexens Stolz mit all seinen Macken und Fehlern doch recht wohlgeraten, ist ein Mann geworden. Der sich in den Kopf gesetzt hat, zunehmend und mit Sicherheit auf sich selbst aufpassen zu können. Und auch wenn dus noch nicht so recht glauben magst, musst du wohl langsam zugeben, dass er Recht hat. 😉 Dabei hast du ihm doch grad erst noch die Rotznase geputzt, die Tränen seines kindlichen Weltschmerzes getrocknet und das aufgeschlagene Knie zugepflastert. Oder?

Am Abend solcher Tage ertappst du dich beim Kramen in Erinnerungen an die Glücksmomente und Katastrophen des Kinder-Großziehns und staunst, wo die Zeit geblieben ist. Fragst dich: werd ich jetzt alt? Quittierst in deinem erwachenden Altersstarrsinn die aufgefischte Suchanfrage eines forschen(den) Surfers nach „Hexen, die noch leben„, neben spontanem Grinsen mit einem energischen Kopfnicken: Na klar, na hier! Und wie! Und rettest zu guter Letzt auch noch eine irgendwann geschriebene Geschichte vom Selber-Kindsein aus den verwobenen Maschen des Internet in deinen aktuellen Blog, bevor die ganz und gar im www versinkt.
[Bei denen, die sie schon kennen, hoffe ich mal auf Vergebung für eventuelle Langeweile von wegen der Zweitverwendung. Denn erzählen werde ich sie nun trotzdem – tja, der verflixte Altersstarrsinn meine spätkindliche Trotzphase meine Märchentantenmentalität – ach, ihr wisst schon… 😉 ]

Es war einmal…
…und die Hexe war eine Fee

Glückliche Kindheit…Meine Kindheit verbrachte ich im Hause meiner Großeltern. Die Eltern hatten einen harten Arbeitstag und Großmutter erzog uns, mich und meine Schwester, in bester Absicht mit Strenge. Ja, auch Schläge gab es, Maßregelungen und viel Arbeit in Haus und Garten. Schließlich sollte wenigstens aus den Kindern der jüngsten Tochter etwas Ordentliches werden, wenn schon die älteste Enkelin kein Aushängeschild für die Familie geworden war.

Doch unser Kleinmädchensein trug einen Namen, warm und zärtlich wie eine Umarmung…

SIE war schon immer da, solange ich denken kann. Und schon immer alt. In der Mansarde unter dem Dach lebte sie – allein. Groß und hager, stark wie ein Kerl und sanft zu uns Kindern. Ihre Familie, den Mann, Sohn und Tochter hatte sie an den letzten Krieg verloren. Ein Bruder lebte weit weg, hinter einer Grenze, die eine Mauer war und die Entfernung nebensächlich werden ließ. Doch hatte ihr Schicksal sie nicht bitter gemacht. Sie war mit ihm und sich selbst im reinen, trug eine stille und natürlichen Würde in sich. Alle nannten sie nur die Marie.

Die MarieWir waren gern bei ihr oben, in ihrer heimeligen und geheimnisvollen Kammer, wo ein großer Regulator die Viertelstunden schlug, winters Bratäpfel hinter der eisernen Klappe im Kachelofen sangen und sommers Kräuterbündel unter dem Dachbalken trockneten.

Großmutter mochte es nicht, wenn wir sie besuchten. Als sie sah, dass Verbote nicht halfen, nannte sie sie manchmal eine Hexe, die mit ihren Kräutern und mit Sprüchen aus einem Buch Flüche und anderes Unheil über die Nachbarn bringe. Heute glaube ich, dass ihr vor allem die ungebändigte Freiheit, die wir bei Marie genossen, ein Dorn im Auge war. Es gab keine Tabus, kein „Das darfst du nicht!“ für uns – und dafür liebten und verehrten wir sie.

Wir räumten ihr das Geschirr aus dem Schrank, deckten damit festliche Tafeln und kochten für unsichtbare Gäste imaginäre Gerichte. Marie musste sie dann ‚essen‘ und sagen, wie gut es ihr schmeckte. Wir stritten uns darum, wer zuerst den kleinen Schubkasten aus dem großen, samtbezogenen Tisch ziehen durfte, in dem die Bilder ihres Lebens lagen. Alte, vergilbte Fotos ihrer Jugend, ihrer Lieben und ihrer wenigen kurzen Reisen, zu denen wir unzählige und immer wieder dieselben Fragen fragten, die sie mit unendlicher Geduld jedes Mal aufs neue beantwortete.

Doré: Rotkäppchen & WolfSie erzählte uns selbst erdachte Geschichten, denen wir andächtig und gebannt lauschten, in die wir uns als unerschrockene Helden hineinträumten. Und bevor wir Grimms Märchen selbst lasen, kannten wir dort oben unter dem Dach das Schicksal von Brüderchen und Schwesterchen, wussten um Rotkäppchens verhängnisvolle Begegnung mit dem Wolf und atmeten erleichtert auf, als Schneewittchen wieder erwachte. Wir lösten Marie das schüttere, graue Haar, das mit Nadeln zu einem Knoten gesteckt war, kämmten sie stundenlang, und aus den dünnen Flechten wurde der wunderschöne Rapunzelzopf oder Dornröschens blonde Lockenpracht, bevor wir sie mit Topfdeckelschild und Schürhakenschwert aus dem Turm retteten.

Marie lehrte uns den Wald lieben und nahm uns die Furcht vor dem finsteren Märchentatort. Wir sammelten mit ihr die harzig-roten Kiefernknorren, die die Forstarbeiter liegen gelassen hatten, und sie spaltete sie auf dem Hackklotz zu Hause in winzige Kienspäne zum Feueranfachen. Sie zeigte uns Pilze und Wiesenpflanzen, von deren heilender Wirkung sie wusste – und wozu sie sonst noch gut waren. Sie legte vorsichtig ihre Hand in einen Ameisenhaufen und erklärte uns in die ängstlichen Gesichter, dass die Bisse der Tierchen gegen Gicht helfen.

BachfüßelnWenn beim Heidelbeerensammeln der Eimer nicht voll werden wollte und wir die Lust verloren, sang sie mit uns. Viele dieser Lieder kenne ich noch heute. Im Winter stapften wir mit ihr über verschneite Lichtungen, im Sommer durch den tiefen Heidesand. Oder wir schlitterten und glitschten barfüßig tastend über die Kiesel am Bach. „Fühlt die Erde atmen“, beschwor sie uns so manches Mal flüsternd.

Als wir älter wurden, kamen wir kaum noch zu Marie. Wir teilten unsere neuen Geheimnisse mit Freundinnen und trafen uns mit Jungs, gingen tanzen und ins Kino. Sie nahm es ruhig hin – die Küken wurden flügge. Aber sie war immer noch da, half uns, heimlich den Saum der Röcke kürzer zu machen, tröstete bei Liebeskummer und handelte bei unseren Eltern die Zeit des Heimkommens von der Disco nach oben.

Als ich zum Studium in eine ferne Stadt ging und nur noch selten nach Haus kam, vergaß ich Marie immer mehr. Doch jedesmal, wenn ich wieder daheim war, klopfte ich an ihrer Tür, um nach ihr zu sehen und ihr das Neueste zu erzählen.

Sie starb im zweiten Jahr nach meinem Auszug von zu Hause. Still und sanft, wie sie gelebt hatte – und allein. Dass ich es erst bei meinem nächsten Besuch nach Wochen erfuhr, habe ich meiner Familie lange nicht verziehen.

An Tagen wie heute denk ich manchmal an Marie.

Sie gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Und sie war einer der wunderbarsten und prägenden Menschen in meinem Leben.

Hexentanz

Bilder: Gustave Doré: Little Red Riding-Hood; Bormann Verlag: Cover zu Ben Furman: Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben (Ausschnitt); der Rest hofft auf freundliche creative commons-Lizenz – eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.

Haus Vater, Heine und – Heino?

Dezember 13, 2007 um 6:04 am | Veröffentlicht in 2007, BildungsLückenbauten, Fest-Platte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 7 Kommentare
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Oder: So Tage zum KinderDichterkriegen

Robert Gernhardt in der RiesenmaschineHeute vor zehn Jahren, am letzten runden Geburtstag, den er erleben durfte,
führte er ein Gespräch mit seinem Schöpfer:

„Schier sechzig Jahr auf deiner Welt –
bekomme ich jetzt Schmerzensgeld?“
„Mein Kind, mir geht dein Wunsch zu Herzen:
Geld hab ich keines. Doch kriegst du Schmerzen!“

Mussten ausgerechnet diesmal dessen Versprechungen in Erfüllung gehen – wo ER es sonst nicht immer gerad‘ so genau damit nimmt?

Heine? Das weiß Gott alleineDoch ein Geburtstag soll kein Tag zum Trauern sein, das hätt‘ er nicht gewollt, der Robert Gernhardt, nicht er. Wenigstens auf einem lachenden Auge hätte er bestanden. Und er war stolz, dass er diesen Tag mit einem teilte, der auch für seine Kunst nicht ohne Folgen blieb. Und einem Preis seinen Namen lieh, mit dem er im Jahre 2004 bekränzt wurde – Heinrich Heine hätte heute auf seinen höchstpersönlichen 210. bechern können.

Obwohl… Heines Geburtsdatum ist ja immer noch umstritten. Nicht so für Robert Gernhardt. Auf eine diesbezügliche Frage in einem Interview mit dem WDR über seinen großen Kollegen anlässlich dessen 150. Todestages 2006 antwortete er:

Da habe ich mich drauf eingestellt, und daran gewöhnt, dass wir am selben Tag Geburtstag haben. Mein Geburtsdatum ist klar, das ist der 13.12. Wäre Heines nicht klar, wär’s sehr schade, denn Heino hat auch am 13.12. Geburtstag. Und wenn Heine und Heino nicht am selben Tag Geburtstag haben, dann geht ein Treppenwitz der deutschen Kulturgeschichte den Bach runter und das wäre nicht zu wünschen…

Spagat zwischen Leben und TodEr hat bis zuletzt dafür gesorgt, dass wir ihn nicht vergessen – was wir eh nicht hätten können. Hinterließ noch schnell neben allem anderen zwei Bücher: sein „Später Spagat“ (wird im Juni 2008 neu aufgelegt) – in Versen und dem auf Gernhardtsche Art verbrämten Wissen um das, was kommt – wird uns ‚Hinterbliebenen‘ von einseitig.info eindringlich ans Herz gelegt, das letzte Stückchen Prosa nicht weniger innig von Uwe Wittstock auf Welt Online. Die Kurzbeschreibung zu „Denken wir uns“ bei amazon beglückt Gernhardt-Fans nochmal anrührend damit, wie sehr er bei ihnen war. Er

…lädt den Leser noch einmal in die von ihm ver- und bedichtete Welt ein: in den verschatteten Lesesaal einer toskanischen Abtei nahe Montaio, ans Weltgericht, vor dem Norbert Gamsbart Rede und Antwort stehen muss, in Jan Vermeers Atelier nach Delft und immer wieder in die Mainmetropole, in die Runde dreier Freunde, die sich mit „Geschichtsrosinen aus dem Lebenskuchen“ zu überbieten versuchen. Vor allem aber ist dieser Band eine letzte Hommage des Dichters an seine Leser: „Denken wir uns euch, das Salz der Erde nicht nur, sondern den Dünger jedweder Kunst. An wen wollten wir uns denn wenden, wenn es euch nicht gäbe?“

Ringelnatz’s Erkältete NegerinUnd ich, ich würde sonstwas darum geben, wenn sich mir die Gelegenheit zum „Tod-Lachen“ böte. Nana, keine Panik – so titelt die FR-online zur Ausstellung „Robert Gernhardt – die letzten Bilder“, die heute passend zu diesem Tag im Historischen Museum in Frankfurt eröffnet wird und dort bis zum 2. März 2008 zu sehen ist. Dieses Date mit seinen Zeichnungen und Versen – ich bin sicher, es wird für viele ein Lachen unter Tränen sein:

Im Schatten der von mir gepflanzten Pinien
will ich den letzten Gast, den Tod, erwarten:
„Komm, tritt getrost in den besagten Garten
ich kann es nur begrüßen, daß die Linien
sich unser beider Wege endlich scheiden.
Das Leben spielte mit gezinkten Karten.
Ein solcher Gegner lehrte selbst die Harten:
Erleben, das meint eigentlich Erleiden.“

Da sprach der Tod: „Ich wollt‘ mich grad entfernen.
Du schienst so glücklich unter deinen Bäumen,
daß ich mir dachte: Laß ihn weiterleben.
Sonst nehm ich nur. Dem will ich etwas geben.
Dein Jammer riß mich jäh aus meinen Träumen.
Nun sollst du das Ersterben kennenlernen.“

Heute wäre Robert Gernhardt 70 Jahre alt geworden…

Hau’s Vater

Bilder: Robert Gernhardt: Selbstporträt via Christian Y. Schmidt, Riesenmaschine; R. Gernhardt: Heine? – Das weiß Gott alleine! via wdr.de; R. Gernhardt: Grafik zu J. Ringelnatz‘ Abendgebet einer erkälteten Negerin, Creative Commons.

Kalenderblatt: Marina Zwetajewa

September 2, 2007 um 10:58 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 6 Kommentare

Hexenpoesie„Wenn ich nicht liebe, bin ich nicht ich selbst… Ich bin so wenig ich selbst…“

Ihr verzeiht mir doch, wenn die alte Slawistin mit ihrem verkramten Hang zur russischen Poesie sich in mir regt – an einem Tag wie diesem…? Die Hex‘ gibt sich auch Mühe, nicht allzu missionarisch rüberzukommen.

Ты меня никогда не прогонишь:
Не отталкивают весну!
Ты меня и перстом не тронешь:
Слишком нежно пою ко сну!

Ты меня никогда не ославишь:
Мое имя – вода для уст!
Ты меня никогда не оставишь:
Дверь открыта, и дом твой – пуст!

Marina Zwetajewa

Du wirst es nicht schaffen, mich zu verjagen:
Den Frühling zu bannen, hat keiner geschafft!
Mich anzufassen, wirst du nicht wagen:
Viel zu zärtlich sing ich im Schlaf!

Du schaffst es auch nicht, mich in Worte zu fassen:
Mein Name ist Wasser den Lippen – und aus!
Du wirst es nicht schaffen, mich zu verlassen:
Die Tür ist geöffnet – und leer ist dein Haus!

(Marina Zwetajewa)

Wenn es hier bei uns um die Kenntnis russischer schöner Literatur geht, fallen schnell die Namen Tschechow, Puschkin und Tolstoi. Einer schindet Eindruck mit der vollendeten Lektüre von Dostojewskis „Schuld und Sühne“, ein anderer damit, dass er ein paar von Alexander Bloks „Versen an die schöne Dame“ deklamieren kann.

Schönheit und LeidenschaftMarina Zwetajewa (1892-1941) dagegen ist in Deutschland wohl immer noch eher Insidern bekannt, obwohl sie getrost zu den größten Dichterinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gezählt werden darf. In ihrer Heimat, der sie jahrzehntelang im Exil fernbleiben musste, wird sie von Millionen gelesen, verehrt und geliebt. Sie haben ihre Gedichte vertont, haben Straßen nach ihr benannt, ihr Museen eingerichtet, haben ihr Denkmäler gebaut, Bilder von ihr gemalt und Filme über sie gedreht…

Marina wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Sie wurde ein wildes Mädchen, eine exzentrische und leidenschaftliche Frau, eine liebende Mutter. Und sie trug ein schweres Schicksal, geprägt von Emigration, von Ächtung ihrer Kunst und Person durch die Stalindiktatur, in Verfolgung, Armut und Isolation.

Die Poesie der Dichter des russischen Symbolismus, Andrej Bely und Alexander Blok, faszinierte sie und beeinflusste ihre eigenen frühen Werke. Aus Liebe heiratete sie 1912 sehr jung den noch jüngeren Offizierskadetten und späteren Weißen Offizier Sergej Efron, dem sie nach den Wirren der Oktoberrevolution 1922 ins Exil folgte, zuerst nach Berlin, dann nach Prag und Paris. In Berlin veröffentlichte sie ihre Gedichtsammlungen, so die „Trennung“ (Разлука) und „Gedichte an Blok“ (Стихи к Блоку).

Die Liebe zu ihrem Mann hielt dieses lebenshungrige, extrovertierte Wesen nicht von stürmischen Affären mit anderen Männern ab. Einer von ihnen war der Vollblutpoet Ossip Mandelstam; die Begegnung mit Rainer Maria Rilke, dem sie sehr nahe stand, fand nicht mehr statt, da er kurz vorher starb. Und die heftige Romanze in Prag mit einem Freund ihres ansonsten sehr nachsichtigen Gatten beendete sie, um ihre Ehe zu retten.

Marinas letzte LiebeIhre ‚letzte Liebe‘ (so nannte es der Drehbuchautor eines Dokumentarfilms über sie) war der Dichter Arsenij Tarkowskij, Vater des späteren bekannten Filmregisseurs Andrej Tarkowskij. In der für Marina so schweren Zeit, in der Mann und Tochter in Stalins Kerkern saßen, sie um beider Leben bangte und sich mit ihrem Sohn mühsam allein durchs Leben schlug, wuchs eine innige Freundschaft zwischen ihr und diesem um Jahre jüngeren talentierten Poeten. Sie zerbrach… an ein paar Versen des Freundes, die ungewollt die emotionale und sensible Zwetajewa tief in ihrem Stolz verletzten. Darüber schrieb sie ihr letztes Gedicht:
Marina auf einem der letzten Fotos

* * *
„Ich hab den Tisch gedeckt für sechs…“

Dein Vers, ich wiederhol ihn, – stets
Muss ich ein Wort darin berichtgen:
– »Ich hab den Tisch gedeckt für sechs«…
Du hast einen vergessen – den Siebten.

Zu sechst kennt ihr die Freude nicht.
Regen strömt über Gesichter…
Wie konntest du an solchem Tisch
Den Siebten vergessen – die Siebte…

Deine Gäste sind nicht froh,
Und die Kristallkaraffe kreist nicht.
Traurig sind sie, du – sowieso,
Die man nicht einlud ist’s – am meisten.

Nicht froh, und es wird auch nicht heller.
Ach! lasst das Trinken und das Essen.
– Wie konntest du so sorglos zählen?
Wie konntest du die Zahl nicht treffen?

Wie kannst, wie wagst du’s nicht zu sehn,
Dass sechs (zwei Brüder, und du selbst –
Der Dritte – mit Vater, Mutter, Frau daneben)
Macht sieben – solang ich auf der Welt!

Du hast den Tisch gedeckt für sechs,
Doch gibt’s auf dieser Welt noch eine.
Wie auf dem Feld der Vogelschreck,
Will ich’s Gespenst sein – mit den deinen,

(Mit meinen)…
Schüchtern wie ein Dieb,
– Nicht eine Seele zu betrüben! –
Am Plätzchen, das man mir nicht ließ,
Sitz ich, die man nicht rief, die Siebte!

Hopp! – hab ein Glas verschüttet! und
Was ich vergießen gewollt, das viele: –
Das Salz der Augen, das Blut der Wunden –
Läuft vom Tischtuch auf die Dielen.

Kein Abschied – nein! kein Sarg im Saal!
Den Tisch zu entzaubern, das Haus zu wecken.
Wie der Tod – zum Hochzeitsmahl,
Bin ich das Leben, und komme zum Essen.

“Nie war sie hilflos,doch immer - wehrlos…”… Bist mir nicht Bruder, Sohn, nicht Mann,
Kein Freund – und doch werf ich dir vor:
– Die Sechs bei Tisch sind Seelen nur,
Wenn sich für mich kein Plätzchen fand.

6. März 1941

Marinas Sohn Georgij Efron, der 1944 neunzehnjährig in seinem ersten Fronteinsatz des Vaterländischen Krieges fiel, hat in seinen Tagebüchern viel über seine Mutter festgehalten. Was von ihnen erhalten geblieben ist, wurde 2004 bei „Vagrius“ erstmals in einer Auflage von 3000 Exemplaren herausgegeben – ich fand nur diese Vorveröffentlichung, selbstredend auf Russisch…

Marina Zwetajewa. Sie war eine wilde Rose – und eine starke Frau. Und doch nicht stark genug. Am 31. August 1941 setzte sie ihrem Leben ein Ende. Und heute vor 66 Jahren wurde sie auf dem Friedhof im tatarischen Jelabuga (das ohne sie ein namenloser Ort in Russlands Weiten geblieben wäre) begraben – oder sollte man sagen: verscharrt? – denn ihr Grab ist bis heute unbekannt…
«И может быть, на мой закат печальный блеснет любовь улыбкою прощальной» (Пушкин)
Ihre Poesie aber bewegt nicht nur die Russen – bis heute.

Edit 8. September 2007: Jetzt erst gelesen: Der kleine Youtube-Film mit Bildern und Liedern zu den Gedichten von Marina Zwetajewa, den ich unter dem Bild mit den Birken verlinkt habe, stammt von einem jungen Mädchen, Soja. Sie hat ihn im November 2001 als Literaturarbeit für die Schule gemacht, die Verse selbst eingesprochen. Besonders berührt mich daran, dass der Film in seiner Art und Stimmung zu Sojas Vermächtnis geworden ist – denn kurz danach, im Januar 2002, ist sie gestorben…

Mehr zu Marina Zwetajewa in diesem Blog: hier.

Uns bleiben „Neue Leiden“ und eine Legende

August 9, 2007 um 11:10 pm | Veröffentlicht in 2007, Berlin, Kultur, So Momente halt... | 4 Kommentare

Ulrich Plenzdorf 2004Im Osten müssen noch heute viele seinen Namen nicht googeln noch nachschlagen. Denn wer kannte ihn nicht: den ‚Vater‘ von Edgar Wibeau, mit dessen „Neuen Leiden des jungen W.“ er auch im Westen berühmt wurde. Den Autor der Legende vom Glück ohne Ende – der Film um Paul und Paula ist immer noch und schon wieder bekannt und geliebt. Und als ich ihn vor ein paar Wochen anlässlich eines nach mir geworfenen Filmstöckchens besungen habe, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass dies so schnell den Hauch eines Nachrufs bekommen würde…

Ulrich Plenzdorf ist heute im Alter von 72 Jahren gestorben.

Lasst uns ihm ein Abschiedslied singen – mit den Puhdys, der Band, die zusammen mit Paul und Paula Kult wurde. Den Text dafür hat Plenzdorf (sich) selbst geschrieben: „Wenn ein Mensch lebt“.
Haut rein, Jungs!

Ein irrer Duft von frischem Heu

Juli 29, 2007 um 10:20 am | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt..., Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare

Wiese vorm Hexenhaus …hangelt sich aus dem üppig sommergrünen Hofkarree an dreißig Metern Betonfassade nach oben – die Stadtgärtner haben gemäht. Es ist Zufall, dass ich gerade heute da mitten hinein stolpere; durch den Hinterausgang ist im akuten Fall eine Abkürzung. Ich liebe unseren stillen, schattigen Innenhof mit seinen rankenüberwucherten Pergolen, unter die sich hier und da ein idyllisches Rentnerbankerl duckt. Auf der großen Wiese liegen bemooste Steine und blankgesessene Baumstämme verstreut – dereinst ein Trick der Gartenarchitekten, um den Rasen vor den Fußballspielern zu retten. Die haben sie dann mit dem Bolzplatz hinter der Hecke versöhnt.

Ich kann nicht widerstehen, streife die Schuhe ab und wate durch die kühlen Grasschwaden auf dem frisch rasierten Grün. Ihr Geruch kitzelt verführerisch in der Nase. Und erinnert mich an die Sommer meiner Kindheit in Großmutters Garten…

Ohne Schuh’ durchs GrasDort durfte die Wiese wild wachsen; das Gras war so hoch und verfilzt, dass wir uns darin verstecken konnten. Mein Lieblingsplatz war unter dem knorrigen Apfelbaum, dessen Äste auf der einen Seite bis zum Boden reichten und ein Laubdach abgaben. Die hohen Halme darunter wurden im Halbrund zu einem Nest geflochten. In dem konnte ich ganze Tage lang auf dem Bauch liegen, mit einem Stapel Bücher neben mir und einem Körbchen Kirschen oder Beeren, die einem eh fast in den Mund wuchsen.

Draußen mähten die Bauern das Gras mit der Sense, man hörte das Zirpen der Grillen und nur ab und zu das Pfeifen des Wetzsteins, wenn die Mäher mit flinken, gleichmäßigen Bewegungen die Schneide schärften. Um dann bedächtigen Fußes weiterzuschreiten … Manchmal mussten wir mit hinaus zum Heuwenden: mit den großen hölzernen Rechen kehrten wir in langen Bahnen immer wieder das Unterste zu oberst und der weiche Armschwung wurde zur Routine. Und wenn ein Gewitter kam, hieß es alles in Windeseile schobern. Am schönsten war dann die Fahrt hoch oben auf dem beladenen Heuwagen – mitten in einer Wolke irren Dufts von frischem Heu…

Hach, genug geschwelgt. Und was man später noch so im Heu gemacht hat, ist schon wieder ’ne neue Geschichte. 😉

*

Der Titel ist übrigens geklaut geborgt, also entliehen sozusagen – bei Rudi Strahl, einem der beliebtesten und erfolgreichsten Theater- und Filmautoren des Ostens. Seine Komödie „Ein irrer Duft von frischem Heu“, 1975 im Maxim-Gorki-Theater uraufgeführt und permanent ausverkauft, war wohl das einzige Stück, das auch bei diversen (14) Theatern im Westen lange auf dem Spielplan stand. Sie wurde späterhin auch als Film in DDR-Starbesetzung zum Renner. Man könnte sie beinahe eine Ost-Version von „Don Camillo und Peppone“ nennen. Ei, und wer hätte das gedacht, der Film wird dieses Jahr in verschiedenen ‚Sommerkinos‘ wieder mal gezeigt.

Rudi StrahlRudi Strahl galt neben dem „Salonbolschewisten“ Peter Hacks als der Komödienautor der DDR. Seine Stücke erlebten damals über 560 Inszenierungen. Dazu kamen die Drehbücher zu mehr als 40 Kino- und Fernsehfilmen. Seine Werke waren etwas für diejenigen, die Satire und Kritik zwischen den Zeilen lesen, respektive hinter die scheinbar reinen Unterhaltungsszenen sehen konnten. Und wenn auch spät, ereilte ihn denn am Ende doch ebenfalls das Aufführungsverbot: seine Militär-Komödie „Das Blaue vom Himmel“ wurde 1985 an der (Ost-) Berliner Volksbühne kurz vor der Premiere abgesetzt und im Westen, in Osnabrück, uraufgeführt. Denn dass auf einmal die Himmlischen Heerscharen das Sagen haben, konnte man ihm wohl zu Hause nicht durchgehen lassen.

Sein Stern sank – zumindest teilweise zu Unrecht – nach der Wiedervereinigung. Er arbeitete noch für das gesamtdeutsche Fernsehen („Ein Kerl wie Samt und Seide“ 1991) und schrieb das Drehbuch für das Ostsee-Freiluftspektakel „Störtebeker“. 2001 starb er, kurz vor seinem 70. Geburtstag, in Berlin an Krebs.

Ich für meinen Teil mag auch den Dichter Rudi Strahl. Denn seine Verse atmen ach so Menschliches, feingesponnene (Selbst)Ironie und – Reale Poesie. Wie dieses hier:

Manchmal

Manchmal möchte man, auf Brücken stehend,
froh ins Wasser spucken wie als Kind;
doch weil Leute dort zu sehen sind,
schluckt man´s ´runter, mürrisch weitergehend.

Manchmal möchte man zu jemand sagen:
»O mein Engel, du – ich liebe dich!«
Doch man zögert und verkneift es sich
und spricht über kulturelle Fragen.

Manchmal möchte man vor Kummer flennen,
manchmal möchte man vor Freude schrein –
doch dann schämt man sich. Und läßt es sein.
Und besäuft sich höchstens. Und geht pennen.

Ach ja… vielleicht braucht man ja deshalb – manchmal! – diesen… irren Duft von frischem Heu…?

…und es wird noch heißer…

Mojim Druzjam (Für meine Freunde)

Juli 8, 2007 um 1:34 am | Veröffentlicht in 2007, Berlin, Hexengeschichten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, So Momente halt... | 3 Kommentare

Der dritte Sommer: In memoriam Viktor

Er fehltAm trüben Morgen dieses unendlich grauen Tages im Mai haben sie ihn gefunden. Gerade zwanzig geworden. Erlegen, unterlegen dem tückischen Kitzel, sein Leben aufzuspritzen. Ein einziges Mal…

*

Seitdem kriecht dieses unendliche Grau manchmal zwischen sie und macht sie still. Nicht für lange, denn sie sind jung und das Leben ist stärker als die dumpfe Traurigkeit, die nach den Tränen kam – um den Freund, der fehlt. Langsam weichen sie, die lähmende Sprachlosigkeit und der Schmerz des schleppenden Begreifens. Sie tauchen aus ihm herauf, stehen wieder am Ufer, fast wie früher…

Katja ist endlich wiedergekommen, heute, zum ersten Mal ohne ihn, der zu ihr gehörte. Als sie an der offenen Tür des Klubraums vorbei geht, verstummen sie drinnen. Nur ein zaghaftes „Hallo Katinka“ weht ihr verloren hinterher. Sie kommt auf mich zu, lehnt wortlos ihren Kopf an meine Wange. Ich bin froh darüber, auch, weil ich so den Blick ihrer großen, dunklen Augen nicht ertragen muss, die immer noch verzweifelt nach dem Warum fragen, mir das quälende Gefühl geben, versagt und etwas wichtiges nicht getan zu haben.

Jede hört den Atem und das Schlucken der anderen, das weh tut im Hals, weh tut, wie das Schweigen. Als ich sie auf meinen Schoß ziehe, ganz nah zu mir, strömen endlich die Worte hervor, herüber und hinüber, unaufhaltsam jetzt, flüsternd, hastig, schluchzend…lächelnd…in der vertrauten Muttersprache – manches geht nur so zu sagen. Über den Jungen mit der russischen Seele. Wie er war, wovon er träumte, was von ihm bleibt.
Es befreit, ist wie das Aufwachen aus einer dunklen Betäubung…

…und die schweren Wogen der Kornfelder
Bild: G. Nesvadba

Viktor – der Sturkopf, der Rebell und Poet. So stark und so verletzlich war er: ein junger Baum, entwurzelt, ungefragt in fremde Erde verpflanzt, gegen die er sich wehrte. Ebenso wie gegen die Hoffnung der Familie, im Land ihrer Vorfahren das Glück zu finden. Wie gegen die Menschen, deren Sprache er nicht verstand und bei denen er sich nicht willkommen fühlte, es bei vielen wohl auch nicht war. Erst hilflos, dann trotzig und stolz kehrte er störrisch den R u s s e n hervor, den sie in ihm sahen, forderte sie heraus, durch jede Geste, durch Flüche von slawischem Klang. Er verweigerte sich ihrem ihm so fremden Leben, zog mit seinen Gefährten durch ihre Straßen und zerschlug ihre kleine enge Welt in klirrende Scherben.

…mit den verwitterten Schnitzereien der Holzrahmen…Am schönsten waren die Tage, in denen er jeden Sommer zurück war in der altvertrauten Weite fern im Osten. In dem kleinen Dorf mit der ungepflasterten Straße, die er mit dem Rad und den Freunden entlang jagte, hinein in die stillen Wiesentäler und die schweren Wogen der Kornfelder. Zum morschen Steg am sommerträgen Fluss mit seinen grünen Buchten oder ins nahe Städtchen. Dort kannte er alles: die hingeduckten Häuser mit den verwitterten Schnitzereien der Holzrahmen …und den dünnen Ton seiner Glockeund die bunten Kopftücher der Marktfrauen am Bahnhof, an dem nur ein einziges Gleis vorbeiführt. Er liebte das Zwiebeltürmchen der kleinen weißen Kirche und den dünnen Ton seiner Glocke. Dort war er glücklich. Von dort kehrte er zurück, bis unter die Haarwurzeln angefüllt mit Melodien und Versen, die er und seine Gitarre uns hören ließen, mal schwermütig und traurig, wie die Erinnerung an die Heimat, mal voller Unruhe, Wildheit und Aufbegehren.

Doch seit kurzem waren da andere Töne und Worte, leise noch und fragend, zweifelnd und lauschend, doch immer wacher und klarer. Die Zeit drehte sich um: quälende Tage schrumpften zu dürstend suchenden Stunden, winzige Augenblicke wuchsen dem entgegen, was gelebt werden wollte.

Da gab es ein Mädchen, dem er zärtliche kleine Gedichte schrieb, das den Trotz und die Härte aus seinem Gesicht wischte und ihm von ihrem Lächeln abgab. Und da waren endlich Freunde, die ihn mochten, wie er war, die seine Träume verstanden und sein Herz tragen halfen.

Broken Guitar… seineIn diesem Sommer wollte er hier bleiben, wollte endlich anfangen, einen neuen Traum zu leben, wollte seine Leidenschaft, an schnellen Wagen zu schrauben, zum Beruf machen. Der Vertrag war schon unterschrieben. Er machte sich bereit, hier daheim zu sein. Und sein Name begann, ihm recht zu geben: Viktor – der Sieger. Auch über sich selbst… beinahe…

*

Es dämmert schon. Sie stürmen herein: „Katja…Katjuscha, v Sadik… in den Garten, komm!“ Sie fassen sie bei den Händen und ziehen sie mit sich. Viel später folge ich ihnen. Da sitzen sie, auf den Steinen am Feuer, die Saiten der Gitarre klingen leise. Es ist eines seiner Lieblingslieder, Wyssotskijs „Mojim Druzjam“. Und ich weiß, er ist dort, unter ihnen…

Und sie wissen es auch.
Sie fliegen auf - miteinander
P.S. Der Text ist schon etwas älter und auch schon einmal veröffentlicht, woanders. Doch es ist wieder ein Sommer. Der dritte…
P.P.S. Das „Mojim Druzjam“-Lied ließ sich leider nirgends auftreiben. Ich selber habe es auch nur in der vinylenen Version. Aber die vier verlinkten Songs passen zum Teil auch ganz gut. Und für Interessenten könnte ich den einen oder anderen Text auch übersetzen…

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