Noch nix mit Barfußgehn. Frühfrühling zwischen draußen und drinnen und ein Spaziergang weit vor Ostern

März 31, 2011 um 11:57 pm | Veröffentlicht in Berlin, Bilderhexe, Drumherum und anderswo, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spielwiese, Uncategorized, Wetter-Hexe | 1 Kommentar
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Schon wieder so ein Spiel mit Bilderauftrag vom Käpt’n. Die nehmen ja langsam überhand. 😉 Aber woll’ma ma nicht so sein, wa? – wie der Berliner sacht. Und erst recht keen Spielverderber.
Zumal nun endlich Lenzens blaues Band wieder flattert durch die Lüfte, erste Sommersprossen auf blassen Nasen und die Sonnenhungrigen allerorten aus dem Boden sprießen. Die Stiefmütterchen auf den Rabatten hingegen nicht – die wurden dort gnadenlos von Stadtbegrünerhand ausgesetzt.

Allerdings ist es mit dem Frühlingswetter so eine Sache, das muss er noch ein bissel üben, der Frühling. Wo er, übern Daumen gepeilt, beinah ein Jahr keine Gelegenheit mehr zum lauen Lüfteln hatte. Denn wer, bittschön, hockt sich bei Temperaturen knapp über Null entspannt auf ’ne Parkbank, frag ich euch.

Na gut, ein paar gab es schon, die mir auf meinem ersten doch recht eiligen Spaziergang zum dienstlich indizierten Außentermin über den Weg ruhten. Die hier, vielleicht TU-Studentin von gleich nebenan, hatte sich still auf die Mittelinsel vom Ernst-Reuter-Platz geschlichen und dafür schön warm angezogen. Und wie man sieht, ist sie nicht alleine auf die Idee gekommen. (Nicht im Bild: der Papierkorbdurchwühler zehn Schritte weiter.)

Noch ein ganz mutiger Mit(tags)ruhender: vor dem Café ohne Namen am U-Bahn-Ausgang Bismarckstraße. Nennen wir ihn Robert, der auf einen Cappuccino und ein Viertelstündchen der Hektik in seiner Werbeagentur entkommen ist. Denn nie, niemals hätte ich gewagt, ihn aus seiner Lektüre zu reißen, um nach seinem richtigen Namen und Erwerb zu fragen. An den Namen des Cafés erinnere ich mich, ehrlich gesagt, einfach nicht. Was es schon wegen der netten Bedienug überhaupt nicht verdient hat. Für Insider unter den Lesern: es ist das winzige Eckstübchen mit den verstreuten Ledersitzklopsen. Hinter dessen Glaswand die zwei Mademoisellen auf dem nächsten Bild verschwommen und verwackelt ruhen.

Beim nächsten Bildertrip bin ich dann ziemlich vom Dienstweg abgekommen – direktemang hinein ins Wochenende, einen Wetterwechsel und das Angrillen – irgendwo in Friedrichshain. Die Lüfte wurden linder, dafür aber ziemlich feucht.

Und da haben wir ihn wieder, unseren Bratwurstmann mit dem Schirm. Okay, es ist ein anderer. Der Schirm – und auch der Mann: Axel, der tapfere Grillwurstretter, von allen kleinen Mädchen bewundert. Die Party fand wegen des Dauerregens und passend zum Friedrichshain in einer überdachten Toreinfahrt statt. Es gab multikulti Geklampftes par excellence von J. Und regen Zulauf aus der Nachbarschaft, die immer gern ruht, szenegerecht chillt oder hüpft und sich niederlässt, wo man singt. Genau richtig war hier auch die hübsche Zuzan mit den Dreadlocks, und nein, das ist kein Joint; in der Kippe liegt die Ruhe. 😉

Die vorletzten Schnappschüsse sind von einer Indoor-Party, wegen der Nachtfröste. Die zwei sind Touris, kommen aus den Bergen und wollten mal ‚Berlin gucken‘. Ich hab ihnen versprochen, sie Kai und Lisa zu nennen. Denn Kai ist grad im Bewerbungsmodus, und man kann ja nie wissen, ob der Personalchef nicht mal schnell im Internet guhuugelt, wie versoffen oder verbohrt sein künftiger Mitarbeiter ist oder wie verspielt seine Perle. (Hmjoh… das T-Shirt kam beiläufig direkt aus dem mitgeführten Wanderrucksack auf den Mann, nachdem der Inhalt des vorletzten Glases – hier nicht im Bild – durchs Hemd geflossen war. Von außen.)


Der letzte Mitruhende, auch wieder etwas diffus geraten, ist eher ein Nebenprodukt und irgendwie aus Versehen ausm elften Stock passiert. Also nicht er selber, sondern das Abbild von ihm. Der sah aus, als hieße er Fred und hätte grad die Freundin beim versuchten Überraschungsbesuch im Plattenbau verpasst; ans Handy ging sie auch nicht. Folge 1, 2 und 3 aus der Reihe: Be an Unruh…ender.

Dies mein Beitrag zum Be-a-Mitruhender-Glücksspiel.

Aus tiefster Barfußmädchenseele im leider noch festbeschuhten Frühfrühling hier.
(Und Herrgottnochmal, die ist immer viel zu weit für _nur_ein_Bild. Und lässt sich einfach nicht in ein Regel(schuh)werk zwängen.)
Hab ich jetzt verloren? 😉

Bilder: Selberknipsing und: Klick macht groß.
Video: Reinhard Mey. Frühlingslied. Vom Album: Hergestellt in Berlin (1985). Via youtube und gebjgbtl571b.

Yumiko oder Through the Looking-Glass, and What I Found There

März 20, 2011 um 6:56 pm | Veröffentlicht in Berlin, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, So Momente halt... | 6 Kommentare
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„Nagaki yo ya
omou koto iu
mizu no oto.“

So lang die Nacht, ach,
Und, was ich denke, sagt nur
Des Wassers Rauschen.

(Japanisches Haiku, v. Gochiku)

ochbetrieb. Die Hütte ist voll.
So ist es immer am Montagmorgen vor Neun. Alle Hände werden gebraucht. Sie fliegen über die Tastaturen und die sechs Computer glühen. Stimmengewirr. Scherzen, Schimpfen, Ungeduld. Und tausend Fragen der Studenten in der letzten Viertelstunde vor Kursbeginn. Alle Welt trifft sich im Schulbüro am Montagmorgen. Die ganze Welt.

Eine schmale Mädchenhand. Sie schiebt mir ein Foto über den Tisch: sanfte Mandelaugen unter einem dunklen Fransenpony, langes Haar von der Farbe des Sommernachtshimmels.

Das Foto wird auf ihrem Zeugnis kleben, Deutsch-Zertifikat, Stufe B2.

Sie lächelt, als ich ihr Glück für die Prüfung wünsche.

Die Mandelaugen lächeln nicht.
Sie sind wie der glatte Spiegel eines schwarzen Sees. Doch in der Tiefe lodert Schmerz, tost eine Welle, die Häuser und Menschen und Dinge mit sich reißt. Schmelzen Atome, deren Strahlung Leben auslöscht und aus Städten Wüsten macht.

Unsere Hände berühren sich und unsere Blicke treffen sich für den Moment einer Ewigkeit. In der es still wird um uns. – Wo sind deine Lieben, Mädchen?

Sie heißt Yumiko.

*
***
*****

Abends auf dem Heimweg überschlägt sich der sonst Lieblingssender im Autoradio mit neuen Katstrophenmeldungen. Schneller, größer, schlimmer. Und die Moderatoren verströmen ihre Auffassung von Feierabendunterhaltung mit hirnlosen Bonmots über ein Volk von Hightech-Japanern, das gestern noch Roboter als Hausangestellte hatte und heute an Steinzeitfeuerstellen kocht. Labern merkbefreit mit EXPERTEN darüber, was für ein Riesenschwein wir doch haben, dass „DAS DORT“ „UNS HIER“ wohl nicht erwischen wird. Nicht sehr. Nur die Andern. Am andern Ende der Welt. Und GottundderZoll schütze uns vor verstrahlten japanischen Lebensmitteln! Amen.

Was ist das? Zynismus oder nur Dummheit? Oder vielleicht das Pfeifen im dunklen Wald?

Ich bin wütend und mir ist kotzübel. Ich schalte das Radio aus und möchte schreien. He Leute, kriegt ihr noch was mit??!! Wie nah ist euch der Nebenuns? Und wo ist das Ende der Welt? Die ist ein verdammtes Narrenschiff, aber es ist die einzige, die wir haben!

Ich denke an Yumiko…

…und an der roten Ampel am Frankfurter Tor falten die vergessenen Finger in Gedanken aus dem Blatt Zigarettenpapier einen Kranich.

Video: Reinhard Mey: Die Mauern meiner Zeit. Aus dem Album: Mit Lust und Liebe (1991). Via Noeki auf youtube.

Sie ist Heldin

Februar 27, 2011 um 8:05 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, Werbehexe | 2 Kommentare
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oder: „Ich glaub, es hackt.“

Ein Update zu: Helden sind – männlich? Out? Tot?

Ha, es gibt sie noch! Die Helden im Heute.
Und: Helden sind: Mädchen. Und was für welche! Im natürlichsten Sinne des Wortes. Welche, die sich nicht nur so nennen.

Was für eine Erfrischung nach dem ganzen Lug und Trug und Gekungel, die gerade wieder mal aus den Etagen der Mächtigen über uns herein seiern.

Jung und (von) matt

Judith Holofernes, ihres Zeichens Frontfrau von „Wir sind Helden“, hat in einem Offenen Brief nicht nur den Werbern bei Jung von Matt und dem allgewaltigen VolksverdummungsBILDblatt eine Abfuhr erteilt, sich für deren laufende Promi-Plakat-Aktion einspannen zu lassen. Sie hat damit zugleich den Herrschaften Schwarzer, Lindenberg, Gottschalk, Lahm und Co. vor den Bug geknallt, was es heißt, Arsch in der Hose zu haben, statt seine Seele zu verkaufen:

Liebe Werbeagentur Jung von Matt,

bzgl. Eurer Anfrage, ob wir bei der aktuellen Bild -Kampagne mitmachen wollen:

Ich glaub, es hackt.

Die laufende Plakat-Aktion der Bild-Zeitung mit sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere (Auch kritischem! Hört, hört!) von sogenannten Prominenten (auch Kritischen! Oho!) ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. Will heißen: nach Euren Maßstäben sicher eine gelungene Aktion.

Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll’s, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein bisschen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außerdem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, irgendeine pseudo -distanziertes Gewäsch aus, irgendwas “total Spitzfindiges”, oder Clever- Unverbindliches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotzdem unheimlich viele saudumme Menschen erreicht! Hurra.

Auf der anderen Seite, das erklärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Bild -Zeitung, die traut sich was.

Und, die dritte Seite: Ihr, liebe jungdynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…

Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.

Mit höflichen Grüßen,
Judith Holofernes

Mehr zum Thema u.a. in der taz, der Zeit online oder auch auf jetzt.sueddeutsche.de. Letztere versetzten zudem durch eine User-Satire in Titanic-Manier und Gestalt eines gefakten Antwortbriefes von Jung von Matt nicht nur ihre jugendliche und jung gebliebene Leserwelt in Aufruhr, sondern die Medienwelt gleich mit. Köstlich!
(Edit: Leider am Ende gipfelnd in der Bemüßigung, selbige Satire dem dummen mündigen Leser dann doch meinen erklären zu müssen….) 😦

Das denkende Lesevolk jubelt. Auch sonst war der Erfolg ein durchschlagender. Die Internetseite der „Helden“ ging unter den abertausenden von Klicks in die Knie und fährt gerade ein ‚Notprogramm‘ – mit dem einschlägigen Briefwechsel.

Wenn ihr nicht schon vorher Helden wart, dann seid ihr es jetzt.
Meinen Respekt, Heldenmädchen. Go Judith, go!

P.S. Sie selbst empfiehlt als Faust-aufs-Auge-Soundtrack den hier:

Bilder: Wir sind Helden: via WDR Rockpalast. Judith Holofernes: Foto ap, via jetzt.sueddeutsche.de. Ausgeknockter Superheld – weiß ich nicht mehr; Urheber bei Bedarf büdde melden.
Video: via Dailymotion.com.

Strangers, Mermaids, Musikanten

Februar 6, 2011 um 11:26 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Bilderhexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spielwiese | 3 Kommentare
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Oder: Vom Abenteuer und der Mühsal, to be a Mitreisender

Nebenan hat Captain Wolf wieder eines von seinen raffinierten Preisausschreiben ausgesungen, die sich unter der so nerdigen exklusiven wie geneigten Leser- und Schreiberschar anhaltender Beliebheit erfreuen.

Der aktuelle (Foto)Auftrag „Be a Mitreisender!“ oder: Finde Ismael, geh mit ihm an Bord – und mach ein Bild von ihm! ist ja eher was für Leute, die grad Urlaub machen – oder so einen freihändigen Hobby-Job mit selbsternannter Gleitzeit und Ausgeschlafenheit. Jedenfalls mehr als für welche, die ihr Vollzeiterwerb morgens im Dustern aus dem Haus und mitten in die volle U-Bahn mit Sardinenbüchsen-Feeling treibt. Abends heimwärts: dito. Vor allem hat er mehr von Abenteuertrip, als man je vermuten könnte.

Denn der großstädtische Berufsverkehrer ist morgens zumeist übellaunig, unausgeschlafen, spät dran oder einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden, mit selbigem zudem grad auf dem ungestreuten Gehweg ausgerutscht oder in einen Haufen Hundekacke getreten, somit kamerascheu, unfotogen und latent aggressiv gegen Mit-Mitreisende. Erst recht gegen solche in Gestalt von Amateurfotografen.

Am ehesten bereit, to be a Mitreisende, mit dir gemeinsam über die Schonwiedererhöhung der BVG-Mitreisepreise zu wettern und trotzdem freundlich in die Kamera zu lächeln, ist vielleicht noch die nette Fahrkartenverkäuferin im Bahnhofskiosk. Doch noch bevor du die Knipse zücken kannst, fährt die letzte Bahn ein, die du unbedingt kriegen musst, um nicht wegen Zuspätkommens angezählt zu werden.

Wer die Kuscheligkeit eines U-Bahnwagens in der Rush Hour kennt, weiß: das ist nix für klaustrophobische Gemüter. Eingezwängt und in unfreiwillig intensivem Körperkontakt mit wildfremden Leuten kriegst du nicht mal die Hand an deine Cam. Und falls doch, dafür womöglich eine auf die Zwölf. Motive allerdings gäbe es zuhauf.

Zum Beispiel die Mitvierzigerin, die ihre neue Daunenjacke stolz zum ersten Mal ausführt. Was kein Mitreisender übersehen kann, denn unter der Achsel baumelt noch das Schnäppchen-Preisschild: Größe 42, 39,90 €. Oder die zwei Schulmädchen, Gymnasium, zehnte Klasse, tipp ich mal, die darob tuschelnd die Köpfe zusammenstecken und sich halbtot kichern.

Einen preisverdächtigen Schnappschuss gäbe auch der zerzauste Wuschelkopf der Rotschöpfin auf dem Eckplatz an der Tür ab. Die hat verschlafen, jede Wette, ist falsch zugeknöpft und holt grad ihre Morgentoilette nach: heimliches Mundspülen mit einem Schluck aus der Wasserflasche, dann ungeniert un-heimliches Schminkritual. Dessen schräges Ergebnis ist ein knallroter Schmollmund, der sich mit der Haarfarbe beißt, und der misslungene Versuch, wie Tori Amos auszusehen. Oder wie die Monroe? Nur halt nicht in Blond.

Gern würd ich ja auch die Geschichte zu einem Bild von dem Typen in der knarrenden Lederjacke von gegenüber erzählen. Der hört und sieht nix um sich herum, beugt seine gepflegte Kahlköpfigkeit über ein altes Heft mit gilbenden Seiten auf seinen Knien und schreibt und schreibt. Manchmal hält er inne und die Hände, die ausschauen, als könnten sie besser auf dem Bau zupacken oder ein Schiffsruder drehen als einen Stift halten, blättern zurück. Um dann emsig weiter zu kritzeln. Die Schrift ist klein und ebenmäßig. Zu klein, um sie von meinem Platz aus lesen zu können. Verflixt. Was schreibt der da so endlos? Einen Roman? Sein Leben? Geschichten über die Mitreisenden? Sein letztes Abenteuer in der Südsee? Ist der vielleicht Ismael? Todspannend das. Als er zusammenpackt und aussteigt, bleibt nichts als Neugier…

Ach ja, und dann ist da noch der langhaarige komische Vogel in schwarzem Echtpelzjäckchen mit dem silberfarbenen Köfferchen und dem Mädchentouch. Der ist auch nicht von dieser Welt. Die Lautstärke seines Ei-Potts lässt die Mitreisenden mühelos mithören. Was völlig überflüssig ist – denn er singt entrückt-verzückt und mit geschlossenen Augen lauthals mit. Hardrock, eigentlich ein Widerspruch zu seiner Erscheinung. Den hab ich skizziert (auf sowas Ähnlichem, wie ’nem alten Kassenzettel, Käpt’n), bin mir allerdings meiner Fertigkeiten im Hinwerfen schneller Zeichnungen so wenig sicher wie ihrer Eignung für die Öffentlichkeit.

So sich nun also der unterirdische Berufsverkehr zwar als überaus geeignet, to be a Mitreisender, aber als ziemlich ungeeignet, to document a Mitreisenden erwiesen hat, ist guter Rat teuer. Mit dem Auto unterwegs zu sein, machte alles mitnichten besser, es sei denn, man änderte die Ausschreibung in: Be an Aneinander-Vorbeifahrer! Da hätt‘ ich dann ein verwackeltes Exemplar Vorbei-Fahrradfahrer. Wo der hin wollte? Was weiß denn ich! Vielleicht zum Flohmarkt, Ersatzteile kaufen? Und meine täglichen 25 Kilometer (in eine Richtung, also die ganze Strecke mal Zwei) zu Fuß wären eine glatte Überforderung.

Aber gesagt ist gesagt, du kennst mich, Wolf. Die Hex‘ gibt nicht so leicht auf. Und krabbelte eines Abends, geschlaucht und gestresst, doch guten Willens unter der Erde hervor ans Tageslicht. Das schon weg war. Den Alexanderplatz konnte man im Finstern grad noch so erkennen.

Zuerst traf ich, bei dem Laden mit dem Kaufmanns-Und zwischen den zwei Buchstaben, auf eine mit Accessoires desselbigen gestylte Minifamilie im Reise-Outfit. Sie stand ungefähr drei Meter über mir im Schaufenster, verurteilt to be drei Rumsteher und deshalb wohl ziemlich genervt. Jedenfalls fiel das Lächeln ihnen schon schwer und sie haben kein Wort mit mir geredet. Tja, nix mit Geschichte.

Weil Berlin ja bekanntermaßen auch am Meer liegt (sogar noch näher als München 😉 ) und wir allem Maritimen in Sehnsucht anhängen, dachte ich: gehst du halt nochmal beim alten Neptun vorbei. Am Ende begegnet dir daselbst gar ein mitreisender Seemann auf Landgang oder im Ruhestand. Zu meinem Leidwesen waren die Damen, die als einzige um diese Zeit noch dort rumsaßen, auch nicht gerade sehr gesprächig. Vielleicht nehmen sie es dem guten Begas ja noch übel, dass sie eigentlich vaterländische Flüsse symbolisieren sollen und nicht einfach Mermaids und Gespielinnen des alten Meergottes sein dürfen. Oder den Touri-Horden, dass die ihnen dauernd ungestraft an den Busen, ans Knie und die Barfüße grabschen dürfen. Die eine zeigte mir gleich die kalte Schulter und starrte verbissen Richtung Fernsehturm. Die andern lümmelten melancholisch vor sich hin und seufzten leise. Und eine von denen gestand mir, dass sie sich schon geschlagene 122 Jahre auf dem blöden Brunnenrand langweilt und nichts mehr wünscht, als to be a Mitreisende. Für ihr Alter sieht sie aber noch recht ansehnlich aus, hab ich ihr gesagt. Und ihr versprochen, demnächst wenigstens mal wieder auf ’n Pläuschchen vorbei zu schaun.


Auf dem Rückweg zum Bahnhof gesellte sich zu meiner mageren Bilderausbeute endlich doch noch ein lebendig bewegtes Motiv – naja, also im Rahmen seines Bewegungsspielraums jedenfalls. Branko, der Bratwurstmann. Der hat sich seit seinem Umzug von der Adriaküste zum Alex die mobile Fastfoodtheke mit dem Schirm hinten dran vor den Bauch schnallen lassen, um selber gelegentlich auch mal was anderes als Bratwurst essen zu können. Er posierte gern für das Projekt und reist nicht nur mit, sondern ist sozusagen der Speisewagen für alle Mitreisenden.

War eigentlich fotographische Zeitnähe gefordert im Spiel? Falls ja, dann außer Konkurrenz hier noch ein paar Schummelbilder aus wärmeren (und helleren) Zeiten, die dem Anliegen vielleicht eher gedient hätten:

Die exotische Schönheit mit dem müden Ableger, nennen wir sie datenschutzhalber Yasmin, kenne ich. Mit der reise ich täglich – sie bringt Zugereisten Deutsch bei und die lieben sie, alle. Der Typ daneben ist Karl, der Wettergott, der zu seinem Vorgesetzten über dem Nollendorf-Viertel betet, damit der ihm nicht das Straßenfest vehagelt und die Mit-Mitreisenden verstimmt.

Und wem keine Straßenmusikanten vor die Linse laufen, der ist nicht unterwegs. An denen kommst du einfach nicht vorbei, selbst wenn du wolltest. Der mit der Quetsche, der kann was und würde sich mit seinen Melodeyen auch gut vor einem Pariser Straßencafe machen. Oder in einem Film darüber. Der Ausgefranste mit der Mundharmonika g l a u b t, er kann spielen. Dafür ist er aber sowas Ähnliches wie ein Nolle-Original und wohnt unter dem U-Bahn-Bogen. – Der Klarinettist ist eher Zufall.

Als Bonusbild und Fazit schlussendlich noch zwei Echte, Sophie und Tom. So weit, wie die wollen, kommt sowieso keiner mit – Australien, Start von Gate 8 in Tegel. Aus der Reihe: Be two Mitreisende!

Fast vergessen hätt ich ja Paule Knopp. Dem die Traurigkeit ins Gesicht geschrieben steht, weil kein Reisender ihn beachtet oder ihn auch mal einfach nur drückt. Denn er ist nur ein armer alter Klingelknopf neben einer längst zugebauten Türe…

Hmm, das nächste Mal reisen wir dann vielleicht doch eher von Kneipe zu Kneipe oder ins Eck-Cafe. Das machts womöglich einfacher. Schade, dass dergleichen Lokalitäten mir im Moment grad so selten unterkommen. Höchstens mal fix auf der Durchreise.

***

Who are you, Mitreisender… I don’t know.

I don’t know what you smoke
Or countries you been too
If you speak any other languages
other than your own, I’d like to meet you

I don’t know if you drive
If you love the ground beneath you
I don’t know if you write letters
or you panic on the phone
I’d like to call you all the same,
If you want to
I am game

I don’t know if you can swim
If the sea is any draw for you
If your better in the morning
or when the sun goes down
I’d like to call you

Bilder: selber geschossen und verwackelt. Wer schon nicht mehr so gut sieht sie größer haben will: einfach mittendrauf klicken.
Video: Lisa Hannigan: I Don’t Know. Via youtube.

Ein Teller Buchstabensuppe

Dezember 21, 2010 um 7:32 pm | Veröffentlicht in 2010, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kultur, MarktLückenbauten, Neulich nebenan, Real-Poetisches | 8 Kommentare
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… stand als Menü auf der (Eintritts)Karte So einen kriegst du aus keiner Tütensuppentüte, nicht von Maggi oder sonstwem. Oder hat wer schon mal lateinische, gemixt mit griechischen, arabischen und chinesischen Nudeln Schriftzeichen in seinem großen Löffel schwimmen sehen?

Die bunte babylonische Suppe zu dieser Nachlese ist längst ausgelöffelt. Aber man kommt ja zu nix mehr heutzutage, nicht mal dazu, seine paar verwackelten Bilder im Blog aufzutischen.

Und wie sie alle, alle kamen: Weltenbummler und Urlaubsplaner, Goldsucher, Landflüchter und Abenteurer. Die Herden der hergeprügelten Schulklassen, von praxisnahen Schulmeistern zu polyglotter Zukunftsplanung mittels Spracherwerb angehalten. Die bildungshungrigen Familien, zwei- bis nochmehrsprachigen Nachwuchs aufziehend oder den fernwehen Pubertanten im Schlepptau. Die Lehrer und Lerner. Die dienstreisenden Delegationen der Geschäfts-, Kontakt- und Ideenfischer. Dazu ganze Heerscharen ebenso frischgebackener wie vitae- und visitenkartengespickter Magister, Designer, BWLer, Multi- und Kulti-Manager auf Erwerbssuche. Und ein paar schräge Vögel – mit skurrilen bis suspekten Produkten im mobilen Esoterik- oder Wunderheilerrucksack. Die fliegen, scheints, überall ein und finden ihren Weg schlafwandelnd mit orakelgestützter Sicherheit.

Die ‚Suppenköche‘, laut Zählung der Veranstalter und exklusive der munteren Küchenjungen und patenten Bedienungen (bei denen meine Wenigkeit inklusive) vorgeblich ungefähr zweihundert, ließen sich denn auch nicht lumpen. Beim Chinesen… öhm, also beim diesjährig exponierten Gastsprachenland in Gestalt volkreicher Konfuzius-Institute durfte man Schlange stehen, um sich seinen Namen in annähernder Bedeutung kalligrafieren zu lassen. Kulant und völlig ohne Anstehen gabs dazu die ganztägige Ommm-Palastbeschallung des Schattenboxer-Soundtracks. Allerdings auch ohne Vorwarnung, dass dass man sich von der als noch so tapfere Bedienung nach spätestens einem halben Tag ein Trauma einfangen konnte.

Die Basken, unsere fröhlich-freundlichen Standnachbarn, starteten ein spontanes Kamerashooting, mittels dessen wir ihre zahlreichen Opfer zur zungenbrechenden Frage „Badakizu euskaraz hitz egiten?“ (Sprichst du Baskisch?) digitalisiert wurden. Die zungenbrechende Antwort darauf hab ich, trotz Auswendiglernen, leider wieder vergessen. 😉 Dafür aber jetzt einen Baskisch-Crashkurs auf Gratis-CD. Nebenher verteilten sie Snacks, die von weitem wie Mini-Hotdogs aussahen und so bekömmlich wie das Zellophan um sie herum.

Bei den Argentiniern lernte der hereinschneiende eher Steak- als Nudelesser in lupenreinem Spanisch, wie ein einheimisches Hochlandrind fachgerecht in mundlich tellergroße Hüftsteaks zerlegt wird. Später dann auch noch, warum und wie man nach deren genüsslichem Verzehr einen feurigen Latinotango aufs Parkett legt.

Am Stand gegenüber wurde der sprach- und arbeitswillige Besucher ermuntert, nach Irland auszuwandern. Da wollte ich sowieso schon immer hin, habs mir jedenfalls mal vorgemerkt – fürs nächste Leben oder so.

Und eine Etage höher fanden parallel in mehreren Sälen die obligatorischen Vorträge und Symposien für Sprachoholiker statt. Was für das Publikum besonders dann lustig wurde, wenn die Stimmgewalt eines bierernsten Redners zum gewichtigen Thema Interkulturalität rettungslos im Johlen einer Kinderhorde unterging, die nebenan mit dem Affen Oskar oderwiederhieß den Urschrei lernte.

Mein stiller Favorit: Russischkurse bei Lew Tolstoi. Also nicht bei ihm persönlich, glaub ich, aber in seinem originalen Jasnaja Poljana. Vertickt an einem kleinen versteckten Stand von zwei schweigsamen russischen Schönheiten. Na, wenn das kein Angebot ist, erst recht im Jahr seines 100. Todestages und wer wollte nicht schon immer mal Tolstoianisch können und nebenher in die realpoetische Kultur des alten russischen Dorfes reinschnüffeln.

Das schönste Lächeln: in den Frätzchen der Kinder, die sich mit diebischer Freude überall mit Werbekugelschreibern, Schlüsselbändern, Luftballons etc. eindeckten und mit multikulti Süßigkeiten vollstopften. Der bissigste strengste Blick: in den Pokerface-Visagen der Türsteher, deren wachsamem Holzauge kein Terrorschläfer entging. Wahrscheinlich sogar ohne das HighTec-Sicherheitsgate in Flughafenmanier, dem sie vor- und hinterstanden.







Alles zusammen: ein synästhetisches Süppchen.

Ach, lustig wars. Und wer braucht schon arbeitsfreie Wochenenden!
Die nächste Expolingua Berlin kommt bestimmt.

Ah ja… und Vooorsicht beim Gebrauch von Buchstabensuppenbuchstaben! 😉

Video: Via youtube. Chinesen-Illus: weiß ich nicht mehr; grummelnde Urheber bitte melden. Alle anderen Bilder: selber verwackelt.

Gespenster am Gendarmenmarkt

Februar 7, 2010 um 10:08 pm | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Kultur, MarktLückenbauten, Märchenhexe, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spinnweben, Traumzaubern, Uncategorized, Wetter-Hexe | 2 Kommentare
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Hoffmanns Katers Erzählungen
oder: Ansichten eines Schnurrbarts über Alkoholwerbung mit zwei Backenbärten

„Jeder, der mit einiger Phantasie begabt, soll, wie es
in irgendeinem lebensklugheitsschweren Buch
geschrieben steht, an einer Verrücktheit leiden,
die immer steigt und schwindet, wie Flut und Ebbe.“
(E. T. A. Hoffmann)

Irgendwann letzte Woche. Feierabend. U2 Richtung Pankow.

Ich habe gerade eben am Hausvogteiplatz meinen exklusiven Sitzplatz im unterirdischen Heimwärtsberufsverkehr aufgegeben, fluchtartig. Eigentlich wollte ich erst vier Bahnhöfe später umsteigen. Während die volle Bahn samt dem Mitfahr-Überfall einer Band(e) Möchtegernfolker und ihrem kreisenden Coffee-to-go-Sammelbecher in den Tunnel rauscht, rette ich mich nach oben. Nichts gegen Straßenmusik und der Banjospieler war ja auch noch ganz okay. Doch den Tinnitus von den oberschiefen Tönen des grölenden Saxophons auch nur eine Station länger zu ertragen, sträubte sich mein sonst recht empfängliches Gehör entschieden. Vier Stümper sind halt noch lange nicht 17 Hippies.

Die Treppe in die Oberwelt endet gefühlt irgendwo direkt am Nordpol und das Aufatmen füllt die Lunge mit ungefähr einer Million Eiskristalle. Der Wind beißt sich schmerzhaft im Gesicht fest – es ist sibirisch kalt. Andere Nordpolbewohner, die mir begegnen, hasten einer Wärme zu, die hoffentlich irgendwo auf sie wartet. Und meine Stiefelspitzen krabbeln unschlüssig in den Schnee. – Was jetzt? Und wohin? Wo ich doch hier eigentlich gar nicht sein wollte.

Die Stiefelspitzen wollen nach links. Und überhaupt endlich los, bevor die Zehen in ihnen festfrieren. Na gut, drehen wir halt eine Runde um den Gendarmenmarkt. Der ist auch im Winter schön und gerade gut genug, die frisch ramponierte Ästhetik zu therapieren.

Die Tage im Januar sind noch kurz und es wird schon dunkel. Die deutschfranzösischen Dom-Brüder haben sich weiße Wollmützen auf die Kuppeln gestülpt. Hübsch und romantisch sieht es aus…

…und die vorbei knarrenden Pferdefuhrwerke auch und die Droschken mit den warmen Pelzdecken und den livrierten Kutschern, die im Schein der flackernden Gaslaternen mit dicken Fäustlingen um die Zügel auf ihrem Bock schlottern. Das findet wohl auch der Kerl mit dem Backenbart, der an seinem blankgescheuerten Holztisch im Lutter & Wegner durch die Scheiben starrt und der einsam vorbeischlendernden Spaziergängerin kurz zuzwinkert. Bevor er sich dem kratzfüßelnden Servicepersonal zuwendet, wild entschlossen, in erlesener Runde den von seiner jüngstverflossenen Geburtstagszecherey überkommenen Kater zu ersäufen:

Herr Wirt, fünf Gläser auf den Tisch!
Was gafft Er da so dumm?
Die Kerls, zu deren Wohl ich trink’,
Schlepp ich in mir herum.

Den ersten Kelch leer’ ich auf Ernst,
Das ist der Literat,
Der Kater Murr und Meister Floh
Aufs Blatt geschustert hat.

Das zweite Glas auf Theodor,
Den alten Widerling,
Beamter, der in Preußens Muff
Fast vor die Hunde ging.

He, Amadeus, hältst du mit?
Der dritte Schluck ist dein!
Dem Musikus ein Lebehoch,
Er will gebauchplinst sein.

Der vierte Krug dem Maler gilt,
Den auch ich in mir trag,
Wenngleich er keinen Namen führt.
Doch! – Alle, die ich sag.

Das fünfte Glas auf Hoffmann, ex!
Das ist der bleiche Geist,
In dessen Brust die Bande tobt.
(Und ihn in Stücke reißt.)
[1]

Sagte ich Kater? Wo kommt nur auf einmal dieser gestiefelte Miez her, der im Schnee um mich herum schleicht? Den kenne ich doch! Der wohnt seit Jahr und Tag im dritten Band meiner schmucken endsechziger Aufbau-Ausgabe. Gerade als ich weitergehen will, zieht er höflich und überaus possierlich seinen Hut. Nur, um mich dann aufdringlich anzuquatschen und ungefragt mit schnurrigem Boulevardklatsch zuzutexten. Dass der Meister nämlich sogleich noch seinen Intimus, den Herrn Hofschauspieler Devrient erwarte – zum gemeinsamen Modellbechern für das Logo einer dereinst berühmt werdenden Getränkemarke. Schließlich habe der erlauchte Hofmime selber für die Nachwelt den Namen des hauseigenen Kultgesöffs erfunden. Zwar im theatralischen Überschwang des Auftritts nach dem Auftritt in der Lieblingskneipe und mehr so aus Versehen als bühnenreifes Falstaff-Bonmot auf eine andere Hochprozentigkeit. (“Bring er mir Sack, Schurke!”) Aber wer früge späterhin schon noch nach dergleichen. “Der Saeck oder Sect ward ein Berliner Szenewort. Und der Schaumweinschlürfer des 21. Jahrhunderts wird nach Anekdoten lechzen und Originalschauplätzen, wenn er auf seiner lehrreich angeheizten Stadtbeschau in den allerspätestens seit ‚Hoffmanns Erzählungen‘ einschlägigen Lutter & Wegnerschen Weinkeller einfällt. Murrrrrr, glaube sie mir das, Mademoiselle.”

Moooment mal! Wofür hält der mich? Etwa für ’ne Touri-Schnepfe aus Posemuckel im Hinterwald? So tiefgefroren und winterschläfrig können meine kleinen grauen Zellen gar nicht sein, um nicht hellwach aufzuflattern und Alarm zu schlagen, dass an der Geschichte was nicht stimmt.

Wahr ist wohl, dass die zwei, den Berlinern ihr ‚Gespenster-Hoffmann‘ und der ebenbürtig abgründige Genius Devrient, sich in selbiger Weinschänke gesucht und gefunden haben. “Beide waren Meister darin, das Unerträgliche in die erträgliche Leichtigkeit des imaginativen Spiels zu verwandeln. Keine Tragik ohne Ironie. Die… schütteten sich ihr Herz aus, aber immer blieb ein Rest Spiel und Schauspielerei dabei…. Da sitzen die beiden Absturzgefährdeten und Genies des Leichtnehmens und des Leichtsinns bei ‚Lutter & Wegner‘ und spielen in der Verwandlungswelt der Imagination, werfen sich die Bälle ihrer Einfälle zu, mischen Ernst und Spiel, imitieren die Leute und sich selbst, machen sich Geständnisse, geben Trost, führen ihre Nachtgespenster vor. In den Nächten mit Devrient hatten Hoffmanns Erzählungen Premiere…” [2]
Und es gibt kaum einen Grund zu zweifeln, dass der große Bühnengaukler den Tod des Freundes nie verwunden hat. Dass er mit der Flasche in der Hand oft genug Selbstgespräche an dessen Grab geführt und seine zehn Überlebensjahre lang die Trauer in Vin Mousseux ertränkt hat. Allerdings starb Hoffmann bekanntermaßen bereits 1822, hat also des Anderen Wortkreation für den Lieblings-Absacker nie vernommen. Denn die überlieferte Episode mit dem Devrientschen Shakespeare-Zitat datiert erst aus dem Jahre 1825 und der erste deutsche Schaumwein gar erst aus dem Jahr danach. So illustriert die vereinte Becherei auf dem Etikett des L-und-W-Schampus mitnichten, warum der Flascheninhalt so heißt, wie er heißt. Wer allerdings wöllte dem Laden das legitime Zurechtdesignen seiner berühmtesten Stammgäste zu Urhebern und Werbezwecken verdenken.

Nun, und was die Flunkerei um den Originalschauplatz angeht…
Den Weinkeller hätte man Euch ja noch verziehen, Katerchen. Den gabs zwar auch erst seit 1835, aber immerhin bereits zu Lebzeiten des alten Offenbach, Veroperer von ‚Hoffmanns Erzählungen‘. Außerdem hockte und komponierte der in Paris rum. Doch dass der Hoffmann ursprünglich zwei Ecken weiter in seine Stammlokalität einkehrte, selbige nach einem Bombenvolltreffer des letzten heimgekehrten Krieges nicht mehr zu retten war und danach mitsamt ihrem einstigen Glanz auf Jahrzehnte verschwand, solltet Ihr den anreisenden Gespenstersuchern dann doch nicht umzudichten suchen. Wozu auch? Sein Geist ist sowieso herinnen, denn an ihrem heutigen Platz hat er gewohnt.

Eiei, Eure Schnurrhaarigkeit, da müsst ihr schon früher aufstehn und euch putzen, bevor ihr einer halbwegs hoffmannbibelfesten Schonlangberlinerin E.T.A.s neues Leben verkaufen könnt.

“Mit Verlaub, mein Bester”, hebe ich, an diesem Punkt meiner frierenden Grübeleien angekommen, streitsüchtig an… doch er ist verschwunden und mit ihm auch der backenbärtige Zecher hinter der Scheibe. Und die Droschken und die Kutscher. Ein Passant schaut mich ob meines Gebrabbels grinsend von oben bis unten an. Verdammt, das muss die Kälte sein. Hastig und mit hochrotem Gesicht suche ich in Richtung U-Bahnhof das Weite.

Und bin froh, dass ich ihn nicht noch gefragt habe, wer so früh am Abend im Schauspielhaus die Barcarolle spielt. Die ich deutlich bis hierher höre. Oder…?

***

Ätsch! Das hier ist sie nicht. Nö, ich brauche jetzt was zum Gespenster verjagen 😉 :

Quellen: Text: [1] Reinhard Griebner: E. T. A. Hoffmann hält Einkehr bei Lutter & Wegner. [2] Rüdiger Safranski: Über E.T.A. Hoffmann und Jacques Offenbach. In: E.T.A. Hoffmann. Jahrbuch, Bd. 8, S. 70. Erich Schmidt Verlag (ESV), 2000. Bilder: Der Gendarmenmarkt (Berlin). 1857. Von Eduard Gärtner, 1801-1877. Der Dichter E.T.A. Hoffmann (links) und der Schauspieler Ludwig Devrient 1815 im Weinkeller von Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt in Berlin. Gemälde von K. Themann, gemeinfrei. Berlin, Weinstuben Lutter & Wegner 1947 – Bundesarchiv Bild 183-N0415-354, via Wikipedia. Lutter & Wegner bei Nacht, heute – Fotos-Berlin24.de. Video: 17 Hippies: Frau von ungefähr. Berlin 2008, live – via youtube.

Kein Neujahr für Warmduscher

Januar 9, 2010 um 3:53 pm | Veröffentlicht in 2010, Alles platti, Berlin, Fest-Platte, Hexenblabla, Hexengeschichten, Hexenseele, Kalenderblätter, Neujahr, Real-Poetisches, Träller-Hexe, verwoben geschroben, Wetter-Hexe, Zuhaus-Hexe | Hinterlasse einen Kommentar
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Oder: PSYCHOdelische Wünsche von Haus zu Haus

m neuen Jahr Glück und Heil.
Auf Weh und Wunden gute Salbe.
Auf groben Klotz ein grober Keil.
Auf einen Schelmen anderthalbe.
(Johann Wolfgang v. Goethe)

Die Morgenstunde des ersten Tages im neuen Jahr blinzelt durch die Eiskristalle auf ihren Wimpern, mit leicht verschneitem Blick. Am Cecilienplatz schlummern die Bänke vor sich hin, locken verträumt mit flauschigweißen Daunenkissen. Doch nur ein paar aufgeplusterte Spatzen, die sich lärmend um eine barmherzig hingestreute Handvoll Sonnenblumenkerne balgen, wagen ein Probesitzen auf der – zweifellos arschkalten – Polsterung. Und hüpfen ihre winzigen Spuren in sie hinein. Schneekalligraphie.

Sonst ist es still und leer auf dem Platz an diesem späten Neujahrsmorgen: die letzten Böller sind ins All unterwegs, die letzten Silvesterpartylöwen gerade erst ins Bett gekrochen. In der kleinen Kneipe um die Ecke lauscht die Wirtin dem Summen des Wasserkessels auf dem Herd, serviert sich selbst den ersten steifen Grog und linst durch die Scheiben nach Gästen fürs Katerfrühstück. Und die Jauchzer vom Rodelberg hinter den Gärten murmeln sich, in Schneewatte gepackt, gedämpft durch frostige Atemwolken…

Da zerreißt ein langer, markerschütternder Schrei die himmlische Feiertagsruhe des jungfräulichen Jahres.

SchneekillerEr hallt durchs Hofkarree und wabert an den Betonmauern wieder nach oben in die letzte Etage, aus der er gekommen ist. Dem einsamen Spaziergänger treibt er mehr als alle Minusgrade eine Gänsehaut samt lähmendem Entsetzen in den Nacken. Hitchcock-Fantasien explodieren in ihm und ein Norman BatesPerkins der Plattensiedlung mit blitzender Messerklinge an der Faust schleicht sich in seine Gedanken. Im Affekt langt er nach dem Handy in seiner Gesäßtasche. Zieht den Kopf zwischen die Schultern und wendet sich gehetzt um – nach den Schritten, die in seinem Rücken durch den Schnee knirschen.

Im Bad einer Mietwohnung, elfter Stock links, das traurige Ende einer Tragödie: der Abfluss gurgelt höhnisch, ein letzter Seufzer. Und unter der eiskalten Dusche stirbt barfuß bis zum Hals… meine stille Hoffnung. – Dass das seit dem Silvestermorgen plötzlich ausgebliebene warme Wasser (verdammte, verweichlichte Zivilisationskrüppel, wir!) selbstverständlich wieder aus dem Hahn plätschert. Dass es wie früher, als alles noch viel besser war, noch ehrbare Weihnachtsklempner gibt. Dass im neuen Jahr alles gut wird. Dass wir in diesem endlich mal Zeit für die g r o ß e n Fragen des Lebens……

Wie bitte? Was? Nönööö, es geht mir gut, dochdoch. Solidarische Grüße von hier aus an alle andern Festtagsgeschädigten und glücklichen Überlebenden. Und an den hilfesuchenden Unbekannten, der mit dem Suchbegriff des Tages zum Hexenblog gefunden hat: ‚Wie wirft man einen Christbaum aus dem Fenster?‘ – Vooorsichtich! sag ich. Oder warten, bis der Nachbar unten vorbei geht. Tsss… wohl keinen Fernseher! Etwa noch nie die KnutWerbung des berühmt-berüchtigten Holzmöblers gesehen? [Anmerkung: Ich hab übrigens noch nie, nie, nie einen Tannenbaum aus dem 11. Stock geworfen,einen Christbaum sowieso nicht. Mir fehlt immer die Traute, ob ich den Nachbarn von da oben auch richtig treffe.]

Ach ja, eigentlich wollte ich euch nur was wünschen, liebe Hexen-Leser und -freunde. Gut im Jahr 2010 angekommen zu sein nämlich. Und auch sonst alles, Schönes. Besser spät als nie! Wohin es uns diesmal bringt, wissen wir spätestens in 356 Tagen. Hexens Herzenwunsch für euch: Geht es an, wie der alte Herr Geheimrat oben und seht’s nicht zu verbissen! Mit dem halt ich es auch – und versuche dasselbe. (Weitere gute Vorsätze bitte erst im Rest des Jahres dazuerfinden, akut und zeitnah. Sonst wird’s eh wieder nix damit.)

In diesem Sinne…
Kommt, lasst uns leben! …und so.

Huch, wo kommen nur immer die ollen 80er Ohrwürmer her? – Na, woher schon – aus Westernhagen! 😉 (Auch in der Studioversion, nochmal mit Lürüx und ordentlichem Sound.) Oder doch von einem überstrapazierten Heimatsender, der sich im Autoradio dauernd selber einstellt?

***

Hmmjahh… ich geh dann mal. Neuen Hexentrank brauen.
Wir trinken, sehn und/oder lesen uns. Oder?
Und habt’s schön warm derweilen.

Eure baldige und machmal leicht verpeilte verwehte Schneehex‘

“Manche leute werden auf flußpferden geboren…”

Dezember 6, 2009 um 10:31 pm | Veröffentlicht in Bücherhexe, Hexenritte, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Spinnweben | Hinterlasse einen Kommentar
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Er selbst hingegen kam
“auf einem baum (oder in einem baum) der gemarkung Kürthal nahe
dem weiler St. Achatz am Walde zur welt…[…] Ich bin das kind aus
der verbindung einer wildente und eines kuckucks und verbrachte
meine jugend in den dichten laubwildnissen der buche und der linde;
meine eigentliche menschwerdung vollzog sich erst später nach den
ersten kinobesuchen, nachdem ich mich ziel- und absichtslos fliegend
in eines der lichtspieltheater der hauptstadt verirrt hatte….
Ich […] preßte mir eine eigene schrift aus den büschen und bäumen
meiner schillernden umgebung..” (1)

Später verwandelte er sich kraft Formeln und Sprüchen
“zuerst in einen gefleckten schwan, dann in einen schnellen luchs,
dann in eine seidene fledermaus, dann aber in eine mischung aus
wolf und baumwipfel, von dem aus ein sperber nach westen äugt,
und endlich wurde ich, und das nicht aus eigener kraft, ein herbstlich
geröteter farn auf einem bergrücken hinter dem untergang der sonne…” (2)

Artmann auf großem grünem wlusspwerd

Er inventarisierte sein Eigentum an bizarrer Menagerie:

“Mir gehören ein seewolf und ein albatros des falschen friedens und ein hai voller perlen…”(3)

Natürlich zeichnete er Act – den poetischen, in acht Punkten (und das war k e i n Malen nach Zahlen):

H. C. Artmann„1. Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift. 2. Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik. 3. Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit. 4. Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden. 5. Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut. 6. Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote. 7. Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel. 8. Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.” (4)

Sein Gefühlsorgan ent- und verschlüsselte er in neun Zeilen atemloser Poesie:

“mein herz ist das laechelnde kleid eines nie erratenen gedankens
mein herz ist die stumme frage eines bogens aus elfenbein
mein herz ist der frische schnee auf der spur junger voegel
mein herz ist die abendstille geste einer atmenden hand
mein herz liegt in glaenzend weissen kaestchen aus mosselin
mein herz trinkt leuchtend gelbes wasser von der smaragdschale
mein herz traegt einen seltsamen tierkreis aus zartestem gold
mein herz schlaegt froehlich im losen regnen der
mitterwintersterne” (5)

Und vor drei Tagen in einem Jahr soll es schon wieder zehn Winter her sein, dass solch ein Herz zu schlagen aufgehört hat – wer will so etwas glauben?
Ich bin ihm erst begegnet, als Einer mich an der Hand mitnahm zu ihm, dem H. C. Artmann; da war er schon aus dieser Welt. Und das mir von jener Hand des Einen ans eigene Herz gelegte zitronenfarbene Reclambändchen nimmt immer mehr ein freundliches Sonnengelb an, je länger es in meinem verrauchten Elfenbeintürmchen aus dem Bücherregal leuchtet – und je öfter ich darin lese oder auf einem großen grünen Walfisch nach den Sandwichinseln reite…

***

Und wer zum Nikolaustag und zweiten Advent heute was Anderes hier erwartet hat, der kriegt eben noch ein paar qualmende Socken. Nee, Quatsch, Berlin im Kerzenschein 😉 :

Gefunden auf dem Schnipselfriedhof, aber in Wirklichkeit vom Adventskalender23 in Gestalt emsig wichtelnder Youtübner.

Hübsch, oder?
Habt’s besinnlich, ihr Lieben –
und froehlich im losen regnen der mitterwintersterne.

Quellen der Artmann-Zitate:
(1) und (2): Curriculum Vitæ Meæ oder Wie das halt so gewesen ist. In: Grammatik der Rosen. 3 Bde. Salzburg/Wien: Residenz Verlga, 1979. (3): An ufern der inseln – Ebenda.
(4): Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes. In: The Best of H. C. Artmann. Frankfurt: Suhrkamp, 1970. (5): mein herz. In: h.c. artmann: achtundachtzig ausgewaehlte gedichte. salzburg. Wien. 1966.

Bildquellen: Artmann-Triptychon 1974: Wolfgang H. Wögerer, Wien, Austria. Via Wiki. Act: Artmann. Inselritt auf großem grünem Flusspferd: Collage, gebastelt per Klau bei Jean Effel: Seul maitre á bord…

Moby Dick kam nicht bis Massachusetts

November 27, 2009 um 5:43 am | Veröffentlicht in 2009, Alles platti, Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Globe-Trottel, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt..., Werbehexe | 8 Kommentare
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Ein Update zu: Vor dem Mast und unter Segeln und: Mit Tschechow nach Marzahn

Vor dem Mast, ganz ohne schützende Kajüte, rackerte ich diesmal selber.

Vorletzten Dienstag, Berliner Tschechow-Theater in Marzahn.
Ich bin eingeladen. Ha, und Special Guest. Thema des Abends: siehe oben.

Vom Plattenbauhimmel regnet es Strippen. Wettermäßig also schonmal ein Minus für Feierabendkultur mitten in der Woche und für die Feuertaufe einer bestenfalls Backstage semibekannten Freizeit-Entertainerin. Ein Plus: die Reihe „Kultur der Welt“ ist etabliert und läuft regelmäßig, einmal im Monat. Noch ein Plus, das mindestens drei wert ist: weit und breit keine Konkurrenz. 😉

Geplant ist… nun, sagen wir, eine literarische Reise durch Neuengland. Genau genommen geht’s eher an dessen Küste entlang: durch die einstigen Walfängerhäfen von Nantucket und New Bedford, ein bisschen Boston und Harvard, ein bisschen Geschichte der Indianer und der alten Pilgerväter; dann, wie es sich für eine Hexe gehört, rauf nach Salem zum ollen Nathaniel Hawthorne und zurück über Cape Cod mit einer Prise Seefahrerromantik. Im Gepäck Moby -Titelbild für Massachusetts beim "Tschechow"Herman Melvilles dicken alten Wal und ein paar Bücher drumrum, zweidrei Rezepte zum Thanksgiving-Vogel und für das ungeschlagene chowderhafte Nationalgericht – das Ganze gut durchgerührt mit zwei Handvoll Walfängershantys.

Eine Stunde vorher da sein muss reichen für einen Schnelldurchlauf mit dem Techniker, der das Programm noch nicht kennt. Doch die Generalprobe fällt aus – meinen hergeborgten Laptop aus der Zeit der Erfindung des Morseapparates zum Pseudopowerpointpräsentieren zu überreden, kostet alles. Und der aufopferungsvolle Dompteur der Technik g i b t alles. Er umgarnt mich und und sich und die Bühne mit einem Gestrüpp aus Kabeln für Rechner, Beamer, Stereoanlage, zwei Leselampen und was weiß ich noch alles. Die Katastrophe scheint sich anzubahnen, als abenteuerliche Bildschirmzickereien mir meine im Akkord so wunderhübsch gebastelte Bilder- und Videoreihenfolge im Skript zerschießen und mein Helfer sich darin hoffnungslos verheddert. Na, das kann ja heiter werden!

Der Countdown läuft. Noch eine Viertelstunde… für angemessenes Hyperventilieren und Lampenfieber bleibt keine Zeit. Im Blick des braven Technikus die blanke Panik – als sei Moby Dick hinter ihm her. Das ist der Augenblick, in dem mich die Ruhe vor dem Sturm überkommt. Ich schenke dem Ärmsten mein schönstes Lächeln und mir den fälligen Herzkasper… setze mich hin und numeriere unsere zwei Achtseiten-Skripte per Hand neu durch.

Unser Theaterchen hat sich inzwischen gemächlich gefüllt. Nun ja, man will ja nicht grad behaupten, dass die Leut‘ sich um die Tickets balgten an diesem verregneten Abend, doch das Publikum ist klein, fein und erlesen und die Stimmung an den Cafehaustischchen erwartungsvoll. Eine Dame wedelt aufgeregt mit dem Programm: sie wollte sich heute eigentlich irgendwohin „Flussabwärts“ treiben lassen, bleibt aber trotzdem. Im Parkett links (also von mir aus rechts) hat sich, wie mir von Frau Intendantin gerade gesteckt, als besondere Herausforderung eine Vertretung der Marzahner schreibenden Arbeiter oder wie die heißen niedergelassen. Ja, schlürft nur euren Schoppen, das macht gute Laune, und die kann ich heut wie nix anderes brauchen. Ich selber hab bloß ’ne Kaffeeüberdosis und mein Hals ist ganz trocken.

Und dann geht’s los und es beginnt… nanu, nicht der Super-GAU? Wer hätte das gedacht. Dabei weiß doch jedes Kind, womit verhunzte Generalproben enden. Alles läuft super. Und das sogar trotz des alles entscheidenden Geständnisses gleich als Einstieg: Moby Dick kam nicht bis Massachusetts – schlimmer, die Reiseveranstalterin auch noch nie. Wenn man mal vom Schwimmen durch einen dicken Melville-Roman und das Internet absieht. Die geneigte Anwesenheit quittiert meinen Vorschlag, für einen derart riskanten Trip lieber das Eintrittsgeld zurückzufordern, mit einem Lacher statt allgemeinem Aufbruch. Na also, geht doch! Die Stimme räuspert sich frei und bei ihrem forschen Befehl zum Segelsetzen klettert das seefeste Publikum munter in die Wanten der Pequod und mitten hinein in den alten John-Huston-Schinken von 1956, den ich ja immer noch für den Moby-Film aller Filme halte…

Ungefähr anderthalb Stunden später gehen wir von Bord. Aufgekratzt schwatzend, vom Seewind gegerbt, mit schwankendem Matrosengang. Schütteln uns eine Zeitreise auf der alten “Mayflower” aus den zerzausten Haaren und jede Menge Seesand aus den Schuhen. Haben kichernd von Herrn Melville höchstpersönlich erfahren, dass die Nantucketer die Ostfriesen Neuenglands sind und wie wohlig Ismael und Queequeg beim Chowderlöffeln in Mrs. Husseys Kaschemme schmatzen. Wir mussten mitansehen, wie übel die ach so gottesfürchtigen Pilgerväter den gastfreundlichen Ureinwohnern mitgespielt haben. Durften den eigenen staunenden Augen trauen, dass ein unzufriedenes Filmvolk imstande ist, Father Orson Welles‘ Mapples von der Regie erfundene Schiffsbugkanzel in eine reale Seemannskirche zu klagen. Wir wissen jetzt, warum dereinst hungrige Iren gen Amerika segelten, und dank einem schiffbrüchigen Seemann und einem seetüchtigen Literaten auch, wie ein echter Pottwal echte Schiffe versenkt. Wir haben uns in einem brodelnden Hafenbecken unter die Akteure der Boston Tea Party gemischt. Sind am Haus mit den sieben Giebeln des neuenglischen Schreibergottes vorbeigeschlendert, das immer noch steht in Salem. Und haben mit den daselbst ansässigen barfüßigen Hexen getanzt, die sowieso keiner vergisst, der das einschlägige Stückchen Kult-Zelluloid von anno dunnemals noch irgendwo im Hinterkopf hat.

Ach ja, fast hätte ichs vergessen, spontan wird auch ein Publikumsliebling gekürt: Ranzo, der Chanteyman von Massachusetts, samt seinem natürlichen und für Walfängerlieder gemachten Klangkörper. Der steht laut seinem Youtube-Profil auf harmony, dissonance, music, noise, rum, truth, tea & cookies, singt mit sich selber im Duett oder gar im Trio und avanciert einhellig zum Kuschelseebären des Abends. (Der Verwendung seiner Tonbeispiele hat er beiläufig offiziell zugestimmt.) Meine aus Zeitgründen vorgesehene Kürzung seines zurechtselektierten Repertoires wird von der virtuellen Reisegruppe mit grummelndem Protest bedacht und muss als Zugabe nachgereicht werden. Ist das nicht das, wovon man immer mal geträumt hat?: mit Leuten in einem Boot sitzen, die eine Wahl hatten… für das Boot.

Die Frage des Abends (aus dem Parkett links): „Aber Sie sind doch gegen den Walfang?“

Und was das Beste ist: mein finaler Werbespot für eine Fortsetzung der Veranstaltung – die für nächstes Jahr einzufädelnde Moby-Dick-Bloglesung nämlich – wird ebenso gefeiert wie die Aussicht, als Soundtrack dazu die süddeutschen Folker What about Carson in der Hauptstadt mal live zu erleben. Deren wieder mal passende und frechfröhlich über den Küstenhaken von Cape Cod lärmende Sally Brown überaus gut ankommt.

Fazit: Moby Dick kam zwar nicht bis Massachusetts. Den Leuten vom “Tschechow” ins Blut aber schon.

Bilder: Moby Dick: Via, bearbeitet. Mayflower: Stuff from Room 311.
Video: Selber gebaut – zu: Der Hund Marie: Moby Dick. Aus: Hooligans & Tiny Hands. 2006.

Heißen Seemannsdank nochmal an den Wolf, für die Hilfe beim Soundtrack.

Das Floyd in Pink Floyd

September 2, 2009 um 11:32 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fest-Platte, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 9 Kommentare
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…wäre heute 98 Jahre alt geworden.

Hinter dem ersten der zwei Vornamen, aus denen Syd Barrett dereinst den Namen seiner Band zusammenschraubte, verbirgt sich nämlich der Sänger und Klampfer Floyd Council. Er galt seit den späten 30er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Musikerkollegen als einer der exzellentesten Gitarristen des amerikanischen Ostküsten-Blues. [Das Pink in Pink Floyd gehört übrigens dem hier, Pink Anderson, im gleichen Job unterwegs, der sich auf den gepressten Scheiben mit der langen Rille meist in trauter Nähe zum Ersteren fand, obwohl die beiden sich wahrscheinlich nie begegnet sind.]

Dieser countryfarbene Blues-Stil, auch Piedmont Blues genannt, fällt durch eine besondere Fingertechnik auf der Gitarre auf, bei der eine mit dem Daumen gespielte Basslinie die auf den höheren Saiten gespielte Melodie unterstützt. Er wurde meist im Duo gespielt, oft begleitet von Klavier, Geige, Banjo oder Mundharmonika als zweites Instrument.

Floyd Council begann als Straßenmusikant in seiner Heimatstadt Chapel Hill, North Carolina, spielte für Freunde und in Country-Clubs. Und etwas über ihn zu finden ist gar nicht so leicht. Es gibt offenbar keine Platten nur mit seinen eigenen Songs. Nur ein Album, Carolina Blues (1994), enthält sechs von ihm aufgenommene Titel. Das mag daran liegen, dass er die meiste Zeit seiner musikalischen Karriere als Wasserträger und zweite Geige… äh, Gitarre zugebracht hat. Zum Beispiel im Schatten hinter dem Star des Piedmont Blues Blind Boy Fuller, der inzwischen in der Blues Hall of Fame wohnt. Sogar mit seinen genialen New Yorker Solotracks wurde er als „Blind Boy Fuller’s buddy“ promotet. Andere Aufnahmen erschienen unter den Namen „Dipper Boy Council“ und „The Devil’s Daddy-in-Law“. ...Blues in den FingerspitzenEr selbst bekannte sich in einem Interview 1969 zu 27 eigenen aufgenommenen Songs, darunter sieben in Fullers Dunstkreis.

Gestorben ist er mit 64 an einem Herzinfarkt und wurde hier bestattet. Sein Grab trägt keinen Namen.

Danken wir also Syd Barrett, der ihn unsterblich gemacht hat, mehr als er es sich vielleicht erträumte. Oder auch The Floyd Council – das ist ’ne ösische Coverband, die unter seinem Namen sogar ganz zurechnungsfähig durch die Lande pinkfloydtet, wie ich finde. (Auch wenn’s die richtigen Pink Floyds eben nur einmal gibt.)

Denn Floyd Councils Musik hat es nicht verdient, vergessen zu werden. Ich würd‘ heute gern mit ihm unter dem Vordach eines alten Country-Clubs irgendwo in North Carolina sitzen, den Straßenstaub auf der Zunge schmecken, den Mummys beim Hüftenwiegen und ihren Kindern beim Spielen zuschaun, seiner Stimme lauschen und die Augen kaum von diesen Fingern lassen, die seinen Blues über die Saiten zaubern…

Happy Birthday, Floyd.

Bilder: Oben: Blues Who’s Who, p. 133 photographer: Kip Lornell. Mitte: Bruce Bastin: Crying For The Carolinas, p. 21; photographer: Pete Lowry. Beide via wirz.de.
Videos: Via randomandrare and galaxyrock on youtube.

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