Fastfood für Deppen oder nur ein bisschen Babylon?

September 26, 2007 um 4:15 am | Veröffentlicht in Berlin, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Hexenküche, Kultur, MarktLückenbauten | 9 Kommentare

Von Döner und russischen Pelmeni

In der Potsdamer ist man ganz schön lange unterwegsEinmal in der Woche halte ich eine mobile Sprechstunde in einer Schöneberger Sprachschule ab, mit deren Inhalten ich hier um des Himmels willen keinen langweilen will. Und derentwegen ich durch die Potsdamer Straße muss. Dieses Unterfangen setzt einen markanten Wesenszug interkultureller Prägung voraus, eine antrainierte indianische Gelassenheit nämlich. Denn mehr als atemberaubende fünfsechs km/h sind nicht drin, da außer den Anliegern und einem selbst gefühlte zwei Drittel aller Berlin-Touristen, dreieinhalb Filmdrehs und mindestens ebenso viele Baustellen permanent und immerdar auf diesem Schrumpfmeilchen stattfinden.

Zum Glück ist die Schleicherei meistens ganz kurzweilig. Man kann entweder zuschauen, wie sich die Menschenschlange um die Neue Nationalgalerie wickelt, in der noch bis OktoberDie schönste Französin aus New York die schönsten Franzosen aus New York zu Besuch sind, oder mit sich selber wetten, wie oft der Audi mit Münchner Kennzeichen noch unschlüssig rechts blinkt, um am Ende links abzubiegen. Man kann sich auch die Zeit damit vertreiben, die MultiKulti-Biergärten zu zählen.
Oder die putzigen Auffahrunfälle.
Oder das Programm vom Wintergarten zu studieren.
Oder die Besucher der Erotik-Shops zu beobachten.
Oder die lustigen Benamsungen der ungezählten gastronomischen Lokalitäten zu lesen…

Über eine von denen muss ich immer grinsen. Sie prangt auf einem Riesenschild über so einem Döner-Imbiss von etwas mehr als Telefonzellengröße und lautet DURAK. Nun bin ich ja des Türkischen weitaus unkundiger als einer Handvoll andrer Sprachen und vermutlich handelt es sich bei diesem Markenzeichen schlicht und einfach um den guten Namen einer alteingesessenen Händlerdynastie vom Bosporus. Auf Russisch, von dem ich ein paar Silben mehr verstehe, bedeutet Durak (дурак) soviel wie Dummkopf, Trottel… Depp. Und jedesmal, wenn ich das Schild lese, frag ich mich schmunzelnd, wie werbeträchtig es wohl für anwohnende Russisch-Mutterzüngler sein mag. Ob selbige sich sicherheitshalber oder boykottierend – und ohne dabei auch nur einen Gedanken an tonnenweise Gammelfleisch zu verschwenden – den Genuss des dort bereiteten Fleischgeschnipsels in der Fladenbrottasche verkneifen? Und ob der brave Verkäufer des osmanischen Fastfood, das so mancher immer noch in dem Irrtum mampft, es sei, so wie es ist, in Berlin-Kreuzberg erfunden worden, um das Hintersinnige auf seinem stolzen Schild überhaupt weiß? Und auf einmal ahnt man wieder vage – wenigstens in Marktnähe – was interkulturelle Kompetenz wert sein kann.

Lukullisches aus der russischen traditionellen Küche findet sich übrigens in der Ecke um die Potsdamer herum kaum, fällt mir da gerade auf. Das Einzige, was da in kyrillischen Lettern umworben wird, ist, glaub ich, ein Nagelstudio. Dabei kann ich mich wirklich an ein paar sehr Kaminers Bärenbratenleckere Sachen erinnern, die es wert wären, die Marktnische zu bevölkern, auch wenn es die eine oder andere gegenteilige Meinung gibt. Tssssss, muss man also, frisch manikürt, den Bären selber jagen… öhm, selber russisch köcheln?

Für diejenigen, die diesbezüglich weder die nötige einschlägige Erfahrung noch das so empfehlenswerte wie totalitäre Kochbuch der Kaminers (amazon-Kurzbeschreibung: Lach dich satt! – und das bitte wörtlich nehmen) ihr Eigen nennen, hier mal so als Kostprobe und für den heroischen Selbstversuch das Rezept eines echten Klassikers – vom vielen Reden wird man schließlich nicht satt. Achtung, es ist einfach, aber etwas aufwändig und macht am meisten Spaß als lustige Alle-machen-mit-Kocherei.

Russische Pelmeni:Russische Pelmeni

Zutaten (für vier Personen):
Für den Teig:
500 g Mehl
1 Ei
200 ml Wasser
Salz

Für die Füllung:
400 g Gehacktes halb Schwein, halb Rind
50 g Butter
2 – 3 EL Sahne
1 – 2 Zwiebeln
Salz
Muskatnuss
schwarzer Pfeffer und andere Gewuerze nach Gewohnheit und Geschmack

ZUBEREITUNG:
Das Hackfleisch mit der Zwiebel vermengen und würzen. Wer möchte, kann auch noch fein geschnittene Weißkohlstreifen hineinmengen.

Die Eier mit Wasser, Mehl und Salz zu einem geschmeidigen Teig verarbeiten und etwas ruhen lassen.Den Teig halbieren. Die erste Hälfte dünn ausrollen und mit einem runden Ausstecher (ca. 5 – 6 cm Ø) Teigkreise ausstechen. Die richtige Größe für die Teigkreise hat auch ein normales Trinkglas, dessen Rand nicht allzu dick sein sollte.

Auf jeden Kreis ca. 1 TL von der Hackfleischmischung geben.
Diese dann zu Pelmeni formen. An den Rändern fest andrücken.
Ebenso mit der zweiten Teighälfte verfahren.

Einen Topf mit Wasser zum Kochen bringen. Salz, Pfeffer und 3-4 Lorbeerblätter dazugeben. Die Pelmeni ins kochende Wasser geben und ca. 5 Min. darin garen lassen.

Die Pelmeni können mit der Brühe, die mit Crème fraîche verfeinert und/oder ein bisschen angedickt wird, oder mit Tomatensauce serviert werden. Gaaanzganz lecker auch mit einem großen Klecks Schmand pur.

Приятного аппетита allerseits!
Wo ist mein großer Löffel?

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Kalenderblatt: Marina Zwetajewa

September 2, 2007 um 10:58 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 6 Kommentare

Hexenpoesie„Wenn ich nicht liebe, bin ich nicht ich selbst… Ich bin so wenig ich selbst…“

Ihr verzeiht mir doch, wenn die alte Slawistin mit ihrem verkramten Hang zur russischen Poesie sich in mir regt – an einem Tag wie diesem…? Die Hex‘ gibt sich auch Mühe, nicht allzu missionarisch rüberzukommen.

Ты меня никогда не прогонишь:
Не отталкивают весну!
Ты меня и перстом не тронешь:
Слишком нежно пою ко сну!

Ты меня никогда не ославишь:
Мое имя – вода для уст!
Ты меня никогда не оставишь:
Дверь открыта, и дом твой – пуст!

Marina Zwetajewa

Du wirst es nicht schaffen, mich zu verjagen:
Den Frühling zu bannen, hat keiner geschafft!
Mich anzufassen, wirst du nicht wagen:
Viel zu zärtlich sing ich im Schlaf!

Du schaffst es auch nicht, mich in Worte zu fassen:
Mein Name ist Wasser den Lippen – und aus!
Du wirst es nicht schaffen, mich zu verlassen:
Die Tür ist geöffnet – und leer ist dein Haus!

(Marina Zwetajewa)

Wenn es hier bei uns um die Kenntnis russischer schöner Literatur geht, fallen schnell die Namen Tschechow, Puschkin und Tolstoi. Einer schindet Eindruck mit der vollendeten Lektüre von Dostojewskis „Schuld und Sühne“, ein anderer damit, dass er ein paar von Alexander Bloks „Versen an die schöne Dame“ deklamieren kann.

Schönheit und LeidenschaftMarina Zwetajewa (1892-1941) dagegen ist in Deutschland wohl immer noch eher Insidern bekannt, obwohl sie getrost zu den größten Dichterinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gezählt werden darf. In ihrer Heimat, der sie jahrzehntelang im Exil fernbleiben musste, wird sie von Millionen gelesen, verehrt und geliebt. Sie haben ihre Gedichte vertont, haben Straßen nach ihr benannt, ihr Museen eingerichtet, haben ihr Denkmäler gebaut, Bilder von ihr gemalt und Filme über sie gedreht…

Marina wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Sie wurde ein wildes Mädchen, eine exzentrische und leidenschaftliche Frau, eine liebende Mutter. Und sie trug ein schweres Schicksal, geprägt von Emigration, von Ächtung ihrer Kunst und Person durch die Stalindiktatur, in Verfolgung, Armut und Isolation.

Die Poesie der Dichter des russischen Symbolismus, Andrej Bely und Alexander Blok, faszinierte sie und beeinflusste ihre eigenen frühen Werke. Aus Liebe heiratete sie 1912 sehr jung den noch jüngeren Offizierskadetten und späteren Weißen Offizier Sergej Efron, dem sie nach den Wirren der Oktoberrevolution 1922 ins Exil folgte, zuerst nach Berlin, dann nach Prag und Paris. In Berlin veröffentlichte sie ihre Gedichtsammlungen, so die „Trennung“ (Разлука) und „Gedichte an Blok“ (Стихи к Блоку).

Die Liebe zu ihrem Mann hielt dieses lebenshungrige, extrovertierte Wesen nicht von stürmischen Affären mit anderen Männern ab. Einer von ihnen war der Vollblutpoet Ossip Mandelstam; die Begegnung mit Rainer Maria Rilke, dem sie sehr nahe stand, fand nicht mehr statt, da er kurz vorher starb. Und die heftige Romanze in Prag mit einem Freund ihres ansonsten sehr nachsichtigen Gatten beendete sie, um ihre Ehe zu retten.

Marinas letzte LiebeIhre ‚letzte Liebe‘ (so nannte es der Drehbuchautor eines Dokumentarfilms über sie) war der Dichter Arsenij Tarkowskij, Vater des späteren bekannten Filmregisseurs Andrej Tarkowskij. In der für Marina so schweren Zeit, in der Mann und Tochter in Stalins Kerkern saßen, sie um beider Leben bangte und sich mit ihrem Sohn mühsam allein durchs Leben schlug, wuchs eine innige Freundschaft zwischen ihr und diesem um Jahre jüngeren talentierten Poeten. Sie zerbrach… an ein paar Versen des Freundes, die ungewollt die emotionale und sensible Zwetajewa tief in ihrem Stolz verletzten. Darüber schrieb sie ihr letztes Gedicht:
Marina auf einem der letzten Fotos

* * *
„Ich hab den Tisch gedeckt für sechs…“

Dein Vers, ich wiederhol ihn, – stets
Muss ich ein Wort darin berichtgen:
– »Ich hab den Tisch gedeckt für sechs«…
Du hast einen vergessen – den Siebten.

Zu sechst kennt ihr die Freude nicht.
Regen strömt über Gesichter…
Wie konntest du an solchem Tisch
Den Siebten vergessen – die Siebte…

Deine Gäste sind nicht froh,
Und die Kristallkaraffe kreist nicht.
Traurig sind sie, du – sowieso,
Die man nicht einlud ist’s – am meisten.

Nicht froh, und es wird auch nicht heller.
Ach! lasst das Trinken und das Essen.
– Wie konntest du so sorglos zählen?
Wie konntest du die Zahl nicht treffen?

Wie kannst, wie wagst du’s nicht zu sehn,
Dass sechs (zwei Brüder, und du selbst –
Der Dritte – mit Vater, Mutter, Frau daneben)
Macht sieben – solang ich auf der Welt!

Du hast den Tisch gedeckt für sechs,
Doch gibt’s auf dieser Welt noch eine.
Wie auf dem Feld der Vogelschreck,
Will ich’s Gespenst sein – mit den deinen,

(Mit meinen)…
Schüchtern wie ein Dieb,
– Nicht eine Seele zu betrüben! –
Am Plätzchen, das man mir nicht ließ,
Sitz ich, die man nicht rief, die Siebte!

Hopp! – hab ein Glas verschüttet! und
Was ich vergießen gewollt, das viele: –
Das Salz der Augen, das Blut der Wunden –
Läuft vom Tischtuch auf die Dielen.

Kein Abschied – nein! kein Sarg im Saal!
Den Tisch zu entzaubern, das Haus zu wecken.
Wie der Tod – zum Hochzeitsmahl,
Bin ich das Leben, und komme zum Essen.

“Nie war sie hilflos,doch immer - wehrlos…”… Bist mir nicht Bruder, Sohn, nicht Mann,
Kein Freund – und doch werf ich dir vor:
– Die Sechs bei Tisch sind Seelen nur,
Wenn sich für mich kein Plätzchen fand.

6. März 1941

Marinas Sohn Georgij Efron, der 1944 neunzehnjährig in seinem ersten Fronteinsatz des Vaterländischen Krieges fiel, hat in seinen Tagebüchern viel über seine Mutter festgehalten. Was von ihnen erhalten geblieben ist, wurde 2004 bei „Vagrius“ erstmals in einer Auflage von 3000 Exemplaren herausgegeben – ich fand nur diese Vorveröffentlichung, selbstredend auf Russisch…

Marina Zwetajewa. Sie war eine wilde Rose – und eine starke Frau. Und doch nicht stark genug. Am 31. August 1941 setzte sie ihrem Leben ein Ende. Und heute vor 66 Jahren wurde sie auf dem Friedhof im tatarischen Jelabuga (das ohne sie ein namenloser Ort in Russlands Weiten geblieben wäre) begraben – oder sollte man sagen: verscharrt? – denn ihr Grab ist bis heute unbekannt…
«И может быть, на мой закат печальный блеснет любовь улыбкою прощальной» (Пушкин)
Ihre Poesie aber bewegt nicht nur die Russen – bis heute.

Edit 8. September 2007: Jetzt erst gelesen: Der kleine Youtube-Film mit Bildern und Liedern zu den Gedichten von Marina Zwetajewa, den ich unter dem Bild mit den Birken verlinkt habe, stammt von einem jungen Mädchen, Soja. Sie hat ihn im November 2001 als Literaturarbeit für die Schule gemacht, die Verse selbst eingesprochen. Besonders berührt mich daran, dass der Film in seiner Art und Stimmung zu Sojas Vermächtnis geworden ist – denn kurz danach, im Januar 2002, ist sie gestorben…

Mehr zu Marina Zwetajewa in diesem Blog: hier.

Wer lernt mir Deutsch?

August 19, 2007 um 6:28 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fremd-Worte, Hexen-Gedanken, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, Uncategorized | 3 Kommentare

Ich hab Angst vor dem Alter, wir werden umgeben sein von
lauter sprachlosen Faustkämpfern, Pantomimen und Buchflüchtern.
(Frederic Hormuth)

Deutsch vom StengelDer Herr Kabarettist mit dem lecker Honigbrot-Blog sorgte sich jüngstens um dem guten Deutsch der Vater- und Mutterpflanzen einer frühkindlichen Zielgruppe der Sprachförderung. Zu Recht, kann ihm eine, die ihren Honig aufs Brot zu einem erklecklichen Teil zwischen Sprachgetesteten, -geförderten und -geprüften verdient, nur heftigst kopfnickend beipflichten.

„Ich gebe zu , daß mein Verhältnis zur deutschen Sprache
wie mein Verhältnis zu meiner Frau ist:
Ich liebe sie, ich bewundere sie, ich verstehe sie meistens,
aber ich beherrsche sie nicht.“ (Hans Blix)

Gut, und ich gebe zu: der Mann, der das gesagt hat, ist Ausländer. Was nichts daran ändert, dass er (vielleicht gerade deshalb?) über Einsichten verfügt, an denen es nicht wenigen unserer eigenen Landsleute mangelt – aber sowas von.

Wo einbürgerungswillige Migranten sich einem Sprachtest zu unterziehen haben, der sich gewaschen hat, und die die reformierte Reformierung uns‘ aller Zuwanderungsgesetzes in nochmals schärferer Gangart diesen auch von nachziehenden EhegattInnen Aufenthaltsberechtigter fordert, hätte so mancher Inländer wohl seine liebe Not, da heil durchzukommen. Und liefe im angenommenen Testfall doch glatt Gefahr, mutter- und vaterlandslos zu werden.

Rechtschreibung Glücksache Vom Aussterben Ausweisen bedroht wären u. a. Exemplare der Gattung deutschestesteste Deutschländer Würstchen, deren gefühlter Dünnpfiff Durchfall sich uns so mancherorten schwarz auf Wand offenbart.

Aber auch diverse normale Mutterzüngler mit allgemeiner Sprach-, Sprech-, Lese- und Schreibverunsicherung sähen, auf Deutsch gesagt, ganz schön alt und verstoßen aus. Erwartet man doch von Einlassbewerbern in bundesdeutsche Lande, dass sie

in der Lage sind, sich in der deutschen Sprache auszudrücken, mit der deutschen Bevölkerung zu kommunizieren und deutschsprachige Medien zu verstehen. Ausreichende Sprachkenntnisse liegen vor, wenn sich die Einbürgerungsbewerber/innen im täglichen Leben einschließlich der üblichen Kontakte mit den Behörden in ihrer deutschen Umgebung sprachlich zurecht finden und ein ihrem Alter und Bildungsstand entsprechendes Gespräch führen können. Dazu gehört ausdrücklich, dass die Einbürgerungsbewerber/innen z.B. einen deutschen Text des alltäglichen Lebens lesen, verstehen und den wesentlichen Inhalt mündlich wiedergeben können…

(So nachzulesen zum Bleistift hier.)

Auweia! Um verfrühte Panikanfälle zu vermeiden, schlage ich vor, wir ignorieren einstweilen einfach mal die „üblichen Kontakte mit den Behörden in [unserer] deutschen Umgebung“. Die Anforderung diesbezüglichen Zurechtfindens brächte uns aller Wahrscheinlichkeit nach an den Rand der Entvölkerung. Allerdings müsste spätestens jetzt neben den bereits erwähnten Betroffenen auch dem arg- und ahnungslosen Noch- oder Nichtmehr-Konsumenten von Presseerzeugnissen mit dem gewissen Etwas Leseranspruch schwanen: es könnte eng werden.

Hilft nur das?Doch zum Glück und zu satirischen Zwecken – heißen Dank an dieser Stelle nach Augsburg! – steht uns ein Trainingsparcours zur Verfügung, der präventiv durchlaufen werden kann. Was durch die von mir soeben ins Leben gerufene Initiative „Deutsch für und wider alle Fälle“ wärmstens empfohlen wird. (Hinweis: Die leicht überholte Aktualität einiger Inhalte – so jeder Text einen haben sollte – ist ausnahmsweise mal nicht dem Sommerloch geschuldet und muss Sie auch nicht irritieren.)
Freiwillige Testkandidaten bitte hier lang!

Was die Urheber der in ihrer Sprachkunst bemerkenswerten Basistexte für die Testfragen angeht, muss deren einschlägige Vorgänger bereits ein Herr Schopenhauer gekannt haben, als er mit Nachdruck spruch:

Schreibt ihr Plattheiten und Unsinn in die Welt, so viel es euch beliebt,
das schadet nicht, denn es wird mit euch zu Grabe getragen; ja, schon vorher. Aber die Sprache laßt ungehudelt und unbesudelt:
denn die bleibt.

Sollte jemand bis hierher durchgehalten haben und trotzdem (noch) sprachlich fit sein, so halte er/sie sich ‚praktizierend‘ bitte gern an Friedrich von Logau, einen echten Sprachmusikanten:

Kann die deutsche Sprache schnauben,
schnarren, poltern, donnern, krachen,
kann sie doch auch spielen, scherzen,
lieben, kosen, tändeln, lachen.

schiller-logau-illu-1.gif

Oder, so es noch einen Hauch poetischer und mindestens ebenso sinnlich sein darf (und wer wollte dagegen etwas haben? 😉 ), an die Schillernde Ermunterung:

Lass die Sprach dir sein, was der Körper den Liebenden.
Er nur ist’s, der die Wesen trennt und der die Wesen vereint.

Sowas ist, finde ich jedenfalls, schon fast wert, ein Credo zu werden. Nun ja – oder wenigstens effektvoll eingesetzt… 😉

P.S. Wer sich seines Deutsches jetzt immer noch nicht (oder erst recht nicht mehr) sicher ist, sollte ruhig noch ein paar Zusatzlektionen bei einem verdienten und ehrwürdigen Sprachhüter absolvieren, der zeit seines Lebens Strauchler und Katastrophen des deutschen Sprachgebrauchs gesammelt und – keineswegs spaßfrei – öffentlich gemacht hat. Dies würde ihn gewisslich freuen, den Hansgeorg Stengel auf seiner Wolke, wie vielleicht auch die Wahl des Titels für diesen Beitrag.

Erwischt! Wie konnte das passieren?

Juni 14, 2007 um 9:53 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Fremd-Worte, Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | Hinterlasse einen Kommentar

Kartong-Macher von der Hexe Muse geküsst

Oha, ein Gruppenbild mit Dame Hexe. Hochhaushexen-Meeting
Was für lausige Zeiten! Verflixt nochmal, nicht mal mehr auf ihrem eigenen Dach ist Alpha-Hex‘ vor Paparazzi sicher. Und wer hätte gedacht, dass der Herr Flier’s-Weltler auch einer von denen ist. Wie soll man denn da noch die Welt vor kleinen Harald Pochers bewahren, wenn die Interna unserer Krisensitzungen so öffentlich ausgeplaudert werden?

Ach ja, und eh ichs vergesse: für die fliegenden Swiffer, die versehentlich an Unbefugte ohne Flugerlaubnis ausgeliefert wurden, läuft bereits ’ne Rückrufaktion.

Yeah, als hätte ich es nicht schon immer geahnt, dass ich das Zeug zur Muse habe. 😉

Bitte auf dem Besen anreisen!

April 30, 2007 um 11:13 pm | Veröffentlicht in Berlin, Fest-Platte, Fremd-Worte, Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Spielwiese, Uncategorized | 2 Kommentare

Ritt zum HexentanzHätte ichs mir nicht denken können? Massenhaft BESUCHE heut auf Hexis Seite. Schließlich haben wir Walpurgisnacht. Die einschlägigen Suchbegriffe (alle von heut) lassen über angeregte Erwartungshaltung und bunte Fantasien der Be_Sucher spekulieren – was haben die bloß in dieser Nacht noch vor??? 😮

– Hexen verbrennen (aberaber, seid froh, dass ihr uns habt!)
– nackte Hexen in der Walpurgisnacht (Vorsicht! Is noch ganz schön kühl, die Nacht)
– „deiner fast entblößten Brust“ (dat is Franz Kafka, außerdem: siehe oben)
– Sex mit der Hex (hmja, vielleicht besser als mit der Ex)
– Hexen Gift mischen (vielleicht tuts ja auch ein klärendes Gespräch mit der Schwiegermutter?)
– Besen schwingen (Was, heute noch?)
– SM und Hexen-Magie (Öh ja, ich bring dann den Reisigbesen mit.. hm, noch was? – ein paar glimmende Kohlen vielleicht? *g*)
– Hexen bekehren (Muss das sein? Und wenn ja, wozu?)

sexy Hexentanz

Über Sinn, Mythos und Aberglauben der Walpurgisnacht weiß Hexenschwester Lobelia besser Bescheid als ich, sie kennt sogar das richtige Stärkungsmenü und die passenden Kräutlein zum Hexentanz.

Mephisto der wilde TänzerUnd der böse Bube mit dem Bocksfuß hatte ja sein eigenes wohlbekanntes Rezept, um seinen Faustus auf Betriebstemperatur zu bringen und ihm wilde und deftige Walpurgisträume zu bescheren. Wem die richtige Motorik zum Tanzen fehlt, der kann ja heut vor Tau und Tag dem mephistophelischen Spektakel zur Abwechslung einfach mal lauschen.

Na, dann stellt mal heut schön eure Reisigbesen gekreuzt vor eure Türe, wenn ihr sicher sein wollt vor uns. Aber ihr mögt uns ja, gell? Also auf auf, lasst uns in den Mai tanzen. In Berlin, das bekanntermaßen so seine speziellen Erfahrungen mit der Walpurgisnacht hat, kann man das heuer sogar mit 6000 Polizisten. Nichts wünscht man sich mehr, als dass sie die Muße dazu hätten… Ach ja, und reist lieber auf dem Besen an, für den ist – soweit mir bekannt und im Gegensatz zu Privat-KFZ jedweder Art – kein weiträumiges Parkverbot verhängt worden.

Also, ich schwing mich nu mal auf mein Hexenfluggerät und reite schon vor. Wir sehn uns später – vielleicht da. Oder für den, dem die mittelalterlichen Schandmäuler mit ihrer eigenen drehleiernden Hexe lieber sind, hier – kommt aufs Selbe raus.

365 x Valentine’s

Februar 14, 2007 um 2:42 am | Veröffentlicht in Fremd-Worte, Hexen-Gedanken, Kultur, So Momente halt... | 7 Kommentare

Die Meinungen zum Valentinstag driften ja heftigst auseinander, nicht nur hier. Tag der Liebenden oder gefundenes Fressen für Werbung und Kommerz? Hm, importiert in unsere Lande wurde er wohl eher aus letzteren Gründen. Und so mancher kann dann schön sein schlechtes Gewissen beruhigen, dass das Feuer im Alltag nur mehr raucht als brennt – mit dem großen Pralinenkasten oder dem Blumenstrunk von der Tanke.

Ich werde mich hüten, hier einen Streit vom Zaun zu brechen – das wäre ja wohl erst recht absurd.

Mein Senf dazu: Feiert ihn oder lasst den seligen St. Valentin ruhen.

Aber: Liebt! Und zwar j e d e n Tag! Und lasst es einander spüren.
Ohne Liebe sind wir arm. — Und manchmal… ist sie das Einzige, was hilft.

*

Kennt jemand von euch (noch) Kurt Demmler, einen der erfolgreichsten und originellsten ostdeutschen Songtexter? Nicht? Na, dagegen muss man doch aus – *hüstel* – gegebenem Anlass etwas tun. Er hat nämlich auch eine Reihe wunderschöner Liebeslieder geschrieben.

Das hier ist eins davon. Und hier kann man wenigstens mal reinhören.

Jeder Mensch kann jeden lieben

Jeder Mensch kann jeden lieben.
Wenige nur wählt er aus.
Warum den und nicht den andern?
Was hat jener dem voraus?

Halt mich!

Warum zeigen unsre Augen
nur so selten diesen Glanz,
zittern wir vor der Berührung,
finden wir den andern ganz?

Sind es unbekannte Sender,
die da strahlen und verstehn?
Warum jener nur von diesen?
Was macht den vor andern schön?

Liebe ist…

Gibt es ganz bestimmte Tage,
wo man ’n ersten besten nimmt?
Warum dann und nur den ersten
und wann ist man so gestimmt?

Jeder böse Mensch kann gut sein,
jeder gute Mensch auch schlecht.
Warum weiß man, wen man möchte,
ist uns der vor andern recht?

Was mir nötig ist und dir, geb ich hin und hol ich mir…

Einer schaut uns in die Seele,
jeder andre auf die Haut.
Warum macht uns einer leise,
jeder andre nichts als laut?

Eine unbewohnte Insel
barg zwei Menschen aus der Not.
Warum wuchs aus diesem Zufall
eine Liebe bis zum Tod?

Ich bin du und du bist ich - jeder sucht im andern sich…

Fuhr ein andrer lebenslänglich
ungezählte Häfen an,
warum fand er da nicht einen,
dem zutiefst er zugetan?

Jeder Mensch kann jeden lieben.
Manchmal wählt er einen aus,
lädt sich von Millionen diesen
in sein Herz und in sein Haus…

Dich zu lieben, brauchst du mich, mich zu lieben brauch ich dich…

Der Kyrill und sein Method

Januar 21, 2007 um 3:30 pm | Veröffentlicht in Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Hexen-Gedanken, Kultur | 6 Kommentare

Über Wetterkapriolen und eine kulturelle Sturmböe

Wie man jüngstens durch freundliche Erklärung wieder erinnert wurde, ist es nirgendwo schöner als zu Hause. Und nachdem sich in meinen kuscheligen vier Wänden ganz oben unterm Dach der tobende und heulende „Kyrill“ wie ein ganz normales Unwetter angefühlt und an mir keine bleibenden Schäden hinterlassen hat, kann ich das nur unterstreichen. Das is nich in mei'm Büro.jpg Davon, dass er an unserem neuen milliardenschweren Hauptbahnhof mit tonnenschweren Stahlträgern und in meiner dienstlichen Behausung mit Scherben aus Fensterglas warf, erfuhr ich erst am nächsten Tag.

Wer zum Teufel gibt diesen zerstörerischen Naturereignissen nur ihre Namen, frag ich mich. Und verleiht ihnen unter genüsslich exzessiver Verwendung derselben geradezu bösartig menschliche Wesenszüge? Zumindest war das für mich der seltsame Beigeschmack so mancher einschlägigen Berichterstattung. Der Gipfel sprachlicher Skurrilität und Ahnungslosigkeit(?): cyrillos, aus dem Griechischen stammend, heißt: der Herrliche. Na toll!

Der Kyrill, an den i c h bei dieser Orkantaufe sofort denken musste (schau an! – ahnte man bis dato doch gar nicht, was von der eigenen verblassten Studentengelehrsamkeit noch so alles hängengeblieben ist), hat in weiten Landstrichen durchaus segensreiche Wirkungen hinterlassen. Und zwar über tausend Jahre vor die-heiligen-bruder.jpg seinem wetternden Namensvetter, gemeinsam mit seinem Bruder Methodij.

Die zwei Heiligen Brüder Kyrill und Method, wie sie auch genannt werden, zogen seinerzeit als Missionare durch die Lande der Slawen und halfen, diese zum byzantinischen Christentum zu bekehren. Und da die neuen Schäflein in der Herde des Griechischen unkundig waren, erfanden sie ihnen für ihre Kirchenbücher eine eigene Schriftsprache, das kirchenslawische Alphabet. Einen Teil der Buchstaben wandelten sie dabei aus dem griechischen Alphabet ab. Für Laute, die im Griechischen nicht vorkamen, wurden Zeichen aus der altslawischen – schon früher von Kyrill entwickelten – Glagoliza zugrunde gelegt. Jaha, gleich ein ganzes neues Alphabet, da kann sich sogar der olle Luther noch ’ne Scheibe abschneiden.

Wir kennen es heute – mit all den Vereinfachungen und sonstigen Reformierungen, die es im Laufe der Jahrhunderte, so z.B. unter Peter I., erfahren hat – als das kyrillische Alphabet, benannt nach dem jüngeren der beiden Brüder. Wie man sieht, hatten größere Geschwister auch im neunten Jahrhundert schon unter Zurücksetzungen zu leiden.

cirilicaisnotdead.jpgRussische Sprachwissenschaftler und Hüter ihrer Schriftkultur haben herausgefunden, dass ein Drittel der wissenschaftlichen Literatur unserer heutigen Welt mit kyrillischen Buchstaben geschrieben ist. Und vereinigen sich in einer teils empörten, teils gelassen lächelnden Front gegen Bestrebungen in der gegenwärtigen russischen Staatsduma, das kyrillische Alphabet zwecks Annäherung an den Westen abzuschaffen. Wohlgemerkt, wir reden hier auch von der Schrift der Puschkin, Gogol, Tolstoi, Dostojewski und Tschechow…

Die verlinkten Schriftzeichendarstellungen der kirchenslawischen Kyrilliza und der Glagoliza sind ein kleines Fest für die Freunde der Kalligrafie, hoffe ich.

Und die Sturmtieftäufer sollen sich gefälligst beim nächsten Mal passendere Namen für ihre Orkane ausdenken. Sie können sich ja mal bei den neuesten Favoriten umschauen, mit denen die Briten derzeit ihren bedauernswerten Nachwuchs malträtieren. Oder… wie wärs mit: Iwan, der Schreckliche?
kiever-blatter.jpg

Sich selbst behalten…

Dezember 31, 2006 um 3:39 pm | Veröffentlicht in 2007, Fremd-Worte, Hexen-Gedanken | Hinterlasse einen Kommentar

…oder sich finden – ein guter Wunsch für ein neues Jahr.
Leben gehen! traume-leben.jpg

Neujahrsnacht
Es steht mir herein der Orion,
Ins Fenster wölbt sich die Neujahrsnacht,
Die still ist und ohne störenden Ton
Und nicht zuschanden gemacht
Von Trunkenheit und Witz aus dem Wein
Und jener Scheinharmonie.
Das kann ich jetzt: mit mir selber sein
Und fern von Angstsympathie.
Ich brauche den Rausch immer weniger.
Ich liebe das klare Nein
So wie das klare Ja zum Tag:
Glück und Leiden: alles soll sein.
Immer her damit! Hier wird angenommen,
Was das Leben was immer uns will.
Leicht hab ich den Nachtgrat des Jahres erklommen.
Und die Waage stand gleich und still.

Eva Strittmatter

Rebellieren gegen das tägliche Sterben an Selbstaufgabe und Gewöhnung.

Ein gutes Jahr 2007 euch allen!

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