Marina reloaded: Verse auf Tapeten

Oktober 14, 2007 um 7:20 am | Veröffentlicht in 2007, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches | 7 Kommentare
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Ein Update zu: Wenn ich nicht liebe… – aus leicht verschlafenem aktuellen Anlass

Leidener EinblickeLeiden, die alte Universitätsstadt der Niederländer, ist ein Ort der wahren und Realen Poesie. Das verdankt sie nicht nur dem glücklichen Umstand, dass Rembrandt in ihren Mauern geboren ist, auch nicht alleine den idyllischen Kanälen und den vielen kleinen Schiffen mit den in den Himmel ragenden Masten. Nein, Leiden ist die Stadt der sprechenden Mauern.

Das ist ja nun erstmal nichts Besonderes und gleich gar nicht einmalig: Reklameposter, wahlweise Graffiti, Spontanschmierereien oder (ggf. einschlägige!) Verbotsschilder finden sich schließlich in jedem Kaff an jeder nur irgendwie zugänglichen freien Mauerfläche. Nicht so in Leiden.

Es begann 1992. Und seit nunmehr gut fünfzehn Jahren läuft die internationale Lyrik dort und Rilkes Mauerversenur dort der plakatierten Werbung den Rang ab: eine ganze Stadt ist vollgeschrieben mit – Gedichten. Ihre Häuserwände zieren in Originalsprache Verse von Shakespeare, Rimbaud, Rilke, Blok, Neruda, Bachmann und wie sie alle heißen, gelegentlich auch mit Übersetzungen ins Englische oder Niederländische. (Möchte man eigentlich wissen, wie das Gros der Häuslebauer im Lande der Dichter und Denker zu derartiger Außengestaltung seiner Eigenimmobilie stünde?) Es ist ein stummes aber grandioses Festival der Dichter der Welt. Die Einer – so er denn mag und die entsprechende Traute hat – direktemang von den Fassaden herab deklamieren kann. Über hundert große Poeten wurden inzwischen an den Giebeln und Mauern von Leiden verewigt…

Die erste, der 1992 diese Ehre zuteil wurde, war aus welchen erstaunlichen Gründen auch immer Marina Zwetajewa. Das Haus Nieuwsteeg 1 reichte ihr die Wand und trägt seitdem ihr Gedicht „Моим стихам, написанным так рано…“ (Mojim sticham, napisannym tak rano…). In einer deutschen Version könnte es so klingen:

Meinen Versen, die ich früh geschrieben,
Als ich noch nicht wusste, dass ich Dichter bin,
Die wie Spritzer aus Fontänen sprühten,
Funkenflug, der aus Raketen springt,

Die wie kleine Teufel eingedrungen,
Wo der Weihrauch träumt, ins Heiligtum,
Versen, ob vom Tod, ob von der Jugend,
– Versen, die noch ungelesen ruhn!

Verstreut sind sie im Staub der Bücherläden,
Wo niemand sie gekauft hat, kaufen wird,
Meinen Versen wird, wie teuren Reben,
In der Zukunft einst ein Platz gebührn.

Beinahe kommt es einem so vor, als hätten die Initiatoren der Häusergedichte von Leiden gewusst, dass es passt – Marinas Poesie hat sich schon immer gut mit Wänden vertragen. Die Zwetajewa hatte die Angewohnheit, die Tapeten ihres trauten Heims als Notizbuch zu benutzen und ihre Eingebungen dort mit schneller Hand hinzukritzeln. In der ersten Moskauer Wohnung der jungen Familie Efron-Zwetajewa, die heute als Museum eingerichtet ist, kann der Besucher die vollgeschriebenen Wandverkleidungen sehen. Die Schrift ist nicht von ihrer Hand, sondern nachgestaltet, denn das Domizil hat seit 1922, als Marina mit den Kindern ihrem Mann in die Emigration folgte, nachvollziehbar oft den Besitzer und auch die Tapeten gewechselt.

Marina ZwetajewaUnd dann ist da noch eine ’sprechende‘ Mauer, auch sie mit dem Namen Marina Zwetajewa verbunden. Sie gehört zu einem Haus in Berlin-Wilmersdorf – der ersten Wohnung ihres rastlosen Exils. Allerdings ist diese Mauer traurigerweise seit einem Jahr verstummt, hat aufgehört, vom Leben einer großen Dichterin zu erzählen. Denn die Gedenktafel, die sich dort befand, ist nach einer Fassadensanierung 2006 nicht mehr angebracht worden.

Nun, was soll’s. Was braucht Poesie, wie sie realer und herzwärmender kaum sein kann, schwere marmorne Tafeln, wie sie (offenbar) künstlicher und kühler nicht sein können…

Andere machen stattdessen Lieder daraus. Eins singt Alla Pugatschowa, erfolgreiche Musikdiva mit viel Stimme, die mir allerdings fast am besten so wie hier gefällt – zu schlichter Gitarrenbegleitung, nicht ins Schlagerträllern oder woandershin abgleitend. Mag die kleine Melodie ein nachträgliches Geburtstagsständchen für Marina zu ihren eigenen Versen sein (russischer Text und deutsche Fassungen hier oder da).

Am letzten Montag wäre sie 115 Jahre alt geworden.

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Kalenderblatt: Marina Zwetajewa

September 2, 2007 um 10:58 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 6 Kommentare

Hexenpoesie„Wenn ich nicht liebe, bin ich nicht ich selbst… Ich bin so wenig ich selbst…“

Ihr verzeiht mir doch, wenn die alte Slawistin mit ihrem verkramten Hang zur russischen Poesie sich in mir regt – an einem Tag wie diesem…? Die Hex‘ gibt sich auch Mühe, nicht allzu missionarisch rüberzukommen.

Ты меня никогда не прогонишь:
Не отталкивают весну!
Ты меня и перстом не тронешь:
Слишком нежно пою ко сну!

Ты меня никогда не ославишь:
Мое имя – вода для уст!
Ты меня никогда не оставишь:
Дверь открыта, и дом твой – пуст!

Marina Zwetajewa

Du wirst es nicht schaffen, mich zu verjagen:
Den Frühling zu bannen, hat keiner geschafft!
Mich anzufassen, wirst du nicht wagen:
Viel zu zärtlich sing ich im Schlaf!

Du schaffst es auch nicht, mich in Worte zu fassen:
Mein Name ist Wasser den Lippen – und aus!
Du wirst es nicht schaffen, mich zu verlassen:
Die Tür ist geöffnet – und leer ist dein Haus!

(Marina Zwetajewa)

Wenn es hier bei uns um die Kenntnis russischer schöner Literatur geht, fallen schnell die Namen Tschechow, Puschkin und Tolstoi. Einer schindet Eindruck mit der vollendeten Lektüre von Dostojewskis „Schuld und Sühne“, ein anderer damit, dass er ein paar von Alexander Bloks „Versen an die schöne Dame“ deklamieren kann.

Schönheit und LeidenschaftMarina Zwetajewa (1892-1941) dagegen ist in Deutschland wohl immer noch eher Insidern bekannt, obwohl sie getrost zu den größten Dichterinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gezählt werden darf. In ihrer Heimat, der sie jahrzehntelang im Exil fernbleiben musste, wird sie von Millionen gelesen, verehrt und geliebt. Sie haben ihre Gedichte vertont, haben Straßen nach ihr benannt, ihr Museen eingerichtet, haben ihr Denkmäler gebaut, Bilder von ihr gemalt und Filme über sie gedreht…

Marina wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Sie wurde ein wildes Mädchen, eine exzentrische und leidenschaftliche Frau, eine liebende Mutter. Und sie trug ein schweres Schicksal, geprägt von Emigration, von Ächtung ihrer Kunst und Person durch die Stalindiktatur, in Verfolgung, Armut und Isolation.

Die Poesie der Dichter des russischen Symbolismus, Andrej Bely und Alexander Blok, faszinierte sie und beeinflusste ihre eigenen frühen Werke. Aus Liebe heiratete sie 1912 sehr jung den noch jüngeren Offizierskadetten und späteren Weißen Offizier Sergej Efron, dem sie nach den Wirren der Oktoberrevolution 1922 ins Exil folgte, zuerst nach Berlin, dann nach Prag und Paris. In Berlin veröffentlichte sie ihre Gedichtsammlungen, so die „Trennung“ (Разлука) und „Gedichte an Blok“ (Стихи к Блоку).

Die Liebe zu ihrem Mann hielt dieses lebenshungrige, extrovertierte Wesen nicht von stürmischen Affären mit anderen Männern ab. Einer von ihnen war der Vollblutpoet Ossip Mandelstam; die Begegnung mit Rainer Maria Rilke, dem sie sehr nahe stand, fand nicht mehr statt, da er kurz vorher starb. Und die heftige Romanze in Prag mit einem Freund ihres ansonsten sehr nachsichtigen Gatten beendete sie, um ihre Ehe zu retten.

Marinas letzte LiebeIhre ‚letzte Liebe‘ (so nannte es der Drehbuchautor eines Dokumentarfilms über sie) war der Dichter Arsenij Tarkowskij, Vater des späteren bekannten Filmregisseurs Andrej Tarkowskij. In der für Marina so schweren Zeit, in der Mann und Tochter in Stalins Kerkern saßen, sie um beider Leben bangte und sich mit ihrem Sohn mühsam allein durchs Leben schlug, wuchs eine innige Freundschaft zwischen ihr und diesem um Jahre jüngeren talentierten Poeten. Sie zerbrach… an ein paar Versen des Freundes, die ungewollt die emotionale und sensible Zwetajewa tief in ihrem Stolz verletzten. Darüber schrieb sie ihr letztes Gedicht:
Marina auf einem der letzten Fotos

* * *
„Ich hab den Tisch gedeckt für sechs…“

Dein Vers, ich wiederhol ihn, – stets
Muss ich ein Wort darin berichtgen:
– »Ich hab den Tisch gedeckt für sechs«…
Du hast einen vergessen – den Siebten.

Zu sechst kennt ihr die Freude nicht.
Regen strömt über Gesichter…
Wie konntest du an solchem Tisch
Den Siebten vergessen – die Siebte…

Deine Gäste sind nicht froh,
Und die Kristallkaraffe kreist nicht.
Traurig sind sie, du – sowieso,
Die man nicht einlud ist’s – am meisten.

Nicht froh, und es wird auch nicht heller.
Ach! lasst das Trinken und das Essen.
– Wie konntest du so sorglos zählen?
Wie konntest du die Zahl nicht treffen?

Wie kannst, wie wagst du’s nicht zu sehn,
Dass sechs (zwei Brüder, und du selbst –
Der Dritte – mit Vater, Mutter, Frau daneben)
Macht sieben – solang ich auf der Welt!

Du hast den Tisch gedeckt für sechs,
Doch gibt’s auf dieser Welt noch eine.
Wie auf dem Feld der Vogelschreck,
Will ich’s Gespenst sein – mit den deinen,

(Mit meinen)…
Schüchtern wie ein Dieb,
– Nicht eine Seele zu betrüben! –
Am Plätzchen, das man mir nicht ließ,
Sitz ich, die man nicht rief, die Siebte!

Hopp! – hab ein Glas verschüttet! und
Was ich vergießen gewollt, das viele: –
Das Salz der Augen, das Blut der Wunden –
Läuft vom Tischtuch auf die Dielen.

Kein Abschied – nein! kein Sarg im Saal!
Den Tisch zu entzaubern, das Haus zu wecken.
Wie der Tod – zum Hochzeitsmahl,
Bin ich das Leben, und komme zum Essen.

“Nie war sie hilflos,doch immer - wehrlos…”… Bist mir nicht Bruder, Sohn, nicht Mann,
Kein Freund – und doch werf ich dir vor:
– Die Sechs bei Tisch sind Seelen nur,
Wenn sich für mich kein Plätzchen fand.

6. März 1941

Marinas Sohn Georgij Efron, der 1944 neunzehnjährig in seinem ersten Fronteinsatz des Vaterländischen Krieges fiel, hat in seinen Tagebüchern viel über seine Mutter festgehalten. Was von ihnen erhalten geblieben ist, wurde 2004 bei „Vagrius“ erstmals in einer Auflage von 3000 Exemplaren herausgegeben – ich fand nur diese Vorveröffentlichung, selbstredend auf Russisch…

Marina Zwetajewa. Sie war eine wilde Rose – und eine starke Frau. Und doch nicht stark genug. Am 31. August 1941 setzte sie ihrem Leben ein Ende. Und heute vor 66 Jahren wurde sie auf dem Friedhof im tatarischen Jelabuga (das ohne sie ein namenloser Ort in Russlands Weiten geblieben wäre) begraben – oder sollte man sagen: verscharrt? – denn ihr Grab ist bis heute unbekannt…
«И может быть, на мой закат печальный блеснет любовь улыбкою прощальной» (Пушкин)
Ihre Poesie aber bewegt nicht nur die Russen – bis heute.

Edit 8. September 2007: Jetzt erst gelesen: Der kleine Youtube-Film mit Bildern und Liedern zu den Gedichten von Marina Zwetajewa, den ich unter dem Bild mit den Birken verlinkt habe, stammt von einem jungen Mädchen, Soja. Sie hat ihn im November 2001 als Literaturarbeit für die Schule gemacht, die Verse selbst eingesprochen. Besonders berührt mich daran, dass der Film in seiner Art und Stimmung zu Sojas Vermächtnis geworden ist – denn kurz danach, im Januar 2002, ist sie gestorben…

Mehr zu Marina Zwetajewa in diesem Blog: hier.

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