Von Kindern, Zwergen und anderen Größen oder wozu ein paar Kartons alter Briefumschläge gut sind

Oktober 15, 2011 um 11:59 pm | Veröffentlicht in 2011, Bücherhexe, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 1 Kommentar
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Nachträglich zum 70. Geburtstag eines Bildermachers

Auaaaa… Volltreffer. Ich verfluche diesen unsäglichen Reflex, immer schützend den Fuß drunterzuhalten, wenn was von oben runterfällt.

Stöhnend lasse mich auf den Boden plumpsen und rubbele mit der linken Fußsohle tröstend über den rechten großen Zeh, dessen schmerzverzerrtes Gesicht rot anläuft und morgen bestimmt in noch ganz anderen Farben leuchten wird. Dann angele ich mir den staubigen Übeltäter, der sich beim Bücherkramen im Regal hinter der Kammertüre auf mein Hinterpfötchen gestürzt hat: „Alfons Zitterbacke“, fledderig zerlesenes Kinderbuch über einen Pechvogel und Erziehungsversehrten mit Kultstatus aus alten Tagen. Tsssss… na, der passt ja, auch wenns dem (coverseitig) den zweiten ‚Vorderzeh‘ erwischt hat.

Sein illustrierender Zeichnervater übrigens hatte es auch heftig in den Vorderpfoten, begnadetes Talent nämlich, zum Bildermachen. Und er hat Generationen von Dreikäsehochs, wie meiner, nicht nur ihre Lektüre und ihre Kindheit ausgemalt und sie daneben mit eigenen Bildergeschichten gefüttert. Er spielte mit ihnen auch an ihren ganztägigen Aufbewahrungsorten, versüßte ihnen die Auszeiten von erziehungsberechtigten Fehlern, kitzelte aus ihnen die verborgenen Zeichentalente heraus und wurde, nach dem Signum unter seinen Kritzeleyen, von seiner Hauptzielgruppe wahrscheinlich liebevoll der Bofi genannt. Manfred Bofinger.

Als er in einem Interview mal gefragt wurde, welche Bücher, außer seinen eigenen, er den Gören sonst noch empfehlen würde, antwortete er:

„Bei Büchern, die ich nicht illustriert habe, fallen mir auf Anhieb drei ein. Zwei davon sind von Joachim Ringelnatz und die beiden frechsten Bücher, die ich überhaupt kenne: „Das Kinder-Verwirr-Buch“ und das „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ […]. Ringelnatz ist für mich eine ganz große Offenbarung gewesen, sehr früh schon. Den hätte ich gerne kennen gelernt. Das dritte Buch ist „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Und zwar mit den Illustrationen von Frans Haacken.“

Ein Schelm, wer hier nicht merkt, an welchen Würzlein der Bofinger sich genährt hat. Und ein armseliger solcher dazu, in den nicht spätestens nach solchen Statements und Hausheiligenbekundungen wärmste Zustimmung und Zuneigung einziehen.

Dabei hat der ja nie auf Malen und Zeichnen studiert, der Bofi, sondern sich das alles nach einer soliden Handwerkerlehre als Schriftsetzer mit Abi autodidaktisch draufgezimmert. Freilich kam ihm dabei ein Umstand zugute: eine Anstellung 1961 als Typograf beim „Eulenspiegel“, d e r Satirezeitschrift der DDR. Dort hatte er täglichen Umgang mit lauter so Kritzelfritzen. Nachdem von deren renommiertesten einem, Karl Schrader, eines Tages die Ansage erging: „Du zeichnest klasse, und du machst jetzt mal was“, machte er mal was. Und konnte sich bald vor Aufträgen nicht mehr retten. Es kam, wie’s kommen musste – Bofinger machte sich 1968 als Freiberufler selbstständig und ward fortan einer der gefragtesten und beliebtesten Illustratoren weit und breit für Verlage und Autoren mit Humor. Er war Stammillustrator der DDR-Kinderzeitschrift „Frösi“ (praktikabel gewordenenes Kürzel aus deren einstigem Namen „Föhlichsein und Singen“). Und selber schreiben konnte er auch noch. Exemplarisches Beispiel: Der krumme Löffel, biografisch angehauchte Miniaturen einer Kindheit im Nachkriegsberlin.

Belohnt und bekränzt wurde er für sei Tun mit zahlreichen Preisen. Einer der liebsten war ihm der „Schnabelsteherpreis für das frechste Buch des Jahres“, erhalten von den tapferen norddeutschen Buchhändlern für sein „Gänsehautbuch. Ein ABC des Grauens für tapfere Kinder und Eltern“.

Dem „Eulenspiegel“ blieb er, nicht nur für den Karriereanschub, weiterhin treu. Als Dank dafür ‚erbte‘ er bei der Beinahe-Abwicklung und Aufräumungsarbeiten desselben 1990 diverse Kartons voll hässlicher grau-brauner Briefumschläge. Die zum Urknall einer neuen Schaffensperiode und zu Begleitern einer so wunderbaren wie gedeihlichen Freundschaft werden sollten – mit F. W. Bernstein, mindestens westlich des Pecos als Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und i h r e s „Eulenspiegels“, der „Titanic“, bekannt. Lyriker und Karikaturist vor dem Herrn.

Zu dem gefalzt verklebten Altpapier wäre keinem alten Hund was Sinnstiftendes eingefallen – außer zwei Kritzelfritzen, deren Sympathie füreinander von der ersten Begegnung an feststand. Sie begannen unter Verwendung eben jener Umschläge einen abgefahrenen und haltbaren Briefwechsel in Bildern, der von 1991 bis zum Jahr vor dem tragischen Tod Bofingers 2006 andauerte, zwischen ihren Berliner Wohnsitzen hin und her wogte und nicht nur die Deutsche Post in Atem hielt. Mit liebevollem Humor oder bissfester Satire und einer Portion Verspieltheit zogen sie in ihrem eigenen Strich nach Strich und Faden über die Symptome der Welt, des Alltags und des Nebenuns und sogar über sich selber her. Sie ließen nichts aus – ein Fall Realer Poesie, wie er im Buche steht.

„Bei F.W.Bernstein in Steglitz wird die Idee zwischen der ersten Tasse Tee am frühen Morgen und dem vormittäglichen Frühstück geboren und zu Papier gebracht. Anders in Treptow: Bei Manfred Bofinger kommt der Einfall im Laufe des Tages, wird entwickelt, ausgefeilt und dann verarbeitet. Auf diese Weise entstehen wöchentlich oft mehrere gezeichnete, aquarellierte, gemalte und gekritzelte Zeit-Kommentare…“
(Martina Schellhorn. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung)

Was als witzige Gedankenblitze zu Sinn,Un- und Hintersinn des wirklichen Lebens begann, wird bald von beiden in die Form von „Produktionsanlässen“ gegossen: die „korrigierte Weltgeschichte“, „Wenn ich König wär“ oder „Das erste Mal“ u.s.f. Und da die Herren B&B so freundlich waren, ihre Korrespondenz irgendwann öffentlich zu machen, wohnt ein Extrakt davon in einem Exemplar „Ich glaube, du bist dran“ (Hrsg. Bei Rütten & Loening 1995, mit einer Nachbemerkung von Herbert Rosendorfer) in himmlischem Bilderbuch-Querformat bei mir zu Hause. Ein weiteres hab ich mal an einen lieben Freund, der damit was anfangen kann, hergeschenkt und zur Adoption freigegeben.

Mich haben Bofingers Illustrationen, Karikaturen, Bilderbücher und Typospielereien weit über das Zopfmädchenalter hinaus begleitet, eigentlich bis heute. In der Bofi-Abteilung meiner Bibliothek trifft Einstein mit der Geige auf Herrn Dickbauch und Frau Dünnbein oder Darlingsratte mit Anhang, und der Punk-Welpe seufzt den Zeiten nach, als Papa noch Pirat war. Kinder, Zwerge und andere Größen ziehen in geschlossener Front an zwei Männern beim Betrachten des Mondes vorbei und Graf Tüpo stattet ein paar sommersprossigen Lausejungs mit frecher Nase und Dreiangel in der Hose, die im Dicken Bofinger-Buch herumlümmeln, einen Besuch ab.



Bofis Darlingratte

Die gefährliche Körperverletzung an meinem großen Zeh durch Alfons Zitterbacke habe ich inzwischen fast vergessen. Beinahe zärtlich wische ich mit dem Ärmel den Staub vom Einband und stelle das Buch zurück zu den anderen. Nicht weit weg von meiner letzten einschlägigen Erungenschaft, dem Berliner Bilderbuch brominenter Bersönlichkeiten,
n o c h einer Gemeinschaftsproduktion der Herren B&B. Hinter dessen schnuckligem Oktav-Format des Zweitausendeins Verlages auf fast 600 Seiten sich… nein, keine Einführung in die Besonderheiten des sächsischen Dialekts und harten „B“ verbirgt, sondern die Entdeckung des Urberliners Bofinger und Wahlberliners Bernstein alias Fritz Weigle, dass das Gros aller Berühmtheiten – wie sie selbst – mit Doppel-B anfängt: von Bertolt Brecht über Buffalo Bill oder BarBie bis Bablo Bicasso.

Benno BessonBio BauerBiermösl Blosn

Dass sie diesem brägnanten Bunkt mit bointierten Bortraits in Hülle und Fülle und in ihrer ureigenen Manier begegnen mussten, versteht sich ja wohl von selbst.

*

Letzte Woche wäre er 70 geworden, der Bofi. Von einem Leben nach dem Tode zeugen in seinem Fall nicht nur seine putzmuntere Präsenz in den treuen Händen der Leser und Gucker, sondern aktuelle Neuerscheinungen, in denen er mit seinen Bildern immer noch vorkommt. Und es wird gemunkelt, dass Eltern mit ihren Zopfmädchen zu seinem Grab mit Spreeblick auf dem verträumten alten Stralauer Friedhof pilgern und ihnen dort ihre sorgsam gehüteten Bofi-Kinderbücher vorlesen.

Ich glaube, das hätte ihn gefreut.

Bilder: Briefumschlag – entliehen bei der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. B&B-Foto: Harald Hirsch, auch von da. Bofis Grab mit Spreeblick – via Friedrichshainer Chronik: Friedhof am Wasser. Die andern: von den Genannten ‚vorproduziert‘, teilweise von mir eigenhändig _ab_geknipst und abgekupfert.😉

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