Sie ist Heldin

Februar 27, 2011 um 8:05 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, Werbehexe | 2 Kommentare
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oder: „Ich glaub, es hackt.“

Ein Update zu: Helden sind – männlich? Out? Tot?

Ha, es gibt sie noch! Die Helden im Heute.
Und: Helden sind: Mädchen. Und was für welche! Im natürlichsten Sinne des Wortes. Welche, die sich nicht nur so nennen.

Was für eine Erfrischung nach dem ganzen Lug und Trug und Gekungel, die gerade wieder mal aus den Etagen der Mächtigen über uns herein seiern.

Jung und (von) matt

Judith Holofernes, ihres Zeichens Frontfrau von „Wir sind Helden“, hat in einem Offenen Brief nicht nur den Werbern bei Jung von Matt und dem allgewaltigen VolksverdummungsBILDblatt eine Abfuhr erteilt, sich für deren laufende Promi-Plakat-Aktion einspannen zu lassen. Sie hat damit zugleich den Herrschaften Schwarzer, Lindenberg, Gottschalk, Lahm und Co. vor den Bug geknallt, was es heißt, Arsch in der Hose zu haben, statt seine Seele zu verkaufen:

Liebe Werbeagentur Jung von Matt,

bzgl. Eurer Anfrage, ob wir bei der aktuellen Bild -Kampagne mitmachen wollen:

Ich glaub, es hackt.

Die laufende Plakat-Aktion der Bild-Zeitung mit sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere (Auch kritischem! Hört, hört!) von sogenannten Prominenten (auch Kritischen! Oho!) ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. Will heißen: nach Euren Maßstäben sicher eine gelungene Aktion.

Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll’s, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein bisschen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außerdem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, irgendeine pseudo -distanziertes Gewäsch aus, irgendwas “total Spitzfindiges”, oder Clever- Unverbindliches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotzdem unheimlich viele saudumme Menschen erreicht! Hurra.

Auf der anderen Seite, das erklärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Bild -Zeitung, die traut sich was.

Und, die dritte Seite: Ihr, liebe jungdynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…

Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.

Mit höflichen Grüßen,
Judith Holofernes

Mehr zum Thema u.a. in der taz, der Zeit online oder auch auf jetzt.sueddeutsche.de. Letztere versetzten zudem durch eine User-Satire in Titanic-Manier und Gestalt eines gefakten Antwortbriefes von Jung von Matt nicht nur ihre jugendliche und jung gebliebene Leserwelt in Aufruhr, sondern die Medienwelt gleich mit. Köstlich!
(Edit: Leider am Ende gipfelnd in der Bemüßigung, selbige Satire dem dummen mündigen Leser dann doch meinen erklären zu müssen….)😦

Das denkende Lesevolk jubelt. Auch sonst war der Erfolg ein durchschlagender. Die Internetseite der „Helden“ ging unter den abertausenden von Klicks in die Knie und fährt gerade ein ‚Notprogramm‘ – mit dem einschlägigen Briefwechsel.

Wenn ihr nicht schon vorher Helden wart, dann seid ihr es jetzt.
Meinen Respekt, Heldenmädchen. Go Judith, go!

P.S. Sie selbst empfiehlt als Faust-aufs-Auge-Soundtrack den hier:

Bilder: Wir sind Helden: via WDR Rockpalast. Judith Holofernes: Foto ap, via jetzt.sueddeutsche.de. Ausgeknockter Superheld – weiß ich nicht mehr; Urheber bei Bedarf büdde melden.
Video: via Dailymotion.com.

2 Kommentare »

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  1. Ich fand die Antwort auch super, besonders weil ich mich schon 100.000 mal über diese blöde Kampangne geärgert und mich gefragt habe, was solch Menschen wie R. von W. beispielweise antreibt, seinen Senf dazu abzugeben. Für kein Geld der Welt würde ich mich der BLÖD-Zeitung anbiedern, auch nicht mit eindeutig zweideutigen Aussagen🙄
    Aber: Die junge Dame hat eben auch ein bisschen Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert und da sie nicht auf den Kopf gefallen ist, verbindet sie in meinen Augen überaus geschickt die Absage mit dem Nützlichen, nämlich der Werbung in eigener Sache.
    Ich denke, sie weiß, was sie tut😉
    (Zu gerne möchte ich wissen, wie viele A-, B- oder c-Promies schon abgesagt haben, ohne dies mit Eigenwerbung verbunden zu haben. Vielleicht kommt ja jetzt noch der eine oder andere aus der Deckung.)

    • Ooch… Eigenwerbung halt ich für legitim, auch in dieser Form. Zumal, wenn man dafür ’ne hippe jungvondynamische – oder -vonmatte – Werbeagentur nicht mal bezahlen muss.😉 Und wie oft BILDet man sich seine Meinung und begräbt sie dann in der Mördergrube seines Herzens! Message in deren dunkle Tiefen: Öfter mal Helden sein – wider Meinungsmache.

      Danke, Frau Nachbarin. Und Grüße von Haus zu Haus.🙂


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