Strangers, Mermaids, Musikanten

Februar 6, 2011 um 11:26 pm | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Bilderhexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spielwiese | 3 Kommentare
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Oder: Vom Abenteuer und der Mühsal, to be a Mitreisender

Nebenan hat Captain Wolf wieder eines von seinen raffinierten Preisausschreiben ausgesungen, die sich unter der so nerdigen exklusiven wie geneigten Leser- und Schreiberschar anhaltender Beliebheit erfreuen.

Der aktuelle (Foto)Auftrag „Be a Mitreisender!“ oder: Finde Ismael, geh mit ihm an Bord – und mach ein Bild von ihm! ist ja eher was für Leute, die grad Urlaub machen – oder so einen freihändigen Hobby-Job mit selbsternannter Gleitzeit und Ausgeschlafenheit. Jedenfalls mehr als für welche, die ihr Vollzeiterwerb morgens im Dustern aus dem Haus und mitten in die volle U-Bahn mit Sardinenbüchsen-Feeling treibt. Abends heimwärts: dito. Vor allem hat er mehr von Abenteuertrip, als man je vermuten könnte.

Denn der großstädtische Berufsverkehrer ist morgens zumeist übellaunig, unausgeschlafen, spät dran oder einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden, mit selbigem zudem grad auf dem ungestreuten Gehweg ausgerutscht oder in einen Haufen Hundekacke getreten, somit kamerascheu, unfotogen und latent aggressiv gegen Mit-Mitreisende. Erst recht gegen solche in Gestalt von Amateurfotografen.

Am ehesten bereit, to be a Mitreisende, mit dir gemeinsam über die Schonwiedererhöhung der BVG-Mitreisepreise zu wettern und trotzdem freundlich in die Kamera zu lächeln, ist vielleicht noch die nette Fahrkartenverkäuferin im Bahnhofskiosk. Doch noch bevor du die Knipse zücken kannst, fährt die letzte Bahn ein, die du unbedingt kriegen musst, um nicht wegen Zuspätkommens angezählt zu werden.

Wer die Kuscheligkeit eines U-Bahnwagens in der Rush Hour kennt, weiß: das ist nix für klaustrophobische Gemüter. Eingezwängt und in unfreiwillig intensivem Körperkontakt mit wildfremden Leuten kriegst du nicht mal die Hand an deine Cam. Und falls doch, dafür womöglich eine auf die Zwölf. Motive allerdings gäbe es zuhauf.

Zum Beispiel die Mitvierzigerin, die ihre neue Daunenjacke stolz zum ersten Mal ausführt. Was kein Mitreisender übersehen kann, denn unter der Achsel baumelt noch das Schnäppchen-Preisschild: Größe 42, 39,90 €. Oder die zwei Schulmädchen, Gymnasium, zehnte Klasse, tipp ich mal, die darob tuschelnd die Köpfe zusammenstecken und sich halbtot kichern.

Einen preisverdächtigen Schnappschuss gäbe auch der zerzauste Wuschelkopf der Rotschöpfin auf dem Eckplatz an der Tür ab. Die hat verschlafen, jede Wette, ist falsch zugeknöpft und holt grad ihre Morgentoilette nach: heimliches Mundspülen mit einem Schluck aus der Wasserflasche, dann ungeniert un-heimliches Schminkritual. Dessen schräges Ergebnis ist ein knallroter Schmollmund, der sich mit der Haarfarbe beißt, und der misslungene Versuch, wie Tori Amos auszusehen. Oder wie die Monroe? Nur halt nicht in Blond.

Gern würd ich ja auch die Geschichte zu einem Bild von dem Typen in der knarrenden Lederjacke von gegenüber erzählen. Der hört und sieht nix um sich herum, beugt seine gepflegte Kahlköpfigkeit über ein altes Heft mit gilbenden Seiten auf seinen Knien und schreibt und schreibt. Manchmal hält er inne und die Hände, die ausschauen, als könnten sie besser auf dem Bau zupacken oder ein Schiffsruder drehen als einen Stift halten, blättern zurück. Um dann emsig weiter zu kritzeln. Die Schrift ist klein und ebenmäßig. Zu klein, um sie von meinem Platz aus lesen zu können. Verflixt. Was schreibt der da so endlos? Einen Roman? Sein Leben? Geschichten über die Mitreisenden? Sein letztes Abenteuer in der Südsee? Ist der vielleicht Ismael? Todspannend das. Als er zusammenpackt und aussteigt, bleibt nichts als Neugier…

Ach ja, und dann ist da noch der langhaarige komische Vogel in schwarzem Echtpelzjäckchen mit dem silberfarbenen Köfferchen und dem Mädchentouch. Der ist auch nicht von dieser Welt. Die Lautstärke seines Ei-Potts lässt die Mitreisenden mühelos mithören. Was völlig überflüssig ist – denn er singt entrückt-verzückt und mit geschlossenen Augen lauthals mit. Hardrock, eigentlich ein Widerspruch zu seiner Erscheinung. Den hab ich skizziert (auf sowas Ähnlichem, wie ’nem alten Kassenzettel, Käpt’n), bin mir allerdings meiner Fertigkeiten im Hinwerfen schneller Zeichnungen so wenig sicher wie ihrer Eignung für die Öffentlichkeit.

So sich nun also der unterirdische Berufsverkehr zwar als überaus geeignet, to be a Mitreisender, aber als ziemlich ungeeignet, to document a Mitreisenden erwiesen hat, ist guter Rat teuer. Mit dem Auto unterwegs zu sein, machte alles mitnichten besser, es sei denn, man änderte die Ausschreibung in: Be an Aneinander-Vorbeifahrer! Da hätt‘ ich dann ein verwackeltes Exemplar Vorbei-Fahrradfahrer. Wo der hin wollte? Was weiß denn ich! Vielleicht zum Flohmarkt, Ersatzteile kaufen? Und meine täglichen 25 Kilometer (in eine Richtung, also die ganze Strecke mal Zwei) zu Fuß wären eine glatte Überforderung.

Aber gesagt ist gesagt, du kennst mich, Wolf. Die Hex‘ gibt nicht so leicht auf. Und krabbelte eines Abends, geschlaucht und gestresst, doch guten Willens unter der Erde hervor ans Tageslicht. Das schon weg war. Den Alexanderplatz konnte man im Finstern grad noch so erkennen.

Zuerst traf ich, bei dem Laden mit dem Kaufmanns-Und zwischen den zwei Buchstaben, auf eine mit Accessoires desselbigen gestylte Minifamilie im Reise-Outfit. Sie stand ungefähr drei Meter über mir im Schaufenster, verurteilt to be drei Rumsteher und deshalb wohl ziemlich genervt. Jedenfalls fiel das Lächeln ihnen schon schwer und sie haben kein Wort mit mir geredet. Tja, nix mit Geschichte.

Weil Berlin ja bekanntermaßen auch am Meer liegt (sogar noch näher als München😉 ) und wir allem Maritimen in Sehnsucht anhängen, dachte ich: gehst du halt nochmal beim alten Neptun vorbei. Am Ende begegnet dir daselbst gar ein mitreisender Seemann auf Landgang oder im Ruhestand. Zu meinem Leidwesen waren die Damen, die als einzige um diese Zeit noch dort rumsaßen, auch nicht gerade sehr gesprächig. Vielleicht nehmen sie es dem guten Begas ja noch übel, dass sie eigentlich vaterländische Flüsse symbolisieren sollen und nicht einfach Mermaids und Gespielinnen des alten Meergottes sein dürfen. Oder den Touri-Horden, dass die ihnen dauernd ungestraft an den Busen, ans Knie und die Barfüße grabschen dürfen. Die eine zeigte mir gleich die kalte Schulter und starrte verbissen Richtung Fernsehturm. Die andern lümmelten melancholisch vor sich hin und seufzten leise. Und eine von denen gestand mir, dass sie sich schon geschlagene 122 Jahre auf dem blöden Brunnenrand langweilt und nichts mehr wünscht, als to be a Mitreisende. Für ihr Alter sieht sie aber noch recht ansehnlich aus, hab ich ihr gesagt. Und ihr versprochen, demnächst wenigstens mal wieder auf ’n Pläuschchen vorbei zu schaun.


Auf dem Rückweg zum Bahnhof gesellte sich zu meiner mageren Bilderausbeute endlich doch noch ein lebendig bewegtes Motiv – naja, also im Rahmen seines Bewegungsspielraums jedenfalls. Branko, der Bratwurstmann. Der hat sich seit seinem Umzug von der Adriaküste zum Alex die mobile Fastfoodtheke mit dem Schirm hinten dran vor den Bauch schnallen lassen, um selber gelegentlich auch mal was anderes als Bratwurst essen zu können. Er posierte gern für das Projekt und reist nicht nur mit, sondern ist sozusagen der Speisewagen für alle Mitreisenden.

War eigentlich fotographische Zeitnähe gefordert im Spiel? Falls ja, dann außer Konkurrenz hier noch ein paar Schummelbilder aus wärmeren (und helleren) Zeiten, die dem Anliegen vielleicht eher gedient hätten:

Die exotische Schönheit mit dem müden Ableger, nennen wir sie datenschutzhalber Yasmin, kenne ich. Mit der reise ich täglich – sie bringt Zugereisten Deutsch bei und die lieben sie, alle. Der Typ daneben ist Karl, der Wettergott, der zu seinem Vorgesetzten über dem Nollendorf-Viertel betet, damit der ihm nicht das Straßenfest vehagelt und die Mit-Mitreisenden verstimmt.

Und wem keine Straßenmusikanten vor die Linse laufen, der ist nicht unterwegs. An denen kommst du einfach nicht vorbei, selbst wenn du wolltest. Der mit der Quetsche, der kann was und würde sich mit seinen Melodeyen auch gut vor einem Pariser Straßencafe machen. Oder in einem Film darüber. Der Ausgefranste mit der Mundharmonika g l a u b t, er kann spielen. Dafür ist er aber sowas Ähnliches wie ein Nolle-Original und wohnt unter dem U-Bahn-Bogen. – Der Klarinettist ist eher Zufall.

Als Bonusbild und Fazit schlussendlich noch zwei Echte, Sophie und Tom. So weit, wie die wollen, kommt sowieso keiner mit – Australien, Start von Gate 8 in Tegel. Aus der Reihe: Be two Mitreisende!

Fast vergessen hätt ich ja Paule Knopp. Dem die Traurigkeit ins Gesicht geschrieben steht, weil kein Reisender ihn beachtet oder ihn auch mal einfach nur drückt. Denn er ist nur ein armer alter Klingelknopf neben einer längst zugebauten Türe…

Hmm, das nächste Mal reisen wir dann vielleicht doch eher von Kneipe zu Kneipe oder ins Eck-Cafe. Das machts womöglich einfacher. Schade, dass dergleichen Lokalitäten mir im Moment grad so selten unterkommen. Höchstens mal fix auf der Durchreise.

***

Who are you, Mitreisender… I don’t know.

I don’t know what you smoke
Or countries you been too
If you speak any other languages
other than your own, I’d like to meet you

I don’t know if you drive
If you love the ground beneath you
I don’t know if you write letters
or you panic on the phone
I’d like to call you all the same,
If you want to
I am game

I don’t know if you can swim
If the sea is any draw for you
If your better in the morning
or when the sun goes down
I’d like to call you

Bilder: selber geschossen und verwackelt. Wer schon nicht mehr so gut sieht sie größer haben will: einfach mittendrauf klicken.
Video: Lisa Hannigan: I Don’t Know. Via youtube.

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  1. […] P.E.Q.U.O.D., noch etliche tolle Tore im Januargewinnspiel: Be a Mitreisender! erzielt: Elke mit Stranger Mermaids Musikanten und Hannah mit Nächster Halt: Kreuzende Wege. Die üblichen Verdächtigen waren die […]

  2. Paule Knopp ist ja der Verzweiflung nah!
    Die grabschenden Touristen sollen sich mal vorsehen. Zur Geisterstunde könnten die Damen durchaus mal Ohrfeigen verteilen mit ihren schönen Bronzehänden.

  3. Ich weiß.😉 Aber psssst!, wir sagen es keinem weiter. Wollen den Mädels doch nicht die dummen Gesichter verderben, die sie für ihre Gegenwehr zu sehen kriegen.


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