Ein Teller Buchstabensuppe

Dezember 21, 2010 um 7:32 pm | Veröffentlicht in 2010, Berlin, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kultur, MarktLückenbauten, Neulich nebenan, Real-Poetisches | 8 Kommentare
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… stand als Menü auf der (Eintritts)Karte So einen kriegst du aus keiner Tütensuppentüte, nicht von Maggi oder sonstwem. Oder hat wer schon mal lateinische, gemixt mit griechischen, arabischen und chinesischen Nudeln Schriftzeichen in seinem großen Löffel schwimmen sehen?

Die bunte babylonische Suppe zu dieser Nachlese ist längst ausgelöffelt. Aber man kommt ja zu nix mehr heutzutage, nicht mal dazu, seine paar verwackelten Bilder im Blog aufzutischen.

Und wie sie alle, alle kamen: Weltenbummler und Urlaubsplaner, Goldsucher, Landflüchter und Abenteurer. Die Herden der hergeprügelten Schulklassen, von praxisnahen Schulmeistern zu polyglotter Zukunftsplanung mittels Spracherwerb angehalten. Die bildungshungrigen Familien, zwei- bis nochmehrsprachigen Nachwuchs aufziehend oder den fernwehen Pubertanten im Schlepptau. Die Lehrer und Lerner. Die dienstreisenden Delegationen der Geschäfts-, Kontakt- und Ideenfischer. Dazu ganze Heerscharen ebenso frischgebackener wie vitae- und visitenkartengespickter Magister, Designer, BWLer, Multi- und Kulti-Manager auf Erwerbssuche. Und ein paar schräge Vögel – mit skurrilen bis suspekten Produkten im mobilen Esoterik- oder Wunderheilerrucksack. Die fliegen, scheints, überall ein und finden ihren Weg schlafwandelnd mit orakelgestützter Sicherheit.

Die ‚Suppenköche‘, laut Zählung der Veranstalter und exklusive der munteren Küchenjungen und patenten Bedienungen (bei denen meine Wenigkeit inklusive) vorgeblich ungefähr zweihundert, ließen sich denn auch nicht lumpen. Beim Chinesen… öhm, also beim diesjährig exponierten Gastsprachenland in Gestalt volkreicher Konfuzius-Institute durfte man Schlange stehen, um sich seinen Namen in annähernder Bedeutung kalligrafieren zu lassen. Kulant und völlig ohne Anstehen gabs dazu die ganztägige Ommm-Palastbeschallung des Schattenboxer-Soundtracks. Allerdings auch ohne Vorwarnung, dass dass man sich von der als noch so tapfere Bedienung nach spätestens einem halben Tag ein Trauma einfangen konnte.

Die Basken, unsere fröhlich-freundlichen Standnachbarn, starteten ein spontanes Kamerashooting, mittels dessen wir ihre zahlreichen Opfer zur zungenbrechenden Frage „Badakizu euskaraz hitz egiten?“ (Sprichst du Baskisch?) digitalisiert wurden. Die zungenbrechende Antwort darauf hab ich, trotz Auswendiglernen, leider wieder vergessen.😉 Dafür aber jetzt einen Baskisch-Crashkurs auf Gratis-CD. Nebenher verteilten sie Snacks, die von weitem wie Mini-Hotdogs aussahen und so bekömmlich wie das Zellophan um sie herum.

Bei den Argentiniern lernte der hereinschneiende eher Steak- als Nudelesser in lupenreinem Spanisch, wie ein einheimisches Hochlandrind fachgerecht in mundlich tellergroße Hüftsteaks zerlegt wird. Später dann auch noch, warum und wie man nach deren genüsslichem Verzehr einen feurigen Latinotango aufs Parkett legt.

Am Stand gegenüber wurde der sprach- und arbeitswillige Besucher ermuntert, nach Irland auszuwandern. Da wollte ich sowieso schon immer hin, habs mir jedenfalls mal vorgemerkt – fürs nächste Leben oder so.

Und eine Etage höher fanden parallel in mehreren Sälen die obligatorischen Vorträge und Symposien für Sprachoholiker statt. Was für das Publikum besonders dann lustig wurde, wenn die Stimmgewalt eines bierernsten Redners zum gewichtigen Thema Interkulturalität rettungslos im Johlen einer Kinderhorde unterging, die nebenan mit dem Affen Oskar oderwiederhieß den Urschrei lernte.

Mein stiller Favorit: Russischkurse bei Lew Tolstoi. Also nicht bei ihm persönlich, glaub ich, aber in seinem originalen Jasnaja Poljana. Vertickt an einem kleinen versteckten Stand von zwei schweigsamen russischen Schönheiten. Na, wenn das kein Angebot ist, erst recht im Jahr seines 100. Todestages und wer wollte nicht schon immer mal Tolstoianisch können und nebenher in die realpoetische Kultur des alten russischen Dorfes reinschnüffeln.

Das schönste Lächeln: in den Frätzchen der Kinder, die sich mit diebischer Freude überall mit Werbekugelschreibern, Schlüsselbändern, Luftballons etc. eindeckten und mit multikulti Süßigkeiten vollstopften. Der bissigste strengste Blick: in den Pokerface-Visagen der Türsteher, deren wachsamem Holzauge kein Terrorschläfer entging. Wahrscheinlich sogar ohne das HighTec-Sicherheitsgate in Flughafenmanier, dem sie vor- und hinterstanden.







Alles zusammen: ein synästhetisches Süppchen.

Ach, lustig wars. Und wer braucht schon arbeitsfreie Wochenenden!
Die nächste Expolingua Berlin kommt bestimmt.

Ah ja… und Vooorsicht beim Gebrauch von Buchstabensuppenbuchstaben!😉

Video: Via youtube. Chinesen-Illus: weiß ich nicht mehr; grummelnde Urheber bitte melden. Alle anderen Bilder: selber verwackelt.

8 Kommentare »

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  1. Welcher verkauzte Lebensmitteleinzelhändler war das nochmal, der Buchstabensuppe mit sage und schlürfe Serifen hat? Hab ich schon photographisch dokumentiert gesehn, aber noch in keinem Angebot.

  2. Stimmt, an die Nudelserifen kann ich mich auch erinnern. Aber gefunden hab ich sie auch nicht. – Dafür ganz andere Auswüchse der Nudelgestalt, z. B. Segelschiffe für den Matrosenteller oder Moritz… öh, Katzennudeln. Als Auftragsnudel kann auch das Firmenlogo und wer-weiß-was bestellt werden.😉

  3. Die Synchronozität greift weiter um sich. Waren vor einiger Zeit auf der Schwäbischen Alb unterwegs (harte Sightseeing-Tour mit Schwiegereltern). Kurze Kaffepause im Gestüt Marbach und kitschige ‚Marbacher Pferdenudeln‘ fürs Schwesterherz mitgenommen. Liegen gerade neben mir auf dem Tisch, sie kommt zum Kaffee.
    Zeit für eine Nudelverschwörungstheorie.

  4. Au jaaa! Oder für das Fliegende Spaghettimonster. Lasst uns auf Biervulkanen tanzen und die acht „Mir wär’s wirklich lieber Du würdest nicht…“ befolgen. Lasst uns Piraten sein und diese gegen die Erderwärmung vermehren. Denn Piraten sind coool. Lasst uns uns nudelverschwören. Es lebe die große Pastafari-Verschwörung! Im Namen der Nudel, Bobby Hendersons und des Heiligen Spaghettimonsters – R-amen!😉

    Schön, dich zu lesen, Björn. Und willkommen zurück im Club.

  5. Der (oder das?) Ramen klingt sehr verzehrwürdig. Mein innerer Brite unterstützt ja so skurriles Essen.

    Heil Eris! Heil Diskordia! Und Alles Andere!

  6. Mhja, ich kenn den den/das/die Ramen in unseren abendländischen Breiten vor allem so als ziegelkompakten Tütensuppenbimsstein, Nudeln en bloc (oder en Blog?😉 ) sozusagen. Und einzeln (also im Singular) als Streichfett. *g*

    Huch, dein Innerer? Ich dacht immer, der war Österreicher. Oder Ire? Wie viele bist du? Wolfsrudel?🙂

  7. Österreicheressen is toll, aber zum Selbermachen immer son Umstand. Dafür darf man da zu den Nudeln „Möööööööspääs“ sagen🙂

  8. Thx, für die Religion. Bin beim Lesen des wikipedia-Artikels bekehrt worden. Muss los, Grog kaufen.


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