E.(yn) Willig Hans Kohlhase

März 29, 2010 um 5:39 am | Veröffentlicht in 2010, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Neulich nebenan, Real-Politisches, Uncategorized | 2 Kommentare

oder: Robin Hood starb am Strausberger Platz
Gedanken im Kreisverkehr

Wer (wie ich) an einem wuseligen Montagmorgen in der Rush Hour seine obligatorische Dreiviertelrunde um den Kreisverkehr am Strausberger Platz bis zur Ausfahrt Lichtenberger Straße dreht, denkt an nichts Böses. Jedenfalls, solange er nicht im Stau auf seine vier Räder geflochten ist. Und nicht mal, wenn der frische Frühling schon in seinem jugendlichen Alter eine katastrophale Zahlungsmoral an den Tag legt und der Stadt den strahlenden Sonnenschein, um den er sie am Wochenende schnöde betrogen hat, erst jetzt nachreicht. Wurscht ist auch, dass schon jeder Fahrschulanfänger lernt: der Strausberger ist gar kein richtiger Kreisverkehr, keiner, wenns nach der StVO geht – ach, weiß der Geier, wie die seine erlauchte Vier- bis Sechsspurigkeit nennt.

Apropos Geier: die kommen ja – wenigstens in ihrer natürlichen Form und zumal in unseren nördlichen Breiten – in der Großstadt nicht vor. Und so waren es denn auch ihre aasfressenden Berufskollegen, die Raben, die an jenem Morgen über dem Platz kreisten, in Erwartung frischer Beute.

Denn just letzten Montag war Hinrichtungstag – vor 470 Jahren.

Vermutlich wird kaum ein Teilnehmer am Berliner Berufsverkehr sich noch erinnern, dass er jeden Tag in Eile und Richtung Broterwerb über eine Richtstatt pest. Die hieß einschlägig und einleuchtend Der Rabenstein und lag genau hier, mitten in der Einkaufsmeile. Naja, also seinerzeit noch nicht. Und am 22. März 1540, einem Montag, wurde hier nach kurfürstlichem Urteil und trotz Volkes Sympathie für den Delinquenten der Wegelagerer und Rebell Hans Kohlhase auf das Rad geflochten und qualvoll vom Leben zum Tode befördert. Nachdem er in seinem öffentlichen Prozess mit einer dreistündigen Rede unter offenem Beifall der Berliner kleinen Leute sein Recht und sein Tun verteidigt hatte. Nachdem er mit dem trutzigen Spruch ‚Gleiche Brüder, gleiche Kappen‘ und hocherhobenen Hauptes die Gnade des Schwertes abgelehnt hatte.

Und bevor noch einer ins Grübeln kommt und ins Fragen: Hans Kohlhase? – war das nicht der…? Jaha, war er. Der Michael Kohlhaas vom Kleist nämlich, dem derselbige in künstlerischer Freiheit oder weil nicht zum Memoirenschreiber ermächtigt seinen Namen wie auch sein Leben in Teilen abgewandelt und damit Schülergenerationen den Deutschunterricht verleidet hat. Wofür man allerdings weder den Kohlhaas noch den Kleist verantwortlich machen mag.

Hans Kohlhase, der im Unterschied zum Kleistschen Kohlaas weniger mit wohlgenährten Rossen als mit gesalzenen Heringen, Honig und Speck fürs Armeleuteessen handelte, kannte seiner Käufer Nöte. Er war rechtmäßiger Bürger des damals noch randberliner Cölln und wohnte mit Weib und Kindern in Rechtschaffenheit auf der heutigen Berliner Fischerinsel. Das änderte sich schlagartig, als der dreiste Pferdeklau des sächsischen Junkers von Zaschwitz auf des Kohlhasen Weg zur Leipziger Messe sowie ein langer, erfolgloser Rechtsweg seine Existenz ruinierten. Da wehrte er sich seiner Haut und erklärte in einem offenen Fehdebrief dem feudalen Unrechtsstaat trotzig den Krieg. Der erst durch eine verräterische Falle des brandenburgischen Kurfürsten und auf dem Rabenstein sein Ende fand.

Sein Schicksal wurde durch die Zeiten von allen möglichen Mächten und Trächten zurechtinterpretiert, wie es selbigen ins Bild passte. Und wie es der Friedrichshainer Geschichtsverein, der sich den Namen Hans Kohlhase gab, knackig prägnant auf seiner Seite zusammenresümiert:

“Für die deutschen Faschisten verkörperte Kohlhaas „das der germanischen Rasse eigene, zähe und zugleich leidenschaftliche Ringen um Gerechtigkeit“ (Paul von Klenau, 1933). Sein Gerechtigkeitssinn wurde in eine der Wurzeln des neuen nationalsozialistischen Weltbildes metaphysisch umfunktioniert.[…] Dies […] beförderte den chauvinistischen deutschen Heldenkult.
Die Kommunisten sahen keinen Anlass, Kohlhase ein Denkmal zu setzen, verfocht er doch nur „seine eigene Sache … in seinem übersteigerten individualistischen Vorgehen“ (Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Ost-Berlin 1966, S. 302). Sein Gerechtigkeitssinn war willkommen, das Handeln auf eigene Faust dagegen suspekt.
In der Friedrichshainer Einwohnerschaft hat sich dagegen im 20. Jahrhundert trotz der von allen Seiten vorgegebenen ideologischen Denkmuster eine eigenständige Überlieferung von Kohlhase als einem einfachen Manne aus dem Volke, der die Solidarität und den Zusammenhalt der kleinen Leute verkörperte, ohne Überhöhungen erhalten. Dem kam auch eine publizistische Würdigung von Kurt Neheimer (Der Mann der Michael Kohlhaas wurde) 1979 recht nahe.
Neuere rechtshistorische Studien der den Kapitalismus bejahenden Elitenwissenschaft versuchten um 2000 erneut, Hans Kohlhase als einen verbitterten Einzelgänger, Prozesshansel mit übersteigerter Rechthaberei ohne sozialen Anspruch, Einfluss und Motiv hinzustellen. Kohlhase wird aus den solidarisch-menschlichen Zusammenhängen seiner letzten acht Lebensjahre im Widerstand, die ihn erst so bekannt machten und prägten, herausgelöst. In zynischer Herabwürdigung kommentierte der „Förderverein Karl-Marx-Allee e.V.“ 2005 die grausame Ermordung Hans Kohlhases durch den Staat mit den Worten ‚Wir nehmen es gelassen und schlendern weiter.'“

Vermutliches Wohnhaus von Hans Kohlhase auf der Fischerinsel

Er war ein später Bauernkrieger, der Kohlhase. Zu seinen Anhänger und Helfern zählten Handwerker, Gastwirte, Gesellen, Tagelöhner, Bauern, Knechte, Müller, Händler, Pfarrer, Amtleute, Richter und selbst niedere Adlige. Er war sowas wie der Robin Hood von Brandenburg, der den gestohlenen Reichtum der Wohlhabenden den Armen zurückgab. Und gegen staatliche Willkür aufzustehen wagte.

*

Kreisende Raben sind über dem Strausberger Platz schon lange nicht mehr gesichtet worden. Und wer in den kreisenden Zwei- und Viertaktern unten denkt heute schon noch an den Kohlhasen. Allerdings hat schon der Kleist versichert, dass von dem frohe und rüstige Nachkommen gelebt haben. Und vielleicht ist es ja einer von denen, der grüßend die Hand hebt, wenn du ihn morgens an der Straßenbaustelle wider die Winterschlaglöcher vor dir In deine Spur einfädeln lässt…

***

Ach ja, und die Kohlhasen von heute können gern noch bis heute Abend wider Willkür und Datenschlaglöcher aufstehen – hier gehts gegen ELENA, und zwar pronto und mit Recht. Na ist doch öde, sich immer nur im Kreis herum fahren zu lassen, oder?

2 Kommentare »

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  1. Das mit dem gelassenen Hinnehmen und Weiterschlendern hat der schon selber angefangen zu erleben:

    Was ihr mit Recht ausführen möget, da thut ihr wohl; könnt ihr das Recht nicht erlangen, so ist kein ander Rath da, denn Unrecht leiden. Demnach, so ihr meines Raths begehret (wie ihr schreibet), so rathe ich, nehmet Friede an, wo er euch werden kann, und leidet lieber an Gut und Ehre Schaden, denn dass ihr euch weiter sollt begeben in solch Fürnehmen, darin ihr müsset aller der Sünden und Bürberei auf euch nehmen, so euch dienen würden zur Fehde.

    sagt ihm der Luther. Sobald man seine Begeisterung über das Wort „Bürberei“ ausgelebt hat, kommt man drauf, dass mal wieder beides stimmt: Zeit, dass da einer ein Exempel statuiert, dass unwidersprochenes Pferdeklauen (im nachmaligen Wilden Westen eine der eindeutigen Indikationen für diskussionsfreie Lynchjustiz) ja wohl keine Art ist. Und wenn’s dann statuiert ist, wird die Güterabwägung wieder sinnvoll: Bescheyde man sich da — einfach so — weil’s halt der Preis ist? Wofür? die Zeitläufte? Ist die eigene Existenz das wert?

    Am 12. Mai wird der Räuber Kneißl 135…

  2. Jetzt hast Du geschafft, dass ich nie, nie wieder unbefangen mit meinem silbernen Schnuckelchen vom Strausberger Platz in die Lichtenberger Straße und weiter über die Michaelkirchbrücke fahren kann. Toll!😉


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