Vor und hinter Königswinter

Juli 19, 2009 um 11:40 pm | Veröffentlicht in 2009, Bilderhexe, Drumherum und anderswo, Hexenritte | 14 Kommentare
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Treibgut am Schienenstrang… und am Rheinufer lang

ICE-TWem zum Teufel ist nur eingefallen, die aktuelle Fachtagung ausgerechnet nach Königswinter zu verlegen? Das liegt von meinem natürlichen Lebensraum aus gesehen am Arsch der Welt (musste erst googeln, wo der ist), bedeutet irre früh aufstehn und über sechs Stunden Bahnfahrt quer durchs Land, auch noch mit Umsteigen. Kommt, wie immer lang bekannt, wie immer zur Unzeit und zu tun hat man eh viel zu genug und überhaupt.

Andererseits hat mir das mystisch guerillierende Preis-Marketing der Deutschen Bahn für dieses Mal online ein Ticket 1. Klasse ausgespuckt; darüber will man ja gar nicht meckern. (Auch wenn es dafür wiederum eine Extra-Genehmigung der zuständigen Dienstetage mt stichhaltiger Begründung der Ersparnis einzuholen galt – wär‘ ja noch schöner, wenn die sozialwerktätigen Prekarier neuerdings einfach so in der Business Class zur Arbeit düsen täten.)

Die Stimmung fühlt sich zunehmend besser an, nachdem ich es halbnächtens pünktlich zum Zug geschafft hab und mein Dreitagegepäck verstaut ist; und für die richtige Motivation hat’s ja noch ein paar Stunden Zeit.

Ich besetze den ICE meiner Wahl immer schon am Ostbahnhof, da ist es noch schön leer. Ich liebe das: eine kleine Weile den ganzen Wagen fast für mich alleine zu haben. Dafür heißt es, vor dem normalen Reisetempo noch die innerstädtischen Dörfer abzutuckeln. Erster Halt: Hauptbahnhof. Die jüngste Großstation Berlins, ein AlbTraum aus Stahl und Glas, der bei Sturm gern schon mal seine tonnenschweren Metallträger nicht bei sich behält.

Berliner Hauptbahnhof bBerliner Hauptbahnhof 1_new bvkl

Dort steigt eine aufgekratzt durcheinanderkyrillende Gruppe russischer Eisenbahner auf Studienreise zu, die den Waggon bis kurz vor Köln unterhalten und bildungshungrig wie die Vorschulkinder DB-Errungenschaften für die Nachahmung im heimatlichen Personentransport notieren wird. Sie probieren – als einzige – die Fernsehbildschirme in den Rückenlehnen der Vordersitze aus, besuchen zur Freude des Personals ausgiebig das Bordrestaurant und sehen hoffentlich nicht mein heimliches Grinsen, als sie in einem Kauderwelsch aus Muttersprache und englischen Brocken mit dem verzweifeifelnden Bahnermädel eifrig um den Preis für den am Platz servierten Tee feilschen.

Hinter Spandau nimmt unser Schienenflitzer Fahrt auf: die Bahn kommt. Mit Wohlfeeling pur nämlich. Kundenfreundlich und kostenfrei krieg ich die druckfrische Morgenzeitung (Auswahl aus sechs, von Boulevard bis seriös) und einen mobilen Frühstückskaffee kredenzt, sogar in ’ner richtigen Porzellantasse. Herz, was willst du mehr! In mir macht sich kuschelige Zufriedenheit breit und der Drang, die Sandaletten abzustreifen und die Füße hochzuziehen…
( Öhm… den Kaffee hab ich natürlich bezahlt.)

Sommer am Bahndamm

Vorm Fenster zieht echter Sommer vorbei. Plustrige Wattewolken schwimmen im Blau über der Landschaft, am Bahndamm sonnen sich Margeriten und Mohnblumen. Jaaa… wenn Engel reisen, dann lacht der Himmel – hat meine Oma immer gesagt. Irgendwann, Wolfsburg, glaub ich, fläzen sich zwei Bionadetypen im beschlipsten Business-Look schräg gegenüber in ihre reservierten Polstermöbel. Erst blöken sie quer durchs ganze Abteil in ihre Handys. Dann machen sie mich wie die Baubudenrülpse an. Meine linke Augenbraue begibt sich einen Zentimeter höher, meine kalte Schulter glasklar in Position. Statt gegen die zwei Hammel erhebe ich meine Lanze… öh, Kamera lieber gegen ein paar Riesen mit Windmühlenflügeln,

Windräder im Kornfeld_new bb

Dona Quijotes Riesen

Windräder200 b vkl

die rechts samt dem Acker mit beachtlichem Tempo 200 nebenhergaloppieren – wuschschsch… sind sie vorbei. Digitaler Beweis ist gut – denn wer weiß heutzutag schließlich noch, ob ich wirklich Dona Quijote oder nicht doch eher ’ne Paul Austersche Daniela Quinn oder vielleicht sogar Ms Humpty Dumpty bin…

Bielefeld gibt es nicht!Und das hier links ist – Bielefeld. Jedenfalls das, was ich davon gesehen hab. Was keinen mehr sonderlich wundern dürfte – wo es doch Bielefeld überhaupt nicht gibt. Immerhin gibt’s einen Bahnhof, der so heißt, als gäbe es Bielefeld.

Hinter Hannover und vor und zwischen Hagen und Hamm (oder umgekehrt?) hat’s bechereske Motive zuhauf. Ob allerdings meine bescheidene Referenz an Hilla und Bernd – bei satten 185 Sachen amateurhaft mit meinem Digi-Spielzeug gestümpert – tatsächlich eine ist oder nachgerade eine bodenlose Unverschämtheit, wage ich lieber nicht zu beurteilen. (In groß sehen die Bilder übrigens einen Tic besser aus.)

Kraftwerk Landschaft160 bvkl

Fabrik zwischen Hannover und H... bRWE aufm Berg_new b

Parkplatz150 bfaICE-Rückspiegel Sonnenbrille_new b

Den Kölner Dom gibt’s – und Köln gibt’s auch. Wir kommen sogar pünktlich auf die Minute an. Und obwohl das Auskunftsverhalten des ewas gewöhnungsbedürftigen Menschenschlages dort mich zweieinhalbmal verschiedene Treppen hoch und runter jagt, bevor ich den richtigen Bahnsteig meines Anschluss-Regios gefunden hab, bleibt noch Zeit für ’ne Kippe – nach füüünf Stunden Enthaltsamkeit.

Kölner Dom ausm Zug_new bungestörte Raucherecke.. bb...mitten aufm Bahnsteig_he_new b

Damit man die Mit- und Woandershinreisenden nicht gesundheitlich beeinträchtigt, begibt man sich dazu in die eigens dafür angelegte gemütliche Raucherecke: durch auf den Boden gemalte – wenn auch etwas abgelatschte – Linien klar von der Nichtraucherwelt getrennt, mitten auf dem proppenvollen Bahnsteig. Auf Englisch klingt sie beiläufig noch mehr nach Exoten-Reservat, wie ich finde. Was allerdings auch an meinem Exoten-Englisch liegen kann. Auslauf übern Daumen gepeilt so an die 3×7 Meter. Zeitmaschine_new b Hat so ein bissel was von Inner-Ecke- oder Am-Pranger-Stehen, das launige Zigarettenpäuschen.

Und nebenher erfährt man beim Blick auf die Ankunftsanzeige auch noch, dass man ahnungslos in einer Zeitmaschine gesessen hat…

Keine Angst, mit den Insider-Details aus dem Inhalt zum bereits erwähnten Anlass dieser dienstlichen Landverschickung werde ich hier keinen langweilen. Höchstens noch mit ein wenig Treibgut vom Rhein – vor und hinter Königswinter. Für einen Spaziergang am Ufer reicht die Zeit nach dem Abendbrot immer grad noch.

Ein Ort für irische Getränke und 'n echt Kölsche Jung von Oberkellner

Ein Ort für irische Getränke und 'n echt Kölsche Jung von Oberkellner

Treibgut

Treibgut


Fensterblick zum Petersberg - Grüße von Haus zu Haus

Fensterblick zum Petersberg - Grüße von Haus zu Haus


Scheinbrücke und Hängegärten. Kreativexzess eines frühpensionierten Eigenheimbauers?

Scheinbrücke und Hängegärten. Kreativexzess eines frühpensionierten Eigenheimbauers?


Ahoi, Sir Winston!

Ahoi, Sir Winston!


Rheinfährdock im Abendrot

Rheinfährdock im Abendrot

Ist wirklich ein nettes Örtchen, dieses Königswinter. So recht eins zum Zur-Ruhe-Setzen von nach Berlin verfügten Staatsdienern. Die wissen, wo man die Pension nach was aussehen lassen kann. – Und beim nächsten Mal heuere ich bestimmt auf einem der vorbeischippernden Kähne an… so als alte Wasserrättin und Binnenpiratin.

Den Soundtrack dazu gibt’s heut als alternatives Wunschkonzert: wenn’s einer nich so mit dem ultimativen Marschrhythmus hat, so steige er lieber in den Train Of Love:

Und wer ihn countryger in Erinnerung hat – der da hat ihn von dem da. Hey, oder wartet doch einfach auf den nächsten Zug.😉

Bilder: eigenes Hexenwerk. Video: Bob Dylan. Train Of Love. Johnny Cash Tibute, 1999. Via 5thdayofMay auf youtube.

14 Kommentare »

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  1. Für Bielefeld haben sich inzwischen Zeugen gefunden; Amerika dagegen ist dagegen außer in der Belletristik (1969) auch im Sachbuch (2005) widerlegt.

    Hauptsache, es gibt Königswinter, gell😉

  2. Aaach, die Zeugen. Viel zu gutgläubiges Volx, die. Alle nur vom Pudding-Doktor mit dem Glibberzeux geködert, jawollja.

    Und wer zur Hölle braucht Königswinter?? Hexensommer wäre mir lieber.😉

    Ah ja, schieß mal noch den Sachbuch-Link nach. Ist keiner da.
    Na komm schon.🙂

  3. Skandal — wieso is der da nicht? Is er halt da:

    http://www.textem.de/977.0.html

    Donaldistische Zwischenzeremonie is beiläufig am 29. August in Osnabrück. Geradezu bielefeldesk, gell😉

  4. (… und wird veranstaltet von S.N.O.W.L.S., was Gelegenheit geben wird, einen echten international bekränzten Comicmaler unter den Tisch zu saufen: Geoffrey Briggs gefällt’s in Hinterunterostwestfalen besser als in Who-the-f***-is-London.)

  5. Hm, wie’s aussieht, verstehn die mindestens genauso viel von Landverschickungen wie meine andern. Damit musste man rechnen.😉

    Mit dem Comix-Brixx kann man bestimmt jede Menge Leute untern Tisch saufen. Dochdoch, der sieht so aus. Und musikern kanner neben nackich- und quakichcomixen auch noch? Huch, angeblich hat er das aus Bielefeld – Nicht, dass es d e n am End auch gar nicht gibt…? 😉

  6. Es wäre fast schadener um den als um Bielefeld; „Aaacch, that is gar nict von us?“ und die englische Einstellung aller Regler auf Rechtsanschlag wiegen locker eine ganze Puddingstadt auf😉

  7. Mir ist vor Wochen eine junge Dame begegnet, die behauptete in Bielefeld geboren zu sein! Anscheinend laufen immer noch aktive Agenten herum.

  8. Hab ichs nicht gewusst! Die Pudding-Mafia ist immer und ü-ber-all!😉

  9. Die richtig Guten sind ja auch nicht viel besser😉

  10. Mein Mann behauptet sogar in Bielefeld geboren und aufgewachsen zu sein und wir fahren immer noch in diese Täuschung, um Verwandschaft zu besuchen🙂

    Tolle Bilder und eine tolle Reisebeschreibung.

  11. Königswinter – ist gar nicht nicht von hier :devil:😉 Vom Petersberg hättest du einen fantastisches Blick übers Rheintal von Bonn bis nach Remagen … einfach traumhaft!

  12. Direkt um die Ecke….der Rhein, der Drachenfelsen und eine wunderbare Aussicht….aber am Arsch der Welt, auch wenn man hier wohnt, ist es manchmal schon!

    Schön das du hingefunden hast😉

    Tolle Reisebeschreibung!

    Liebe Grüße Bonafilia

  13. @Wolf: Oh, doch, sind sie wohl! Man muss seine Hörgewohnheiten wieder mal viel crimineller ausrichten – sagt jedenfalls mein Seufzpegel – und alle Regler. Sag Bescheid…🙂

    @Frau Momo: Puh, da bin ich aber froh, dass ich die angeheirateten Bielefelder als Rückendeckung hab. Es soll ja um die Gegend rum glühende Patrioten geben, die da keinen Spaß verstehn.😉

    @Andrea und Bonafilia: Ich merk schon, ich muss da nochmal hin – am besten mit euch als Reiseführerinnen.

  14. […] Vor und hinter Königswinter « plattenbauromantik […]


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