Leben mit Puschkin

Juni 21, 2009 um 4:53 pm | Veröffentlicht in 2009, Bücherhexe, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches | 3 Kommentare
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Französisch war ihm ganz zu eigen,
Er sprach und schrieb es tadellos,
War als Masurkatänzer groß
Und konnte sich scharmant verbeugen:
Braucht’s mehr, damit die liebe Welt
Uns für gescheit und reizend hält?

Gelernt hat jeder von uns allen
Sein Pröbchen, minder oder mehr:
Drum ist, durch Bildung aufzufallen,
Bei uns, gottlob, nicht eben schwer.

(Alexander Puschkin. Aus: Eugen Onegin. 1823-1830,. Erstes Buch, 4./5.)

selbstporträt anfIch war noch ein blondzöpfiges Schulmädchen, kurz nach Dreikäsehoch, da fing es an. Da schlich er sich zum ersten Mal in mein Leben, mehr so aus Versehen und fast unbemerkt. Nur einer merkte es doch – mein alter Deutschlehrer. In einem Klassenaufsatz, fünftes Schuljahr – als vage memoriertes Thema galt es irgendwie, dem aufbegehrenden Jüngling in Ilja Repins „Wolgatreidlern“ ein Leben zu erfinden – hatte ich mich mit glühenden Wangen im Geschichtenschreiben verloren. Meinen spannenden Beinahe-Roman nannte der weißhaarige Pädagoge ein Beinahe-Plagiat, der Puschkinschen Dubrowskij-Novelle nämlich. Wo ich den damals noch nicht mal kannte. Was sich daraufhin freilich umgehend änderte. Von da an war er eigentlich immer latent anwesend, also der Puschkin jetzt.

Jahre danach: den Erstsemestern der Alma Mater Jenensis war ein Kulturpraktikum verordnet (sorry, so hieß das meinerzeit und es war sogar ganz lustig). Aus dem erinnere ich vor allem ein paar wilde Tage in einer Jugendherberge mit ’ner munteren Studi-Truppe ‚von Drüben‘ aus den heute alten Bundesländern, zu unserer Überraschung kollektiv heiße Puhdys-Fans. Ach ja, und dann noch die verklärten Augen und das leise bebende Pathos in der Stimme der muttersprachigen Russischdozentinnen, die uns das richtige Timbre beim Deklamieren der „Zygany“ oder von Versen aus dem „Onegin“ beizubiegen suchten. Das wir Frischlinge zuerst noch mit ungläubigem Grinsen, am Ende der Veranstaltung ergeben als Erwerb kultureller Kompetenz quittierten.

Später bin ich einen kalten Winter lang durch sein Zarskoje Selo und sein Sankt Petersburg gestromert, zu einer Zeit, als jenes gerade Puschkin, dieses gerade Leningrad hieß. Hab einen heißen Sommer lang zu erleben gelernt, warum er nicht anders konnte als georgische Berge und Mädchen und das Schwarze Meer besingen. Ich habe in russischen Bücherstübchen und -palästen gekramt und mir meinen Alexander Puschkin in Originalsprache erkrautert. Mir die Rauf- und Runterverfilmungen seiner Erzählungen reingezogen, auch den 1940er Postmeister Heinrich George. Und kann euch heute die Bjessy (Teufel), die Märchenpoeme oder die Liebesverse an diverse Angebetete halbwegs aus dem Gedächtnis hersagen.
Leben und sterben mit Puschkin, immer mal wieder.

Über den Genius des Dichterfürsten der Russen scheint man sich ja auch hierzulande einig zu zu sein. Doch versuche mal, eine deutschsprachige Ausgabe seiner sämtlichen Werke zu erstehen. Funktioniert nur unvollständig und nur antiquarisch und beim Stöbern in amazon kommen dir die Tränen. Die vollständigste, die ich je in Händen hatte, eine in der Sowjetunion auf Deutsch verlegte vierbändige Jubiläumsausgabe von 1949, hab ich mal mit Herzblut hergeschenkt an einen, von dem ich denk, dass sie es bei ihm schön warm hat. Ist heute nirgendwo mehr zu kriegen, das Schätzlein. Höchstens noch die Schwester, übersetzt von Johannes von Guenther, im selben Jahr bei Aufbau erschienen.
grafi duell aus film_koms_prawda
Puschkins so abrupt und zu früh an einem Pistolenschuss geendetes Dichterleben war voller Leidenschaft und nicht ohne Geheimnis. “Ich war mehr oder weniger in alle schönen Frauen verliebt, die ich kannte”, schrieb er einmal in seinen Tagebüchern. Er war ein heißer Patriot, ein scharfzüngiger Kritiker und ein Spötter vor dem Herrn, was ihm neben einer Verbannung in den Süden und anderen Unannnehmlichkeiten die zweifelhafte Ehre einbrachte, dass seine Werke vom Zaren höchstpersönlich zensiert wurden. Seine eigene Grabinschrift schrieb er mit zarten 16 Jahren. Der ungeklärten Herkunft seines Urgroßvaters mütterlicherseits, dem Mohren des Zaren, spürte er selber mit mäßigem Erfolg und spüren die Leut‘ noch heute hinterher. Manche seiner Gedichte klingen für mich wie Vorahnungen seines gewaltsamen Todes. Und ein Schreiberling der so wundersam zum Boulevardblatt mutierten Komsomolskaja Prawda orakelt gar mystisch, minutiös belegt an einem Vergleich von Gänsehaut-Parallelitäten des (literarischen) Lebens Onegins und des (realen) Lebens Puschkins, dass letzterer sich mit dem Onegin-Roman in Versen seine eigene Vorbestimmung herbeigeschrieben und der arme (literarische) Graf Lenski sich aus dem Grab für seinen Dramentod am Dichter gerächt habe. Dabei ist es schon mystisch genug, dass es die Komsomolskaja Prawda noch gibt – meinte man nicht immer, dass die Zahl der Komsomolzy seit Jahren rückläufig wäre? Jedenfalls vorübergehend.

zeichnungen seiner frau auf verschiedenen manuskriptenmanuskript eugen onegin
onegin - p am fensterteufelskopfSchiff am Gedichtmanuskript Wospominanije _Erinnerung
duell spanischer grandenSkizzen zu Werken der französischen RomantikPeter der eherne Reiter ohne Peter ;o) 1829
Weiß eigentlich hierzulande jemand von den Gelegenheitspuschkinisten, dass der Meister auch ein ganz passabler Zeichner war? Mit Hang zum Karikaturisten. Seine Originalmanuskripte sind eine Augenweide, vollgekritzelt mit Porträts und angedeuteten Szenen aus dem Inhalt. Es gibt Titelblattentwürfe von ihm und sogar eine Art grafisches Tagebuch. Eine Unzahl von Abhandlungen und Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit diesen Zeichnungen und Illustrationen. 1977, noch zu Sowjetzeiten wurden sie unter der Regie von Andrei Khrzhanovsky zu einem poetischen Sojusmultfilm (einer Art bewegtem Comic) animiert – einem Kleinödchen, das sich als Dreiteiler auf Youtube findet. Auch für die Texte, Auszüge aus Puschkins Werken (allerdings auf Russisch), ließ man sich nicht lumpen und sie von keinen Geringeren als den russischen Kultmimen Smoktunowskij und Jurskij einsprechen.

Teile 1 und 3 – hier und hier.
Na , das wäre auch ein Geburtstagsgeschenk für ihn so recht nach seinem Sinne gewesen. Vor ein paar Tagen erst – am 6. Juni – ist er jugendliche 210 geworden, fast Anlass genug für ein kleines Puschkin-Jahr, oder?

Zum Schluss noch ein bissel Puschkin selber?
Na gut, dann die Lieblings-Russalka, die auch schon als Exotin in die Mermaid-Szene aufm Moby-Dick-Blog eingegangen ist und den Meister als Thema über Jahre beschäftigt hat. Und weil ihr es seid, sogar auf Deutsch:

[Außerdem kann der Wolf dann gleich mal den Link im Moby-Blog auswechseln, nachdem die Ganoven einfach die Site gekickt haben.😉 ]

Die Russalka

Im Waldesgrund, am Seegestade,
Erflehte ein Anachoret
Für seine Sünden Gottes Gnade
In Arbeit, Fasten und Gebet.
Schon grub sich eine Grabesstätte
Der greise Mönch mit müder Hand,
Voll Sehnsucht, daß die Seele rette
Sich bald in Edens Friedensland.

Einst sprach vor der vermorschten Hütte
Der Mönch bei Sonnenniedergang
Zum Himmel seine fromme Bitte.
Stumm stand der Wald, der Nebel sank
Und wallte ob den düstern Wogen.
Nun strahlte lichte Mondesglut
Von dem umwölkten Sternenbogen,
Und silbern schauerte die Flut.

Da faßt ein unerklärlich Grausen
Des Mönches Brust, er atmet schwer …
Urplötzlich wogt der See im Brausen,
Und grabstill wieder wird’s ringsher.
Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten,
Weiß wie der Schnee auf Bergesgrat,
Entsteigt ein nacktes Weib den Fluten
Und setzt sich schweigend ans Gestad.

Sie strählt die thaubeperlten Locken
Und blickt ihn heimlich seltsam an.
Den Schlag des Herzens fühlt er stocken
Bei ihrer Reize Zauberbann.
Er sieht sie mit der Hand ihm winken;
Sie senkt das Haupt, harrt regungslos –
Und schimmernd, wie ein Stern im Sinken,
Verschwindet sie im Wellenschoß.

Die Nacht wich schlummerlos von hinnen,
Gebetlos strich der Tag vorbei –
Vor des verstörten Greises Sinnen
Stand traumhaft schön die Wasserfei.
Und wieder ruht der Wald im Dunkel,
Und wieder aus dem Flutenreich
Taucht in des Mondenlichts Gefunkel
Die Maid berauschend schön und bleich.

Sie nickt ihm zu, sie lacht so helle,
Sie schickt ihm Küsse, lockt und minnt,
Sie spritzt nach ihm die Silberwelle,
Sie schmollt und weint, ein loses Kind,
Sie seufzt und blickt zum Sternenbogen,
Sie flüstert: „Mönch, zu mir, zu mir!“
Und jach verschlingen sie die Wogen
Und Schweigen herrscht im Waldrevier.

Am dritten Tag saß liebentglommen
Der Eremit am öden Strand
Und harrt auf der Russalka Kommen;
In Dunkel hüllte sich das Land …
Und als der Sonne Purpurgluten
Die Nacht verscheucht, da ward die Schar
Der Fischerkinder in den Fluten
Nur einen greisen Bart gewahr …
(Übersetzung: Friedrich Fiedler 1895)

Ha, noch ein Grund für die Slawenmermaid: für eher visuelle Typen das Ganze nochmal als schhnuckeliger, so recht und echt russischer Animationsfilm, der zwar nicht lautlos, doch fast vollends ohne Sprache auskommt. Weil ihr es seid! –
Сегодня день мультфильмов.😉

Bilder: „Initiale“: Puschkin: Selbstporträt. Gemeinfrei. Duell – Szene aus dem Film: Puschkin – das letzte Duell. Russland 2006. Via. Puschkin-Zeichnungen – verschiedene, gemeinfrei. (Nach den Quellen könnt ihr mich fragen, wenn ihr wollt, die Verlinkerei war mir zu aufwändig.😉 )

3 Kommentare »

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  1. Ist mir immer verschlossen geblieben. Liegt vielleicht daran, daß ich nie das russische Original gelesen habe. Aber nach Lektüre seiner Erzählungen stellte ich fest, daß mir keine einzige in Erinnerung geblieben war.

  2. Auch die Märchenpoeme? – Ach was, muss ja nicht jeder alles mögen. Dann würd ja auch irgendwann schnell mal der Speicher überlaufen.😉

    Aber das Im-Original-Lesen bringt schon viel, erst recht bei allem in Versform. Das schafft die beste Übersetzung nicht. —Hmm… bist du nicht vielleicht eh viel mehr der für die Poeme und Epen und sonstig Gereimtes? Der Kerl hat ganze Romane in Versen geschrieben, da müssens ja nicht unbedingt die Erzählungen sein, oder?😉

  3. Muss sagen, daß ich zum allergrößten Teil Ungereimtes lese. Und mag. Die Romane in Versen von ihm haben mir auch nicht behagt. War selber ganz erstaunt, denn ich hatte zuvor in Mengen Tolstoi, Gogol, Checkov, Turgenew und Konsorten gelesen. Klassische russische Literatur – soweit ich sie kenne und das von Übersetzungen her beurteilen kann – finde ich knorke. Nur Dostojewski habe ich immer nach 10 Seiten angewiedert in die Ecke gepfeffert. Und Puschkin hinterlässt bei mir irgendwie keine Spuren. Wenn ich mir die Lobpreisungen in Russland vor Augen halte, muss das wirklich daran liegen, daß ich nie eine Zeile im Original gelesen habe.


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