Hasen im Rausch, Kühe im Propeller, Blüten im Dekolleté

April 15, 2008 um 11:09 pm | Veröffentlicht in Berlin, Kultur, Real-Poetisches | 9 Kommentare
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…und ein altes Mädchen – forever young und immer noch schön

Der Igel hatte einst zu seinem Wiegenfeste
den Hasen auch im Kreise seiner Gäste,
und er bewirtete sie alle auf das Beste.
Vielleicht ist’s auch sein Namenstag gewesen,
denn die Bewirtung war besonders auserlesen,
und gradezu in Strömen floß der Wein,
die Nachbarn gossen ihn sich gegenseitig ein.

So kam es denn, daß Meister Lampe
bald zu schielen anfing, er verlor den Halt.
Er konnte nur mit Mühe sich erheben
und sprach die Absicht aus,
sich heimwärts zu begeben.

Der Igel war ein sehr besorgter Wirt
und fürchtete, daß sich sein Gast verirrt.
Wo willst du hin mit einem solchen Affen?
Du wirst den Weg nach Hause nicht mehr schaffen
und ganz allein im Wald dem Tod entgegengehn,
denn einen Löwen, wild, hat jüngst man dort gesehn.

Dem Hasen schwoll der Kamm, er brüllt in seinem Tran:
Was kann der Löwe mir, bin ich sein Untertan?
Es könnte schließlich sein, daß ich ihn selbst verschlinge,
den Löwen her! Ich fordere ihn vor die Klinge!
Ihr werdet sehen, wie ich den Schelm vertreibe,
die sieben Häute, Stück für Stück,
zieh ich ihm ab von seinem Leibe
und schicke ihn dann nackt nach Afrika zurück.

Und so verließ der Hase also bald
das fröhlich laute Fest und er begann im Wald
von einem Stamm zum anderen zu wanken
und brüllt dabei die kühnlichsten Gedanken
laut in die dunkle Nacht hinaus:
Den Löwen werde ich zerzausen,
wir sahn in dem Wald noch ganz andre Tiere hausen
und machten ihnen doch den blutigen Garaus.

Infolge des geräuschvollen Gezeters
und des Gebrülls des trunknen Schwerenöters,
der sich mit Mühe durch das Dickicht schlug,
fuhr unser Löwe auf mit einem derben Fluch
und packt den Hasen grob am Kragen:

Du Strohkopf willst es also wagen,
mich zu belästigen mit dem Gebrüll
… doch warte mal, halt still!
Du scheinst mir ja nach Alkohol zu stinken.
Mit welchem Zeug gelang es dir,
dich derart sinnlos zu betrinken?

Sofort verflog der Rausch dem kleinen Tier,
es suchte rasch, sich irgendwie zu retten.
Sie… wir – nein ich … – oh, wenn Sie Einsicht hätten,
ich war auf einem Fest und trank viel Alkohol,
doch immer nur auf euer Gnaden Wohl
und eurer guten Frau und eurer lieben Kleinen.
Das wäre doch, so wollte es mir scheinen,
ein trift’ger Grund, sich maßlos zu besaufen.
Der Löwe ging in’s Garn und ließ den Hasen laufen.

Der Löwe war dem Schnaps abhold
und haßte jeden Trunkenbold,
jedoch betörte ihn, wie dem auch sei,
des Hasen Speichelleckerei.

(„Der Hase im Rausch“ von Sergej Michalkow)

Na, kennt das noch jemand?
Was für eine Frage! Wenigstens gefühlte 200% der von der Pike auf gelernten Neufünflandbewohner sollten jetzt in wissendes Kopfnicken, beifälliges Murmeln oder – was nur natürlich wäre – spontanen Jubel ausbrechen. Denn wem könnte sie entfallen, die grandiose Interpretation der Nummer vom hackenstrammen Langohr durch den unvergessenen Eberhard Esche. (Der Vater des Ersteren, Herr Michalkow, ist btw vor allem als Autor beliebter Kinderbücher bekannt. Doch wer ahnt bei dem vorliegenden literarischen Beispiel schon, dass er auch der Verfasser des Textes zur sowjetischen und russischen Nationalhymne ist?) Obendrein hat der lallende, doch im Suff durchaus schlagfertige Meister Lampe als totsicherer Lacher seinerzeit auch unzählige Betriebs- und Familienfeiern gerettet.

Begonnen hat das alles ja anno dunnemals, Mitte der Sechziger, mit – Werbung. Doch, ja. Nee, also nicht mit Esche als Ostmainzelmännchen in den Tausend Tele-Tipps jetzt. Nein, Werner „Josh“ Sellhorn, seines Zeichens Werbeleiter des DDR-Buchverlages Volk und Welt, ersann nämlich damals im Auftrag desselben ein Event unter dem Namen „Jazz und Lyrik“, gedacht, Literatur aus dem Verlagsangebot bekannt zu machen. Was da noch keiner ahnte: eine Kultreihe war geboren. Ein Format, das keine Werbung
b r a u c h t e und landauf landab vor ausverkauften Sälen und hingerissenem Publikum stattfand. Am Anfang waren es, der wogenden Lyrik-Welle Rechnung tragend, vorwiegend humorige und satirische Gedichte aus dem Buchrepertoire des Unternehmens. Später kamen zunehmend auch kurze Prosatexte hinzu, was beim neuen Programm von 1965 zur Umbenennung in „Lyrik – Jazz – Prosa“ führte. Der musikalische Teil des Veranstaltungsnamens wurde von der Amateurband „Jazz-Optimisten Berlin“ bestritten, die den Leuts ebenso im Ohr geblieben sind, wie der jazzig-bluesige Gesang des viel späteren Liebling Kreuzberg Manfred Krug, der zur tingelnden Stammtruppe gehörte. (Zu dessen Songs melancholten wir gar eine Zeitlang in unserem viel späteren Studentenleben vor uns hin.)

Es lasen ostdeutsche Mimen der ersten Kategorie, unter ihnen eben Esche und Krug, Angelica Domröse, die späterhin u.a. die Paula im Plenzdorf-Kultfilm-Opus von Paul und Paula werden sollte, Annekatrin Bürger, Gerry Wolf und viele andere mit Rang und Namen. Auch ein Herr Wolf Biermann fand sich unter den (singenden) Solisten. Das Publikum konnte die deklamierten Texte bald auswendig. Und feierte die Akteure mit jubelndem Vergnügen.

Die Programmmitschnitte der Berliner Veranstaltungen wurden von „Amiga“ herausgegeben, die „Lyrik – Jazz – Prosa“ allerdings erst 1968, nach einem langen Gekabbel mit den obersten Kulturfunktionären – ’s war halt ein eigen Ding mit der Satire. Die Vinylchen waren Goldstaub, da permanent vergriffen.

Anmerkung (für ungelernte Neufünfländler): Amiga, ein Plattenlabel des VEB Deutsche Schallplatte und seines Vorgängers, des von Ernst Busch gegründeten Lied der Zeit Musikverlag in der DDR, existierte von 1947 bis 1994. Inzwischen werden die in diesem Zeitraum herausgegebenen über 30.000 Titel von der heutigen Sony BMG Music Entertainment vermarktet.

In der zweiten Hälfte der Sechziger starb Die Lyrik-Jazz-Prosa-Reihe ungeachtet ihrer Wahnsinnspopularität still dahin und hauchte um die Jahreswende 1966/67 ihr kurzes munteres Leben aus…

Haaalt, stopp! Gar nicht wahr! Totgesagte leben nämlich länger – weiß doch jeder.

Nicht nur, dass 1995 das Label Amiga der Hansa-Musikproduktion (Sony BMG) eine CD unter dem Titel „Jazz-Lyrik-Prosa“ neu herausbrachte, die die Mehrheit der damals veröffentlichten Musiktitel und alle rezitierten Titel beider Platten enthält, nicht nur, dass diese ihr von alten (und neuen?) Fans so heftig aus den Händen gerissen wurden, dass innerhalb eines Monats eine zweite und dritte Auflage erscheinen mussten und eine „Jazz – Lyrik- Prosa II“ (amazon bestellt grad wieder nach😉 ) und III nebst Ver-CDung diverser Sonderprogramme sich mittlerweile auf dem Markt tummeln, sieht man mit Freuden.
Nöhööö, denn das alte Mädchen ist live wieder da! Seit 1997 erobert es aufs neue die Herzen. Und ein ganzes Stück gewachsen ist es auch. Beschränken sich doch die literarischen Schätzchen nicht mehr nur auf einen Verlag, ja, nicht mal mehr auf ein Programm. Von Boccaccios Decamerone über Georg Kreislers „Worte ohne Lieder“, jiddische Musik und Lyrik, russische Satiren oder einen bunten Strauß edelster Blüten von „Love and Blues“ bis hin zum zauberhaften Mascha-Kaléko-Abend brilliert es heuer mit Geschrobenem und Getöntem vom Feinsten in atemberaubender Viefalt. Der nach oben offene Veranstaltungskalender (nächster Auftritt am 19. April im Bräustübl in Berlin-Friedrichshagen – gleich bei mir um die Ecke) reicht schon bis weit ins Jahr 2009 und bringt die Augen der Freunde jeglicher großer Poesie zum Leuchten.
Haben wir es wirklich 30 (dreißig!) Jahre o h n e ausgehalten?

Der Jazz-Lyrik-Prosa-Lyrik-Jazz-Prosa-Neuling, -Fremdling oder -Nostalgling oder wer auch immer kann ja mal ein bisschen in ein paar alten youtube-konservierten Hits kramen: dem pöbelnden Hasen im Rausch, der Nummer über die Perspektiven des sowjetischen Flugwesens auf dem Lande („Die Kuh im Propeller“, Michail Soschtschenko), dem Erlebnisbericht vom Bau mit dem Flaschenzug oder der eher folkig-singebewegten denn jazzigen Ballade vom Briefträger William I. Moore zet Be.

Und ich? Ich wart‘ schon mal aufs nächste Wochenende – und Frühlingswetter… zusammen mit Manne Krug😉 :


„Sonntag. Es fällt nie wieder Schnee.

Es fallen Blüten – Blüten! -, fallen ins Dekolleté…

Alle Leute sind froh und das ist nicht immer so.

Alles liebt und alles lebt.

Schau, wie der Wind die dünnen Kleider

an schöne Beine klebt –

du spürst, wie das hebt…“

9 Kommentare »

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  1. Mahm… Sollte das Jazzlyrikprosadingens doch was Hörenswertes sein?

    Mit dem Amiga scheints ein ähnlicher Fall wie mit dem Haffmans Verlag: Erst verhungern lassen (wenn nicht gar aktiv abwickeln), aber dann wars plötzlich doch gut genug, dass mans next thing you know als Imprint von einem reichen Onkel wiederbeleben muss.

  2. Schon köstlich, daß Sony die Rechte gekauft hat.

  3. Ich fand das Original „ЗАЯЦ ВО ХМЕЛЮ“ und stellte fest, dass die deutsche Übersetzung besser ist. Man müsste herauskriegen, wer dieses russische Gedicht nachdichtete, um zu gratulieren.
    Es war bei uns – wahrscheinlich auch wegen der Übersetzung – mehr Kult als dort, in Russland…
    Textvergleich:
    http://asolf.spaces.live.com/blog/cns!D4999C016034BC92!11161.entry

  4. Hmmm… wie die freundliche Übernahme gelaufen ist, lässt sich nicht ermitteln. Vermutlich aber nicht durch Bankrott, wie beim spätverblichenen Volk und Welt Verlag. Wenn mans im Zeitbezug sieht, wohl entweder weitaus guerillierender oder weitaus einvernehmlicher… Auf der offiziellen Homepage der Sony BMG finden sich zur Geschichte des Labels insgesamt mickrige vierzehn Zeilen, inklusive 1/2 Zeile zum Fakt der Einvernahme. Jedenfalls scheinen die mit den Sachen aus dem Back-Katalog gutes Geld zu machen.

    Andreas, die deutsche Übersetzung von „Заяц во хмелю“ ist von Bruno Tutenberg (keine Ahnung, ob der noch Glückwünsche empfangen kann), ersterschienen Anfang der 60er beim Kultur und Fortschritt Verl. im deutschsprachigen Gedichtband „Sternenflug und Apfelblüte. Russische Lyrik von 1917 bis 1963“. Herausgegeben vom alten Slawiana-Guru Fritz Mierau. Bei amazon noch ab viereinhalb Euronen zu kriegen, antiquarisch hie und da zu weit stolzeren Preisen.

  5. oh, – danke schön.

  6. Dieser Titel von dem russischen Lyrikband kommt mir sehr bekannt vor. Im letzten Berliner Antiquariat, in dem ich war, hatte ich das Ding in der Hand – hätte ich mal kaufen sollen (das war mir damals schon klar – deswegen die Erinnerung).
    Was ist eigentlich mit den Berliner Antiquariaten los? Ausgestorben? Falls Ihr für die nächsten Berlintage einen Tip habt, einen Schuppen für alte Ostschinken – danke!

  7. Wer hat den gedruckte Text der “ Kuh im Propeller“? Bitte melden! Danke!

    • Wer hat den gedruckte Text der ” Kuh im Propeller”? Bitte melden! Danke!

      Kommentar von Uwe Leverenz— Juni 15, 2008 #
      Antwort:

      Köstlich🙂

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