Karbid und Sauerampfer

März 14, 2008 um 6:17 am | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 Kommentare
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karbid und sauerampfer cover… ist nicht, wie Uneingeweihte vielleicht glauben mögen,eine neue Belagskomposition für Vegetarierpizza, sondern der Titel eines DEFA-Films von 1963. In dem fand die späte Entdeckung eines der fürderhin charismatischsten und erfolgreichsten Mimen des (ost)deutschen Films als Charakterkomiker statt – Erwin Geschonneck.

Die Umklammerung des kleinen ost- ist in diesem Falle völlig korrekt, denn wir sprechen hier von einer über sechzigjährigen Schauspielerkarriere des Mannes. Die 1932 mit einer Statistenrolle in „Kuhle Wampe“ begann, einem Film aus dem Proletariermilieu, an dessen Drehbuch Bertolt Brecht höchstpersönlich mitgestrickt und in dem der große Brecht- und Arbeitersänger Ernst Busch eine Hauptrolle gespielt hat. Die 1995 zu Ende ging mit einem Regiewerk des Geschonneck-Sohnes Matti, der seinen Vater zu seiner letzten Rolle überredete und ihm den alten Querkopf auf den Leib schrieb („Matulla und Busch“).

Dazwischen liegen mehrere Jahre Theaterarbeit unter Brecht am Berliner Ensemble, eine Unzahl von DEFA-Produktionen, das Leben eines antifaschistischen und stets offen kritischen Geistes, eine enorme Popularität als Künstler und als Mensch in der DDR.

Huuu… Holländer-MichelDas Repertoire seiner Rollen ist gigantisch:
Er begeisterte sein Publikum auf der Bühne und auf der Leinwand. Gab den Chauffeur des besoffenen Herrn Puntila oder den von seinen Verfehlungen gebeutelten Dorfrichter Adam genauso überzeugend wie den Kommandeur der Internationalen Brigaden im Spanienkrieg, den Opa Meschka oder den Wehrmachtsoffizier. Die Zahl der Minderjährigen, die sich auch heute noch – wie Anfang der Fünfziger schon ihre Großeltern – vor dem Holländer-Michel-Geschonneck der Hauff-Märchen-Verfilmung „Das kalte Herz“ gruseln, ist Legion. Sein Lagerältester und KZ-Häftling Walter Krämer in „Nackt unter Wölfen“ nach dem berühmten Apitz-Roman hat irgendwo mit Geschonnecks eigenem Leben und Überleben zu tun: er selbst war mehrere Jahre als politischer Häftling in Neuengamme und gehörte zu den wenigen Überlebenden der „Cap Arkona“. Und der Frank-Beyer-Film „Jakob der Lügner“ nach der Jurek-Becker-Vorlage, in dem er den jüdischen Friseur Kowalski spielt, brachte es sogar zu einer Oscar-Nominierung.

Einige Jahre lang hatte ich die Vermutung, dass seine Strittmatter-Lesungen auf sein Äußeres abfärbten, damals lief ich dauernd Gefahr, die zwei auf Bildern zu verwechseln. Und seit letzten Mittwoch hege ich die stille Hoffnung, dass irgendwer sich sich mal erbarmt, die hoffnungslos vergriffene Edition seiner mit Berliner Schnauze im Bänkelsänger-Sound gesungenen Lieder endlich wieder herauszubringen.

Die ‚Schnauze‘ war aus der Ackerstraße – dort ist er aufgewachsen, der Arbeiterjunge Erwin. So sprachen ihn die Leute an: Erwin. „Was allerdings nicht verhindern wird, dass bei der großen Feier zu seinem 90. Geburtstag – am 27. Dezember 1996 im Fernsehturm am Alexanderplatz – ein überforderter Moderator mit ganz falscher Assoziation dem eintreffenden Jubilar ein ‚Willkommen, Erich!‘ entgegenschmettert.“ (Zitat Berliner Zeitung)

Er wurde für seine Kunst mit Preisen zuhauf – und zu Recht – bekränzt, der letzte große war der Deutsche Filmpreis 1993.

erwins 100_geburtstagIn dem von mir geklauten Titel-Song-Film ist Held Kalle Geschonneck mit neun Fässern Sauerampfer , Quatsch, Karbid per Anhalter durch die… nachkriegsdeutschen Lande unterwegs. Das Zeugs – lebenswichtig für Wiederaufbauarbeiten der zerbombten Dresdner Zigarettenfabrik, so man das Wort lebenswichtig beim Erfolg derartiger Arbeiten auch nur annähernd passend finden kann. Ob und wieviel Geschonneck selber im richtigen Leben geraucht hat, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Auf manchen Bildern sieht man ihn mit Tabakspfeife, auf einem Foto seines 100. Geburtstages mit einer Riesenzigarre in der Hand. Falls er hat, dann hat i h m jedenfalls solches nicht übermäßig geschadet. Er ist 101 Jahre alt geworden.(Und man unterstelle mir damit nur ja keine Respektlosigkeit.) Ein stolzes Alter – und ein erfülltes Leben. In seinem Berufsstand schlägt ihn damit wohl nur der Jopi Heesters.

Am Mittwoch ist Erwin Geschonneck friedlich in Berlin gestorben.

Er war einer von den ganz Großen…

P.S. Dem geneigten Leser lege ich mit Wärme den gut geschriebenen Nachruf in der Berliner Zeitung ans Herze, ebenso die Geschonneck DEFA-Edition, die zumindest schon mal zum Kennenlernen für die Wessis bisher Unbedarften geeignet ist.
< e_geschonneck in asta mein engelchen

Bilder: Karbid und Sauerampfer-Cover: via amazon.de; Holländer-Michel: Progress Film-Verleih; 100. Geburtstag: Foto ddp via Berliner Morgenpost; 42 – der ganze Rest: Creative commons.

3 Kommentare »

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  1. Und ich hör den Namen wieder zum ersten Mal im Radionachruf auf Deutschlandradio Berlin… Es heißt eben doch nicht jeder Müller-Stahl und wird von Jarmusch vorgeladen, nur damit er mir auffallen kann…

    Aber Brecht heißt Bertolt, so viel weiß ich😉 (Wenn ich das jetzt ausgelassen hätte, so wäre ich wieder unfehlbar geplatzt, gnnnnn…)

  2. Oder Bert, einfach Bert, Wolf.😉

    Freut mich, wenn ich helfen konnte. *g* Aber du, erzähl mir doch nichts von einer ausschließlich in Jarmuschschen Drehs und Angeln gefangenen Wahrnehmung, ausgerechnet du.🙂 Und außerdem täte selbiger mit einer Vorladung wohl auch nicht J e d e m einen Gefallen. Es gibt mit Sicherheit auch Physiognomien, die seiner Ins-Bild-Setzung von Natur aus widersetzlich sind.

  3. Da fehlt doch noch die Abbildung von der ergatterten Erwin-Geschonneck-Autogrammkarte!


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