Helden sind – männlich? Out? Tot?

März 11, 2008 um 4:07 am | Veröffentlicht in Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, Wetter-Hexe | 5 Kommentare
Schlagwörter: , , ,

Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit,
das wahre Glück und das echte Heldentum.
(Wilhelm Raabe in „Alte Nester“)

Emma macht BauchlandungDie stürmisch ungestüme Dame Emma hat uns ja jüngstens einen neuen Helden beschert, der ein von ihr zum Spielball erkorenes Flugzeug aus Hamburgs Himmel heil zu Boden knutschte landete. Naaa, also mindestens einen. Denn eigentlich waren es beinahe sogar zwei. Wenn man denn den jugendlichen Amateur, der mit seinem Video im Internet den brötchenverdienenden Journalismus in Sachen Aktualität um Längen geschlagen hat, auch einen nennen darf – des Tages. Was einschlägige Diskussionen im Web zum Ereignis halbwegs implizieren.

Grund genug, mal über heutiges Heldentum zu krautern? Na, aber klar doch.

Helden sind männlich. Meist männlich. Sagt Wikipedia:

Ein Held (althochdeutsch helido) ist eine (meist männliche) Person mit besonders herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen, sog. Heldentaten, treibt. Dabei kann es sich um reale oder fiktive Personen handeln…

usw. usf.

Oha. Das bringt Eine(n) doch – nicht nur, wenn mans ausgerechnet am Internationalen Frauentag gelesen und mal so sacken lassen hat und sogar, wenn man alles andere als eine militante Emanze ist – irgendwie ins Grübeln. Erst recht, wenn ein paar Zeilen tiefer der Verweis folgt:

Zur Heldin vergleiche auch Virago,

und sich unter selbigem die Erklärung findet:

Virago (lat. virago = eine männlich wirkende Jungfrau, auch eine Heldenjungfrau, Heldin; plur. Viragines) bezeichnet im Deutschen (in der gehobenen Umgangssprache) und Englischen – meist abwertend – ein junges „Mannweib“…

Na suuuper! DAS ist also, wenn überhaupt, der weibliche Held?
Wer gut arbeitet, soll auch gut Kaffee trinkenMal abgesehen davon, dass zu meiner eigenen Überraschung meine Umgangssprache offenbar nicht gehoben genug ist, diesen Begriff zu meinem alltäglichen Wortschatz zu zählen, gibt es laut Meyers Online-Lexikon nur den „ursprünglichen“ Helden, ebenfalls männlich, im neueren Sprachgebrauch selbigen gar nur noch als handelnde Figur in Literatur, Theater und Film. Die 46-Wörter-Erleuchtung im Brockhaus online enthält wohl schwerlich umwerfend Neues und fällt einstweilen aus, da kostenpflichtig. Bertelsmanns offlinenes Universallexikon in 20 +… Bänden aus den Neunzigern schließlich kennt neben der ausschließlich literarisch-filmischen Deutung noch den unlängst verblichenen Helden der Arbeit – beide hier latent geschlechtslos.

Da fragt man sich doch, ob das Heldensein und seine diversen Definitionen nicht akut reformierungsbedürftig sind. Oder sind die kulturell-historischen Wandlungen des Begriffs zu vernachlässigen? Gehen wir gar vollends heldenlosen Zeiten entgegen, trostlos und ohne real existierende Lichtgestalten? Weil wir keine mehr brauchen? Wird es demnach nicht mal mehr männliche Helden geben?😉 Sind es etwa gar die traumatischen Nachwirkungen und Auferstehungen unrühmlicher deutscher Geschichte, die uns unsere Helden schleichend zum Unwort stempeln und sie für alle Zeiten sterben lassen, noch bevor sie geboren sind? Hat es HeldINNEN, die k e i n e Mannweiber und brustamputierten Amazonen sind, nie gegeben? Und werden die Helden der Gegenwart und Zukunft etwa um Himmels willen nur noch in bunten und peinlichen Medienförm(at)chen gebacken werden, kurzatmig, mit einer Halbwertszeit und einem Wertelevel, dass sich einem die Nackenhaare gar nicht mehr niederlegen? Fragen über Fragen.

Vielleicht tun wir uns ja so schwer damit, weil die Helden von heute nicht mehr so einfach wie zu Odysseus‘, Jung-Siegfrieds oder Ilja Muromezs Zeiten an Schild und Schwert oder womit auch immer bis an die Zähne bewaffnet, hauend, stechend und schießend, auszumachen sind. Und selbst solches wäre kein sicheres Zeichen. Oder sollte denn wer in dem etwas verquer geratenen Spross eines bekannten Königshauses, dem jüngst der Krieg wie eine Badekur bekam, einen Helden sehen wollen?
Ilja Muromez und noch zwei Helden (W.Wasnezow)
Der alte Medienfuzzi Fritz Pleitgen, zwar nicht unbedingt einer meiner Lieblingszeitgenossen, hat 2005 für DeutschlandRadio einen sympathisch nachdenkenswerten Beitrag geliefert über die Helden von heute. Man mag nicht alles davon unterschreiben müssen – gelesen haben wollen sollte man ihn vielleicht schon: „Wer sind die Helden von heute?… Es sind die von immer.“

Sind wir Helden?Also falls m i c h einer fragte, könnt ich ihm erzählen, dass ich ständig Scharen von Helden – und -innen! – begegne. Allerdings kaum welchen des per Definition spektakulären Typus, weniger dem Abenteurer und dem Helden des Tages. Nö, eher denen des schnöden Alltags, für die das Leben selber Abenteuer genug ist, oft genug unfreiwillig. Solchen, die nicht bei jeder Gelegenheit groß das Maul aufreißen, aber auch nicht die Klappe halten, wenns not tut. Die jeden Morgen, wenn sie aufstehen, ihr eigenes und auch gleich noch das Leben einer Handvoll anderer beherzt beim Schopfe packen müssen, die schwächer sind als sie. Die auch mal – Augen zu und durch! – gegen den Strom schwimmen. Und bei alldem nicht das geringste Aufhebens drum machen. Schon man selbst zu bleiben kostet heutzutage nicht grad wenig Mut, oder? Und würdest du ihnen ihr Heldentum unter die Nase reiben, lachten sie dich aus – oder fingen an zu heulen…

Meinungen? Vorschläge, wen wir unseren Kindern – außer uns selber, hoff ich mal – ab jetzt als reale Vorbilder und Ausbünde hehren Tuns vorzusetzen haben? Wie wir ihnen „Held“ erklären?

Igitt, bin ich jetzt etwa die moralisierende Klugscheiß-Tante mit dem erhobenen Zeigefinger? Die der gelangweilt gähnende Leser augenrollend von einem Fettnapf in den andern und durch den Schnee von gestern tappen sieht? Ha, letzterer ist das Stichwort! Oder ist es doch der Schnee von heute? Warum nicht alles etwas unangestrengter sehen, statt sich weiter sinnlos abzustrampeln? Schließlich haben schon ganz andere Leute ihr eigenes Fahrrad erfunden.

In diesem Sinne: lasst Blumen Ringelnätze sprechen!

Held Müller Neukölln

Wir haben zu großen Respekt vor dem,
Was menschlich über uns himmelt.
Wir sind zu feig oder sind zu bequem,
Zu schauen, was unter uns wimmelt.

Wir trauen zu wenig dem Nebenuns.
Wir träumen zu wenig im Wachen.
Und könnten so leicht das Leben uns
Einander leichter machen.

Wir dürften viel egoistischer sein
Aus tierisch frommem Gemüte. –
In dem pompösesten Leichenstein
Liegt soviel dauernde Güte.

Ich habe nicht die geringste Lust,
Dies Thema weiter zu breiten.
Wir tragen alle in unsrer Brust
Lösung und Schwierigkeiten.

(Joachim Ringelnatz: Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?)

*

P.S. Tja, eigentlich sollte der Eintrag hier einer zum – inzwischen etwas in Ungnade gefallenen und vor allem (bis nächstes Jahr) längst Schnee von gestern gewordenen – Internationalen Frauentag werden. (Jajaah, regt euch ab, ich find ihn immer noch passender als Muttertag, auch wenn ich höchstpersönlich weder auf den einen noch auf den andern angewiesen bin. Und komme mir jetzt bloß keiner mit dem angeblich nur für die Weibsbilder inszenierten Valentinstach!😉 ) Gewidmet gedacht war er – womit nochmal ein kleiner Haken zum natürlichen Element des Eingangshelden geschlagen sei – einer echten Frau u n d Abenteurerin u n d HeldIN, von Beruf Himmelsstürmerin. Leider hab ich mich in der allgemeinen Krise des Heldentums hoffnungslos verfranst. Wegen einem doofen Wiki-Eintrag! Memo an mich selbst: Himmel_stürmen bei nächster Gelegenheit.


(Oder lieber nochmal mit besserer Sound-Qualität? Okay, dann HERO lang).😉

Bilder: Julia(-Emma): Susanne Bormann; Heldentasse: Ossiladen; Die drei Bogatyry von Wiktor Wasnezow via Wiki; Wir sind Helden: via WDR Rockpalast; Held Müller: Neuköllner Oper.
Video: David Bowie: Heroes – via youtube

5 Kommentare »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

  1. Hexchen, latürnich jibbet weibliche Helden. Frag‘ mal die Franzosen ! Die lassen auf La Pucelle nix kommen. Und die konnte hauen und stechen ! Aber wie ! Da fragste nich nach Sonnenschein !

  2. Also welche von meinen persönlichen Helden, davon zwei Drittel weiblich und wies der HErr will genau die mit dem Lied, über das einem die Amelia Earhart auffällt (leider nicht online), haben jedenfalls ein hübsches Liedchen namens Hero/Heroine gemacht.

    Wir sind Helden der Arbeit😉

  3. Heribert, die Franzosen kann ich spätestens seit der wundervollen und anrührenden Leelee Sobieski verstehen (die hat sogar das Zeuch zur glaubwürdigen s t i l l e n Heldin) – wer braucht nach einer solchen Jeanne d‘ Arc noch eine psychopatische Milla Jovovich? Nicht mal was das Hauen und Stechen angeht, kann aus der Leelee einer ’ne grobschlächtig kerlige Virago machen.😉 – Der Film hat mich am End‘ in Tränen zerfließen lassen.
    Hm, aber spricht das nun a u c h noch dafür, dass nur wir Teutttschn jüngstens (und aus Gründen) etwas heldenscheu geworden sind?

    Wolf, dein Umgang mit Helden gibt mir sowieso meine Hoffnung daran wieder🙂 Hey, und auch wenn dus nich glaubst, nach dem Amelia-Song von den Freakwaterinnen hab ich auch schon gesucht. Schad eigentlich, dass der nicht veryoutubt is. Aber der Hero/Heroine ist auch ned schlecht – und das Video is nettich.
    Yeah! Helden der Arbeit: wir. Wer sonst?🙂

  4. Das mit den Helden verfolgt mich nachgerade. Erst poste ich was über Superhelden im Kino, dann dies hier und nun Ahab in Kapitel 28. Hmmm…
    Kann das irgendwie damit zusammenhängen, daß ich einen waffenstarrenden fast Fünfjährigen bei mir rumtoben habe? Dem ich wie-auch-immer ein positives Bild des Mannseins vermitteln möchte? (Ohne jetzt weibliche Helden abwerten zu wollen!) Was bietet man kleinen Jungs da an…? Spiderman findet er cool. Und Batman. Weil erster an Wänden raufklettert und zweiter ein schickes Auto hat. Keine tollen Vorbilder. Aber wer soll’s richten? Sein Papa ist sich auch seiner Sache nicht immer so sicher…

  5. i without a doubt enjoy all your writing style, very useful.
    don’t quit and keep penning as a result it just well worth to read it,
    impatient to look over much of your article content, regards!


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.
Entries und Kommentare feeds.

%d Bloggern gefällt das: