…bis zur Schulter den Birkenstockkleidsaum

Februar 12, 2008 um 6:40 am | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Bloghexe, Hexenküche, Kultur, Spielwiese | 14 Kommentare
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Lasst Stöckchenwerfer um mich sein

Tief fliegende PiratinHui, nachdem ich mich jüngstens bei Frau Coyote schon mal als pöbelnde Stöckchen-Piratin eingeschlichen hatte, erreicht mich das explosionsartig sich vermehrende Knüppelholz doch noch im Direktanflug. Und zwar in einem exzellenten Weitwurf vom fernen Pluto des Buchhändlers. Ach, und wenn sichs um Bücher dreht, werd‘ ich ja immer schwach…
Nun denn!

Die Anleitung zum Holzhacken – so es tatsächlich noch einen Uneingeweihten geben sollte- geht so:

  • Nimm das erste Buch in deiner Nähe (das mindestens 123 Seiten hat).
  • Öffne das Buch auf Seite 123.
  • Finde den fünften Satz.
  • Poste die nächsten drei Sätze.
  • Wirf dein Stöckchen an 5 weitere Blogger!

Das Spielchen hat ja neben der eigentlichen Aufgabe so ein bisschen was Voyeurhaftes, findet ihr nicht? Man spannt dem Blognachbarn über die Schulter in sein intimes Schreibtischreich und beobachtet heimlich seine nackten Bücher mit gierigen glänzenden Augen. Und hat, wie sichs dann auch gehört, diebisch und lustvoll sein Vergnügen dran. Ähm, hüstel… ich glaube, ich schweife ab.😉

Aaalso, da ich mal davon ausgehe, dass ein Zitieren von Wasauchimmer aus meinem Berg von Offline-Nachschlagewerken zur Linken keine Sau… öh, keinen Bücherwurm nich interessiert, schnapp ich halt das erste von halbrechts:

Сергей Есенин
Dieser Abend voll Liebe beglückt mich,
und das Tal ist dem Herzen ein Raum,
hob der Wind, als er zärtlich vorbeischlich
bis zur Schulter den Birkenkleidsaum.

Durch die Seele fließt nun blaue Kühle,
hinterm schweigenden Gartentor zieht,
wo ich Dämmer wie Schafwolle fühle,
fern vorüber ein glockenhaft Lied.

Konnt noch nie mit Andacht belauschen
diesen Klang, der das Dorf nicht verlässt,
möchte tauchen ins plätschernde Rauschen
wie die Weide mit grünem Geäst,

oder lächelnd auf schimmernder Tenne
mit dem Mondmaul den Heuduft zerkaun,
wo bist, Freude, du, die ich doch kenne:
nichts zu wollen, als liebend zu schaun.

Ja, ich weiß, kennt kein Mensch (zudem ist die erste Strophe noch dem Sätzezählen zum Opfer gefallen). Obwohl der wilde Serjosha Jessenin ja als letzter Großer unter den russischen Dorfpoeten – der er mitnichten so monothematisch war – und begnadetes Enfant Terrible der russischen Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts gehandelt wird. Nun, vielleicht blogge ich euch ja demnächst mal einen Bildungs-Lückenbau über den…

Thar she blows…Und da ja viele ville mehr auf Prosa stehn und außerdem grad ein spezielles Wunschkonzert mit Moby-Dick-Zitaten für einen einzelnen Herrn spielt, hab ich (tja, weil der Wolf sich wieder vordrängeln musst‘😉 ) in unserer mobyblog-gebräuchlichen Melville-Übersetzung des Herrn Jendis 123 Seiten von hinten abgezählt. Und auch nur ein ganz klein wenig geschummelt, weil es schad um die Vollständigkeit des feinen Zitats gewesen wäre – man möge mir den Verstoß gegen die Regeln verzeihen:

Für die Todessehnsucht in den Augen jener Männer, welche tief im Innern immer noch den Selbstmord scheuen, breitet der Ozean, in den alles mündet und der alles aufnimmt, verlockend seine weite Fläche voll unvorstellbarer, erregender Schrecken und wundersamer, neu belebender Abenteuer aus, und aus den Herzen grenzenloser Stiller Ozeane, da singen jedem tausend Meerjungfrauen entgegen: „Komm her, du gebrochenes Herz! Hier wartet neues Leben statt der Schuld eines vorzeitigen Todes! Hier schaust du überirdische Wunder und musst dafür nicht sterben. Komm her! Begrabe dich in einem Leben, das dich für deine alte Welt an Land – der du so sehr ein Greuel bist, wie’s dir vor ihr jetzt greuelt – noch rascher ins Vergessen stürzet als dein Tod. Komm her, stell nun auch d e i n e n Grabstein auf den Kirchhof und komm mit uns, bis daß wir dich freien!“

Moby-Dick, daselbst: wie der vom Leben und vom Tode gebeutelte Schmied aus Kapitel 112 zum Walfang kam.

Recht so?

Ach ja, ins Packeis des „Terrors“ bin ich noch nicht mal bis zur Seite 123 vorgedrungen – diese Parallelleserei bringt mich nochmal um! Aber weils so eine schön deftige Stelle ist (und der Jessebird bestimmt lauert *g*), zitiere ich auch Mr. Simmons noch, zur Abwechslung mal wieder nach Vorschrift:

Der junge Seemann grunzt. „Ich bin grade so einen Scheißeiskamm raufgeklettert, da ist mir der Scheißflintenlauf in den Ärmel reingerutscht und hat meinen nackten Arm berührt, Sir, ‚tschuldigung, dass ich mich so ausdrücke. Ich hab die Flinte rausgezogen, und da sin gleich sechs Zoll Haut mitgekommen, verdammte Scheiße.“

So, nu is aber gut!

Sollten noch fünf Blogger auf dieser Welt sein, denen sich dieser Stöckchenflug als ein unbekanntes Naturereignis erhellt: hier is Selbstbedienung. Und Operngläser zum Spannen – auf Wunsch auch Zielfernrohre zum scharf Fixieren – gips anner Kasse!😉

Fertig zum Entern!

Bilder: Pirate Girl 1 – Copyright: D. Woodruff/Black Wyrm Designs 2004. Pirate Girl 2 – Copyright: 2005 Jay French. Und überhaupt Creative commons-Lizenz.

14 Kommentare »

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  1. Mit Abstand der längste und ausfühlichste und interesanteste 123 Stöckchen, den ich bisjetzt lesen dürfte…

    Herzlichen Glückwunsch, das mit Kafka… da bin ich baff.

    Und was für nackte Bücher entblöst werden… tja, so lernt man manche Blogger auf gaaaanz andere Art und Weise kennen!

    Freut mich, die Bekanntschaft gemacht zu haben!

    Anitz

  2. Auf den Schmied, „welcher tief im Innern immer noch den Selbstmord scheut“, freu ich mich schon lang. Der hat Haus, Hof und Frau versoffen und im Rentenalter ein neues Leben zur See angefangen; sowas wird immer noch zu selten zu Literatur verwurstet. Macht mal voran hier, der Artikel is schon fast fertig😉

  3. Schön geworden! Und di Stelle aus „Terror“ ist auch klasse. Gibt leider zu wenige davon im Buch. Komisch nur, daß der Begriff „Pressrücken“ garnicht vorkommt…😉

  4. Hach, macht das Spaß mit euch hier!🙂

    @Anitz: Dankeschön! Und: die Freude ist ganz meinerseits. Willkommen im Hexen(blog)haus.

    @Wolf: Ja, nicht wahr, auf den und seine menschlichen Abgründe könn‘ wir uns freuen. Hm… was sagte gleich nochmal dein mittelfristiges Zeitorakel bezüglich des Ankerwerfens bei Kapitel 112?😉

    @Jessebird: Pressrücken? Huch, sollte der mir etwa schon begegnet sein?😳 Und was zur Hölle ist das überhaupt? Grübel…

  5. Bin erfreut zu hören, daß „Pressrücken“ kein allseits gängiger Begriff ist, der nur in meinem Wortschatz fehlte. Und begegnen werden dir davon noch genug, don’t worry! Noch Gelegenheit zu einer kleinen Recherche…? (Es gibt übrigens keinen Artikel dazu bei wikipedia, und Meyers Lexikon online sagt: „Eispressung, Verdichtungserscheinungen beim Meereis durch Wirkung von Wind oder Strömungen, die zur Bildung von Pressrücken führen.“)

  6. Oh, danke der Aufklärung.🙂 Da bin ich ja beruhigt – scheint also nur für exzessive Nord- resp. Südpolfahrer ein Must know (sacht man das so? – igitt, ich mit meinem Abenteuer-Englisch! *g*) zu sein. Ehrlich gesagt, war meine erste Spontanassoziation irgendwas in Richtung Metzgerprodukt… Presswurst o.ä…. Keine Ahnung, warum.😉

  7. Nein, nein! Pressruecken ist ein Ausdruck aus der Massagepraxis. Er beschreibt den Fall, daß zierlichen Frauenruecken von fetten Masseuren Quetschwunden zugefuegt werden. (Gleicher Ursprung von dem Begriff Hacknacken)

  8. Mon Dieu, Blogbildung bei der Hochhaushex!

  9. Yeahhh! Lesen macht kluuuch! 8)

    Autsch, ob ich allerdinx das Dinx mit den fetten Masseuren als Bild in meinen Kopf lassen will, weiß ich grad nicht so recht. Aber kreativer Wortgebrauch ist hier immer willkommen…😉

  10. Ich bin begeistert! Die Idee lebt also immer noch und hat sich sogar erweitert.
    Im März 2007 bestand die Aufgabe noch darin, nur den fünften und sechsten Satz von Seite 123 zu posten. Und man brauchte damals das Stöckchen auch nur an drei Blogger weiterreichen,…
    Sie lebt also, die Idee, und sie wird größer! Juhu!
    Ich fand seinerzeit auf Seite 123 im Faust „Ich komme mit allem guten Mut, leidlichem Geld und frischem Blut; meine Mutter wollte mich kaum entfernen; möchte gern was Rechts hieraußen lernen“. Worauf Mephistopheles antwortete: „“Da seid Ihr eben recht am Ort.“
    Grüsse aus Potsdam!

  11. Ich mag pöbelnde Stöckchenpiraten wie Sie, Frau hochhaushex. Da sollte es viel mehr von geben, das wär ein Riesenspaß und würde ganz nebenbei auch noch was gegen die Erderwärmung ausrichten.

  12. Oha, willkommen im Hexenhaus, Eure Dunkelheit. Na, wenn das so ist, dann komm ich jetzt öfter.😉 Und wer wäre nicht froh und glücklich, was gegen die global über uns kommende Erderwärmung auszurichten. Allerdings muss ich zugeben, dass ich – pssssst, nicht weitersagen! – gegen eine kleine lokale Erderwärmung gar nix einwenden tät. Ich bin nun mal ’ne barfüßige Sommerhex’…😳

  13. Anscheinend hat Petrus ein offenes Ohr für Hochhaushexen. Nach den Januarmücken und den Februarjungvögeln ist heute bei uns Erntetag: Meine Liebste hat schon ein rotes Kopftuch umgebunden („Komm, Schatz – die Märzäpfel pflücken sich nicht von allein!“). Muss jetzt los.

  14. playstation store

    …bis zur Schulter den Birkenstockkleidsaum | plattenbauromantik


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