Und ewig bloggt das Weib

Januar 19, 2008 um 9:10 pm | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, BlogMist, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 5 Kommentare
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Und täglich bloggt…Oder es bloggt und lockt halt auch mal ewig nicht. Wie die Hex‘. Das ist nun mal der Fluch eines kräftefressenden und mobilen Fulltime-Jobs, bei dem lustiges, sich zunehmender Beliebtheit erfreuendes Blogging on the Job von vornherein flachfällt. Der GeldSegen desselbigen lässt auch auf sich warten. – Tsja, selber schuld, werkelt doch meinereine im falschen Sektor wider besseres Insiderwissen. „Det Sozjale is en armet Waisenkind“, wie der Berliner sacht.

Doch da ist nun – jedenfalls für eine Hex‘ wie mich mitsamt ihrem bisweilen zur Verzweiflung treibenden Tagwerk – die Bloggerei wiederum was Schönes; so ein bisschen Balsam für die geplagte Seele, Wellness für verknotete Nervenstränge und gegen Gefühlschaos ob des vielen Elends dieser Welt. Ob ihrs glaubt oder nicht, aber manchmal hülfts dann, ein paar Schnurren zu spinnen, Geschichten zu erzählen und mit andern Spinnern drüber ein wenig zu plaudern…

Bloggen oder locken?Erfunden hat das Bloggen ja, wie inzwischen jedermann weiß, auch ein Weib. Eins, das es damit – anders als die heute partiell und bisweilen umstrittene Bloggerschar – gar zu ungeteilter weltweiter Würdigung (daher: www😉 ) brachte. Es war eine orientalische Prinzessin, die so bloggend lockend bezaubernde wie kluge Scheherezade nämlich. Jaja, exaktemang die besagte.

Glaubt ihr nicht? Nur weils ein Märchen sein soll? (Genau genommen, waren es ja sogar 1001 – Nächte. Soviel Korrektheit muss schon. Obwohl – gezählt hab ich nun nicht.)

Na gut, dann will ich mal nicht so sein und erzähl euch halt die Geschichte,

wie alles begann:

Märchen Blogs aus 1001 Nacht

1001 Blogs als BuchEs war einmal ein alter, in Luxus, Müßiggang und Überfluss fett gewordener Kalif. Dieser fing irgendwann an, sich in seinem dekadenten Nichtstun unendlich zu langweilen. Und weil er seine mit einem Hauch von Nichts bekleideten Tänzerinnnen und die immer wieder die alten Geschichten murmelnden Vorleser schon längst nicht mehr ausstehen konnte und außerdem keinen Fernseher hatte, beschloss er, viele Frauen zu heiraten – Jungfrauen, versteht sich . Damit allerdings selbige erst gar nicht auf die Idee kamen, ihn auch gleich wieder zu langweilen, ließ er jede einzelne von ihnen nach der ersten Nacht offiziell und prophylaktisch erwürgen. Nur am Rande sei bemerkt: der durfte das damals noch, denn er war der Boss und hatte zudem über das ganze Prozedere einen Deal mit seinem Obersten Herrn.

So meuchelten seine Mitarbeiter also nach Anweisung Morgen für Morgen vor sich hin; trotzdem wurde unserem Kalifen nicht viel besser dabei. Zu seinem und der in seinem Reiche verbliebenen Frauen Glück hatte jedoch sein Pressesprecher und Wesir eine clevere Tochter mit heftigem Überlebenswillen. In ihr vereingten sich auf wundersame Weise Aphroditens Schönheit und ein bisschen Nerd. Und so begann sie, als die Reihe des Gemahlin-Werdens an sie kam – zu bloggen. Davon hatte unser dicker Kalif noch nie etwas gehört, er ward neugierig und ließ sie gewähren.

Freilich hatte die liebliche Scheherezade es noch nicht so komfortabel wie unsereins heutzutage. Zumal der alte Despot, der neben allen anderen nachteiligen Charakterzügen auch noch geizig war, weder einen der damals noch recht kostspieligen wie großräumigen PCs noch ein mit exotischen Gewürzen und Goldstaub aufgewogenes Laptop anschaffen wollte. Sie musste ihm ihren aktuellen Blog samt ausschmückenden Grafiken, Bildern und weiterführenden Links allnächtlich mündlich darbieten (das macht ihr auch heut noch keiner nach). Und konnte froh sein, wenn hinterm brokatenen Baldachin einer heimlich mittippselte. Wäre doch sonst ihre grandiose Pionierleistung für die moderne Kommunikation längst in Vergessenheit geraten – nicht auszudenken, wo wären wir jetzt ohne sie.

Und ewig lockt…

Also googelte tingelte sie barfuß und im Schweiße ihres Angesichts quer durch das Märchenland, sprach auch beim Polizeichef und ihrem Stromanbieter vor, die ihr wohlgesonnen waren. Ersterer stellte ihr seine Dateien der Eigentumsdelikte und der Bandenkriminalität zur Verfügung, der andere weihte sie in eine bislang geheimgehaltene Promotion-Aktion mit spektakulärem Werbegeschenk zur Akquise von Energiekunden ein. Unterhaltsamer Content – mit ansprechendem Titelaufmacher, versteht sich – der zwei folgenden Nächte waren die Geschichte eines Herrn Ali Baba und ca. vierzig Mafiosi sowie ein Bericht über Aladins VorwerkVorführtour mit der Lampe und dem Küchenwunder Bodyguard guten Geist als Zugabe.

Und ewig bloggte das Weib – immer darauf bedacht, den nächsten Tag zu erleben, 1001 Nacht lang. Und da von Blogg-Sucht damals noch nichts bekannt war und sie sich, wie schon erwähnt, auch sonst nicht verstecken musste, lockte sie ihren Kalifen auch manchmal zu anderem Zeitvertreib. Und schenkte ihm auf diese Weise in immerhin fast drei Jahren diversen knuddeligen Nachwuchs.

Einer von denen – oder von seinen Ururur…enkeln – hatte irgendwann das Märchen- und das Morgenland satt. Ihn packte das Fernweh, die Sehnsucht nach einem weiteren Horizont und dem großen Ozean des Lebens. An selbigem angekommen, sammelte ihn zuerst Sindbad, der Seefahrer, später ein verirrter Walfänger auf und brachte ihn in die Neue Welt. Dort verliert sich seine Spur. Aber es gibt Gerüchte, dass wiederum einer seiner Nachfahren irgendwie in die Familie eines gewissen Tim O’Reilly geraten sein soll. Hm, aber vielleicht wars ja auch eine Nachfahrin…

Epilog:

Der Meister EAPWas nach der tausendundersten Nacht passierte? Ja, leider hat die Scheherezade-Geschichte doch kein Happy End. Das darf ich euch dann wohl nicht verschweigen, so leid es mir tut, so als Märchentante und Blogweib jetzt. Und ausgerechnet einer meiner Leib- und Magendichter musste es herausfinden. Der hat auch schon zuviel gegoogelt… öhm, auf schöne alte Weise in Bibliotheken gestöbert (falls noch jemand weiß, was das ist). Obwohl s e i n e Geschichte ganz danach klingt, als hätte er bei seinen Recherchen auch gern schon ein www gehabt. Gefunden hat er bei seinen Studien der orientalischen Literatur das Buch „Sagan Wiewares“, das uns die ganze bittere Wahrheit erhellt. Allerdings mit einem tröstlichen und nicht unbedingt gewohnten Augenzwinkern des Herrn Autors.

Wer sie noch nicht kennt, der lese also jetzt und hier (oder mal in der richtigen Stimmung😉 ) des heißgeliebten E. A. Poes Tausendundzweite Erzählung der Scheherezade. Wahlweise natürlich auch im englischsprachigen Original.

Das hier ist mein Geburtstagsgeschenk an ihn. Denn heute wäre Edgar Allan Poe 199 Jahre alt geworden.

Bilder: Scheherezade, dem Kalifen Märchen erzählend – von Paul Emil Jacobs. E. A. Poe-Grafik nach Manet und der ganze Rest: Creative commons-Lizenz.

[Edit 15. Januar 2009: Da literaturnetz.org inzwischen offenbar seine Linkstrukturen zu den 1001-Nacht-Geschichten über den Haufen geworfen hat, so dass der Zugriff über meine Verlinkungen von vor einem Jahr nicht mehr möglich war, hab ich den Zugang jetzt auf die Volltexte im sicher zuverlässigeren Gutenberg-Projekt umgebaut. Leider wurde auch der Link auf die Poe-Scheherezade bei den Literaturnetzwerkern aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt. Darum habe ich auf eine andere Übersetzung des Textes bei symbolon.de verlinkt und hoffe mal, dass die uns eine Weile erhalten bleibt.

Grund für die ganze Bastelei sind die aktuell steigenden einschlägigen Zugriffszahlen – jaja, man merkt, dass E.A. Poes 200. Geburtstag ins Haus steht. Und was tut man schließlich nicht alles für seine Leser.🙂 ]

5 Kommentare »

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  1. Dann sammeln wir schon mal feste Blogmaterial, bevor das bertelsmanninduzierte Poe-Jahr ausbricht…

    Das gehört beiläufig zu den wenigen Sachen, die ich Poe nachgetragen hab: von wegen 1002. „tale“. Scheherazade hat keine 1001 Geschichten erzählt. Sondern ein paar weniger auf so viele Nächte aufgeteilt. Meine Weil-Übersetzung bringt leider die Einschnitte nach Nächten nicht, und die doofere Übersetzung mit der Cliffhanger-Unterteilung drin hab ich vor Jahren abgeschafft… Es kann nie passen😉

  2. […] Und ewig bloggt das WeibBücherv.die kompanie der ogerKaufwehInspirierende Bücher aus dem Golden Shore […]

  3. Wolf, meinst du die hier? Auf deinen dezenten – und vor allem berechtigten – Hinweis hin hab ich die Aussage hinsichtlich der 1001 Geschichten (resp. Nächte) leicht relativiert – dankessön!🙂

    Zu einem künftigen Poe-Jahr hab ich leider noch nicht mal die leiseste Andeutung entdecken können, nicht mal bei Bertelsmann.😉 (Hoffentlich vergessen sies nicht wieder, wie bei vielen anderen.)

    Gefunden hab ich dafür was anderes, und es atmet so recht Poeschen Geist: seit 58 Jahren erscheint immer zu seinem Geburtstag eine geheimnisvolle abgerissene Gestalt an seinem Grab in Baltimore und lässt eine halbvolle (oder halbleere?) Flasche Cognac und drei rote Rosen da. Er selbst? Eine Fleischwerdung seiner Figuren?😉 Man weiß es nicht…

    Nachzulesen auch bei Welt online. Wobei zu bemerken ist, dass der Artikel einen Fehler enthält: es handelt sich beim 19. Januar selbstredend um E. A. Poes Geburtstag, nicht um seinen Todestag.

    Oh, und der Herr Buchhändler sei bedankt für die freundliche Verlinkung.

  4. Meine 1001 ist anders als deine verlinkte, über doppelt so viele Seiten und kein Mädchenrosa, aber was Treffenderes find ich auf Amazon auch nicht. Anscheinend eine vergriffene Billigausgabe, aber meinem Überblick nach vollständig.

    Solche Spukerscheinungen bei kultigen Toten hat man öfter. Über Jim Morrison aufm La Père Lachaise soll auch jemand regelmäßig seinen Schnaps ausschütten, und die gleiche Legende gibt’s mit wechselnden Leichen. Wenn ich sie bei jemandem glaub, dann bei Poe.

  5. Ach ja: Stöckchen für Sie, Frau Kolleeschin🙂


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