Haus Vater, Heine und – Heino?

Dezember 13, 2007 um 6:04 am | Veröffentlicht in 2007, BildungsLückenbauten, Fest-Platte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 7 Kommentare
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Oder: So Tage zum KinderDichterkriegen

Robert Gernhardt in der RiesenmaschineHeute vor zehn Jahren, am letzten runden Geburtstag, den er erleben durfte,
führte er ein Gespräch mit seinem Schöpfer:

„Schier sechzig Jahr auf deiner Welt –
bekomme ich jetzt Schmerzensgeld?“
„Mein Kind, mir geht dein Wunsch zu Herzen:
Geld hab ich keines. Doch kriegst du Schmerzen!“

Mussten ausgerechnet diesmal dessen Versprechungen in Erfüllung gehen – wo ER es sonst nicht immer gerad‘ so genau damit nimmt?

Heine? Das weiß Gott alleineDoch ein Geburtstag soll kein Tag zum Trauern sein, das hätt‘ er nicht gewollt, der Robert Gernhardt, nicht er. Wenigstens auf einem lachenden Auge hätte er bestanden. Und er war stolz, dass er diesen Tag mit einem teilte, der auch für seine Kunst nicht ohne Folgen blieb. Und einem Preis seinen Namen lieh, mit dem er im Jahre 2004 bekränzt wurde – Heinrich Heine hätte heute auf seinen höchstpersönlichen 210. bechern können.

Obwohl… Heines Geburtsdatum ist ja immer noch umstritten. Nicht so für Robert Gernhardt. Auf eine diesbezügliche Frage in einem Interview mit dem WDR über seinen großen Kollegen anlässlich dessen 150. Todestages 2006 antwortete er:

Da habe ich mich drauf eingestellt, und daran gewöhnt, dass wir am selben Tag Geburtstag haben. Mein Geburtsdatum ist klar, das ist der 13.12. Wäre Heines nicht klar, wär’s sehr schade, denn Heino hat auch am 13.12. Geburtstag. Und wenn Heine und Heino nicht am selben Tag Geburtstag haben, dann geht ein Treppenwitz der deutschen Kulturgeschichte den Bach runter und das wäre nicht zu wünschen…

Spagat zwischen Leben und TodEr hat bis zuletzt dafür gesorgt, dass wir ihn nicht vergessen – was wir eh nicht hätten können. Hinterließ noch schnell neben allem anderen zwei Bücher: sein „Später Spagat“ (wird im Juni 2008 neu aufgelegt) – in Versen und dem auf Gernhardtsche Art verbrämten Wissen um das, was kommt – wird uns ‚Hinterbliebenen‘ von einseitig.info eindringlich ans Herz gelegt, das letzte Stückchen Prosa nicht weniger innig von Uwe Wittstock auf Welt Online. Die Kurzbeschreibung zu „Denken wir uns“ bei amazon beglückt Gernhardt-Fans nochmal anrührend damit, wie sehr er bei ihnen war. Er

…lädt den Leser noch einmal in die von ihm ver- und bedichtete Welt ein: in den verschatteten Lesesaal einer toskanischen Abtei nahe Montaio, ans Weltgericht, vor dem Norbert Gamsbart Rede und Antwort stehen muss, in Jan Vermeers Atelier nach Delft und immer wieder in die Mainmetropole, in die Runde dreier Freunde, die sich mit „Geschichtsrosinen aus dem Lebenskuchen“ zu überbieten versuchen. Vor allem aber ist dieser Band eine letzte Hommage des Dichters an seine Leser: „Denken wir uns euch, das Salz der Erde nicht nur, sondern den Dünger jedweder Kunst. An wen wollten wir uns denn wenden, wenn es euch nicht gäbe?“

Ringelnatz’s Erkältete NegerinUnd ich, ich würde sonstwas darum geben, wenn sich mir die Gelegenheit zum „Tod-Lachen“ böte. Nana, keine Panik – so titelt die FR-online zur Ausstellung „Robert Gernhardt – die letzten Bilder“, die heute passend zu diesem Tag im Historischen Museum in Frankfurt eröffnet wird und dort bis zum 2. März 2008 zu sehen ist. Dieses Date mit seinen Zeichnungen und Versen – ich bin sicher, es wird für viele ein Lachen unter Tränen sein:

Im Schatten der von mir gepflanzten Pinien
will ich den letzten Gast, den Tod, erwarten:
„Komm, tritt getrost in den besagten Garten
ich kann es nur begrüßen, daß die Linien
sich unser beider Wege endlich scheiden.
Das Leben spielte mit gezinkten Karten.
Ein solcher Gegner lehrte selbst die Harten:
Erleben, das meint eigentlich Erleiden.“

Da sprach der Tod: „Ich wollt‘ mich grad entfernen.
Du schienst so glücklich unter deinen Bäumen,
daß ich mir dachte: Laß ihn weiterleben.
Sonst nehm ich nur. Dem will ich etwas geben.
Dein Jammer riß mich jäh aus meinen Träumen.
Nun sollst du das Ersterben kennenlernen.“

Heute wäre Robert Gernhardt 70 Jahre alt geworden…

Hau’s Vater

Bilder: Robert Gernhardt: Selbstporträt via Christian Y. Schmidt, Riesenmaschine; R. Gernhardt: Heine? – Das weiß Gott alleine! via wdr.de; R. Gernhardt: Grafik zu J. Ringelnatz‘ Abendgebet einer erkälteten Negerin, Creative Commons.

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  1. […] Moby-Dick™ Leben mit Herman Melville « To sail you home Wie ihr’s auch dreht — der Wal hat Recht 14. Dezember 2007 Elke tut meinen Gedenkjob. Sogar schon zum zweiten Mal: […]

  2. Wächst mal so ein Urbaum auf der Kultursteppe wieder nach oder obliege ich schon wieder einem unbotmäßigen Alterskulturpessimismus?

  3. 🙂 Oha! Hüstel… ‚Alters’kulturpessimismus is was Unbotmäßiges?

    Hm, ich kann mich ja auch irren, aber hat – außer den Frankfurter Letzte-Bilder-Leuten und noch ein paar Kultur-Brotverdienern – überhaupt jemand groß Notiz vom Jubilar genommen? Also Robert Normalverbraucher jetze?

    Auf, lasst uns Urbäume umarmen😉 – und hegen und pflegen und besingen und… pflanzen. Hey, deswegen muss ja einer nicht gleich in Versen bloggen – obwohl… warum eigentlich nicht?😉 *

  4. ich schmeiss mal nen unpoetischen weihnachtsgruss in die rund🙂

    lg das käferchen

  5. Es war der 29.11.1991, Robert Gernhardt las in München im Gasteig. Es lag ein Buch von ihm zum Verkauf, das ich nicht kannte, es war im Haffmanns Verlag erschienen und trug den Titel „Innen und Aussen“. Zum ersten Mal begegnete mir der Dichter und Zeichner als Maler. Ich war fasziniert von seinen Bildern, die alle menschenleer sind, Gegenständliches zum Thema haben und stark mit Licht und Schatten spielen.

    Am Ende der Lesung trat ich mit dem Buch auf ihn zu und bat um eine kleine Zeichnung in das Werk: „Bank unter einem Baum“.

    „Die Deutsche Bank?“ fragte Herr Gernhardt.

    „Nein, eine Sitzbank, auf der ich in diesem Buch blättern kann.“

    Auf späteren Lesungen kam ich immer wieder mit dem gleichen Wunsch. Diese kleine Sammlung ist ein großer Schatz.

  6. Du hast eine Sammlung von privaten Gernhardt-Zeichnungen? Wohow! Die würd‘ man ja auch gern mal anschaun.

    Ich kannte das Buch bis vor kurzem auch noch nicht. Verflixt, und die spärlichen Vereinzelungen davon auf amazon haben einen stolzen Preis. Ich glaube, viele wissen gar nicht, dass Gernhardt von Hause aus eigentlich Maler war, ein ’studierter‘ sogar(seine erste Frau btw auch).

  7. Ich habe „Innen und Aussen“ seinerzeit für 28,–DM auf der Lesung gekauft, und gerade mal bei amazon nachgeschaut, zwei wenige Bücher noch, der Preis, denn doch zu überlegen. Robert Gernhardt hat in Berlin und Stuttgart Malerei studiert. In einer 50seitigen Niederschrift erinnert er sich an frühere Lehrer, teilt seine Vorbilder mit, geht auf die einzelnen Malrichtungen ein, und natürlich kommen seine Freunde aus der „Neuen Frankfurt Schule“ auch darin vor.
    Es ist schön, darin zu stöbern und sich zu erinnern. Er war schon ein richtig Großer. Aus der alten Titanic-Garde bleibt eigentlich nur noch Eckhard Henscheid der auf Reisen geht, dessen Lesungen ich auch immer wieder besuche.


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