Von gläsernen Menschen, dem Hausapotheker Erich Kästner und Lost Boys, die erwachsen werden

November 19, 2007 um 3:30 am | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Drumherum und anderswo, Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches | 2 Kommentare

buchstabe-v.giforigen Sonntag hab ich mich nun auch nach Karlsruhe aufgemacht, naja, jedenfalls den Herrn Anwalt schon mal für mich losgeschickt, Verfassungstreue einzuklagen.

Seit letzter Woche sind es übrigens über 13. 000. 13. 000 und eine Hexe gegen den Staat. Und gegen die Rechtskraft des Gesetzes vom Gläsernen Menschen zur Vorratsdatenspeicherung. Womit sich die Zahl der von Herrn Starostik vertretenen Mandanten seit besagtem Schwarzen Freitag des deutschen Parlamentarismus vorerst mehr als verdoppelt hat. Und die Möglichkeit, hier ein Gleiches zu tun und ihn mit einem weiteren Mandat zu betrauen, wurde als verfrühtes Weihnachtsgeschenk jetzt bis zum 24. Dezember verlängert. Falls noch jemand von denen, die demnächst im Glashaus sitzen sollen, mit Steinen werfen sich dagegen wehren will.

Ich bin ja von Natur aus eigentlich kein Klageweib, und mein Gewissen ist sowas von glasklar und rein. Dochdoch, ich habe NICHTS zu verbergen, bin sozusagen ein offenes Buch. Aber wen ich da drin rumschmökern lass‘, möcht‘ – bittschön! – meine Sache sein. Und geht gar niemand Anderen nicht nix an, auch den Staat nicht. Wollt ich nur mal gesagt haben. Und dafür sollte man die Rotroben dann schon mal bemühen, finde ich…

Ja, und inzwischen hab ich mich sogar einigermaßen von der verbalen Entgleisung eines Herrn Schäuble erholt, der unser Innenminister genannt sein will. Und mit seiner diesem Posten durchaus abträglichen Äußerung: „Wir hatten den ‚größten Feldherrn aller Zeiten‘, den GröFaZ, und jetzt kommt die größte Verfassungsbeschwerde aller Zeiten“ dokumentierte, dass er wohl in nicht eine einzige ihm von uns demokratisch veranlagten Bundesbürgern übersandten GG-Broschüren auch nur einen Blick geworfen hat.

***

NebelelfenDann kann ich ja jetzt meiner sensiblen und harmoniebedürftigen Seele was Gutes tun und endlich mal meinen Blog ein wenig herbstlich melancholisch tapezieren. Und zwar bevor der Schnee, der anderwärts bereits die Skipisten bevölkert, womöglich auch hier endgültig Winter beschließt. Dazu eine wetterangepasste Freizeitempfehlung zum Umgang mit demselben in noch flüssiger Form:

regentropfen-form.jpg
Nasser November

Ziehen Sie die ältesten Schuhe an,
die in Ihrem Schrank vergessen stehn!
Denn Sie sollten wirklich dann und wann
auch bei Regen durch die Straßen gehn.

Sicher werden Sie ein bißchen frieren,
und die Straßen werden trostlos sein.
Aber trotzdem: gehn Sie nur spazieren!
Und, wenn’s irgend möglich ist, allein.

Müde fällt der Regen durch die Äste.
Und das Pflaster glänzt wie blauer Stahl.
Und der Regen rupft die Blätterreste.
Und die Bäume werden alt und kahl.

Abends tropfen hunderttausend Lichter
zischend auf den glitschigen Asphalt.
Und die Pfützen haben fast Gesichter.
Und die Regenschirme sind ein Wald.

Ist es nicht, als stiegen Sie durch Träume?
Und Sie gehn doch nur durch eine Stadt!
Und der Herbst rennt torkelnd gegen Bäume.
Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt.

Geben Sie ja auf die Autos acht,
Gehn Sie bitte, falls Sie friert, nach Haus!
Sonst wird noch ein Schnupfen heimgebracht.
Und, – ziehn Sie sofort die Schuhe aus!

Die Kästnerianer unter uns haben es bestimmt gleich erkannt – Novembernebeles ist ein ‚Rezept‘ aus „Doktor Erich Kästners Lyrische[r] Hausapotheke“,
die erstmals 1936 (in der Schweiz) eröffnete. Und in deren Gebrauchsanweisung der Doktor K. höchstselbst erklärt: „Der vorliegende Band ist der Therapie des Privatlebens gewidmet. Er richtet sich, zumeist in homöopathischer Dosierung, gegen die großen und kleinen Schwierigkeiten der Existenz.“ Die Kästnerschen Hausmittelchen für einschlägige akute Leiden – bereitet und gewürzt mit Humor, Ironie und einer Prise Melancholie – helfen nicht nur, „wenn es Herbst geworden ist“, sondern zet Be auch, Wenn Die Besserwisser Ausgeredet Haben, Wenn Die Ehe Kaputtgeht, Wenn Vom Fortschritt die Rede war, Wenn Man An Gefühlsanämie Leidet oder Wenn Man Wenig Geld Hat…

Bei Kästner-Insidern sind die meisten Rezepturen zur „Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens“, wie die „Sachliche Romanze“, der „Monolog mit verteilten Rollen“ oder die „Gedanken beim Überfahrenwerden“, wohlbekannt und werden immer wieder mit inniger Freude eingenommen. Mir ist das dtv-Bändchen jüngstens für ein paar Cent beim Schnäppchenstöbern in die Tasche gewandert, im Auflösungsverkauf eines betrauerten Bücherstübchens um die Ecke.

Weitere Beute daselbst (für einen kleinen roten Schein und wenige Klimperlinge): „Sämtliche Fabeln der Antike“ in einer Anaconda-Lizenzausgabe (Erstausgabe: Berlin und Weimar: Aufbauverlag 1978), Schopenhauers geheimes Hauptwerk, die „Aphorismen zur Lebensweisheit“ (Anaconda 2007, nach der Ausgabe Leipzig: Insel 1941), sechsundzwanzig „Unheimliche Erzählungen“ von Nathaniel Hawthorne, dem Zeitgenossen und Intimus des Vaters von „Moby-Dick“ sowie ein Audiobüchelchen („Lokal-Termin“) mit einer Autorenlesung des unvergessenen Robert Gernhardt. Im Covertext dazu:

„Teure Freundin,
seit jenem unvergesslichen Vormittag, da ich an Ihrer Seite durch die in der Berliner Nationalgalerie aufgebaute Ausstellung ‚Kunst wird Material‘ gehen durfte, bin ich Ihnen noch eine Antwort schuldig, die Antwort auf die Frage, die Sie angesichts einesObjekts von Joseph Beuys stellten – es handelte sich um einen Glaskasten mit vier luftgetrockneten Blutwürsten -: ‚Was soll denn der Scheiß?'“ –

Es geht um die Frage aller Fragen: Was ist Kunst? In der griechisch-altdeutsch geschmückten Taverne Wachtelstubb in Frankfurt-Bockenheim findet Norbert Gamsbart alias Robert Gernhardt letztgültige Antworten.

Ha, wenn das nicht günstig geramscht ist!

***

Zum Schluss für heute bleibt eine Frage übrig:Barrie and the lost boys
Er kann fliegen!
What if Peter Pan grew up?


Nö, ich werde sie nicht beantworten. Denn ich hoffe doch, dass alle diejenigen, die anfangen, das Kind in sich zu vergessen, das Fliegen verlernt haben und nicht (mehr) an Elfen glauben, die Lösung im preisbekränzten Spielbergschen Wochenendfilm „Hook“ gefunden haben. Wer wird denn die lehrreichen Abenteuer des erwachsen gewordenen Helden von J. M. Barrie verpassen? Wo doch, sollte er sie schleunigst nachholen, –
rät dringend
die Hex‘.😉

Bild: J. M. Barrie-Website

Weitere Bilder und die verwendeten Zitate (deren Urheberschaft ausdrücklich gewahrt wird): Creative commons-Lizenz.

2 Kommentare »

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  1. Wow, das war eine Mischung🙂

    Zum ersten Thema ist mir letzthin ein Youtübchen untergekommen, wie es unsereins als die eigentliche, medienverwöhnte Zielgruppe braucht:

    http://de.youtube.com/watch?v=UJBarEKJyOI

    reißt ein paar wenige der härtesten Zitate raus und baut etwas daraus, das früher Stefan Raab gemacht hätte; wir erinnern uns an den „Maschendrahtzaun“. Da kann ich viel über das Thema surfen und mir klarmachen, wie wichtig das ist und wie das doch alles meine Staatsbürgerpflicht ist woher ich mir überall meine Meinung zusammenklauben sollte – ins Blut geht das erst, wenn es rockt. Und in dem verlinkten Fall ist es ganz richtig, dass einem dabei mehr im Hals steckenbleibt als bei Stefan Raab.

    Das ist als Tatsache schlimm genug, dabei verfolge ich wenigstens noch mit, wie ich dieser Form von Mediendummheit anheim falle. Ist das jetzt ein Zeichen, dass Kunst wieder wichtig wird/geworden ist, und dass wir, die wir halbwegs zum Gestalten in der Lage sind, auf einmal eine ganz schöne Verantwortung haben? Nämlich um uns nicht die eigenen Sendekanäle zuschütten zu lassem?

    Wer hier nicht durchdreht, muss verrückt sein oder tot.

  2. Ja, der Mix ist ein wenig gewagt, oder?🙄 Aber wenn ich schon grad mal zum Bloggen komm’… Andre machen da drei bis sieben Beiträge draus.😉

    Grrrmbl… und trotzdem was vergessen, wusst‘ ichs doch! Der „Kontrolle-muss-sein-Song“ sollte eigentlich noch mit rein – aus _genau_jenem_Grund_, dass es manchmal eben erst schockt wenns rockt. Heißen Dank also, lieber Wolf, für die kooperative Nachlieferung.🙂 Und du hast Recht, da wird einem Chance und Verantwortung von Kunst (gegen das Abstumpfen) wieder innigst bewusst. Das hat ja auch der Erich Kästner mit seiner Hausapotheke damals therapiert. Und wenn man so will, sogar der Steven Spielberg mit seinem rausgewachsenen Peter Pan. Womit wir zu guter Letzt sogar noch einem großen (oder kleinen?) Regenbogen über den hiesigen Hexen-Blogmix gewölbt hätten – was meinst…?😉


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