Luftschiffe überm Lustschloss?

November 26, 2007 um 12:56 am | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, BildungsLückenbauten, Geschichtsbuch, Kalenderblätter, Kultur, Uncategorized, Unnützes Wissen, Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare
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Ein vergessenes Kapitel Berliner Geschichte

buchstabe_a.gifls ich jüngstens unversehens in die Träumereien zweier ausgewachsener BloggerKerle von der Wiederkehr der Luftschifffahrt surfte, fingen meine kleinen grauen Zellen an zu rotieren: da war doch was…

Fliegen mit Jules VerneDie Himmelszigarren faszinieren mich ja schon, seitdem ich als kleine Zopfliese mit den abenteuerlichen Erfindungen eines Jules Verne in 80 Tagen um die Welt gereist bin. Und wenn heute gelegentlich so ein gasgefülltes Riesenteil mit gedämpftem Brummen – meist mit einem Monster-Werbebanner geschmückt – über die Stadt schwebt, wer legt da nicht den Kopf in den Nacken und hält ehrfürchtig inne? Und wünscht sich, dort oben zu sein – oder?

Aber wer weiß heute schon noch, dass in Berlin, im heutigen Marzahn-Hellersdorf, ein Kapitel deutscher Luftfahrtgeschichte geschrieben wurde? Vom einstigen Herrn des Biesdorfer Schlosses nämlich.

Für Ortsunkundige sei erwähnt, dass Biesdorf eines der fünf Dörfer ist, über die ich schon längst mal was schreiben wollte aus denen der Bezirk Marzahn Hellersdorf heute besteht. Und das Biesdorfer Schloss… sorry, es war nie ein Lustschloss, genau genommen war es sogar niemals ein Schloss (obwohl jeder es so nennt), sondern eher ein hochherrschaftlicher Landsitz im Stil der italienischen Renaissance. Es liegt an der B1 in Richtung Frankfurt/Oder. Und wenn ihr stadtauswärts fahrt, kommt ihr ein paar Kilometer vor der östlichen Stadtgrenze daran vorbei, also an dem, was nach den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges davon übrig geblieben ist. Aber davon später einmal.

Wilhelm von SiemensVom Ende des 19. bis in das 20. Jahrhundert hinein gehörte Schloss Biesdorf der Familie von Siemens. Der Begründer des allbekannten Imperiums, Werner von Siemens, hatte es 1889 als Sommersitz für seinen Sohn Wilhelm erworben. Und eben jener Wilhelm von Siemens ließ auf dem Gelände des heutigen Verschiebebahnhofs Wuhlheide – das damals noch gar nicht zu Berlin gehörte – eine Luftschiffhalle bauen. 1909 fertiggestellt, war sie eine Weltneuheit: sie konnte nach wechselnder Windrichtung für die anfliegenden Luftschiffe um 360 Grad gedreht werden. Von Siemens beteiligte sich damals an einer… hm, heute würde man sagen, Ausschreibung zum Bau militärisch nutzbarer Luftschiffe. Die Tests der zwei gebauten Typen des Siemens-Schuckardt-Luftschiffes waren nicht erfolgreich genug und das Kriegsministerium entschied sich für den bewährten Zeppelin-Typ. Von den Erprobungs- und (zivilen) Rundfahrten der Siemens-Modelle sind vor allem die um das kaiserliche Schloß und nach Potsdam sowie eine Wasserlandung auf dem Müggelsee in die Annalen eingegangen.

Die Halle, die während des ersten Weltkrieges für andere Luftschiffe genutzt wurde, musste nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages nach Kriegsende abgetragen werden. Und dieses durchaus bemerkenswerte Intermezzo in der Berliner Geschichte ist heute fast ganz in Vergessenheit geraten.

Luftschiffe über BiesdorfIm Marzahn-Hellersdorfer Heimatmuseum gibt es eine kleine Austellung zu den „Luftschiffen über Biesdorf“ Und wen das Thema interessiert, der kann hier fast geschenkt eine Broschüre darüber erwerben. 75% günstiger gibts die allerdings für einen schlappen Euro im Museum selbst. Vielleicht kommt ihr ja mal vorbei…

Mal in einem Luftschiff zwischen Himmel und Erde schwimmen – doch, das wäre bestimmt der Wahnsinn. Diese bestaunten Wunder der Technik – ob sie wohl wiederkommen?

P.S. Ach ja, an dieser Stelle herzlichen Dank an die beiden luftschiffaffinen Herren für die Idee zum Blog.

P.P.S. Öhm, und wer nicht so der Luftschiffer ist, der nehme halt die Treppe zum Himmel. Aber dann wenigstens zünftig mit den Zeppelinen… 😉

Luftschiffhalle in Biesdorf

Bilder: Creative Commons

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Von gläsernen Menschen, dem Hausapotheker Erich Kästner und Lost Boys, die erwachsen werden

November 19, 2007 um 3:30 am | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Drumherum und anderswo, Hexentanz, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches | 2 Kommentare

buchstabe-v.giforigen Sonntag hab ich mich nun auch nach Karlsruhe aufgemacht, naja, jedenfalls den Herrn Anwalt schon mal für mich losgeschickt, Verfassungstreue einzuklagen.

Seit letzter Woche sind es übrigens über 13. 000. 13. 000 und eine Hexe gegen den Staat. Und gegen die Rechtskraft des Gesetzes vom Gläsernen Menschen zur Vorratsdatenspeicherung. Womit sich die Zahl der von Herrn Starostik vertretenen Mandanten seit besagtem Schwarzen Freitag des deutschen Parlamentarismus vorerst mehr als verdoppelt hat. Und die Möglichkeit, hier ein Gleiches zu tun und ihn mit einem weiteren Mandat zu betrauen, wurde als verfrühtes Weihnachtsgeschenk jetzt bis zum 24. Dezember verlängert. Falls noch jemand von denen, die demnächst im Glashaus sitzen sollen, mit Steinen werfen sich dagegen wehren will.

Ich bin ja von Natur aus eigentlich kein Klageweib, und mein Gewissen ist sowas von glasklar und rein. Dochdoch, ich habe NICHTS zu verbergen, bin sozusagen ein offenes Buch. Aber wen ich da drin rumschmökern lass‘, möcht‘ – bittschön! – meine Sache sein. Und geht gar niemand Anderen nicht nix an, auch den Staat nicht. Wollt ich nur mal gesagt haben. Und dafür sollte man die Rotroben dann schon mal bemühen, finde ich…

Ja, und inzwischen hab ich mich sogar einigermaßen von der verbalen Entgleisung eines Herrn Schäuble erholt, der unser Innenminister genannt sein will. Und mit seiner diesem Posten durchaus abträglichen Äußerung: „Wir hatten den ‚größten Feldherrn aller Zeiten‘, den GröFaZ, und jetzt kommt die größte Verfassungsbeschwerde aller Zeiten“ dokumentierte, dass er wohl in nicht eine einzige ihm von uns demokratisch veranlagten Bundesbürgern übersandten GG-Broschüren auch nur einen Blick geworfen hat.

***

NebelelfenDann kann ich ja jetzt meiner sensiblen und harmoniebedürftigen Seele was Gutes tun und endlich mal meinen Blog ein wenig herbstlich melancholisch tapezieren. Und zwar bevor der Schnee, der anderwärts bereits die Skipisten bevölkert, womöglich auch hier endgültig Winter beschließt. Dazu eine wetterangepasste Freizeitempfehlung zum Umgang mit demselben in noch flüssiger Form:

regentropfen-form.jpg
Nasser November

Ziehen Sie die ältesten Schuhe an,
die in Ihrem Schrank vergessen stehn!
Denn Sie sollten wirklich dann und wann
auch bei Regen durch die Straßen gehn.

Sicher werden Sie ein bißchen frieren,
und die Straßen werden trostlos sein.
Aber trotzdem: gehn Sie nur spazieren!
Und, wenn’s irgend möglich ist, allein.

Müde fällt der Regen durch die Äste.
Und das Pflaster glänzt wie blauer Stahl.
Und der Regen rupft die Blätterreste.
Und die Bäume werden alt und kahl.

Abends tropfen hunderttausend Lichter
zischend auf den glitschigen Asphalt.
Und die Pfützen haben fast Gesichter.
Und die Regenschirme sind ein Wald.

Ist es nicht, als stiegen Sie durch Träume?
Und Sie gehn doch nur durch eine Stadt!
Und der Herbst rennt torkelnd gegen Bäume.
Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt.

Geben Sie ja auf die Autos acht,
Gehn Sie bitte, falls Sie friert, nach Haus!
Sonst wird noch ein Schnupfen heimgebracht.
Und, – ziehn Sie sofort die Schuhe aus!

Die Kästnerianer unter uns haben es bestimmt gleich erkannt – Novembernebeles ist ein ‚Rezept‘ aus „Doktor Erich Kästners Lyrische[r] Hausapotheke“,
die erstmals 1936 (in der Schweiz) eröffnete. Und in deren Gebrauchsanweisung der Doktor K. höchstselbst erklärt: „Der vorliegende Band ist der Therapie des Privatlebens gewidmet. Er richtet sich, zumeist in homöopathischer Dosierung, gegen die großen und kleinen Schwierigkeiten der Existenz.“ Die Kästnerschen Hausmittelchen für einschlägige akute Leiden – bereitet und gewürzt mit Humor, Ironie und einer Prise Melancholie – helfen nicht nur, „wenn es Herbst geworden ist“, sondern zet Be auch, Wenn Die Besserwisser Ausgeredet Haben, Wenn Die Ehe Kaputtgeht, Wenn Vom Fortschritt die Rede war, Wenn Man An Gefühlsanämie Leidet oder Wenn Man Wenig Geld Hat…

Bei Kästner-Insidern sind die meisten Rezepturen zur „Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens“, wie die „Sachliche Romanze“, der „Monolog mit verteilten Rollen“ oder die „Gedanken beim Überfahrenwerden“, wohlbekannt und werden immer wieder mit inniger Freude eingenommen. Mir ist das dtv-Bändchen jüngstens für ein paar Cent beim Schnäppchenstöbern in die Tasche gewandert, im Auflösungsverkauf eines betrauerten Bücherstübchens um die Ecke.

Weitere Beute daselbst (für einen kleinen roten Schein und wenige Klimperlinge): „Sämtliche Fabeln der Antike“ in einer Anaconda-Lizenzausgabe (Erstausgabe: Berlin und Weimar: Aufbauverlag 1978), Schopenhauers geheimes Hauptwerk, die „Aphorismen zur Lebensweisheit“ (Anaconda 2007, nach der Ausgabe Leipzig: Insel 1941), sechsundzwanzig „Unheimliche Erzählungen“ von Nathaniel Hawthorne, dem Zeitgenossen und Intimus des Vaters von „Moby-Dick“ sowie ein Audiobüchelchen („Lokal-Termin“) mit einer Autorenlesung des unvergessenen Robert Gernhardt. Im Covertext dazu:

„Teure Freundin,
seit jenem unvergesslichen Vormittag, da ich an Ihrer Seite durch die in der Berliner Nationalgalerie aufgebaute Ausstellung ‚Kunst wird Material‘ gehen durfte, bin ich Ihnen noch eine Antwort schuldig, die Antwort auf die Frage, die Sie angesichts einesObjekts von Joseph Beuys stellten – es handelte sich um einen Glaskasten mit vier luftgetrockneten Blutwürsten -: ‚Was soll denn der Scheiß?'“ –

Es geht um die Frage aller Fragen: Was ist Kunst? In der griechisch-altdeutsch geschmückten Taverne Wachtelstubb in Frankfurt-Bockenheim findet Norbert Gamsbart alias Robert Gernhardt letztgültige Antworten.

Ha, wenn das nicht günstig geramscht ist!

***

Zum Schluss für heute bleibt eine Frage übrig:Barrie and the lost boys
Er kann fliegen!
What if Peter Pan grew up?


Nö, ich werde sie nicht beantworten. Denn ich hoffe doch, dass alle diejenigen, die anfangen, das Kind in sich zu vergessen, das Fliegen verlernt haben und nicht (mehr) an Elfen glauben, die Lösung im preisbekränzten Spielbergschen Wochenendfilm „Hook“ gefunden haben. Wer wird denn die lehrreichen Abenteuer des erwachsen gewordenen Helden von J. M. Barrie verpassen? Wo doch, sollte er sie schleunigst nachholen, –
rät dringend
die Hex‘. 😉

Bild: J. M. Barrie-Website

Weitere Bilder und die verwendeten Zitate (deren Urheberschaft ausdrücklich gewahrt wird): Creative commons-Lizenz.

Rennpappe die Zweite. Heute: Trabi-Online-Klau

November 7, 2007 um 11:05 pm | Veröffentlicht in 2007, BlogMist, Drumherum und anderswo, Fest-Platte, Hexentanz, Real-Politisches, Uncategorized | 9 Kommentare

…und dann noch der 90. Geburtstag einer älteren Dame

buchstabe-w-g.gifenn du morgens noch im Halbschlaf deinen Computer anwirfst,
wenn du in der Zeit, die er zum Hochfahren braucht, in die Küche tappst,
wenn du dort erst mal ’nen Wachmacher durch die Kaffeemaschine jagst,
wenn du – immer noch dösend – mit dem Kaffeepott in der Hand barfuß zurück zum Monitor wankst,
wenn du nur noch mal schnell deine Emails checken willst,
wenn du weißt, dass es Zeit wird, sich warm angezogen und beschuht in die Tageshatz und den Berufsverkehr zu stürzen,
wenn du dann auf der Startseite im Aktuellen die Überschrift (okay, die halbe) und Sätze deiner eigenen einst geposteten Trabi-Laudatio liest,

dann fragst du dich doch:

Trabi-Online-KlauTräum ich noch?
Klaut da wer?
Dürfen die das?

So geschehen heute morgen – mir.

Ich hab (soviel Zeit muss sein!) zwecks Beweissicherung extra einen Screenshot gemacht – auch wenn ich erstmal suchen musste, wie das geht. 😉

Meine Version war die hier. Und wohooow, heute zum echten trabantenen Geburtstag kamen vielevieleviele Trabifreunde gucken. Danke.

***

Dass der Trabant am 7. November 1957, zum 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, das Licht dieser Welt erblickte, war übrigens damals kein Zufall, sondern mit voller Absicht von entscheidungstragendem Platze so hingedreht. Dieselbe hat somit heute per Addition und nach Adam Ries ihr 90. Jubiläum. Nur, damit es keiner vergisst und für den Fall, dass es jemand begehen, begießen oder gebührend würdigen mag.
Хитрый какой!Revolutionäre Matrjoschki

Bilder: Creative Commons.

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