Fastfood für Deppen oder nur ein bisschen Babylon?

September 26, 2007 um 4:15 am | Veröffentlicht in Berlin, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Hexenküche, Kultur, MarktLückenbauten | 9 Kommentare

Von Döner und russischen Pelmeni

In der Potsdamer ist man ganz schön lange unterwegsEinmal in der Woche halte ich eine mobile Sprechstunde in einer Schöneberger Sprachschule ab, mit deren Inhalten ich hier um des Himmels willen keinen langweilen will. Und derentwegen ich durch die Potsdamer Straße muss. Dieses Unterfangen setzt einen markanten Wesenszug interkultureller Prägung voraus, eine antrainierte indianische Gelassenheit nämlich. Denn mehr als atemberaubende fünfsechs km/h sind nicht drin, da außer den Anliegern und einem selbst gefühlte zwei Drittel aller Berlin-Touristen, dreieinhalb Filmdrehs und mindestens ebenso viele Baustellen permanent und immerdar auf diesem Schrumpfmeilchen stattfinden.

Zum Glück ist die Schleicherei meistens ganz kurzweilig. Man kann entweder zuschauen, wie sich die Menschenschlange um die Neue Nationalgalerie wickelt, in der noch bis OktoberDie schönste Französin aus New York die schönsten Franzosen aus New York zu Besuch sind, oder mit sich selber wetten, wie oft der Audi mit Münchner Kennzeichen noch unschlüssig rechts blinkt, um am Ende links abzubiegen. Man kann sich auch die Zeit damit vertreiben, die MultiKulti-Biergärten zu zählen.
Oder die putzigen Auffahrunfälle.
Oder das Programm vom Wintergarten zu studieren.
Oder die Besucher der Erotik-Shops zu beobachten.
Oder die lustigen Benamsungen der ungezählten gastronomischen Lokalitäten zu lesen…

Über eine von denen muss ich immer grinsen. Sie prangt auf einem Riesenschild über so einem Döner-Imbiss von etwas mehr als Telefonzellengröße und lautet DURAK. Nun bin ich ja des Türkischen weitaus unkundiger als einer Handvoll andrer Sprachen und vermutlich handelt es sich bei diesem Markenzeichen schlicht und einfach um den guten Namen einer alteingesessenen Händlerdynastie vom Bosporus. Auf Russisch, von dem ich ein paar Silben mehr verstehe, bedeutet Durak (дурак) soviel wie Dummkopf, Trottel… Depp. Und jedesmal, wenn ich das Schild lese, frag ich mich schmunzelnd, wie werbeträchtig es wohl für anwohnende Russisch-Mutterzüngler sein mag. Ob selbige sich sicherheitshalber oder boykottierend – und ohne dabei auch nur einen Gedanken an tonnenweise Gammelfleisch zu verschwenden – den Genuss des dort bereiteten Fleischgeschnipsels in der Fladenbrottasche verkneifen? Und ob der brave Verkäufer des osmanischen Fastfood, das so mancher immer noch in dem Irrtum mampft, es sei, so wie es ist, in Berlin-Kreuzberg erfunden worden, um das Hintersinnige auf seinem stolzen Schild überhaupt weiß? Und auf einmal ahnt man wieder vage – wenigstens in Marktnähe – was interkulturelle Kompetenz wert sein kann.

Lukullisches aus der russischen traditionellen Küche findet sich übrigens in der Ecke um die Potsdamer herum kaum, fällt mir da gerade auf. Das Einzige, was da in kyrillischen Lettern umworben wird, ist, glaub ich, ein Nagelstudio. Dabei kann ich mich wirklich an ein paar sehr Kaminers Bärenbratenleckere Sachen erinnern, die es wert wären, die Marktnische zu bevölkern, auch wenn es die eine oder andere gegenteilige Meinung gibt. Tssssss, muss man also, frisch manikürt, den Bären selber jagen… öhm, selber russisch köcheln?

Für diejenigen, die diesbezüglich weder die nötige einschlägige Erfahrung noch das so empfehlenswerte wie totalitäre Kochbuch der Kaminers (amazon-Kurzbeschreibung: Lach dich satt! – und das bitte wörtlich nehmen) ihr Eigen nennen, hier mal so als Kostprobe und für den heroischen Selbstversuch das Rezept eines echten Klassikers – vom vielen Reden wird man schließlich nicht satt. Achtung, es ist einfach, aber etwas aufwändig und macht am meisten Spaß als lustige Alle-machen-mit-Kocherei.

Russische Pelmeni:Russische Pelmeni

Zutaten (für vier Personen):
Für den Teig:
500 g Mehl
1 Ei
200 ml Wasser
Salz

Für die Füllung:
400 g Gehacktes halb Schwein, halb Rind
50 g Butter
2 – 3 EL Sahne
1 – 2 Zwiebeln
Salz
Muskatnuss
schwarzer Pfeffer und andere Gewuerze nach Gewohnheit und Geschmack

ZUBEREITUNG:
Das Hackfleisch mit der Zwiebel vermengen und würzen. Wer möchte, kann auch noch fein geschnittene Weißkohlstreifen hineinmengen.

Die Eier mit Wasser, Mehl und Salz zu einem geschmeidigen Teig verarbeiten und etwas ruhen lassen.Den Teig halbieren. Die erste Hälfte dünn ausrollen und mit einem runden Ausstecher (ca. 5 – 6 cm Ø) Teigkreise ausstechen. Die richtige Größe für die Teigkreise hat auch ein normales Trinkglas, dessen Rand nicht allzu dick sein sollte.

Auf jeden Kreis ca. 1 TL von der Hackfleischmischung geben.
Diese dann zu Pelmeni formen. An den Rändern fest andrücken.
Ebenso mit der zweiten Teighälfte verfahren.

Einen Topf mit Wasser zum Kochen bringen. Salz, Pfeffer und 3-4 Lorbeerblätter dazugeben. Die Pelmeni ins kochende Wasser geben und ca. 5 Min. darin garen lassen.

Die Pelmeni können mit der Brühe, die mit Crème fraîche verfeinert und/oder ein bisschen angedickt wird, oder mit Tomatensauce serviert werden. Gaaanzganz lecker auch mit einem großen Klecks Schmand pur.

Приятного аппетита allerseits!
Wo ist mein großer Löffel?

9 Kommentare »

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  1. Liebes Hexchen,

    heute erscheine ich ‚mal zu einem Gegenbesuch und hinterlasse Dir einen Kommentar.

    Dein Artikel ist ein Genuß, besonders für mich, den Anhänger der russischen Küche und des konspirativen Bloggens.

    Kaminers Buch ist tatsächlich empfehlenswert, es steht in meinem Bücherregal. Du gestattest mir aber hoffentlich Deine Literaturempfehlung um einen weiteren Autor zu ergänzen. „Er“ steht direkt neben Kaminer in meinem Regal, links neben „The Anachist’s Cookbook“.

    Ebenso wie Kaminer ist, besser „war“ – denn er ist leider bereits verschieden, dieser Autor „Wahlberliner“.

    Er stammt gebürtig nicht aus den Weiten Russlands sondern aus dem Schwäbischen (Hechingen / Zollernalbkreis), seine Affinität zur russischen Küche ist jedoch legendär.

    Na ? Wer isses ? Richtig ! Die Rede ist von Markus „Micha“ Wolf, dem ehemaligen Chef der HVA, dem Auslandsgeheimdienst der DDR.

    Sein Buch „Geheimnisse der russischen Küche“ (Eulenspiegel Verlag, ISBN 978-3-359-01662-5) ist absolut lesenswert, zumindest für alle die glauben Geheimdienste kochten auch nur mit Wasser.

    Unser Bloggerkollege Paul Becker, von den phantastischen GUSNEWS, hat mich ja schon lange im Verdacht „mysteriös“ zu sein, vielleicht bestätigt dieser Kommentar ja jetzt seine Vermutungen :grins: .

    Also Hexchen, lass uns die Töpfe und Pfannen schwingen. Wir können gerne Rezepte austauschen.

    Dein Bewunderer, der Heribert, von Российская Федерация .

  2. So wie „Windows“ in einem ausgerotteten Hopi-Dialekt „Weißer Mann Starrt Durch Glasscheibe Auf Eieruhr“ hieß?

    Russisch kochen heißt aufwändig kochen. Das Kochbuch is aber als solches ein recht benutzbares.

  3. Hey, willkommen in meinem Bloghaus, Heribert! Und außerdem herzlichen Glückwunsch zum 100. Kommentar aufm Hexenblog.🙂
    Na, dass der Markus Wolf seine Geheimdienstrezepte verbüchert hat, wundert mich ja überhaupt nicht – der ist ja quasi als Hosenmatz von der russischen Küche groß und stark geworden. Und danke für den konspirativen Tipp.😉

    Huch, Wolf. Von dem ausgestorbenen Hopi-Stamm is die Windows-Prophezeiung also? Jaja, die Weisheit und Sehergabe der alten Medizinmänner lässt einen heute noch in Ehrfurcht erstarren. Und ist totaaal unterschätzt. Oder… die wussten zuviel und sind deshalb….?

    Jah! Lasst uns aufwändig bruzzeln und köcheln. Und mit Wodka nachspülen! Zu dritt sind wir ja schon.🙂

  4. Ich frage mich gerade welches der beiden Kochbücher, jenes vom Kaminer oder selles vom „Ollen Micha“, der Wolf jetzt meint. Ich finde sie beide gut.

    Huch … der 100ste Kommentar auf Hexchens Blog kam von mir ? Elephantös …😉

    Nein, nein, nein … das mit den Hopi ist ein Gerücht ! Ich war das nicht ! Ich hab ihnen nix getan ! Ich liebe doch alle … alle Menschen … na ich liebe doch Euch alle … ich setzte mich doch ein !😉

  5. Gemeint war der Kaminer. Gleich nach dem „Kochbuch für Stümper“ so ziemlich das sinnvollste, das ich kenne. Und ich kenn nicht viele😉 (zet Be das vom Ollen Micha nicht…)

  6. Des „Ollen Micha’s Kochbuch“ solltest Du unbedingt lesen, lieber Wolf ! Da steht auch ein Rezept für eine exquisite (dreifache) Ucha drin.

    PS: Ich weiß dass Wale keine Fische sind😉

  7. Wozu (der Leser ist hier König!) für alle Nichtrussen, für Hobbyrussen und solche, die es werden wollen, anzumerken sei, dass Ucha leckerlecker Fischsuppe ist. Wie die hier (mit Wodka!😉 ), oder hier sogar gebacken.

    Weiterhin sei für alle Freunde der Wale und solche, die es werden wollen, ausdrücklich angemerkt: WIR ESSEN KEINEN WALDÖNER! Und das aus Gründen! – 🙂

  8. Waldöner … urrrgh … wir sind „Kulinarische Kundschafter“, keine imperialistisch-kapitalistische Barbaren😉

    Moby Dick darf nicht sterben ! Druschba !

  9. hexi ich lad dich mal ein als autor in tochkopfs weblog … wenn du magst kanst du da gern mitmischen .. http://www.tochkopf.wordpress.com

    anmelden bei „über“🙂 falk schickt dir dann nen zugang🙂


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