Wer lernt mir Deutsch?

August 19, 2007 um 6:28 pm | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Fremd-Worte, Hexen-Gedanken, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, Uncategorized | 3 Kommentare

Ich hab Angst vor dem Alter, wir werden umgeben sein von
lauter sprachlosen Faustkämpfern, Pantomimen und Buchflüchtern.
(Frederic Hormuth)

Deutsch vom StengelDer Herr Kabarettist mit dem lecker Honigbrot-Blog sorgte sich jüngstens um dem guten Deutsch der Vater- und Mutterpflanzen einer frühkindlichen Zielgruppe der Sprachförderung. Zu Recht, kann ihm eine, die ihren Honig aufs Brot zu einem erklecklichen Teil zwischen Sprachgetesteten, -geförderten und -geprüften verdient, nur heftigst kopfnickend beipflichten.

„Ich gebe zu , daß mein Verhältnis zur deutschen Sprache
wie mein Verhältnis zu meiner Frau ist:
Ich liebe sie, ich bewundere sie, ich verstehe sie meistens,
aber ich beherrsche sie nicht.“ (Hans Blix)

Gut, und ich gebe zu: der Mann, der das gesagt hat, ist Ausländer. Was nichts daran ändert, dass er (vielleicht gerade deshalb?) über Einsichten verfügt, an denen es nicht wenigen unserer eigenen Landsleute mangelt – aber sowas von.

Wo einbürgerungswillige Migranten sich einem Sprachtest zu unterziehen haben, der sich gewaschen hat, und die die reformierte Reformierung uns‘ aller Zuwanderungsgesetzes in nochmals schärferer Gangart diesen auch von nachziehenden EhegattInnen Aufenthaltsberechtigter fordert, hätte so mancher Inländer wohl seine liebe Not, da heil durchzukommen. Und liefe im angenommenen Testfall doch glatt Gefahr, mutter- und vaterlandslos zu werden.

Rechtschreibung Glücksache Vom Aussterben Ausweisen bedroht wären u. a. Exemplare der Gattung deutschestesteste Deutschländer Würstchen, deren gefühlter Dünnpfiff Durchfall sich uns so mancherorten schwarz auf Wand offenbart.

Aber auch diverse normale Mutterzüngler mit allgemeiner Sprach-, Sprech-, Lese- und Schreibverunsicherung sähen, auf Deutsch gesagt, ganz schön alt und verstoßen aus. Erwartet man doch von Einlassbewerbern in bundesdeutsche Lande, dass sie

in der Lage sind, sich in der deutschen Sprache auszudrücken, mit der deutschen Bevölkerung zu kommunizieren und deutschsprachige Medien zu verstehen. Ausreichende Sprachkenntnisse liegen vor, wenn sich die Einbürgerungsbewerber/innen im täglichen Leben einschließlich der üblichen Kontakte mit den Behörden in ihrer deutschen Umgebung sprachlich zurecht finden und ein ihrem Alter und Bildungsstand entsprechendes Gespräch führen können. Dazu gehört ausdrücklich, dass die Einbürgerungsbewerber/innen z.B. einen deutschen Text des alltäglichen Lebens lesen, verstehen und den wesentlichen Inhalt mündlich wiedergeben können…

(So nachzulesen zum Bleistift hier.)

Auweia! Um verfrühte Panikanfälle zu vermeiden, schlage ich vor, wir ignorieren einstweilen einfach mal die „üblichen Kontakte mit den Behörden in [unserer] deutschen Umgebung“. Die Anforderung diesbezüglichen Zurechtfindens brächte uns aller Wahrscheinlichkeit nach an den Rand der Entvölkerung. Allerdings müsste spätestens jetzt neben den bereits erwähnten Betroffenen auch dem arg- und ahnungslosen Noch- oder Nichtmehr-Konsumenten von Presseerzeugnissen mit dem gewissen Etwas Leseranspruch schwanen: es könnte eng werden.

Hilft nur das?Doch zum Glück und zu satirischen Zwecken – heißen Dank an dieser Stelle nach Augsburg! – steht uns ein Trainingsparcours zur Verfügung, der präventiv durchlaufen werden kann. Was durch die von mir soeben ins Leben gerufene Initiative „Deutsch für und wider alle Fälle“ wärmstens empfohlen wird. (Hinweis: Die leicht überholte Aktualität einiger Inhalte – so jeder Text einen haben sollte – ist ausnahmsweise mal nicht dem Sommerloch geschuldet und muss Sie auch nicht irritieren.)
Freiwillige Testkandidaten bitte hier lang!

Was die Urheber der in ihrer Sprachkunst bemerkenswerten Basistexte für die Testfragen angeht, muss deren einschlägige Vorgänger bereits ein Herr Schopenhauer gekannt haben, als er mit Nachdruck spruch:

Schreibt ihr Plattheiten und Unsinn in die Welt, so viel es euch beliebt,
das schadet nicht, denn es wird mit euch zu Grabe getragen; ja, schon vorher. Aber die Sprache laßt ungehudelt und unbesudelt:
denn die bleibt.

Sollte jemand bis hierher durchgehalten haben und trotzdem (noch) sprachlich fit sein, so halte er/sie sich ‚praktizierend‘ bitte gern an Friedrich von Logau, einen echten Sprachmusikanten:

Kann die deutsche Sprache schnauben,
schnarren, poltern, donnern, krachen,
kann sie doch auch spielen, scherzen,
lieben, kosen, tändeln, lachen.

schiller-logau-illu-1.gif

Oder, so es noch einen Hauch poetischer und mindestens ebenso sinnlich sein darf (und wer wollte dagegen etwas haben? 😉 ), an die Schillernde Ermunterung:

Lass die Sprach dir sein, was der Körper den Liebenden.
Er nur ist’s, der die Wesen trennt und der die Wesen vereint.

Sowas ist, finde ich jedenfalls, schon fast wert, ein Credo zu werden. Nun ja – oder wenigstens effektvoll eingesetzt… 😉

P.S. Wer sich seines Deutsches jetzt immer noch nicht (oder erst recht nicht mehr) sicher ist, sollte ruhig noch ein paar Zusatzlektionen bei einem verdienten und ehrwürdigen Sprachhüter absolvieren, der zeit seines Lebens Strauchler und Katastrophen des deutschen Sprachgebrauchs gesammelt und – keineswegs spaßfrei – öffentlich gemacht hat. Dies würde ihn gewisslich freuen, den Hansgeorg Stengel auf seiner Wolke, wie vielleicht auch die Wahl des Titels für diesen Beitrag.

Uns bleiben „Neue Leiden“ und eine Legende

August 9, 2007 um 11:10 pm | Veröffentlicht in 2007, Berlin, Kultur, So Momente halt... | 4 Kommentare

Ulrich Plenzdorf 2004Im Osten müssen noch heute viele seinen Namen nicht googeln noch nachschlagen. Denn wer kannte ihn nicht: den ‚Vater‘ von Edgar Wibeau, mit dessen „Neuen Leiden des jungen W.“ er auch im Westen berühmt wurde. Den Autor der Legende vom Glück ohne Ende – der Film um Paul und Paula ist immer noch und schon wieder bekannt und geliebt. Und als ich ihn vor ein paar Wochen anlässlich eines nach mir geworfenen Filmstöckchens besungen habe, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass dies so schnell den Hauch eines Nachrufs bekommen würde…

Ulrich Plenzdorf ist heute im Alter von 72 Jahren gestorben.

Lasst uns ihm ein Abschiedslied singen – mit den Puhdys, der Band, die zusammen mit Paul und Paula Kult wurde. Den Text dafür hat Plenzdorf (sich) selbst geschrieben: „Wenn ein Mensch lebt“.
Haut rein, Jungs!

Knast for fun – all inclusive

August 5, 2007 um 2:45 am | Veröffentlicht in BlogMist, Drumherum und anderswo, Hexen-Unfug, Hexentanz, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Uncategorized | 3 Kommentare

Urlaub par excellence decadence

Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.
(Joachim Ringelnatz)

Fernweh…Auch wenn der Sommer sich nicht so recht entscheiden mag, ob er nun einer ist, kann man es selbst als unverdrossener Weiterwerktätige/r einfach nicht nicht merken: es ist Urlaubszeit.

Ich bin reif für die Insel…Die Kollegen lassen dich mit deiner – und ihrer – Arbeit alleine. Das Überstundenkonto wächst und die Sekretärin tapeziert in fernwehen Anfällen von Masochismus ihre Pinnwand mit bunten Ansichtskarten von Südseeinseln und Nordlandfjorden, die die Abwesenden auf der Rückseite mit schadenfrohen Dreizeilern verziert haben. Das alljährliche große Reisen ist ausgebrochen…

Und was machen die Alles-schon-gesehen-Haber? Die Ohne-den-Kick-nicht regenerieren-Könner? Die Luxus-Überdrusser und Mainstream-Vermeider? Hey, wo leben wir denn! Keine Marktlücke, für die sich nicht noch ein Lückenbüßer fände.

Foto: Langholmen
130 - all inclusiveWie wärs denn in dem Falle dieses Jahr mal mit einem Urlaub im Knast – öh, also gänzlich freiwillig, versteht sich. Zelle 130 – all inclusive: Verhaftung, Gerichtsverhandlung, Anstaltskleidung und Henkersmahlzeit. Wem das noch nicht reicht, der kann auch noch einen Ausbruch buchen. Knasthotels sind groß im Kommen. In den meisten saßen vor wenigen Jahren sogar noch echte Knastbrüder und -schwestern ein. Das ist doch das Flair, das wir wollen: Urlaub hinter Gittern!

Besonders empfehlenswert finde ich das Angebot ja für Sozialpädagogen, Hauptschullehrer und Familienhelfer. Das da noch keiner drauf gekommen ist – die könnten dafür womöglich praktischerweise sogar Bildungsurlaub beantragen. Oder für renitente High-Society-Sprösslinge à la P. Hilton, als Training quasi. Oder als Akklimatisierung für entlassene Insassen des BB-Containers. Knast for fun – es leben die Geschäftemacher ohne Grenzen! Und vielleicht kann man durch eine gut gestylte PR dann auch gleich Signale für die echten Kriminellen setzen: die stellen sich nach dem Bruch in der Tanke , dem Autoklau oder Drogendeal umgehend am Gefängnistor an. – Wo andre Ferien machen, das muss doch Erholung pur sein…
Knast for fun
Foto: dpp
Wo wir grad bei einschlägigen Marktlücken sind: ich hätte da noch was Herziges für alle Urlaubsverhinderten. Teddybär goes MunichSchließlich will ich nicht schuld dran sein, dass die jetzt alle der Neid frisst. 😉 Wenn die Firma ohne euch zugrunde geht und ihr nicht selber fahren könnt, dann schickt doch euer – ähm, Kuscheltier. Nach München nämlich. Ferien für Bärli und Hasi, yeah! Als deutsche Inländer seid ihr mit euerm zerknuddelten Teddy für nicht mal schlappe hundert Euronen dabei. Plus Taschengeld selbstverständlich. Er wird es euch ewig danken. Und euch wochenlang von seinen unvergesslichen Erlebnissen erzählen, bevor ihr abends, eng aneinander gekuschelt, zusammen einschlaft… öööh, ja. Es gibt doch nix, was es nicht gibt. Und, nicht wahr, nix fehlt einem zum Glück mehr als eine erholte Plüschbestie. Wir bremsen buchen auch für (Kuschel)Tiere!

Hm, wieso muss ich grad nur dauernd an Steven King denken?
Foto: http://teddy-in-munich.com/index.html

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