Ein irrer Duft von frischem Heu

Juli 29, 2007 um 10:20 am | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Drumherum und anderswo, Hexengeschichten, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt..., Zuhaus-Hexe | 4 Kommentare

Wiese vorm Hexenhaus …hangelt sich aus dem üppig sommergrünen Hofkarree an dreißig Metern Betonfassade nach oben – die Stadtgärtner haben gemäht. Es ist Zufall, dass ich gerade heute da mitten hinein stolpere; durch den Hinterausgang ist im akuten Fall eine Abkürzung. Ich liebe unseren stillen, schattigen Innenhof mit seinen rankenüberwucherten Pergolen, unter die sich hier und da ein idyllisches Rentnerbankerl duckt. Auf der großen Wiese liegen bemooste Steine und blankgesessene Baumstämme verstreut – dereinst ein Trick der Gartenarchitekten, um den Rasen vor den Fußballspielern zu retten. Die haben sie dann mit dem Bolzplatz hinter der Hecke versöhnt.

Ich kann nicht widerstehen, streife die Schuhe ab und wate durch die kühlen Grasschwaden auf dem frisch rasierten Grün. Ihr Geruch kitzelt verführerisch in der Nase. Und erinnert mich an die Sommer meiner Kindheit in Großmutters Garten…

Ohne Schuh’ durchs GrasDort durfte die Wiese wild wachsen; das Gras war so hoch und verfilzt, dass wir uns darin verstecken konnten. Mein Lieblingsplatz war unter dem knorrigen Apfelbaum, dessen Äste auf der einen Seite bis zum Boden reichten und ein Laubdach abgaben. Die hohen Halme darunter wurden im Halbrund zu einem Nest geflochten. In dem konnte ich ganze Tage lang auf dem Bauch liegen, mit einem Stapel Bücher neben mir und einem Körbchen Kirschen oder Beeren, die einem eh fast in den Mund wuchsen.

Draußen mähten die Bauern das Gras mit der Sense, man hörte das Zirpen der Grillen und nur ab und zu das Pfeifen des Wetzsteins, wenn die Mäher mit flinken, gleichmäßigen Bewegungen die Schneide schärften. Um dann bedächtigen Fußes weiterzuschreiten … Manchmal mussten wir mit hinaus zum Heuwenden: mit den großen hölzernen Rechen kehrten wir in langen Bahnen immer wieder das Unterste zu oberst und der weiche Armschwung wurde zur Routine. Und wenn ein Gewitter kam, hieß es alles in Windeseile schobern. Am schönsten war dann die Fahrt hoch oben auf dem beladenen Heuwagen – mitten in einer Wolke irren Dufts von frischem Heu…

Hach, genug geschwelgt. Und was man später noch so im Heu gemacht hat, ist schon wieder ’ne neue Geschichte.😉

*

Der Titel ist übrigens geklaut geborgt, also entliehen sozusagen – bei Rudi Strahl, einem der beliebtesten und erfolgreichsten Theater- und Filmautoren des Ostens. Seine Komödie „Ein irrer Duft von frischem Heu“, 1975 im Maxim-Gorki-Theater uraufgeführt und permanent ausverkauft, war wohl das einzige Stück, das auch bei diversen (14) Theatern im Westen lange auf dem Spielplan stand. Sie wurde späterhin auch als Film in DDR-Starbesetzung zum Renner. Man könnte sie beinahe eine Ost-Version von „Don Camillo und Peppone“ nennen. Ei, und wer hätte das gedacht, der Film wird dieses Jahr in verschiedenen ‚Sommerkinos‘ wieder mal gezeigt.

Rudi StrahlRudi Strahl galt neben dem „Salonbolschewisten“ Peter Hacks als der Komödienautor der DDR. Seine Stücke erlebten damals über 560 Inszenierungen. Dazu kamen die Drehbücher zu mehr als 40 Kino- und Fernsehfilmen. Seine Werke waren etwas für diejenigen, die Satire und Kritik zwischen den Zeilen lesen, respektive hinter die scheinbar reinen Unterhaltungsszenen sehen konnten. Und wenn auch spät, ereilte ihn denn am Ende doch ebenfalls das Aufführungsverbot: seine Militär-Komödie „Das Blaue vom Himmel“ wurde 1985 an der (Ost-) Berliner Volksbühne kurz vor der Premiere abgesetzt und im Westen, in Osnabrück, uraufgeführt. Denn dass auf einmal die Himmlischen Heerscharen das Sagen haben, konnte man ihm wohl zu Hause nicht durchgehen lassen.

Sein Stern sank – zumindest teilweise zu Unrecht – nach der Wiedervereinigung. Er arbeitete noch für das gesamtdeutsche Fernsehen („Ein Kerl wie Samt und Seide“ 1991) und schrieb das Drehbuch für das Ostsee-Freiluftspektakel „Störtebeker“. 2001 starb er, kurz vor seinem 70. Geburtstag, in Berlin an Krebs.

Ich für meinen Teil mag auch den Dichter Rudi Strahl. Denn seine Verse atmen ach so Menschliches, feingesponnene (Selbst)Ironie und – Reale Poesie. Wie dieses hier:

Manchmal

Manchmal möchte man, auf Brücken stehend,
froh ins Wasser spucken wie als Kind;
doch weil Leute dort zu sehen sind,
schluckt man´s ´runter, mürrisch weitergehend.

Manchmal möchte man zu jemand sagen:
»O mein Engel, du – ich liebe dich!«
Doch man zögert und verkneift es sich
und spricht über kulturelle Fragen.

Manchmal möchte man vor Kummer flennen,
manchmal möchte man vor Freude schrein –
doch dann schämt man sich. Und läßt es sein.
Und besäuft sich höchstens. Und geht pennen.

Ach ja… vielleicht braucht man ja deshalb – manchmal! – diesen… irren Duft von frischem Heu…?

…und es wird noch heißer…

4 Kommentare »

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  1. hach.. da werden erinnerunge wach. „ein irre duft von frischem heu“ spielte man damals auch in unserem „haus der kultur und bildung“ :-))) hauptrolle damals jürgen heinrich. und er war damals schon genial, hat das stück belebt wie nix.. heute ist er einer der großen als kommissar wolff etc..

    eines meiner lieblingsstücke damals auch „zeit der störche“ und „das puppenheim in pinnow“ mit dem damals noch superschlanken und schönen walter plathe .. och menno ch versinke grad in (n)ostalgie

    lg kaeferchen

  2. Ui, hätte ich das wissen müssen, dass ich jetzt hier aus Versehen die n…ostalgischen Geister beschwöre?😉
    Ach was, das ist Dokumentierung von einem Stückerl Kulturerbe – so im Vorbeischlendern, am Wiesenrand. Und der Rudi hats verdient, jawoll!🙂

    Dankeschönchen fürs Lesen, wollt ich sagen.

  3. […] Zeit einen Beitrag zum Thema und so spare ich mir weiteres Geplänkel und verlinke mal in den Plattenbau Jetzt läuft gerade im MDR “Blumen aufs Dach” auch eine Rudi Strahl Posse, aber nicht […]

  4. great put up, very informative. I wonder why the other experts of this sector
    don’t realize this. You must continue your writing. I’m sure,
    you’ve a huge readers‘ base already!


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