Mojim Druzjam (Für meine Freunde)

Juli 8, 2007 um 1:34 am | Veröffentlicht in 2007, Berlin, Hexengeschichten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, So Momente halt... | 3 Kommentare

Der dritte Sommer: In memoriam Viktor

Er fehltAm trüben Morgen dieses unendlich grauen Tages im Mai haben sie ihn gefunden. Gerade zwanzig geworden. Erlegen, unterlegen dem tückischen Kitzel, sein Leben aufzuspritzen. Ein einziges Mal…

*

Seitdem kriecht dieses unendliche Grau manchmal zwischen sie und macht sie still. Nicht für lange, denn sie sind jung und das Leben ist stärker als die dumpfe Traurigkeit, die nach den Tränen kam – um den Freund, der fehlt. Langsam weichen sie, die lähmende Sprachlosigkeit und der Schmerz des schleppenden Begreifens. Sie tauchen aus ihm herauf, stehen wieder am Ufer, fast wie früher…

Katja ist endlich wiedergekommen, heute, zum ersten Mal ohne ihn, der zu ihr gehörte. Als sie an der offenen Tür des Klubraums vorbei geht, verstummen sie drinnen. Nur ein zaghaftes „Hallo Katinka“ weht ihr verloren hinterher. Sie kommt auf mich zu, lehnt wortlos ihren Kopf an meine Wange. Ich bin froh darüber, auch, weil ich so den Blick ihrer großen, dunklen Augen nicht ertragen muss, die immer noch verzweifelt nach dem Warum fragen, mir das quälende Gefühl geben, versagt und etwas wichtiges nicht getan zu haben.

Jede hört den Atem und das Schlucken der anderen, das weh tut im Hals, weh tut, wie das Schweigen. Als ich sie auf meinen Schoß ziehe, ganz nah zu mir, strömen endlich die Worte hervor, herüber und hinüber, unaufhaltsam jetzt, flüsternd, hastig, schluchzend…lächelnd…in der vertrauten Muttersprache – manches geht nur so zu sagen. Über den Jungen mit der russischen Seele. Wie er war, wovon er träumte, was von ihm bleibt.
Es befreit, ist wie das Aufwachen aus einer dunklen Betäubung…

…und die schweren Wogen der Kornfelder
Bild: G. Nesvadba

Viktor – der Sturkopf, der Rebell und Poet. So stark und so verletzlich war er: ein junger Baum, entwurzelt, ungefragt in fremde Erde verpflanzt, gegen die er sich wehrte. Ebenso wie gegen die Hoffnung der Familie, im Land ihrer Vorfahren das Glück zu finden. Wie gegen die Menschen, deren Sprache er nicht verstand und bei denen er sich nicht willkommen fühlte, es bei vielen wohl auch nicht war. Erst hilflos, dann trotzig und stolz kehrte er störrisch den R u s s e n hervor, den sie in ihm sahen, forderte sie heraus, durch jede Geste, durch Flüche von slawischem Klang. Er verweigerte sich ihrem ihm so fremden Leben, zog mit seinen Gefährten durch ihre Straßen und zerschlug ihre kleine enge Welt in klirrende Scherben.

…mit den verwitterten Schnitzereien der Holzrahmen…Am schönsten waren die Tage, in denen er jeden Sommer zurück war in der altvertrauten Weite fern im Osten. In dem kleinen Dorf mit der ungepflasterten Straße, die er mit dem Rad und den Freunden entlang jagte, hinein in die stillen Wiesentäler und die schweren Wogen der Kornfelder. Zum morschen Steg am sommerträgen Fluss mit seinen grünen Buchten oder ins nahe Städtchen. Dort kannte er alles: die hingeduckten Häuser mit den verwitterten Schnitzereien der Holzrahmen …und den dünnen Ton seiner Glockeund die bunten Kopftücher der Marktfrauen am Bahnhof, an dem nur ein einziges Gleis vorbeiführt. Er liebte das Zwiebeltürmchen der kleinen weißen Kirche und den dünnen Ton seiner Glocke. Dort war er glücklich. Von dort kehrte er zurück, bis unter die Haarwurzeln angefüllt mit Melodien und Versen, die er und seine Gitarre uns hören ließen, mal schwermütig und traurig, wie die Erinnerung an die Heimat, mal voller Unruhe, Wildheit und Aufbegehren.

Doch seit kurzem waren da andere Töne und Worte, leise noch und fragend, zweifelnd und lauschend, doch immer wacher und klarer. Die Zeit drehte sich um: quälende Tage schrumpften zu dürstend suchenden Stunden, winzige Augenblicke wuchsen dem entgegen, was gelebt werden wollte.

Da gab es ein Mädchen, dem er zärtliche kleine Gedichte schrieb, das den Trotz und die Härte aus seinem Gesicht wischte und ihm von ihrem Lächeln abgab. Und da waren endlich Freunde, die ihn mochten, wie er war, die seine Träume verstanden und sein Herz tragen halfen.

Broken Guitar… seineIn diesem Sommer wollte er hier bleiben, wollte endlich anfangen, einen neuen Traum zu leben, wollte seine Leidenschaft, an schnellen Wagen zu schrauben, zum Beruf machen. Der Vertrag war schon unterschrieben. Er machte sich bereit, hier daheim zu sein. Und sein Name begann, ihm recht zu geben: Viktor – der Sieger. Auch über sich selbst… beinahe…

*

Es dämmert schon. Sie stürmen herein: „Katja…Katjuscha, v Sadik… in den Garten, komm!“ Sie fassen sie bei den Händen und ziehen sie mit sich. Viel später folge ich ihnen. Da sitzen sie, auf den Steinen am Feuer, die Saiten der Gitarre klingen leise. Es ist eines seiner Lieblingslieder, Wyssotskijs „Mojim Druzjam“. Und ich weiß, er ist dort, unter ihnen…

Und sie wissen es auch.
Sie fliegen auf - miteinander
P.S. Der Text ist schon etwas älter und auch schon einmal veröffentlicht, woanders. Doch es ist wieder ein Sommer. Der dritte…
P.P.S. Das „Mojim Druzjam“-Lied ließ sich leider nirgends auftreiben. Ich selber habe es auch nur in der vinylenen Version. Aber die vier verlinkten Songs passen zum Teil auch ganz gut. Und für Interessenten könnte ich den einen oder anderen Text auch übersetzen…

3 Kommentare »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

  1. Ich hab jetzt eher gestaunt, dass es den Vysotsky überhaupt als bewegtes Bild gibt. Youtubere aude.

  2. Jaha! Ich war selber überrascht.
    Hey, und sie warn gar nicht so einfach zu finden.

    Hach ja, uns‘ Wolodja!🙂

    „…ещё такие есть, вдыхают
    полной грудью эту смесь…“

  3. ein wunderschöner beitrag ..danke


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.
Entries und Kommentare feeds.

%d Bloggern gefällt das: