Von Büchern und Bier

April 23, 2007 um 11:04 pm | Veröffentlicht in 2007, Fest-Platte, Hexen-Gedanken, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen | 2 Kommentare

Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.
(Franz Kafka)

BücherwurmHeute ist Welttag des Buches. Na, wer hat’n erfunden? Nö, nicht die Schweizer, auch nicht die Österreicher – und wir erst recht nicht. Irgendwie hat der Heilige Drachentöter seine Hand im Spiel, und wahrscheinlich haben die Herren Shakespeare und Cervantes in weiser Voraussicht dieser künftigen Sinngebung gemeinsam den 23. April 1616 zum Sterben erkoren. La UNESCO rief aus. 1995. – Und alle machen mit.

Ha, das ist der Tag, an dem ich endlich mal meine Übelkeitsanfälle zur Sprache bringen kann, die mich bei jeder unverhofften Begegnung mit der Shortbook-Werbung ereilen. Also nix gegen Mal-Bildungslücken-Auffüllen in schnellen Schlucken, wenn’s denn Not tut – aber gleich sein ganzes Lebens- und Karrierekonzept auf den übermäßigen Genuss solcher Extrakte bauen? Brrrrrrr! Das ist ja wie „Moby-Dick“ in einer Minute schaffen oder Puschkins Liebesgedichte als Comic lesen (hihi, obwohl das schon mal spannend wäre) oder Goethe mitsamt seiner royalblauen Hamburger Ausgabe auf den Götz von Berlichingen reduzieren – nicht? Oh, ich kann diese A… öh, lieben Mitmenschen nicht ab, die mit ihrem Halbwissen blenden und hohl klingen, wenn man dann mal draufklopft. Also nachhakt… an der Fassade kratzt – was auch immer.

Spitzwegs oller BücherwurmWas denken sich solche Werbetexter eigentlich? Instant-Kultur als Allheilmittel für Erfolglose wie warme Semmeln anzupreisen. Wo wir eh schon seit Jahren an Pisa würgen. Wo uns Dekadenz eh schon aus allen Knopflöchern scheint. Und wo nur die geliebte Lektüre Mensch und Buch gut Freund werden lässt. „Der wahre Zweck eines Buches ist, den Geist hinterrücks zum eigenen Denken zu verleiten“, wusste schon eine kluge Frau. Und der olle holländische Erasmus hatte sogar raus, wie mit denen zu hantieren ist, damit’s wirkt: „Nicht diejenigen haben die Bücher recht lieb, welche sie unberührt in ihren Schränken aufheben, sondern sie Tag und Nacht in den Händen haben, und daher beschmutzet sind, welche Eselsohren darein machen, sie abnutzen und mit Anmerkungen bedecken.“ Jahaa!

Dagegen – was für eine Horrorvision: auf Schritt und Tritt solchen gelackten Erfolgstypen zu begegnen, Lesen macht sexydie „mit [i]hrem neuen und schnell und einfach erlangten Wissen […] alle privaten und beruflichen Lebenslagen professionell [meistern]- Und das alles für einen fast schon lächerlichen Preis!“ Wäre ich Politiker, würde ich die übrigens wegen Herabwürdigung und Diskriminierung verklagen. *g* Hm, oder hab ich wieder mal den tiefen Sinn segensreicher ShortBookerei nicht verstanden?

Und nein!: der Tag des Deutschen Bieres, den wir auch noch ein paar Minuten begehen respektive begießen dürfen, ist nicht extra zur unterstützenden Lobbybildung für die Kurzbuch-Branche auch auf den 23.04. gelegt worden – etwa nach dem Motto: „Biertrinken macht mutig und sexy – ShortBook auch!“. Nach dem sex-ten sechsten Biere kann man eh die ganzen mit dem großen Löffel gefressenen Weisheiten nicht mehr aussprechen. Neenee, die Bierbrauer und -trinker feiern den anno 1516, justament an diesem Tag, zementierten Erlass des bayerischen Reinheitsgebots. Na dann: Prooost!
Bücher, die perlen, sind besser als schaumgebremstes Bier…

2 Kommentare »

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  1. Koinzidiert dann der Tag des .mp3 mit dem Tag des Alcopops? Fällt dann hoffentlich auf den Vatertag, denn eine CD muss der Pizzaschneider sein für den pelzigen Belag auf unseren Zungen, skålllll…

  2. 🙂

    Jau, oder der Tag des geistigen Eigentums (26. April) mit dem des Deutschen Butterbrots. – Wir lassen uns nämlich von niemandem die Butter vom Brot klauen!😉


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